Kategorie: Wirtschaft

  • Frankreich entdeckt seine Rentner als Haushaltsposten

    Frankreich entdeckt seine Rentner als Haushaltsposten

    Kommentar Es gibt in der französischen Haushaltspolitik offenbar noch unerschlossene Rohstoffvorkommen. Man muss nur gründlich genug suchen. Unter jedem Kopfkissen könnte schließlich noch ein Sparbuch liegen, in irgendeiner Küchenschublade eine Lebensversicherung und auf irgendeinem Konto die Rente eines Menschen, der den bemerkenswerten Fehler begangen hat, jahrzehntelang zu arbeiten und anschließend nicht rechtzeitig zu verarmen. Nun also die Rentner. Bei der Vorbereitung des französischen Haushalts für 2027 wird darüber diskutiert, auch Pensionäre stärker an der Sanierung der Staatsfinanzen zu beteiligen. Wirtschaftsminister Roland Lescure spricht von einem Konsolidierungsbedarf von ungefähr 30 Milliarden Euro. Ministerpräsident Sébastien Lecornu hat eine Debatte darüber eröffnet, welchen Beitrag Rentner leisten könnten. Dabei geht es unter anderem um eine geringere Anpassung bestimmter Pensionen an die Inflation und um den steuerlichen Abschlag von 10 Prozent auf Renteneinkünfte. B…

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  • Frankreichs Tankstellen unter Druck: Warum Paris trotz leerer Zapfsäulen keine Benzinkrise sieht

    Frankreichs Tankstellen unter Druck: Warum Paris trotz leerer Zapfsäulen keine Benzinkrise sieht

    Frankreich erlebt erneut jene nervöse Mischung aus steigenden Kraftstoffpreisen, lokalen Versorgungsengpässen und wachsendem sozialen Unmut, die Erinnerungen an frühere Energiekrisen weckt. Die Regierung bemüht sich deshalb um eine klare Botschaft: Von einer landesweiten Treibstoffknappheit könne keine Rede sein. Energieministerin Maud Brégeon erklärte am 15. September, 90 Prozent der französischen Tankstellen hätten keinerlei Schwierigkeiten bei der Versorgung. Doch hinter dieser beruhigenden Zahl verbirgt sich eine angespannte Lage – und ein Problem, das weit über einzelne leere Zapfsäulen hinausgeht. Zehn Prozent der Tankstellen melden Engpässe Die Zahlen der Regierung bestätigen zunächst Brégeons Darstellung. Am Morgen des 15. September waren 90 Prozent der französischen Tankstellen ohne Versorgungsschwierigkeiten. Umgekehrt bedeutete dies allerdings, dass etwa jede zehnte Station bei mindestens einer Benzin- oder Dieselsorte einen Engpass meldete. Noch am Vortag hatte der Anteil d…

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  • Hammer-Attacken auf Tankstellen: Vandalen schlagen bei Douai zu

    Hammer-Attacken auf Tankstellen: Vandalen schlagen bei Douai zu

    Eine nächtliche Serie von Sachbeschädigungen beschäftigt die Ermittler im Norden Frankreichs. Im Raum Douai sind in der Nacht von Sonntag auf Montag mindestens fünf Tankstellen gezielt angegriffen und teilweise erheblich beschädigt worden. Die Täter gingen offenbar mit Hämmern gegen Zapfsäulen vor. Nun fahndet die Polizei nach den Verantwortlichen.

    Betroffen sind Tankstellen unter anderem in Lallaing, Guesnain, Pecquencourt und Aniche. Damit konzentrieren sich die Vorfälle auf mehrere Gemeinden rund um Douai im Département Nord. Die räumliche und zeitliche Nähe der Angriffe legt den Verdacht nahe, dass die einzelnen Taten miteinander zusammenhängen.

    Besonders deutlich zeigen sich die Folgen in Pecquencourt. Dort sollen rund zehn Zapfsäulen beschädigt worden sein. Mehrere Anlagen ließen sich nach den Angriffen nicht mehr benutzen.

    Für Tankstellenbetreiber bedeutet eine solche Attacke weit mehr als ein paar zerbrochene Bauteile. Moderne Zapfsäulen sind komplexe technische Anlagen, deren Reparatur schnell teuer und zeitaufwendig gerät. Hinzu kommen Einnahmeausfälle, solange einzelne Pumpen oder womöglich größere Teile einer Station außer Betrieb bleiben. Auch Autofahrer bekamen die Auswirkungen zu spüren, weil nach den Taten nicht überall wie gewohnt getankt werden konnte.

    Ein Detail dürfte die Ermittler besonders interessieren: An einer der betroffenen Tankstellen hinterließen die Täter das französische Wort „voleur“, auf Deutsch „Dieb“.

    Diese Botschaft könnte auf ein Protestmotiv hindeuten. Denkbar wäre etwa Unmut über Kraftstoffpreise. Doch genau an diesem Punkt ist Vorsicht geboten: Ein Schriftzug allein liefert noch keinen Beweis für die tatsächlichen Beweggründe der Täter. Ob hinter den Angriffen politischer oder sozialer Protest, persönliche Wut oder ein völlig anderes Motiv steckt, steht bislang nicht fest.

    Die Staatsanwaltschaft von Douai leitete Ermittlungen wegen gemeinschaftlich begangener Sachbeschädigung ein. Für die Ermittler dürfte nun vor allem die Auswertung vorhandener Videoaufnahmen eine zentrale Rolle spielen. Tankstellen verfügen häufig über mehrere Überwachungskameras, die sowohl die Zapfsäulen als auch Zufahrten und Verkaufsbereiche erfassen. Entsprechendes Material könnte Hinweise auf Personen, Fahrzeuge und Fluchtrouten liefern.

    Nach den zuletzt vorliegenden Informationen gab es zunächst keine Festnahmen.

    Parallel dazu beginnen die Betreiber mit der finanziellen Bestandsaufnahme. Mehrere Geschädigte reichten bereits Anzeigen ein, während die genaue Höhe des entstandenen Schadens noch ermittelt wird. Bei einer Serie mit zahlreichen zerstörten oder beschädigten Zapfsäulen dürfte die Rechnung jedenfalls alles andere als klein ausfallen.

    Für die betroffenen Gemeinden bleibt zunächst die Frage, wer hinter der nächtlichen Aktion steckt. Der Schriftzug „Dieb“ liefert zwar einen auffälligen Hinweis, aber noch keine Antwort.

    Bis die Ermittler die Bilder ausgewertet und mögliche Tatverdächtige identifiziert haben, bleibt vor allem das sichtbare Ergebnis einer ungewöhnlichen Nacht: beschädigte Tankstellen, ausgefallene Zapfsäulen und Betreiber, die nun auf den Kosten und dem Ärger sitzen. Oder etwas salopper gesagt: Mit dem Hammer auf eine Zapfsäule einzuschlagen, löst kein Problem – es schafft bloß ein paar neue.

