Kategorie: Südost

  • Frankreichs Fischer schlagen Alarm: Der Treibstoffpreis treibt die Branche an ihre Grenzen

    Frankreichs Fischer schlagen Alarm: Der Treibstoffpreis treibt die Branche an ihre Grenzen

    Mit der Blockade eines Erdöldepots in Fos-sur-Mer haben französische Fischer ihren Protest gegen die hohen Treibstoffpreise erheblich verschärft. Seit den frühen Morgenstunden des 15. September blockieren mehrere Dutzend Fischer die Ausfahrt des Terminals nahe Marseille. Rund 50 Tanklastwagen waren nach Angaben der Behörden zeitweise betroffen. Hinter der Aktion steht jedoch mehr als ein Streit über Dieselpreise: Frankreichs Mittelmeerfischerei sieht ihr wirtschaftliches Modell zunehmend gefährdet.

    Protest an einem strategischen Ort

    Die Blockade begann gegen drei Uhr morgens. Größere Zwischenfälle wurden zunächst nicht gemeldet. Die Demonstranten verlangen Gespräche mit Catherine Chabaud, der für Meer und Fischerei zuständigen Ministerin.

    Bereits am Montag hatten Fischer in Sète und Port-Vendres protestiert. Hinter der Mobilisierung stehen regionale Fischereiverbände aus Okzitanien, Provence-Alpes-Côte d’Azur und Korsika sowie Erzeugerorganisationen und Berufsverbände. Damit erhält der Konflikt eine Dimension, die über einzelne Häfen hinausgeht.

    Der Ort der jüngsten Aktion ist bewusst gewählt. Fos-sur-Mer gehört zu den bedeutendsten Energie- und Industriestandorten Frankreichs. Die dortige Société du Pipeline Sud-Européen betreibt 40 Tanks mit einer nominalen Lagerkapazität von 2,26 Millionen Kubikmetern. Über Pipelines ist der Standort unter anderem mit Anlagen in Lyon und Ostfrankreich verbunden.

    Wer hier Tanklastwagen aufhält, erzeugt erheblich mehr Aufmerksamkeit als mit einer Demonstration in einem Fischereihafen.

    Diesel wird zur Existenzfrage

    Auslöser der Proteste ist der Preis für Schiffsdiesel. Die seit dem Frühjahr verschärfte Krise im Nahen Osten hat die internationalen Energiemärkte belastet. Für die Fischerei ist dies besonders problematisch, weil Treibstoff einen erheblichen Anteil der Betriebskosten ausmacht.

    Bereits im Frühjahr überschritt der Preis für Marinediesel zeitweise die Marke von einem Euro je Liter. Im französischen Senat wurde im Juni auf die dramatische Kalkulation der Branche hingewiesen: Ein Preis von etwa 60 Cent gilt für manche Betriebe als wirtschaftlich tragfähig. Bei 80 Cent verschlechtert sich die Rentabilität deutlich; bei einem Euro können einzelne Ausfahrten mehr kosten, als der Verkauf des Fangs einbringt.

    Die Konsequenz ist ungewöhnlich für eine Branche, deren Geschäftsmodell traditionell auf möglichst intensiver Nutzung der verfügbaren Fangtage beruht: Schiffe bleiben im Hafen, weil Auslaufen Verluste produzieren würde.

    Staatliche Hilfen reichen nicht aus

    Paris hat auf die Krise reagiert. Für April erhielten Fischereiunternehmen eine Unterstützung von 20 Cent je Liter, für Mai waren es 35 Cent. Allein für diese beiden Monate stellte die Regierung 13 Millionen Euro bereit. Weitere Hilfen für Juni, Juli und August wurden angekündigt.

    Doch die Subventionen lösen das strukturelle Problem nicht. Die Fischer argumentieren, dass sich steigende Energiepreise mit höheren Wartungs-, Personal- und Finanzierungskosten sowie zunehmenden regulatorischen Anforderungen überlagern. Gerade kleinere Betriebe verfügen kaum über Reserven, um solche Belastungen über längere Zeit auszugleichen.

    Hinzu kommt ein grundsätzlicher Zielkonflikt. Frankreich und die Europäische Union wollen die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern reduzieren. Die bestehende Fischereiflotte ist jedoch weiterhin stark auf Diesel angewiesen. Alternative Antriebe erfordern erhebliche Investitionen und lassen sich bei vielen vorhandenen Schiffen nicht kurzfristig einsetzen.

    Ein Konflikt mit politischem Potenzial

    Damit wird Fos-sur-Mer zum Symbol eines größeren Problems. Kurzfristig verlangen die Fischer Entlastung beim Treibstoff. Langfristig geht es um die Frage, ob traditionelle Fischereibetriebe unter den veränderten wirtschaftlichen und ökologischen Rahmenbedingungen noch ausreichend rentabel arbeiten können.

    Für die Regierung besteht das Dilemma darin, akute Hilfen zu gewähren, ohne eine dauerhafte Subventionsabhängigkeit von fossilem Treibstoff zu schaffen. Gleichzeitig ist die Fischerei wirtschaftlich mit Häfen, Fischauktionen, Verarbeitung und Handel verflochten. Bleiben Schiffe im Hafen, trifft dies deshalb nicht nur deren Eigentümer.

    Entscheidend wird nun sein, ob sich die Proteste ausweiten. Bleibt Fos-sur-Mer eine punktuelle Blockade, dürfte die Wirkung vor allem politisch und symbolisch sein. Schließen sich weitere Häfen oder Fischerverbände an und geraten zusätzliche Energieinfrastrukturen ins Visier, steigt der Druck auf Paris erheblich. Die Forderung nach «konkreten Antworten» könnte dann rasch zu einer neuen wirtschafts- und sozialpolitischen Bewährungsprobe für die französische Regierung werden.

