Tropische Fische aus dem Roten Meer erobern das Mittelmeer

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Das Mittelmeer verändert sein Gesicht. Was vor wenigen Jahrzehnten noch als wissenschaftliche Besonderheit galt, zählt heute zu den auffälligsten Entwicklungen der Meeresbiologie: Immer mehr tropische Fischarten aus dem Roten Meer breiten sich in den Gewässern des Mittelmeers aus. Fachleute sprechen von der sogenannten „Lessepsschen Migration“ – einem Prozess, der ganze Ökosysteme verändert, die Fischerei vor neue Herausforderungen stellt und den Küstenschutz zunehmend beschäftigt.

Den Anfang nahm diese Entwicklung im Jahr 1869 mit der Eröffnung des Suezkanals. Erstmals verband eine künstliche Wasserstraße das Rote Meer mit dem Mittelmeer. Zunächst blieb der Austausch mariner Arten jedoch überschaubar. Die stark salzhaltigen Bitterseen im Kanal bildeten lange Zeit eine natürliche Barriere, die viele Organismen am Durchzug hinderte.

Im Laufe der Jahrzehnte verschwand dieses Hindernis jedoch. Die Wasserverhältnisse glichen sich an, wodurch Meeresbewohner den Kanal deutlich leichter passieren konnten. Hinzu kamen der Ausbau des Suezkanals sowie der fortschreitende Klimawandel. Vor allem das östliche Mittelmeer erwärmt sich spürbar – ideale Bedingungen für zahlreiche tropische Arten.

Mittlerweile haben sich mehrere Hundert Arten aus dem Roten Meer dauerhaft im Mittelmeer angesiedelt. Darunter befinden sich mehr als 80 Fischarten, und jedes Jahr kommen weitere hinzu. Manche bleiben kaum auffällig, andere breiten sich rasant aus und verändern ihre neue Heimat nachhaltig.

Besonders bekannt ist der auffällige Rotfeuerfisch. Mit seinen fächerförmigen Flossen wirkt er spektakulär, doch seine giftigen Stacheln machen ihn für Taucher und Fischer gefährlich. Gleichzeitig zählt er zu den effizientesten Räubern unter den eingewanderten Arten. Er frisst zahlreiche kleine Fische und Krebstiere und setzt damit heimische Bestände unter Druck.

Ebenfalls große Auswirkungen haben die Kaninchenfische. Diese Pflanzenfresser ernähren sich nahezu ununterbrochen von Algen. Was zunächst harmlos klingt, verändert vielerorts den gesamten Lebensraum. Wo früher dichte Algenfelder zahlreichen Meeresbewohnern Schutz boten, bleiben heute oft kahle Felsen zurück. In einigen Regionen des östlichen Mittelmeers sprechen Wissenschaftler bereits von regelrechten Unterwasserwüsten.

Auch Trompetenfische sowie verschiedene Kugelfischarten breiten sich zunehmend aus. Einige Kugelfische enthalten hochgiftige Stoffe und dürfen keinesfalls verzehrt werden. Gleichzeitig bereiten sie Fischern Probleme, da sie Netze beschädigen und heimische Arten verdrängen.

Dass sich diese tropischen Fische so erfolgreich etablieren, hat mehrere Ursachen. Neben den steigenden Wassertemperaturen spielen die Überfischung vieler Bestände, der Rückgang natürlicher Fressfeinde sowie Veränderungen der Küstenlebensräume eine entscheidende Rolle. Hinzu kommt die bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit zahlreicher tropischer Arten, die neue Lebensräume erstaunlich schnell besiedeln.

Noch konzentriert sich der Großteil dieser Einwanderer auf das östliche Mittelmeer vor den Küsten Israels, des Libanon, der Türkei und Zyperns. Doch längst sind einzelne Arten bis nach Sizilien, Sardinien, zu den Balearen und sogar an die französische Mittelmeerküste vorgedrungen. Mit der weiteren Erwärmung des Mittelmeers dürfte sich diese Entwicklung fortsetzen, auch wenn die kühleren Gewässer im Nordwesten bislang noch eine natürliche Grenze darstellen.

Biologen sprechen inzwischen von einer schleichenden Tropikalisierung des Mittelmeers. Nicht nur Fische, sondern auch Algen, Muscheln, Krebse und Quallen folgen dem gleichen Weg. Die Veränderungen zeigen eindrucksvoll, wie stark menschliche Eingriffe und der Klimawandel jahrmillionenaltes Gleichgewicht beeinflussen können. Das Mittelmeer bleibt zwar das Mittelmeer – doch unter seiner Oberfläche entsteht nach und nach eine neue, ungewöhnliche Mischung aus heimischen und tropischen Lebensformen.

Autor: C.H.

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