Schlagwort: Klimawandel

  • Macron setzt im Nordatlantik ein Zeichen französischer Souveränität

    Macron setzt im Nordatlantik ein Zeichen französischer Souveränität

    Auf einer Landkarte ist Saint-Pierre-et-Miquelon leicht zu übersehen. Politisch aber ist der französische Archipel vor der Küste Neufundlands plötzlich ins Zentrum einer grösseren Auseinandersetzung über Souveränität, strategische Einflusszonen und die Ordnung des Nordatlantiks gerückt. Bei seiner Ankunft am 19. September reagierte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron demonstrativ auf eine von Donald Trump veröffentlichte Karte, auf der weite Teile Nordamerikas einschliesslich des französischen Gebiets mit den Farben der Vereinigten Staaten überzogen waren. «Das ist selbstverständlich. Es gibt darüber keine Diskussion. Saint-Pierre-et-Miquelon ist französisch und mit Frankreich verbunden», erklärte Macron. Und er fügte hinzu: «Wir werden das nicht jeden Morgen bekräftigen, nur weil Leute seltsame Ideen haben oder seltsame Dinge sagen.» Eine kleine Inselgruppe in strategischer Lage Saint-Pierre-et-Miquelon liegt rund 25 Kilometer vor der kanadischen Insel Neufundland und ist das letzte…

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  • Wasserkrise: Liegt die Lösung unter unseren Füßen?

    Wasserkrise: Liegt die Lösung unter unseren Füßen?

    Dürresommer, sinkende Pegelstände, Bewässerungsverbote und Streit um eine knapper werdende Ressource: Europas Wasserproblem ist längst keine ferne Zukunftsfrage mehr. Die Debatte kreist meist um neue Speicherbecken, Meerwasserentsalzung oder die Wiederverwendung von Abwasser. Doch ein gewaltiger Wasserspeicher liegt dort, wo ihn kaum jemand sieht – unter unseren Füßen.

    Grundwasser macht außerhalb der Gletscher rund 99 Prozent des flüssigen Süßwassers der Erde aus. Lange galt dieser Vorrat beinahe als selbstverständlich. Inzwischen rückt eine andere Sichtweise in den Vordergrund: Grundwasserleiter, sogenannte Aquifere, müssten nicht nur geschützt, sondern gezielter als natürliche Speicher genutzt werden.

    Der entscheidende Vorteil liegt buchstäblich im Boden.

    Während Wasser in Stauseen und offenen Rückhaltebecken bei Hitze verdunstet, lagert es unterirdisch weitgehend geschützt. In Frankreich gelangen mehr als 60 Prozent der Niederschläge durch Verdunstung und die Transpiration der Pflanzen wieder in die Atmosphäre. Nur ein Teil versickert tief genug, um Grundwasservorkommen zu erreichen. Dort bleibt das Wasser je nach geologischer Beschaffenheit Monate oder sogar Jahre gespeichert.

    Diese Reserven speisen Flüsse während trockener Perioden, sichern die Trinkwasserversorgung und dienen der Landwirtschaft. Gleichzeitig zeigt sich ein zunehmend absurdes Bild: Heftige Niederschläge nehmen zu, doch große Wassermengen rauschen über versiegelte Flächen und Flüsse Richtung Meer. Wasser gibt es plötzlich reichlich – nur am falschen Ort und zur falschen Zeit.

    Genau hier setzt die sogenannte gesteuerte Grundwasseranreicherung an. Statt überschüssiges Regenwasser oder geeignetes aufbereitetes Wasser abfließen zu lassen, wird es über Versickerungsbecken, begrünte Gräben oder spezielle Brunnen in den Untergrund geleitet.

    Neu ist die Idee keineswegs. In trockenen Regionen existieren vergleichbare Verfahren seit Jahrhunderten. Moderne Mess- und Aufbereitungstechnik erlaubt allerdings eine wesentlich genauere Kontrolle darüber, welche Wasserqualität in den Untergrund gelangt und welchen Weg das Wasser dort nimmt.

    Auch Frankreich untersucht solche Verfahren. Ziel ist nicht, fehlenden Regen künstlich zu ersetzen. Vielmehr sollen winterliche Wasserüberschüsse gespeichert werden, damit sie in trockenen Sommermonaten zur Verfügung stehen. In Tunesien gehen Projekte noch einen Schritt weiter: Dort dient teilweise gereinigtes Abwasser zur Wiederauffüllung von Aquiferen. Solche Verfahren verlangen allerdings eine äußerst strenge Überwachung der Wasserqualität.

    Die Vorteile unterirdischer Speicher liegen auf der Hand. Die Verdunstungsverluste bleiben gering, der Flächenverbrauch fällt gegenüber großen Stauseen kleiner aus und der Boden besitzt eine gewisse natürliche Filterwirkung. Zudem verschwinden die Anlagen weitgehend aus dem Landschaftsbild – kein unwesentlicher Punkt, wenn neue Wasserprojekte regelmäßig politische Konflikte auslösen.

    Ein Wundermittel ist die Methode trotzdem nicht.