    P.T.

  • Alpe d’Huez: Nervenkitzel über dem Lac Besson

    Alpe d’Huez: Nervenkitzel über dem Lac Besson

    Mehr als 2300 Meter über dem Meer, tief unten das türkisblaue Wasser des Lac Besson und vor den Augen die mächtigen Gipfel des Oisans: In Alpe d’Huez wartet ein Bergerlebnis, bei dem selbst erfahrene Wanderer kurz innehalten dürften. Ein spektakulärer Höhenweg führt direkt an den Felsen entlang und verbindet Nervenkitzel mit einem jener Sonnenuntergänge, für die man gern noch ein paar Minuten länger in der Kälte stehen bleibt.

    Dabei richtet sich das Erlebnis keineswegs nur an hartgesottene Bergsteiger.

    Die Teilnehmer tragen Helm und Klettergurt und bewegen sich entlang einer durchgehenden Sicherung. Der Weg schmiegt sich an die Felswand, während sich daneben der Abgrund öffnet. An manchen Stellen liegen rund 70 Meter zwischen den Wanderern und dem Wasser des Lac Besson. Das klingt erst einmal nach einer ziemlich wilden Nummer – doch gerade die Sicherung macht das Erlebnis auch für Menschen interessant, die normalerweise keine ausgesetzten Kletterrouten unter die Bergschuhe nehmen.

    Zwischen Fels, Himmel und See

    Rund 40 Minuten dauert der Parcours. Auf dem Papier klingt das überschaubar. In der Höhe bekommt Zeit allerdings einen anderen Rhythmus.

    Ein Schritt, ein Blick ins Tal, noch ein Schritt.

    Über den Felsen breitet sich die Landschaft des Oisans aus. Almen, Bergseen und schroffe Gipfel bilden eine Kulisse, die sich mit jeder Minute verändert. Besonders am Abend zeigt die Natur ihre große Bühne. Die Sonne sinkt langsam hinter die Bergkämme, Schatten wandern über die Hänge und das Licht färbt die Felsen erst golden, später rötlich und schließlich beinahe violett.

    Wer denkt bei einem solchen Anblick noch an die Uhr?

    Gerade dieser Übergang vom Tag zum Abend verleiht der Tour ihren besonderen Charakter. Während Alpe d’Huez tagsüber von Wanderern, Mountainbikern und Urlaubern belebt erscheint, kehrt am Abend allmählich Ruhe ein. Stimmen verstummen, die Luft fühlt sich kühler an und irgendwo weit unten spiegeln die letzten Sonnenstrahlen auf dem Wasser.

    Dann gehört die Bühne den Bergen.

    Die Alpen suchen neue Abenteuer

    Das Angebot passt zu einer Entwicklung, die sich in vielen französischen Bergregionen beobachten lässt. Ferienorte setzen längst nicht mehr ausschließlich auf Skipisten im Winter und klassische Wanderwege im Sommer. Gesicherte Felsrouten, Panoramawege, Hängebrücken und besondere Abendtouren bringen Besucher näher an die alpine Landschaft.

    Alpe d’Huez greift diese Idee besonders konsequent auf. Auch andere Angebote rund um den Sonnenuntergang verbinden Höhe, Natur und Erlebnis. Das Ziel dahinter liegt auf der Hand: Die Berge sollen nicht bloß Kulisse für sportliche Aktivitäten sein, sondern selbst zum Erlebnisraum avancieren.

    Und mal ehrlich: Wann sieht ein Berg schöner aus als in jenem Moment, in dem die letzten Sonnenstrahlen über seine Flanken ziehen?

    Respekt vor der Höhe bleibt Pflicht

    Trotz Sicherung verlangt die Tour Aufmerksamkeit. Trittsicherheit und eine solide körperliche Verfassung gehören dazu. Wer schon beim Blick von einem Balkon im fünften Stock weiche Knie bekommt, dürfte auf dem ausgesetzten Abschnitt wenig Freude verspüren.

    Auch das Wetter entscheidet mit.

    Starker Wind, Regen oder Gewitter verwandeln eine reizvolle Unternehmung schnell in ein Risiko. Anweisungen der Begleiter und aktuelle Wetterbedingungen besitzen deshalb Vorrang vor dem Wunsch nach dem perfekten Urlaubsfoto.

    Für Fotografen lohnt sich vor allem die Zeit kurz vor Sonnenuntergang. Das flache Licht zeichnet Konturen in die Felsen, lässt das Gras der Hochalmen leuchten und verleiht dem Lac Besson intensive Farben.

    Doch vielleicht liegt der schönste Moment ohnehin nicht auf der Speicherkarte.

    Vielleicht entsteht er genau dann, wenn man die Kamera einmal sinken lässt, tief durchatmet und über dem See steht, während der Tag langsam hinter den Gipfeln verschwindet. Alpe d’Huez zeigt hier eine andere Seite der Alpen: stiller als eine Skipiste, aufregender als ein gewöhnlicher Spaziergang und nah genug am Abgrund, um das Herz ein bisschen schneller schlagen zu lassen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Marseille rückt näher an New York

    Marseille rückt näher an New York

    Ab Juni 2027 schrumpft der Atlantik für Marseille ein gutes Stück. United Airlines verbindet die südfranzösische Metropole täglich direkt mit New York Newark. Für die Provence bedeutet die neue Strecke weit mehr als einen zusätzlichen Eintrag auf dem Abflugplan – sie öffnet eine direkte Tür zu einem der wichtigsten und ausgabefreudigsten Reisemärkte der Welt.

    Am 5. Juni 2027 startet der erste Flug von Marseille Richtung New York. Bereits einen Tag zuvor hebt die erste Maschine in Newark nach Südfrankreich ab. United setzt einen Airbus A321XLR mit 150 Plätzen ein, darunter 20 Polaris Suiten mit vollständig flachstellbaren Sitzen. Für die Strecke nach New York sind rund neun Stunden und 15 Minuten vorgesehen.

