Kategorie: Kommentar

Kommentare unserer Redaktion zu aktuellen Gegebenheiten und wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen.

  • Vergesst für einen Moment The Cure: Die Zukunft von Rock en Seine spielt am Nachmittag

    Vergesst für einen Moment The Cure: Die Zukunft von Rock en Seine spielt am Nachmittag

    Kommentar

    Natürlich. The Cure. Nick Cave & The Bad Seeds. Deftones. Lorde. Tyler, The Creator. Namen, die auf einem Festivalplakat schon aus hundert Metern Entfernung funktionieren. Namen, bei denen niemand erklären muss, warum sich Zehntausende Menschen vor einer Bühne versammeln.

    Aber mal ehrlich: Wer Rock en Seine 2026 ausschließlich wegen der großen Namen besucht, verpasst womöglich das Beste.

    Denn Festivals leben nicht nur von jenen Augenblicken, in denen eine gigantische Menschenmenge einen Refrain mitsingt, den ohnehin jeder kennt. Ihre eigentliche Magie entsteht häufig ein paar Stunden früher. Nachmittags. Auf einer kleineren Bühne. Mit einem Getränk in der Hand, noch etwas müden Beinen und diesem herrlichen Gefühl, eigentlich gar nicht genau zu wissen, was einen erwartet.

    Und dann steht da plötzlich jemand auf der Bühne – und haut einen um.

    Genau deshalb sollte man bei Rock en Seine in diesem Jahr fünf Namen im Kopf behalten: Changeline, Gabriel Kröger, Ditter, Florence Road und Love Spells.

    Vielleicht klingt diese Auswahl heute noch nach einem Geheimtipp unter Freunden. In zwei oder drei Jahren könnte das ganz anders aussehen.

    Changeline etwa besitzt jene Qualität, die sich kaum künstlich herstellen lässt: Wiedererkennbarkeit. Zwischen alternativer Popmusik, atmosphärischem Rock und intimen Songs entsteht eine Klangwelt, die nicht verzweifelt um Aufmerksamkeit bettelt. Ihre Musik schleicht sich eher heran. Eine Melodie bleibt hängen, eine Textzeile setzt sich fest, eine Stimmung begleitet einen plötzlich auf dem Weg zur nächsten Bühne.

    Das ist viel wert in einer Musikwelt, die ihre Künstler oft dazu zwingt, innerhalb weniger Sekunden zu funktionieren.

    Changeline setzt dagegen auf Emotion statt Zirkusnummer. Gerade auf der Club Avant Seine könnte daraus einer dieser Auftritte entstehen, über die Menschen später sagen: „Verdammt, warum war es vor der Bühne nicht voller?“

    Noch leiser, aber keineswegs weniger spannend nähert sich Gabriel Kröger seinem Publikum.

    Ihn schlicht als Folk-Singer-Songwriter abzulegen, wäre ungefähr so treffend, wie Nick Cave als „Mann am Klavier“ zu beschreiben. Kröger verbindet modernen Folk mit orchestraler Popmusik und elektronischen Elementen. Seine Stücke wollen nicht unbedingt nach zehn Sekunden explodieren. Sie bauen Räume.

    Und genau solche Musik braucht ein Festival.

    Zwischen Gitarrensoli, Bässen, Menschenmassen und der permanenten Jagd nach dem nächsten Höhepunkt tut ein Künstler gut, der nicht brüllt: „Schaut mich an!“ Sondern eher sagt: „Hört einmal hin.“

    Wer Bon Iver liebt, dürfte verstehen, was damit gemeint ist. Große Emotion benötigt nicht zwangsläufig große Lautstärke.

    Und dann kommt Ditter.

    Bumm.

    Falls diese fünf Empfehlungen ein musikalisches Streichholz benötigen, dann dürfte Ditter es anzünden. Der Sound ist nervös, kantig, unmittelbar und stellenweise herrlich unbequem. Post-Punk trifft auf modernen Independent-Rock, Gitarren schneiden durch die Luft, der Rhythmus treibt nach vorne – und trotzdem bleibt im Gesang eine Verletzlichkeit, die verhindert, dass das Ganze zur bloßen Machtdemonstration gerät.

    Genau dort liegt der Reiz.