    Wo Landwirtschaft, Industrie und Haushalte mehr Grundwasser entnehmen, als sich langfristig neu bildet, kuriert zusätzliche Einspeisung lediglich die Symptome. Hinzu kommt das Risiko von Schadstoffen. Verunreinigtes Wasser in einen Aquifer einzuleiten wäre ungefähr so klug, wie den eigenen Trinkwasservorrat neben dem Farbeimer zu lagern – kann man machen, sollte man lieber lassen.

    Der eigentliche Wandel reicht deshalb tiefer. Wasserexperten sprechen zunehmend davon, Wasser in der Landschaft zu „bremsen“. Entsiegelte Städte, wiederhergestellte Feuchtgebiete, Hecken, durchlässigere Böden und eine angepasste Landwirtschaft fördern die natürliche Versickerung.

    Der Untergrund könnte damit zum unsichtbaren Wasserspeicher des 21. Jahrhunderts avancieren. Denn wenn Niederschläge infolge des Klimawandels unregelmäßiger und heftiger auftreten, entscheidet nicht allein die Menge des Regens über Wasserknappheit. Entscheidend ist, wie viel davon für trockene Zeiten erhalten bleibt.

    Aquifere bieten dafür einen gewaltigen natürlichen Tresor. Doch auch der größte Tresor ist irgendwann leer, wenn ständig mehr herausgenommen als hineingelegt wird.

    Die Lösung der Wasserkrise liegt deshalb möglicherweise tatsächlich unter unseren Füßen – vorausgesetzt, über der Erde beginnt ein sparsamerer und klügerer Umgang mit Wasser.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreichs Küsten unter Druck: Die Grünen machen die Klimaanpassung zum Wahlkampfthema

    Frankreichs Küsten unter Druck: Die Grünen machen die Klimaanpassung zum Wahlkampfthema

    Frankreich besitzt rund 20 000 Kilometer Küste – und ein wachsender Teil davon wird zum politischen Problem. Erosion, steigende Meeresspiegel und Überflutungsrisiken zwingen Staat und Kommunen zu Entscheidungen, die weit über klassischen Küstenschutz hinausgehen. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2027 wollen Les Écologistes um Marine Tondelier daraus eine zentrale Frage staatlicher Vorsorge machen. Ihr Programm setzt weniger auf immer höhere Mauern gegen das Meer als auf natürliche Schutzräume, eine andere Raumplanung und langfristig auch auf den Rückzug aus besonders gefährdeten Gebieten. Damit greifen die französischen Grünen ein Problem auf, das längst nicht mehr abstrakt ist. Nach Angaben des französischen Umweltministeriums befinden sich rund 20 Prozent der Küstenabschnitte im Rückzug. Innerhalb von fünf Jahrzehnten gingen durch Küstenerosion etwa 30 Quadratkilometer Land verloren. Zugleich lebt jeder achte Franzose in einer Küstengemeinde. Dort befinden sich rund 5,5 Millionen …

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  • Frankreichs Jagdsaison 2026: Streit um den Start nach Hitze, Dürre und Waldbränden

    Frankreichs Jagdsaison 2026: Streit um den Start nach Hitze, Dürre und Waldbränden

    Die Jagdsaison hat an diesem Sonntag in den meisten französischen Départements begonnen – doch selten stand der traditionelle Saisonauftakt derart im Schatten des Wetters. Wiederholte Hitzewellen, eine außergewöhnliche Dürre und großflächige Waldbrände haben Frankreich während des Sommers zugesetzt. Nun stellt sich eine Frage, die weit über den alten Streit zwischen Jägern und Naturschützern hinausreicht: Verträgt die ohnehin geschwächte Tierwelt derzeit zusätzlichen Druck durch die Jagd?

    Mehrere Naturschutzverbände sagen klar: nein.

    Bereits im August forderte die französische Vogelschutzorganisation LPO, den Beginn der Jagd auf Wasserwild um einen Monat zu verschieben. Der Grund liegt buchstäblich auf dem Trockenen. Zahlreiche Feuchtgebiete schrumpften während der Dürre erheblich oder trockneten aus. Zugvögel verlieren dadurch wichtige Rastplätze, heimische Arten zugleich Nahrungsquellen und geschützte Rückzugsräume.

    Andere Tierschutzorganisationen gehen noch weiter und verlangen eine umfassendere Aussetzung der Jagd, solange die klimatischen Bedingungen kritisch bleiben. Ihr Argument: Wildtiere stehen bereits unter außergewöhnlichem Stress. Jagd bedeute in dieser Situation eine zusätzliche Belastung für Populationen, deren tatsächliche Schäden teilweise erst später sichtbar würden.

    Beobachtungen aus französischen Wildtierauffangstationen verleihen diesen Warnungen Gewicht. In mehreren Regionen registrierten die Einrichtungen außergewöhnlich viele verletzte, geschwächte oder dehydrierte Tiere. Tausende Jungvögel überlebten die extreme Hitze nicht. Gleichzeitig verändern Wassermangel, weniger Insekten und vertrocknete Vegetation die gesamte Nahrungskette.

    Das Problem endet also nicht mit dem nächsten Regenschauer.

    Forscher verweisen insbesondere auf mögliche mittelfristige Folgen. Wenn Tiere während entscheidender Entwicklungs- und Fortpflanzungsphasen zu wenig Nahrung finden, sinkt der Bruterfolg. Ein heißer, trockener Sommer hinterlässt damit womöglich noch Jahre später Spuren in den Beständen verschiedener Arten.