    Vorbei also mit dem Umsteigen in Paris, Frankfurt, London oder Amsterdam.

    Was auf der Landkarte zunächst nach einer simplen neuen Fluglinie aussieht, besitzt für Marseille durchaus historischen Charakter. Noch nie zuvor nahm eine amerikanische Fluggesellschaft die Stadt mit einer Nonstopverbindung in ihr Netz auf. Newark spielt dabei eine besondere Rolle: United bietet von seinem dortigen Drehkreuz Anschlüsse zu mehr als 120 Zielen in den USA und auf dem amerikanischen Kontinent.

    Für Reisende aus Südfrankreich rücken damit nicht nur Manhattan und Brooklyn näher. Auch Städte wie Chicago, Los Angeles, Miami oder Denver lassen sich künftig mit nur einem Umstieg erreichen.

    Doch wirtschaftlich könnte die Gegenrichtung noch spannender ausfallen.

    Amerikaner lieben die Provence

    Rund 250.000 Menschen reisen bereits jedes Jahr zwischen Marseille und den Vereinigten Staaten. Fast die Hälfte davon stammt aus den USA. Gleichzeitig steigt das Interesse amerikanischer Gäste an Marseille deutlich.

    Zwischen Januar und Juli 2026 legten ihre Übernachtungen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 18 Prozent zu. Besonders auffällig verlief der Frühsommer: Im Juni lag das Plus bei 45 Prozent, im Juli noch bei 31 Prozent.

    Warum sollte jemand aus New York ausgerechnet nach Marseille fliegen?

    Die Antwort liegt praktisch vor der Haustür des Flughafens: Marseille selbst mit seinem Alten Hafen, den Calanques und seiner lebhaften Gastronomie. Dazu kommen Aix en Provence, Arles, Avignon, die Camargue, der Luberon und weiter östlich die Côte d’Azur. Für viele amerikanische Urlauber klingt das ziemlich genau nach jenem Frankreich, das sie aus Filmen, Büchern und Reiseträumen kennen.

    Und diese Gäste lassen Geld in der Region.

    Amerikaner bilden inzwischen die größte ausländische Hotelkundengruppe in Provence Alpes Côte d’Azur. Rund 6,4 Millionen Übernachtungen pro Jahr gehen auf ihr Konto. Noch interessanter für Hoteliers, Gastronomen und Händler sind ihre Ausgaben: Im Durchschnitt geben US Gäste etwa 134 Euro pro Tag aus. Internationale Besucher insgesamt liegen bei rund 87 Euro, französische Urlauber bei 61 Euro.

    Da klingelt nicht nur an der Hotelrezeption die Kasse.

    Restaurants, Museen, Geschäfte, Autovermieter, Weingüter und Anbieter hochwertiger Freizeitangebote dürften ebenfalls profitieren. Gerade kleinere Orte im Hinterland könnten neue Gäste erreichen, sofern es gelingt, sie geschickt mit Marseille zu verknüpfen.

    Ein neues Tor zum Süden

    Die Verbindung trifft auf eine Region, deren internationaler Tourismus weiter wächst. Ausländische Gäste stellen mittlerweile rund 37 Prozent der Besucher in Provence Alpes Côte d’Azur. Besonders dynamisch entwickeln sich die amerikanischen und asiatischen Märkte.

    Marseille wiederum arbeitet seit Jahren daran, sein altes Image als reine Hafenstadt abzustreifen. Neue Kulturangebote, internationale Veranstaltungen, moderne Stadtviertel und eine immer sichtbarere Gastronomieszene verändern den Blick auf die Metropole.

    Eine tägliche Verbindung mit New York passt perfekt in dieses Bild.

    Bleibt nur die Frage: Wird aus der neuen Flugroute tatsächlich ein dauerhafter wirtschaftlicher Höhenflug?

    Die Voraussetzungen sehen gut aus. Die Nachfrage existiert bereits, amerikanische Besucher kommen zahlreicher denn je und der lästige Zwischenstopp entfällt. Ab Sommer 2027 trennt Manhattan von Marseille im besten Fall nur noch ein Nachtflug – und für die Provence könnte genau diese Verbindung erstaunlich weit reichen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • „Dieses Bild des Grauens bleibt“: Explosion reißt Kinosaal in Vesoul auf

    „Dieses Bild des Grauens bleibt“: Explosion reißt Kinosaal in Vesoul auf

    Es sind Szenen, die eher in einen Actionfilm gehören als in eine ruhige Nacht in der französischen Provinz: In Vesoul im Département Haute-Saône sprengten maskierte Täter in der Nacht zum Mittwoch, 9. September, einen Geldautomaten – und verwandelten dabei einen angrenzenden Kinosaal in ein Trümmerfeld.

    Gegen drei Uhr morgens nahm eine offenbar gut vorbereitete Tätergruppe einen Geldautomaten des Crédit Agricole ins Visier. Der Automat befindet sich unmittelbar am Gebäude des Kinos Majestic. Um an das Bargeld zu gelangen, setzten die Täter auf eine ebenso brachiale wie gefährliche Methode: Sauerstoff und Acetylen wurden in den Automaten geleitet und anschließend zur Explosion gebracht.

    Die Detonation entwickelte eine enorme Wucht.

    Der Geldautomat wurde praktisch vollständig zerstört, doch damit nicht genug. Die Druckwelle durchschlug auch die Wand zum unmittelbar dahinterliegenden Kinosaal 1. Wo Kinobesucher normalerweise im Dunkeln sitzen und auf die Leinwand blicken, klafft nun ein großes Loch. Teile des Saals liegen regelrecht offen.

