Kategorie: Kommentar

Kommentare unserer Redaktion zu aktuellen Gegebenheiten und wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen.

  • In Frankreich beginnt der Herbst – der Sommer weiß nur nichts davon

    In Frankreich beginnt der Herbst – der Sommer weiß nur nichts davon

    Kommentar

    Herzlichen Glückwunsch, Frankreich!

    Es ist Herbst.

    Steht jedenfalls im Kalender.

    Die Natur selbst hat diese Information offenbar noch nicht erhalten. Wahrscheinlich liegt das Schreiben irgendwo in Paris auf einem Schreibtisch. Bearbeitungszeit: sechs bis acht Wochen.

    Früher begann jetzt jene Zeit, in der Nebel über den Weinbergen lag, Kastanien auf die Straßen fielen und man abends erstmals wieder eine Jacke brauchte.

    Heute öffnet man Ende September die Tür und denkt: Wer hat den Backofen angelassen?

    Der Sommer macht einfach weiter.

    Noch Anfang September lagen die Temperaturen in Teilen Frankreichs jenseits von 35 Grad. Früher nannte man das Hochsommer. Heute heißt es gern „ungewöhnlich warme Witterungsphase“.

    Ungewöhnlich?

    Wenn etwas regelmäßig passiert, ist es irgendwann nicht mehr ungewöhnlich.

    Der Herbst verschwindet nicht. Er wird langsam eingequetscht zwischen einem Sommer, der seinen Hintern nicht aus dem Liegestuhl bekommt, und einem Winter, der irgendwann überraschend um die Ecke biegt.

    Montag: 31 Grad.

    Dienstag: Gewitter.

    Mittwoch: Überschwemmung.

    Donnerstag: 14 Grad.

    Freitag: wieder 27.

    Und irgendwo steht jemand vor dem Kleiderschrank und schreit: WAS SOLL ICH DENN JETZT ANZIEHEN?

    Das wäre lustig, wenn dahinter nicht ein ernstes Problem stünde.

    Wochenlange Trockenheit lässt Böden austrocknen. Kommt endlich Regen, dann immer wieder mit solcher Wucht, dass Wasser oberflächlich abfließt, Straßen überflutet und Keller volllaufen.

    Frankreich erlebt damit eine klimatische Absurdität: Wassermangel und Überschwemmungen können Teil derselben Saison sein.

    Fantastisch.

    Zu wenig Wasser und zu viel Wasser gleichzeitig.

    Auch die Wälder bekommen ihr neues Rundumprogramm: Hitze, Trockenstress, Schädlinge und eine verlängerte Brandsaison.

    Natürlich verlängern wir ausgerechnet DIESE Saison!

    Badesaison verlängern? Wunderbar.

    Terrassensaison verlängern? Herrlich.

    Waldbrandsaison verlängern?

    JA, HER DAMIT!

    Für Frankreichs Landwirtschaft hört der Spaß endgültig auf. Weinlesen verschieben sich nach vorn, Hitze und Trockenheit beeinflussen Reben, Erträge und Qualität. Auch Obst-, Gemüse- und Getreideanbau geraten unter Druck.

    Eine Rebe ist schließlich kein Getränkeautomat.

    Man wirft oben Sonne hinein und unten kommt Bordeaux heraus.

    Landwirtschaft lebt von Rhythmen – von Niederschlag, Temperaturen, Böden und Jahreszeiten. Verschieben sich diese Bedingungen, verändern sich Kosten, Erträge und langfristig ganze Anbaugebiete.

    Und dann wäre da noch das Wasser.

    Dieses vollkommen überschätzte Zeug, das Pflanzen und Menschen aus unerfindlichen Gründen ständig verlangen.

    Wer darf wie viel entnehmen? Wer muss sparen? Was bekommt die Landwirtschaft, was die Industrie, was bleibt für Flüsse und Ökosysteme?

    Das sind längst keine Fragen für irgendein fernes Jahr 2100.

    Sie liegen auf dem Tisch.

    Jetzt.

    Auch die Städte spüren den verlängerten Sommer. Asphalt und Beton speichern Wärme, Nächte kühlen schlechter aus. Was beim abendlichen Restaurantbesuch mediterran wirken mag, bedeutet für ältere und gesundheitlich belastete Menschen zusätzlichen Stress.

    Und erinnern wir uns an 2003?

    Damals galt Frankreichs große Hitzewelle als historischer Schock.

    Ein Weckruf.

    Der Wecker klingelt inzwischen seit über zwanzig Jahren.

    IRGENDJEMAND SOLLTE LANGSAM MAL AUFSTEHEN!

    Denn Klimawandel bedeutet nicht, dass Frankreich nächsten Donnerstag plötzlich zur Sahara wird.

    Er verschiebt Grenzen.

    Die Hitze beginnt früher.

    Sie bleibt länger.

    Trockenperioden dauern an.

    Starkregen fällt heftiger.

    Ernten verschieben sich.

    Wälder geraten unter Stress.

    Und jedes einzelne Ereignis lässt sich wunderbar kleinreden.

    „So einen heißen September gab es früher auch.“

    Natürlich.

    Es gab auch früher Dürren, Überschwemmungen und Waldbrände.

    Entscheidend sind Häufigkeit, Dauer und Intensität.

    Doch langfristige Trends sind unbequem. Ein heißer Nachmittag passt hervorragend auf ein Urlaubsfoto.

    Drei Jahrzehnte Klimadaten eher weniger.

    Also stellen wir einen Kürbis vor die Haustür und verkünden:

    Der Herbst ist da!

    Während draußen jemand bei 30 Grad die Markise herunterlässt.

    Der Kalender sagt Herbst.

    Das Thermometer sagt Sommer.

    Der Boden sagt Wassermangel.

    Der Wald sagt Stress.

    Der Bauer sagt Kosten.

    Und wir sagen:

    „Herrlich warm heute.“

    Na dann.

    Schönen Herbst, Frankreich.

    Und Sonnencreme nicht vergessen.

    Christine Macha

  • 27 Millionen für vier Tage Papst – Halleluja, was könnte man mit Geld sonst schon anfangen?

    27 Millionen für vier Tage Papst – Halleluja, was könnte man mit Geld sonst schon anfangen?

    Kommentar

    Hallo? Darf man mal eine ganz ketzerische Frage stellen?

    27 MILLIONEN EURO?

    Für vier Tage Papstbesuch?

    Natürlich muss man sofort dazusagen, bevor irgendwo Weihrauch aus dem Bildschirm quillt: Nein, der französische Staat überweist nicht einfach 27 Millionen Euro aus der Staatskasse an den Vatikan. Das Geld ist das veranschlagte Organisationsbudget der katholischen Kirche in Frankreich und soll vor allem über Spenden und Mäzene finanziert werden. Der Staat übernimmt dagegen Aufgaben wie Sicherheit und öffentliche Ordnung.

    Also alles gut?

    Na dann können wir ja nach Hause gehen.

    Oder vielleicht doch nicht.

