Schlagwort: Biodiversität

  • Frankreich kämpft gegen die schleichende Wüstenbildung

    Frankreich kämpft gegen die schleichende Wüstenbildung

    Wüstenbildung – dieser Begriff weckt Bilder von Sanddünen, ausgetrockneten Landschaften und endlosen Weiten in Afrika oder Zentralasien. Dass ausgerechnet Frankreich inzwischen ebenfalls zu den betroffenen Staaten zählt, überrascht viele. Doch genau diese Erkenntnis prägt die 17. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung (COP17), die vom 17. bis 28. August 2026 in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar stattfindet. Dort rückt ein Thema in den Mittelpunkt, das längst nicht mehr nur ferne Regionen betrifft, sondern zunehmend auch Europa.

    Noch vor wenigen Jahren galt Frankreich als vergleichsweise wenig gefährdet. Inzwischen hat die Regierung offiziell anerkannt, dass das Land von der Desertifikation betroffen ist. Ausschlaggebend dafür waren nicht allein die außergewöhnlichen Dürrejahre in den Pyrénées-Orientales, sondern eine Entwicklung, die sich quer durch das Land beobachten lässt. Rund drei Viertel der französischen Böden weisen inzwischen Anzeichen einer Verschlechterung auf. Etwa ein Prozent der Landesfläche erfüllt bereits die Kriterien der Vereinten Nationen für Wüstenbildung.

    Dabei führt der Begriff leicht in die Irre.

    Niemand erwartet, dass sich die Sahara bis an die französische Mittelmeerküste ausdehnt. Vielmehr beschreibt Desertifikation einen schleichenden Prozess, bei dem Böden ihre Fruchtbarkeit verlieren. Verantwortlich dafür ist das Zusammenspiel menschlicher Eingriffe und des Klimawandels. Besonders gefährdet sind trockene und halbtrockene Regionen, doch auch Gebiete mit bislang ausreichenden Niederschlägen geraten zunehmend unter Druck.

    Die Folgen zeigen sich auf vielfältige Weise. Organische Substanz im Boden nimmt ab, fruchtbare Erdschichten werden durch Wind und Wasser abgetragen, schwere Landmaschinen verdichten den Untergrund, während immer neue Flächen versiegelt und bebaut werden. Gleichzeitig verschwindet ein Teil der unterirdischen Artenvielfalt, die für ein gesundes Bodenleben unverzichtbar ist. Dadurch sinkt nicht nur die landwirtschaftliche Ertragsfähigkeit. Auch die Fähigkeit der Böden, Wasser aufzunehmen und Kohlenstoff zu speichern, lässt nach.

    Genau hier schlägt der Klimawandel mit voller Wucht zu.

    Steigende Temperaturen erhöhen die Verdunstung erheblich. Feuchtigkeit verschwindet schneller aus den Böden, Trockenperioden dauern länger und treten häufiger auf. Fällt schließlich Regen, geschieht dies oft in Form heftiger Starkniederschläge. Statt langsam in den Boden einzusickern, fließt das Wasser oberflächlich ab und reißt wertvolle Erdschichten mit sich. Die Erosion beschleunigt sich – ein Kreislauf, der sich von Jahr zu Jahr verstärkt.

    Der Sommer 2026 liefert dafür ein eindrucksvolles Beispiel. In zahlreichen Regionen Frankreichs herrschte außergewöhnliche Trockenheit. Waldbrände breiteten sich häufiger aus als in früheren Jahren, während viele landwirtschaftliche Betriebe erhebliche Ernteverluste hinnehmen mussten. Entwicklungen, die lange Zeit vor allem aus südlichen Mittelmeerregionen bekannt waren, gehören inzwischen zunehmend auch zum französischen Alltag. Tja, das ist längst keine ferne Zukunftsmusik mehr.

    Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass die diesjährige Weltkonferenz einen besonderen Schwerpunkt setzt: den Pastoralismus.

    Die Mongolei als Gastgeberland besitzt eine jahrhundertealte Tradition extensiver Weidewirtschaft. Lange Zeit galt diese Form der Tierhaltung als Mitverursacher degradierter Landschaften. Heute zeichnet sich ein deutlich differenzierteres Bild ab. Fachleute betrachten gut bewirtschaftete Weideflächen zunehmend als wichtigen Bestandteil eines nachhaltigen Landschaftsmanagements.

    Richtig gesteuerte Beweidung hält Graslandschaften offen, fördert die biologische Vielfalt und reduziert die Ansammlung trockener Vegetation, die als Brandbeschleuniger wirkt. Gleichzeitig stärken widerstandsfähige Weidesysteme die Anpassungsfähigkeit ganzer Regionen an längere Dürrephasen. Auch Frankreich verfügt noch über rund 60.000 Betriebe, die in unterschiedlicher Form pastorale Bewirtschaftung betreiben. Damit sichert dieser Wirtschaftszweig etwa 250.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze und prägt zahlreiche Kulturlandschaften.