    Daniel Ivers

  • Frankreichs Fischer schlagen Alarm: Der Treibstoffpreis treibt die Branche an ihre Grenzen

    Frankreichs Fischer schlagen Alarm: Der Treibstoffpreis treibt die Branche an ihre Grenzen

    Mit der Blockade eines Erdöldepots in Fos-sur-Mer haben französische Fischer ihren Protest gegen die hohen Treibstoffpreise erheblich verschärft. Seit den frühen Morgenstunden des 15. September blockieren mehrere Dutzend Fischer die Ausfahrt des Terminals nahe Marseille. Rund 50 Tanklastwagen waren nach Angaben der Behörden zeitweise betroffen. Hinter der Aktion steht jedoch mehr als ein Streit über Dieselpreise: Frankreichs Mittelmeerfischerei sieht ihr wirtschaftliches Modell zunehmend gefährdet.

    Protest an einem strategischen Ort

    Die Blockade begann gegen drei Uhr morgens. Größere Zwischenfälle wurden zunächst nicht gemeldet. Die Demonstranten verlangen Gespräche mit Catherine Chabaud, der für Meer und Fischerei zuständigen Ministerin.

    Bereits am Montag hatten Fischer in Sète und Port-Vendres protestiert. Hinter der Mobilisierung stehen regionale Fischereiverbände aus Okzitanien, Provence-Alpes-Côte d’Azur und Korsika sowie Erzeugerorganisationen und Berufsverbände. Damit erhält der Konflikt eine Dimension, die über einzelne Häfen hinausgeht.

    Der Ort der jüngsten Aktion ist bewusst gewählt. Fos-sur-Mer gehört zu den bedeutendsten Energie- und Industriestandorten Frankreichs. Die dortige Société du Pipeline Sud-Européen betreibt 40 Tanks mit einer nominalen Lagerkapazität von 2,26 Millionen Kubikmetern. Über Pipelines ist der Standort unter anderem mit Anlagen in Lyon und Ostfrankreich verbunden.

    Wer hier Tanklastwagen aufhält, erzeugt erheblich mehr Aufmerksamkeit als mit einer Demonstration in einem Fischereihafen.

    Diesel wird zur Existenzfrage

    Auslöser der Proteste ist der Preis für Schiffsdiesel. Die seit dem Frühjahr verschärfte Krise im Nahen Osten hat die internationalen Energiemärkte belastet. Für die Fischerei ist dies besonders problematisch, weil Treibstoff einen erheblichen Anteil der Betriebskosten ausmacht.

    Bereits im Frühjahr überschritt der Preis für Marinediesel zeitweise die Marke von einem Euro je Liter. Im französischen Senat wurde im Juni auf die dramatische Kalkulation der Branche hingewiesen: Ein Preis von etwa 60 Cent gilt für manche Betriebe als wirtschaftlich tragfähig. Bei 80 Cent verschlechtert sich die Rentabilität deutlich; bei einem Euro können einzelne Ausfahrten mehr kosten, als der Verkauf des Fangs einbringt.

    Die Konsequenz ist ungewöhnlich für eine Branche, deren Geschäftsmodell traditionell auf möglichst intensiver Nutzung der verfügbaren Fangtage beruht: Schiffe bleiben im Hafen, weil Auslaufen Verluste produzieren würde.

    Staatliche Hilfen reichen nicht aus

    Paris hat auf die Krise reagiert. Für April erhielten Fischereiunternehmen eine Unterstützung von 20 Cent je Liter, für Mai waren es 35 Cent. Allein für diese beiden Monate stellte die Regierung 13 Millionen Euro bereit. Weitere Hilfen für Juni, Juli und August wurden angekündigt.

    Doch die Subventionen lösen das strukturelle Problem nicht. Die Fischer argumentieren, dass sich steigende Energiepreise mit höheren Wartungs-, Personal- und Finanzierungskosten sowie zunehmenden regulatorischen Anforderungen überlagern. Gerade kleinere Betriebe verfügen kaum über Reserven, um solche Belastungen über längere Zeit auszugleichen.

    Hinzu kommt ein grundsätzlicher Zielkonflikt. Frankreich und die Europäische Union wollen die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern reduzieren. Die bestehende Fischereiflotte ist jedoch weiterhin stark auf Diesel angewiesen. Alternative Antriebe erfordern erhebliche Investitionen und lassen sich bei vielen vorhandenen Schiffen nicht kurzfristig einsetzen.

    Ein Konflikt mit politischem Potenzial

    Damit wird Fos-sur-Mer zum Symbol eines größeren Problems. Kurzfristig verlangen die Fischer Entlastung beim Treibstoff. Langfristig geht es um die Frage, ob traditionelle Fischereibetriebe unter den veränderten wirtschaftlichen und ökologischen Rahmenbedingungen noch ausreichend rentabel arbeiten können.

    Für die Regierung besteht das Dilemma darin, akute Hilfen zu gewähren, ohne eine dauerhafte Subventionsabhängigkeit von fossilem Treibstoff zu schaffen. Gleichzeitig ist die Fischerei wirtschaftlich mit Häfen, Fischauktionen, Verarbeitung und Handel verflochten. Bleiben Schiffe im Hafen, trifft dies deshalb nicht nur deren Eigentümer.

    Entscheidend wird nun sein, ob sich die Proteste ausweiten. Bleibt Fos-sur-Mer eine punktuelle Blockade, dürfte die Wirkung vor allem politisch und symbolisch sein. Schließen sich weitere Häfen oder Fischerverbände an und geraten zusätzliche Energieinfrastrukturen ins Visier, steigt der Druck auf Paris erheblich. Die Forderung nach «konkreten Antworten» könnte dann rasch zu einer neuen wirtschafts- und sozialpolitischen Bewährungsprobe für die französische Regierung werden.

    P.T.

  • Trotz des Großbrandes: Biscarrosse feiert – und zeigt seinen Lebenswillen

    Trotz des Großbrandes: Biscarrosse feiert – und zeigt seinen Lebenswillen

    Weiße T-Shirts, blaue Halstücher, Blasmusik und lange Tafeln vor den Bodegas: Anfang September kehrte auf der Place Georges Dufau in Biscarrosse-Plage jene ausgelassene Stimmung zurück, die seit Jahren das Ende des Sommers begleitet. Vom 4. bis 6. September fanden die traditionellen „Fêtes de la Plage“ statt. Doch 2026 fühlte sich das Fest anders an.

    Nur wenige Wochen zuvor hatte die Region eine Katastrophe erlebt.

    Am 23. Juli geriet gegen 15.45 Uhr an der Départementstraße D652 bei Biscarrosse ein Fahrzeug in Brand. Die Flammen griffen auf die ausgetrocknete Vegetation über. Wind, Hitze und Trockenheit verwandelten das Feuer binnen kurzer Zeit in einen Großbrand, der durch die Pinienwälder raste. Rund 3.600 Hektar Land wurden verwüstet, etwa 30.000 Menschen vorsorglich evakuiert – Einwohner ebenso wie Urlauber auf Campingplätzen und in Ferienanlagen. Erst am 30. Juli galt der Brand als unter Kontrolle.