    Rockmusik wirkt schließlich am stärksten, wenn sie nicht nach einem Geschäftsmodell klingt. Wenn etwas wackelt. Wenn etwas passieren könnte. Wenn Musiker auf der Bühne aussehen, als hätten sie selbst noch nicht entschieden, ob der nächste Song das Publikum umarmt oder gegen die Wand drückt.

    Ditter am Sonntagabend auf der Roc-On Volkswagen-Bühne? Unbedingt vormerken.

    Dann wäre da Florence Road aus Irland – eine Band, bei der man schon heute das leise Gefühl bekommt, dass die derzeitige Position auf dem Festivalplakat möglicherweise nur eine Momentaufnahme darstellt.

    Die Mischung besitzt enorme Zugkraft: zeitgenössische Pop-Sensibilität, Indie-Gitarren, starke Gesangsharmonien und Songs, die zwischen Licht und Melancholie wechseln. Vor allem klingt Florence Road nicht wie das Ergebnis einer Sitzung, in der fünf Marketingmenschen beschlossen, was beim Streamingalgorithmus gut funktionieren müsste.

    Da steckt Persönlichkeit drin.

    Und Persönlichkeit ist in der Popmusik immer noch die härteste Währung.

    Vielleicht steht Florence Road in einigen Jahren auf einer wesentlich größeren Bühne. Wer die Band 2026 bei Rock en Seine erlebt, darf dann selbstverständlich die schönste aller Festivalgeschichten erzählen: „Ich hab die schon gesehen, bevor alle anderen sie kannten.“

    Ja, ein bisschen Angeberei gehört dazu.

    Love Spells wiederum schlägt einen vollkommen anderen Weg ein. Dream Pop, Shoegaze, verhallte Gitarren, beinahe geflüsterte Stimmen – Musik wie Licht, das durch einen Vorhang fällt.

    Während andere junge Acts versuchen, noch lauter, schneller und unmittelbarer zu klingen, vertraut Love Spells auf Atmosphäre. Die Intensität wächst langsam. Gefühle bleiben unscharf, statt mit dem Textmarker unterstrichen zu werden. Wer Slowdive oder Beach House schätzt, dürfte hier ziemlich schnell hängen bleiben.

    Und vielleicht liegt genau darin die große Stärke von Rock en Seine 2026.

    Die fünf Acts ähneln einander kaum.

    Gut so!

    Ein Festival, das Zukunft ernst nimmt, darf schließlich nicht fünf Variationen desselben erfolgreichen Sounds präsentieren. Es muss Widersprüche zulassen. Intimität neben Lärm. Folk neben Post-Punk. Dream Pop neben Indie-Rock. Künstler, die noch suchen, experimentieren, riskieren.

    The Cure, Nick Cave, Lorde oder Deftones liefern jene großen Momente, wegen derer Menschen Tickets kaufen. Daran gibt es nichts kleinzureden. Doch Changeline, Gabriel Kröger, Ditter, Florence Road und Love Spells liefern etwas anderes: die Möglichkeit einer Entdeckung.

    Und eine echte Entdeckung lässt sich nicht planen.

    Man stolpert hinein.

    Man wollte eigentlich nur kurz Schatten suchen, Freunde treffen oder auf dem Weg zur nächsten großen Bühne zehn Minuten zuhören. Dann bleibt man zwanzig Minuten. Dann bis zum Ende. Später sucht man den Künstler auf dem Smartphone.

    Und Monate danach läuft genau dieser Song noch immer.

    Das ist Festivalmagie.

    Deshalb mein Plädoyer für Rock en Seine 2026: Verlasst die ausgetretenen Wege. Geht nachmittags los. Bleibt vor einer Bühne stehen, obwohl euch der Name nichts sagt. Gebt Musik eine Chance, bevor ein Algorithmus, ein Hype oder ein Millionenpublikum euch erklärt, dass sie gut ist.

    Denn die Headliner liefern die Erinnerungsfotos.

    Die unbekannte Band auf der kleinen Bühne liefert manchmal die Erinnerung fürs Leben.

    Von C. Hatty

  • Frankreichs ewige Rechnung: Der Staat bestellt – und der Bürger darf zahlen

    Frankreichs ewige Rechnung: Der Staat bestellt – und der Bürger darf zahlen

    Kommentar

    Es gehört zu den bemerkenswertesten Ritualen der französischen Politik: Der Staat gibt über Jahre mehr Geld aus, als er einnimmt. Die Schulden wachsen. Die Defizite bleiben. Regierungen wechseln, Finanzminister kommen und gehen, Sparprogramme werden angekündigt, vertagt, umbenannt und anschließend erneut angekündigt. Und wenn irgendwann selbst im Finanzministerium in Bercy auffällt, dass zwischen Einnahmen und Ausgaben ein kleines Loch von einigen Dutzend Milliarden Euro klafft, beginnt die große Suche nach dem Verantwortlichen.