    Die französischen Jägerverbände widersprechen allerdings der Forderung nach einem allgemeinen Aufschub. Sie argumentieren, dass besonders schwer von Waldbränden betroffene Gebiete ohnehin kaum oder gar nicht bejagt würden. Zudem passten die regionalen Verbände ihre Praxis bereits an die jeweiligen Bedingungen vor Ort an.

    Auch auf ihre Rolle während der Sommermonate weisen die Jäger hin. Viele beteiligten sich an der Bekämpfung von Bränden oder richteten Wasserstellen für Wildtiere ein. Die Vorstellung, mit Saisonbeginn marschierten Jäger nun ohne Rücksicht durch verkohlte Wälder und ausgedörrte Landschaften, halten ihre Vertreter deshalb für falsch. Ganz so simpel ist die Lage tatsächlich nicht.

    Genau darin steckt der Kern des Konflikts.

    Frankreich diskutiert längst nicht mehr ausschließlich darüber, ob Jagd grundsätzlich sinnvoll oder problematisch ist. Der Klimawandel verschiebt die Fronten. Entscheidend erscheint zunehmend die Frage, ob traditionelle Jagdkalender noch zu einer Natur passen, deren Jahreszeiten aus dem Takt geraten.

    Die Eröffnungstermine stehen gewöhnlich Monate vorher fest. Eine außergewöhnliche Dürre, wochenlange Hitze oder verheerende Brände halten sich jedoch an keinen Verwaltungskalender. Naturschützer verlangen deshalb flexiblere Regeln, die extreme Wetterlagen stärker berücksichtigen.

    Die Jagdverbände setzen dagegen auf regionale Entscheidungen. Schließlich unterscheiden sich Landschaft, Wildbestand und Klimafolgen zwischen Südfrankreich, Atlantikküste und Nordosten erheblich. Was in einem ausgebrannten Gebiet notwendig erscheint, muss anderswo nicht automatisch sinnvoll sein.

    Die Jagdsaison 2026 könnte damit zum Testfall für eine grundsätzliche Neuordnung werden. Häufen sich extreme Hitzeperioden und Dürren, dürfte Frankreich künftig kaum darum herumkommen, Jagdzeiten stärker mit den tatsächlichen ökologischen Bedingungen zu verknüpfen.

    Der alte Kalender trifft auf ein neues Klima – und genau da liegt der Hase im Pfeffer.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreich erlebte den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen

    Frankreich erlebte den heißesten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen

    Frankreich blickt auf einen Sommer zurück, der selbst im Vergleich mit den außergewöhnlichen Hitzejahren der vergangenen Jahrzehnte aus dem Rahmen fällt. Der meteorologische Sommer 2026, also die Monate Juni, Juli und August, war mit einer Durchschnittstemperatur von 24,0 Grad Celsius der heißeste seit Beginn der landesweiten Wetteraufzeichnungen im Jahr 1900.

    Die Abweichung gegenüber dem langjährigen saisonalen Mittel betrug 3,6 Grad. Das klingt zunächst nach einer überschaubaren Zahl, meteorologisch ist der Abstand jedoch gewaltig. Selbst der berüchtigte Hitzesommer 2003, der Frankreich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat, lag lediglich 2,7 Grad über dem damaligen Vergleichswert. Der bisherige Rekord wurde damit um fast ein volles Grad übertroffen.

    Noch eindrucksvoller erscheint die Bilanz beim Blick auf die Dauer der Hitze. Insgesamt registrierten die Meteorologen während des Sommers 53 Tage mit Hitzewellen. Der bisherige Höchstwert aus dem Jahr 2022 lag bei 33 Tagen.

    Hitze war 2026 also kein kurzer Gast, sondern ein Dauermieter.

    Fast 45 Prozent des französischen Staatsgebiets erlebten mindestens einmal Temperaturen von 40 Grad oder mehr. Gleichzeitig fehlte vielerorts der dringend benötigte Regen. Die Niederschlagsmenge blieb rund 40 Prozent unter dem üblichen Niveau. Damit war 2026 der zweittrockenste Sommer, der in Frankreich bislang beobachtet wurde.

    Die Folgen zeigten sich nicht nur auf dem Thermometer. Die Böden trockneten landesweit in einem bislang nicht registrierten Ausmaß aus. Auch die Wassertemperaturen vor den französischen Küsten erreichten neue Rekordwerte. Für Landwirtschaft und Ökosysteme bedeutete diese Kombination aus Hitze und Wassermangel eine enorme Belastung. Wasserreserven gerieten unter Druck, Pflanzen litten, und aus trockenen Landschaften entstanden vielerorts gefährliche Brandräume.

    Besonders dramatisch entwickelte sich die Waldbrandsaison. Die hohen Temperaturen und die außergewöhnliche Trockenheit begünstigten Feuer von bislang kaum gekanntem Ausmaß. Nach Einschätzung von Météo-France dürfte 2026 zugleich jenes Jahr sein, in dem in Frankreich die größte jemals registrierte Fläche durch Brände zerstört wurde.

