Schlagwort: Klimawandel

  • El Niño: Frankreichs vergessene Inseln stehen vor einer Bewährungsprobe

    El Niño: Frankreichs vergessene Inseln stehen vor einer Bewährungsprobe

    Während Paris über den kommenden Winter rätselt, bereiten sich Tausende Kilometer entfernt französische Bürger auf Wirbelstürme, Überschwemmungen und Wassermangel vor. Der außergewöhnlich starke El Niño zeigt, wie weit Frankreichs Verantwortung reicht – und wie schnell die Überseegebiete aus dem Blickfeld der Republik geraten.

    Frankreich blickt gern auf sich selbst als europäische Macht. Seine politischen Debatten kreisen um Paris, seine wirtschaftlichen Sorgen um die Metropole, seine Wetterberichte um Atlantiktiefs und mediterrane Hitzewellen. Doch die Republik endet nicht an den Stränden der Bretagne oder der Côte d’Azur. Sie erstreckt sich über Ozeane, Zeitzonen und Klimaregionen. Und ausgerechnet dort, wo Frankreich auf der Landkarte oft nur als winziger Punkt erscheint, kündigt sich eine ernste Bewährungsprobe an.

    El Niño, jenes gewaltige Klimaphänomen im tropischen Pazifik, erreicht außergewöhnliche Stärke. Bis weit ins Jahr 2027 hinein könnten seine Auswirkungen spürbar bleiben. Für Französisch-Polynesien bedeutet das eine erhöhte Gefahr tropischer Wirbelstürme und extremer Niederschläge. Neukaledonien hingegen drohen anhaltende Trockenheit, Wasserknappheit und Vegetationsbrände.

    Ein und dasselbe Naturphänomen, zwei gegensätzliche Bedrohungen. Die Natur hält sich eben nicht an politische Zuständigkeiten.

    Dabei wäre es bequem, El Niño als meteorologische Kuriosität abzutun. Warmes Oberflächenwasser verschiebt sich im Pazifik, Passatwinde schwächeln, Regenzonen wandern. Was nach einem Kapitel aus dem Geographiebuch klingt, entscheidet auf abgelegenen Inseln über Trinkwasser, Ernten, Stromversorgung und mitunter Menschenleben.

    Die Zahlen aus Neukaledonien sprechen bereits eine deutliche Sprache. In den ersten 19 Oktobertagen fielen lediglich 19 Millimeter Regen, rund 68 Prozent weniger als gewöhnlich. Für europäische Großstädter mag das nach einem ungewöhnlich trockenen Herbst klingen. Für landwirtschaftlich geprägte Regionen, deren Versorgung unmittelbar von regelmäßigen Niederschlägen abhängt, beginnt damit eine gefährliche Entwicklung.

    In Französisch-Polynesien wiederum prüfen Familien ihre Dächer, Gemeinden ihre Notfallpläne und Krankenhäuser ihre Vorräte. Eine tropische Insel verliert ihren Postkartenzauber ziemlich schnell, sobald Häfen unpassierbar, Straßen überschwemmt und medizinische Einrichtungen von der Außenwelt abgeschnitten sind.

    Immerhin nimmt der französische Staat die Bedrohung ernst. Anfang Oktober probten Behörden, Rettungsdienste und Versorgungsunternehmen anhand eines fiktiven Sturms den Ernstfall. Auch das nationale Krisenzentrum in Paris war eingebunden. Zusätzliche Einsatzkräfte sollen bei drohender Gefahr möglichst frühzeitig bereitstehen.

    Das ist vernünftig. Aber es genügt nicht.

    Denn Katastrophenschutz beginnt nicht mit dem ersten Sturmwarnsignal. Er beginnt Jahre zuvor, bei widerstandsfähigen Stromnetzen, sicheren Wasserreservoirs, funktionierenden Kommunikationswegen und ausreichend ausgestatteten Krankenhäusern. Gerade weit verstreute Inselgruppen benötigen eine Infrastruktur, die auch dann trägt, wenn Flugzeuge am Boden bleiben und Schiffe keinen Hafen erreichen.

    Die Erfahrungen mit dem verheerenden Zyklon Chido auf Mayotte im Dezember 2024 sollten Frankreich eine bleibende Mahnung sein. Naturgewalten lassen sich nicht verhindern. Ihre gesellschaftlichen Folgen jedoch hängen entscheidend davon ab, wie ernst ein Staat seine Vorsorgepflicht nimmt.

    Hinzu kommt eine politische Frage, die weit über Wetterprognosen hinausreicht: Wie gleichberechtigt behandelt Frankreich seine Bürger in Übersee tatsächlich?

    Wer auf Tahiti, Neukaledonien oder Wallis und Futuna lebt, darf denselben staatlichen Schutz erwarten wie ein Einwohner von Bordeaux oder Lyon. Geographische Entfernung rechtfertigt keine politische Nachlässigkeit. Im Gegenteil: Gerade die Abgeschiedenheit vieler Inseln verlangt besondere Aufmerksamkeit.

    Natürlich wäre es unseriös, aus einem starken El Niño bereits konkrete Katastrophen abzuleiten. Klimaprognosen beschreiben Wahrscheinlichkeiten, keine unabwendbaren Schicksale. Ebenso wenig erklärt El Niño allein den menschengemachten Klimawandel. Doch in einer langfristig wärmeren Welt treffen natürliche Klimaschwankungen auf ohnehin belastete Ökosysteme und Gesellschaften. Das verschärft die Anforderungen an verantwortliche Politik.

    Für das europäische Frankreich bleibt die unmittelbare Wetterwirkung des El Niño unsicher. Ob Paris einen milden Winter erlebt, ist deshalb eher eine Frage für Meteorologen als für politische Grundsatzdebatten.

    Die entscheidende Frage liegt anderswo.

    Frankreich bezeichnet sich mit Recht als weltumspannende Republik. Dieser Anspruch verpflichtet allerdings auch dann, wenn die betroffenen Bürger weit entfernt vom Élysée-Palast leben und ihre Sorgen selten die Schlagzeilen der Hauptstadt bestimmen.

    Die kommenden Monate dürften zeigen, ob Frankreich seine pazifischen Gebiete lediglich auf der Landkarte besitzt – oder ob es ihnen auch in der Krise die Aufmerksamkeit schenkt, die sie verdienen.

