Kategorie: Wirtschaft

  • Nach dem Großbrand in der Gironde: Rund 20.000 Unternehmen kämpfen ums Überleben

    Nach dem Großbrand in der Gironde: Rund 20.000 Unternehmen kämpfen ums Überleben

    Die verheerenden Waldbrände in der Gironde haben weit mehr zerstört als Wälder, Wohnhäuser und touristische Einrichtungen. Mit zunehmendem zeitlichen Abstand wird deutlich, dass die Naturkatastrophe auch erhebliche wirtschaftliche Folgen nach sich zieht. Während die Flammen inzwischen weitgehend gelöscht sind, beginnt für tausende Unternehmen der eigentliche Existenzkampf. Besonders betroffen sind kleine und mittlere Betriebe, deren finanzielle Reserven oft nicht ausreichen, um mehrere Wochen ohne nennenswerte Einnahmen zu überstehen.

    Nach Angaben der Industrie- und Handelskammer Bordeaux Gironde (CCI Bordeaux Gironde) waren rund 40.000 Unternehmen direkt oder indirekt von den Bränden betroffen. Etwa die Hälfte von ihnen befindet sich inzwischen in einer wirtschaftlich kritischen Lage. Damit entwickelt sich die Umweltkatastrophe zunehmend zu einer der größten regionalen Wirtschaftskrisen der vergangenen Jahre.

    Tausende Betriebe unter wirtschaftlichem Druck

    Zu den betroffenen Unternehmen zählen nicht nur Betriebe in den evakuierten oder zerstörten Gebieten. Ebenso betroffen sind Firmen, deren Mitarbeiter aufgrund von Straßensperren oder Evakuierungen ihre Arbeitsplätze nicht erreichen konnten, deren Lieferketten unterbrochen wurden oder deren Kundschaft infolge der Katastrophe ausblieb.

    Nach Schätzungen der Handelskammer waren zeitweise nahezu 200.000 Arbeitsplätze von Betriebsunterbrechungen oder erheblichen Einschränkungen betroffen. Besonders schwer wiegt der Zeitpunkt der Katastrophe: Die Brände ereigneten sich mitten in der Hochsaison des Sommertourismus – jener Zeit, in der zahlreiche Betriebe den größten Teil ihres Jahresumsatzes erwirtschaften.

    Tourismus verliert seine wichtigste Einnahmequelle

    Besonders hart getroffen wurden Hotels, Campingplätze, Ferienwohnungsvermieter, Restaurants sowie Freizeit- und Wassersportanbieter rund um das Bassin d’Arcachon, Lacanau und die Halbinsel Cap Ferret. Evakuierungen, Rauchentwicklung, Straßensperren und behördliche Warnungen führten innerhalb weniger Tage zu einer Welle von Stornierungen.

    Für viele Unternehmen der Tourismusbranche entscheiden die Monate Juli und August über die Wirtschaftlichkeit des gesamten Geschäftsjahres. Fallen diese Wochen aus, lassen sich die Verluste später kaum kompensieren. Selbst dort, wo Gebäude und touristische Infrastruktur unversehrt geblieben sind, bleiben die Gäste aus. Die Bilder der Brände haben das Sicherheitsgefühl vieler Urlauber nachhaltig beeinträchtigt und wirken weit über die unmittelbar betroffenen Regionen hinaus.

    Die Folgen reichen tief in die regionale Wirtschaft hinein. Bäckereien, Lebensmittelgeschäfte, Wäschereien, Handwerksbetriebe, Taxiunternehmen und zahlreiche Dienstleister profitieren normalerweise vom hohen Besucheraufkommen. Bleiben Campingplätze geschlossen und Ferienwohnungen leer, bricht entlang der gesamten regionalen Wertschöpfungskette ein erheblicher Teil der Nachfrage weg.

    Belastungen für Logistik und Forstwirtschaft

    Die wirtschaftlichen Auswirkungen beschränken sich nicht auf den Tourismussektor. Zeitweilige Sperrungen wichtiger Verkehrsachsen erschwerten den Warenverkehr im Großraum Bordeaux erheblich. Logistikunternehmen sowie Betriebe in Industriegebieten wie Cestas oder Marcheprime mussten ihre Tätigkeit teilweise einschränken oder vorübergehend einstellen.

    Langfristig könnten jedoch die Schäden für die Forst- und Holzwirtschaft besonders gravierend ausfallen. Die Gironde zählt zu den bedeutendsten Waldregionen Frankreichs. Mit den verbrannten Kiefernwäldern gingen nicht nur wertvolle Ökosysteme verloren, sondern auch wirtschaftlich genutzte Rohstoffreserven.

    Bis neu aufgeforstete Bestände wieder verwertbares Bau- oder Industrieholz liefern können, vergehen mehrere Jahrzehnte. Gleichzeitig entstehen erhebliche Kosten für die Beseitigung verbrannter Bestände, die Wiederaufforstung sowie Maßnahmen zum Schutz der Böden vor Erosion und weiterer Schädigung. Die wirtschaftlichen Folgen werden deshalb weit über die eigentliche Brandkatastrophe hinausreichen.

    Staatliche Hilfen sollen Insolvenzen verhindern

    Um die wirtschaftlichen Folgen abzufedern, hat die Industrie- und Handelskammer Bordeaux Gironde gemeinsam mit weiteren Kammern eine Krisenzelle eingerichtet. Betroffene Unternehmer erhalten über die zentrale Telefonnummer 3006 Unterstützung bei Versicherungsfragen, Schadensmeldungen, staatlichen Hilfsprogrammen und der Wiederaufnahme ihrer Geschäftstätigkeit.

    Unternehmen, die aufgrund behördlicher Anordnungen oder fehlender Beschäftigung ihre Produktion reduzieren mussten, können Kurzarbeit beantragen. Darüber hinaus stehen Zahlungsaufschübe für Steuern und Sozialabgaben sowie verschiedene Unterstützungsprogramme für Selbstständige zur Verfügung. Unter bestimmten Voraussetzungen kann der Katastrophenfonds der Sozialversicherung für Selbstständige Hilfen von bis zu 2.000 Euro gewähren.

    Diese Maßnahmen verschaffen vielen Betrieben zunächst finanzielle Luft. Sie können jedoch nicht sämtliche wirtschaftlichen Schäden ausgleichen. Zahlreiche Unternehmen haben innerhalb weniger Tage einen erheblichen Teil ihres Jahresumsatzes verloren. Hinzu kommt, dass viele Versicherungsverträge Betriebsausfälle ohne unmittelbaren Sachschaden nur eingeschränkt oder gar nicht abdecken. Gerade Betriebe, deren Gebäude unversehrt geblieben sind, deren Kundschaft jedoch vollständig ausblieb, stehen deshalb vor erheblichen finanziellen Problemen.