    Für den beliebten Ferienort an der französischen Atlantikküste traf das Feuer auch wirtschaftlich einen empfindlichen Nerv. Restaurants, Campingplätze, Geschäfte und andere touristische Betriebe verdienen einen erheblichen Teil ihres Jahreseinkommens während der Sommermonate. Nach dem Brand brachen Urlauber ihre Ferien ab, andere stornierten Buchungen.

    Mitten in der Hochsaison herrschte plötzlich Leere.

    Umso größer war die Bedeutung der „Fêtes de la Plage“. Seit ihrer ersten Ausgabe im Jahr 2005 entwickelte sich die Veranstaltung zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Damals gab es gerade einmal vier Bodegas, inzwischen beteiligen sich mehr als ein Dutzend örtliche Vereine.

    Das Programm bietet dabei eine charmante Mischung aus Tradition und sommerlichem Volksfest. Morgens wartet das Tripes-Frühstück, später folgen Vorführungen mit historischen Zweimannsägen, Stelzenläufer, gascognische Tänze, traditionelle Spiele und Pala, eine Variante des baskischen Pelota. Wenn der Abend hereinbricht, übernehmen Bandas, Rockgruppen und DJs das Kommando. In diesem Jahr gehörte sogar eine Drohnenshow dazu.

    Normalerweise verabschiedet Biscarrosse mit dem Fest schlicht den Sommer. Diesmal ging es um mehr.

    Viele Bewohner kennen Menschen, die während des Feuers evakuiert wurden, Schäden erlitten oder wirtschaftlich unter den Folgen des Brandes leiden. Dass wenige Wochen später wieder getanzt, gegessen und musiziert wurde, wirkte deshalb nicht wie Verdrängung. Vielmehr zeigte sich darin jene Form von Gemeinschaft, die nach Katastrophen besonders wertvoll wird: Menschen treffen sich wieder, reden miteinander und holen sich ein Stück Alltag zurück.

    Dabei sorgten unterschiedliche Veranstaltungskalender für Verwirrung. Die eigentlichen „Fêtes de la Plage“ fanden vom 4. bis 6. September statt. Am 13. September gab es jedoch erneut ein großes öffentliches Fest: „Biscarrosse dit Merci“. Mit Messe, Umzug, Konzert, Kinderprogramm und Foodtrucks stand dieser Tag ausdrücklich im Zeichen des Dankes und des Zusammenhalts nach dem Großbrand.

    So bekam das Feiern in Biscarrosse einen ungewöhnlich ernsten Unterton.

    Der französische Satz „Malgré l’incendie, le cœur est toujours à la fête“ bringt die Stimmung ziemlich gut auf den Punkt: Trotz des Brandes schlägt das Herz weiter für das Fest. Oder etwas weniger poetisch gesagt: Biscarrosse lässt sich nicht so leicht unterkriegen.

    Von C. Hatty

  • Dunkerque: Wird Frankreichs Nordseehafen zum neuen Drehkreuz für Kokain?

    Dunkerque: Wird Frankreichs Nordseehafen zum neuen Drehkreuz für Kokain?

    Der Hafen von Dunkerque galt lange vor allem als mächtige Industrie- und Logistikmaschine im Norden Frankreichs. Doch inzwischen taucht der Name immer häufiger in einem ganz anderen Zusammenhang auf: Kokain. Rekordfunde seit 2025 zeigen, dass südamerikanische Drogenkartelle ihre europäischen Routen verändern und Dunkerque dabei eine zunehmend bedeutende Rolle spielt.

    Von einer neuen „Kokainhauptstadt“ Frankreichs zu sprechen, wäre dennoch verfrüht. Häfen wie Le Havre oder Antwerpen bleiben zentrale Umschlagplätze des europäischen Kokainhandels. Doch die Entwicklung in Dunkerque besitzt eine Dynamik, die Ermittler aufmerksam macht.

    Im März 2025 gelang dem französischen Zoll dort ein spektakulärer Schlag. In einem Container entdeckten die Beamten rund zehn Tonnen Kokain – zu diesem Zeitpunkt der größte Kokainfund, den Frankreich je gesehen hatte.

    Nur ein Jahr später fiel bereits der nächste Rekord. Im März 2026 erreichten die französischen Beschlagnahmungen 31,26 Tonnen Kokain, wobei ein bedeutender Teil mit Einsätzen in Dunkerque zusammenhing. Landesweit lagen die sichergestellten Mengen 49 Prozent über dem Niveau von 2024.

    Das Geschäft wächst – und die Routen bewegen sich mit.

    Warum ausgerechnet Dunkerque? Eine Antwort liegt in der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte des Hafens. Der Containerverkehr wächst kräftig, immer mehr große Hochseeschiffe laufen die Anlagen an. Für die legale Wirtschaft bedeutet das Chancen. Für Schmuggler bedeutet es Tarnung. Je größer der Warenstrom, desto schwieriger gestaltet sich die lückenlose Kontrolle jedes einzelnen Containers.

    Hinzu kommt der Druck auf die traditionellen Einfallstore Europas. Antwerpen, Rotterdam und Le Havre stehen seit Jahren im Fokus der Sicherheitsbehörden. Kontrollen wurden verschärft, Ermittlungsstrukturen ausgebaut und verdächtige Lieferketten genauer untersucht.

    Kriminelle Organisationen reagieren darauf ziemlich pragmatisch: Fällt eine Tür zu, sucht man eben die nächste.

    Dunkerque bietet dafür günstige Voraussetzungen. Der Hafen liegt strategisch ausgezeichnet. Von Nordfrankreich führen schnelle Verkehrsachsen nach Paris, Belgien, in die Niederlande und nach Deutschland. Auch Großbritannien liegt praktisch vor der Haustür. Eine Ladung, die den Hafen unentdeckt verlässt, lässt sich somit vergleichsweise rasch über mehrere europäische Märkte verteilen.

    Dahinter steckt offenbar keine spontane Improvisation, sondern eine bewusste Strategie. Moderne Kokainnetzwerke setzen längst nicht mehr alles auf eine Karte. Statt große Mengen ausschließlich über wenige bekannte Häfen einzuschleusen, verteilen sie Lieferungen auf unterschiedliche Standorte. Das senkt das Risiko, dass eine einzige erfolgreiche Polizeiaktion das gesamte Geschäft empfindlich trifft.

    Genau dieses Muster zeigte sich zuvor in Le Havre. Sobald dort der Fahndungsdruck stieg, wichen Teile der Warenströme auf andere Häfen aus. Dunkerque gerät nun stärker ins Blickfeld.

    Besonders heikel ist dabei die Korruption.