    Denn die Glaubwürdigkeit einer Republik bemisst sich nicht an der Entfernung ihrer Grenzen, sondern daran, wie zuverlässig sie ihre Menschen schützt.

    C. Hatty

  • Spaniens Sommer kennt kein Ende – Rekordhitze bis in den Herbst

    Spaniens Sommer kennt kein Ende – Rekordhitze bis in den Herbst

    Der Sommer wollte einfach nicht gehen. Während sich Europa langsam auf kühlere Tage einstellte, glühte Spanien weiter unter einer Sonne, die offenbar wenig Lust auf Herbst verspürte. Der September 2026 schrieb Klimageschichte: Mit durchschnittlich 22,5 Grad erlebte das spanische Festland seinen wärmsten September seit Beginn der landesweiten Messungen im Jahr 1961. Ein Rekord, der weit über die Iberische Halbinsel hinaus Fragen aufwirft.

    Stand: 24. Oktober 2026

    Wenn der Herbst plötzlich Sommer spielt

    Normalerweise bringt der September in Spanien eine erste Verschnaufpause. Die Strände leeren sich langsam, die Abende fühlen sich frischer an, und in den Straßencafés kehrt nach der sommerlichen Betriebsamkeit etwas Ruhe ein.

    Doch 2026 lief alles anders.

    Mit 22,5 Grad im Monatsdurchschnitt lag die Temperatur auf dem spanischen Festland satte 3,4 Grad über dem langjährigen Septembermittel. Selbst der bisherige Rekord aus dem Jahr 1987 blieb um 0,7 Grad zurück.

    Besonders bemerkenswert: Der September war sogar wärmer als ein durchschnittlicher spanischer Sommer. Für die Monate Juni bis August liegt das langjährige Temperaturmittel nämlich bei 22,1 Grad.

    Ein Herbstmonat, der den Sommer übertrifft – wer hätte das vor wenigen Jahrzehnten für möglich gehalten?

    Andalusien schwitzte bei über 44 Grad

    Wie außergewöhnlich die Situation ausfiel, zeigte sich besonders im Süden des Landes.

    Am 3. September registrierten die Meteorologen in Morón de la Frontera unglaubliche 44,4 Grad. Am Flughafen von Sevilla kletterte das Thermometer auf 44 Grad, in Córdoba auf 43,5 Grad.

    Temperaturen, bei denen selbst ein kurzer Spaziergang zur Herausforderung gerät.

    Und nachts? Auch dann blieb die ersehnte Abkühlung vielerorts aus. Die durchschnittlichen Tiefsttemperaturen lagen 2,1 Grad über dem üblichen Niveau. Bei den Tageshöchstwerten betrug die Abweichung sogar 4,6 Grad.

    Zwischen dem 2. und 7. September erfasste eine Hitzewelle das spanische Festland und die Balearen. Weitere Wärmephasen folgten. Auf den Kanaren zählten die Meteorologen gleich drei kurze Hitzewellen.

    Für viele Menschen bedeutete das zusätzliche Wochen mit geschlossenen Fensterläden, laufenden Ventilatoren und Nächten, in denen der Schlaf nur schwer zu finden war.

    Ein Sommer, der bereits Rekorde brach

    Dabei begann die ungewöhnliche Geschichte lange vor September.

    Schon der meteorologische Sommer von Juni bis August stellte einen neuen Temperaturrekord auf. Durchschnittlich 24,5 Grad bedeuteten einen Vorsprung von 0,3 Grad gegenüber dem bisherigen Rekordsommer 2025.

    Die zehn heißesten Sommer seit Beginn der spanischen Messreihe fallen inzwischen allesamt ins 21. Jahrhundert.

    Bereits in der zweiten Maihälfte hatte Spanien Temperaturen erlebt, die eher zum Hochsommer passen. Mit dem außergewöhnlichen September dehnte sich die warme Jahreszeit praktisch über mehrere Monate aus.

    Der Kalender sagte Herbst. Das Thermometer widersprach.

    Hitze und Trockenheit – eine gefährliche Mischung

    Zur ungewöhnlichen Wärme gesellte sich ein weiteres Problem: Regen blieb vielerorts Mangelware.

    Auf dem spanischen Festland fielen im September durchschnittlich gerade einmal 15,9 Liter pro Quadratmeter. Das entspricht lediglich 36 Prozent der üblichen Niederschlagsmenge.

    Damit rangiert der September 2026 unter den sieben trockensten Septembermonaten seit 1961.

    Für Böden, Landwirtschaft und natürliche Ökosysteme bedeutet eine solche Kombination zusätzlichen Stress. Hohe Temperaturen fördern die Verdunstung, während fehlende Niederschläge die Wasservorräte kaum auffüllen.

    Zwar gab es örtlich kräftige Regengüsse. Am Flughafen von Valencia fielen beispielsweise am 16. September 71,9 Liter pro Quadratmeter innerhalb eines Tages. Doch solche Ereignisse änderten wenig an der landesweiten Trockenheit.

    Auch Frankreich spürte den verlängerten Sommer

    Die Hitze machte an den Pyrenäen keineswegs halt.

    Frankreich erlebte seinen zweitwärmsten September seit Beginn der dortigen Temperaturmessreihe im Jahr 1900. Die Temperaturen lagen landesweit 3,1 Grad über dem Vergleichsmittel von 1991 bis 2020.

    Gleichzeitig fehlten rund 70 Prozent des üblichen Regens. An der Côte d’Azur und in weiten Teilen Korsikas blieb der September sogar vollständig trocken.

    Der europäische Klimadienst Copernicus stellte für Westeuropa einen außergewöhnlichen Wärmemonat fest. Gemeinsam mit September 2023 erreichte der September 2026 dort den höchsten Wert seiner Auswertung.

    Anhaltende Hochdrucklagen und ungewöhnlich warme Meeresoberflächen im westlichen Mittelmeer sowie im östlichen Nordatlantik begünstigten diese Entwicklung.

    Wenn die Jahreszeiten ihre Grenzen verlieren

    Was bedeutet ein solcher September für die Zukunft?

    Ein einzelner Rekord erklärt noch nicht den gesamten Klimawandel. Doch er fügt sich in eine langfristige Entwicklung ein, die Klimaforscher seit Jahrzehnten beobachten: Hitzewellen treten häufiger auf, dauern länger und erreichen höhere Temperaturen.