    Die Gironde steht damit vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits müssen die zerstörten Waldflächen wiederhergestellt und widerstandsfähiger gegen künftige Brände gemacht werden. Andererseits gilt es, eine wirtschaftliche Abwärtsspirale mit Geschäftsaufgaben und Arbeitsplatzverlusten zu verhindern. Ob dies gelingt, wird maßgeblich davon abhängen, wie schnell finanzielle Hilfen ausgezahlt werden und ob insbesondere kleine und mittlere Unternehmen die kommenden Monate überstehen. Denn gerade sie bilden das wirtschaftliche Rückgrat der Region – und verfügen häufig nur über begrenzte finanzielle Reserven.

    Daniel Ivers

  • Arbeiten im Urlaub? In Frankreich gilt ein klarer Schutz für Beschäftigte

    Arbeiten im Urlaub? In Frankreich gilt ein klarer Schutz für Beschäftigte

    Der bezahlte Jahresurlaub besitzt im französischen Arbeitsrecht einen besonderen Stellenwert: Er dient der Erholung. Wer sich in genehmigten Ferien befindet, soll Abstand vom Berufsalltag gewinnen und neue Kraft schöpfen. Aus diesem Grund dürfen Arbeitgeber ihre Beschäftigten während des Urlaubs grundsätzlich nicht zur Arbeit heranziehen. Weder die Rückkehr ins Büro noch das Erledigen kleiner Aufgaben vom Strand, aus dem Hotel oder von zu Hause aus gehört zu den Pflichten eines Arbeitnehmers.

    Das gilt auch für Tätigkeiten, die auf den ersten Blick harmlos erscheinen. Das Beantworten beruflicher E-Mails, die Teilnahme an einer Videokonferenz, ein kurzer Anruf bei einem Kunden oder das schnelle Überarbeiten einer Datei bleiben rechtlich betrachtet Arbeitsleistungen. Selbst wenn der Aufwand nur wenige Minuten beträgt und bequem über das Smartphone erledigt wird, widerspricht eine solche Anweisung dem eigentlichen Zweck des Urlaubs.

    Ganz ausgeschlossen ist ein Rückruf aus den Ferien allerdings nicht. Das Gesetz lässt Ausnahmen zu, allerdings nur unter sehr engen Voraussetzungen. Ein außergewöhnlicher und unvorhersehbarer Notfall muss vorliegen, der die Anwesenheit der betreffenden Person zwingend erforderlich macht. Ein schwerwiegender technischer Zwischenfall, eine erhebliche Gefährdung des Betriebs oder ein anderes außergewöhnliches Ereignis zählen zu den denkbaren Fällen.

    Normale Schwierigkeiten im Betriebsalltag reichen dagegen nicht aus. Personalmangel, eine unerwartete Krankmeldung im Team oder eine hohe Arbeitsbelastung gehören zum unternehmerischen Risiko und rechtfertigen keinen Abbruch des Urlaubs. Auch eine mangelhafte Planung darf nicht dazu führen, dass Beschäftigte ihre Erholung opfern müssen. Kommt es dennoch zu einem Rückruf, muss der Arbeitgeber nachvollziehbar darlegen, weshalb gerade diese Person unverzichtbar ist.

    Welche Rechte und Ausgleichsansprüche im Einzelfall bestehen, richtet sich häufig nach der jeweiligen französischen Convention collective, also dem einschlägigen Tarifvertrag. Sollte später Streit entstehen, prüfen die Arbeitsgerichte sorgfältig, ob tatsächlich außergewöhnliche Umstände vorlagen oder ob der Rückruf rechtswidrig erfolgte.

    Muss ein Arbeitnehmer seinen Urlaub berechtigterweise unterbrechen, dürfen daraus grundsätzlich keine finanziellen Nachteile entstehen. Zusätzliche Reisekosten, Umbuchungsgebühren oder andere Ausgaben können erstattungsfähig sein. Ebenso bleiben die nicht genommenen Urlaubstage erhalten und lassen sich später nachholen. Manche Tarifverträge sehen darüber hinaus zusätzliche freie Tage als Ausgleich vor.

    Deshalb lohnt sich ein sorgfältiger Umgang mit allen Unterlagen. Flug- oder Bahntickets, Hotelrechnungen, Mautquittungen sowie Belege für Umbuchungen oder Stornierungen sollten aufbewahrt werden. Ebenso empfiehlt sich eine schriftliche Bestätigung des Arbeitgebers über den Rückruf und dessen Begründung. Das schafft Klarheit und erleichtert im Streitfall den Nachweis der entstandenen Kosten.

    Eine andere Situation besteht vor Beginn des Urlaubs. Arbeitgeber legen innerhalb der gesetzlichen und tarifvertraglichen Vorgaben fest, wann Beschäftigte ihre Ferien antreten. Bereits genehmigte Urlaubstermine genießen jedoch Schutz. In der Regel dürfen sie nicht kurzfristig geändert werden. Auch hier existiert lediglich eine Ausnahme für außergewöhnliche Ereignisse, etwa wenn völlig unvorhersehbare Umstände den Betriebsablauf ernsthaft gefährden. Saisonale Arbeitsspitzen oder gewöhnliche Personalengpässe genügen dafür normalerweise nicht.

    Ebenso wenig besteht während der Ferien eine allgemeine Pflicht zur ständigen Erreichbarkeit. Frankreich stärkt diesen Grundsatz zusätzlich durch das sogenannte „Recht auf Abschalten“. Beschäftigte müssen ihr dienstliches Postfach nicht regelmäßig kontrollieren und auch nicht jederzeit auf Anrufe oder Nachrichten reagieren. Unternehmen sind vielmehr gut beraten, funktionierende Vertretungsregelungen einzurichten, damit der Betrieb auch ohne ständig verfügbare Urlauber reibungslos läuft.

    Wer dennoch während seines Urlaubs kontaktiert wird, sollte zunächst klären, ob lediglich eine unverbindliche Bitte vorliegt oder eine verbindliche Arbeitsanweisung ausgesprochen wird. Im Fall eines angeordneten Rückrufs empfiehlt sich eine schriftliche Bestätigung mit Angaben zur Begründung, zur Kostenerstattung und zum Umgang mit den verbleibenden Urlaubstagen.

    Fest steht: Urlaub ist in Frankreich keine Bereitschaftszeit. Der gesetzlich geschützte Erholungsanspruch darf nur in echten Ausnahmefällen eingeschränkt werden. Ein pauschales Verlangen, Beschäftigte müssten während ihrer Ferien jederzeit erreichbar sein oder kleinere Aufgaben erledigen, lässt sich mit den Grundsätzen des französischen Arbeitsrechts nicht vereinbaren.