    Die Erfahrungen aus den großen europäischen Häfen zeigen, dass Drogennetzwerke Sicherheitssysteme nicht unbedingt mit Gewalt überwinden müssen. Viel effektiver ist es, Menschen innerhalb der logistischen Kette zu gewinnen: Hafenarbeiter, Fahrer oder andere Beschäftigte, die wissen, wann ein Container ankommt, wo er steht und wie er das Gelände möglichst unauffällig verlassen könnte.

    In Le Havre brachten Ermittlungen bereits Netzwerke ans Licht, in denen Hafenbeschäftigte bei der heimlichen Bergung von Drogen aus präparierten Containern eine Rolle spielten. Genau eine solche Entwicklung möchten die französischen Behörden in Dunkerque verhindern.

    Denn sobald organisierte Kriminalität dauerhaft in einem Hafen Fuß fasst, geht es längst nicht mehr nur um weiße Pakete zwischen Bananenkisten oder anderen Importwaren. Mit dem Drogengeschäft kommen enorme Geldsummen, Geldwäsche, Bestechung und häufig auch Gewalt. Aus einem Schmuggelproblem entsteht dann ein Sicherheitsproblem für eine ganze Region.

    Trotz der Rekordzahlen bleibt allerdings Vorsicht bei der Interpretation geboten. Große Beschlagnahmungen bedeuten nicht automatisch, dass Dunkerque tatsächlich der größte französische Einfuhrhafen für Kokain ist. Sie zeigen einerseits steigende Warenströme, andererseits aber auch intensivere Kontrollen und größere Ermittlungserfolge.

    Gerade darin liegt das statistische Paradox: Wo besonders gründlich gesucht wird, findet man häufig besonders viel.

    Fest steht dennoch, dass Dunkerque inzwischen zu den strategisch interessanten Eingangstoren für den europäischen Kokainhandel zählt. Die Kartelle besitzen offenbar genügend Flexibilität, ihre Lieferwege dem Druck der Behörden anzupassen. Heute Antwerpen, morgen Le Havre, übermorgen Dunkerque – die Logistik des Verbrechens folgt ihren eigenen Marktgesetzen.

    Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Kokain über Dunkerque nach Europa gelangt. Das ist längst belegt. Entscheidend ist vielmehr, ob Frankreich verhindern kann, dass sich dort jene kriminellen Strukturen dauerhaft verankern, mit denen Antwerpen, Rotterdam oder Le Havre seit Jahren kämpfen.

    Die Rekordfunde von 2025 und 2026 könnten sich rückblickend als außergewöhnliche Einzelereignisse erweisen. Sie könnten aber ebenso der Beginn einer nachhaltigen Verschiebung der europäischen Kokainrouten sein.

    Für Dunkerque steht damit mehr auf dem Spiel als sein Ruf als erfolgreicher Hafen.

    Daniel Ivers

  • Champagne 2026: ein Jahrgang am Limit

    Champagne 2026: ein Jahrgang am Limit

    Der Sommer brannte, die Trauben schrumpften – und in der Champagne reifte ein Jahrgang heran, der selbst erfahrene Winzer staunen lässt. 2026 könnte als eines jener Jahre in Erinnerung bleiben, über die man noch lange bei einem Glas Champagner spricht. Dabei sorgt vor allem eine Zahl für Aufsehen: 1…

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  • Gift im Garten, Gewinn in der Bilanz – und zahlen sollen wieder die kleinen Leute

    Gift im Garten, Gewinn in der Bilanz – und zahlen sollen wieder die kleinen Leute

    Kommentar

    Es gibt Geschichten, bei denen der Zynismus so vollkommen ist, dass man ihn kaum noch erfinden müsste. Die Geschichte der „Cité des jardins“ im westfranzösischen Tonnay-Charente gehört dazu. Ein Viertel, dessen Name nach Tomatenstauden, spielenden Kindern und Sonntagnachmittagen unter dem Apfelbaum klingt, steht plötzlich für Blei, Cadmium und Arsen.

    Willkommen im Gartenparadies des Industriezeitalters.

    92 Grundstücke wurden untersucht, bei annähernd der Hälfte gilt die Belastung als derart problematisch, dass normale Wohnnutzung und insbesondere der Anbau eigener Lebensmittel nicht miteinander vereinbar erscheinen. Rund 40 Häuser betrifft das.

    Häuser.

    Dieses Wort sollte man einen Moment wirken lassen. Denn Häuser sind für normale Menschen keine Position in einer Excel-Tabelle. Sie sind das Schlafzimmer der Kinder, die Terrasse mit dem alten Tisch, die Küche, die man vor zwölf Jahren renoviert hat. Sie sind Schulden, Ersparnisse, Erinnerungen und Altersvorsorge in einem. Ein Haus ist für viele Familien das Ergebnis eines ganzen Arbeitslebens.

    Und dann kommt irgendwann die Nachricht: Übrigens, essen Sie besser nicht mehr, was in Ihrem Garten wächst.

    Na dann. Schönen Feierabend.

    In unmittelbarer Nähe des Viertels liegt eine Düngemittelfabrik von Timac Agro, einer Tochter der Groupe Roullier. Das Unternehmen erklärt, bei den Umweltuntersuchungen vollständig mit den Behörden kooperiert zu haben. Die rechtliche Verantwortung für die Belastungen ist damit keineswegs abschließend geklärt. Gerade deshalb sollte man sauber unterscheiden zwischen dem, was nachgewiesen wurde, und dem, was noch geklärt werden muss.

    Doch gesellschaftlich stellt sich längst eine größere Frage.

    Wer trägt eigentlich das Risiko industrieller Wertschöpfung?

    Die Antwort fällt in Europa erstaunlich oft ähnlich aus: Solange Maschinen laufen, Arbeitsplätze entstehen, Produkte verkauft und Gewinne erwirtschaftet werden, gehört der Erfolg selbstverständlich denen, die ihn erwirtschaftet und finanziert haben. Tauchen Jahrzehnte später Altlasten auf, beginnt dagegen eine bemerkenswerte philosophische Phase.

    Plötzlich wird Verantwortung zu einem ausgesprochen komplizierten Begriff.

    Dann kommen Gutachten. Zuständigkeiten werden geprüft. Kausalitäten müssen bewiesen, Grenzwerte interpretiert, historische Abläufe rekonstruiert werden. Akten wandern über Schreibtische. Juristen formulieren Sätze, die normale Menschen dreimal lesen müssen, bevor sie verstehen, dass eigentlich niemand gerade versprechen möchte, ihre verseuchte Erde wegzuräumen.

    Das Kapital liebt klare Eigentumsverhältnisse beim Gewinn und komplizierte Zusammenhänge beim Schaden.

    Natürlich ist das polemisch.

    Leider macht es die Sache nicht weniger bitter.

    Denn der Verdacht in Tonnay-Charente existiert offenbar nicht erst seit gestern. Bewohner äußerten bereits seit fast zwei Jahrzehnten Sorgen. Frühere Untersuchungen zeigten erhöhte Metallkonzentrationen. Bei einzelnen Messungen erreichte die Bleibelastung sogar Werte bis zum Zehnfachen der herangezogenen Grenzwerte.