    Der menschengemachte Klimawandel verstärkt diese Entwicklung erheblich.

    Für Spanien bedeutet das neue Herausforderungen bei Wasserversorgung, Landwirtschaft, Stadtplanung und Gesundheitsschutz. Besonders ältere Menschen, Kinder und Personen mit Vorerkrankungen leiden unter anhaltender Hitze.

    Auch für Südfrankreich stellt sich zunehmend die Frage, wie sich Städte und Gemeinden auf längere Wärmeperioden einstellen sollen.

    Denn was früher als ungewöhnlich heißer Spätsommertag galt, könnte künftig häufiger zum herbstlichen Alltag gehören.

    Spaniens RekordSeptember 2026 erinnert daran, dass sich der Klimawandel nicht allein in spektakulären Temperaturspitzen zeigt. Manchmal liegt seine eigentliche Wucht in der Dauer – in Wochen, in denen die ersehnte Abkühlung ausbleibt.

    Und während die ersten Herbstblätter fallen, bleibt eine unbequeme Erkenntnis: Die Jahreszeiten halten sich längst nicht mehr zuverlässig an ihre vertrauten Grenzen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Unwetter in Südfrankreich: Mindestens vier Tote nach verheerenden Überschwemmungen

    Unwetter in Südfrankreich: Mindestens vier Tote nach verheerenden Überschwemmungen

    Heftige Regenfälle, überflutete Straßen und dramatische Rettungseinsätze: Der Südosten Frankreichs erlebt eine der schwersten Unwetterkatastrophen dieses Herbstes. Mindestens vier Menschen verloren ihr Leben, eine weitere Person gilt als vermisst. Besonders auf Korsika erreichten die Niederschläge historische Rekordwerte.

    Die traurige Bilanz der Unwetterkatastrophe in Südfrankreich ist am Mittwochabend, 21. Oktober, erneut gestiegen. Nach Angaben der französischen Behörden starben mindestens vier Menschen infolge der seit Montag anhaltenden Starkregenfälle. Drei Todesopfer beklagt das Département Bouches-du-Rhône, ein weiteres die Mittelmeerinsel Korsika. Im benachbarten Département Var suchen Rettungskräfte weiterhin nach einem vermissten Mann.

    Besonders erschütternd ist das Schicksal zweier Frauen im Alter von 26 und 86 Jahren. Ihre leblosen Körper entdeckten Einsatzkräfte in einem überfluteten Keller in Lançon-Provence. Die genauen Umstände ihres Todes sind bislang nicht vollständig geklärt.

    Wassermassen reißen Menschen und Fahrzeuge mit

    Bereits am Dienstag erfasste die Strömung in Saint-Mitre-les-Remparts, westlich von Marseille, einen 75 Jahre alten Mann. Seine Leiche tauchte später bei Istres auf.

    Auch auf Korsika spielte sich eine Tragödie ab. Nahe Ghisonaccia riss der angeschwollene Fluss Fium’Orbu einen Geländewagen mit zwei Insassen mit. Einer der Männer rettete sich durch ein Fahrzeugfenster ins Freie. Für seinen 65 Jahre alten Begleiter kam jede Hilfe zu spät. Rettungskräfte bargen ihn am späten Dienstagabend tot.

    Im Département Var konzentriert sich die Suche auf Roquebrune-sur-Argens. Dort entdeckten Einsatzkräfte ein verunglücktes, verlassenes Fahrzeug nahe einem Wasserlauf. Ob dessen Fahrer ebenfalls von den Fluten erfasst wurde, bleibt ungeklärt.

    Historischer Regenrekord auf Korsika

    Das Ausmaß der Niederschläge sprengt selbst für die an heftige Herbstunwetter gewöhnte Mittelmeerregion außergewöhnliche Dimensionen.

    In Solenzara auf Korsika fielen innerhalb von nur sechs Stunden 538,5 Millimeter Regen – ein neuer französischer Rekord außerhalb der Überseegebiete. Binnen 24 Stunden summierten sich die Niederschläge auf unglaubliche 612,7 Millimeter. Das entspricht mehr als dem Fünffachen der dort üblichen Regenmenge eines gesamten Oktobers.

    Auch auf dem Festland öffnete der Himmel seine Schleusen. Saint-Chamas verzeichnete 315 Millimeter, Salon-de-Provence 279 Millimeter und Istres 275 Millimeter Niederschlag.

    Die Folgen sind gravierend. Auf Korsika mussten 21 Bewohner eines Pflegeheims in Prunelli-di-Fiumorbo ihre Unterkunft verlassen. Zeitweise saßen rund 8.500 Haushalte ohne Strom da. Eine Brücke auf der Zufahrtsstraße zum Bergdorf Chisa brach unter den Wassermassen zusammen.

    Wetter beruhigt sich – Schäden bleiben

    Am Donnerstagmorgen, 22. Oktober, zeichnet sich zumindest meteorologisch eine Entspannung ab. Doch für zahlreiche Betroffene beginnt jetzt erst die mühsame Aufräumarbeit.

    In Saint-Martin-de-Crau fanden rund 250 Menschen vorübergehend Schutz in Notunterkünften. In Arles und Saint-Martin-de-Crau beeinträchtigen Stromausfälle weiterhin den Alltag. Für Freitag erwarten Meteorologen erneut leichte Niederschläge.

    Die Katastrophe wirft zugleich Fragen nach den Folgen des Klimawandels auf. Langfristige Untersuchungen zeigen, dass die Intensität mediterraner Starkregenereignisse zwischen 1961 und 2025 um etwa elf Prozent zunahm. Besonders extreme Regenepisoden mit mehr als 200 Millimetern binnen 24 Stunden traten rund 50 Prozent häufiger auf.

    Welchen konkreten Anteil der Klimawandel an diesem einzelnen Unwetter trägt, lässt sich daraus allerdings nicht unmittelbar ableiten.

    Für die Menschen in den betroffenen Gemeinden stehen ohnehin zunächst andere Fragen im Vordergrund: Wann kehrt der Strom zurück? Welche Häuser bleiben bewohnbar? Und vor allem: Finden die Rettungskräfte den vermissten Mann noch lebend?

    Stand: Donnerstag, 22. Oktober 2026, 9 Uhr.