    Von C. Hatty

  • Wenn nach dem Feuer die Stille kommt

    Wenn nach dem Feuer die Stille kommt

    Die Flammen lodern nicht mehr über den Baumwipfeln. Der dichte Rauch, der tagelang den Himmel über der Atlantikküste verdunkelte, ist verschwunden. An vielen Stränden rauschen wieder die Wellen, Kinder bauen Sandburgen und Surfer tragen ihre Bretter Richtung Wasser. Auf den ersten Blick scheint der Sommer zurückgekehrt zu sein. Doch wer in diesen Tagen zwischen dem Bassin d’Arcachon und Biscarrosse unterwegs ist, bemerkt schnell: Etwas fehlt.

    Es sind die Menschen.

    Wo sich Anfang August normalerweise dichte Autoschlangen durch die Pinienwälder schieben, bleiben Parkplätze plötzlich halb leer. Restaurants, deren Terrassen sonst bis tief in den Abend aus allen Nähten platzen, servieren deutlich weniger Gäste. In den Fußgängerzonen klingt jeder Schritt ein wenig lauter als sonst. Eine eigenartige Ruhe liegt über einer Region, die eigentlich ihren geschäftigsten Moment des Jahres erleben müsste.

    Die Waldbrände im Südwesten Frankreichs hinterließen weit mehr als verbrannte Wälder. Sie hinterließen Bilder, die sich tief ins Gedächtnis eingebrannt haben. Gewaltige Rauchwolken, meterhohe Flammen, Menschen, die in aller Eile ihre Häuser, Hotels oder Campingplätze verlassen mussten. Tausende Hektar Wald gingen verloren, zahlreiche Gebäude wurden beschädigt oder vollständig zerstört. Feuerwehrleute kämpften tagelang gegen ein Feuer, das sich immer wieder neue Nahrung suchte.

    Diese Aufnahmen gingen um die Welt.

    Und genau darin liegt heute ein Teil des Problems.

    Viele Menschen verbinden die gesamte Atlantikküste inzwischen mit Gefahr. Wer die Nachrichten nur flüchtig verfolgte, gewann leicht den Eindruck, zwischen Arcachon und den Landes sei kaum noch ein sicherer Urlaub möglich. Die Wirklichkeit sieht längst anders aus. Zahlreiche Orte blieben vom Feuer verschont, Strände öffneten wieder, Hotels empfangen Gäste und Restaurants kochen wie gewohnt. Trotzdem treffen weiterhin Stornierungen ein.

    Ein einziges Bild besitzt manchmal mehr Kraft als hundert gute Nachrichten.

    Die wirtschaftlichen Folgen zeigen sich inzwischen beinahe überall. Besonders deutlich fällt der Unterschied in Biscarrosse auf. Anfang August zählt dort gewöhnlich jede Minute. Autos suchen freie Stellplätze, Radfahrer schlängeln sich durch die Straßen, Eisverkäufer kommen kaum hinterher und auf den Terrassen herrscht lebhaftes Stimmengewirr.

    In diesem Sommer wirkt vieles ungewohnt entspannt.

    Was zunächst angenehm erscheint, bereitet den Unternehmern schlaflose Nächte.

    Leere Tische bedeuten fehlende Einnahmen. Ein nicht belegter Campingplatz lässt sich am nächsten Tag nicht doppelt vermieten. Wer jetzt auf Urlaub verzichtet, holt diesen Aufenthalt meist nicht Monate später nach. Für zahlreiche Betriebe entscheidet sich innerhalb weniger Sommerwochen, ob das Geschäftsjahr erfolgreich verläuft oder rote Zahlen schreibt.

    Die Küste lebt seit Jahrzehnten vom Tourismus.

    Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen, Restaurants, Cafés, Surfshops, Fahrradverleiher, Wochenmärkte und kleine Boutiquen bilden gemeinsam ein fein abgestimmtes Geflecht. Fällt an einer Stelle ein wichtiger Baustein weg, geraten viele andere gleich mit ins Wanken.

    Ein Café verkauft weniger Frühstück. Der Bäcker liefert dadurch weniger Brot. Die örtliche Wäscherei erhält weniger Aufträge von Hotels. Saisonkräfte arbeiten kürzere Schichten oder finden gar keine Beschäftigung. Selbst Handwerksbetriebe spüren irgendwann die Zurückhaltung, wenn Investitionen verschoben werden.

    So zieht ein einziges Ereignis immer weitere Kreise.

    Dabei mussten viele Unternehmen bereits während der Brände erhebliche Belastungen schultern. Lebensmittel verdarben nach den Evakuierungen. Lieferketten gerieten ins Stocken. Personal fiel aus oder unterstützte Familienangehörige. Einige Betriebe stellten ihre Räume spontan Einsatzkräften, Evakuierten oder freiwilligen Helfern zur Verfügung. Niemand stellte damals die wirtschaftliche Rechnung in den Vordergrund. Verständlicherweise zählte zunächst nur der Schutz von Menschenleben.

    Jetzt beginnt jedoch eine andere Phase.

    Sie verläuft deutlich leiser.

    Während Feuerwehrfahrzeuge und Löschflugzeuge längst verschwunden sind, kämpfen viele Unternehmer um ihre Existenz. Dieser Kampf erzeugt keine spektakulären Fernsehbilder. Er spielt sich hinter Hotelrezeptionen, in Restaurantküchen und kleinen Familienbetrieben ab.

    Manche Gäste greifen zum Telefon und sagen ihren Urlaub vorsichtshalber ab. Andere buchen gar nicht erst. Wieder andere entscheiden sich kurzfristig für eine völlig andere Region. Niemand möchte seinen Urlaub in Unsicherheit verbringen. Diese Reaktion erscheint verständlich. Gleichzeitig entsteht dadurch ein Eindruck, der mit der tatsächlichen Situation vieler Orte kaum noch übereinstimmt.

    Denn die Atlantikküste besteht nicht aus einem einzigen Ferienort.

    Das Bassin d’Arcachon, die Gironde und die Landes umfassen riesige Gebiete mit ganz unterschiedlichen Landschaften. Zahlreiche Strände präsentieren sich wieder in gewohntem Zustand. Hotels öffnen ihre Türen, Campingplätze nehmen Besucher auf und Freizeitangebote laufen fast ohne Einschränkungen. Natürlich existieren weiterhin Bereiche, in denen Aufräumarbeiten stattfinden oder Waldwege gesperrt bleiben. Niemand verschweigt diese Realität.

    Doch weshalb sollte eine ganze Region dauerhaft gemieden werden, wenn große Teile längst wieder bereit für Besucher sind?

    Genau diese Frage stellen sich inzwischen zahlreiche Verantwortliche vor Ort.

    Sie möchten weder die Katastrophe kleinreden noch falsche Sicherheit vermitteln. Die Schäden an Natur und Infrastruktur bleiben erheblich. Viele verbrannte Waldflächen begleiten die Menschen noch über Jahre hinweg. Die Landschaft trägt sichtbare Narben. Wer dort lebt, verliert den Anblick der vertrauten Pinien nicht so schnell aus dem Herzen.