    Denn 27 Millionen Euro bleiben 27 Millionen Euro. Und während man diese Summe für Bühnen, Absperrungen, Übertragungen, Pilgerlogistik, Kommunikation und eine viertägige Reise mobilisiert, darf man zumindest fragen:

    Was könnte man mit 27 Millionen Euro eigentlich sonst machen?

    Ich weiß, völlig verrückter Gedanke.

    Zum Beispiel Menschen helfen.

    Aber gut, das ist natürlich organisatorisch komplizierter.

    Willkommen beim katholischen Großevent

    Papst Leo XIV. kommt vom 25. bis 28. September nach Frankreich. Paris, Lourdes, Metz. Élysée-Palast, UNESCO, Notre-Dame, Stade de France, Place de la Concorde, Lourdes, Papamobil, Gottesdienste, Großveranstaltungen.

    Rund eine Million Teilnehmer werden nach Angaben der Organisatoren erwartet.

    Eine Million!

    Da braucht man natürlich Infrastruktur.

    Sicherheit.

    Sanitäter.

    Verkehrslenkung.

    Absperrgitter.

    Polizei.

    Gendarmerie.

    Und vermutlich mindestens einen Menschen, dessen einzige Aufgabe darin besteht, herauszufinden, wo man in Paris noch ein Absperrgitter hinstellen kann.

    Der französische Staat bezahlt zwar nicht die religiösen Veranstaltungen selbst. Aber sobald Hunderttausende Menschen zusammenkommen, beginnt selbstverständlich die öffentliche Rechnung: Polizei, Rettungsdienste, Verkehrsmanagement und andere hoheitliche Aufgaben.

    Wie hoch diese Rechnung am Ende genau sein wird?

    Das ist derzeit die eigentlich interessante Zahl.

    Denn bei der berühmten französischen laïcité funktioniert die Trennung von Kirche und Staat offenbar ungefähr so:

    Die Kirche bezahlt die Messe. Der Staat sorgt dafür, dass alle heil wieder nach Hause kommen.

    Juristisch nachvollziehbar.

    Finanziell trotzdem nicht kostenlos.

    Aber es sind doch Spenden!

    Natürlich.

    Und jeder darf sein Geld ausgeben, wofür er möchte.

    Wer 50 Euro für den Papstbesuch spenden möchte: bitte.

    Wer 500 Euro spendet: ebenfalls.

    Wer 50 000 Euro spendet: Der Herr sei mit Ihrer Steuerberatung.

    Nur darf man trotzdem über Prioritäten reden.

    Denn 27 Millionen Euro sind eine bemerkenswerte Summe für eine Institution, deren Kernbotschaft seit ungefähr zweitausend Jahren auch darin besteht, sich um Arme, Kranke und Ausgegrenzte zu kümmern.

    Und jetzt kommt die unangenehme Rechenaufgabe.

    Für 27 Millionen Euro könnte man sehr viele Mahlzeiten finanzieren.

    Sehr viele Schlafplätze.

    Sehr viel Sozialarbeit.

    Sehr viele Hilfsprojekte.

    Sehr viele Beratungsstellen.

    Oder man finanziert vier Tage Großveranstaltung.

    Das ist keine mathematische Antwort auf die Frage, was moralisch „richtiger“ wäre. Aber es ist eine Frage, die sich gerade eine Kirche gefallen lassen muss:

    Wie viel Inszenierung braucht eine Botschaft, die ursprünglich mit Sandalen verbreitet wurde?

    Und dann kommt der Staat

    Besonders hübsch wird es bei der Sicherheit.

    Natürlich muss Frankreich den Papst schützen.

    Was soll die Regierung denn machen?

    „Tut uns leid, Eure Heiligkeit, dieses Jahr ist das Polizeibudget knapp. Vielleicht nehmen Sie die Métro?“

    Selbstverständlich braucht ein Ereignis dieser Größenordnung massive Sicherheitsmaßnahmen.

    Und genau darin steckt das Dilemma.

    Die religiöse Veranstaltung wird privat beziehungsweise kirchlich finanziert – ihre Auswirkungen landen zwangsläufig im öffentlichen Raum.

    Hunderttausende Besucher verschwinden schließlich nicht durch göttliche Intervention aus dem Pariser Straßenverkehr.

    Also zahlt die Allgemeinheit dort, wo der Staat seine Aufgaben erfüllen muss.

    Das ist rechtlich etwas völlig anderes als eine staatliche Finanzierung der katholischen Kirche.

    Für den Steuerzahler bleibt allerdings eine wesentlich profanere Frage:

    Was kostet es?

    Und darauf wäre nach dem Besuch eine transparente Antwort durchaus angebracht.

    Laïcité mit Blaulicht

    Frankreich nimmt die Trennung von Staat und Religion traditionell besonders ernst. Das Gesetz von 1905 bildet dafür bis heute einen zentralen rechtlichen Rahmen.

    Der Staat finanziert keinen Gottesdienst, nur weil der Papst kommt.

    Aber er gewährleistet Sicherheit, Verkehrsführung und öffentliche Ordnung.

    Das ist kein Widerspruch, sondern eine Konsequenz staatlicher Verantwortung.

    Nur sollte man daraus keine Zaubershow machen, bei der öffentliche Kosten plötzlich verschwinden, nur weil auf der Rechnung nicht „Heilige Messe“ steht.

    Polizisten kosten Geld.

    Rettungsdienste kosten Geld.

    Straßensperren kosten Geld.

    Kommunale Dienstleistungen kosten Geld.

    Und wenn Paris, Lourdes oder Metz zusätzliche Infrastruktur bereitstellen, fällt auch die nicht vom Himmel.

    Nicht einmal in Lourdes.

    Vielleicht liegt genau hier die interessante Frage

    Der Papstbesuch ist zweifellos ein außergewöhnliches Ereignis. Der Vatikan spricht von der ersten offiziellen päpstlichen Frankreichreise seit 18 Jahren. Leo XIV. trifft Präsident Emmanuel Macron, besucht die UNESCO, reist nach Lourdes und nimmt in Metz an einem Treffen über Europa, Frieden und Einheit teil.

    Das hat religiöse Bedeutung.

    Diplomatische Bedeutung.

    Gesellschaftliche Bedeutung.

    Und für viele Gläubige eine enorme persönliche Bedeutung.

    Aber Bedeutung hebt Kosten nicht auf.

    Deshalb sollte die Debatte auch nicht bei der billigen Behauptung stehen bleiben: „Der Staat schenkt dem Papst 27 Millionen.“

    Das stimmt so eben nicht.

    Die interessantere Frage lautet:

    Was kostet dieses Großereignis Kirche, Staat und Kommunen tatsächlich – und welche gesellschaftlichen Prioritäten spiegeln sich darin wider?

    Denn vielleicht ist genau das die säkularste Frage, die man in Frankreich stellen kann:

    Nicht, ob der Papst kommen darf.

    Nicht, ob Menschen ihren Glauben feiern dürfen.

    Sondern schlicht:

    Wer bezahlt was?

    Und danach bitte eine vollständige Rechnung.

    Ohne Weihrauch.

