Kategorie: Wirtschaft

  • Das Mittelmeer als Geisel – seid ihr denn noch bei Trost?

    Das Mittelmeer als Geisel – seid ihr denn noch bei Trost?

    KOMMENTAR

    „Wenn wir das Mittelmeer blockieren müssen, dann werden wir das Mittelmeer blockieren.“

    Entschuldigung.

    WAS?!

    Das Mittelmeer?

    Dieses kleine, völlig unbedeutende Planschbecken zwischen Europa, Afrika und Asien? Dieses Gewässer, über das Frachter, Fähren, Kreuzfahrtschiffe, Handel, Lebensmittel, Rohstoffe und Millionen Menschen bewegt werden?

    DAS wollt ihr blockieren?

    Meine Herren, eine Nummer kleiner war gerade ausverkauft, oder was?

    Natürlich haben Frankreichs Fischer Probleme. Ernsthafte Probleme sogar. Der Treibstoff ist teuer, Hilfen wurden nach Angaben der Branche verspätet ausgezahlt, europäische Fangregeln drücken auf die Betriebe, Quoten sorgen für Streit, und manches kleine Fischereiunternehmen fragt sich inzwischen weniger, wie der nächste Fang ausfällt, sondern ob es seinen Betrieb nächstes Jahr überhaupt noch gibt.

    Alles richtig.

    Aber aus „Wir brauchen dringend eine wirtschaftliche Perspektive“ wird plötzlich: Dann legen wir eben das Mittelmeer lahm!

    Ja, seid ihr denn noch bei Trost?

    Vom berechtigten Protest zur maritimen Großmachtfantasie

    Man stelle sich diese Logik einmal in anderen Berufen vor.

    Der Bäcker bekommt seine Energiekosten nicht mehr bezahlt und sagt: „Gut! Dann blockieren wir eben sämtliche Autobahnen zwischen Bordeaux und Berlin!“

    Der Friseur beschwert sich über die Mehrwertsteuer und kündigt an: „Wenn Paris nicht reagiert, wird der Atlantik abgeriegelt!“

    Und der Klempner stellt fest, dass Kupferrohre zu teuer geworden sind und erklärt kurzerhand die Straße von Gibraltar zum Sperrgebiet.

    Irgendwann fehlt nur noch ein Fischer mit Augenklappe, Papagei und Säbel, der vom Bug seines Kutters ruft:

    „Madame la Ministre! Sie haben bis Sonnenuntergang! Danach gehört Korsika uns!“

    Dabei ist das Problem alles andere als komisch.

    Die Proteste haben bereits gezeigt, wie wenig Boote man braucht, um empfindliche Hafeninfrastruktur lahmzulegen. In Nice wurden Schiffe quer vor die Hafeneinfahrt gelegt. In Frontignan blockierten Fischer ein Treibstoffdepot. Auch Sète und Le Grau-du-Roi waren Teil der Mobilisierung. Französische Medien berichteten zudem über Überlegungen, die Aktionen auf Marseille und Toulon auszuweiten.

    Das ist keine folkloristische Hafenromantik mehr.

    Das ist wirtschaftlicher Druck.

    Und zwar mit ziemlich langem Hebel.

    Sète ist kein Dorfteich

    Gerade Sète zeigt, warum die Formulierung vom „Blockieren des Mittelmeers“ so brisant klingt.

    Der Hafen ist eben nicht nur der Ort, an dem morgens ein paar Kisten Doraden über den Kai geschoben werden. Sète vereint Fischerei, Handel, Logistik und Passagierverkehr. Nach Angaben des Hafens hängen mehr als 2.300 direkte Arbeitsplätze an seinen Aktivitäten. Von dort verkehren Fähren unter anderem Richtung Marokko und Algerien; der Hafen bezeichnet sich selbst als Frankreichs wichtigsten Passagierhafen für Verbindungen nach Marokko.