    Am Morgen danach bot sich den Mitarbeitern ein verstörender Anblick. Betonbrocken, Dämmmaterial und weitere Trümmer lagen auf und zwischen den roten Sesseln. Elektrische Leitungen waren durchtrennt. Selbst schwere technische Ausstattung hielt der Explosion nicht stand: Nach Angaben des Kinobetreibers schleuderte die Druckwelle einen Lautsprecher rund zehn Meter weit durch den Raum.

    Ein ziemlicher Wahnsinn – für eine Beute, die am Ende vergleichsweise bescheiden ausfiel.

    Besondere Sorgen bereitet dem Betreiber inzwischen nicht allein die sichtbare Zerstörung. Der bei der Explosion entstandene feine Staub verteilte sich offenbar auch in Bereichen mit empfindlicher Projektionstechnik. Dort reichen mitunter bereits kleine Verunreinigungen aus, um kostspielige Geräte zu beschädigen. Das tatsächliche Ausmaß der technischen Folgen dürfte sich deshalb erst nach gründlichen Untersuchungen zeigen.

    Für Jean-Claude Tupin, Chef der Majestic-Gruppe, geht der Schaden ohnehin über Beton, Kabel und Kinotechnik hinaus. Der Anblick des verwüsteten Saals hat sich eingebrannt. „Dieses Bild des Grauens bleibt“, beschreibt er seine Eindrücke.

    Besonders bitter erscheint das Verhältnis zwischen Beute und Zerstörung. Die Täter sollen lediglich einige Tausend Euro erbeutet haben. Dem stehen Schäden von rund 800.000 Euro gegenüber. Aus einem Angriff auf einen Geldautomaten wurde damit binnen Sekunden ein finanzielles Desaster für einen Kinobetreiber, der mit der eigentlichen Tat überhaupt nichts zu tun hatte.

    Saal 1 dürfte entsprechend längere Zeit geschlossen bleiben. Die zerstörte Wand muss wiederhergestellt, technische Anlagen müssen geprüft, repariert oder ersetzt werden. Hinzu kommen mögliche Schäden an der Projektionsanlage und Arbeiten zur Beseitigung von Staub und Trümmern.

    Das Majestic ließ sich dennoch nicht vollständig aus dem Takt bringen. Der Kinobetrieb in den übrigen Sälen ging weiter. Dass die Tat ausgerechnet an einem Mittwoch geschah, besitzt dabei eine besondere Pointe: Mittwochs starten in Frankreich traditionell die neuen Kinofilme. Während hinter einer zerstörten Wand Ermittler und Techniker arbeiteten, lief nebenan also weiter das reguläre Programm.

    Die Polizei nahm noch am frühen Morgen die Ermittlungen auf. Maskierung, Vorbereitung und Vorgehensweise könnten darauf hindeuten, dass erfahrene Täter am Werk waren. Angriffe auf Geldautomaten mithilfe explosiver Gasgemische beschäftigen französische Ermittler bereits seit längerem.

    Für das Majestic bleibt vorerst ein bizarrer Schauplatz zurück. Ein Ort, an dem sonst künstliche Explosionen über die Leinwand flimmern, trägt plötzlich die Spuren sehr realer Gewalt.

    Und diesmal endet die Szene nicht mit dem Abspann.

    Andreas M. Brucker

  • Kunstraub an der Côte d’Azur: Renoirs Familie spricht von einer Katastrophe

    Kunstraub an der Côte d’Azur: Renoirs Familie spricht von einer Katastrophe

    Ein Museum als Erinnerungsort, ein berühmter Name und plötzlich leere Stellen dort, wo Kunstwerke hingen: Der Einbruch in das Renoir-Museum im südfranzösischen Cagnes-sur-Mer sorgt für Bestürzung. Besonders hart trifft die Nachricht Pauline Renoir, die Ururenkelin des großen Impressionisten Auguste …

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  • Gratis mit Bus und Tram: Nizza schenkt Senioren die Fahrkarte – und streitet über den Preis

    Gratis mit Bus und Tram: Nizza schenkt Senioren die Fahrkarte – und streitet über den Preis

    Seit dem 1. September 2026 fahren ältere Einwohner der Metropole Nice Côte d’Azur nahezu kostenlos mit Bus und Straßenbahn. Wer mindestens 65 Jahre alt ist und in einer der Gemeinden des Großraums lebt, darf das gesamte Netz von Lignes d’Azur nutzen – unabhängig von Einkommen und Vermögen. Ganz zum Nulltarif gibt es die Mobilität allerdings nicht. Einmalig fallen 15 Euro für das Abonnement an. Je nach Beantragung kommen zwei Euro für die Karte sowie bei einer Online-Bestellung 2,80 Euro Versandkosten hinzu. Politisch steckt hinter dem vermeintlich simplen Fahrschein eine deutlich größere Geschichte. Die kostenlose Nutzung des Nahverkehrs gehörte zu den Wahlversprechen von Éric Ciotti. Pikant daran: Auch sein politischer Gegner Christian Estrosi hatte sich im Wahlkampf für kostenlose Fahrten älterer Menschen ausgesprochen. Der Grundsatz war somit weniger umstritten als die Frage, wem die öffentliche Hand diese Vergünstigung gewähren sollte. Bislang profitierten unter anderem nicht steue…

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  • „Das ist empörend“: Illegales Feuerwerk löst bei Marseille Waldbrand aus – drei Jugendliche festgenommen

    „Das ist empörend“: Illegales Feuerwerk löst bei Marseille Waldbrand aus – drei Jugendliche festgenommen

    Mitten in einer von Hitze und Trockenheit ausgezehrten Pinienlandschaft sollen drei Jugendliche nahe Marseille Feuerwerkskörper gezündet haben – mit gefährlichen Folgen. Rund 2.000 Quadratmeter Vegetation gingen in Flammen auf, 17 Feuerwehrfahrzeuge rückten an. Dass daraus kein Großbrand entstand, lag vor allem an einem glücklichen Umstand: Es wehte kaum Wind.