    Zum Glück ist er schnell gefunden.

    Der Rentner.

    Der Patient.

    Der Steuerzahler.

    Das Unternehmen.

    Kurz gesagt: der Bürger.

    Wie praktisch.

    Erst wird ausgegeben, dann wird „Solidarität“ verlangt

    Frankreich gab 2025 nach Angaben des Statistikamtes Insee 57,2 Prozent seiner Wirtschaftsleistung über den Staat und die Sozialversicherungen aus. Gleichzeitig beliefen sich die obligatorischen Abgaben bereits auf 43,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Trotzdem entstand ein Haushaltsdefizit von 152,5 Milliarden Euro oder 5,1 Prozent des BIP. Die Staatsschulden erreichten Ende 2025 rund 3,46 Billionen Euro beziehungsweise 115,7 Prozent des BIP.

    Man muss sich diese Zahlen gelegentlich ohne das beruhigende Vokabular der Finanzbürokratie ansehen.

    Ein Land kassiert bereits enorme Summen. Es verfügt über einen der umfangreichsten Staatsapparate und Sozialstaaten Europas. Und trotzdem reicht das Geld nicht.

    Jahr für Jahr.

    Jahrzehnt für Jahrzehnt.

    Und nun wird wieder erklärt, wer sich beim Budget 2027 womöglich „anstrengen“ müsse.

    Natürlich nicht der abstrakte „Staat“. Der Staat besitzt schließlich kein eigenes Geld. Er verfügt nur über das Geld, das er seinen Bürgern heute abnimmt – und über jenes, das er im Namen ihrer Kinder morgen ausgeben kann.

    Das ist der kleine, unangenehme Satz, der in Haushaltsdebatten erstaunlich selten ausgesprochen wird.

    Herzlichen Glückwunsch, Sie haben vorgesorgt

    Besonders elegant ist die Diskussion über wohlhabendere Rentner.

    Wirtschaftsminister Roland Lescure brachte eine geringere Indexierung höherer Pensionen ins Gespräch. Die Idee: Wer im Alter finanziell besser dasteht, könnte bei der Anpassung seiner Rente an die Inflation weniger bekommen.

    Das besitzt eine gewisse staatspolitische Poesie.

    Ein Bürger arbeitet vierzig Jahre. Er zahlt Steuern und Sozialabgaben. Vielleicht spart er zusätzlich. Vielleicht kauft er eine Wohnung. Vielleicht verzichtet er auf Konsum, weil ihm einmal jemand erklärt hat, private Vorsorge sei verantwortungsvoll.

    Und irgendwann stellt der Staat fest: Donnerwetter, dieser Mensch hat tatsächlich vorgesorgt.

    Das muss korrigiert werden.

    Wer wenig besitzt, soll geschützt werden – selbstverständlich. Wer aber über Jahrzehnte vernünftig gewirtschaftet hat, entdeckt möglicherweise eine neue Definition gesellschaftlicher Solidarität: Du hast mehr, also können wir dir auch leichter etwas wegnehmen.

    Die Botschaft dahinter ist fatal. Nicht weil höhere Einkommen niemals stärker belastet werden dürften. Darüber kann eine Demokratie selbstverständlich entscheiden. Sondern weil sich Leistung, Sparsamkeit und Vorsorge irgendwann wie Eigenschaften anfühlen, für die man sich gegenüber dem Finanzministerium rechtfertigen muss.

    Krank? Auch dafür findet sich eine Rechnung

    Noch schöner wird es bei den Patienten.

    Im Gesundheitsbereich werden für 2027 Einsparungen von mehr als zwei Milliarden Euro diskutiert. Zu den genannten Möglichkeiten gehören höhere Eigenbeteiligungen und geringere Erstattungen bestimmter Medikamente. Premierminister Sébastien Lecornu hatte bereits im Juli entsprechende Überlegungen erkennen lassen.

    Man stelle sich die Szene vor.