    Mit anderen Worten:

    Wer einen solchen Hafen blockiert, blockiert nicht „die Politik“.

    Er blockiert zunächst Lastwagenfahrer.

    Hafenarbeiter.

    Passagiere.

    Spediteure.

    Unternehmen.

    Menschen, die mit der französischen Fischereipolitik ungefähr so viel zu tun haben wie eine Seegurke mit dem Finanzministerium.

    Und genau an diesem Punkt wird aus Protest eine bemerkenswert französische Spezialdisziplin: Wir haben ein Problem mit dem Staat – also sorgen wir dafür, dass es vorsichtshalber erst einmal alle anderen auch haben.

    Paris antwortet – natürlich mit einem Gespräch

    Nun wäre Frankreich nicht Frankreich, wenn auf einen drohenden Aufstand nicht zunächst ein sechsstündiges Treffen folgen würde.

    Sechs Stunden!

    Das ist keine Besprechung mehr. Das ist ein Jean-Luc-Godard-Film mit Mineralwasser.

    Am 17. September empfing Meeres- und Fischereiministerin Catherine Chabaud Vertreter der Mittelmeerfischer. Anschließend kündigte sie an, die Treibstoffhilfen stärker an die Entwicklung der Kraftstoffpreise anzupassen. Die Regierung stellte außerdem weitere Unterstützungsmaßnahmen in Aussicht. Die Fischer hoben Blockaden in Nice und Frontignan zunächst auf. Gleichzeitig blieben Streitpunkte offen – darunter ausstehende Hilfen, der europäische WestMed-Plan und Fragen rund um Fangquoten.

    Also klassische französische Konfliktlösung:

    Die einen sagen: „Wir blockieren alles!“

    Die anderen sagen: „Wir bilden einen Arbeitszusammenhang.“

    Die einen bringen Boote.

    Die anderen bringen PowerPoint.

    Und irgendwo dazwischen liegt dann vermutlich die Zukunft der Mittelmeerfischerei.

    Die Fischer haben ein echtes Problem

    Bei aller Satire darf man einen Punkt nicht unter den Tisch fallen lassen: Die Wut kommt nicht aus dem Nichts.

    Fischer berichten, dass drastisch gestiegene Treibstoffkosten manche Ausfahrt wirtschaftlich fragwürdig machen. Hinzu kommen europäische Vorgaben, Fangbeschränkungen, schwankende Erlöse und die Unsicherheit darüber, unter welchen Bedingungen bestimmte Fischereien in einigen Jahren überhaupt noch betrieben werden können.

    Ein Fischer beschrieb die Lage gegenüber Sud Radio als „accumulation de problèmes“ – als Anhäufung von Problemen. Genannt wurden Treibstoffpreise, EU-Vorgaben und sinkende Fischpreise.

    Das sollte niemand lächerlich machen.

    Ein Beruf, dessen Kosten explodieren, dessen Ressource naturgemäß begrenzt ist und dessen regulatorische Rahmenbedingungen sich verschärfen, steht tatsächlich unter enormem Druck.

    Aber gerade deshalb müsste die Debatte eigentlich ernsthafter werden.

    Wie kann traditionelle Fischerei wirtschaftlich überleben?

    Wie lassen sich Fischbestände schützen, ohne ganze Küstenregionen ökonomisch auszutrocknen?

    Wer trägt das Risiko extremer Energiepreise?

    Welche Hilfen sind Übergangslösung – und welche konservieren lediglich Strukturen, die langfristig nicht mehr funktionieren?

    Das wären Fragen.

    Komplizierte Fragen sogar.

    Leider passen komplizierte Fragen schlecht auf ein Transparent.

    „WIR BLOCKIEREN DAS MITTELMEER!“ dagegen: ausgezeichnet lesbar.

    Und jetzt kommt die Ministerin persönlich

    Catherine Chabaud ist am heutigen 21. September erneut in der Region angekündigt. In Sète und Le Grau-du-Roi soll sie mit Vertretern der Branche sprechen. Die Fischer erwarten weiterhin konkrete Antworten zur Zukunft ihrer Tätigkeit.