    Das offizielle Motto der COP17 lautet „Böden wiederherstellen, Hoffnung wiederherstellen“. Dahinter verbirgt sich ein grundlegender Strategiewechsel. Nicht allein die Verlangsamung der Bodendegradation steht im Mittelpunkt, sondern die aktive Wiederherstellung geschädigter Flächen. Nachhaltigere Landwirtschaft, Aufforstungsprogramme, ein intelligenteres Wassermanagement und der Schutz natürlicher Grünlandflächen zählen zu den wichtigsten Bausteinen dieses Ansatzes.

    Ebenso intensiv diskutieren die Teilnehmer über neue Finanzierungsmodelle. Viele Staaten verfügen nicht über die notwendigen Mittel, um umfangreiche Renaturierungsmaßnahmen umzusetzen. Besonders afrikanische Länder drängen deshalb auf verbindlichere internationale Regelungen zur Bekämpfung von Dürren, nachdem entsprechende Verhandlungen auf der vorherigen Konferenz ohne greifbares Ergebnis geblieben waren.

    Für Frankreich besitzt dieses Thema inzwischen eine weit größere Bedeutung als den reinen Naturschutz.

    Gesunde Böden bilden die Grundlage der Ernährungssicherheit, sichern Wasserreserven, mindern das Risiko verheerender Waldbrände und speichern enorme Mengen Kohlenstoff. Jeder verlorene Zentimeter fruchtbarer Erde schwächt diese natürlichen Funktionen. Der Schutz der Böden entwickelt sich dadurch zu einer Frage wirtschaftlicher Stabilität, ökologischer Widerstandskraft und gesellschaftlicher Vorsorge.

    Die französische Delegation reist deshalb mit einer neuen Perspektive nach Ulaanbaatar. Desertifikation gilt nicht länger als Problem entfernter Weltregionen. Die Herausforderungen, mit denen Länder Afrikas oder des Mittelmeerraums seit Jahrzehnten umgehen müssen, rücken Schritt für Schritt näher an Mitteleuropa heran. Gerade diese gemeinsame Betroffenheit könnte sich als entscheidender Motor für eine engere internationale Zusammenarbeit erweisen. Denn gesunde Böden kennen keine Landesgrenzen – ihr Zustand entscheidet mit darüber, wie widerstandsfähig unsere Gesellschaften in einer sich wandelnden Welt bleiben.

    C.Hatty

  • Tropische Fische aus dem Roten Meer erobern das Mittelmeer

    Tropische Fische aus dem Roten Meer erobern das Mittelmeer

    Das Mittelmeer verändert sein Gesicht. Was vor wenigen Jahrzehnten noch als wissenschaftliche Besonderheit galt, zählt heute zu den auffälligsten Entwicklungen der Meeresbiologie: Immer mehr tropische Fischarten aus dem Roten Meer breiten sich in den Gewässern des Mittelmeers aus. Fachleute sprechen von der sogenannten „Lessepsschen Migration“ – einem Prozess, der ganze Ökosysteme verändert, die Fischerei vor neue Herausforderungen stellt und den Küstenschutz zunehmend beschäftigt.

    Den Anfang nahm diese Entwicklung im Jahr 1869 mit der Eröffnung des Suezkanals. Erstmals verband eine künstliche Wasserstraße das Rote Meer mit dem Mittelmeer. Zunächst blieb der Austausch mariner Arten jedoch überschaubar. Die stark salzhaltigen Bitterseen im Kanal bildeten lange Zeit eine natürliche Barriere, die viele Organismen am Durchzug hinderte.

    Im Laufe der Jahrzehnte verschwand dieses Hindernis jedoch. Die Wasserverhältnisse glichen sich an, wodurch Meeresbewohner den Kanal deutlich leichter passieren konnten. Hinzu kamen der Ausbau des Suezkanals sowie der fortschreitende Klimawandel. Vor allem das östliche Mittelmeer erwärmt sich spürbar – ideale Bedingungen für zahlreiche tropische Arten.

    Mittlerweile haben sich mehrere Hundert Arten aus dem Roten Meer dauerhaft im Mittelmeer angesiedelt. Darunter befinden sich mehr als 80 Fischarten, und jedes Jahr kommen weitere hinzu. Manche bleiben kaum auffällig, andere breiten sich rasant aus und verändern ihre neue Heimat nachhaltig.

    Besonders bekannt ist der auffällige Rotfeuerfisch. Mit seinen fächerförmigen Flossen wirkt er spektakulär, doch seine giftigen Stacheln machen ihn für Taucher und Fischer gefährlich. Gleichzeitig zählt er zu den effizientesten Räubern unter den eingewanderten Arten. Er frisst zahlreiche kleine Fische und Krebstiere und setzt damit heimische Bestände unter Druck.

    Ebenfalls große Auswirkungen haben die Kaninchenfische. Diese Pflanzenfresser ernähren sich nahezu ununterbrochen von Algen. Was zunächst harmlos klingt, verändert vielerorts den gesamten Lebensraum. Wo früher dichte Algenfelder zahlreichen Meeresbewohnern Schutz boten, bleiben heute oft kahle Felsen zurück. In einigen Regionen des östlichen Mittelmeers sprechen Wissenschaftler bereits von regelrechten Unterwasserwüsten.