    Jahrzehntelang gelingt es der Politik nicht, die öffentlichen Finanzen strukturell zu stabilisieren. Dann sitzt ein 72-Jähriger mit Diabetes, Bluthochdruck und Arthrose beim Arzt – und plötzlich entdeckt die Republik ihr Sparpotential.

    Voilà!

    Das Haushaltsproblem ist gefunden.

    Es sitzt im Wartezimmer.

    Natürlich muss auch ein Gesundheitssystem wirtschaftlich arbeiten. Selbstverständlich sind Fehlanreize, unnötige Behandlungen und übermäßiger Medikamentenkonsum legitime Themen. Ein Sozialstaat, der seine Kosten nicht kontrolliert, gefährdet irgendwann gerade jene Leistungen, die er schützen möchte.

    Doch politisch entsteht ein verheerender Eindruck: Die Rechnung jahrzehntelanger finanzpolitischer Bequemlichkeit wird nicht dort präsentiert, wo die Entscheidungen gefallen sind, sondern dort, wo die Menschen kaum ausweichen können.

    Beim Arzt. Auf dem Rentenbescheid. Auf dem Steuerbescheid.

    Und täglich grüßt die „außergewöhnliche“ Steuer

    Auch Unternehmen dürfen selbstverständlich nicht fehlen.

    Die außergewöhnliche Zusatzabgabe auf Gewinne großer Unternehmen, ursprünglich für ein Jahr eingeführt und bereits 2026 verlängert, könnte nach derzeitigem Diskussionsstand auch 2027 fortgeführt werden. Rund 300 Unternehmen waren betroffen; für 2026 wurden daraus Einnahmen von etwa 7,3 Milliarden Euro erwartet.

    Das französische Wort exceptionnel besitzt in der Finanzpolitik ohnehin einen besonderen Charme.

    Außergewöhnliche Abgaben haben nämlich die faszinierende Eigenschaft, erstaunlich häufig wiederzukehren.

    Denn hat sich ein Staat erst an zusätzliche Milliarden gewöhnt, entwickelt er selten den spontanen Wunsch, künftig ohne sie auszukommen.

    Aus einer Krisensteuer wird eine Übergangslösung. Aus der Übergangslösung wird eine Verlängerung. Und irgendwann fragt niemand mehr, warum die Ausnahme eigentlich noch existiert.

    Unternehmen können Steuern allerdings ebenso wenig aus einem geheimnisvollen Tresor bezahlen wie der Staat seine Ausgaben aus einem Zauberbrunnen finanziert. Unternehmenssteuern treffen am Ende Eigentümer, Beschäftigte oder Kunden – über geringere Renditen, Investitionen, Löhne oder höhere Preise. Wie stark welcher Kanal wirkt, ist ökonomisch umstritten. Dass Belastungen aber nicht im luftleeren Raum verschwinden, sollte selbst in Paris keine revolutionäre Erkenntnis sein.

    3,46 Billionen Euro – und niemand war es

    Das wirklich Beunruhigende ist deshalb nicht irgendeine einzelne Sparmaßnahme.

    Es ist die politische Erzählung dahinter.

    Frankreichs Schuldenberg entstand nicht 2026.

    Auch nicht 2025.

    Er ist das Ergebnis jahrzehntelanger Entscheidungen, bei denen zusätzliche Ausgaben politisch meist angenehmer waren als Kürzungen, Reformen oder Prioritäten. Der Mechanismus funktioniert hervorragend: Die Vorteile neuer Programme sind sofort sichtbar, ihre Finanzierung lässt sich teilweise in die Zukunft verschieben.

    Die Rechnung kommt später.

    2025 erhöhte sich Frankreichs öffentliche Verschuldung allein um rund 154 Milliarden Euro. Gleichzeitig stiegen die öffentlichen Ausgaben trotz nachlassender Inflation nochmals um 2,5 Prozent. Fast 60 Prozent dieses Ausgabenanstiegs entfielen auf Sozialleistungen.

    Das bedeutet keineswegs, dass Sozialausgaben per se Verschwendung wären. Renten, Krankenversicherung, Arbeitslosenunterstützung und Familienleistungen erfüllen zentrale gesellschaftliche Funktionen.

    Aber ein Sozialstaat kann auf Dauer nur verteilen, was eine Volkswirtschaft erwirtschaftet.

    Diese geradezu beleidigend banale Wahrheit scheint im politischen Betrieb regelmäßig Überraschung auszulösen.

