Cuers zeigt, wie Städte der Hitze trotzen können

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Der Klimawandel verändert nicht nur Wetterkarten, sondern den Alltag der Menschen. Hitzewellen gehören längst nicht mehr zu den seltenen Ausnahmen, sondern prägen vielerorts den Sommer. Besonders Städte geraten dabei an ihre Grenzen. Asphalt speichert die Sonnenwärme, Beton strahlt sie bis tief in die Nacht wieder ab und Grünflächen verschwinden vielerorts unter Pflastersteinen. Im südfranzösischen Cuers im Département Var geht die Stadtverwaltung deshalb einen ungewöhnlichen Weg. Seit 2022 entwickelt die Gemeinde Schritt für Schritt ein Konzept, das den öffentlichen Raum widerstandsfähiger gegen extreme Temperaturen machen soll.

Dabei richtet sich der Blick nicht zuerst auf die Lufttemperatur, sondern auf den Boden. Die gemessenen Unterschiede sind beeindruckend. Schwarzer Asphalt, der stundenlang der Sonne ausgesetzt ist, erreicht Temperaturen von bis zu 61 Grad Celsius. Derselbe Belag im Schatten bleibt mit rund 31 Grad deutlich kühler. Noch überraschender fällt der Vergleich mit helleren Straßenbelägen aus. Ein ockerfarbener Fahrbahnbelag liegt bei vergleichbaren Bedingungen bis zu 15 Grad unter der Temperatur eines herkömmlichen schwarzen Asphalts.

Aus diesen Erkenntnissen entstand das kommunale Programm „Ville Basse Température l’Été“, also eine Stadt mit möglichst niedrigen Sommertemperaturen. Hinter der etwas sperrigen Bezeichnung verbirgt sich eine Frage, die in den kommenden Jahren viele Kommunen beschäftigen dürfte: Wie lässt sich eine Stadt an ein Klima anpassen, das längst heißer geworden ist als jenes, für das sie ursprünglich geplant wurde?

Der Sommer 2022 markierte für Cuers den Wendepunkt. Anhaltende Hitzeperioden machten deutlich, dass öffentliche Gebäude, Schulen und Kindergärten zunehmend unter den hohen Temperaturen litten. Straßen heizten sich tagsüber massiv auf und gaben die gespeicherte Wärme bis in die Nacht wieder ab. Die Verantwortlichen kamen zu dem Schluss, dass kurzfristige Notfallmaßnahmen allein nicht mehr ausreichen. Statt lediglich auf Hitzewellen zu reagieren, sollte die Stadt selbst so verändert werden, dass sie künftig weniger Wärme speichert.

Genau darin liegt der entscheidende Unterschied.

Viele Kommunen konzentrieren sich bislang vor allem auf den Gesundheitsschutz während extremer Hitze. Ältere Menschen erhalten Unterstützung, klimatisierte Räume stehen bereit, Trinkwasser wird verteilt und besonders gefährdete Personen stehen unter verstärkter Beobachtung. Diese Maßnahmen bleiben unverzichtbar. Cuers setzt jedoch bereits deutlich früher an. Ziel ist es, die Entstehung von Hitzeinseln möglichst zu verhindern.

Ein zentrales Experiment begann direkt auf den Straßen der Stadt.

Schwarzer Asphalt besitzt zahlreiche Vorteile. Er ist robust, langlebig und vergleichsweise preiswert. Gleichzeitig absorbiert seine dunkle Oberfläche einen Großteil der Sonneneinstrahlung und verwandelt Straßen sowie Parkplätze in riesige Wärmespeicher.

Die Lösung klingt beinahe verblüffend einfach: Der Asphalt erhält eine andere Farbe.

Bereits 2022 wurden zwei Straßen im Stadtzentrum mit einem ockerfarbenen Belag ausgestattet. Besonders die Rue Carnot dient inzwischen als Modellprojekt. Dort kombiniert die Stadt den hellen Fahrbahnbelag mit Gehwegen aus einem Material, das statt eines klassischen Erdölbindemittels auf pflanzliche Bestandteile setzt.

Ganz ohne Schattenseite bleibt diese Idee allerdings nicht.

Die Kosten liegen deutlich über denen herkömmlicher Bauweisen. Nach Angaben der Gemeinde kostet ockerfarbener Asphalt etwa viermal so viel wie klassischer schwarzer Straßenbelag. Materialien mit pflanzlichem Bindemittel treiben die Ausgaben zusätzlich nach oben. Auch das Pflanzen neuer Bäume schlägt einschließlich der notwendigen Tiefbauarbeiten mit mehr als 1.500 Euro pro Exemplar zu Buche. Schnell zeigt sich, dass klimafreundliche Stadtentwicklung erhebliche Investitionen verlangt.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Schulen.

Wer an einen typischen französischen Schulhof denkt, hat oft große asphaltierte Flächen vor Augen. Sie sind pflegeleicht, widerstandsfähig und günstig. Während einer Hitzewelle verwandeln sie sich allerdings in wahre Glutplatten.

An der Marcel-Pagnol-Schule wurde deshalb der dunkle Asphalt entfernt und durch einen hellen, wasserdurchlässigen Belag ersetzt. Dieser reduziert nicht nur die Oberflächentemperatur, sondern ermöglicht zugleich, dass Regenwasser wieder in den Boden einsickert. Parallel plant die Stadt weitere Schulhöfe zu entsiegeln und stärker zu begrünen. Solche sogenannten Klima- oder Oasenhöfe gelten inzwischen vielerorts als wichtiger Baustein moderner Stadtentwicklung.