    C. Hatty

  • Jahrhundertregen auf Korsika: Neuer französischer Niederschlagsrekord – mindestens zwei Tote

    Jahrhundertregen auf Korsika: Neuer französischer Niederschlagsrekord – mindestens zwei Tote

    Mehr als 538 Liter Regen pro Quadratmeter innerhalb von sechs Stunden: Ein außergewöhnliches Unwetter hat die französische Mittelmeerinsel Korsika heimgesucht und einen neuen nationalen Niederschlagsrekord aufgestellt. Straßen verwandelten sich in reißende Flüsse, Häuser standen meterhoch unter Wasser. Ein vermisster Mann wurde tot aufgefunden. Auch auf dem französischen Festland forderten die Unwetter ein Menschenleben.

    Was sich am Dienstag, dem 20. Oktober, an der Ostküste Korsikas abspielte, sprengt selbst für eine an heftige Herbststürme gewöhnte Mittelmeerregion die üblichen Maßstäbe. An der Wetterstation des Luftwaffenstützpunkts Solenzara registrierte der französische Wetterdienst Météo-France innerhalb von nur sechs Stunden unglaubliche 538,5 Millimeter Niederschlag.

    Das entspricht mehr als einem halben Meter Wasser auf jedem Quadratmeter Boden.

    Seit Beginn der Unwetter summierte sich die Regenmenge in Solenzara sogar auf 596 Millimeter. Zum Vergleich: Im gesamten Oktober fallen dort normalerweise durchschnittlich 119,2 Millimeter. Innerhalb weniger Stunden ging somit etwa die fünffache übliche Monatsmenge nieder.

    Ein Regenrekord, der Geschichte schreibt

    Mit den gemessenen 538,5 Millimetern innerhalb von sechs Stunden übertraf Solenzara den bisherigen französischen Rekord für das europäische Mutterland. Dieser stammte vom 19. September 2020, als in Valleraugue im südfranzösischen Département Gard innerhalb desselben Zeitraums 525,5 Millimeter registriert worden waren.

    Besonders dramatisch entwickelte sich die Situation am Dienstagvormittag. Zwischen 10.06 und 11.06 Uhr fielen allein 196,2 Millimeter Regen – deutlich mehr als die durchschnittliche Niederschlagsmenge eines gesamten Oktobermonats.

    Solche Wassermassen bringen selbst gut ausgebaute Entwässerungssysteme an ihre Grenzen. Kleine Bäche schwellen binnen Minuten zu gefährlichen Strömen an, Straßen verschwinden unter Wasser und Fahrzeuge geraten plötzlich in Lebensgefahr.

    Vermisster Autofahrer tot aufgefunden

    Die schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich am Mittwochmorgen. Ein etwa 60 Jahre alter Mann, der seit Dienstag in Ghisonaccia vermisst wurde, ist tot.

    Er befand sich in einem Geländewagen, den die Wassermassen des Flusses Fium’orbu mitgerissen hatten. Sein Beifahrer rettete sich durch ein Fahrzeugfenster. Für den Fahrer kam jede Hilfe zu spät.

    Bereits zuvor hatte das Unwetter auf dem französischen Festland ein Todesopfer gefordert. In Saint-Mitre-les-Remparts im Département Bouches-du-Rhône wurde ein 75-jähriger Mann von den Fluten erfasst. Rettungskräfte entdeckten seinen Leichnam später bei Istres. Seine Begleitperson überlebte.

    Damit stieg die Zahl der Todesopfer der Unwetterserie im Südosten Frankreichs auf mindestens zwei.

    Besonders schwer traf es außerdem die korsische Gemeinde Prunelli-di-Fiumorbu. Dort mussten 21 Bewohner eines Pflegeheims evakuiert werden. Bürgermeister André Rocchi berichtete von einem vollständig überfluteten Wohngebiet, in dem das Wasser teilweise zwei Meter hoch in den Häusern stand.

    Verkehrschaos und Tausende ohne Strom

    Die Überschwemmungen legten weite Teile der östlichen Küstenebene lahm. Die wichtige Küstenstraße RT 10 musste unter anderem bei Ventiseri, Solaro, Ghisonaccia und Aléria gesperrt werden.

    Auch der Bahnverkehr zwischen Bastia und Corte wurde eingestellt. Am Flughafen Bastia fielen mehrere Flüge aus.

    Rund 250 Feuerwehrkräfte standen am Dienstagabend im Einsatz, unterstützt von Polizei, Gendarmerie, Militär und Katastrophenschutz. Etwa 3.500 Haushalte und andere Stromkunden waren weiterhin ohne Elektrizität.

    Wetterwarnung aufgehoben – Gefahr noch nicht vorbei

    Am Mittwochmorgen entspannte sich die meteorologische Lage. Météo-France hob die Warnstufen Orange und Rot landesweit auf. Für beide korsischen Départements galt allerdings weiterhin die gelbe Warnstufe wegen Windes, Gewittern und Hochwassergefahr.

    Die Folgen der Katastrophe dürften die betroffenen Gemeinden noch länger beschäftigen.

    Der außergewöhnliche Regen fügt sich zudem in eine besorgniserregende Entwicklung ein: Nach Angaben von Météo-France nahm die Intensität mediterraner Starkregenereignisse zwischen 1961 und 2025 um elf Prozent zu. Die Häufigkeit von Ereignissen mit mehr als 200 Millimetern Niederschlag innerhalb von 24 Stunden stieg um 50 Prozent.

    Welchen konkreten Anteil der Klimawandel an diesem einzelnen Unwetter trägt, lässt sich daraus nicht unmittelbar ableiten. Doch die Entwicklung zeigt, vor welcher Herausforderung die Mittelmeerregion steht: Extreme Regenfälle stellen Infrastruktur, Hochwasserschutz und Katastrophenvorsorge zunehmend auf die Probe.

    Stand: Mittwoch, 21. Oktober 2026, vormittags.

