Ein Sommerabend, sanfte Hügel, Reben bis zum Horizont und ein Glas Wein direkt dort, wo die Trauben wachsen – in der französischen Region Savoie erfreut sich genau dieses Konzept wachsender Beliebtheit. Mit den sogenannten „Apéro’Vignes“ laden Winzer ihre Gäste ein, den Tag mitten im Weinberg ausklingen zu lassen. Das Ziel reicht dabei weit über eine klassische Weinprobe hinaus: Die Menschen der Region sollen ihren eigenen Wein und das kulturelle Erbe vor der Haustür neu entdecken.
An jedem Donnerstagabend öffnen mehrere Weingüter im Herzen der Savoie ihre Tore. Gemeinsam mit den Winzern spazieren die Besucher durch die Weinberge, erfahren Wissenswertes über den Anbau, die Besonderheiten der Böden und die verschiedenen Rebsorten. Anschließend klingt der Abend bei einem Glas Wein und regionalen Spezialitäten in entspannter Atmosphäre aus. Im Mittelpunkt steht nicht die fachkundige Verkostung, sondern das persönliche Gespräch mit den Menschen, die den Weinberg seit Generationen prägen.
Viele Einheimische kennen die malerischen Weinlagen von Chignin, Cruet, Apremont oder Fréterive zwar aus ihrem Alltag, doch nur wenige wissen, wie vielfältig die heimischen Rebsorten tatsächlich sind. Genau hier setzen die Apéro’Vignes an. Sie vermitteln Wissen auf unkomplizierte Weise und machen deutlich, weshalb Rebsorten wie Jacquère, Altesse, Mondeuse oder Persan einen so wichtigen Beitrag zur Identität der Savoyer Weinlandschaft leisten.
Lange stand die Savoie vor allem für ihre berühmten Skigebiete. Wintersport und alpine Landschaften bestimmten das Bild der Region weit über Frankreich hinaus. Dabei geriet häufig in Vergessenheit, dass zwischen Chambéry und Montmélian seit Jahrhunderten Wein angebaut wird. Heute erleben diese traditionsreichen Weinberge eine bemerkenswerte Renaissance. Die Qualität der Weine findet zunehmend Anerkennung, und immer mehr Genießer entdecken die besondere Handschrift der Region.
Das Konzept der Apéro’Vignes überzeugt vor allem durch seine Einfachheit. Für einen moderaten Preis erhalten die Teilnehmer eine Führung über das Weingut, können mit dem Winzer ins Gespräch kommen und mehrere Weine zusammen mit regionalen Spezialitäten probieren. Auch Familien sind ausdrücklich willkommen. Für Kinder und Gäste, die keinen Alkohol trinken möchten, stehen alkoholfreie Getränke bereit.
Zu den teilnehmenden Weingütern gehören unter anderem das Domaine Jean Vullien in Fréterive, die Maison Philippe Grisard in Cruet, das Domaine La Gerbelle in Chignin, das Domaine de l’Idylle in Cruet, das Domaine Dupraz in Apremont sowie das Domaine du Château de la Violette in Les Marches.
Besonders bemerkenswert ist die Ausrichtung des Projekts. Während sich der Weintourismus vieler Regionen in erster Linie an Urlauber richtet, sprechen die Apéro’Vignes bewusst die Menschen an, die in der Savoie leben. Sie sollen ihre Heimat mit neuen Augen sehen und erkennen, dass die Weinberge ebenso zum regionalen Erbe gehören wie die Berge, Seen und Skipisten.
Der Erfolg der Veranstaltungsreihe zeigt, dass dieses Konzept den Nerv der Zeit trifft. Aus einzelnen Sommerabenden ist inzwischen eine feste Einrichtung geworden. Jedes Jahr finden neue Ausgaben statt, zusätzlich können Gruppen ganzjährig Führungen und Begegnungen mit den Winzern buchen.
In einer Zeit, in der Authentizität und persönliche Begegnungen immer stärker geschätzt werden, bietet dieses Format genau das, wonach viele Menschen suchen. Es geht nicht allein um ein gutes Glas Wein, sondern um Geschichten, Traditionen und den direkten Kontakt zu den Menschen, die ihre Landschaft mit Leidenschaft bewirtschaften. Die Apéro’Vignes zeigen eindrucksvoll, dass echter Weintourismus nicht nur Besucher begeistert – sondern auch die eigene Bevölkerung.
Von C. Hatty

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