Es gibt Sätze, die altern schlecht. Dieser gehört zweifellos dazu: „Klimaschutz? Wer soll das bezahlen?“
Jahrelang war das die Universalantwort auf nahezu jede ernsthafte Debatte. Erneuerbare Energien? Zu teuer. Waldumbau? Zu teuer. Hochwasserschutz? Zu teuer. Brandschutz? Zu teuer. Weniger CO₂? Zu teuer.
Die selbst ernannte Vernunft der Politik rechnete vor, warum entschlossenes Handeln wirtschaftlich nicht vertretbar sei. Lieber vertagen. Lieber prüfen. Lieber noch eine Expertenkommission einsetzen. Irgendwann später. Vielleicht.
Nun ist dieses „später“ angekommen.
Und plötzlich kostet alles ein Vielfaches mehr.
Allein die Vorstellung, dass eine Stadt wie Bordeaux evakuiert werden könnte, wäre vor wenigen Monaten noch Stoff für dystopische Romane gewesen. Wer damals behauptet hätte, Frankreich müsse ernsthaft über die Räumung einer weltbekannten Metropole nachdenken, wäre wahrscheinlich belächelt worden. Heute gehört genau dieses Szenario zur Notfallplanung der Behörden.
Nicht, weil jemand Panik verbreiten möchte.
Sondern weil die Realität inzwischen jede dystopische Fantasie überholt.
42.000 Hektar verbrannte Landschaft. Hunderttausende Menschen mussten ihre Häuser oder Ferienunterkünfte verlassen. Dörfer werden aufgegeben. Autobahnen gesperrt. Die Luft ist voller Rauch. Feuerwehrleute kämpfen bis zur völligen Erschöpfung gegen Feuer, die ihre eigenen Wettersysteme erzeugen.
Aber Hauptsache, Klimaschutz war damals angeblich zu teuer.
Wie teuer ist eigentlich ein verbrannter Wald? Was kostet eine zerstörte Existenz? Welchen Preis hat eine Region, deren Tourismus über Jahre leidet? Was kostet der Wiederaufbau von Infrastruktur? Was kosten Evakuierungen, Krankenhäuser im Ausnahmezustand oder Ernten, die buchstäblich in Flammen aufgehen?
Und welchen Preis hat die Angst?
Die Angst, dass der Wind in der Nacht dreht.
Die Angst, morgens aufzuwachen und zu erfahren, dass die Flammen nun doch auf die eigene Stadt zusteuern.
Darüber findet sich in keinem Staatshaushalt eine Haushaltsstelle.
Der eigentliche Sarkasmus ist jedoch kaum zu überbieten.
Jene Politiker, die noch vor wenigen Jahren jede Investition in den Klimaschutz mit spitzem Bleistift kleinrechneten, geben heute selbstverständlich Milliarden für Katastrophenschutz, Wiederaufbau, Soforthilfen und Entschädigungen aus. Offenbar ist Geld plötzlich vorhanden – allerdings erst dann, wenn alles bereits brennt.
Das ist ungefähr so, als würde man den Kauf einer Feuerwehr ablehnen, weil sie zu teuer ist, und anschließend den Wiederaufbau der abgebrannten Stadt finanzieren.
Man muss diese Logik nicht verstehen.
Man muss sie nur bezahlen.
Doch vielleicht steht uns die eigentliche Debatte erst noch bevor.
Seit Jahren sprechen wir über Klimaflüchtlinge in Afrika, in Asien oder auf kleinen Pazifikinseln. Als wäre das ein Problem ferner Kontinente. Als beträfe uns das alles nicht. Europa schaute zu – mit einer Mischung aus Mitleid und sicherer Distanz.
Vielleicht haben wir die falsche Frage gestellt.
Die eigentliche Frage lautet inzwischen: Wann werden Franzosen zu Klimamigranten? Wann Spanier? Wann Italiener? Und irgendwann vielleicht auch Deutsche?
Was geschieht, wenn Regionen Jahr für Jahr abbrennen, wenn Wasser knapp wird, Versicherungen den Schutz verweigern und ganze Landstriche wirtschaftlich nicht mehr überlebensfähig sind? Nicht jede zerstörte Stadt wird unbewohnbar. Aber jede Katastrophe verschiebt die Grenze dessen, was Menschen dauerhaft aushalten können. Irgendwann ziehen Familien nicht mehr weg, weil sie es möchten, sondern weil sie keine andere Wahl mehr sehen.
Migration beginnt nicht erst an einer Staatsgrenze.
Sie beginnt dort, wo Heimat ihre Lebensgrundlage verliert.
Noch ist Bordeaux nicht evakuiert. Hoffentlich wird es niemals nötig sein. Allein die Tatsache, dass Frankreich diese Möglichkeit heute ernsthaft prüfen muss, sollte jedoch jeden aufrütteln, der Klimaschutz noch immer für eine überflüssige Ausgabe hält.
Die Natur führt keine Haushaltsdebatten. Sie kennt weder Wahltermine noch ideologische Grabenkämpfe. Sie verhandelt nicht. Sie stellt lediglich Rechnungen aus.
Und diese Rechnungen werden jedes Jahr höher.
Vielleicht sollten wir deshalb endlich aufhören zu fragen: „Wer soll das bezahlen?“
Denn die Antwort kennen wir längst.
Wir bezahlen bereits.
Mit unseren Steuern.
Mit zerstörten Landschaften.
Mit verlorenen Existenzen.
Und möglicherweise eines Tages auch mit unserer Heimat.
Andreas M. Brucker

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