    Daniel Ivers

  • Unwetter in Südfrankreich: Lunel unter Wasser – Autobahn A9 wieder geöffnet, Hochwassergefahr bleibt

    Unwetter in Südfrankreich: Lunel unter Wasser – Autobahn A9 wieder geöffnet, Hochwassergefahr bleibt

    Heftige Regenfälle haben in Südfrankreich schwere Überschwemmungen ausgelöst. Besonders betroffen ist die Stadt Lunel zwischen Montpellier und Nîmes. Menschen mussten aus überfluteten Häusern gerettet, zahlreiche Straßen gesperrt und der Bahnverkehr unterbrochen werden. Die wichtige Autobahn A9 ist nach stundenlanger Sperrung inzwischen wieder befahrbar. Doch die Gefahr ist längst nicht gebannt.

    In der Nacht zum Dienstag, 20. Oktober 2026, verwandelten sintflutartige Regenfälle Teile des südfranzösischen Languedoc in eine Wasserlandschaft. Innerhalb weniger Stunden fielen örtlich bis zu 200 Liter Regen pro Quadratmeter. Straßen verschwanden unter den Wassermassen, Keller liefen voll, Fahrzeuge blieben stecken.

    Besonders dramatisch entwickelte sich die Situation in Lunel sowie den Nachbargemeinden Saint-Just und Villetelle. Die Feuerwehr rückte zu zahlreichen Einsätzen aus. Nach Angaben der Präfektur Hérault brachten die Rettungskräfte bei 13 Einsätzen insgesamt 25 Menschen in Sicherheit. Rund 70 Feuerwehrleute standen im Einsatz, etwa zehn Wohnhäuser wurden überflutet.

    Vier Autofahrer gerieten mit ihren Fahrzeugen auf überschwemmten Straßen in Schwierigkeiten. Einmal mehr zeigte sich, wie tückisch Hochwasser selbst auf vermeintlich vertrauten Strecken ist.

    Lunel richtet Notunterkunft ein

    Die Stadtverwaltung von Lunel aktivierte bereits gegen ein Uhr nachts ihren Krisenstab. In der Sporthalle Arnassan fanden 23 Betroffene vorübergehend Schutz und Betreuung.

    Am Dienstagmorgen glich das Straßennetz stellenweise einem Hindernisparcours. Unter anderem waren die Avenue du Colonel-Simon, der Boulevard Louis-Blanc und die Avenue d’Espagne unpassierbar. Das Rathaus schloss seine Verwaltungsdienste für Besucher, während das kommunale Sozialzentrum weiterhin Hilfe anbot.

    Die Behörden appellierten eindringlich an die Bevölkerung, unnötige Fahrten zu vermeiden.

    Autobahn A9 wieder frei – zahlreiche Straßen gesperrt

    Für Autofahrer gab es immerhin eine erfreuliche Nachricht: Die zwischen Nîmes-Ouest und Gallargues zeitweise vollständig gesperrte Autobahn A9 wurde am Dienstagvormittag wieder geöffnet.

    Seit 10.30 Uhr rollte der Verkehr erneut in beiden Richtungen. Richtung Montpellier und Barcelona blieb zunächst allerdings eine Fahrspur gesperrt.

    Auch die Verbindung zwischen A7 und A54 wurde freigegeben. Dennoch blieb die Verkehrssituation in Südfrankreich angespannt. Besonders rund um Arles sorgten Sperrungen der RN113 und RN568 für erhebliche Behinderungen.

    Im Département Gard waren nach dem Lagebericht von 16 Uhr weiterhin 18 Straßen sowie zahlreiche Brücken, tiefer gelegene Straßenabschnitte und zwei Radwege von Sperrungen betroffen. Besonders schwierig blieb die Situation rund um Aimargues, Vergèze, Vauvert und Le Cailar.

    Auch Bahnreisende traf das Unwetter hart. Zwischen Montpellier Saint-Roch und Nîmes-Centre ruhte der Zugverkehr wegen beschädigter Infrastruktur. Einzelne Hochgeschwindigkeitszüge nutzten Ausweichstrecken.

    Hochwassergefahr trotz nachlassender Regenfälle

    Im Gard absolvierte die Feuerwehr bereits am Vormittag mehr als hundert Einsätze und brachte über 50 Menschen in Sicherheit. Unterstützung traf aus benachbarten Départements ein.

    Obwohl die Niederschläge stellenweise nachließen, blieb die Hochwassergefahr bestehen. Météo-France hielt für den Gard die Warnstufe Orange aufrecht. Im Hérault galt für Hochwasser die Warnstufe Gelb.

    Weiter östlich forderte das Unwetter ein Todesopfer. In Saint-Mitre-les-Remparts nahe Marseille wurde ein 75-jähriger Mann von den Wassermassen mitgerissen und später tot aufgefunden.

    Auf Korsika verschärfte sich die Situation ebenfalls. Für Haute-Corse rief der französische Wetterdienst wegen heftiger Regenfälle und Überschwemmungen die höchste Warnstufe Rot aus.

    Für Bewohner und Urlauber in Südfrankreich bleibt deshalb Vorsicht oberstes Gebot. Überflutete Straßen sollten keinesfalls befahren und Absperrungen unbedingt respektiert werden.

    Die Wiederöffnung der A9 bringt zwar spürbare Entlastung für den Fernverkehr. Doch abseits der Autobahn bestimmen Hochwasser, beschädigte Verkehrswege und anhaltende Sperrungen weiterhin den Alltag.

    Stand: Dienstag, 20. Oktober 2026, 16 Uhr.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreichs Klimabilanz 2026: Weniger CO₂, aber die Energiewende kommt zu langsam voran

    Frankreichs Klimabilanz 2026: Weniger CO₂, aber die Energiewende kommt zu langsam voran

    Frankreich stößt weniger Treibhausgase aus. Die jüngsten Zahlen vom 13. Oktober 2026 zeigen einen erfreulichen Trend: Der Ausstoß klimaschädlicher Gase sinkt schneller als im Vorjahr. Doch hinter der positiven Entwicklung verbirgt sich ein Problem. Ein Teil der Einsparungen geht auf gestiegene Energiepreise zurück – und nicht auf einen grundlegenden Umbau der französischen Wirtschaft. Für die ehrgeizigen Klimaziele des Landes reicht das Tempo bislang nicht aus.

    Deutlicher Rückgang der Emissionen

    Nach Berechnungen der französischen Umweltorganisation Citepa sanken die Treibhausgasemissionen im ersten Halbjahr 2026 um 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Für das gesamte Jahr rechnen die Fachleute mit einem Rückgang um 2,8 Prozent.