    Und hoffentlich besteht „konkret“ diesmal nicht aus der politischen Maßeinheit:

    „Wir haben Ihre Sorgen gehört.“

    Dieser Satz ist nämlich das Verwaltungsfranzösisch für:

    Wir haben verstanden, dass Sie sauer sind. Bitte zünden Sie bis zur nächsten Gesprächsrunde nichts an.

    Aber umgekehrt gilt genauso:

    Wer ernst genommen werden möchte, sollte vielleicht nicht jedes wirtschaftspolitische Problem sofort in ein nautisches Geiseldrama verwandeln.

    Denn das Mittelmeer gehört weder der Regierung in Paris noch den Fischern von Sète.

    Es ist kein Verhandlungspfand.

    Kein Parkstreifen vor dem Élysée-Palast.

    Und schon gar kein gigantischer Kreisverkehr, den man einfach mit drei Kuttern sperrt, bis die Ministerin den Dieselpreis senkt.

    Die Fischer haben Anspruch darauf, dass ihre wirtschaftlichen Sorgen ernst genommen werden. Die Regierung hat die Aufgabe, darauf nachvollziehbare Antworten zu geben. Und der Rest der Gesellschaft darf durchaus erwarten, dass ein Konflikt zwischen einer Branche und dem Staat nicht automatisch auf dem Rücken sämtlicher Unbeteiligter ausgetragen wird.

    Denn wenn künftig jede Berufsgruppe ihre berechtigten Probleme nach dem Prinzip löst: „Gebt uns, was wir wollen, sonst legen wir kritische Infrastruktur lahm“, dann braucht Frankreich bald kein Wirtschaftsministerium mehr.

    Dann reicht ein Verkehrswarndienst.

    Und wenn wirklich jemand ernsthaft auf die Idee kommt, „das Mittelmeer zu blockieren“, hätte ich nur noch eine organisatorische Frage:

    WO GENAU STELLT MAN DA EIGENTLICH DAS WARNDREIECK AUF?!

    Von Andreas M. Brucker

  • Trump und Macron treffen sich in New York – ein Gespräch im Schatten dreier Krisen

    Trump und Macron treffen sich in New York – ein Gespräch im Schatten dreier Krisen

    Donald Trump und Emmanuel Macron treffen sich am Montag, 21. September, in New York zu einem bilateralen Gespräch am Rande der hochrangigen Woche der Vereinten Nationen. Das Weisse Haus hat den Termin bestätigt; nach dem veröffentlichten Zeitplan des amerikanischen Präsidenten ist die Begegnung für 17.35 Uhr Ortszeit angesetzt. Sie findet damit unmittelbar vor Beginn der Generaldebatte der 81. UN-Generalversammlung statt, die am Dienstag eröffnet wird. Eine detaillierte Tagesordnung haben weder Washington noch Paris veröffentlicht. Doch der internationale Kontext lässt erkennen, welche Fragen das Treffen prägen dürften: der Krieg in der Ukraine und mögliche Sicherheitsgarantien für Kiew, die eskalierte Lage im Nahen Osten und die Energieversorgung Europas sowie die weiterhin störanfälligen Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union. Ein dicht gedrängter diplomatischer Kalender Für Trump ist das Gespräch mit Macron Teil eines eng getakteten diplomatis…

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  • Frankreichs Schulden steigen auf 121,7 Prozent des BIP – der Spielraum in Paris schrumpft

    Frankreichs Schulden steigen auf 121,7 Prozent des BIP – der Spielraum in Paris schrumpft