    Hinter diesen Rekorden steht eine Entwicklung, die längst über gewöhnliche Wetterschwankungen hinausweist. Météo-France bezeichnet einen Sommer dieser Intensität ohne den menschengemachten Klimawandel als nahezu unmöglich. Zwar bleiben derart extreme Sommer selbst unter den heutigen klimatischen Bedingungen selten, doch die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens steigt mit fortschreitender Erwärmung deutlich.

    Der Sommer 2026 setzt damit eine neue Wegmarke. 2003 galt lange als das große französische Hitzejahr, 2022 brachte neue Extreme – nun liegen selbst diese Vergleichsjahre zurück.

    Was früher Ausnahme hieß, rückt Schritt für Schritt näher an eine neue klimatische Realität heran.

    C. Hatty

  • Frankreichs Hitzesommer verändert den Wahlkampf – aber noch nicht die Politik

    Frankreichs Hitzesommer verändert den Wahlkampf – aber noch nicht die Politik

    Rekordtemperaturen, Dürre, Waldbrände und Tausende zusätzliche Todesfälle haben Frankreich im Sommer 2026 mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die sich nicht länger als fernes Klimaszenario behandeln lässt. Wenige Monate vor dem eigentlichen Präsidentschaftswahlkampf wäre deshalb eine programmatische Zäsur zu erwarten gewesen. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich ein anderes Bild: Die Bewerber um den Élysée-Palast sprechen häufiger über das Klima, ihre politischen Grundrezepte haben sie aber kaum verändert. Neu ist vor allem, dass neben der Verringerung der Emissionen die Anpassung an eine wärmere Welt ins Zentrum rückt. Ein Sommer, der aus Prognosen Gegenwart machte Frankreich war auf den Sommer 2026 wissenschaftlich vorbereitet – politisch weit weniger. Die Hitzewelle vom 17. Juni bis zum 2. Juli erfasste 92 Départements und damit praktisch das gesamte französische Mutterland. Santé publique France schätzt für diese Periode 5.764 zusätzliche Todesfälle. Während einer weiteren Hitzewe…

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  • Frankreichs Landwirtschaft nach dem Hitzesommer: Paris bereitet milliardenschwere Nothilfe vor

    Frankreichs Landwirtschaft nach dem Hitzesommer: Paris bereitet milliardenschwere Nothilfe vor

    Frankreichs Landwirtschaft steht nach einem außergewöhnlichen Sommer unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Wiederholte Hitzewellen, eine historische Trockenheit und großflächige Brände haben Ernten geschädigt, Weideflächen ausgedörrt und zahlreiche Betriebe in Liquiditätsschwierigkeiten gebracht. Landwirtschaftsministerin Annie Genevard bereitet deshalb ein umfassendes Hilfspaket vor. Doch die ursprünglich für den 3. September vorgesehene Präsentation wurde kurzfristig verschoben. Hinter der Verzögerung steht vor allem eine Frage, die angesichts der Dimension der Schäden zunehmend politisch wird: Wie viel kann und will der französische Staat für die Stabilisierung seiner Landwirtschaft ausgeben? Ein Notfallplan – und danach ein Wiederaufbauprogramm Die Regierung plant ihre Antwort in zwei Etappen. Zunächst soll ein Sofortprogramm jene Betriebe stabilisieren, die nach dem Sommer 2026 akut in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind. In einem zweiten Schritt soll ein umfassenderer „p…

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  • Frankreichs Hitzerechnung: Der Klimawandel wird zum Wirtschaftsfaktor

    Frankreichs Hitzerechnung: Der Klimawandel wird zum Wirtschaftsfaktor

    Lange ließ sich über den Klimawandel reden, als handle es sich vor allem um eine ökologische Herausforderung für kommende Jahrzehnte. Der Sommer 2026 räumt mit dieser bequemen Vorstellung auf. In Frankreich bekommt die Erderwärmung inzwischen ein Preisschild – und darauf steht eine Summe, die selbst in Paris niemand mehr als Randnotiz verbuchen dürfte.

    Die Rechnung für Hitzewellen und Dürre steigt.

    Nach ersten offiziellen Schätzungen könnten die außergewöhnlich hohen Temperaturen und die Trockenheit dem französischen Wirtschaftswachstum in diesem Jahr rund 0,1 Prozentpunkte nehmen. Eine solche Zahl wirkt auf den ersten Blick beinahe harmlos. Ein Zehntelprozentpunkt – was soll das schon sein?

    In einer Volkswirtschaft von der Größe Frankreichs lautet die Antwort: ziemlich viel.

    Bereits im August stand eine Belastung zwischen zehn und 15 Milliarden Euro im Raum. Damit lägen die wirtschaftlichen Schäden höher als während der schweren Dürre von 2022. Noch handelt es sich um vorläufige Berechnungen. Doch gerade darin steckt das Unangenehme: Die endgültige Rechnung dürfte erst sichtbar sein, wenn Ernten eingebracht, Versicherungsschäden erfasst, Reparaturen bezahlt und Produktionsausfälle bilanziert sind.

    Am deutlichsten zeigt sich die Lage auf Frankreichs Feldern. Landwirtschaft funktioniert seit jeher als Wirtschaften mit Unsicherheit. Bauern kennen schlechte Jahre, Hagel, Frost und Trockenperioden. Doch extreme Hitze und lang anhaltender Wassermangel verändern die Größenordnung des Risikos.