    Christine Macha

  • Das Mittelmeer als Geisel – seid ihr denn noch bei Trost?

    Das Mittelmeer als Geisel – seid ihr denn noch bei Trost?

    KOMMENTAR

    „Wenn wir das Mittelmeer blockieren müssen, dann werden wir das Mittelmeer blockieren.“

    Entschuldigung.

    WAS?!

    Das Mittelmeer?

    Dieses kleine, völlig unbedeutende Planschbecken zwischen Europa, Afrika und Asien? Dieses Gewässer, über das Frachter, Fähren, Kreuzfahrtschiffe, Handel, Lebensmittel, Rohstoffe und Millionen Menschen bewegt werden?

    DAS wollt ihr blockieren?

    Meine Herren, eine Nummer kleiner war gerade ausverkauft, oder was?

    Natürlich haben Frankreichs Fischer Probleme. Ernsthafte Probleme sogar. Der Treibstoff ist teuer, Hilfen wurden nach Angaben der Branche verspätet ausgezahlt, europäische Fangregeln drücken auf die Betriebe, Quoten sorgen für Streit, und manches kleine Fischereiunternehmen fragt sich inzwischen weniger, wie der nächste Fang ausfällt, sondern ob es seinen Betrieb nächstes Jahr überhaupt noch gibt.

    Alles richtig.

    Aber aus „Wir brauchen dringend eine wirtschaftliche Perspektive“ wird plötzlich: Dann legen wir eben das Mittelmeer lahm!

    Ja, seid ihr denn noch bei Trost?

    Vom berechtigten Protest zur maritimen Großmachtfantasie

    Man stelle sich diese Logik einmal in anderen Berufen vor.

    Der Bäcker bekommt seine Energiekosten nicht mehr bezahlt und sagt: „Gut! Dann blockieren wir eben sämtliche Autobahnen zwischen Bordeaux und Berlin!“

    Der Friseur beschwert sich über die Mehrwertsteuer und kündigt an: „Wenn Paris nicht reagiert, wird der Atlantik abgeriegelt!“

    Und der Klempner stellt fest, dass Kupferrohre zu teuer geworden sind und erklärt kurzerhand die Straße von Gibraltar zum Sperrgebiet.

    Irgendwann fehlt nur noch ein Fischer mit Augenklappe, Papagei und Säbel, der vom Bug seines Kutters ruft:

    „Madame la Ministre! Sie haben bis Sonnenuntergang! Danach gehört Korsika uns!“

    Dabei ist das Problem alles andere als komisch.

    Die Proteste haben bereits gezeigt, wie wenig Boote man braucht, um empfindliche Hafeninfrastruktur lahmzulegen. In Nice wurden Schiffe quer vor die Hafeneinfahrt gelegt. In Frontignan blockierten Fischer ein Treibstoffdepot. Auch Sète und Le Grau-du-Roi waren Teil der Mobilisierung. Französische Medien berichteten zudem über Überlegungen, die Aktionen auf Marseille und Toulon auszuweiten.

    Das ist keine folkloristische Hafenromantik mehr.

    Das ist wirtschaftlicher Druck.

    Und zwar mit ziemlich langem Hebel.

    Sète ist kein Dorfteich

    Gerade Sète zeigt, warum die Formulierung vom „Blockieren des Mittelmeers“ so brisant klingt.

    Der Hafen ist eben nicht nur der Ort, an dem morgens ein paar Kisten Doraden über den Kai geschoben werden. Sète vereint Fischerei, Handel, Logistik und Passagierverkehr. Nach Angaben des Hafens hängen mehr als 2.300 direkte Arbeitsplätze an seinen Aktivitäten. Von dort verkehren Fähren unter anderem Richtung Marokko und Algerien; der Hafen bezeichnet sich selbst als Frankreichs wichtigsten Passagierhafen für Verbindungen nach Marokko.

    Mit anderen Worten:

    Wer einen solchen Hafen blockiert, blockiert nicht „die Politik“.

    Er blockiert zunächst Lastwagenfahrer.

    Hafenarbeiter.

    Passagiere.

    Spediteure.

    Unternehmen.

    Menschen, die mit der französischen Fischereipolitik ungefähr so viel zu tun haben wie eine Seegurke mit dem Finanzministerium.

    Und genau an diesem Punkt wird aus Protest eine bemerkenswert französische Spezialdisziplin: Wir haben ein Problem mit dem Staat – also sorgen wir dafür, dass es vorsichtshalber erst einmal alle anderen auch haben.

    Paris antwortet – natürlich mit einem Gespräch

    Nun wäre Frankreich nicht Frankreich, wenn auf einen drohenden Aufstand nicht zunächst ein sechsstündiges Treffen folgen würde.

    Sechs Stunden!

    Das ist keine Besprechung mehr. Das ist ein Jean-Luc-Godard-Film mit Mineralwasser.

    Am 17. September empfing Meeres- und Fischereiministerin Catherine Chabaud Vertreter der Mittelmeerfischer. Anschließend kündigte sie an, die Treibstoffhilfen stärker an die Entwicklung der Kraftstoffpreise anzupassen. Die Regierung stellte außerdem weitere Unterstützungsmaßnahmen in Aussicht. Die Fischer hoben Blockaden in Nice und Frontignan zunächst auf. Gleichzeitig blieben Streitpunkte offen – darunter ausstehende Hilfen, der europäische WestMed-Plan und Fragen rund um Fangquoten.

    Also klassische französische Konfliktlösung:

    Die einen sagen: „Wir blockieren alles!“

    Die anderen sagen: „Wir bilden einen Arbeitszusammenhang.“

    Die einen bringen Boote.

    Die anderen bringen PowerPoint.

    Und irgendwo dazwischen liegt dann vermutlich die Zukunft der Mittelmeerfischerei.

    Die Fischer haben ein echtes Problem

    Bei aller Satire darf man einen Punkt nicht unter den Tisch fallen lassen: Die Wut kommt nicht aus dem Nichts.

    Fischer berichten, dass drastisch gestiegene Treibstoffkosten manche Ausfahrt wirtschaftlich fragwürdig machen. Hinzu kommen europäische Vorgaben, Fangbeschränkungen, schwankende Erlöse und die Unsicherheit darüber, unter welchen Bedingungen bestimmte Fischereien in einigen Jahren überhaupt noch betrieben werden können.

    Ein Fischer beschrieb die Lage gegenüber Sud Radio als „accumulation de problèmes“ – als Anhäufung von Problemen. Genannt wurden Treibstoffpreise, EU-Vorgaben und sinkende Fischpreise.

    Das sollte niemand lächerlich machen.

    Ein Beruf, dessen Kosten explodieren, dessen Ressource naturgemäß begrenzt ist und dessen regulatorische Rahmenbedingungen sich verschärfen, steht tatsächlich unter enormem Druck.

    Aber gerade deshalb müsste die Debatte eigentlich ernsthafter werden.

    Wie kann traditionelle Fischerei wirtschaftlich überleben?

    Wie lassen sich Fischbestände schützen, ohne ganze Küstenregionen ökonomisch auszutrocknen?