    Auch Trompetenfische sowie verschiedene Kugelfischarten breiten sich zunehmend aus. Einige Kugelfische enthalten hochgiftige Stoffe und dürfen keinesfalls verzehrt werden. Gleichzeitig bereiten sie Fischern Probleme, da sie Netze beschädigen und heimische Arten verdrängen.

    Dass sich diese tropischen Fische so erfolgreich etablieren, hat mehrere Ursachen. Neben den steigenden Wassertemperaturen spielen die Überfischung vieler Bestände, der Rückgang natürlicher Fressfeinde sowie Veränderungen der Küstenlebensräume eine entscheidende Rolle. Hinzu kommt die bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit zahlreicher tropischer Arten, die neue Lebensräume erstaunlich schnell besiedeln.

    Noch konzentriert sich der Großteil dieser Einwanderer auf das östliche Mittelmeer vor den Küsten Israels, des Libanon, der Türkei und Zyperns. Doch längst sind einzelne Arten bis nach Sizilien, Sardinien, zu den Balearen und sogar an die französische Mittelmeerküste vorgedrungen. Mit der weiteren Erwärmung des Mittelmeers dürfte sich diese Entwicklung fortsetzen, auch wenn die kühleren Gewässer im Nordwesten bislang noch eine natürliche Grenze darstellen.

    Biologen sprechen inzwischen von einer schleichenden Tropikalisierung des Mittelmeers. Nicht nur Fische, sondern auch Algen, Muscheln, Krebse und Quallen folgen dem gleichen Weg. Die Veränderungen zeigen eindrucksvoll, wie stark menschliche Eingriffe und der Klimawandel jahrmillionenaltes Gleichgewicht beeinflussen können. Das Mittelmeer bleibt zwar das Mittelmeer – doch unter seiner Oberfläche entsteht nach und nach eine neue, ungewöhnliche Mischung aus heimischen und tropischen Lebensformen.

    Autor: C.H.

  • Nach den Waldbränden: Petitionen fordern landesweites Jagdmoratorium

    Nach den Waldbränden: Petitionen fordern landesweites Jagdmoratorium

    Die verheerenden Waldbrände des Sommers 2026 beschäftigen Frankreich längst nicht mehr nur wegen der enormen Schäden an der Natur. Nun rückt eine weitere Frage in den Mittelpunkt: Soll die Jagd in den betroffenen Wäldern für längere Zeit ruhen? Mehrere Petitionen fordern genau das und stoßen auf breite Unterstützung. Besonders viel Aufmerksamkeit erhält die Initiative „Pas de fusils sur les cendres“ – „Keine Gewehre auf der Asche“. Bereits mehr als 300.000 Menschen unterstützen die Forderung nach einem mindestens dreijährigen Jagdmoratorium in allen Waldgebieten, die von den Bränden betroffen waren.

    Nach Ansicht der Initiatoren genügt es nicht, lediglich die verbrannten Flächen unter Schutz zu stellen. Auch angrenzende Waldstücke müssten vorübergehend jagdfrei bleiben. Viele Wildtiere flüchten dorthin, nachdem Feuer ihren angestammten Lebensraum zerstört hat. Rehe, Hirsche, Wildschweine, Füchse und zahlreiche weitere Arten suchen in den verbliebenen Rückzugsgebieten Schutz. Gerade dort drohe ihnen nun zusätzlicher Stress durch die Jagd.

    Die Flammen hinterlassen weit mehr als verkohlte Bäume. Viele Tiere verlieren ihre Nahrungsquellen, Wasserstellen und geschützten Verstecke. Zwar gelingt größeren Säugetieren häufig die Flucht, doch Verletzungen, Erschöpfung und die Suche nach neuen Revieren erschweren das Überleben erheblich. Noch härter trifft es langsamere Tierarten, Jungtiere sowie Reptilien, Amphibien, Insekten und bodenbrütende Vögel. Ihre Nester, Höhlen und Fortpflanzungsplätze fallen den Bränden oft vollständig zum Opfer. Ein Wald wirkt zwar nach einigen Monaten wieder grün – doch ein funktionierendes Ökosystem braucht deutlich länger, um sich zu erholen. Warum also den Tieren ausgerechnet in dieser empfindlichen Phase zusätzlichen Druck auferlegen?

    Die französische Regierung setzt bislang auf Entscheidungen vor Ort. Präfekten der betroffenen Départements prüfen gemeinsam mit den örtlichen Jagdverbänden, ob Jagdzeiten angepasst oder zeitweise ausgesetzt werden. Das französische Umweltrecht ermöglicht bereits Einschränkungen nach Naturkatastrophen wie Waldbränden oder Überschwemmungen. Solche Maßnahmen gelten zunächst befristet, lassen sich bei Bedarf jedoch verlängern.

    Den Unterstützern der Petitionen reicht dieses Vorgehen allerdings nicht. Sie befürchten einen Flickenteppich unterschiedlicher Regelungen. Während in einem Département die Jagd ruht, könnte sie wenige Kilometer weiter trotz vergleichbarer Schäden stattfinden. Aus ihrer Sicht braucht Frankreich deshalb eine einheitliche nationale Regelung, die automatisch greift, sobald große Waldgebiete von Bränden betroffen sind. Nur so lasse sich ein wirksamer Schutz der geschwächten Wildbestände gewährleisten.