    Am Samstagabend, dem 5. September, brach gegen 20.55 Uhr auf den Höhen von Les Pennes-Mirabeau unmittelbar nördlich von Marseille ein Vegetationsbrand aus. Betroffen war der Bereich Moulin de Pallières, ein hügeliges und teilweise schwer zugängliches Gelände.

    Die Flammen fraßen sich durch Pinien und Unterholz.

    Dutzende Feuerwehrleute kämpften mit 17 Fahrzeugen gegen den Brand. Gegen 22.10 Uhr gelang es den Einsatzkräften, das Feuer einzukreisen und eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Erst am folgenden Morgen galt der Brand als vollständig gelöscht.

    Dabei hätte die Sache richtig übel ausgehen können. In der Provence entscheidet bei Vegetationsbränden häufig der Wind darüber, ob einige Tausend Quadratmeter oder ganze Landschaften brennen. Besonders der kräftige Mistral treibt Flammen mit enormer Geschwindigkeit vor sich her. An diesem Abend blieb er glücklicherweise aus. Wohngebiete lagen dennoch gefährlich nahe am Feuer.

    Besonders empörend erscheint die mutmaßliche Ursache. Nach Angaben der Behörden lösten Feuerwerkskörper den Brand aus. Offenbar entstanden mehrere Brandherde, nachdem Feuerwerk in der trockenen Pinienlandschaft gezündet worden war.

    Die Polizei nahm drei Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren fest. Die Gemeinde kündigte an, gegenüber den Verantwortlichen keinerlei Nachsicht zu zeigen.

    Der Zeitpunkt verschärft die Kritik zusätzlich. Nach einem außergewöhnlich heißen und trockenen Sommer bleibt die Waldbrandgefahr in Südfrankreich hoch. Am selben Tag waren neun der 25 Waldgebiete im Département Bouches-du-Rhône wegen sehr hoher Brandgefahr vollständig für Besucher gesperrt.

    Ein Funke reicht unter solchen Bedingungen manchmal aus.

    Illegale oder unangemeldete Feuerwerke beschäftigen französische Behörden seit Jahren. Solche „feux d’artifice sauvages“ tauchen immer wieder bei spontanen Feiern oder in Wohnvierteln auf. Pyrotechnische Artikel lassen sich trotz ihrer Gefahren offenbar weiterhin vergleichsweise leicht beschaffen, teilweise über soziale Netzwerke.

    Wie dünn der Sicherheitsfaden rund um Marseille sein kann, zeigte bereits der Juli 2025. Damals traf ein schwerer Waldbrand Les Pennes-Mirabeau und Teile des Marseiller Viertels L’Estaque. Rund 750 Hektar wurden zerstört, 97 Wohnungen anschließend als unbewohnbar eingestuft.

    Den drei Jugendlichen drohen nun strafrechtliche Konsequenzen. Die Verursachung eines Brandes durch Feuerwerkskörper kann in Frankreich grundsätzlich mit bis zu drei Jahren Haft und 45.000 Euro Geldstrafe geahndet werden. Für Minderjährige gelten allerdings besondere jugendstrafrechtliche Regeln, weshalb sich daraus kein konkretes Strafmaß für die Festgenommenen ableiten lässt.

    Diesmal verbrannten „nur“ rund 2.000 Quadratmeter. Doch diese Zahl erzählt lediglich die halbe Geschichte. Trockenes Gelände, Pinien, Unterholz und nahe Wohnhäuser bildeten eine gefährliche Mischung.

    Dass daraus keine Katastrophe entstand, verdankt die Region vor allem dem fehlenden Wind – und einer gehörigen Portion Glück.

    Andreas M. Brucker

  • Neue Spur im Fall Chevaline: Pistole aus dem Lac d’Annecy wird untersucht

    Neue Spur im Fall Chevaline: Pistole aus dem Lac d’Annecy wird untersucht

    Fast vierzehn Jahre nach dem rätselhaften Vierfachmord von Chevaline sorgt ein Fund im Lac d’Annecy für neue Aufmerksamkeit. Französische Ermittler untersuchen eine Pistole, die am 20. August 2026 aus dem See geborgen wurde. Im Mittelpunkt steht eine ebenso naheliegende wie brisante Frage: Könnte es sich um die Tatwaffe eines der bekanntesten ungelösten Kriminalfälle Frankreichs handeln?

    Noch gibt es darauf keine Antwort.

    Britische Touristen entdeckten die Waffe beim Baden im Lac d’Annecy und holten sie aus dem Wasser. Bei der Pistole soll es sich um eine Luger handeln – und genau dieser Umstand lässt die Ermittler genauer hinsehen. Beim Massaker von Chevaline am 5. September 2012 kam nach den damaligen kriminaltechnischen Erkenntnissen eine vergleichsweise seltene Luger P06/29 im Kaliber 7,65 Millimeter zum Einsatz.

    Die Parallele wirkt auffällig. Ein Beweis ist sie nicht.

    Seit 2022 liegt der Fall beim französischen Spezialdezernat für Serienverbrechen und ungeklärte Kriminalfälle, dem PCSNE in Nanterre. Dort soll nun geklärt werden, um welches Modell es sich bei der gefundenen Pistole exakt handelt, welches Kaliber sie besitzt und in welchem Zustand sie sich nach ihrem Aufenthalt im Wasser befindet. Vor allem die ballistische Untersuchung dürfte entscheidend sein. Experten prüfen, ob die Waffe jene Geschosse abgefeuert haben könnte, die Ermittler 2012 am Tatort sicherstellten.