    Dennoch besitzt die Region weit mehr als ihre Brandflächen.

    Das Meer rauscht unverändert an den langen Sandstränden entlang. Fischer fahren hinaus auf das Bassin. Morgens öffnen die Märkte ihre Stände mit regionalen Spezialitäten. Kinder lachen am Wasser, Radfahrer entdecken kleine Küstenwege und am Abend färbt die untergehende Sonne den Himmel über dem Atlantik in warme Orangetöne.

    Das Leben geht weiter.

    Nicht, weil jemand die Ereignisse vergessen hätte.

    Sondern weil genau dieses Weitergehen für viele Familien überlebenswichtig ist.

    Immer häufiger fällt deshalb ein Begriff, der zunächst ungewöhnlich klingt: solidarischer Tourismus.

    Gemeint ist damit keineswegs Katastrophentourismus. Niemand soll zerstörte Gebiete besuchen oder gesperrte Waldflächen betreten. Es geht vielmehr um eine bewusste Entscheidung, geöffnete Orte weiterhin als Urlaubsziel auszuwählen. Wer in einer Ferienwohnung übernachtet, im Restaurant zu Mittag isst oder beim kleinen Händler um die Ecke einkauft, unterstützt unmittelbar jene Menschen, deren Einkommen vom Sommer abhängt.

    Manchmal entfaltet eine scheinbar kleine Entscheidung erstaunliche Wirkung.

    Ein belegtes Hotelzimmer sichert Arbeitsstunden für Reinigungskräfte.

    Ein voller Restaurantabend stärkt regionale Lieferanten.

    Ein gemietetes Fahrrad schafft Umsatz für den Verleih.

    Ein Besuch auf dem Wochenmarkt unterstützt Produzenten aus der Umgebung.

    Viele Familienunternehmen verfügen nicht über große finanzielle Rücklagen. Eine schwache Saison lässt sich nur schwer ausgleichen. Kredite laufen weiter, Versicherungen fordern ihre Beiträge und Löhne möchten pünktlich bezahlt sein. Die Kosten kennen keine Sommerpause.

    Gerade deshalb erhält jeder Gast plötzlich eine größere Bedeutung.

    Vielleicht erinnert sich mancher Urlauber noch an frühere Besuche. An den Duft der Pinien am frühen Morgen. An den ersten Sprung in die kühlen Atlantikwellen. An frische Austern am Hafen oder an den kleinen Campingplatz, auf dem jedes Jahr dieselben Nachbarn auftauchten. Solche Erinnerungen verbinden Menschen oft stärker mit einer Region, als ihnen bewusst ist.

    Warum diese Verbindung nicht gerade jetzt neu beleben?

    Natürlich gehört Ehrlichkeit ebenfalls dazu. Niemand erwartet, dass Besucher beschädigte Landschaften ignorieren. Die verbrannten Flächen erzählen von einer Naturkatastrophe, deren Folgen lange sichtbar bleiben. Wer durch einzelne Abschnitte fährt, entdeckt schwarze Baumstämme und kahle Schneisen. Das lässt sich weder schönreden noch verstecken.

    Doch Landschaften besitzen eine erstaunliche Kraft zur Erneuerung.

    Bereits wenige Monate nach einem Feuer zeigen sich häufig erste grüne Triebe zwischen der Asche. Pflanzen kämpfen sich ans Licht zurück. Tiere kehren Schritt für Schritt in ihre Lebensräume zurück. Der Wald beginnt langsam ein neues Kapitel.

    Auch die Menschen hoffen auf diesen Neuanfang.

    Sie wünschen sich keine Mitleidsreisen.

    Sie wünschen sich Vertrauen.

    Ein Urlaub an der Atlantikküste bedeutet heute deshalb mehr als nur Erholung. Er sendet ein Signal an die Gastgeber: Wir kommen zurück. Wir glauben an eure Zukunft. Wir möchten, dass Cafés, Campingplätze, Restaurants und kleine Geschäfte auch im nächsten Sommer noch ihre Türen öffnen.

    Diese Botschaft besitzt einen Wert, der sich kaum in Zahlen ausdrücken lässt.

    Gleichzeitig bleibt die Politik gefordert. Direkt betroffene Familien und Unternehmen benötigen Unterstützung beim Wiederaufbau. Schäden an Häusern, Infrastruktur und Natur verschwinden nicht durch gute Worte. Finanzielle Hilfen, langfristige Wiederaufforstung und Investitionen in den Brandschutz bilden wichtige Voraussetzungen, damit sich die Region nachhaltig erholen kann.

    Ebenso bedeutend erscheint jedoch eine sachliche Kommunikation.

    Pauschale Warnungen helfen niemandem weiter, wenn große Teile der Küste längst wieder sicher zugänglich sind. Genauso wenig dient Verharmlosung dem Vertrauen. Die Menschen wünschen sich klare Informationen. Welche Gebiete bleiben gesperrt? Welche Strände öffnen? Wo finden Aufräumarbeiten statt? Wer offen kommuniziert, schafft Glaubwürdigkeit.

    Und genau diese Glaubwürdigkeit entscheidet häufig darüber, ob Urlauber ihre Reise antreten.

    Nach den dramatischen Tagen der Brände beginnt nun eine Phase, die weniger Aufmerksamkeit erhält und dennoch über die Zukunft vieler Familien entscheidet. Kamerateams reisen weiter zum nächsten Ereignis. Die Schlagzeilen verschwinden. Für die Menschen vor Ort endet die Geschichte damit jedoch längst nicht.

    Sie beginnt gerade erst.

    Der Wiederaufbau umfasst weit mehr als neue Bäume oder reparierte Gebäude. Er lebt von Zuversicht, Begegnungen und einer Region, die ihren Gästen weiterhin mit offenen Armen begegnet. Die Atlantikküste trägt Wunden. Trotzdem bewahrt sie ihre Schönheit, ihre Gastfreundschaft und ihren besonderen Charakter.

    Vielleicht liegt genau darin ihre größte Stärke.

    Wer heute zwischen Arcachon und Biscarrosse ankommt, entdeckt keine Landschaft, die aufgegeben hat. Er begegnet Menschen, die nach schwierigen Wochen wieder nach vorne schauen. Menschen, die morgens ihre Cafés öffnen, Boote vorbereiten, Hotelzimmer herrichten oder frisches Brot backen – in der Hoffnung, dass der Sommer doch noch ein gutes Ende nimmt.

    Manchmal beginnt Solidarität nicht mit großen Gesten.