    Die Fédération nationale des chasseurs lehnt ein pauschales Moratorium ab. Ihr Präsident Willy Schraen spricht von einer ideologisch geprägten Forderung und verweist darauf, dass Jagdverbände ihre Abschusspläne regelmäßig an den Zustand der Wildbestände anpassen. Jagdtermine ließen sich verschieben oder einzelne Tierarten zeitweise schonen.

    Auch unter Naturschutzorganisationen herrscht nicht in jedem Punkt Einigkeit. Viele befürworten Schutzmaßnahmen nach schweren Bränden, plädieren jedoch für wissenschaftliche Bewertungen der jeweiligen Lage. Denn kein Feuer verläuft gleich und nicht jeder Wald erleidet dieselben Schäden.

    Die Debatte reicht damit weit über die Jagd hinaus. Sie berührt die grundsätzliche Frage, wie Frankreich auf Naturkatastrophen reagieren soll, die durch den Klimawandel immer häufiger auftreten. Reichen regionale Entscheidungen aus oder braucht das Land klare nationale Vorgaben? Die hohe Zahl an Unterschriften zeigt jedenfalls, dass viele Bürger eine eindeutige Antwort erwarten – bevor in den betroffenen Wäldern erneut Jagdsaison herrscht.

    M. Legrand

  • Verbotene Pestizide vor dem Comeback? Frankreich sucht den schwierigen Ausgleich zwischen Erntesicherheit und Umweltschutz

    Verbotene Pestizide vor dem Comeback? Frankreich sucht den schwierigen Ausgleich zwischen Erntesicherheit und Umweltschutz

    Frankreich hat sich in der Agrarpolitik für einen Kurs entschieden, der weit über die Grenzen des Landes hinaus Aufmerksamkeit erregt. Mit dem verabschiedeten Agrar-Notfallgesetz eröffnet das Parlament die Möglichkeit, zwei bislang national verbotene Insektizide unter engen Voraussetzungen wieder einzusetzen. Betroffen wären vor allem Zuckerrüben, Haselnüsse sowie Teile des Obstbaus. Die Entscheidung markiert keinen grundsätzlichen Abschied vom Vorsorgeprinzip, wohl aber eine bemerkenswerte Korrektur einer Politik, mit der Frankreich in Europa lange einen Sonderweg beschritt. Die Debatte zeigt exemplarisch das Dilemma, vor dem nahezu alle Industriestaaten stehen: Wie lassen sich hohe Umweltstandards mit einer wettbewerbsfähigen Landwirtschaft vereinbaren, wenn die Märkte längst europäisch organisiert sind und die regulatorischen Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten bestehen bleiben? Ein Sonderweg stößt an seine Grenzen Im Mittelpunkt der Reform stehen die Wirkstoffe Acetamiprid un…

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  • Kommentar: Wenn weniger Naturschutz plötzlich die Landwirtschaft retten soll …

    Kommentar: Wenn weniger Naturschutz plötzlich die Landwirtschaft retten soll …

    Es ist schon erstaunlich. Jedes Mal, wenn die Landwirtschaft in Schwierigkeiten gerät, scheint die gleiche Lösung aus der politischen Schublade gezogen zu werden: weniger Umweltschutz. Weniger Auflagen. Mehr Pestizide. Schnellere Genehmigungen. Hauptsache, die Natur hält still und beschwert sich nicht.

    Die Geschichte müsste eigentlich längst gelehrt haben, dass genau dieses Rezept immer wieder gescheitert ist. Doch offenbar gilt auch in der Politik: Wer dieselben Fehler oft genug wiederholt, hofft irgendwann auf ein anderes Ergebnis.

    Da werden Insektizide rehabilitiert, deren Risiken seit Jahren bekannt sind. Wasserspeicher werden als Allheilmittel verkauft, obwohl das Wasser dadurch nicht vermehrt wird. Wölfe werden zum Sündenbock erklärt, während Dürre, Bodenerosion und Artensterben als lästige Randnotizen behandelt werden.

    Natürlich klingt es verlockend: Ein paar Umweltauflagen streichen, etwas Bürokratie abbauen und schon läuft der Laden wieder. Wenn die Realität doch nur so einfach wäre.

    Denn die Landwirtschaft lebt nicht trotz der Natur – sie lebt von ihr. Ohne gesunde Böden keine Ernten. Ohne Bestäuber kein Obst. Ohne ausreichend Grundwasser keine Bewässerung. Ohne Artenvielfalt keine widerstandsfähigen Ökosysteme. Wer diese Grundlagen schwächt, sägt an dem Ast, auf dem die Landwirtschaft selbst sitzt.

    Der eigentliche Widerspruch ist kaum zu übersehen: Dieselbe Politik, die den Klimawandel als größte Herausforderung für die Landwirtschaft bezeichnet, lockert gleichzeitig jene Regeln, die Böden, Wasser und Biodiversität schützen sollen. Das ist ungefähr so logisch, wie bei einem Hausbrand zuerst die Rauchmelder auszubauen, weil sie zu laut piepen.