    Damit dürfte Frankreich 2026 rund 349,4 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente ausstoßen, nach 359,4 Millionen Tonnen im Jahr 2025. Diese Maßeinheit berücksichtigt neben Kohlendioxid auch andere klimaschädliche Gase wie Methan.

    Das klingt zunächst ordentlich. Schließlich lag der Rückgang 2025 lediglich bei 2,1 Prozent. Doch der Blick auf die langfristigen Klimaziele trübt die Freude.

    Frankreich müsste seine Emissionen bis 2030 durchschnittlich um etwa fünf Prozent jährlich reduzieren. Davon bleibt das Land weiterhin ein gutes Stück entfernt.

    Hohe Spritpreise helfen dem Klima

    Eine bemerkenswerte Rolle spielt ausgerechnet der Geldbeutel der Autofahrer.

    Die kräftig gestiegenen Kraftstoffpreise, insbesondere beim Diesel, drücken auf den Verbrauch. Wer für jede Tankfüllung tiefer in die Tasche greifen muss, überlegt sich zusätzliche Fahrten zweimal.

    Im Verkehrssektor, Frankreichs größtem Verursacher von Treibhausgasen, sanken die Emissionen im ersten Halbjahr um 4,5 Prozent. Das entspricht einer Einsparung von rund 2,7 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten.

    Allerdings besitzt dieser Erfolg einen Haken: Sinkende Spritpreise könnten den Verbrauch erneut ankurbeln. Eine dauerhafte Verkehrswende verlangt deshalb mehr als teuren Kraftstoff. Elektroautos, leistungsfähige öffentliche Verkehrsmittel und eine stärkere Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene versprechen nachhaltigere Ergebnisse.

    Gebäude liefern den größten Beitrag

    Besonders auffällig fällt die Entwicklung im Gebäudesektor aus. Dort gingen die Emissionen zwischen Januar und Juni um zwölf Prozent zurück. Mit 3,7 Millionen Tonnen eingesparten CO₂-Äquivalenten lieferte dieser Bereich den größten Beitrag zur nationalen Reduzierung.

    Doch auch hier stellt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit.

    Mildere Temperaturen und höhere Energiepreise senken kurzfristig den Heizbedarf. Dauerhafte Fortschritte erfordern dagegen bessere Wärmedämmung, moderne Heizsysteme und den Abschied von fossilen Brennstoffen.

    Gerade für Haushalte mit geringem Einkommen stellen energetische Sanierungen eine erhebliche finanzielle Belastung dar. In ländlichen Regionen verschärft sich das Problem zusätzlich.

    Klimaschutz ist damit längst auch eine soziale Frage.

    Frankreich droht seine Klimaziele zu verfehlen

    Die im Juli 2026 verabschiedete dritte nationale CO₂-Strategie sieht vor, die territorialen Bruttoemissionen bis 2030 gegenüber 1990 zu halbieren. Bis 2050 strebt Frankreich Klimaneutralität an.

    Für 2026 plante die Regierung ursprünglich eine Reduzierung um 3,1 Prozent. Tatsächlich erwartet Citepa lediglich 2,8 Prozent. Die prognostizierten Emissionen liegen damit rund 1,4 Millionen Tonnen über dem vorgesehenen Richtwert.

    In den kommenden Jahren steigt der Druck erheblich. Für 2027 sieht der Regierungsfahrplan eine Verringerung um 5,7 Prozent vor, für 2028 sogar um 6,1 Prozent.

    Jede Verzögerung macht die anschließenden Einsparungen schwieriger und kostspieliger.

    Frankreichs versteckte CO₂-Bilanz

    Noch deutlicher zeigt sich die Herausforderung beim Blick auf den tatsächlichen Konsum.

    Während die nationalen Emissionsstatistiken hauptsächlich die innerhalb Frankreichs verursachten Treibhausgase erfassen, berücksichtigt der sogenannte CO₂-Fußabdruck auch Emissionen importierter Waren.

    Dieser lag 2025 bei rund 571 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten beziehungsweise 8,3 Tonnen je Einwohner. Gegenüber 2024 sank er lediglich um 0,6 Prozent.

    Das bedeutet: Frankreich produziert im Inland klimafreundlicher, konsumiert aber keineswegs im gleichen Tempo nachhaltiger.

    Ein in Asien hergestelltes und nach Frankreich importiertes Produkt belastet schließlich ebenfalls das Weltklima, selbst wenn seine Herstellung nicht in der französischen Emissionsstatistik auftaucht.

    Die entscheidenden Jahre stehen bevor

    Frankreich profitiert von einer vergleichsweise CO₂-armen Stromproduktion durch Kernenergie und erneuerbare Energien. Schwieriger gestaltet sich der Umbau von Verkehr, Industrie, Landwirtschaft und Gebäudewärme.

    Dafür braucht es Investitionen, verlässliche politische Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Akzeptanz.

    Die vorläufige Klimabilanz 2026 liefert deshalb weder Anlass zum Jubeln noch zur Resignation. Frankreich bewegt sich in die richtige Richtung, allerdings mit angezogener Handbremse.

    Ob die Klimaziele erreichbar bleiben, entscheidet sich nicht allein an sinkenden Jahreswerten. Ausschlaggebend ist, ob Frankreich seine Abhängigkeit von fossilen Energieträgern dauerhaft verringert – unabhängig von Ölpreisen, Wetter und kurzfristigen Konjunkturschwankungen.

    C. Hatty

  • Hérault und Gard: Warum der Cevennen-Starkregen so heftig ausfällt

    Hérault und Gard: Warum der Cevennen-Starkregen so heftig ausfällt

    Es ist nicht allein die schiere Regenmenge, die den aktuellen Mittelmeer-Starkregen im Gard und im Hérault so gefährlich macht. Entscheidend ist vor allem seine Hartnäckigkeit: Seit Mittwoch, dem 30. September, ziehen die Niederschläge nicht einfach weiter, sondern treffen immer wieder dieselben Gebiete. Météo-France spricht von einem „bemerkenswerten“ Ereignis. Zeitweise galt in beiden Départements die höchste Warnstufe Rot für Regen und Überschwemmungen, im Hérault zudem wegen Hochwassergefahr.