    Manchmal genügt bereits eine gebuchte Reise.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Hitze legt Atomkraftwerk Golfech erneut lahm

    Hitze legt Atomkraftwerk Golfech erneut lahm

    Zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen ist das Atomkraftwerk Golfech im südwestfranzösischen Département Tarn-et-Garonne vollständig vom Netz gegangen. Ursache ist erneut die außergewöhnlich hohe Temperatur der Garonne, aus der die Anlage das notwendige Kühlwasser bezieht. Die wiederholten Abschaltungen verdeutlichen, wie stark extreme Hitze inzwischen selbst die Stromerzeugung in Frankreich beeinflusst.

    Der französische Energieversorger EDF schaltete Reaktorblock 2 am späten Mittwochabend vorsorglich ab. Hintergrund ist eine gesetzlich festgelegte Umweltauflage: Steigt die durchschnittliche Wassertemperatur der Garonne flussabwärts des Kraftwerks auf 28 Grad oder darüber, darf der Reaktor unter normalen Betriebsbedingungen nicht weiterlaufen. Mit der Maßnahme soll verhindert werden, dass sich der Fluss durch das zurückgeleitete Kühlwasser zusätzlich erwärmt und empfindliche Wasserlebewesen belastet.

    Der zweite Reaktor der Anlage produziert bereits seit Mai keinen Strom. Dort laufen planmäßige Wartungsarbeiten, außerdem werden Brennelemente ausgetauscht. Damit steht derzeit das gesamte Kraftwerk still. Beide Reaktoren verfügen jeweils über eine Leistung von 1.300 Megawatt und zählen zu den wichtigen Bausteinen der französischen Stromversorgung.

    Besonders auffällig ist die kurze Laufzeit des nun erneut abgeschalteten Reaktors. Erst am 26. Juli war Block 2 nach einer vorherigen Unterbrechung wieder ans Stromnetz angeschlossen worden. Nicht einmal vier Tage später musste EDF die Anlage erneut herunterfahren. Bereits Ende Juni und Anfang Juli war der Reaktor wegen der hohen Temperaturen der Garonne mehrfach außer Betrieb. Technische Probleme oder sicherheitsrelevante Störungen spielten dabei keine Rolle. Ausschlaggebend waren ausschließlich die geltenden Umweltvorschriften.

    Das Kraftwerk entnimmt Wasser aus der Garonne zur Kühlung und leitet den größten Teil anschließend wieder in den Fluss zurück. Normalerweise erhöht sich die Wassertemperatur dadurch nur geringfügig. Während lang anhaltender Hitzeperioden kann jedoch selbst dieser kleine Temperaturanstieg das ökologische Gleichgewicht beeinträchtigen. Vor allem Fische und andere Wasserorganismen reagieren empfindlich auf zusätzliche Erwärmung und sinkende Sauerstoffwerte.

    Die wiederholten Abschaltungen zeigen zugleich eine neue Herausforderung für die französische Energiepolitik. Kernkraft liefert zwar zuverlässig große Mengen Strom und ist unabhängig von Wind oder Sonneneinstrahlung, sie bleibt jedoch auf ausreichend kühles Kühlwasser angewiesen. Mit zunehmenden Hitzewellen entwickelt sich dieser Faktor immer stärker zu einer betrieblichen Einschränkung.

    Eine unmittelbare Gefahr für die Stromversorgung besteht derzeit zwar nicht. Frankreich verfügt über zahlreiche weitere Kernkraftwerke sowie über Wasserkraft-, Wind- und Solaranlagen. Dennoch macht der Fall Golfech deutlich, dass der Klimawandel längst auch die Rahmenbedingungen der Atomenergie verändert. Was früher als seltene Ausnahme galt, könnte in den kommenden Sommern deutlich häufiger auftreten.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreich baut eine eigene Industrie für den Kampf gegen Waldbrände auf

    Frankreich baut eine eigene Industrie für den Kampf gegen Waldbrände auf

    Die schweren Waldbrände des Sommers 2026 haben Frankreich vor Augen geführt, dass die Bekämpfung von Vegetationsbränden längst nicht mehr allein eine Aufgabe der Feuerwehren ist. Angesichts zunehmender Hitzeperioden und längerer Trockenphasen will die Regierung nun eine umfassende Industrie für Brandprävention, Früherkennung und Brandbekämpfung aufbauen. Ziel ist es, technologische Innovationen schneller zur Einsatzreife zu bringen, die nationale Krisenvorsorge zu stärken und die Abhängigkeit von ausländischen Herstellern zu verringern. Industrieminister Sébastien Martin plant, Ende August oder Anfang September Vertreter führender Unternehmen, Forschungseinrichtungen und staatlicher Stellen nach Paris einzuladen. Im Wirtschaftsministerium in Bercy sollen die Erfahrungen aus den Großbränden in der Gironde, den Landes, dem Var und im Wald von Fontainebleau ausgewertet und die Grundlagen für eine neue industrielle Wertschöpfungskette geschaffen werden. Eine neue Wertschöpfungskette für de…

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  • Manufacture de Lodève: Wo Teppiche zu Kunstwerken für die Republik werden

    Manufacture de Lodève: Wo Teppiche zu Kunstwerken für die Republik werden

    In der Manufacture de la Savonnerie in Lodève vergeht die Zeit anders. Hier misst niemand den Fortschritt eines Arbeitstages in Stunden, sondern in wenigen Zentimetern fein geknüpften Teppichs. Bis ein einziges Werk vollendet ist, vergehen oft mehrere Jahre. Manche Teppiche beschäftigen ihre Weberin…

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  • Frankreichs Tourismus im Juli: Viele Gäste, aber immer weniger Umsatz

    Frankreichs Tourismus im Juli: Viele Gäste, aber immer weniger Umsatz

    Frankreichs Tourismusbranche blickt auf einen Juli zurück, der auf den ersten Blick erfreulich erscheint, bei genauerem Hinsehen jedoch zahlreiche Probleme offenbart. Hotels, Campingplätze und Ferienwohnungen melden in vielen Regionen eine gute Auslastung. Dennoch bleibt der wirtschaftliche Ertrag vieler Betriebe hinter den Erwartungen zurück. Die Zahl der Urlauber steigt, doch ihre Ausgaben sinken spürbar – mit Folgen für Restaurants, Geschäfte und Freizeitunternehmen.

    In der Provence verlief der Saisonstart zunächst verhalten. Erst nach dem französischen Nationalfeiertag am 14. Juli zog die Nachfrage deutlich an. In Marseille erreichten einige Hotels inzwischen Auslastungsquoten von bis zu 95 Prozent. Auch der Ausblick auf den August stimmt viele Gastgeber nur vorsichtig optimistisch.

    Die gut belegten Unterkünfte spiegeln nur einen Teil der Realität wider. Während die Kosten für Übernachtungen oft kaum gesenkt werden können, sparen viele Reisende bei allem, was darüber hinausgeht. Familien kaufen häufiger im Supermarkt ein, bereiten Mahlzeiten selbst zu oder greifen tagsüber lieber zu einem einfachen Sandwich, anstatt im Restaurant zu essen. Auch kostenpflichtige Ausflüge oder größere Einkäufe stehen seltener auf dem Urlaubsprogramm.