Dabei geht es längst nicht nur um Cuers. Fachleute rechnen damit, dass bereits in wenigen Jahren zahlreiche Schulen in Frankreich regelmäßig Temperaturen von über 35 Grad erleben könnten. Lernbedingungen verändern sich dadurch grundlegend.

Natürlich spielt auch die Begrünung eine tragende Rolle.

Seit Anfang 2023 pflanzte die Gemeinde 26 neue Bäume und führte zusätzlich eine Genehmigung ein, mit der Bürgerinnen und Bürger öffentliche Flächen selbst begrünen dürfen. Doch die Verantwortlichen betonen einen entscheidenden Punkt: Einen Baum zu pflanzen ist leicht, seine kühlende Wirkung entsteht erst viele Jahre später. Bestehende Schattenflächen leichtfertig zu beseitigen, um irgendwann neue entstehen zu lassen, wäre deshalb ein teurer Fehler.

Besonders spannend wirkt deshalb eine andere Entscheidung der Gemeinde.

Der Kampf gegen Hitze wurde direkt in den kommunalen Bebauungsplan aufgenommen. Nach einer Kartierung der besonders heißen und vergleichsweise kühlen Bereiche identifizierte die Stadt mehrere Grünflächen und Gärten, die künftig vor weiterer Bebauung oder zusätzlicher Versiegelung geschützt bleiben sollen. Damit verändert Cuers nicht nur einzelne Straßen oder Plätze, sondern die Regeln, nach denen die Stadt künftig wächst.

Genau hier zeigt sich der eigentliche Innovationsgedanke.

Ein paar Bäume zu pflanzen ist Stadtverschönerung. Die Bauleitplanung so anzupassen, dass künftige Hitzeinseln gar nicht erst entstehen, bedeutet langfristige Klimaanpassung.

Inzwischen möchte Cuers seine Erfahrungen weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt machen. Bereits 2024 organisierte die Gemeinde erstmals eine Fachmesse rund um das Thema hitzeresistente Städte. Kommunen, Architekten, Stadtplaner und Unternehmen nutzten die Gelegenheit zum Austausch. Ein Jahr später folgte bereits die zweite Ausgabe der Veranstaltung. Die Botschaft ist eindeutig: Cuers versteht sich als Modellkommune, deren Lösungen auch anderswo Anregungen liefern sollen.

Dabei setzt die Stadt keineswegs auf eine spektakuläre Erfindung. Vielmehr kombiniert sie bekannte Maßnahmen zu einem schlüssigen Gesamtkonzept. Helle Straßenbeläge, schattenspendende Bäume, wasserdurchlässige Böden, begrünte Schulhöfe, angepasste Bauvorschriften und eine vorausschauende Stadtplanung greifen ineinander wie Zahnräder. Keine einzelne Maßnahme löst das Problem allein. Erst ihr Zusammenspiel entfaltet Wirkung.

Genau darin steckt vermutlich die wichtigste Erkenntnis.

Es existiert kein Wundermaterial, das Städte bei 40 Grad plötzlich angenehm kühl macht. Helle Straßen bleiben ohne Schatten heiß. Bäume gedeihen schlecht auf vollständig versiegelten Flächen. Begrünte Schulhöfe verlieren ihren Vorteil, wenn die Gebäude daneben schlecht gedämmt sind. Klimaanlagen schaffen zwar kurzfristig Erleichterung in Innenräumen, geben ihre Wärme jedoch nach außen ab und erhöhen zusätzlich den Energiebedarf.

Cuers zeigt deshalb einen anderen Weg. Klimaanpassung entsteht nicht durch ein einziges Großprojekt, sondern durch viele gut abgestimmte Entscheidungen.

Die Stadt stellt letztlich eine neue Frage. Jahrzehntelang drehte sich Stadtplanung vor allem um Wohnraum, Verkehr, Parkplätze oder wirtschaftliche Entwicklung. Heute rückt ein weiterer Gedanke in den Mittelpunkt: Bleibt eine Straße auch an den heißesten Sommertagen noch begehbar? Können Kinder auf dem Schulhof spielen, ohne der extremen Hitze ausgesetzt zu sein? Bietet ein Wohnviertel genügend Schatten, damit sich das Leben auch während einer Hitzewelle im Freien abspielen kann?

Ob das Modell aus Cuers langfristig überall funktioniert, muss die Zukunft zeigen. Die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen muss über Jahre hinweg überprüft und wirtschaftlich bewertet werden. Ebenso wenig lässt sich eine kleine mediterrane Stadt eins zu eins auf Metropolen wie Paris, Straßburg oder Lille übertragen.

Dennoch liefert Cuers einen bemerkenswerten Denkanstoß. Frankreich hat seine Städte jahrzehntelang darauf ausgerichtet, den Winter zu überstehen. Nun beginnt eine neue Phase der Stadtentwicklung – mit dem Ziel, lebenswerte Orte für immer heißere Sommer zu schaffen. In Cuers beginnt dieser Wandel mit Bäumen, hellen Straßen und Schulhöfen, auf denen der Asphalt nach und nach verschwindet.

Autor: C.H.

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