    Getreide, Mais, Obst und Gemüse leiden unter fehlendem Wasser und hohen Temperaturen. Auch der französische Weinbau, wirtschaftlich wie kulturell eine Institution des Landes, gerät unter Druck. Reben mögen Sonne. Irgendwann allerdings wird aus mediterraner Wärme schlicht Hitzestress.

    Für Viehhalter beginnt die Rechnung ebenfalls nicht erst bei der Ernte. Trockene Weiden bedeuten weniger Futter. Zusätzliches Futter kostet Geld. Kühe reagieren auf große Hitze zudem mit sinkender Milchleistung. So entsteht eine Kette wirtschaftlicher Belastungen, die beim Landwirt beginnt und irgendwann an der Supermarktkasse endet.

    Das ist der Punkt, an dem Klimapolitik plötzlich sehr alltäglich wird.

    Denn geringere Ernten bedeuten nicht bloß niedrigere Einkommen landwirtschaftlicher Betriebe. Sie beeinflussen Lebensmittelpreise, Importe, Handelsströme und staatliche Unterstützungsprogramme. Was auf einem ausgedörrten Maisfeld beginnt, landet womöglich Monate später auf dem Kassenzettel einer Familie in Lyon, Bordeaux oder Lille.

    Auch Frankreichs Energiesystem spürt die Hitze. Das Land setzt traditionell stark auf Kernenergie. Doch Kernkraftwerke brauchen Wasser zur Kühlung. Erwärmen sich Flüsse zu stark oder führen sie zu wenig Wasser, lässt sich die Produktion einzelner Anlagen nicht beliebig fortsetzen. Gleichzeitig leidet die Wasserkraft unter niedrigen Pegeln und geringen Reserven.

    Die Ironie liegt auf der Hand: Ausgerechnet dann, wenn Klimaanlagen, Kühlgeräte und andere elektrische Systeme stärker laufen, gerät die Stromproduktion teilweise unter zusätzlichen Druck.

    Nicht nur Maschinen kommen an Grenzen. Menschen ebenso.

    Wer bei 35 oder 40 Grad auf einer Baustelle arbeitet, auf einem Feld steht oder in einer schlecht gekühlten Halle körperliche Arbeit verrichtet, produziert nicht mit derselben Geschwindigkeit wie bei gemäßigten Temperaturen. Baustellen verlangsamen sich, Arbeitszeiten müssen angepasst werden, Fehlzeiten steigen. Selbst in Büros sinkt die Konzentration, wenn Gebäude nachts kaum noch abkühlen.

    Das klingt banal, ist volkswirtschaftlich jedoch ziemlich handfest. Produktivität besteht schließlich aus Millionen Arbeitsstunden. Werden viele davon weniger effizient, taucht der Effekt irgendwann in Unternehmensbilanzen und Konjunkturdaten auf.

    Und dann sind da noch jene Schäden, die besonders sichtbar auftreten: Waldbrände, beschädigte Straßen, belastete öffentliche Netze und Risse in Gebäuden.

    Vor allem das sogenannte Schrumpfen und Quellen tonhaltiger Böden entwickelt sich in Frankreich zu einem kostspieligen Problem. Trocknet solcher Boden stark aus und nimmt später wieder Wasser auf, bewegt er sich. Häuser bewegen sich leider nicht besonders gern mit. Risse in Wänden und Fundamenten führen zu hohen Reparaturkosten und Versicherungsfällen.

    Spätestens hier endet die Vorstellung, Klimaschäden beträfen ausschließlich Landwirte oder Bewohner besonders heißer Regionen. Sie erreichen Hauseigentümer, Versicherer, Kommunen, Steuerzahler und letztlich den Staat.

    Das eigentlich Beunruhigende am Sommer 2026 liegt deshalb weniger in der Zahl von zehn oder 15 Milliarden Euro. Frankreich könnte eine solche Summe verkraften. Eine große Volkswirtschaft stolpert nicht wegen eines einzelnen heißen Sommers aus den Schuhen.

    Problematisch wird die Sache, wenn aus dem außergewöhnlichen Ereignis eine wiederkehrende Belastung entsteht.

    Genau darauf deutet vieles hin. Unternehmen, Gemeinden und Zentralstaat müssen mehr Geld in Anpassung investieren: Wasserreserven sichern, Leitungsnetze modernisieren, landwirtschaftliche Kulturen widerstandsfähiger machen, Gebäude gegen Hitze schützen und Wälder besser vor Bränden bewahren. Das sind keine hübschen Zusatzprojekte für Zeiten voller Staatskassen. Sie entwickeln sich zur wirtschaftlichen Infrastruktur des 21. Jahrhunderts.

    Frankreich steht damit vor einer unangenehmen fiskalischen Wahrheit. Klimaschäden kosten Geld – Klimaanpassung ebenfalls.

    Nichts zu tun wäre trotzdem die teuerste Variante. Wer eine Straße erst repariert, nachdem extreme Hitze sie beschädigt hat, spart vorher lediglich auf dem Papier. Wer Städte nicht gegen hohe Temperaturen vorbereitet, bezahlt später über Gesundheitskosten, Produktivitätsverluste und steigenden Energiebedarf. Und wer Landwirtschaft dauerhaft von immer knapperem Wasser abhängig lässt, verschiebt das Problem lediglich bis zur nächsten Dürre.