    Seit 2019 forderten staatliche Behörden Timac Agro dazu auf, mögliche gesundheitliche Auswirkungen der industriellen Tätigkeit auf die Umgebung untersuchen zu lassen.

    2019.

    Wer sechs oder sieben Jahre alt war, als diese Untersuchungen eingefordert wurden, nähert sich inzwischen dem Erwachsenenalter.

    Genau hier endet jeder billige Sarkasmus. Denn Blei ist kein abstrakter Posten eines Umweltberichts. Besonders Kinder reagieren empfindlich auf Belastungen. Und hinter jeder nüchternen Formulierung über Expositionswege steht eine Mutter oder ein Vater mit einer Frage, die niemand stellen möchte: Hat mein Kind möglicherweise jahrelang in Erde gespielt, vor der heute gewarnt wird?

    Was antwortet man darauf?

    „Die Zuständigkeiten werden derzeit geprüft“?

    Das dürfte kaum reichen.

    Und als wäre die Sorge um die Gesundheit nicht genug, folgt die zweite Rechnung. Denn plötzlich steht auch der Wert des Hauses infrage. Wer kauft ein Grundstück, auf dem Gemüseanbau zum Risiko geworden ist? Welchen Preis erzielt ein Haus, dessen Garten womöglich saniert werden muss? Wer trägt die Kosten für Bodenaustausch, Untersuchungen und mögliche Wertverluste?

    Für vermögende Investoren mag eine Immobilie eine Anlageklasse sein. Für die kleine Familie ist sie oft das Lebenswerk.

    Mehr gibt es nicht.

    Kein diversifiziertes Portfolio, keine Beteiligungsgesellschaft, kein hübscher Notgroschen irgendwo auf den Cayman Islands. Da stehen ein Haus, ein Garten und vielleicht noch 17 Jahre Kreditvertrag. Fertig.

    Deshalb trifft Umweltverschmutzung kleine Eigentümer mit einer Brutalität, die in ökonomischen Debatten gern hinter Fachbegriffen verschwindet. Wird ihr Grundstück entwertet, schrumpft nicht irgendein Investment. Ein Stück ihrer Lebensleistung löst sich auf.

    Besonders grotesk wirkt dabei die Symbolik dieses Ortes. „Cité des jardins“ – Gartenstadt.

    Ausgerechnet.

    Der Garten war einmal das Versprechen von Selbstversorgung, Gesundheit und Bodenständigkeit. Ein paar Kartoffeln, Bohnen, Erdbeeren für die Enkel. Man wusste, wo das Essen herkam: nämlich drei Meter hinter der Küchentür.

    Nun lautet die Botschaft sinngemäß: Lieber Finger weg.

    Das besitzt eine fast schon boshafte Ironie. Jahrzehntelang galt der eigene Garten als Gegenentwurf zur anonymen industriellen Lebensmittelproduktion – und nun steht ausgerechnet die industrielle Vergangenheit möglicherweise mit im Beet.

    Tonnay-Charente erzählt deshalb mehr als eine lokale Umweltgeschichte. Der Fall zeigt das Grundproblem eines Wirtschaftsmodells, das Folgekosten gern erst dann entdeckt, wenn sie bei jemand anderem vor der Haustür liegen.

    Gewinne gehen an Eigentümer.

    Schäden verbleiben bei der Gesellschaft.

    Genau gegen dieses Prinzip richtet sich die Wut.

    Nicht gegen Industrie an sich, nicht gegen Arbeitsplätze und auch nicht gegen Unternehmen, die produzieren und Geld verdienen. Eine moderne Gesellschaft braucht all das. Aber wer wirtschaftliche Freiheit beansprucht, darf Verantwortung nicht wie Sondermüll behandeln: möglichst weit weg und bitte auf Kosten anderer.

    Wo konkrete Verursachung nachgewiesen wird, muss deshalb auch konkrete Haftung folgen. Nicht symbolisch. Nicht irgendwann. Sondern so, dass Familien weder ihre Gesundheit noch ihre Altersvorsorge dafür opfern, dass industrielle Hinterlassenschaften jahrzehntelang im Boden schlummerten.

    Die Bewohner der Cité des jardins brauchen keine wohltemperierten Worte über „komplexe Sachverhalte“. Sie brauchen Klarheit darüber, was mit ihrer Gesundheit, ihren Grundstücken und ihren Häusern geschieht. Sie brauchen sichere Böden. Und sollte eine Sanierung notwendig sein, brauchen sie eine Finanzierung, die nicht ausgerechnet diejenigen belastet, die das Gift garantiert nicht bestellt haben.

    Denn eines wäre an Zynismus kaum zu überbieten: Wenn am Ende Menschen ihre Tomaten wegwerfen, um ihre Gesundheit fürchten und den Wert ihres Hauses schwinden sehen – während die Rechnung für die Sanierung ebenfalls bei ihnen landet.

    Dann wäre aus dem Verursacherprinzip endgültig ein Verarschungsprinzip geworden.

    Und ja, das Wort ist derb.

    Die Situation ist es auch.

    Die entscheidende Frage von Tonnay-Charente lautet deshalb nicht nur, wie viel Blei, Cadmium oder Arsen in welchem Garten steckt. Sie lautet, welchen Wert Verantwortung in einer Gesellschaft besitzt, sobald sie Geld kostet.

    Erst die Antwort darauf entscheidet, ob aus den giftigen Gärten irgendwann wieder Gärten werden – oder ob sie ein Denkmal dafür bleiben, wie bequem sich Gewinne privatisieren und Schäden sozialisieren lassen.

    Daniel Ivers

  • Bab el-Mandeb: Wenn eine schmale Meerenge den Ölpreis diktiert

    Bab el-Mandeb: Wenn eine schmale Meerenge den Ölpreis diktiert

    Die Weltwirtschaft hängt an einigen wenigen Meerengen. Bab el-Mandeb gehört zu den gefährlichsten unter ihnen. Die nur wenige Dutzend Kilometer breite Passage zwischen Jemen und dem Horn von Afrika verbindet den Indischen Ozean über das Rote Meer mit dem Suezkanal – und damit die Förderregionen des Nahen Ostens mit Europa. Eine vollständige Blockade wäre deshalb weit mehr als ein regionales Sicherheitsproblem. Sie würde einen bereits angespannten Ölmarkt an einer seiner empfindlichsten Stellen treffen.

    Diese Gefahr ist im September 2026 besonders relevant. Der Brent-Preis notiert wieder deutlich über 100 Dollar je Barrel, während der Verkehr durch die Strasse von Hormus infolge des Konflikts mit Iran stark eingeschränkt ist. Saudi-Arabien hat deshalb seine Ausfuhren über den Rotmeerhafen Yanbu verstärkt. Ausgerechnet Bab el-Mandeb gewinnt damit als alternative Route zusätzlich an strategischem Gewicht. Fiele auch diese Passage aus, wären zwei zentrale Verkehrsadern des internationalen Ölhandels gleichzeitig beeinträchtigt.