    Hinzu kommt die außergewöhnliche Sommerhitze, die den Tagesablauf vieler Gäste verändert. Zwischen Mittag und dem späten Nachmittag bleiben Straßen, Terrassen und Geschäfte oft erstaunlich leer. Urlauber verlegen ihre Aktivitäten auf die kühleren Morgenstunden oder in den Abend. Dieser mediterrane Rhythmus sorgt dafür, dass Festivals, Konzerte und Abendveranstaltungen profitieren, während Geschäfte und Gastronomiebetriebe mit klassischen Öffnungszeiten deutlich weniger Laufkundschaft verzeichnen.

    Für etwas Stabilität sorgt die internationale Nachfrage. Besucher aus Deutschland, Belgien und Italien reisen wieder zahlreicher nach Frankreich. Auch Gäste aus den Vereinigten Staaten und Kanada sind häufiger anzutreffen und verfügen vielfach über eine höhere Kaufkraft. Dennoch reicht ihr Beitrag nicht aus, um die geringeren Ausgaben vieler französischer Urlauber vollständig auszugleichen.

    Ein ähnliches Bild zeigt sich an der bretonischen Atlantikküste. Im Morbihan profitieren Ferienorte zwar davon, dass manche Reisende der großen Hitze im Süden ausweichen. Strände, Campingplätze und Ferienanlagen sind gut besucht. Gleichzeitig berichten zahlreiche Betriebe von geringeren Umsätzen als erwartet. Schon vor Beginn der Hauptsaison lagen viele Reservierungen hinter dem Vorjahr zurück. Zudem buchen Urlauber ihre Reisen immer kurzfristiger, was Personalplanung und Einkauf erheblich erschwert.

    Gerade in der Bretagne zeigt sich besonders deutlich, dass hohe Besucherzahlen nicht automatisch wirtschaftlichen Erfolg bedeuten. Ferienwohnungen und Campingplätze können nahezu ausgebucht sein, während Restaurants, Ausflugsanbieter, Märkte und Einzelhändler deutlich weniger Einnahmen erzielen als in früheren Jahren.

    Der Hauptgrund liegt in der angespannten finanziellen Lage vieler Haushalte. Steigende Lebenshaltungs- und Kraftstoffkosten zwingen zahlreiche Familien dazu, ihren Urlaub genauer zu kalkulieren. Auf Ferien verzichten möchten die wenigsten. Stattdessen verkürzen sie ihren Aufenthalt, wählen günstigere Unterkünfte oder sparen konsequent bei Verpflegung und Freizeitaktivitäten.

    Für Frankreichs Tourismusbranche entsteht damit eine neue Herausforderung. Das Land bleibt eines der beliebtesten Reiseziele Europas und zieht weiterhin Millionen Besucher an. Gleichzeitig sinkt die Wertschöpfung vieler touristischer Betriebe. Nun richten sich alle Hoffnungen auf den August, traditionell der stärkste Reisemonat des Jahres. Doch selbst ein erfolgreicher Saisonabschluss dürfte kaum darüber hinwegtäuschen, dass sich das Reiseverhalten dauerhaft verändert: Urlaub besitzt weiterhin einen hohen Stellenwert – allerdings unter deutlich strengeren finanziellen Rahmenbedingungen.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Waldbrände in der Gironde: Wirtschaft zwischen Stillstand und Existenzangst

    Waldbrände in der Gironde: Wirtschaft zwischen Stillstand und Existenzangst

    Die verheerenden Waldbrände in der Gironde haben sich längst zu mehr als einer humanitären und ökologischen Katastrophe entwickelt. Während Feuerwehr und Einsatzkräfte weiterhin gegen die Flammen kämpfen, wächst der wirtschaftliche Schaden von Tag zu Tag. Geschlossene Betriebe, unterbrochene Lieferketten und ausbleibende Touristen setzen der regionalen Wirtschaft massiv zu. Besonders betroffen sind kleine und mittlere Unternehmen, die oft nur über begrenzte finanzielle Reserven verfügen.

    Nach Angaben des französischen Wirtschaftsministeriums mussten bereits mehr als 13.500 Unternehmen ihre Tätigkeit zumindest vorübergehend einstellen. Die Industrie- und Handelskammer Bordeaux Gironde geht inzwischen von rund 14.500 unmittelbar betroffenen Betrieben aus. Einschließlich indirekter Auswirkungen könnten sogar bis zu 40.000 Unternehmen in ihrer Geschäftstätigkeit eingeschränkt sein. Schätzungsweise 50.000 Beschäftigte sind von den Folgen der Brände betroffen. Die Handelskammer hat deshalb gemeinsam mit weiteren Wirtschaftsorganisationen eine Krisenzelle eingerichtet, um Unternehmen bei Versicherungsfragen, Entschädigungsanträgen und der Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit zu unterstützen.

    Evakuierungen bringen ganze Wirtschaftsregionen zum Stillstand

    Nicht nur Unternehmen in unmittelbarer Nähe der Brandherde leiden unter den Folgen. Zahlreiche Betriebe mussten schließen, weil ihre Mitarbeiter aufgrund von Evakuierungen, Straßensperren oder Sicherheitszonen ihre Arbeitsplätze nicht mehr erreichen können. Hinzu kommen Stromausfälle, unterbrochene Lieferketten sowie Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Rohstoffen und Waren.

    Mit jedem weiteren Tag steigen die wirtschaftlichen Verluste. Besonders im Dienstleistungssektor summieren sich die Ausfälle rasch. Restaurants verlieren während der Hochsaison Reservierungen und Umsätze, verderbliche Lebensmittel müssen entsorgt werden, während Mieten, Kredite und Personalkosten weiterlaufen. Auch Handwerksbetriebe können vereinbarte Aufträge vielfach nicht ausführen, was zusätzliche finanzielle Belastungen nach sich zieht.

    Vor allem kleine und mittlere Unternehmen geraten dadurch unter erheblichen Druck. Sie prägen die Wirtschaftsstruktur der Gironde und verfügen häufig nicht über ausreichende Rücklagen, um längere Betriebsausfälle aufzufangen. Bereits wenige Wochen ohne Einnahmen können ihre wirtschaftliche Existenz gefährden.

    Tourismus verliert seine wichtigste Saison

    Besonders schwer trifft die Katastrophe den Tourismus rund um das Bassin d’Arcachon, Lacanau sowie entlang der Atlantikküste. Hotels, Campingplätze, Ferienhausvermieter, Restaurants und Freizeitbetriebe melden zahlreiche Stornierungen. Die Empfehlung der Präfektur, vorerst auf Reisen in besonders betroffene Gebiete der Gironde zu verzichten, hat die Verunsicherung zusätzlich verstärkt.