    Ja, viele Landwirte stehen wirtschaftlich unter enormem Druck. Sie kämpfen mit niedrigen Preisen, internationalem Wettbewerb und immer extremeren Wetterlagen. Dafür verdienen sie Unterstützung – aber keine politischen Placebos. Wer glaubt, die Zukunft der Landwirtschaft liege in mehr Chemie und weniger Naturschutz, verwechselt kurzfristige Erleichterung mit nachhaltiger Politik.

    Die Natur lässt sich nicht verhandeln. Sie kennt keine Wahlperioden, keine Lobbygruppen und keine parlamentarischen Mehrheiten. Sie reagiert ausschließlich auf biologische und physikalische Gesetze. Und diese Gesetze waren noch nie besonders kompromissbereit.

    Vielleicht wird das neue Gesetz einigen Betrieben kurzfristig Luft verschaffen. Vielleicht steigen Erträge in einzelnen Kulturen. Doch wenn dafür Bestäuber verschwinden, Wasserressourcen übernutzt und Ökosysteme weiter geschwächt werden, bezahlt am Ende genau jene Branche den höchsten Preis, die man eigentlich schützen wollte.

    Die Wahrheit ist unbequem: Eine Landwirtschaft gegen die Natur hat noch nie dauerhaft funktioniert. Eine Landwirtschaft mit der Natur dagegen schon – auch wenn sie politisch anspruchsvoller und wirtschaftlich unbequemer ist.

    Man könnte daraus lernen. Man könnte.

    Oder man wartet einfach auf die nächste Agrarkrise – und erklärt dann erneut, ausgerechnet der Naturschutz sei das Problem.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreich beschließt umstrittenes Agrargesetz: Mehr Freiheiten für Landwirte, scharfe Kritik von Umweltschützern

    Frankreich beschließt umstrittenes Agrargesetz: Mehr Freiheiten für Landwirte, scharfe Kritik von Umweltschützern

    Die französische Nationalversammlung hat das Notfallgesetz zum Schutz und zur Stärkung der landwirtschaftlichen Souveränität endgültig verabschiedet. Es enthält mehrere Maßnahmen, die von Teilen der Landwirtschaft seit Langem gefordert wurden und zugleich zu den umstrittensten Reformen der vergangenen Jahre zählen. Während die Befürworter darin einen notwendigen Schritt zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit französischer Betriebe sehen, warnen Kritiker vor einer Schwächung des Umwelt- und Naturschutzes. Wiedereinführung von Acetamiprid Den größten politischen Streit löste die befristete Wiedereinführung des Insektizids Acetamiprid aus. Der Wirkstoff gehört zur Gruppe der Neonicotinoide und war in Frankreich seit mehreren Jahren verboten, obwohl er auf europäischer Ebene weiterhin zugelassen ist. Nach Auffassung der Regierung und der Befürworter des Gesetzes existieren für bestimmte Kulturen wie Haselnüsse oder Zuckerrüben bislang keine gleichwertigen Alternativen. Ohne den Wirkstoff dr…

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  • Große Solidarität für den Wald von Fontainebleau: Mehr als 600.000 Euro für die Wiederherstellung nach den Bränden

    Große Solidarität für den Wald von Fontainebleau: Mehr als 600.000 Euro für die Wiederherstellung nach den Bränden

    Die Hilfsbereitschaft fällt außergewöhnlich groß aus. Innerhalb weniger Tage kamen mehr als 600.000 Euro für die Wiederherstellung des Waldes von Fontainebleau zusammen, der Mitte Juli von verheerenden Bränden schwer getroffen wurde. Die Spendenaktion übertraf die ursprünglichen Erwartungen deutlich und zeigt, welchen Stellenwert dieses traditionsreiche Naturgebiet für viele Menschen besitzt.

    Ins Leben gerufen wurde die Sammlung von der Fondation du patrimoine gemeinsam mit dem französischen Forstamt, der Stadt Fontainebleau, dem Département Seine-et-Marne sowie der Region Île-de-France. Das eingeworbene Geld fließt in zahlreiche Maßnahmen, die den Wald nicht nur wiederherstellen, sondern langfristig widerstandsfähiger machen sollen.

    Dabei geht es um weit mehr als das Pflanzen neuer Bäume. Zunächst stehen umfassende ökologische Untersuchungen auf dem Programm, um das Ausmaß der Schäden genau zu erfassen. Ebenso wichtig ist die Sicherung der besonders stark betroffenen Flächen, damit keine Gefahren für Besucher oder Einsatzkräfte entstehen. Erst danach beginnt die eigentliche Renaturierung, die sich über viele Jahre erstrecken dürfte.

    Ein Schwerpunkt liegt auf der Wiederaufforstung mit Baumarten, die besser an die Folgen des Klimawandels angepasst sind. Längere Trockenperioden und steigende Temperaturen setzen den europäischen Wäldern zunehmend zu. Deshalb sollen künftig Arten zum Einsatz kommen, die mit Hitze und Wassermangel besser zurechtkommen. Ergänzend sind Maßnahmen vorgesehen, die das Risiko künftiger Waldbrände verringern und die Widerstandskraft des gesamten Ökosystems stärken.