    Der Ölmarkt braucht keine tatsächliche Knappheit

    Die Bedeutung von Bab el-Mandeb lässt sich zunächst in Zahlen ausdrücken. Nach Daten der amerikanischen Energy Information Administration passierten 2023 rund 9,3 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte pro Tag die Meerenge. Wegen der Angriffe auf die Schifffahrt sank die Menge 2024 drastisch. Im zweiten Quartal 2026 erreichte der Durchfluss jedoch wieder rund 8,1 Millionen Barrel täglich.

    Damit nähert sich die Route erneut ihrer früheren Bedeutung. Zum Vergleich: Die weltweite Ölversorgung liegt bei ungefähr 100 Millionen Barrel täglich. Bab el-Mandeb ist also kein marginaler Transportweg.

    Allerdings wäre es falsch, eine Sperrung automatisch mit dem Ausfall von acht Millionen Barrel Produktion gleichzusetzen. Das Öl verschwindet nicht. Tanker können Afrika über das Kap der Guten Hoffnung umrunden. Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zur Strasse von Hormus: Bab el-Mandeb ist geografisch umfahrbar.

    Doch Umfahrbarkeit bedeutet nicht Folgenlosigkeit.

    Der Umweg verlängert Reisen zwischen dem Persischen Golf beziehungsweise dem Roten Meer und Europa erheblich. Je nach Ausgangs- und Zielhafen können zusätzliche ein bis zwei Wochen entstehen. Tanker sind länger gebunden, Treibstoffverbrauch und Charterkosten steigen, und dieselbe Flotte kann innerhalb eines Jahres weniger Ladungen transportieren.

    Der entscheidende Engpass wäre deshalb zunächst nicht das Öl selbst, sondern die Transportkapazität.

    Der Risikoaufschlag kommt vor der Knappheit

    Ölmärkte reagieren nicht erst auf leere Tanks. Sie reagieren auf Wahrscheinlichkeiten.

    Schon die glaubhafte Gefahr einer längerfristigen Sperrung würde Händler dazu veranlassen, einen geopolitischen Risikoaufschlag einzupreisen. Reedereien müssten entscheiden, ob sie ihre Schiffe durch ein Gebiet schicken, in dem Drohnen, Raketen oder Minen drohen. Versicherer würden ihre Prämien erhöhen oder bestimmte Risiken überhaupt nicht mehr decken. Charterraten könnten steigen.

    Diese Mechanismen erklären, weshalb Ölpreise auch dann kräftig zulegen können, wenn die globale Förderung zunächst unverändert bleibt.

    Der Markt kauft gewissermassen Zeit und Sicherheit. Je unsicherer beides wird, desto teurer wird das Barrel.

    Der gegenwärtige Kontext verschärft diesen Mechanismus. Anfang September bewegten sich durch Bab el-Mandeb weiterhin zahlreiche Frachter und Tanker, während der Verkehr durch Hormus erheblich eingeschränkt war. Saudi-Arabiens Rotmeerhafen Yanbu fungiert gerade deshalb als strategisches Ausweichventil. Wird dieses Ventil gefährdet, verändert sich die Risikorechnung des gesamten Marktes.

    Die Lehre aus der Suez-Krise

    Dass eine blockierte Wasserstrasse enorme wirtschaftliche Folgen haben kann, zeigte zuletzt die Havarie der «Ever Given» im März 2021. Das Containerschiff blockierte den Suezkanal sechs Tage lang. Hunderte Schiffe stauten sich, Lieferketten wurden verzögert.

    Eine militärisch verursachte Sperrung von Bab el-Mandeb wäre allerdings von anderer Qualität. Bei der «Ever Given» war klar, dass Ingenieure an einer technischen Lösung arbeiteten. Bei einem bewaffneten Konflikt existiert kein vergleichbarer Zeitplan.

    Gerade die Unsicherheit über die Dauer macht geopolitische Blockaden gefährlich.

    Auch die Ölgeschichte zeigt, dass Erwartungen eine zentrale Rolle spielen. Während der Ölkrise von 1973 vervielfachte sich der Ölpreis innerhalb weniger Monate. Im Sommer 1990 sorgte die irakische Invasion Kuwaits für einen raschen Preissprung. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine stieg Brent 2022 zeitweise auf deutlich über 120 Dollar.

    Heute ist die Ausgangslage eine andere. Die Weltwirtschaft verbraucht Öl effizienter, Lieferquellen sind breiter diversifiziert, und strategische Reserven bilden einen erheblichen Puffer. Doch die Geografie lässt sich nicht diversifizieren. Tanker müssen durch Meerengen fahren oder lange Umwege nehmen.

    Strategische Reserven kaufen Zeit

    Ein kurzfristiger Ausfall von Bab el-Mandeb wäre deshalb beherrschbar. Die Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur sind grundsätzlich verpflichtet, Vorräte im Umfang von mindestens 90 Tagen ihrer Nettoimporte vorzuhalten. Diese Reserven existieren genau für schwere Versorgungsstörungen.

    Wie mächtig dieses Instrument sein kann, zeigte sich erneut 2026. Im März beschlossen die 32 IEA-Mitgliedstaaten angesichts der Verwerfungen im Nahen Osten die Freigabe von 400 Millionen Barrel aus ihren Notfallreserven – die grösste koordinierte Aktion in der Geschichte der Organisation.

    Strategische Reserven können Panik verhindern und kurzfristige Lieferausfälle überbrücken. Sie können aber keine dauerhaft gestörte Transportarchitektur ersetzen.

    Eine Blockade von wenigen Tagen wäre deshalb etwas grundlegend anderes als eine Sperrung über Wochen oder Monate. Mit zunehmender Dauer würden Umwege zur neuen Normalität, verfügbare Tankerkapazitäten knapper und Transportkosten strukturell höher.

    Die 100-Dollar-Marke ist bereits keine Theorie mehr

    Noch vor einiger Zeit wurde bei Szenarien einer Sperrung von Bab el-Mandeb häufig darüber diskutiert, ob Brent wieder 100 Dollar je Barrel erreichen könnte. Diese Schwelle hat inzwischen ihren hypothetischen Charakter verloren. Am 11. September lag Brent bei mehr als 105 Dollar, nachdem die Preise innerhalb einer Woche um annähernd 13 Prozent gestiegen waren.

    Damit verschiebt sich die entscheidende Frage: Nicht mehr die Rückkehr zu 100 Dollar wäre das Extremszenario, sondern ein weiterer Sprung in Richtung der Höchststände des Jahres.

    Ob dies geschieht, hängt von mehreren Faktoren gleichzeitig ab: von der Dauer möglicher Störungen im Roten Meer, vom Verkehr durch Hormus, von der Förderpolitik der Opec-Staaten, von der Nachfrage Chinas und nicht zuletzt davon, ob zusätzliche Angriffe Ölterminals, Raffinerien oder Pipelines treffen.