    Auch nach DNA, Fingerabdrücken oder anderen verwertbaren Spuren soll gesucht werden. Wasser, Korrosion und die möglicherweise lange Zeit auf dem Seegrund machen diese Arbeit allerdings zu einer kriminaltechnischen Geduldsprobe.

    Der Fall selbst beschäftigt Frankreich und Großbritannien seit Jahren. Am 5. September 2012 wurden der Brite Saad al-Hilli, seine Ehefrau Iqbal, deren Mutter sowie der französische Radfahrer Sylvain Mollier auf einer abgelegenen Waldstraße oberhalb des Lac d’Annecy erschossen. Zwei Mädchen der Familie al-Hilli überlebten.

    Seither reiht sich Theorie an Theorie. Ermittler verfolgten zahlreiche Spuren, überprüften mögliche Motive und rekonstruierten immer wieder die Ereignisse jenes Septembertages. Ein Täter wurde dennoch nie identifiziert.

    Sollte die jetzt geborgene Pistole tatsächlich die Tatwaffe sein, wäre das ein außergewöhnlicher Durchbruch. Sie könnte neue Spuren liefern und alte Ermittlungsansätze plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lassen.

    Doch gerade bei einem Cold Case wie Chevaline gilt: Ein spektakulärer Fund ist noch keine spektakuläre Lösung. Vielleicht liegt nach vierzehn Jahren tatsächlich ein entscheidendes Puzzleteil auf dem Tisch – vielleicht ist es schlicht eine Pistole, die irgendwann im Lac d’Annecy landete. Genau das müssen die Untersuchungen nun klären.

    Von C. Hatty

  • Trikolore auf dem Schulhof

    Trikolore auf dem Schulhof

    Wenn Anfang September in Nizza die Schultore wieder aufgehen, sollen zwischen Pausenhof, Platanen und Basketballkörben nach und nach neue Fahnenmasten auftauchen. Oben weht Blau, Weiß, Rot. Nizzas Bürgermeister Éric Ciotti möchte den französischen Nationalfarben sichtbar mehr Raum im Schulalltag geben. Bis zu den Allerheiligenferien sollen die öffentlichen Elementarschulen der Stadt schrittweise mit Fahnenmasten ausgestattet sein. Ein erster Mast steht bereits. Doch Ciotti denkt weiter. Er möchte mit dem Rektorat darüber sprechen, regelmäßig die französische Flagge zu hissen und solche Zeremonien mit der Marseillaise zu begleiten. Schüler könnten dann gemeinsam an einer sogenannten Levée des couleurs teilnehmen — einem Fahnenappell, wie man ihn eher von offiziellen Gedenkveranstaltungen oder militärischen Zeremonien kennt. Für Ciotti geht es um Zugehörigkeit. Kinder sollen früh lernen, welche Symbole die Französische Republik repräsentieren und weshalb diese Symbole Menschen mit sehr u…

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  • Als der Himmel auf die A36 einschlug

    Als der Himmel auf die A36 einschlug

    Es begann mit einem Gewitter, wie man es im Sommer zunächst kaum außergewöhnlich findet. Dunkle Wolken zogen über das Doubs, der Himmel verlor seine freundliche Farbe, erste Tropfen fielen auf die Windschutzscheiben. Dann änderte sich innerhalb weniger Minuten alles.

    Am Donnerstagabend verwandelte sich die Autobahn A36 im Osten Frankreichs in einen Ort der Angst.

    Hagelkörner prasselten mit solcher Wucht auf Autos und Lastwagen, dass Scheiben zerbarsten, Karosserien Dellen bekamen und Fahrer ihre Fahrzeuge teilweise nur noch irgendwie zum Stillstand bringen wollten. Manche der Eisklumpen erreichten die Größe von Golfbällen.

    Was normalerweise nach einem Wetterphänomen klingt, fühlte sich für die Menschen auf der Autobahn eher wie ein Angriff an.

    Ein Schlag.

    Noch einer.

    Dann zehn gleichzeitig.

    Das Geräusch großer Hagelkörner auf einem Autodach klingt ohnehin unangenehm. Wenn daraus innerhalb von Sekunden ein Trommelfeuer entsteht, verliert der geschützte Innenraum eines Autos plötzlich viel von seiner beruhigenden Wirkung. Metall knallt, Glas vibriert, draußen verschwindet die Straße hinter einem weißen Vorhang aus Wasser und Eis.

    Und irgendwann schießt einem der Gedanke durch den Kopf: Hält die Windschutzscheibe das aus?

    Für zahlreiche Autofahrer im Doubs lautete die Antwort an diesem Abend: nein.

    Scheiben bekamen Risse oder zerbrachen. Seitenscheiben gingen zu Bruch. Auf Motorhauben und Dächern entstanden tiefe Einschläge. Fahrzeuge, die wenige Minuten zuvor noch völlig intakt über die Autobahn gefahren waren, sahen anschließend aus, als hätte jemand sie mit einem Hammer bearbeitet.

    Dabei blieb es nicht bei Sachschäden.

    Mehrere Menschen erlitten Verletzungen, darunter auch Kinder. Rettungskräfte rückten während des Unwetters aus, kümmerten sich um Verletzte und versuchten zugleich, die Situation rund um beschädigte und liegen gebliebene Fahrzeuge unter Kontrolle zu bringen.

    Auf einer Autobahn ist selbst ein gewöhnlicher Pannenstreifen kein besonders angenehmer Aufenthaltsort. Während eines heftigen Hagelsturms bekommt dieser schmale Streifen Asphalt noch einmal eine ganz andere Bedeutung.

    Einfach aussteigen?

    Keine gute Idee.

    Weiterfahren?

    Teilweise ebenfalls kaum möglich.