    Wer trägt das Risiko extremer Energiepreise?

    Welche Hilfen sind Übergangslösung – und welche konservieren lediglich Strukturen, die langfristig nicht mehr funktionieren?

    Das wären Fragen.

    Komplizierte Fragen sogar.

    Leider passen komplizierte Fragen schlecht auf ein Transparent.

    „WIR BLOCKIEREN DAS MITTELMEER!“ dagegen: ausgezeichnet lesbar.

    Und jetzt kommt die Ministerin persönlich

    Catherine Chabaud ist am heutigen 21. September erneut in der Region angekündigt. In Sète und Le Grau-du-Roi soll sie mit Vertretern der Branche sprechen. Die Fischer erwarten weiterhin konkrete Antworten zur Zukunft ihrer Tätigkeit.

    Und hoffentlich besteht „konkret“ diesmal nicht aus der politischen Maßeinheit:

    „Wir haben Ihre Sorgen gehört.“

    Dieser Satz ist nämlich das Verwaltungsfranzösisch für:

    Wir haben verstanden, dass Sie sauer sind. Bitte zünden Sie bis zur nächsten Gesprächsrunde nichts an.

    Aber umgekehrt gilt genauso:

    Wer ernst genommen werden möchte, sollte vielleicht nicht jedes wirtschaftspolitische Problem sofort in ein nautisches Geiseldrama verwandeln.

    Denn das Mittelmeer gehört weder der Regierung in Paris noch den Fischern von Sète.

    Es ist kein Verhandlungspfand.

    Kein Parkstreifen vor dem Élysée-Palast.

    Und schon gar kein gigantischer Kreisverkehr, den man einfach mit drei Kuttern sperrt, bis die Ministerin den Dieselpreis senkt.

    Die Fischer haben Anspruch darauf, dass ihre wirtschaftlichen Sorgen ernst genommen werden. Die Regierung hat die Aufgabe, darauf nachvollziehbare Antworten zu geben. Und der Rest der Gesellschaft darf durchaus erwarten, dass ein Konflikt zwischen einer Branche und dem Staat nicht automatisch auf dem Rücken sämtlicher Unbeteiligter ausgetragen wird.

    Denn wenn künftig jede Berufsgruppe ihre berechtigten Probleme nach dem Prinzip löst: „Gebt uns, was wir wollen, sonst legen wir kritische Infrastruktur lahm“, dann braucht Frankreich bald kein Wirtschaftsministerium mehr.

    Dann reicht ein Verkehrswarndienst.

    Und wenn wirklich jemand ernsthaft auf die Idee kommt, „das Mittelmeer zu blockieren“, hätte ich nur noch eine organisatorische Frage:

    WO GENAU STELLT MAN DA EIGENTLICH DAS WARNDREIECK AUF?!

    Von Andreas M. Brucker

  • Frankreich, wo bleibt eigentlich dein großes Stromwunder?

    Frankreich, wo bleibt eigentlich dein großes Stromwunder?

    Kommentar

    Frankreich liebt seine Atomkraft. Sie gehört zur nationalen Erzählung wie der Eiffelturm, der TGV und die Überzeugung, dass man gewisse Dinge eben besser macht als die Nachbarn. Jahrzehntelang lautete das Versprechen: billiger Strom, sichere Versorgung, weniger Abhängigkeit vom Ausland. Eine formidable Idee. Nur stellt sich inzwischen eine ziemlich unangenehme Frage: Wo bleibt eigentlich die Dividende dieses gewaltigen Kraftwerksparks?

    An Strom mangelt es nämlich nicht.

    Frankreich erzeugte 2025 mehr als 95 Prozent seiner Elektrizität CO₂-arm, der Löwenanteil stammte aus Kernkraft. Das Land exportierte Strom in Rekordmengen. Elektronen? Reichlich vorhanden. Saubere noch dazu.

    Und nun kommt der französische Treppenwitz: Während das Land Strom exportiert, fährt ein gewaltiger Teil seines Verkehrs weiterhin mit importiertem Erdöl.

    Voilà.

    Noch 2024 stammten fast 90 Prozent der im französischen Verkehrssektor verbrauchten Energie aus Erdölprodukten. Elektroautos legen zwar kräftig zu; 2025 war ungefähr jeder fünfte neu verkaufte Pkw rein elektrisch. Doch im gesamten Fahrzeugbestand bleibt die Elektromobilität eine Minderheit. Selbst der französische Netzbetreiber RTE stellt nüchtern fest, dass die Elektrifizierung nicht schnell genug vorankommt.

    Man besitzt also eines der größten CO₂-armen Stromsysteme Europas – und verbrennt weiter Benzin und Diesel, als läge hinter jeder Tankstelle ein kleines gallisches Naturgesetz.

    Das muss man erst einmal schaffen.

    Noch merkwürdiger wirkt die Sache bei der viel beschworenen Energieunabhängigkeit. Frankreichs Atomreaktoren machen das Stromsystem tatsächlich erheblich weniger abhängig von Gas als das vieler Nachbarn. Das ist ein handfester Vorteil. Nur besteht eine Volkswirtschaft leider nicht ausschließlich aus Steckdosen.

    Verkehr, Industrie und Wärme verschlingen weiterhin fossile Energien. Gasimporte bleiben bedeutend, Öl sowieso. 2025 zahlte Frankreich trotz gesunkener Importpreise noch immer eine Energieimportrechnung von 45,8 Milliarden Euro.

    Und dann genügt eine geopolitische Krise irgendwo zwischen Pipeline, Tankerroute und LNG-Terminal – schon hustet Europa, die Preise springen und Paris blickt nervös auf die Märkte.

    Da steht er also, der französische Atomriese: mächtig, produktiv, vergleichsweise CO₂-arm – und daneben eine Wirtschaft, die noch immer viel zu oft am fossilen Tropf hängt.

    Das Problem Frankreichs lautet deshalb nicht: Wo bleibt der Atomstrom?

    Er ist längst da.

    Die spannendere Frage lautet: Warum nutzt Frankreich diesen Strom nicht entschlossener dort, wo heute noch Öl und Gas verbrannt werden?

    Denn Energieunabhängigkeit entsteht nicht dadurch, dass man stolz auf seine Kraftwerke zeigt. Sie entsteht erst dann, wenn ihre Elektrizität tatsächlich Benzin, Diesel und Gas verdrängt.

    Bis dahin bleibt Frankreichs Energiewende ein bisschen wie ein Ferrari, der vor der Haustür glänzt, während man zum Bäcker mit dem alten Diesel fährt.

    Très chic. Aber eben auch ziemlich absurd.

    Andreas M. Brucker

  • Liebe Céline, Frankreich hat dich nicht vergessen

    Liebe Céline, Frankreich hat dich nicht vergessen

    Kommentar

    Vielleicht müsste man diesen Kommentar eigentlich mit zwei ganz einfachen Worten beginnen: Danke, Céline.

    Danke für all diese Lieder. Für diese Stimme, natürlich. Aber vor allem für die Erinnerungen, die inzwischen daran hängen.