    Gerade diese Gleichzeitigkeit macht die Lage ungewöhnlich.

    Normalerweise funktioniert eine alternative Route als Versicherung gegen den Ausfall einer anderen. Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline und der Hafen Yanbu beispielsweise sollen Exporte ermöglichen, ohne die Strasse von Hormus passieren zu müssen. Doch Öl, das in Yanbu verladen wird und Richtung Asien fährt, muss anschliessend durch Bab el-Mandeb. Wird auch diese Passage unsicher, verliert die Diversifikation einen Teil ihres Wertes.

    Europa wäre besonders exponiert

    Für Europa besitzt die Meerenge noch eine zusätzliche Bedeutung. Der Suezkanal bildet die kürzeste maritime Verbindung zu den Energiemärkten des Nahen Ostens und Asiens. Eine Sperrung am südlichen Eingang des Roten Meeres würde diese geografische Nähe faktisch aufheben.

    Die unmittelbare Konsequenz wären höhere Frachtraten. Danach könnten steigende Kosten für Diesel, Kerosin und petrochemische Produkte folgen. Schließlich würde ein länger anhaltender Ölpreisschock über Transport- und Produktionskosten erneut auf die Inflation durchschlagen.

    Damit würde aus einer militärischen Krise im Jemen rasch ein Problem für europäische Zentralbanken.

    Das ist die eigentliche Bedeutung des Satzes, eine Blockade von Bab el-Mandeb wäre «sehr problematisch». Die Formulierung klingt beinahe untertrieben. Nicht weil eine Sperrung zwangsläufig eine globale Ölknappheit auslösen müsste. Sondern weil sie in einer ohnehin fragilen Situation einen weiteren Puffer des internationalen Energiesystems beseitigen würde.

    Bab el-Mandeb bedeutet auf Arabisch das «Tor der Tränen». Die Bezeichnung ist alt, ihre geopolitische Aktualität dagegen bemerkenswert modern. Die Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts verfügt über Satelliten, algorithmischen Handel und hochentwickelte Logistiksysteme. Doch ein beträchtlicher Teil ihres Energiehandels bleibt von einigen schmalen Wasserstrassen abhängig.

    Die wichtigste Variable ist deshalb nicht allein, wie viele Barrel durch Bab el-Mandeb fahren. Entscheidend ist, wie viele Alternativen noch übrig bleiben, wenn diese Barrel dort nicht mehr fahren können. Solange Hormus eingeschränkt und das Rote Meer unsicher ist, wird jede zusätzliche Störung überproportional teuer. Genau deshalb könnte aus einer Krise an einer kleinen Meerenge sehr schnell ein globaler Preisschock werden.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreich bricht mit Infantino – der Machtkampf um die FIFA tritt in eine neue Phase

    Frankreich bricht mit Infantino – der Machtkampf um die FIFA tritt in eine neue Phase

    Es ist ein bemerkenswerter Bruch im internationalen Fußball: Die Fédération Française de Football (FFF) entzieht FIFA-Präsident Gianni Infantino ihre Unterstützung für dessen Wiederwahl im März 2027. Noch Ende Juni hatte Frankreich seine Kandidatur mitgetragen. Nun spricht FFF-Präsident Philippe Diallo von einem Vertrauensverlust, mangelnder Transparenz und einer Führung, die den Fußball zunehmend spalte. Der Vorgang reicht weit über die französische Verbandspolitik hinaus. Er zeigt, wie tief der Konflikt über Macht, Geld und Kontrolle innerhalb der FIFA inzwischen geworden ist – und zugleich, warum Infantino trotz des Aufstands wichtiger Verbände weiterhin als Favorit in die Wahl gehen könnte.

    Ein einstimmiger Bruch mit dem FIFA-Präsidenten

    Am 10. September beschloss das Exekutivkomitee des französischen Fußballverbandes einstimmig, Gianni Infantino nicht länger bei seiner Kandidatur für eine weitere Amtszeit zu unterstützen. Für einen der politisch und sportlich bedeutendsten Verbände Europas ist dies ein außergewöhnlicher Schritt.

    Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt. Noch am 29. Juni hatte Diallo Infantino seine Unterstützung zugesagt. Damals hatten nach seinen Angaben bereits mehr als 200 nationale Verbände die Kandidatur des FIFA-Präsidenten unterstützt. Infantino schien praktisch ohne ernsthaften Gegenkandidaten in die Wahl 2027 zu gehen.

    Innerhalb weniger Wochen änderte sich die Lage grundlegend.

    Im Zentrum steht das inzwischen aufgegebene Projekt «FIFA Forward Enterprise». Infantino wollte einen Teil der kommerziellen Rechte der FIFA-Wettbewerbe in eine neue Gesellschaft einbringen und einen Anteil von rund 20 Prozent privaten Investoren öffnen. Betroffen gewesen wären damit letztlich einige der wertvollsten Vermögenswerte des Weltfußballs, darunter kommerzielle Rechte rund um die Weltmeisterschaft.

    Für die FFF war weniger die grundsätzliche Zusammenarbeit mit privatem Kapital entscheidend als das Verfahren. Nach Darstellung Diallos erfuhren die Franzosen von dem Vorhaben aus den Medien. Ein Projekt dieser Größenordnung sei vorbereitet worden, ohne die Mitgliedsverbände angemessen einzubeziehen.

    Damit berührt der Konflikt eine alte Schwachstelle der FIFA: die Frage, wie weit die Macht des Präsidenten reicht und welche Entscheidungen einer breiteren institutionellen Kontrolle bedürfen.

    Milliardenvermögen und die Frage nach dem Zweck

    Diallo stellt zudem eine einfache wirtschaftliche Frage: Weshalb benötigt eine finanziell ausgesprochen starke FIFA überhaupt privates Kapital?

    Nach seinen Angaben brachte die Weltmeisterschaft 2026 Einnahmen von annähernd 16 Milliarden Dollar ein. Zugleich verfüge der Weltverband über Reserven in einer Größenordnung von fünf bis sechs Milliarden Dollar.

    Vor diesem Hintergrund erscheint die geplante Beteiligung privater Investoren erklärungsbedürftig. Sie hätte nicht lediglich zusätzliches Kapital beschafft, sondern möglicherweise langfristige Ansprüche auf Einnahmen aus einigen der wichtigsten Wettbewerbe des Weltfußballs geschaffen.

    Für Frankreich wurde der Fall damit zu einer grundsätzlichen Governance-Frage. Diallo spricht von den Auswüchsen einer «finanziellen Drift». Die Kritik richtet sich nicht allein gegen eine einzelne Transaktion, sondern gegen eine Entscheidungsstruktur, in der wirtschaftlich weitreichende Projekte nach Auffassung der Kritiker zu stark im Umfeld des FIFA-Präsidenten konzentriert werden.

    Das Vorhaben wurde Anfang August aufgegeben. Der politische Schaden blieb.