    Die Dimension zeigt eine Zahl besonders eindrucksvoll: In Saint-Hippolyte-du-Fort im Gard fielen bis Mittwochmittag bereits 332 Millimeter Regen. Das entspricht 332 Litern Wasser auf jedem einzelnen Quadratmeter.

    Eine regelrechte Regenmaschine

    Der Ursprung dieser Wetterlage liegt weiter südlich, über dem Mittelmeer. Ein Cevennen-Ereignis funktioniert vereinfacht wie eine atmosphärische Pumpe: Warme, feuchte Luft strömt vom Meer Richtung Festland, steigt auf, kühlt ab und entlädt ihre Feuchtigkeit als heftigen Regen.

    Diesmal greifen die Zutaten besonders wirkungsvoll ineinander. Ein großes Tiefdruckgebiet nordwestlich Europas und hoher Luftdruck über Mitteleuropa begünstigen eine südliche Strömung. Gleichzeitig sorgt kalte Luft in höheren Atmosphärenschichten für zusätzliche Instabilität.

    Hinzu kommt ein entscheidender Faktor: Das Mittelmeer ist außergewöhnlich warm. Je wärmer die Wasseroberfläche, desto stärker die Verdunstung und desto mehr Wasserdampf gelangt in die darüberliegenden Luftmassen. Gerade im Herbst entsteht daraus eine brisante Mischung. Während aus Norden bereits kühlere Luft nach Westeuropa vordringt, steckt im Mittelmeer noch reichlich Sommerwärme.

    Dann kommen die Cevennen ins Spiel.

    Die vom Meer herangeführte feuchte Luft prallt auf das Gebirge und muss aufsteigen. Dabei kühlt sie sich ab, Wasserdampf kondensiert, mächtige Wolken entstehen. Meteorologen sprechen vom „orographischen Zwang“.

    Das allein erklärt jedoch noch keine außergewöhnlichen Regenmengen. Gefährlich wird die Situation, wenn ständig neue feuchte Luft nachströmt. Dann regenerieren sich Gewitterzellen immer wieder über denselben Regionen. Das Ganze ähnelt einem Förderband: Das Mittelmeer liefert ununterbrochen Wärme und Feuchtigkeit, die Cevennen pressen gewissermaßen das Wasser aus der Luft.

    Und genau da wird es brenzlig.

    Wenn aus Bächen binnen Stunden reißende Flüsse werden

    Die Landschaft verschärft die Situation zusätzlich. Die Einzugsgebiete der Cevennen sind klein, steil und von zahlreichen Bächen und Flüssen durchzogen. Regenwasser erreicht deshalb sehr schnell die Täler. Zwischen dem stärksten Niederschlag und dem höchsten Wasserstand eines Flusses liegen mitunter nur wenige Stunden.

    Ein unscheinbarer Bach kann sich dadurch in kürzester Zeit in einen reißenden Strom verwandeln. Besonders gefährdet sind Straßen in Tallagen, Furten, Brücken sowie dicht bebaute Gebiete entlang der Flüsse.

    Dass solche Dimensionen keine theoretische Möglichkeit darstellen, zeigt die Vergangenheit. Mittelmeer-Episoden bringen gelegentlich mehr als 200 Millimeter Niederschlag innerhalb von 24 Stunden. Im September 2020 fielen in Valleraugue im Gard sogar rund 500 Millimeter binnen zwölf Stunden.

    Welche Rolle spielt der Klimawandel?

    Cevennen-Ereignisse sind kein neues Phänomen und gehören seit jeher zum Wettergeschehen Südfrankreichs. Der Klimawandel erzeugt sie also nicht einfach.

    Doch er verändert ihre Rahmenbedingungen. Wärmere Luft nimmt mehr Wasserdampf auf, ein wärmeres Mittelmeer liefert zusätzlich Feuchtigkeit. Dadurch steigt das Potenzial für besonders intensive Niederschläge, sobald die meteorologischen Zutaten zusammenpassen.

    Streng genommen handelt es sich beim aktuellen Geschehen zudem um ein Mittelmeer-Ereignis. Der Begriff „Cevennen-Ereignis“ bezeichnet jene Variante, bei der das Gebirge eine zentrale Rolle spielt.

    Im Gard und im Hérault treffen derzeit nahezu lehrbuchartig alle Faktoren aufeinander: warmes Meer, feuchte Südströmung, kalte Höhenluft, instabile Atmosphäre und unmittelbar hinter der Küste die Cevennen. Bleibt diese Wettermaschine über Stunden an derselben Stelle, verwandelt sich das Mittelmeer in einen gewaltigen Feuchtigkeitsspeicher – und das Gebirge in dessen Entladestation.

    Andreas M. Brucker

  • Ozon-Alarm über Paris: Der Sommer 2026 weckt Erinnerungen an 2003

    Ozon-Alarm über Paris: Der Sommer 2026 weckt Erinnerungen an 2003

    16 Tage mit erhöhter Ozonbelastung hat die Île-de-France in diesem Sommer erlebt. So viele waren es seit dem historischen Hitzesommer 2003 nicht mehr. Dabei ist die Luft in Paris in vieler Hinsicht sauberer geworden. Genau darin liegt das Problem: Der Klimawandel verändert die Regeln im Kampf gegen die Luftverschmutzung. Wer an Luftverschmutzung in Paris denkt, sieht vermutlich zuerst verstopfte Boulevards, Stoßstange an Stoßstange stehende Autos und jene berühmte Dunstglocke vor sich, unter der der Eiffelturm gelegentlich nur noch schemenhaft zu erkennen ist. Doch ausgerechnet der Schadstoff, der den Behörden in diesem Sommer besondere Sorgen bereitete, kommt aus keinem Auspuff. Ozon entsteht erst in der Atmosphäre. Und davon gab es 2026 ungewöhnlich viel. Während der warmen Jahreszeit registrierte die Île-de-France 16 Tage mit Ozon-Warnungen. Einen vergleichbaren Wert hatte die Region zuletzt 2003 erlebt, als während der damaligen Jahrhundert-Hitzewelle 19 Belastungstage gezählt wurd…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Macron setzt im Nordatlantik ein Zeichen französischer Souveränität