    Dabei besitzt der Tourismus für das Département eine herausragende wirtschaftliche Bedeutung. Rund sieben Prozent der regionalen Wirtschaftsleistung hängen direkt oder indirekt von Urlaubsgästen ab. Etwa 40.000 Arbeitsplätze sind mit dieser Branche verbunden. Der Zeitpunkt der Brände verschärft die Situation zusätzlich, denn viele Betriebe erwirtschaften den Großteil ihres Jahresumsatzes in den Sommermonaten Juli und August. Was in dieser Zeit verloren geht, lässt sich später kaum kompensieren.

    Gleichzeitig bemühen sich regionale Verantwortliche um Differenzierung. Sie weisen darauf hin, dass keineswegs die gesamte Gironde betroffen sei. Zahlreiche Weinbaugebiete, Küstenorte und touristische Ziele arbeiten weiterhin regulär. Eine pauschale Wahrnehmung des Départements als Katastrophengebiet könnte daher auch Unternehmen schaden, die weit entfernt von den Brandherden liegen.

    Landwirtschaft kämpft gegen Rauch und Unsicherheit

    Auch die Landwirtschaft steht vor erheblichen Herausforderungen. Rauch und Asche können Gemüsefelder, Obstplantagen und Weinberge beeinträchtigen. Je nach Belastung drohen Qualitätseinbußen oder Vermarktungsbeschränkungen. Gleichzeitig erschweren Straßensperren und Evakuierungen die Ernte sowie den Transport landwirtschaftlicher Erzeugnisse.

    Viehhalter mussten Tiere teilweise in Sicherheit bringen oder ihre Weideflächen aufgeben. Bewässerungssysteme und landwirtschaftliche Infrastruktur sind in einigen Gebieten nur eingeschränkt nutzbar. Welche langfristigen Auswirkungen die Brände auf Erträge und Bodenqualität haben werden, lässt sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen.

    Jahrzehntelange Folgen für die Forstwirtschaft

    Noch gravierender sind die Schäden für die Forstwirtschaft. Mehr als 42.000 Hektar Wald wurden nach bisherigen Schätzungen von den Flammen erfasst. Besonders betroffen sind die ausgedehnten Kiefernwälder der Landes de Gascogne, die zu den größten zusammenhängenden Wirtschaftswäldern Europas gehören.

    Mit den verbrannten Beständen verlieren Waldbesitzer und Gemeinden nicht nur wertvolle Holzvorräte, sondern auch langfristige Einnahmequellen. Bis neu angepflanzte Kiefern wirtschaftlich genutzt werden können, vergehen häufig mehrere Jahrzehnte. Die Folgen reichen deshalb weit über die unmittelbare Katastrophe hinaus und werden die regionale Forstwirtschaft noch über Generationen beschäftigen.

    Staatliche Hilfe soll Insolvenzen verhindern

    Die französische Regierung hat erste Unterstützungsmaßnahmen angekündigt. Unternehmen sollen unter anderem Kurzarbeitsregelungen nutzen können, um Beschäftigte trotz Betriebsausfällen zu halten. Darüber hinaus werden Hilfen für betroffene Betriebe sowie Erleichterungen bei Versicherungs- und Entschädigungsverfahren vorbereitet.

    Wie hoch der wirtschaftliche Gesamtschaden letztlich ausfallen wird, ist derzeit noch nicht abzusehen. Klar ist jedoch bereits heute, dass die Folgen der Waldbrände weit über die zerstörten Waldflächen hinausreichen. Selbst wenn die letzten Feuer gelöscht sind, werden viele Unternehmen noch lange mit den wirtschaftlichen Konsequenzen kämpfen. Für zahlreiche Betriebe entscheidet sich in den kommenden Wochen, ob sie die Krise überstehen oder dauerhaft vom Markt verschwinden.

    Von Andreas M. Brucker

  • Waldbrände legen Bahnverkehr im Südwesten Frankreichs lahm

    Waldbrände legen Bahnverkehr im Südwesten Frankreichs lahm

    Die schweren Waldbrände im Südwesten Frankreichs treffen längst nicht mehr nur Anwohner und Einsatzkräfte. Inzwischen hat das Feuer auch den Bahnverkehr massiv beeinträchtigt. Am Dienstag verkehren südlich von Bordeaux nahezu keine TGV-Hochgeschwindigkeitszüge mehr. Lediglich die Strecke über Agen nach Toulouse bleibt weiterhin befahrbar. Für Reisende in Richtung Atlantikküste, Baskenland oder Pyrenäen bedeutet das erhebliche Einschränkungen und zahlreiche Zugausfälle.

    Bordeaux entwickelt sich damit vorübergehend zum Endbahnhof für die meisten aus Paris kommenden TGV. Verbindungen nach Arcachon, Bayonne, Biarritz, Hendaye sowie nach Tarbes über Dax entfallen vollständig. Betroffen sind sowohl die Fahrten in den Süden als auch die Rückverbindungen nach Bordeaux und Paris.

    Grund für die weitreichenden Maßnahmen ist die weiterhin angespannte Lage in den Départements Gironde und Landes. Die Brände breiten sich teilweise unvorhersehbar aus, dichter Rauch erschwert den Betrieb zusätzlich. An mehreren Stellen besteht die Gefahr für Gleise, Oberleitungen und Signalanlagen. Hinzu kommen mögliche Evakuierungen und kurzfristige Straßensperrungen, die einen sicheren Bahnbetrieb derzeit unmöglich machen.

    Nicht nur der Fernverkehr leidet unter den Folgen der Feuer. Auch zahlreiche Regionalzüge fallen aus. Zwischen Bordeaux, Arcachon und Morcenx ist der Zugverkehr vollständig eingestellt. Besonders das bei Urlaubern beliebte Bassin d’Arcachon ist damit auf der Schiene praktisch nicht mehr erreichbar. Ebenfalls gestrichen wurde der Nachtzug zwischen Paris und Tarbes in beiden Richtungen. Auch die Verbindungen von Bordeaux nach Pau, Lourdes und Tarbes bleiben bis auf Weiteres unterbrochen.

    Die Einschränkungen treffen ausgerechnet eine der reisestärksten Wochen des Jahres. Ende Juli befinden sich Millionen Menschen in den Sommerferien. Entsprechend groß ist der Andrang auf die wenigen verbliebenen Verbindungen, insbesondere auf der Strecke über Agen nach Toulouse, die bislang nicht von den Bränden betroffen ist. Viele Reisende müssen ihre Pläne kurzfristig ändern oder ihre Heimreise verschieben.