    Denn Céline Dion gehört in Frankreich längst nicht mehr nur ins Radio, auf eine Konzertbühne oder in irgendeine Bestenliste erfolgreicher Sängerinnen. Sie gehört zu den Menschen. Zu ihrem Leben. Zu Hochzeiten und Trennungen, zu Autofahrten in den Urlaub, zu durchgetanzten Nächten und stillen Abenden, an denen plötzlich ein altes Lied läuft und man für einen Moment wieder zwanzig ist.

    Und dann stand diese Frau am 12. September 2026 tatsächlich wieder in Paris auf der Bühne.

    Nach all den Jahren. Nach der Krankheit. Nach der Ungewissheit.

    35.000 Menschen sehen sie.

    Und sie stehen auf.

    Minutenlang.

    Man möchte sich diesen Augenblick gar nicht als gewöhnlichen Konzertbeginn vorstellen. Eher wie die Rückkehr einer alten Freundin, von der man lange nicht wusste, ob man sie jemals wieder so erleben dürfte. Da steht Céline – und vor ihr stehen Menschen, die mit ihr älter geworden sind.

    Meine Güte, wie viel Leben passt eigentlich in einen Applaus?

    Vielleicht vierzig Jahre.

    Frankreich war schließlich schon da, als der Rest der Welt noch gar nicht wusste, wer dieses Mädchen aus Québec einmal sein würde. Die Franzosen hörten ihr zu, bevor „Titanic“, Las Vegas und der gigantische Weltruhm kamen. Später schenkte Jean-Jacques Goldman ihr jene französischen Lieder, die heute kaum noch jemand einfach nur „Hits“ nennen möchte.

    Sie sind Erinnerungen geworden.

    „Pour que tu m’aimes encore“ gehört nicht mehr allein Céline Dion. Das Lied gehört längst auch den Menschen, die dazu geliebt, gehofft, geweint und vielleicht jemanden zurückgewollt haben, der nicht zurückkam.

    Genau deshalb berührt diese Beziehung zwischen Frankreich und Céline so sehr.

    Denn Frankreich liebte nicht nur die strahlende Diva.

    Es blieb auch, als es still um sie wurde.

    Als ihre Erkrankung bekannt wurde, trat plötzlich etwas sonst so Wichtiges in den Hintergrund: die nächste Platte, die nächste Tournee, der nächste große Auftritt. Viele Menschen wollten irgendwann nur noch eines wissen: Geht es Céline gut?

    Das sagt vielleicht mehr über diese Beziehung als jede Verkaufszahl.

    Und dann kam jener Abend im Juli 2024.

    Paris. Olympische Spiele. Der Eiffelturm.

    Dort stand sie.

    Céline Dion sang „Hymne à l’amour“, dieses unsterbliche Lied von Édith Piaf. Und plötzlich schien die ganze Geschichte dieser Frau in wenigen Minuten zusammenzufließen: ihre Liebe, ihr Verlust, ihre Krankheit, ihre Kraft, Frankreich und diese Stimme, die sich nicht einfach verabschieden wollte.

    Wer damals ein bisschen feuchte Augen bekam, musste sich wirklich nicht schämen.

    Und nun also wieder Paris.

    Wieder Céline.

    Wieder diese Lieder.

    Vielleicht liegt gerade darin etwas wunderbar Menschliches. Wir verbringen unser Leben damit, nach vorne zu schauen. Immer weiter, immer schneller, immer etwas Neues. Doch manchmal kommt jemand zurück, singt ein Lied von früher – und wir merken plötzlich, wie kostbar das Alte geworden ist.

    Céline Dion erinnert Frankreich daran.

    Sie ist Kanadierin. Sie stammt aus Québec. Sie wurde ein Weltstar.

    Und trotzdem darf Frankreich wohl mit einem kleinen Lächeln behaupten: Ein bisschen gehört sie auch zu uns.

    Nicht durch einen Pass.

    Nicht durch einen Geburtsort.

    Sondern durch etwas, das viel schwerer zu erklären ist.

    Durch gemeinsame Jahre.

    Durch Lieder.

    Durch Erinnerungen.

    Durch Zuneigung.

    Und vielleicht standen deshalb diese 35.000 Menschen in Paris nicht nur für eine Sängerin auf.

    Vielleicht standen sie auch für all die Jahre auf, die sie miteinander verbracht hatten.

    Liebe Céline, Frankreich hat dich nicht vergessen.

    Es hat auf dich gewartet.

    Von C. Hatty

  • Frankreich entdeckt seine Rentner als Haushaltsposten

    Frankreich entdeckt seine Rentner als Haushaltsposten

    Kommentar Es gibt in der französischen Haushaltspolitik offenbar noch unerschlossene Rohstoffvorkommen. Man muss nur gründlich genug suchen. Unter jedem Kopfkissen könnte schließlich noch ein Sparbuch liegen, in irgendeiner Küchenschublade eine Lebensversicherung und auf irgendeinem Konto die Rente eines Menschen, der den bemerkenswerten Fehler begangen hat, jahrzehntelang zu arbeiten und anschließend nicht rechtzeitig zu verarmen. Nun also die Rentner. Bei der Vorbereitung des französischen Haushalts für 2027 wird darüber diskutiert, auch Pensionäre stärker an der Sanierung der Staatsfinanzen zu beteiligen. Wirtschaftsminister Roland Lescure spricht von einem Konsolidierungsbedarf von ungefähr 30 Milliarden Euro. Ministerpräsident Sébastien Lecornu hat eine Debatte darüber eröffnet, welchen Beitrag Rentner leisten könnten. Dabei geht es unter anderem um eine geringere Anpassung bestimmter Pensionen an die Inflation und um den steuerlichen Abschlag von 10 Prozent auf Renteneinkünfte. B…

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  • Frankreich entdeckt wieder die gelbe Warnweste

    Frankreich entdeckt wieder die gelbe Warnweste

    Kommentar Es gibt Kleidungsstücke, die altern schlecht. Und es gibt die gelbe Warnweste. Sie liegt jahrelang im Kofferraum, zwischen Wagenheber und Verbandskasten, und wartet geduldig darauf, wieder französische Innenpolitik zu machen. Nun könnte es am 17. Oktober so weit sein. Der Sprit wird unbezahlbar, die Kaufkraft schmilzt – und plötzlich erinnert sich Frankreich daran, dass man soziale Probleme auch auf Kreisverkehren diskutieren kann. Die Politik reagiert darauf mit jener bemerkenswerten Mischung aus Verständnis und Panik, die man in Paris offenbar „Dialog“ nennt. Die Regierung beobachtet die Lage selbstverständlich „aufmerksam“. Das ist beruhigend. Wenn Bürger ihre Tankrechnung kaum noch bezahlen können, hilft es ungemein zu wissen, dass irgendwo in einem Ministerium jemand sehr aufmerksam schaut. Der Rassemblement national wiederum entdeckt erwartungsgemäss das leidende Volk. Marine Le Pen versteht dessen Zorn ganz ausgezeichnet – solange niemand auf die absurde Idee kommt, si…

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  • Frankreich spart sich kaputt – und wundert sich über die Wut der Menschen

    Frankreich spart sich kaputt – und wundert sich über die Wut der Menschen

    Kommentar

    Frankreich hat ein neues Wachstumsmodell entdeckt: sparen, bis die Wirtschaft wächst. Dummerweise hält sich die Wirtschaft nicht an den Plan.