    Frankreich steuert auf einen neuen Höchststand seiner Staatsverschuldung zu. Nach den jüngsten Regierungsprojektionen dürfte die öffentliche Verschuldung 2027 auf 121,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts steigen. Bereits 2026 werden 119,3 Prozent erwartet. Die zweitgrösste Volkswirtschaft der EU kämpft damit nicht nur mit einem hohen Schuldenstand, sondern vor allem mit dessen Dynamik: anhaltend grosse Defizite, schwaches Wachstum, steigende Zinskosten und politisch schwer veränderbare Staatsausgaben treiben die Quote weiter nach oben. Das Defizit bleibt deutlich zu hoch Für 2026 erwartet die Regierung ein Haushaltsdefizit von 5,4 Prozent des BIP, 2027 sollen es noch 5 Prozent sein. Damit bleibt Frankreich klar über dem europäischen Referenzwert von 3 Prozent. Paris befindet sich deshalb weiterhin im EU-Verfahren wegen eines übermässigen Defizits. Ziel ist es, die Neuverschuldung bis 2029 wieder unter Kontrolle zu bringen. Das Problem: Solange Frankreich Jahr für Jahr hohe Defizite schre…

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  • Frankreich und Kanada machen den Nordatlantik zur strategischen Nahtstelle

    Frankreich und Kanada machen den Nordatlantik zur strategischen Nahtstelle

    Der Besuch des kanadischen Premierministers Mark Carney in Saint-Pierre-et-Miquelon ist mehr als eine diplomatische Geste an Frankreich. Er zeigt, wie sich die strategische Geografie des Nordatlantiks verändert. Frankreich und Kanada wollen ihre Zusammenarbeit bei Fischerei, Energie, Verteidigung, Raumfahrt und digitalen Technologien erheblich ausweiten. Das kleine französische Archipel vor der Küste Neufundlands soll dabei vom Randgebiet zu einem Bindeglied zwischen Kanada und Europa werden. Ein kleines Archipel mit neuer strategischer Bedeutung Saint-Pierre-et-Miquelon zählt nur wenige tausend Einwohner und liegt rund 25 Kilometer vor der kanadischen Provinz Neufundland und Labrador. Politisch gehört die Inselgruppe jedoch zu Frankreich. Damit besitzt die Europäische Union faktisch einen französischen Außenposten unmittelbar vor der kanadischen Atlantikküste. Dass Mark Carney am 20. September als erster kanadischer Premierminister zu einem offiziellen Besuch auf das Archipel reiste, …

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  • Elsass: Tanken wird zum Luxus

    Elsass: Tanken wird zum Luxus

    Ein Blick auf die Preistafel genügt, und so mancher Autofahrer schluckt erst einmal: Fast drei Euro für einen Liter Kraftstoff. Im Elsass, nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt, tauchten zuletzt Preise auf, die selbst erfahrene Pendler staunen lassen.

    Besonders an stark befahrenen Straßen und Autobahnen schnellen die Beträge nach oben. Dort lagen die Preise schon früher über dem Niveau vieler Supermarkt Tankstellen. Doch inzwischen geht es nicht mehr um ein paar Cent Unterschied. Zwischen zwei Zapfsäulen, die nur wenige Kilometer voneinander entfernt stehen, können mehrere Dutzend Cent liegen.

    Das merkt man im Portemonnaie.

    Wer fünfzig Liter tankt, zahlt bei dreißig Cent Preisunterschied bereits fünfzehn Euro mehr. Das reicht für einen kleinen Einkauf, ein Mittagessen oder mehrere Kaffees unterwegs. Kein Wunder also, dass viele Fahrer derzeit genauer hinschauen, bevor sie den Tankdeckel öffnen.

    Wie teuer darf Mobilität eigentlich noch werden, bevor aus dem täglichen Arbeitsweg ein echtes finanzielles Problem entsteht?

    Hinter dem Preissprung steckt vor allem die Lage auf den internationalen Ölmärkten. Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten treiben die Rohölpreise nach oben. Unsicherheit über wichtige Transportwege und mögliche Lieferengpässe verstärkt den Druck zusätzlich. Was Tausende Kilometer entfernt geschieht, landet am Ende erstaunlich schnell auf der Preistafel einer Tankstelle bei Straßburg.