    So verändert sich auch die politische Debatte. Klimaschutz erschien lange als Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie: Auf der einen Seite Umweltschützer, auf der anderen Unternehmen, Arbeitsplätze und Wachstum. Diese Gegenüberstellung verliert zunehmend ihren Sinn.

    Der Klimawandel selbst ist längst ein ökonomischer Faktor.

    Er beeinflusst Wachstum, Lebensmittelpreise, Energieversorgung, Versicherungsprämien, Immobilienwerte und öffentliche Haushalte. Selbst die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Branchen hängt davon ab, wie gut sie mit Hitze, Wassermangel und anderen Extremereignissen umgehen.

    Frankreich erlebt damit eine Entwicklung, die weit über seine Grenzen hinausweist. Europas Volkswirtschaften müssen Klimarisiken zunehmend so behandeln, wie sie Energiepreise, Zinsen oder Rohstoffversorgung behandeln: als reale Größe wirtschaftlicher Planung.

    Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, was ein heißer Sommer kostet.

    Sie lautet, wie teuer eine Zukunft wird, in der solche Sommer nicht länger Ausnahme, sondern Teil der wirtschaftlichen Normalität sind.

    Und diese Rechnung hat gerade erst begonnen.

    Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Das Meer wird wärmer, die Netze voller Quallen – und irgendwann bleibt der Teller leer

    Kommentar: Das Meer wird wärmer, die Netze voller Quallen – und irgendwann bleibt der Teller leer

    Es gibt Nachrichten, bei denen man sich fragt, ob die Wirklichkeit inzwischen einen Satiriker beschäftigt. Einen ziemlich schwarzen noch dazu. Französische Fischer fahren hinaus aufs Meer, werfen ihre Netze aus – und ziehen statt Sardinen, Makrelen oder anderer Fische vor allem glibberige Quallen an Bord. Willkommen in einer Zukunft, in der das Meer zwar noch reichlich Leben hervorbringt, nur leider immer öfter das falsche.

    Klimawandel? Ach was. Wird schon nicht so schlimm werden.

    Ein bisschen wärmeres Wasser, ein paar hübsche neue Badetemperaturen, vielleicht verlängert sich sogar die Saison an der französischen Küste. Was soll daran schon dramatisch sein?

    Nun, fragen wir doch einmal einen Fischer, dessen Netz so voller Quallen steckt, dass er es kaum noch aus dem Wasser bekommt.

    Die Hitzewellen dieses Sommers treffen nämlich nicht nur Menschen, Wälder und Landwirtschaft. Auch die französischen Meere reagieren auf ungewöhnlich hohe Temperaturen. Und dort zeigt sich eine jener Nebenwirkungen, die in der großen Klimadebatte gern untergehen: Massenhafte Quallenvorkommen erschweren regional die Fischerei erheblich.

    Das Problem klingt zunächst fast komisch.

    Quallen gegen Fischer.

    David gegen Goliath, nur eben glibberiger.

    Doch wer genauer hinsieht, dem vergeht das Lachen ziemlich schnell. Quallen gelangen in großer Zahl in die Netze und machen sie schwer. Ihr Schleim und ihre Nesselzellen beeinträchtigen den Fang. Fischer verbringen zusätzliche Zeit damit, ihre Geräte zu reinigen, verlieren Arbeitsstunden und verbrauchen Treibstoff für Fahrten, deren Ertrag schlimmstenfalls nicht einmal die Kosten deckt.

    Man fährt also hinaus, bezahlt Diesel, Personal, Wartung und Ausrüstung – und bringt am Ende eine Ladung glitschiger Meeresbewohner nach Hause, für die auf dem Fischmarkt niemand begeistert die Geldbörse zückt.

    Läuft.

    Besonders bitter daran: Die Fischerei steht ohnehin unter enormem Druck. Überfischung, steigende Betriebskosten, internationale Konkurrenz, Fangquoten und Veränderungen der Meeresökosysteme verlangen den Betrieben seit Jahren einiges ab. Nun mischt auch noch eine uralte Tiergruppe mit, deren Vertreter seit Hunderten Millionen Jahren durch die Ozeane treiben und offenbar ausgezeichnet mit Bedingungen zurechtkommen, unter denen andere Arten zunehmend Probleme bekommen.

    Natürlich wäre es wissenschaftlich unseriös, jede einzelne Quallenplage mit einem roten Stempel zu versehen: „Verursacht durch Klimawandel.“

    So einfach arbeitet die Natur nicht.

    Quallenpopulationen schwanken aus zahlreichen Gründen. Meeresströmungen, Nahrungsangebot, Fortpflanzungsbedingungen und Veränderungen innerhalb der Nahrungsketten spielen hinein. Auch Überfischung besitzt eine Bedeutung, denn weniger Fische bedeuten teilweise weniger Konkurrenz und weniger natürliche Gegenspieler. Schildkröten und bestimmte Fischarten fressen Quallen. Gerät dieses Gefüge aus dem Takt, entstehen ökologische Freiräume.

    Steigende Meerestemperaturen liefern manchen Quallenarten zusätzlich günstige Bedingungen. Wärmeres Wasser beeinflusst Stoffwechsel, Entwicklung und Fortpflanzungszyklen. Treffen mehrere Faktoren zusammen, entsteht jene Mischung, die Fischer überhaupt nicht gebrauchen können.

