Kommentar: Der grüne Triumph – und warum er die Grünen überflüssig macht

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Es gibt Niederlagen, die wie Siege aussehen. Und Siege, die sich als vernichtende Niederlagen entpuppen. Die Geschichte der politischen Ökologie gehört in die zweite Kategorie.

Ein halbes Jahrhundert lang warnten die Grünen vor dem Klimawandel, vor Dürre, Artensterben und fossiler Abhängigkeit. Sie wurden belächelt, als Weltuntergangspropheten verspottet oder als Verbotspartei abgestempelt. Heute spricht niemand mehr ernsthaft darüber, ob sich das Klima verändert. Die Debatte dreht sich nur noch um das Wie.

Ausgerechnet in dem Moment, in dem ihre Themen die politische Mitte erreicht haben, verlieren ihre Parteien an Bedeutung.

Man muss sich diese Ironie auf der Zunge zergehen lassen: Die Grünen haben den Kampf um die Ideen gewonnen – und drohen genau deshalb den Kampf um die Wähler zu verlieren.

Alle sind plötzlich grün

Das ist kein Widerspruch, sondern ein politisches Gesetz. Erfolgreiche Ideen gehören irgendwann niemandem mehr.

Die Rechte spricht heute über Energiesouveränität, Versorgungssicherheit und Klimaanpassung. Die Mitte investiert Milliarden in die Dekarbonisierung der Industrie. Selbst populistische Parteien entdecken plötzlich regionale Landwirtschaft, kurze Lieferketten und den Schutz heimischer Landschaften.

Plötzlich sind alle ökologisch.

Zumindest solange es nichts kostet.

Denn genau dort endet die große Einigkeit.

Der Klimawandel trifft auf den Kontoauszug

CO₂ ist eine abstrakte Größe.

Die Heizungsrechnung nicht.

Biodiversität klingt wunderbar.

Ein Fahrverbot vor der eigenen Haustür schon deutlich weniger.

Klimaschutz begeistert auf internationalen Gipfeltreffen. Er verliert jedoch erstaunlich schnell an Charme, wenn dafür die alte Heizung ersetzt, das Auto abgeschafft oder das Eigenheim für Zehntausende Euro saniert werden soll.

Der größte Gegner der politischen Ökologie ist längst nicht mehr der Klimaleugner.

Es ist der Blick aufs Monatsende.

Die Gelbwesten in Frankreich waren dafür eine schmerzhafte Lektion. Eine ökologisch gut gemeinte Kraftstoffsteuer genügte, um eine der schwersten sozialen Krisen des Landes auszulösen. Nicht weil die Menschen gegen das Klima waren, sondern weil sie das Gefühl hatten, allein die Rechnung bezahlen zu sollen.

Das ist bis heute die eigentliche Sollbruchstelle jeder Klimapolitik.

Moral fährt Fahrrad – Realität oft Diesel

Besonders schmerzhaft wird diese Erkenntnis dort, wo politische Symbolik auf den Alltag trifft.

Das Lastenrad ist eine wunderbare Erfindung.

Vorausgesetzt, man wohnt in der Stadt, der Arbeitsplatz liegt höchstens drei Kilometer entfernt und der Supermarkt gleich um die Ecke.

Wer dagegen täglich fünfzig Kilometer zur Arbeit pendelt, weil auf dem Land weder U-Bahn noch Straßenbahn verkehren, entwickelt naturgemäß eine etwas nüchternere Sicht auf die Verkehrswende.

Das Problem ist nicht mangelnder Umweltwille.

Das Problem heißt Lebenswirklichkeit.

Viele grüne Konzepte wurden aus einer urbanen Perspektive gedacht. Das macht sie nicht falsch. Es macht sie nur politisch schwieriger.

Denn Klimapolitik wird schnell als Moral derjenigen empfunden, die sich ihre eigene Tugend leisten können.

Die grüne Revolution braucht Beton

Dabei hat sich die ökologische Debatte längst grundlegend verändert.

Früher ging es vor allem um Verzicht.

Heute geht es ums Bauen.

Windparks. Stromnetze. Batteriespeicher. Bahntrassen. Fabriken. Wärmenetze. Kernkraftwerke oder eben nicht. Millionen sanierter Wohnungen.

Die ökologische Transformation wird nicht mit guten Absichten gelingen, sondern mit Ingenieuren, Industrie und Investitionen in historischem Ausmaß.

Die grüne Zukunft riecht weniger nach Wald als nach Stahl, Kupfer und Beton.

Auch das ist eine Ironie der Geschichte.

Der Abschied von der grünen Monopolstellung

Die politische Ökologie ist erwachsen geworden. Und genau das ist ihr Problem.

Denn sobald alle Parteien Klimaschutz versprechen, entscheiden Wähler nicht mehr danach, wer das Thema zuerst erkannt hat. Sie wählen diejenigen, denen sie zutrauen, den Umbau des Landes sozial gerecht, wirtschaftlich vernünftig und technologisch machbar zu organisieren.

Demokratie verteilt keine Ehrenpreise für frühe Einsichten.

Sie belohnt Lösungen.

Vielleicht ist genau das die bitterste Erkenntnis für Europas grüne Parteien: Sie hatten mit vielem recht. So recht sogar, dass ihre Ideen längst Allgemeingut geworden sind.

Der Klimaschutz gehört heute allen.

Und genau deshalb gehört er nicht mehr allein den Grünen.

Andreas M. Brucker

Canicules, mégafeux, sécheresses… L’urgence climatique n’a jamais été aussi visible. Pourtant, les écologistes qui avaient alerté avant les autres, peinent toujours à s’imposer politiquement.Canicules, mégafeux, sécheresses… L’urgence climatique n’a jamais été aussi visible. Pourtant, les écologistes qui avaient alerté avant les autres, peinent toujours à s’imposer politiquement.

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