    Im Elsass besitzt diese Entwicklung noch eine zweite Dimension.

    Frankreich, Deutschland und die Schweiz liegen hier eng beieinander. Für viele Menschen gehört der Grenzübertritt zum Alltag. Man arbeitet auf der einen Seite des Rheins, kauft auf der anderen ein und schaut ganz selbstverständlich, wo Benzin oder Diesel gerade günstiger sind.

    Genau deshalb richtet sich der Blick derzeit besonders nach Deutschland.

    Die Bundesregierung plant ab dem 1. Oktober eine vorübergehende Entlastung bei den Kraftstoffsteuern. Für Autofahrer soll der Preis dadurch spürbar sinken. Gerade entlang der Grenze dürfte das Folgen zeigen. Wird der Liter in Deutschland deutlich billiger, dürfte mancher Elsässer für den nächsten Tankstopp einfach über den Rhein fahren.

    Ein kleiner Umweg rechnet sich schnell.

    Frankreich setzt bislang nicht auf eine vergleichbare allgemeine Senkung der Kraftstoffsteuer. Stattdessen stehen gezielte Hilfen für bestimmte Berufstätige und Haushalte im Vordergrund. Für viele Autofahrer bleibt deshalb vor allem eines: Preise vergleichen.

    Dabei lohnt sich ein Blick abseits der Autobahn. Supermarkt Tankstellen liegen häufig deutlich unter den Preisen großer Rastanlagen. Apps und aktuelle Preisportale helfen zusätzlich dabei, günstigere Anbieter in der Umgebung zu finden.

    Doch wie lange funktioniert dieses Ausweichen noch, wenn die Rohölpreise weiter steigen?

    Im Elsass zeigt sich derzeit besonders deutlich, wie eng große Weltpolitik und kleiner Alltag miteinander verbunden sind. Eine Krise im Nahen Osten, Entscheidungen in Berlin, Steuern in Paris und plötzlich kostet die Fahrt zur Arbeit zehn Euro mehr.

    So nah kann die große Welt sein — manchmal passt sie direkt in einen Tank.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Frankreich, wo bleibt eigentlich dein großes Stromwunder?

    Frankreich, wo bleibt eigentlich dein großes Stromwunder?

    Kommentar

    Frankreich liebt seine Atomkraft. Sie gehört zur nationalen Erzählung wie der Eiffelturm, der TGV und die Überzeugung, dass man gewisse Dinge eben besser macht als die Nachbarn. Jahrzehntelang lautete das Versprechen: billiger Strom, sichere Versorgung, weniger Abhängigkeit vom Ausland. Eine formidable Idee. Nur stellt sich inzwischen eine ziemlich unangenehme Frage: Wo bleibt eigentlich die Dividende dieses gewaltigen Kraftwerksparks?

    An Strom mangelt es nämlich nicht.

    Frankreich erzeugte 2025 mehr als 95 Prozent seiner Elektrizität CO₂-arm, der Löwenanteil stammte aus Kernkraft. Das Land exportierte Strom in Rekordmengen. Elektronen? Reichlich vorhanden. Saubere noch dazu.

    Und nun kommt der französische Treppenwitz: Während das Land Strom exportiert, fährt ein gewaltiger Teil seines Verkehrs weiterhin mit importiertem Erdöl.

    Voilà.

    Noch 2024 stammten fast 90 Prozent der im französischen Verkehrssektor verbrauchten Energie aus Erdölprodukten. Elektroautos legen zwar kräftig zu; 2025 war ungefähr jeder fünfte neu verkaufte Pkw rein elektrisch. Doch im gesamten Fahrzeugbestand bleibt die Elektromobilität eine Minderheit. Selbst der französische Netzbetreiber RTE stellt nüchtern fest, dass die Elektrifizierung nicht schnell genug vorankommt.