    Der Bürger als finanzieller Airbag der Republik

    Also beginnt das bekannte Spiel.

    Der Staat benötigt Geld.

    Der „wohlhabende“ Rentner soll verzichten.

    Der Patient soll mehr selbst bezahlen.

    Der Gutverdiener soll einen „solidarischen Beitrag“ leisten.

    Das Unternehmen bekommt eine „außergewöhnliche“ Steuer.

    Vielleicht wird noch irgendwo eine Steuervergünstigung gestrichen.

    Und jede Maßnahme für sich lässt sich begründen. Genau darin liegt die politische Kunst.

    Fünf Milliarden hier.

    Zwei Milliarden dort.

    Noch einmal 1,7 Milliarden bei Hilfen für besser gestellte Haushalte.

    Niemand nimmt angeblich besonders viel.

    Aber erstaunlicherweise haben am Ende sehr viele Menschen weniger.

    Das ist der Moment, in dem der Steuerzahler eine seiner wichtigsten Funktionen im modernen Staat entdeckt: Er ist der finanzielle Airbag der Politik.

    Wenn etwas schiefgeht, ist er dran.

    Sparen bedeutet in Paris häufig: jemand anderem weniger geben

    Dabei wäre die entscheidende Frage eine andere: Welche Aufgaben soll der Staat überhaupt übernehmen? Welche Programme funktionieren? Welche Subventionen haben ihren Zweck verloren? Wo existieren Doppelstrukturen? Welche Sozialleistungen sind langfristig finanzierbar? Welche Verwaltung kann vereinfacht werden?

    Das wären unangenehme Fragen.

    Denn echte Haushaltskonsolidierung bedeutet Prioritäten.

    Und Prioritäten bedeuten, einer Interessengruppe gelegentlich zu sagen: Nein.

    Es ist politisch wesentlich komfortabler, den Begriff „Sparen“ umzudefinieren.

    Wenn eine Rente weniger stark steigt, spart der Staat.

    Wenn ein Patient mehr bezahlt, spart der Staat.

    Wenn ein Steuerzahler mehr bezahlt, spart der Staat.

    Wenn ein Unternehmen eine Sonderabgabe entrichtet, spart der Staat.

    Ein bemerkenswertes Konzept von Sparsamkeit.

    Wenn eine Familie am Monatsende 500 Euro zu wenig hat und deshalb dem Nachbarn 500 Euro abnimmt, würde vermutlich niemand sagen: Diese Familie hat erfolgreich gespart.

    In der Haushaltspolitik klingt dieselbe Methode wesentlich würdevoller.

    Dort heißt sie Konsolidierung.

    Die eigentliche Gefahr liegt deshalb tiefer als in den einzelnen Maßnahmen für 2027. Ein Staat kann hohe Steuern erheben und einen großzügigen Sozialstaat finanzieren – sofern die Gesellschaft dieses Modell demokratisch will und bereit ist, dafür zu bezahlen. Er kann sich in Krisenzeiten auch verschulden. Problematisch wird es, wenn hohe Abgaben, hohe Ausgaben und dauerhaft hohe Defizite gleichzeitig zur Normalität werden.

    Dann wird Verschuldung zur stillen Steuer auf die Zukunft.

    Und irgendwann endet jede noch so komplizierte Haushaltsrechnung bei einer sehr einfachen Frage: Wer bezahlt?

    Die Antwort ist fast immer dieselbe.

    Nicht „der Staat“.

    Nicht „Bercy“.

    Nicht „Paris“.

    Sondern der Arbeitnehmer, dessen Nettolohn kleiner wird. Der Unternehmer, dessen Investitionsspielraum schrumpft. Der Rentner, dessen Kaufkraft sinkt. Der Patient, der mehr zuzahlen muss. Und die nächste Generation, die einen Schuldenberg übernimmt, bei dessen Entstehung sie nicht einmal gefragt wurde.

    Vielleicht wäre deshalb beim nächsten Sparpaket eine kleine sprachliche Reform angebracht.

    Statt zu verkünden, die Franzosen müssten „einen Beitrag zur Sanierung der Staatsfinanzen leisten“, könnte die Regierung schlicht sagen:

    Wir haben über sehr lange Zeit mehr ausgegeben, als wir eingenommen haben. Jetzt schicken wir Ihnen die Rechnung.

    Das wäre zumindest transparent.

    Und Transparenz kostet ausnahmsweise nichts.