    Macron setzt im Nordatlantik ein Zeichen französischer Souveränität

    Auf einer Landkarte ist Saint-Pierre-et-Miquelon leicht zu übersehen. Politisch aber ist der französische Archipel vor der Küste Neufundlands plötzlich ins Zentrum einer grösseren Auseinandersetzung über Souveränität, strategische Einflusszonen und die Ordnung des Nordatlantiks gerückt. Bei seiner Ankunft am 19. September reagierte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron demonstrativ auf eine von Donald Trump veröffentlichte Karte, auf der weite Teile Nordamerikas einschliesslich des französischen Gebiets mit den Farben der Vereinigten Staaten überzogen waren. «Das ist selbstverständlich. Es gibt darüber keine Diskussion. Saint-Pierre-et-Miquelon ist französisch und mit Frankreich verbunden», erklärte Macron. Und er fügte hinzu: «Wir werden das nicht jeden Morgen bekräftigen, nur weil Leute seltsame Ideen haben oder seltsame Dinge sagen.» Eine kleine Inselgruppe in strategischer Lage Saint-Pierre-et-Miquelon liegt rund 25 Kilometer vor der kanadischen Insel Neufundland und ist das letzte…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Wasserkrise: Liegt die Lösung unter unseren Füßen?

    Wasserkrise: Liegt die Lösung unter unseren Füßen?

    Dürresommer, sinkende Pegelstände, Bewässerungsverbote und Streit um eine knapper werdende Ressource: Europas Wasserproblem ist längst keine ferne Zukunftsfrage mehr. Die Debatte kreist meist um neue Speicherbecken, Meerwasserentsalzung oder die Wiederverwendung von Abwasser. Doch ein gewaltiger Wasserspeicher liegt dort, wo ihn kaum jemand sieht – unter unseren Füßen.

    Grundwasser macht außerhalb der Gletscher rund 99 Prozent des flüssigen Süßwassers der Erde aus. Lange galt dieser Vorrat beinahe als selbstverständlich. Inzwischen rückt eine andere Sichtweise in den Vordergrund: Grundwasserleiter, sogenannte Aquifere, müssten nicht nur geschützt, sondern gezielter als natürliche Speicher genutzt werden.

    Der entscheidende Vorteil liegt buchstäblich im Boden.

    Während Wasser in Stauseen und offenen Rückhaltebecken bei Hitze verdunstet, lagert es unterirdisch weitgehend geschützt. In Frankreich gelangen mehr als 60 Prozent der Niederschläge durch Verdunstung und die Transpiration der Pflanzen wieder in die Atmosphäre. Nur ein Teil versickert tief genug, um Grundwasservorkommen zu erreichen. Dort bleibt das Wasser je nach geologischer Beschaffenheit Monate oder sogar Jahre gespeichert.

    Diese Reserven speisen Flüsse während trockener Perioden, sichern die Trinkwasserversorgung und dienen der Landwirtschaft. Gleichzeitig zeigt sich ein zunehmend absurdes Bild: Heftige Niederschläge nehmen zu, doch große Wassermengen rauschen über versiegelte Flächen und Flüsse Richtung Meer. Wasser gibt es plötzlich reichlich – nur am falschen Ort und zur falschen Zeit.

    Genau hier setzt die sogenannte gesteuerte Grundwasseranreicherung an. Statt überschüssiges Regenwasser oder geeignetes aufbereitetes Wasser abfließen zu lassen, wird es über Versickerungsbecken, begrünte Gräben oder spezielle Brunnen in den Untergrund geleitet.

    Neu ist die Idee keineswegs. In trockenen Regionen existieren vergleichbare Verfahren seit Jahrhunderten. Moderne Mess- und Aufbereitungstechnik erlaubt allerdings eine wesentlich genauere Kontrolle darüber, welche Wasserqualität in den Untergrund gelangt und welchen Weg das Wasser dort nimmt.

    Auch Frankreich untersucht solche Verfahren. Ziel ist nicht, fehlenden Regen künstlich zu ersetzen. Vielmehr sollen winterliche Wasserüberschüsse gespeichert werden, damit sie in trockenen Sommermonaten zur Verfügung stehen. In Tunesien gehen Projekte noch einen Schritt weiter: Dort dient teilweise gereinigtes Abwasser zur Wiederauffüllung von Aquiferen. Solche Verfahren verlangen allerdings eine äußerst strenge Überwachung der Wasserqualität.

    Die Vorteile unterirdischer Speicher liegen auf der Hand. Die Verdunstungsverluste bleiben gering, der Flächenverbrauch fällt gegenüber großen Stauseen kleiner aus und der Boden besitzt eine gewisse natürliche Filterwirkung. Zudem verschwinden die Anlagen weitgehend aus dem Landschaftsbild – kein unwesentlicher Punkt, wenn neue Wasserprojekte regelmäßig politische Konflikte auslösen.

    Ein Wundermittel ist die Methode trotzdem nicht.

    Wo Landwirtschaft, Industrie und Haushalte mehr Grundwasser entnehmen, als sich langfristig neu bildet, kuriert zusätzliche Einspeisung lediglich die Symptome. Hinzu kommt das Risiko von Schadstoffen. Verunreinigtes Wasser in einen Aquifer einzuleiten wäre ungefähr so klug, wie den eigenen Trinkwasservorrat neben dem Farbeimer zu lagern – kann man machen, sollte man lieber lassen.

    Der eigentliche Wandel reicht deshalb tiefer. Wasserexperten sprechen zunehmend davon, Wasser in der Landschaft zu „bremsen“. Entsiegelte Städte, wiederhergestellte Feuchtgebiete, Hecken, durchlässigere Böden und eine angepasste Landwirtschaft fördern die natürliche Versickerung.

    Der Untergrund könnte damit zum unsichtbaren Wasserspeicher des 21. Jahrhunderts avancieren. Denn wenn Niederschläge infolge des Klimawandels unregelmäßiger und heftiger auftreten, entscheidet nicht allein die Menge des Regens über Wasserknappheit. Entscheidend ist, wie viel davon für trockene Zeiten erhalten bleibt.

    Aquifere bieten dafür einen gewaltigen natürlichen Tresor. Doch auch der größte Tresor ist irgendwann leer, wenn ständig mehr herausgenommen als hineingelegt wird.

    Die Lösung der Wasserkrise liegt deshalb möglicherweise tatsächlich unter unseren Füßen – vorausgesetzt, über der Erde beginnt ein sparsamerer und klügerer Umgang mit Wasser.

    Andreas M. Brucker