    Man besitzt also eines der größten CO₂-armen Stromsysteme Europas – und verbrennt weiter Benzin und Diesel, als läge hinter jeder Tankstelle ein kleines gallisches Naturgesetz.

    Das muss man erst einmal schaffen.

    Noch merkwürdiger wirkt die Sache bei der viel beschworenen Energieunabhängigkeit. Frankreichs Atomreaktoren machen das Stromsystem tatsächlich erheblich weniger abhängig von Gas als das vieler Nachbarn. Das ist ein handfester Vorteil. Nur besteht eine Volkswirtschaft leider nicht ausschließlich aus Steckdosen.

    Verkehr, Industrie und Wärme verschlingen weiterhin fossile Energien. Gasimporte bleiben bedeutend, Öl sowieso. 2025 zahlte Frankreich trotz gesunkener Importpreise noch immer eine Energieimportrechnung von 45,8 Milliarden Euro.

    Und dann genügt eine geopolitische Krise irgendwo zwischen Pipeline, Tankerroute und LNG-Terminal – schon hustet Europa, die Preise springen und Paris blickt nervös auf die Märkte.

    Da steht er also, der französische Atomriese: mächtig, produktiv, vergleichsweise CO₂-arm – und daneben eine Wirtschaft, die noch immer viel zu oft am fossilen Tropf hängt.

    Das Problem Frankreichs lautet deshalb nicht: Wo bleibt der Atomstrom?

    Er ist längst da.

    Die spannendere Frage lautet: Warum nutzt Frankreich diesen Strom nicht entschlossener dort, wo heute noch Öl und Gas verbrannt werden?

    Denn Energieunabhängigkeit entsteht nicht dadurch, dass man stolz auf seine Kraftwerke zeigt. Sie entsteht erst dann, wenn ihre Elektrizität tatsächlich Benzin, Diesel und Gas verdrängt.

    Bis dahin bleibt Frankreichs Energiewende ein bisschen wie ein Ferrari, der vor der Haustür glänzt, während man zum Bäcker mit dem alten Diesel fährt.

    Très chic. Aber eben auch ziemlich absurd.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreichs 54-Milliarden-Kurs: Der Haushalt 2027 wird zum politischen Belastungstest

    Frankreichs 54-Milliarden-Kurs: Der Haushalt 2027 wird zum politischen Belastungstest

    Frankreich steht vor einer der schwierigsten Haushaltsoperationen der vergangenen Jahre. Premierminister Sébastien Lecornu will die öffentlichen Finanzen 2027 mit einem Konsolidierungsvolumen von rund 54 Milliarden Euro stabilisieren. Das Defizit soll auf 5 Prozent der Wirtschaftsleistung begrenzt werden. Ohne neue Maßnahmen, warnt die Regierung, könnte es auf mehr als 6,5 Prozent steigen. Lecornu spricht von einem «Budget der Haushaltsdisziplin», weist den politisch belasteten Begriff der Austerität jedoch zurück. Hinter dieser semantischen Unterscheidung steht ein handfestes Problem: Frankreich muss gleichzeitig sparen, Wachstum schützen, höhere Verteidigungsausgaben finanzieren und eine parlamentarische Mehrheit für einen Haushalt finden, die es derzeit nicht gibt. 54 Milliarden Euro gegen die Eigendynamik der Ausgaben Die Größenordnung des angekündigten Konsolidierungspakets ist erheblich. 54 Milliarden Euro entsprechen annähernd zwei Prozent der jährlichen französischen Wirtschaf…

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  • Googles Milliarden und Frankreichs leere Kassen