    Die SNCF rät deshalb dringend dazu, nicht notwendige Reisen in die betroffenen Regionen bis einschließlich Freitag zu verschieben. Fahrkarten für Verbindungen in die Brandgebiete lassen sich bis dahin kostenlos umbuchen oder stornieren. Wer bereits ein Ticket besitzt, sollte den Status seiner Verbindung regelmäßig über die SNCF-App oder das Buchungsportal prüfen und gegebenenfalls eine Erstattung beantragen. Wurde das Ticket über ein Reisebüro oder eine andere Plattform gekauft, erfolgt die Abwicklung über den jeweiligen Anbieter.

    Auch auf den Straßen bleibt die Lage angespannt. Die Autobahn A63 zwischen Bordeaux und Bayonne ist gesperrt, hinzu kommen zahlreiche Einschränkungen auf National- und Départementstraßen. Die Behörden appellieren eindringlich, die Einsatzgebiete weiträumig zu meiden und den Rettungskräften freie Fahrt zu ermöglichen. Wann der Bahnverkehr wieder vollständig aufgenommen werden kann, hängt nun von der weiteren Entwicklung der Brände und den anschließenden Sicherheitskontrollen der Infrastruktur ab.

    Daniel Ivers

  • Fast jede fünfte Wohnung in Paris ist keine Hauptwohnung – doch die Zahlen erzählen eine komplexere Geschichte

    Fast jede fünfte Wohnung in Paris ist keine Hauptwohnung – doch die Zahlen erzählen eine komplexere Geschichte

    Paris leidet seit Jahren unter einer angespannten Wohnraumsituation. Steigende Mieten, ein knappes Angebot und der Rückgang dauerhaft bewohnter Wohnungen prägen die Debatte. Dabei fällt häufig die Behauptung, Hunderttausende Wohnungen stünden leer. Tatsächlich hängt die Antwort entscheidend davon ab, was unter einer „unbewohnten“ Wohnung verstanden wird.

    Grundsätzlich unterscheiden die französischen Behörden zwischen zwei Kategorien. Einerseits gibt es leerstehende Wohnungen, die unbewohnt und in der Regel unmöbliert sind oder über einen längeren Zeitraum nicht genutzt werden. Andererseits existieren Zweitwohnungen und gelegentlich genutzte Wohnungen, die zwar nicht als Hauptwohnsitz dienen, aber beispielsweise als Zweitwohnsitz, Pendlerwohnung oder zeitweise Ferienunterkunft genutzt werden.

    Nach den jüngsten von der Stadt Paris ausgewerteten Daten gibt es in der französischen Hauptstadt rund 272.000 Wohnungen, die nicht als Hauptwohnsitz genutzt werden. Das entspricht nahezu jeder fünften Wohnung im gesamten Wohnungsbestand.

    Rund 130.000 Wohnungen stehen tatsächlich leer

    Von diesen 272.000 Wohnungen entfallen etwa 48 Prozent auf leerstehende Wohnungen, was rund 130.000 Einheiten entspricht. Die übrigen 52 Prozent, rund 142.000 Wohnungen, werden als Zweitwohnungen oder gelegentlich genutzte Unterkünfte geführt.

    Diese Unterscheidung ist für die wohnungspolitische Diskussion von zentraler Bedeutung. Während leerstehende Wohnungen grundsätzlich dem regulären Wohnungsmarkt wieder zugeführt werden könnten, erfüllen Zweitwohnungen häufig andere Funktionen. Sie gehören etwa Berufspendlern, Personen mit mehreren Wohnsitzen oder Eigentümern, die ihre Wohnung nur zeitweise nutzen.

    Nicht jeder Leerstand ist ein wohnungspolitisches Problem

    Der Begriff „Leerstand“ vermittelt oft den Eindruck dauerhaft ungenutzter Wohnungen. Tatsächlich ist dies jedoch nur teilweise zutreffend.

    Ein Teil des Leerstands gilt als sogenannter friktioneller Leerstand. Dabei handelt es sich um Wohnungen, die sich lediglich vorübergehend nicht in Nutzung befinden – beispielsweise zwischen zwei Mietverhältnissen, während Renovierungsarbeiten oder im Zuge eines Erbverfahrens. Solche Leerstände gelten als normal und sind in jedem funktionierenden Wohnungsmarkt unvermeidbar.

    Nach Einschätzung der Stadt Paris sind jedoch rund 15 Prozent der leerstehenden Wohnungen bereits seit mehr als zwei Jahren ungenutzt. Diese dauerhaft leerstehenden Wohnungen stehen im Mittelpunkt der kommunalen Wohnraumpolitik. Sie sollen durch steuerliche Maßnahmen und rechtliche Instrumente möglichst wieder dem Wohnungsmarkt zugeführt werden.

    Wohnraummangel trotz hoher Zahl nicht dauerhaft bewohnter Wohnungen

    Die hohen Zahlen verdeutlichen das Spannungsfeld, in dem sich Paris befindet. Einerseits herrscht ein erheblicher Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Andererseits existiert ein beträchtlicher Bestand an Wohnungen, die entweder gar nicht oder nur zeitweise genutzt werden.

    Besonders in den zentralen Arrondissements hat der Anteil von Zweitwohnungen und gelegentlich genutzten Wohnungen in den vergangenen Jahren zugenommen. Touristische Nutzung, internationale Eigentümer sowie der Wunsch nach einem Zweitwohnsitz in der französischen Hauptstadt haben diese Entwicklung zusätzlich verstärkt. Gleichzeitig versucht die Stadtverwaltung, den dauerhaften Wohnungsbestand zu schützen und Spekulation sowie langfristigen Leerstand einzudämmen.

    Auch steuerliche Maßnahmen spielen dabei eine wichtige Rolle. Frankreich erhebt bereits seit Jahren spezielle Abgaben auf dauerhaft leerstehende Wohnungen sowie auf Zweitwohnungen in angespannten Wohnungsmärkten. Ziel ist es, Eigentümer zu einer dauerhaften Vermietung zu bewegen und zusätzlichen Wohnraum für die Bevölkerung zu schaffen.

    Paris steht damit exemplarisch für viele europäische Metropolen, in denen steigende Immobilienpreise, internationale Kapitalanlagen und touristische Nutzung den Druck auf den Wohnungsmarkt erhöhen. Die Diskussion über leerstehende Wohnungen zeigt zugleich, dass pauschale Zahlen oft irreführend sind. Nicht jede Wohnung, die kein Hauptwohnsitz ist, steht tatsächlich leer – und nicht jeder Leerstand stellt automatisch ungenutzten Wohnraum dar.

    Entscheidend bleibt daher die Differenzierung zwischen dauerhaft leerstehenden Wohnungen und solchen, die aus nachvollziehbaren Gründen nur zeitweise oder saisonal genutzt werden. Erst diese Unterscheidung ermöglicht eine sachliche Bewertung der tatsächlichen Wohnraumsituation in Paris.

    Autor: P. Tiko