    Die Regierung hat ihre Wachstumsprognose für 2026 von 0,7 auf 0,5 Prozent gesenkt. Das Defizitziel von 5 Prozent des BIP wird trotzdem verfehlt. Und der Schuldendienst steigt auf rund 65 Milliarden Euro.

    65 Milliarden – nicht für Schulen, Krankenhäuser, Straßen oder Forschung. Sondern dafür, dass Frankreich seine alten Schulden finanzieren kann.

    Das nennt man in Paris vermutlich finanzpolitische Handlungsfähigkeit.

    Der Bürger als Sanierungsfall

    Während der Staat seine Zinsen bezahlt, darf der Bürger ebenfalls seinen Beitrag leisten.

    Benzin? Teuer.
    Heizen? Teuer.
    Wohnen? Teuer.
    Einkaufen? Teuer.

    Die Kaufkraft steht unter Druck, Gewerkschaften verlangen höhere Löhne und niedrigere Kraftstoffpreise, und im Präsidentschaftswahlkampf 2027 wird bereits sichtbar, welches Thema ganz oben stehen dürfte: Wer soll das eigentlich alles noch bezahlen?

    Die Antwort der Politik kennt Frankreich seit Jahrzehnten.

    Der Steuerzahler.

    Sparen, bis es weh tut

    Natürlich muss Frankreich sein Defizit reduzieren. Ein Land kann nicht dauerhaft weit über seine Verhältnisse leben und anschließend die Finanzmärkte für steigende Zinsen verantwortlich machen.

    Nur besitzt die französische Sparstrategie einen kleinen Schönheitsfehler: Sie trifft auf eine Wirtschaft, die ohnehin kaum wächst.

    Der Mechanismus ist bestechend:

    Der Staat spart.
    Die Nachfrage schwächelt.
    Das Wachstum sinkt.
    Die Einnahmen enttäuschen.
    Das Defizit bleibt zu hoch.

    Also spart der Staat noch mehr.

    Ein Kreislauf von solcher Eleganz müsste eigentlich einen französischen Namen bekommen.

    Die Rechnung kommt 2027

    Politisch wird es noch interessanter.

    Frankreich hat bereits erlebt, was passiert, wenn Regierungen Kaufkraftprobleme für eine lästige Begleiterscheinung ihrer großen Reformpläne halten. Die Gelbwestenbewegung begann 2018 bekanntlich nicht mit einer Debatte über die Maastricht-Kriterien. Sie begann bei den Kraftstoffkosten.

    Heute steigen erneut die Sorgen über Benzinpreise, Wohnen, Heizen und Lebenshaltungskosten.

    Gleichzeitig erklärt Paris seinen Bürgern, dass leider gespart werden müsse.

    Warum?

    Weil die Schulden so teuer geworden sind.

    Warum gibt es so viele Schulden?

    Nun, bitte keine unangenehmen Fragen.

    Frankreich muss seine Staatsfinanzen sanieren. Aber ein Land mit 0,5 Prozent Wachstum, mehr als 5 Prozent Defizit und 65 Milliarden Euro Zinskosten gesundzusparen, während die Bevölkerung real immer weniger Spielraum verspürt, ist politisch ungefähr so erfolgversprechend wie Benzin ins Feuer zu gießen und anschließend über die mangelnde Brandschutzdisziplin der Bevölkerung zu klagen.

    Und wenn die Wut wächst?

    Dann wird Paris sicherlich reagieren.

    Mit einem neuen Sparpaket.

    MAB

  • Gift im Garten, Gewinn in der Bilanz – und zahlen sollen wieder die kleinen Leute

    Gift im Garten, Gewinn in der Bilanz – und zahlen sollen wieder die kleinen Leute

    Kommentar

    Es gibt Geschichten, bei denen der Zynismus so vollkommen ist, dass man ihn kaum noch erfinden müsste. Die Geschichte der „Cité des jardins“ im westfranzösischen Tonnay-Charente gehört dazu. Ein Viertel, dessen Name nach Tomatenstauden, spielenden Kindern und Sonntagnachmittagen unter dem Apfelbaum klingt, steht plötzlich für Blei, Cadmium und Arsen.

    Willkommen im Gartenparadies des Industriezeitalters.

    92 Grundstücke wurden untersucht, bei annähernd der Hälfte gilt die Belastung als derart problematisch, dass normale Wohnnutzung und insbesondere der Anbau eigener Lebensmittel nicht miteinander vereinbar erscheinen. Rund 40 Häuser betrifft das.

    Häuser.

    Dieses Wort sollte man einen Moment wirken lassen. Denn Häuser sind für normale Menschen keine Position in einer Excel-Tabelle. Sie sind das Schlafzimmer der Kinder, die Terrasse mit dem alten Tisch, die Küche, die man vor zwölf Jahren renoviert hat. Sie sind Schulden, Ersparnisse, Erinnerungen und Altersvorsorge in einem. Ein Haus ist für viele Familien das Ergebnis eines ganzen Arbeitslebens.

    Und dann kommt irgendwann die Nachricht: Übrigens, essen Sie besser nicht mehr, was in Ihrem Garten wächst.

    Na dann. Schönen Feierabend.

    In unmittelbarer Nähe des Viertels liegt eine Düngemittelfabrik von Timac Agro, einer Tochter der Groupe Roullier. Das Unternehmen erklärt, bei den Umweltuntersuchungen vollständig mit den Behörden kooperiert zu haben. Die rechtliche Verantwortung für die Belastungen ist damit keineswegs abschließend geklärt. Gerade deshalb sollte man sauber unterscheiden zwischen dem, was nachgewiesen wurde, und dem, was noch geklärt werden muss.

    Doch gesellschaftlich stellt sich längst eine größere Frage.

    Wer trägt eigentlich das Risiko industrieller Wertschöpfung?

    Die Antwort fällt in Europa erstaunlich oft ähnlich aus: Solange Maschinen laufen, Arbeitsplätze entstehen, Produkte verkauft und Gewinne erwirtschaftet werden, gehört der Erfolg selbstverständlich denen, die ihn erwirtschaftet und finanziert haben. Tauchen Jahrzehnte später Altlasten auf, beginnt dagegen eine bemerkenswerte philosophische Phase.

    Plötzlich wird Verantwortung zu einem ausgesprochen komplizierten Begriff.

    Dann kommen Gutachten. Zuständigkeiten werden geprüft. Kausalitäten müssen bewiesen, Grenzwerte interpretiert, historische Abläufe rekonstruiert werden. Akten wandern über Schreibtische. Juristen formulieren Sätze, die normale Menschen dreimal lesen müssen, bevor sie verstehen, dass eigentlich niemand gerade versprechen möchte, ihre verseuchte Erde wegzuräumen.