    Googles Milliarden und Frankreichs leere Kassen

    Die Vorstellung besitzt politischen Charme: Brüssel verhängt eine Milliardenbusse gegen Google, und ein Teil des Geldes hilft Frankreich, sein zunehmend schwieriges Budget für 2027 zu finanzieren. Der amerikanische Digitalkonzern würde damit gewissermassen unfreiwillig einen Beitrag zur Sanierung der französischen Staatsfinanzen leisten. Doch so funktioniert die europäische Haushaltsordnung nicht. Zwischen einer von der EU-Kommission verhängten Geldbusse und dem französischen Staatshaushalt liegen mehrere institutionelle Ebenen – und am Ende bleibt von der vermeintlichen Milliardenhilfe für Paris allenfalls ein vergleichsweise bescheidener indirekter Effekt. Die Frage ist dennoch aufschlussreich. Denn sie zeigt, wie wenig intuitiv die Finanzierung der Europäischen Union bis heute ist. Und sie fällt in einen Moment, in dem Frankreich jeden zusätzlichen finanziellen Spielraum gebrauchen könnte. Brüssel kassiert, nicht Paris Zunächst ist zwischen europäischen und nationalen Einnahmen zu u…

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  • Spritpreise über 2,30 Euro: In Frankreich wächst die Wut an der Zapfsäule

    Spritpreise über 2,30 Euro: In Frankreich wächst die Wut an der Zapfsäule

    Mehr als 2,30 Euro für einen Liter Diesel: Für viele Autofahrer in Frankreich wird der Besuch an der Tankstelle zur finanziellen Belastungsprobe. Benzin und Diesel verteuern sich kräftig – und mit jedem zusätzlichen Cent wächst der Unmut. Besonders auf dem Land trifft die Entwicklung Menschen, die auf ihr Auto angewiesen sind. Erinnerungen an die Proteste der Gelbwesten drängen sich auf.

    Der Kraftstoffpreis ist in Frankreich eben nie nur eine Zahl auf der großen Leuchttafel neben der Tankstelle. Er besitzt eine soziale und politische Dimension.

    Seit Wochen steigen die Preise. In einigen Regionen kostet Diesel inzwischen deutlich mehr als 2,30 Euro je Liter. Auch SP95-E10 erreicht außergewöhnlich hohe Werte. Autofahrer vergleichen deshalb genauer, suchen günstigere Tankstellen und verschieben nicht zwingend notwendige Fahrten. In Grenzregionen lohnt für manche sogar der Weg nach Spanien, sofern Preisunterschied und Entfernung zusammenpassen.

    Für viele Haushalte geht es längst nicht mehr um ein paar Euro.

    Wer in Paris, Lyon oder Marseille lebt, findet zumindest häufig Busse, Bahnen, Metro oder Straßenbahnen als Alternative. Im ländlichen Frankreich sieht die Welt anders aus. Dort führt am eigenen Wagen oftmals kein Weg vorbei. Arbeit, Schule, Arzt, Supermarkt – ohne Auto läuft wenig.

    Jeder Preissprung an der Zapfsäule wirkt deshalb wie eine unmittelbare Kürzung des verfügbaren Einkommens. Bei mehreren Tankfüllungen im Monat summieren sich selbst kleinere Preissteigerungen schnell zu einem Betrag, der im Haushaltsbudget spürbar fehlt.

    Und genau dort liegt der wunde Punkt.

    Viele französische Verbraucher sparen bereits bei anderen Ausgaben. Lebensmittel, Energie, Wohnen und Versicherungen belasten die Haushalte, während die Kaufkraft für zahlreiche Familien unter Druck steht. Der teure Tankstopp kommt obendrauf. Irgendwann heißt es dann schlicht: Das reicht jetzt.

    Inzwischen verändert sich sogar das Verhalten der Autofahrer. Der Kraftstoffverbrauch geht zurück. Menschen bündeln Fahrten, verzichten häufiger auf Freizeitwege oder arbeiten von zu Hause, sofern ihr Beruf dies erlaubt.

    Was zunächst wie eine beschleunigte ökologische Verkehrswende aussieht, besitzt allerdings eine weniger erfreuliche Seite. Ein Teil dieses Rückgangs entsteht nicht aus freiwilligem Verzicht, sondern aus finanzieller Notwendigkeit.