    Die Dimension der Katastrophe ist enorm. Mehr als 2.000 Hektar Wald fielen den Flammen zum Opfer. Das entspricht nahezu zehn Prozent des gesamten Waldgebiets südlich von Paris und zählt zu den schwersten ökologischen Schäden, die Fontainebleau seit Jahrzehnten erlebt hat. Besonders tragisch ist die Tatsache, dass zahlreiche besonders artenreiche Bereiche betroffen sind. Viele geschützte Tier- und Pflanzenarten verloren ihren Lebensraum in einem Gebiet, das sowohl zum europäischen Schutzgebietsnetz Natura 2000 als auch zum UNESCO-Biosphärenreservat gehört.

    Fachleute weisen allerdings darauf hin, dass sich ein Wald nicht einfach ersetzen lässt. Ein funktionierendes Ökosystem entsteht nicht über Nacht. Manche Flächen bleiben deshalb bewusst sich selbst überlassen. Dort erhält die Natur Gelegenheit, sich auf eigene Weise zu regenerieren. An anderen Stellen greifen Experten gezielt ein, um die Entwicklung zu unterstützen und den Wald an die klimatischen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte anzupassen.

    Die hohe Spendensumme spiegelt zugleich die enge Verbundenheit vieler Franzosen mit dem Wald von Fontainebleau wider. Das Gebiet zählt zu den beliebtesten Naturzielen des Landes. Seine markanten Felsen, weit verzweigten Wanderwege und außergewöhnliche Artenvielfalt locken Jahr für Jahr Millionen Besucher an. Für viele ist der Wald weit mehr als ein Ausflugsziel – er gilt als Stück nationales Naturerbe.

    Auch kleine Beiträge entfalten eine spürbare Wirkung. Nach Schätzungen der Stiftung reichen bereits 40 Euro aus, um rund 100 Quadratmeter Wald zu renaturieren. Eine Spende von 4.000 Euro ermöglicht die Wiederherstellung eines ganzen Hektars. Die beeindruckende Beteiligung zeigt: Wenn ein bedeutender Naturraum Hilfe benötigt, steht die Gesellschaft zusammen und setzt ein deutliches Zeichen für den Schutz ihrer Landschaften.

    Von C. Hatty

  • Forêt de Fontainebleau: Naturjuwel durch verheerenden Waldbrand schwer gezeichnet

    Forêt de Fontainebleau: Naturjuwel durch verheerenden Waldbrand schwer gezeichnet

    Die Forêt de Fontainebleau südöstlich von Paris zählt seit Jahrhunderten zu den bedeutendsten Waldlandschaften Europas. Generationen von Künstlern, Wanderern und Naturliebhabern zog das weitläufige Waldgebiet mit seinen markanten Sandsteinfelsen, uralten Bäumen und einer außergewöhnlichen Artenvielfalt in seinen Bann. Nun erlebt dieses einzigartige Naturerbe einen historischen Einschnitt: Ein verheerender Waldbrand im Juli 2026 hinterließ tiefe Wunden in einer Landschaft, die als Symbol französischer Natur- und Kulturgeschichte gilt.

    Auf rund 25.000 Hektar erstreckt sich der Staatswald in der Region Île-de-France. Jahr für Jahr suchen bis zu 18 Millionen Menschen Erholung zwischen Kiefern, Eichen und Buchen. Die spektakulären Felsformationen locken Bouldersportler aus aller Welt an, während Dünen, Moore und Feuchtgebiete seltenen Tier- und Pflanzenarten wertvolle Rückzugsräume bieten. Diese außergewöhnliche Vielfalt macht Fontainebleau zu einem der ökologisch bedeutendsten Waldgebiete Frankreichs.

    Doch innerhalb weniger Stunden verwandelten Flammen weite Teile dieser idyllischen Landschaft in eine verkohlte Fläche. Mehr als 2.000 Hektar Wald fielen dem Feuer zum Opfer. Hunderte Einsatzkräfte kämpften mit Löschflugzeugen, Hubschraubern und schwerem Gerät gegen die Flammen. Zahlreiche Anwohner mussten ihre Häuser vorsorglich verlassen, während sich das Feuer immer weiter durch das dichte Waldgebiet fraß. Für viele Menschen in der Region war schnell klar: Das ist kein gewöhnlicher Waldbrand, sondern eine Katastrophe historischen Ausmaßes.

    Die schwierigen Bedingungen machten den Einsatzkräften schwer zu schaffen. Der lockere Sandboden speicherte die Hitze, unterirdische Glutnester entzündeten sich immer wieder neu, und starke Winde trieben die Flammen unaufhaltsam voran. Mehrere Hitzewellen und anhaltende Trockenheit hatten den Wald zuvor bereits stark belastet. Was früher als Ausnahme galt, entwickelt sich inzwischen immer häufiger zur bitteren Realität.

    Auch die Ursache des Feuers beschäftigt die Ermittlungsbehörden. Weil nahezu gleichzeitig an mehreren Stellen Brände gemeldet wurden, prüfen die Ermittler neben technischen Ursachen auch den Verdacht vorsätzlicher Brandstiftung. Zwei junge Männer rückten in den Fokus der Untersuchungen. Ob sie tatsächlich Verantwortung tragen, muss nun die Justiz klären.