    Was tut man, wenn vor einem die Sicht verschwindet, hinter einem Fahrzeuge herankommen und über dem eigenen Kopf faustgroße Eisstücke auf Blech und Glas schlagen?

    Genau diese Mischung aus Hilflosigkeit und Zeitdruck erklärt die Panik, von der viele Augenzeugen später berichteten.

    Autofahrer verlangsamten abrupt, andere hielten an. Lastwagen standen zwischen beschädigten Personenwagen. Die Fahrbahn färbte sich innerhalb kurzer Zeit weiß, als hätte jemand mitten im Sommer eine dünne Schneedecke über die Autobahn gelegt.

    Nur war es kein Schnee.

    Unter den Reifen lagen Hagelkörner, Wasser und Eis. Die Fahrbahn verlor Grip, die Sicht sank teilweise auf wenige Meter. Jede falsche Bewegung konnte in dieser Situation zusätzliche Gefahr bedeuten.

    Wer in einem solchen Moment im Auto sitzt, denkt nicht über Meteorologie nach.

    Man denkt an die Kinder auf der Rückbank.

    An die Scheibe.

    An das Fahrzeug vor einem.

    Und vielleicht ganz banal: Hoffentlich hört das bald auf.

    So simpel ist das.

    Wenn Glas plötzlich keinen Schutz mehr bietet

    Besonders bedrohlich wirkt Hagel im Auto deshalb, weil Menschen sich dort normalerweise geschützt fühlen. Ein Fahrzeug ist ein kleiner geschlossener Raum aus Stahl, Kunststoff und Sicherheitsglas. Regen bleibt draußen, Wind ebenfalls. Selbst ein starkes Gewitter beobachtet man meist mit einer gewissen Distanz.

    Doch großer Hagel verändert dieses Gefühl.

    Ein einziges schweres Hagelkorn trifft mit erheblicher Energie auf die Scheibe. Folgen viele solcher Treffer hintereinander, entstehen kleine Beschädigungen, Spannungen und schließlich Risse. Bricht eine Scheibe, dringen Eis, Wasser und Glassplitter in den Innenraum.

    Plötzlich sitzt man nicht mehr hinter einer transparenten Schutzwand.

    Man sitzt mitten im Unwetter.

    Einige Fahrer schilderten später die Angst, die Windschutzscheibe könne vollständig nachgeben. Genau diese Sorge dürfte viele Menschen begleitet haben, während das Eis auf ihre Fahrzeuge einschlug.

    Dazu kam das Geräusch.

    Videos des Unwetters vermitteln einen Eindruck davon: ein hartes, schnelles Krachen, kaum Pausen zwischen den Einschlägen, dazu Regen, Warnblinker und Scheibenwischer, die gegen Wassermassen arbeiten.

    Aufnahmen aus den betroffenen Gebieten zeigten später Straßen, die mit Hagel bedeckt waren, und Autos mit zerstörten Fenstern.

    Die Bilder wirken fast surreal.

    Sommer in Ostfrankreich, und am Straßenrand liegt Eis.

    Nicht nur die Autobahn traf es

    Der Hagel beschränkte sich nicht auf die A36.

    Auch mehrere Gemeinden im Département Doubs meldeten erhebliche Schäden. Autos, die friedlich vor Häusern parkten, trugen anschließend unzählige Dellen. Dächer bekamen Treffer ab. Fenster gingen zu Bruch.

    Besonders eindrucksvoll traf das Unwetter unter anderem Pouligney Lusans.

    Ein Ort, in dem ein Donnerstagabend normalerweise kaum Schlagzeilen produziert. Man kommt nach Hause, räumt vielleicht noch etwas im Garten auf, schließt Fenster, hört den Donner in der Ferne und denkt sich: Da kommt ordentlich was runter.

    Dieses Mal kam sehr ordentlich etwas herunter.

    Der Hagel traf Dächer, Fahrzeuge und Grundstücke mit ungewöhnlicher Härte. Bewohner beschrieben das Gewitter als außergewöhnlich heftig. Der Begriff erscheint verständlich, wenn man nach wenigen Minuten vor einem Auto steht, dessen Blech übersät ist mit Einschlägen.

    Solche Schäden besitzen eine merkwürdige Brutalität.

    Ein Sturm mit umgestürzten Bäumen hinterlässt große sichtbare Spuren. Hagel arbeitet kleinteiliger. Tausende Treffer verteilen sich über Dächer, Rollläden, Gartenmöbel und Fahrzeuge.

    Das Ergebnis ähnelt einer Landschaft voller blauer Flecken.

    Und dann beginnt am nächsten Morgen die zweite Phase eines solchen Unwetters.

    Aufräumen.

    Fotografieren.

    Versicherungen anrufen.

    Werkstätten suchen.

    Dachdecker erreichen.

    Die Schäden prüfen.

    Nach der dramatischen Viertelstunde folgt der bürokratische Marathon.

    Warum Hagel so gefährlich groß wachsen dürfte

    Hagel entsteht in kräftigen Gewitterwolken, wenn starke Aufwinde Wassertropfen in große Höhen tragen. Dort herrschen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Wasser lagert sich als Eis an kleinen Teilchen an.

    Bleibt ein Hagelkorn lange genug in diesem Kreislauf aus Aufstieg, Gefrieren und erneutem Wachstum, nimmt sein Durchmesser zu.

    Bei besonders kräftigen Gewittern können die Aufwinde Eisstücke sehr lange in der Wolke halten.

    Irgendwann gewinnt die Schwerkraft.

    Dann fällt das Eis.

    Je größer das Hagelkorn, desto größer die Energie beim Aufprall. Ein paar Millimeter Eis auf einem Autodach nerven. Mehrere Zentimeter große Körner richten hingegen enorme Schäden an.