    Das Kapital liebt klare Eigentumsverhältnisse beim Gewinn und komplizierte Zusammenhänge beim Schaden.

    Natürlich ist das polemisch.

    Leider macht es die Sache nicht weniger bitter.

    Denn der Verdacht in Tonnay-Charente existiert offenbar nicht erst seit gestern. Bewohner äußerten bereits seit fast zwei Jahrzehnten Sorgen. Frühere Untersuchungen zeigten erhöhte Metallkonzentrationen. Bei einzelnen Messungen erreichte die Bleibelastung sogar Werte bis zum Zehnfachen der herangezogenen Grenzwerte.

    Seit 2019 forderten staatliche Behörden Timac Agro dazu auf, mögliche gesundheitliche Auswirkungen der industriellen Tätigkeit auf die Umgebung untersuchen zu lassen.

    2019.

    Wer sechs oder sieben Jahre alt war, als diese Untersuchungen eingefordert wurden, nähert sich inzwischen dem Erwachsenenalter.

    Genau hier endet jeder billige Sarkasmus. Denn Blei ist kein abstrakter Posten eines Umweltberichts. Besonders Kinder reagieren empfindlich auf Belastungen. Und hinter jeder nüchternen Formulierung über Expositionswege steht eine Mutter oder ein Vater mit einer Frage, die niemand stellen möchte: Hat mein Kind möglicherweise jahrelang in Erde gespielt, vor der heute gewarnt wird?

    Was antwortet man darauf?

    „Die Zuständigkeiten werden derzeit geprüft“?

    Das dürfte kaum reichen.

    Und als wäre die Sorge um die Gesundheit nicht genug, folgt die zweite Rechnung. Denn plötzlich steht auch der Wert des Hauses infrage. Wer kauft ein Grundstück, auf dem Gemüseanbau zum Risiko geworden ist? Welchen Preis erzielt ein Haus, dessen Garten womöglich saniert werden muss? Wer trägt die Kosten für Bodenaustausch, Untersuchungen und mögliche Wertverluste?

    Für vermögende Investoren mag eine Immobilie eine Anlageklasse sein. Für die kleine Familie ist sie oft das Lebenswerk.

    Mehr gibt es nicht.

    Kein diversifiziertes Portfolio, keine Beteiligungsgesellschaft, kein hübscher Notgroschen irgendwo auf den Cayman Islands. Da stehen ein Haus, ein Garten und vielleicht noch 17 Jahre Kreditvertrag. Fertig.

    Deshalb trifft Umweltverschmutzung kleine Eigentümer mit einer Brutalität, die in ökonomischen Debatten gern hinter Fachbegriffen verschwindet. Wird ihr Grundstück entwertet, schrumpft nicht irgendein Investment. Ein Stück ihrer Lebensleistung löst sich auf.

    Besonders grotesk wirkt dabei die Symbolik dieses Ortes. „Cité des jardins“ – Gartenstadt.

    Ausgerechnet.

    Der Garten war einmal das Versprechen von Selbstversorgung, Gesundheit und Bodenständigkeit. Ein paar Kartoffeln, Bohnen, Erdbeeren für die Enkel. Man wusste, wo das Essen herkam: nämlich drei Meter hinter der Küchentür.

    Nun lautet die Botschaft sinngemäß: Lieber Finger weg.

    Das besitzt eine fast schon boshafte Ironie. Jahrzehntelang galt der eigene Garten als Gegenentwurf zur anonymen industriellen Lebensmittelproduktion – und nun steht ausgerechnet die industrielle Vergangenheit möglicherweise mit im Beet.

    Tonnay-Charente erzählt deshalb mehr als eine lokale Umweltgeschichte. Der Fall zeigt das Grundproblem eines Wirtschaftsmodells, das Folgekosten gern erst dann entdeckt, wenn sie bei jemand anderem vor der Haustür liegen.

    Gewinne gehen an Eigentümer.

    Schäden verbleiben bei der Gesellschaft.

    Genau gegen dieses Prinzip richtet sich die Wut.

    Nicht gegen Industrie an sich, nicht gegen Arbeitsplätze und auch nicht gegen Unternehmen, die produzieren und Geld verdienen. Eine moderne Gesellschaft braucht all das. Aber wer wirtschaftliche Freiheit beansprucht, darf Verantwortung nicht wie Sondermüll behandeln: möglichst weit weg und bitte auf Kosten anderer.

    Wo konkrete Verursachung nachgewiesen wird, muss deshalb auch konkrete Haftung folgen. Nicht symbolisch. Nicht irgendwann. Sondern so, dass Familien weder ihre Gesundheit noch ihre Altersvorsorge dafür opfern, dass industrielle Hinterlassenschaften jahrzehntelang im Boden schlummerten.

    Die Bewohner der Cité des jardins brauchen keine wohltemperierten Worte über „komplexe Sachverhalte“. Sie brauchen Klarheit darüber, was mit ihrer Gesundheit, ihren Grundstücken und ihren Häusern geschieht. Sie brauchen sichere Böden. Und sollte eine Sanierung notwendig sein, brauchen sie eine Finanzierung, die nicht ausgerechnet diejenigen belastet, die das Gift garantiert nicht bestellt haben.

    Denn eines wäre an Zynismus kaum zu überbieten: Wenn am Ende Menschen ihre Tomaten wegwerfen, um ihre Gesundheit fürchten und den Wert ihres Hauses schwinden sehen – während die Rechnung für die Sanierung ebenfalls bei ihnen landet.

    Dann wäre aus dem Verursacherprinzip endgültig ein Verarschungsprinzip geworden.

    Und ja, das Wort ist derb.

    Die Situation ist es auch.

    Die entscheidende Frage von Tonnay-Charente lautet deshalb nicht nur, wie viel Blei, Cadmium oder Arsen in welchem Garten steckt. Sie lautet, welchen Wert Verantwortung in einer Gesellschaft besitzt, sobald sie Geld kostet.

    Erst die Antwort darauf entscheidet, ob aus den giftigen Gärten irgendwann wieder Gärten werden – oder ob sie ein Denkmal dafür bleiben, wie bequem sich Gewinne privatisieren und Schäden sozialisieren lassen.

    Daniel Ivers

  • Sorgt endlich für Alternativen: Unsere Geldbeutel fahren längst elektrisch

    Sorgt endlich für Alternativen: Unsere Geldbeutel fahren längst elektrisch

    Es gibt Dinge, auf die man sich in Europa offenbar verlassen darf: auf Steuerbescheide, schlechtes Wetter im falschen Moment und darauf, dass irgendeine Krise irgendwo auf der Welt irgendwann direkt an der Zapfsäule nebenan landet.

    In Frankreich zeigt sich dieses alte Spiel gerade wieder in seiner besonders kostspieligen Variante. Die Kraftstoffpreise sind kräftig gestiegen. In manchen Tankstellen kostet der Liter SP95 inzwischen mehr als zwei Euro, auch Diesel verteuert sich deutlich (in Deutschland ist dieser Punkt schon längst erreicht!). Wer 50 Liter in seinen Tank laufen lässt, darf gegenüber dem Preisniveau vor Beginn des Konflikts schnell rund 15 Euro zusätzlich auf den Tresen legen.