    Die Bedeutung Fontainebleaus reicht weit über die Region hinaus. Bereits im Mittelalter nutzten französische Könige den Wald als Jagdrevier. Im 19. Jahrhundert entdeckten Maler der Schule von Barbizon und später die Impressionisten seine einzigartige Atmosphäre. Ihr Protest gegen umfangreiche Abholzungen führte bereits 1853 zur Ausweisung der weltweit ersten künstlerischen Naturschutzgebiete – ein Meilenstein des internationalen Naturschutzes.

    Der Brand zeigt zugleich, wie stark sich die Waldbrandgefahr verändert hat. Große Feuer galten lange als Problem des Mittelmeerraums. Inzwischen geraten auch Wälder im Norden und Zentrum Frankreichs zunehmend unter Druck. Klimatische Veränderungen, längere Trockenperioden und häufigere Hitzewellen schaffen Bedingungen, die selbst traditionsreiche Waldgebiete verwundbar machen.

    Bis sich das komplexe Ökosystem von Fontainebleau erholt, dürften Jahrzehnte vergehen. Alte Baumbestände, empfindliche Lebensräume und seltene Pflanzen gingen unwiederbringlich verloren. Gleichzeitig eröffnet der Wiederaufbau die Möglichkeit, widerstandsfähigere Mischwälder zu entwickeln und den Brandschutz an die neuen klimatischen Herausforderungen anzupassen.

    Der Wald von Fontainebleau steht heute sinnbildlich für die Verletzlichkeit selbst der wertvollsten Naturlandschaften Europas. Seine Geschichte reicht viele Jahrhunderte zurück – die kommenden Jahrzehnte entscheiden darüber, in welcher Form dieses einzigartige Naturerbe an zukünftige Generationen weitergegeben wird.

    Autor: C.H.

  • Bärennachwuchs in den Pyrenäen macht Hoffnung auf das Überleben einer bedrohten Art

    Bärennachwuchs in den Pyrenäen macht Hoffnung auf das Überleben einer bedrohten Art

    Die ersten Sichtungen des Jahres sorgen bei Naturschützern für Zuversicht. Mehrere Braunbärinnen streifen in verschiedenen Regionen der Pyrenäen gemeinsam mit ihren Jungen durch die Berglandschaft. Der Nachwuchs zeigt, dass sich die Population weiterhin erfolgreich vermehrt – ein erfreuliches Signal für eine Tierart, die vor wenigen Jahrzehnten in diesem Gebirge beinahe verschwunden war.

    Noch Anfang der 1990er-Jahre galt die Lage als dramatisch. Lediglich wenige einheimische Braunbären lebten damals in abgelegenen Tälern der Pyrenäen. Um das Aussterben zu verhindern, startete Frankreich ein Wiederansiedlungsprogramm. Mehrere Bären aus Slowenien fanden ein neues Zuhause im Grenzgebirge. Ihr genetischer Hintergrund ähnelt jenem der einst heimischen Pyrenäenbären und trug dazu bei, die Population zu stabilisieren.

    Heute leben wieder mehr als 80 Braunbären in den Pyrenäen. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über Frankreich, Spanien und Andorra. Jeder neue Wurf liefert wertvolle Hinweise darauf, dass sich die Bestände weiter entwickeln und die Schutzmaßnahmen Wirkung zeigen.

    Die Jungtiere kommen meist mitten im Winter zur Welt. Während die Mutter ihre Wurfhöhle kaum verlässt, wachsen die anfangs nur wenige hundert Gramm schweren Bären heran. Erst im Frühjahr oder Frühsommer verlassen sie gemeinsam mit der Mutter die Höhle und tauchen erstmals vor den Augen von Forschern oder Wanderern auf. Dennoch bleibt ihr Start ins Leben schwierig. Harte Wetterbedingungen, ein knappes Nahrungsangebot oder natürliche Gefahren sorgen dafür, dass längst nicht alle Jungbären die ersten Lebensjahre überstehen.

    Trotz der positiven Entwicklung bleibt die Rückkehr des Braunbären umstritten. Vor allem Schafhalter beklagen immer wieder Risse an ihren Herden, besonders während der Sommermonate auf den Hochweiden. Herdenschutzhunde, zusätzliche Hirten, nächtliches Zusammenführen der Tiere sowie Entschädigungen für entstandene Schäden entschärfen manche Konflikte, lösen sie jedoch nicht vollständig.

    Aus Sicht des Naturschutzes besitzt der Braunbär eine wichtige Funktion im Ökosystem der Berge. Als Allesfresser verbreitet er Samen, verwertet Aas und trägt so zum natürlichen Stoffkreislauf bei. Gleichzeitig warnen Wissenschaftler davor, die Erholung der Population zu überschätzen. Die Zahl der Tiere bleibt vergleichsweise klein, ihre genetische Vielfalt begrenzt. Hinzu kommen Veränderungen des Lebensraums durch Tourismus, Infrastrukturprojekte und den Klimawandel.

    Der diesjährige Bärennachwuchs steht deshalb nicht nur für einen erfreulichen Erfolg im Artenschutz. Er symbolisiert zugleich die Hoffnung, dass bedrohte Wildtiere mit langfristigem Engagement und grenzüberschreitender Zusammenarbeit dauerhaft ihren Platz in Europas Natur zurückgewinnen.