    Besonders starke Gewitterzellen, darunter sogenannte Superzellen, schaffen Bedingungen, unter denen großer Hagel entstehen dürfte. Solche Systeme besitzen kräftige, organisierte Luftströmungen und entwickeln manchmal eine erschreckende Dynamik.

    Das Problem liegt in ihrer Geschwindigkeit.

    Ein Gewitter wirkt aus der Ferne noch überschaubar. Minuten später steht man mittendrin.

    Gerade für Autofahrer entsteht daraus eine tückische Situation. Sie bewegen sich selbst mit hoher Geschwindigkeit durch die Landschaft, während sich gleichzeitig das Wettersystem verlagert. Ein Fahrer, der bei Sonnenschein auf die Autobahn fährt, könnte wenige Kilometer später in Starkregen oder Hagel geraten.

    Und eine Autobahn bietet wenig Möglichkeiten, spontan Schutz zu suchen.

    Zwischen Warnblinker und Instinkt

    Das Unwetter im Doubs erinnert deshalb auch daran, wie schnell moderne Mobilität an Grenzen stößt.

    Wir fahren Fahrzeuge mit Assistenzsystemen, Navigationsgeräten, Klimaanlage und allerlei Technik. Wir planen Strecken minutengenau. Ein heftiges Gewitter braucht trotzdem nur wenige Augenblicke, um diesen komfortablen Alltag durcheinanderzubringen.

    Dann zählt plötzlich wieder Instinkt.

    Tempo reduzieren.

    Abstand vergrößern.

    Lenkrad ruhig halten.

    Einen möglichst sicheren Ort finden.

    Leichter gesagt als getan, wenn ringsum Hagel auf die Straße kracht.

    Besonders schwierig bleibt die Entscheidung, ob man anhält. Unter Brücken entstehen manchmal gefährliche Situationen, wenn mehrere Fahrer gleichzeitig Schutz suchen. Auf der Fahrbahn stehen zu bleiben, bringt ebenfalls Risiken mit sich. Gleichzeitig macht eine beschädigte Windschutzscheibe die Weiterfahrt irgendwann unmöglich.

    Es gibt in solchen Augenblicken selten die perfekte Lösung.

    Nur möglichst vernünftige Entscheidungen unter ziemlich miesen Bedingungen.

    Das Gewitter geht, die Folgen bleiben

    Nach einem Hagelsturm kehrt erstaunlich schnell Ruhe ein.

    Die Wolken ziehen weiter. Regen lässt nach. Vielleicht kommt sogar wieder etwas Abendlicht zwischen den Wolken hervor.

    Die Straße bleibt jedoch voller Spuren.

    Glassplitter.

    Eisreste.

    Beschädigte Fahrzeuge.

    Menschen, die telefonieren.

    Kinder, die das Geschehen erst langsam begreifen.

    Für die Betroffenen endet das Ereignis deshalb nicht mit dem letzten Hagelkorn. Manche Autos brauchen umfangreiche Reparaturen. Bei stark beschädigten Fahrzeugen stellt sich die Frage, ob sich eine Instandsetzung überhaupt lohnt.

    Hinzu kommen Schäden an Häusern und Dächern.

    Ein zerbrochener Dachziegel wirkt zunächst nebensächlich. Doch dringt anschließend Regen ein, wächst der Schaden weiter. Nach außergewöhnlich heftigem Hagel prüfen Bewohner deshalb nicht nur Autos, sondern ebenso Dachflächen, Fenster, Rollläden und Solaranlagen.

    Auch Landwirtschaft und Gärten leiden bei solchen Ereignissen erheblich.

    Blätter zerreißen, Früchte bekommen Schläge, junge Pflanzen knicken ab. Ein Hagelsturm dauert vielleicht zehn Minuten und zerstört dennoch Arbeit mehrerer Monate.

    Wie bereitet man sich auf ein Wetterereignis vor, das lokal, schnell und mit solcher Wucht zuschlägt?

    Ganz verhindern lässt sich das Risiko kaum.

    Bessere Warnungen verschaffen Zeit. Garagen, Unterstände und Hagelschutznetze schützen dort, wo sie vorhanden sind. Autofahrer profitieren von rechtzeitigen Wetterhinweisen und der Möglichkeit, ihre Fahrt anzupassen.

    Doch nicht jedes Gewitter hält sich an den Kalender.

    Ein Sommerabend, den viele nicht vergessen

    Der Donnerstagabend im Doubs dürfte deshalb lange im Gedächtnis vieler Menschen bleiben.

    Nicht wegen eines abstrakten Wetterrekords, sondern wegen dieser sehr persönlichen Momente: das erste Krachen auf dem Dach, der Riss in der Scheibe, die Angst auf der Rückbank, der Warnblinker des Autos vor einem.

    Solche Augenblicke verändern die Wahrnehmung von Wetter.

    Danach schaut man anders auf dunkle Wolken.

    Vielleicht prüft man beim nächsten Gewitter zweimal die Warnkarte. Vielleicht fährt man früher von der Autobahn. Vielleicht räumt man das Auto doch in die Garage, obwohl man eigentlich keine Lust mehr dazu hatte.

    Das klingt banal.

    Ist es aber nicht.

    Denn extreme Wetterlagen treffen Menschen selten als große statistische Kurve. Sie treffen eine Windschutzscheibe, ein Hausdach oder einen Obstgarten.

    Im Doubs geschah genau das.

    Am Ende blieben Verletzte, zerstörte Scheiben, beschädigte Karosserien und Gemeinden, in denen Bewohner noch lange nach dem Gewitter die Spuren beseitigen dürften.

    Und ein Bild, das sich schwer vergessen lässt: eine sommerliche Autobahn, weiß bedeckt mit Eis, während Fahrer in ihren Autos darauf hoffen, dass die nächste Scheibe hält.

    Ein Artikel von M. Legrand