    Herzlichen Glückwunsch.

    Nicht einmal ein besseres Auto bekommt man dafür. Nicht mehr Reichweite. Keine bequemeren Sitze. Nicht einmal einen besonders hübschen Duftbaum.

    Man bezahlt schlicht mehr dafür, exakt dasselbe zu tun wie vorher.

    Natürlich existieren handfeste Gründe für diese Entwicklung. Der Rohölpreis steigt, weil die internationalen Märkte mögliche Lieferausfälle fürchten. Besonders nervös blickt die Welt auf die Straße von Hormus. Durch diese schmale Meerenge fließt ein erheblicher Teil des international gehandelten Erdöls. Sobald dort militärische Spannungen wachsen, beginnen Händler, Unternehmen und Regierungen zu rechnen – und Autofahrer dürfen später mitrechnen.

    An der Tankstelle.

    Genau darin steckt das eigentlich Absurde unserer jahrzehntelangen Verkehrspolitik. Wir diskutieren leidenschaftlich über Tempolimits, Verbrennerverbote, Ladekabel, Reichweitenangst und darüber, ob ein Elektroauto bei minus zwölf Grad noch bis Tante Erna kommt. Gleichzeitig akzeptieren wir beinahe achselzuckend ein Verkehrssystem, dessen wichtigste Energiequelle von politischen Entwicklungen Tausende Kilometer entfernt abhängt.

    Ein paar Drohungen rund um eine Meerenge, ein Krieg, eine Förderkürzung oder eine internationale Krise – und plötzlich schaut halb Europa morgens auf die Preistafel der Tankstelle wie früher der Bauer auf den Wetterhahn.

    Vielleicht wäre jetzt ein geradezu revolutionärer Gedanke angebracht: Alternativen.

    Und zwar echte.

    Elektromobilität gehört dazu. Nicht als Religion. Nicht als moralische Erziehungsmaßnahme. Nicht als rollender Heiligenschein für Menschen mit Photovoltaikanlage, Wärmepumpe und drei Komposttonnen.

    Sondern aus einem ziemlich banalen Grund: Sie erweitert unsere energetischen Möglichkeiten.

    Ein Elektroauto braucht kein Benzin aus Rohöl, das gefördert, über internationale Handelswege transportiert, raffiniert und anschließend durchs Land gefahren wird. Strom stammt dagegen aus unterschiedlichen Quellen – aus Wind, Sonne, Wasser, Kernenergie und anderen Bestandteilen des jeweiligen Strommixes.

    Natürlich macht das Autofahren nicht kostenlos. Strom, Netze und Ladeinfrastruktur kosten Geld. Auch Elektroautos benötigen Rohstoffe und Energie. Wer behauptet, mit dem Ladestecker beginne das finanzielle Schlaraffenland, verkauft Märchen.

    Doch beim Laden existieren verschiedene Wege: zu Hause, am Arbeitsplatz, am Supermarkt oder an öffentlichen Säulen. Wer eine Photovoltaikanlage besitzt, erzeugt einen Teil seiner Energie sogar auf dem eigenen Dach.

    Versuchen Sie das einmal mit Superbenzin.

    Ein kleines Bohrloch hinter der Garage dürfte zumindest bei den Nachbarn Fragen aufwerfen.

    Gerade deshalb wirkt ein Teil der öffentlichen Debatte inzwischen reichlich grotesk. Auf der einen Seite stehen jene, die das Elektroauto zum technischen Messias erklären. Auf der anderen Seite sitzen jene, die noch beim hundertsten Stammtisch erzählen, ein E-Auto tauge grundsätzlich nichts, weil der Cousin eines Bekannten 2021 einmal an einer kaputten Ladesäule gestanden habe.

    Leute, ernsthaft?

    Elektromobilität löst weder Staus noch Parkplatznot und verwandelt Mobilität nicht über Nacht in ein ökologisches Paradies. Sie bietet aber eine zusätzliche Möglichkeit, den Straßenverkehr weniger empfindlich gegenüber internationalen Ölpreisschocks zu machen. Das allein wäre Grund genug, sie nicht länger als ideologisches Spielzeug zu behandeln.

    Die aktuelle Entwicklung in Frankreich liefert dafür Anschauungsunterricht mit Preisschild.

    Steigende Kraftstoffkosten verändern bereits das Verhalten. Menschen fahren weniger, verzichten auf nicht notwendige Wege, bilden Fahrgemeinschaften oder steigen – sofern vorhanden – auf öffentliche Verkehrsmittel um. Das klingt in politischen Sonntagsreden wunderbar nach Verkehrswende.

    Für viele Betroffene fühlt es sich allerdings weniger nach Verkehrswende als nach leerem Portemonnaie an.

    Denn wer auf dem Land lebt, früh zur Arbeit fährt oder Kinder transportieren muss, verzichtet nicht mal eben fröhlich auf sein Auto. Der Krankenpfleger im Schichtdienst braucht keine politische Predigt darüber, dass Benzin eben teuer sei. Die Verkäuferin mit 30 Kilometern Arbeitsweg benötigt eine bezahlbare Alternative.

    Genau dort beginnt vernünftige Politik.

    Elektroautos müssen erschwinglicher werden, Laden muss unkompliziert und transparent funktionieren, Mietshäuser brauchen praktikable Lösungen, ländliche Regionen eine verlässliche Infrastruktur. Gleichzeitig gehören Bahn und öffentlicher Nahverkehr ausgebaut. Technologieoffenheit sollte schließlich nicht bedeuten, am Status quo festzuhalten und jede Alternative so lange kleinzureden, bis die nächste Ölkrise vor der Tür steht.

    Bleiben die Spannungen im Nahen Osten bestehen oder verschärfen sie sich rund um die Straße von Hormus, dürfte der Druck auf die Ölpreise anhalten. Eine diplomatische Entspannung könnte die Lage dagegen wieder beruhigen und Preise sinken lassen.

    Und dann?

    Dann atmen wir erleichtert auf, tanken wieder etwas billiger und vergessen vermutlich innerhalb weniger Monate, wie abhängig unser Verkehrssystem noch immer vom Öl ist.

    Bis zur nächsten Krise.

    Vielleicht sollten wir dieses Mal etwas Schlaueres tun.

    Nicht den Verbrenner verteufeln. Nicht Autofahrer beschimpfen. Nicht Elektromobilität schönreden.

    Sondern dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen tatsächlich wählen können.

    Denn Klimaschutz ist ein starkes Argument für den Umbau unseres Verkehrs. Doch spätestens wenn der Literpreis die Zwei-Euro-Marke überschreitet, entdeckt selbst der überzeugteste Pragmatiker noch ein zweites Argument.

    Den eigenen Geldbeutel.

    Und der hält bekanntlich erstaunlich wenig von Ideologie.

    Andreas M. Brucker