Frankreich schwitzt. Schon wieder.
Eigentlich ist das falsch formuliert. Frankreich schwitzt nicht mehr – Frankreich kocht. Langsam. Gleichmäßig. Auf kleiner Flamme. Und die offizielle Reaktion erinnert inzwischen an einen Kellner, der einem Gast im brennenden Restaurant freundlich erklärt, die Suppe sei heute leider etwas heißer als sonst.
43 Départements unter Hitzewarnung. Morgen vielleicht mehr. Übermorgen vielleicht weniger. Was soll’s? Hauptsache, die Warn-App funktioniert noch, bevor das Smartphone wegen Überhitzung den Dienst quittiert.
Man kennt das Ritual inzwischen auswendig.
Die Meteorologen warnen. Die Politiker appellieren. Die Medien zeigen Bilder von Kindern in Springbrunnen. Irgendjemand interviewt einen Eisverkäufer, der sich über das gute Geschäft freut. Und anschließend erklärt ein Experte mit ernster Miene, man solle zwischen 12 und 16 Uhr körperliche Anstrengung vermeiden.
Ach was.
Der Dachdecker bedankt sich herzlich. Der Straßenbauer ebenfalls. Die Pflegekraft ohne Klimaanlage auf ihrer Station dürfte diese Information ebenfalls mit großem Interesse aufnehmen.
Es gibt Ratschläge, die sind ungefähr so hilfreich wie der Hinweis, man solle bei Regen möglichst trocken bleiben.
Besonders faszinierend ist allerdings unsere Fähigkeit, uns jeden Unsinn schönzureden.
38 Grad?
„Gab’s früher auch.“
40 Grad?
„War doch nur ein Tag.“
Dritte Hitzewelle?
„Der Sommer war schon immer warm.“
Natürlich. Früher gab es auch Dinosaurier. Das macht sie trotzdem nicht zu einem geeigneten Verkehrsmittel.
Die Wahrheit ist unbequemer.
Nicht die einzelne Hitzewelle verändert Frankreich.
Ihre Hartnäckigkeit verändert Frankreich.
Früher wartete man auf den Sommer.
Heute wartet man darauf, dass er endlich wieder verschwindet.
Man schläft schlecht. Man arbeitet schlechter. Die Nerven liegen blank. Wohnungen verwandeln sich in Backöfen. Die Städte speichern die Hitze wie ein Akku, der vergessen hat, wie man sich entlädt. Selbst nachts fühlt sich die Luft an, als käme sie direkt aus dem Föhn eines übermotivierten Friseurs.
Und trotzdem hört man diesen Satz.
„Wir müssen es einfach ertragen.“
Nein.
Müssen wir nicht.
Hitze lässt sich für ein paar Tage ertragen. Wochenlange Erschöpfung als neue Normalität zu akzeptieren, ist etwas völlig anderes.
Doch genau das passiert.
Aus der Ausnahme wird Gewohnheit.
Aus Warnungen wird Hintergrundrauschen.
Aus Empörung wird Achselzucken.
Das ist vielleicht die größte Leistung unserer Zeit: Wir gewöhnen uns schneller an Krisen, als wir Lösungen entwickeln.
Statt darüber zu sprechen, wie Städte endlich kühler, Wohnungen besser gedämmt oder Arbeitszeiten flexibler organisiert werden könnten, diskutieren wir lieber darüber, ob 39 Grad eigentlich noch heiß oder bereits „ziemlich warm“ sind.
Frankreich scheint inzwischen ein erstaunliches Talent entwickelt zu haben, Symptome zu verwalten.
Ein Trinkbrunnen hier.
Ein schattiger Park dort.
Eine Pressekonferenz.
Ein paar Broschüren.
Fertig.
Als würde man einem Patienten mit gebrochenem Bein empfehlen, künftig etwas vorsichtiger zu gehen.
Besonders grotesk wird es, wenn Menschen in klimatisierten Ministerien darüber sprechen, wie gut sich die Bevölkerung doch angepasst habe.
Natürlich hat sie das.
Was bleibt ihr auch anderes übrig?
Wer in einer Dachwohnung lebt, passt sich an.
Wer auf der Baustelle arbeitet, passt sich an.
Wer in der Landwirtschaft unter sengender Sonne steht, passt sich an.
Wer nachts kein Auge zubekommt, passt sich ebenfalls an.
Anpassung klingt nach Stärke.
In Wahrheit bedeutet sie oft nichts anderes als: Man hat keine Wahl.
Vielleicht sollten wir aufhören, uns für diese Leidensfähigkeit zu feiern.
Denn eine Gesellschaft beweist ihre Stärke nicht dadurch, dass sie immer mehr Belastungen schweigend hinnimmt.
Sie beweist sie dadurch, dass sie Missstände erkennt, bevor Resignation zur Staatsräson wird.
Der gefährlichste Satz dieses Sommers lautet deshalb nicht: „Heute werden 40 Grad erreicht.“
Der gefährlichste Satz lautet: „Man gewöhnt sich daran.“
Denn sobald eine Gesellschaft beginnt, sich an das Unzumutbare zu gewöhnen, verliert sie den Ehrgeiz, es zu verändern.
Und genau dann gewinnt die Hitze.
Nicht draußen.
Sondern in unseren Köpfen.
Andreas M. Brucker

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