    Und plötzlich führt die abstrakte Debatte über Zehntelgrade mitten hinein in unseren Alltag.

    Denn Fischerei bedeutet nicht bloß romantische kleine Boote im Morgennebel, Hafenrestaurants und Möwengeschrei. Sie bedeutet Nahrung.

    Ernährungssicherheit hängt davon ab, dass Ökosysteme einigermaßen zuverlässig funktionieren. Nicht perfekt, nicht unverändert und schon gar nicht nach menschlichem Wunschzettel – aber stabil genug, damit Landwirtschaft, Fischerei und Aquakultur planbar bleiben.

    Genau hier liegt der Punkt, der viel zu selten ausgesprochen wird.

    Der Klimawandel bedroht unsere Ernährung nicht ausschließlich durch vertrocknete Felder, Überschwemmungen oder schlechte Ernten. Seine Folgen laufen durch komplizierte ökologische Ketten. Wasser erwärmt sich, Arten wandern, andere vermehren sich stärker, Nahrungsketten verschieben sich – und irgendwann steht ein Fischer auf seinem Boot und zieht ein Netz hoch, in dem kaum noch verkäuflicher Fang liegt.

    Keine Hollywood-Apokalypse. Kein dramatischer Weltuntergang mit Donner und Feuer.

    Nur ein schlechtes Netz.

    Und noch eines.

    Und irgendwann eine Fahrt, die sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt.

    Genau darin liegt die Tücke ökologischer Veränderungen. Sie kommen selten mit Sirene und rotem Warnlicht. Sie schleichen sich in Kalkulationen, Arbeitsabläufe und Lebensmittelpreise. Aus einem biologischen Phänomen entsteht ein wirtschaftliches Problem. Aus vielen wirtschaftlichen Problemen entsteht irgendwann ein gesellschaftliches.

    Die Quallen selbst trifft dabei übrigens keinerlei Schuld. Sie machen schlicht das, was Lebewesen seit Anbeginn des Lebens tun: Sie nutzen Bedingungen, die ihnen Vorteile bieten.

    Fast möchte man ihnen gratulieren.

    Während der Mensch seit Jahrzehnten Konferenzen veranstaltet, Klimaziele formuliert, verschiebt, neu formuliert und anschließend darüber diskutiert, ob das alles vielleicht doch ein bisschen unbequem und teuer sei, treiben die Quallen völlig unbeeindruckt durch das wärmere Wasser.

    Keine Pressekonferenz. Kein Aktionsplan. Keine Arbeitsgruppe.

    Einfach vermehren.

    Dabei reichen die Folgen großer Quallenvorkommen weit über die Fischerei hinaus. Sie beeinträchtigen Badegebiete, belasten Aquakulturen und geraten sogar in technische Anlagen. Frankreich kennt bereits die grotesk anmutende Situation, dass Quallen die Kühlwassersysteme des Kernkraftwerks Gravelines beeinträchtigten und Reaktoren vorübergehend abgeschaltet werden mussten.

    Man muss diesen Satz tatsächlich zweimal lesen.

    Eine hoch technisierte Industrienation baut Kernreaktoren, Stromnetze und gewaltige Infrastruktur – und dann kommt eine Armee aus nahezu hirnlosen Gallertwesen angeschwommen und sagt sinngemäß: „Heute nicht.“

    Die Natur besitzt Humor. Leider einen ziemlich trockenen.

    Noch gravierender erscheint jedoch die langfristige Frage: Was geschieht, wenn marine Hitzewellen häufiger auftreten und gleichzeitig Überfischung, Verschmutzung sowie Veränderungen der Küstenräume die Ökosysteme weiter schwächen?

    Dann geht es nicht mehr darum, ob Urlauber beim Baden einer Qualle begegnen.

    Dann reden wir über die Belastbarkeit unserer Nahrungsmittelsysteme.

    Niemand muss deshalb morgen Konservendosen im Keller stapeln. Frankreich steht nicht unmittelbar vor leeren Fischtheken, und Quallen werden auch nicht plötzlich sämtliche Speisefische aus europäischen Gewässern vertreiben. Solche Behauptungen wären Alarmismus.

    Doch Ernährungssicherheit zerbricht selten über Nacht.

    Sie erodiert.

    Ein schlechter Fang hier, eine Dürre dort, höhere Energiepreise, veränderte Fischbestände, Krankheiten in Aquakulturen, Ernteausfälle, steigende Transportkosten – jedes einzelne Problem erscheint beherrschbar. Gemeinsam ergeben sie eine Rechnung, die irgendwann jemand bezahlen muss.

    Meistens sitzt dieser Jemand an der Supermarktkasse.

    Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Klimawandel ausschließlich als abstraktes Umweltproblem für kommende Generationen zu betrachten. Er berührt Wirtschaft, Energieversorgung und Ernährung bereits dort, wo Menschen heute arbeiten.

    Manchmal sieht diese Realität nicht spektakulär aus.

    Manchmal ist sie durchsichtig, glibberig und steckt zu Tausenden im Fischernetz.

    Und während wir noch darüber streiten, ob uns Klimaschutz zu teuer kommt, liefert das Meer bereits eine andere Rechnung.

    Mit Quallen statt Fisch.