    Autor: C.H.

  • Vom Pazifik bis zum Ärmelkanal: Die Erwärmung der Meere verändert Frankreichs Küsten

    Vom Pazifik bis zum Ärmelkanal: Die Erwärmung der Meere verändert Frankreichs Küsten

    Die Folgen des Klimawandels reichen längst weit über Hitzewellen und Waldbrände hinaus. Auch unter der Wasseroberfläche vollzieht sich ein tiefgreifender Wandel. Von den tropischen Lagunen Französisch Polynesiens bis zu den kühlen Gewässern des Ärmelkanals messen Forschende seit Jahren steigende Meerestemperaturen. Was früher als außergewöhnlich galt, tritt heute immer häufiger auf und verändert ganze Ökosysteme.

    Frankreich nimmt dabei eine besondere Stellung ein. Dank seiner Überseegebiete erstreckt sich das französische Meeresgebiet über mehrere Ozeane und zählt zu den größten der Welt. Dadurch zeigen sich die Auswirkungen der Erwärmung in ganz unterschiedlichen Klimazonen – und doch folgt die Entwicklung überall demselben Muster.

    Marine Hitzewellen treten inzwischen deutlich häufiger auf als noch vor wenigen Jahrzehnten. Dabei erwärmt sich das Wasser über Tage oder sogar Wochen weit über den langjährigen Durchschnitt. Anders als an Land bleibt diese Wärme oft lange erhalten, weil Wasser seine Temperatur wesentlich langsamer verändert als Luft. Die Folge: Lebensräume geraten aus dem Gleichgewicht, Strömungen verändern sich und der Sauerstoffgehalt sinkt. Wer hätte gedacht, dass wenige zusätzliche Grad ein ganzes Meer verändern?

    Besonders empfindlich reagieren die Korallenriffe Französisch Polynesiens. Sie gehören zu den artenreichsten Lebensräumen unseres Planeten und bieten Tausenden Tierarten Schutz und Nahrung. Steigt die Wassertemperatur jedoch dauerhaft um nur ein bis zwei Grad, beginnt häufig die Korallenbleiche. Die Korallen verlieren ihre lebenswichtigen Algen, verblassen und sterben bei anhaltender Hitze ab.

    Mit ihnen verschwindet nicht nur ein einzigartiger Lebensraum. Auch der natürliche Schutz der Küsten vor Wellen und Erosion nimmt ab. Für viele Inseln im Pazifik besitzt das erhebliche Bedeutung, denn gesunde Korallenriffe bilden dort eine wichtige Grundlage für Fischerei und Tourismus.

    Doch die Veränderungen beschränken sich keineswegs auf die Tropen. Auch im Ärmelkanal registrieren Meeresbiologen auffällige Verschiebungen. Wärmeliebende Fischarten breiten sich zunehmend nach Norden aus, während typische Kaltwasserarten unter Druck geraten. Dadurch verändern sich Nahrungsketten und traditionelle Fanggebiete. Für die Fischerei bedeutet das eine ständige Anpassung an neue Bedingungen. Manche Fischer fangen heute Arten, die vor wenigen Jahrzehnten in diesen Gewässern kaum vorkamen. Verrückt, oder?

    Zusätzlich leiden viele Küstenlebensräume unter der anhaltenden Erwärmung. Seegraswiesen, Muschelbänke und Algenbestände reagieren empfindlich auf hohe Temperaturen. Da warmes Wasser weniger Sauerstoff bindet als kaltes, geraten zahlreiche Fische und wirbellose Meerestiere unter Stress. Gleichzeitig breiten sich Krankheitserreger sowie invasive Arten leichter aus. Auch Quallen treten an manchen französischen Küsten inzwischen häufiger auf als früher.

    Die wirtschaftlichen Folgen bleiben ebenfalls nicht aus. Muschel und Austernzüchter kämpfen vermehrt mit Hitzeschäden und Krankheiten. Der Tourismus spürt die Auswirkungen durch Algenblüten oder größere Quallenvorkommen. Besonders in den Überseegebieten hängen viele Arbeitsplätze unmittelbar von gesunden Meeresökosystemen ab.

    Ein Teil dieser Entwicklung lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Deshalb gewinnt neben der Verringerung der Treibhausgasemissionen auch die Anpassung an die neuen Bedingungen an Bedeutung. Fachleute setzen auf den Schutz empfindlicher Küstenräume, die Wiederherstellung von Seegraswiesen, nachhaltige Fischereikonzepte sowie moderne Messsysteme. Satelliten und automatische Messstationen liefern heute nahezu in Echtzeit Daten über Temperatur und Veränderungen der Ozeane.

    Ob an den türkisfarbenen Lagunen des Pazifiks oder an den felsigen Küsten der Normandie – die Erwärmung der Meere verbindet Regionen, die Tausende Kilometer voneinander entfernt liegen. Der Zustand der Ozeane entwickelt sich immer mehr zu einem Spiegel des globalen Klimawandels. Wie gut dieser empfindliche Lebensraum geschützt wird, entscheidet nicht nur über die Zukunft vieler Tierarten, sondern auch über die Lebensgrundlage kommender Generationen.

    Ein Artikel von M. Legrand