    Aus dem Streit über Geld wird eine Führungskrise

    Frankreichs Kritik beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf das gescheiterte Investorenprojekt. Diallo wirft Infantino vor, zu einem Faktor der Spaltung geworden zu sein und dem Ansehen sowie der Einheit des Fußballs geschadet zu haben.

    Damit verschiebt sich die Auseinandersetzung.

    Es geht nicht länger nur um die Frage, ob ein bestimmtes Geschäftsmodell sinnvoll war. Zur Debatte steht Infantinos Führungsstil insgesamt. Seine Gegner verlangen stärkere institutionelle Kontrollen, mehr Transparenz und eine stärkere Beteiligung der Verbände an strategischen Entscheidungen.

    Der Konflikt erinnert damit in Teilen an jene Governance-Debatten, welche die FIFA seit der großen Korruptionskrise von 2015 begleiten. Infantino wurde 2016 gerade mit dem Versprechen gewählt, den Weltverband nach der Ära Joseph Blatter institutionell zu erneuern.

    Zehn Jahre später lautet der Vorwurf seiner Gegner ausgerechnet, dass sich erneut zu viel Macht an der Spitze konzentriere.

    Für die FFF besitzt diese Frage besondere Bedeutung. Frankreich gehörte 1904 zu den Gründungsmitgliedern der FIFA und versteht sich nicht nur als sportliche Großmacht, sondern auch als institutioneller Akteur des internationalen Fußballs.

    Europas Widerstand wächst – doch Europa reicht nicht

    Frankreich steht mit seiner Kritik keineswegs allein. Mehrere europäische Verbände haben ihre Unterstützung für Infantino zurückgezogen. Auch innerhalb der UEFA ist die Opposition erheblich.

    Der Widerstand reicht inzwischen sogar über Europa hinaus. Auch aus dem asiatischen Fußballverband AFC und aus der nord- und mittelamerikanischen CONCACAF kam scharfe Kritik an dem gescheiterten Investorenprojekt.

    Damit entsteht auf den ersten Blick eine ungewöhnlich breite Koalition gegen den FIFA-Präsidenten.

    Doch die institutionelle Struktur der FIFA macht aus politischem Widerstand noch keine parlamentarische Mehrheit.

    Bei der Präsidentenwahl besitzt grundsätzlich jeder der 211 Mitgliedsverbände eine Stimme. Deutschland oder Frankreich verfügen damit formal über dasselbe Stimmgewicht wie ein kleiner Inselverband. Europas wirtschaftliche Stärke und die Bedeutung seiner Ligen lassen sich deshalb nicht unmittelbar in Stimmen bei einer FIFA-Wahl übersetzen.

    Genau darin liegt seit Jahrzehnten ein Kern der FIFA-Machtpolitik.

    Infantino hat seine Beziehungen zu den Verbänden Afrikas, Südamerikas, Ozeaniens und zahlreichen kleineren Fußballnationen während seiner Amtszeit systematisch gepflegt. Die Confederation of African Football (CAF) hält bislang ausdrücklich an ihm fest. Auch aus Südamerika verfügt er weiterhin über starken Rückhalt.

    Diese Bündnisse könnten entscheidender sein als der Widerstand der großen europäischen Fußballnationen.

    Die Suche nach einem Gegenkandidaten stockt

    Die Wahl findet am 18. März 2027 beim FIFA-Kongress in Rabat statt. Die Frist für Kandidaturen endet bereits am 18. November 2026. Damit bleibt Infantinos Gegnern nur wenig Zeit.

    Frankreich will zunächst ein alternatives Governance-Modell entwickeln. Die FFF plant dazu Konsultationen mit Fachleuten für internationale Sportverbände. Erst anschließend soll geklärt werden, welche Person ein solches Reformprogramm vertreten könnte.

    Das klingt institutionell sorgfältig, offenbart aber zugleich das zentrale Problem der Opposition: Bislang fehlt ein Kandidat, der gleichzeitig über internationales Gewicht und eine realistische globale Stimmenbasis verfügt.

    Mehrere zeitweise gehandelte Namen scheinen aus dem Rennen zu sein. Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Machtkampf weniger um die Person des Präsidenten als um die institutionelle Begrenzung seiner Kompetenzen drehen könnte.

    Sollte Infantino über eine ausreichend stabile Stimmenmehrheit verfügen, könnten seine Gegner versuchen, Reformen der FIFA-Strukturen durchzusetzen: mehr Kontrolle bei großen kommerziellen Entscheidungen, stärkere Einbindung des FIFA-Councils und der Konföderationen sowie verbindlichere Transparenzregeln.

    Der Konflikt würde sich dann von der Präsidentenwahl auf die Verfassung der FIFA verlagern.

    Frankreich erhöht den politischen Preis

    Für Infantino ist der französische Seitenwechsel dennoch unangenehm. Frankreich hatte ihn noch wenige Monate zuvor unterstützt und gehört zu den Verbänden, deren öffentliches Urteil international wahrgenommen wird.

    Hinzu kommt die Geschwindigkeit des Bruchs. Zwischen Diallos Unterstützung Ende Juni und dem formellen Rückzug im September liegen kaum zweieinhalb Monate. Eine derart schnelle Kehrtwende zeigt, wie stark das Investorenprojekt das Vertrauen innerhalb der Fußballpolitik erschüttert hat.

    Zugleich sollte die Bedeutung des französischen Schrittes nicht überschätzt werden. Symbolische Autorität und Stimmenarithmetik sind bei der FIFA zwei unterschiedliche Dinge.

    Infantino hat bestätigt, erneut anzutreten. Sollte er 2027 gewinnen, könnte er bis 2031 im Amt bleiben. Für seine Gegner wird deshalb entscheidend sein, ob sie aus der gegenwärtigen Empörung eine organisatorische Alternative entwickeln können.

    Frankreichs Kurswechsel macht aus der Unzufriedenheit mit dem FIFA-Präsidenten erstmals einen sichtbaren institutionellen Bruch eines Schwergewichts. Er beweist jedoch noch nicht, dass eine Mehrheit gegen ihn existiert.

    Die kommenden Wochen bis zum 18. November werden deshalb wichtiger sein als die öffentlichen Rücktrittsforderungen. Findet sich ein Kandidat, der über Europa hinaus Verbände hinter sich versammeln kann, könnte aus der Governance-Krise tatsächlich ein offener Machtkampf werden. Bleibt ein solcher Kandidat aus, dürfte Infantino trotz der schwersten politischen Krise seiner bisherigen Amtszeit als Favorit nach Rabat reisen.

    Dann hätte die Revolte gegen ihn möglicherweise ein paradoxes Ergebnis: Der Präsident bliebe – aber die Diskussion darüber, wie viel Macht ein FIFA-Präsident besitzen darf, hätte gerade erst begonnen.

    Quellen: Reuters (6., 10. und 11. September 2026), Le Monde (10. und 11. September 2026), The Guardian (30. Juli, 6. und 10. September 2026), Fédération Internationale de Football Association (FIFA), Fédération Française de Football (FFF)

    Christine Macha