    Daniel Ivers

  • Nach dem Feuer: Was geschieht mit den verbrannten Wäldern?

    Nach dem Feuer: Was geschieht mit den verbrannten Wäldern?

    Schwarze Stämme, graue Erde, verkohlte Äste – nach einem Waldbrand sieht die Landschaft aus, als sei jedes Leben aus ihr gewichen. Doch der erste Eindruck täuscht. Ein verbrannter Wald ist nicht zwangsläufig ein verlorener Wald. Und selbst das geschwärzte Holz ist längst nicht immer wertlos.

    Was nach den Flammen geschieht, hängt von der Stärke des Feuers, dem Zustand der Bäume, dem wirtschaftlichen Wert des Holzes und nicht zuletzt von den ökologischen Zielen für die betroffene Fläche ab. Einfach alles fällen und abtransportieren? So läuft es heute meist nicht mehr.

    Ist lediglich die Rinde verkohlt, bleibt das Innere eines Stammes mitunter erstaunlich gut erhalten. Solches Holz muss allerdings rasch aus dem Wald. Innerhalb weniger Monate drohen holzfressende Insekten, allen voran Borkenkäfer, sowie Pilze die Qualität zu beeinträchtigen. Rechtzeitig geerntet, eignet sich das Material noch für Bauholz, Paletten oder Holzwerkstoffplatten.

    Bei stärker beschädigten Stämmen sieht die Sache anders aus. Sie landen beispielsweise in der Papier- und Spanplattenproduktion oder dienen als Brennstoff für Biomasseheizwerke. Doch hier lauert ein wirtschaftliches Problem: Brennen gleichzeitig riesige Waldflächen, gelangen enorme Holzmengen auf einen Markt, der dafür schlicht nicht ausgelegt ist.

    Genau diese Situation stellt Frankreich 2026 vor Schwierigkeiten. Mehr als 120.000 Hektar Wald gingen in Flammen auf. Damit drängen mehrere Millionen Tonnen Holz nahezu gleichzeitig auf den Markt. Französische Sägewerke besitzen kaum die Kapazitäten, solche Mengen binnen weniger Monate aufzunehmen. Wertvolles Material droht deshalb zum vergleichsweise günstigen Energieholz zu werden. Für Waldbesitzer bedeutet das erhebliche finanzielle Verluste.

    Doch nicht jeder tote Baum soll überhaupt verkauft werden.

    Die moderne Forstwirtschaft betrachtet abgestorbene Stämme längst nicht mehr bloß als Abfall, der möglichst schnell verschwinden muss. Totholz bietet Lebensraum für Insekten und Vögel, Pilze und unzählige Mikroorganismen. Während es langsam zerfällt, gelangen Nährstoffe zurück in den Boden. Gerade in geschützten Gebieten bleibt deshalb bewusst ein beträchtlicher Teil des verbrannten Holzes liegen. Was für Spaziergänger bisweilen nach Unordnung aussieht, erfüllt im Ökosystem eine ziemlich wichtige Aufgabe.

    Nach der Bergung und Sicherung beginnt die eigentliche Zukunftsarbeit: der Wiederaufbau des Waldes. Dabei stehen Förster vor einer grundsätzlichen Entscheidung. Wo junge Bäume von selbst aufkommen, erhält die natürliche Verjüngung häufig Vorrang. Andernorts muss gepflanzt werden.

    Dabei verändert sich die Strategie. Statt erneut große Flächen mit nur einer Baumart zu bestücken, setzen Forstleute zunehmend auf Vielfalt. Unterschiedliche Arten sollen Wälder widerstandsfähiger gegen Trockenheit, Hitze und künftige Brände machen. Salopp gesagt: Alles auf eine Baumkarte zu setzen, erscheint angesichts des Klimawandels ziemlich riskant.

    Wie aufwendig dieser Prozess ausfällt, zeigten bereits die großen Waldbrände in der Gironde im Jahr 2022. Dort dauerte allein die umfangreiche Bergung abgestorbener Bäume nahezu zwei Jahre. Inzwischen richtet sich der Blick stärker auf einen widerstandsfähigen Wiederaufbau, bei dem Artenvielfalt und natürliche Verjüngung eine größere Rolle spielen.

    Ohnehin besitzt die Natur erstaunliche Reparaturmechanismen. Besonders mediterrane Ökosysteme leben seit Jahrhunderten mit Feuer. Arten wie die Korkeiche oder die Aleppo-Kiefer zeigen ausgeprägte Anpassungen an Brände und erholen sich teilweise überraschend schnell.

    Doch diese Widerstandskraft besitzt Grenzen. Folgen Feuer in immer kürzeren Abständen aufeinander, fehlt jungen Bäumen die Zeit, sich zu entwickeln und fortzupflanzen. Steigende Temperaturen und häufigere Dürren verschärfen den Druck zusätzlich.

    Nach einem Brand entscheidet sich deshalb nicht nur, was mit Millionen verkohlter Stämme geschieht. Es entscheidet sich auch, wie der Wald von morgen aussehen soll. Zwischen Sägewerk, Totholz, natürlicher Verjüngung und gezielter Aufforstung entsteht eine neue Landschaft – im besten Fall vielfältiger und widerstandsfähiger als zuvor.

    Daniel Ivers