    Auch Unternehmen geraten unter Druck. Handwerker, Lieferdienste und Transportunternehmen können ihre Fahrzeuge kaum stehen lassen. Steigt der Dieselpreis, steigen ihre Betriebskosten unmittelbar – und irgendwann landen diese Mehrkosten über höhere Preise beim Kunden.

    Die Ursachen für den Preisschub reichen weit über Frankreich hinaus. Internationale Ölpreise, geopolitische Spannungen, Raffinerie- und Transportkosten bestimmen einen wesentlichen Teil des Endpreises. Hinzu kommen französische Steuern auf Kraftstoffe.

    Politisch ist diese Mischung explosiv.

    Denn Frankreich erinnert sich an 2018. Damals entwickelte sich der Protest gegen höhere Kraftstoffabgaben zum Ausgangspunkt der Gelbwestenbewegung. Aus der Empörung an der Zapfsäule entstand eine landesweite soziale Krise. Bald ging es nicht mehr allein um Diesel und Benzin, sondern um Kaufkraft, Steuern, soziale Ungleichheit und das Gefühl vieler Menschen außerhalb der Metropolen, von der Politik übersehen zu werden.

    Diese Erinnerung verschwindet nicht einfach.

    Für die Regierung bleibt deshalb ein schwieriger Balanceakt. Eine Senkung der Kraftstoffsteuern würde Autofahrer unmittelbar entlasten, zugleich jedoch erhebliche Einnahmeausfälle für den Staat bedeuten. Zeitlich begrenzte Rabatte oder gezielte Hilfen für Vielfahrer lindern den Druck, lösen aber das Grundproblem nicht.

    Denn Millionen Franzosen brauchen ihr Auto.

    Genau deshalb erzählt die aktuelle Debatte über die Spritpreise von weit mehr als Rohöl und Steuern. Sie erzählt vom Alltag einer Bevölkerung, die immer genauer rechnen muss – und vom Gefühl, dass nach Miete, Einkauf, Stromrechnung und Tankfüllung zunehmend weniger übrig bleibt.

    An Frankreichs Zapfsäulen zeigt sich damit ziemlich deutlich, wie es um die Stimmung im Land bestellt ist. Ein paar Cent mehr pro Liter mögen auf dem Papier unscheinbar wirken.

    Für denjenigen, der jeden Morgen 40 Kilometer zur Arbeit fahren muss, sehen sie verdammt anders aus.

    Von C. Hatty

  • Macron ruft zur «totalen Mobilisierung» auf: Frankreich kämpft gegen den neuen Benzinpreisschock

    Macron ruft zur «totalen Mobilisierung» auf: Frankreich kämpft gegen den neuen Benzinpreisschock

    Frankreichs Energiekrise erreicht erneut die Zapfsäulen. Präsident Emmanuel Macron hat die Regierung zu einer «totalen Mobilisierung» aufgefordert, um die Versorgung mit Treibstoffen zu sichern und den weiteren Anstieg der Preise einzudämmen. Rund jede zehnte Tankstelle meldet inzwischen Schwierigkeiten bei mindestens einer Kraftstoffsorte. Von einer landesweiten Versorgungskrise will die Regierung dennoch nichts wissen. Hinter der angespannten Lage steht vielmehr ein internationaler Energieschock, der Frankreichs begrenzten Einfluss auf den Ölpreis ebenso offenlegt wie die fortbestehende Abhängigkeit Europas von fossilen Importen. Benzin und Diesel werden zum politischen Problem Nach der Sitzung des Ministerrats am 16. September formulierte Regierungssprecherin und Energieministerin Maud Bregeon die Vorgaben des Präsidenten ungewöhnlich deutlich. In den kommenden Tagen und Wochen müsse Frankreich seine Versorgung absichern, zusätzliche Mengen auf den internationalen Märkten beschaffen…

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