    C. Hatty

  • Kommentar: Mit der Hitze kommt der Wasser-Hammer. Und wieder zahlen die Bürger die teure Zeche

    Kommentar: Mit der Hitze kommt der Wasser-Hammer. Und wieder zahlen die Bürger die teure Zeche

    Der Sommer ist heiß. Das wissen wir. Die Quellen trocknen aus. Auch das ist Realität. Und natürlich muss Wasser gespart werden. Darüber gibt es kaum Streit.

    Doch was macht man in manchen Gemeinden Frankreichs? Man erhöht kurzerhand den Wasserpreis um mehr als das Siebenfache. Nicht etwa für Luxusgüter oder verschwenderischen Überfluss, sondern für das Lebensmittel Nummer eins. Für Wasser. Das, ohne das kein Mensch leben kann.

    Wie beruhigend. Wer es sich leisten kann, darf weiter duschen. Wer jeden Euro zweimal umdrehen muss, überlegt sich künftig vielleicht, ob die Waschmaschine wirklich laufen muss oder ob die Kinder heute tatsächlich noch baden sollten.

    Man muss diese Logik bewundern. Jahrzehntelang wurde über marode Wasserleitungen, fehlende Investitionen und eine unzureichende Vorsorge diskutiert. Vieles blieb liegen. Doch wenn die Krise da ist, funktioniert plötzlich alles erstaunlich schnell – zumindest dann, wenn es darum geht, den Bürgern tiefer in die Tasche zu greifen.

    Die Natur liefert zu wenig Regen? Dann wird eben die Rechnung höher. Welch geniale Idee. Vielleicht sollte man bei Stromausfällen künftig auch einfach den Kilowattpreis verzehnfachen. Oder bei Ärztemangel die Behandlungskosten verdoppeln. Das würde die Nachfrage bestimmt ebenfalls senken.

    Sarkasmus beiseite: Natürlich müssen wir sparsamer mit Wasser umgehen. Niemand braucht einen täglich gefüllten Swimmingpool oder einen sattgrünen Rasen mitten in einer Dürre. Doch zwischen notwendigem Wassersparen und einer finanziellen Bestrafung der gesamten Bevölkerung besteht ein gewaltiger Unterschied.

    Denn Wasser ist kein beliebiges Konsumgut. Es ist ein Grundbedürfnis. Wer den Preis drastisch erhöht, trifft nicht zuerst die Verschwender. Er trifft die Familien. Die Rentner. Die Alleinerziehenden. Menschen, deren Verbrauch sich kaum weiter reduzieren lässt, weil sie ohnehin nur das Nötigste nutzen.

    Die eigentliche Frage lautet deshalb: Warum wird immer erst dann gehandelt, wenn die Katastrophe bereits eingetreten ist? Warum wurde jahrelang zu wenig in Wasserspeicher, Leitungsnetze oder eine widerstandsfähigere Infrastruktur investiert? Warum werden Bürger nun für Versäumnisse zur Kasse gebeten, auf die sie selbst kaum Einfluss hatten?

    Frankreich erlebt einen der trockensten Sommer seiner Geschichte. Das ist eine Herausforderung für Politik und Gesellschaft. Aber Krisenmanagement darf nicht bedeuten, dass finanzielle Belastungen reflexartig auf die Bevölkerung abgewälzt werden.

    Wer Menschen zum Wassersparen motivieren will, braucht Aufklärung, intelligente Tarifsysteme und gezielte Anreize. Wer stattdessen den Preis vervielfacht, sendet eine andere Botschaft: Die Krise bezahlen am Ende wieder diejenigen, die ohnehin kaum Spielraum haben.

    Und genau das macht viele Bürger längst nicht mehr nur wütend – sondern auch fassungslos.

    MAB

  • Kommentar: Prominente Opfer des Klimawandels – jetzt trifft es unsere geliebten Pommes

    Kommentar: Prominente Opfer des Klimawandels – jetzt trifft es unsere geliebten Pommes

    Man hatte uns ja auf vieles vorbereitet. Auf schmelzende Gletscher. Auf Waldbrände. Auf Dürresommer. Auf steigende Meeresspiegel. Alles schlimm, alles dramatisch. Aber niemand – wirklich niemand – hatte den Mut, die Wahrheit auszusprechen: Jetzt sind die Pommes dran.

    Unsere goldenen, knusprigen, treuen Begleiter durch Liebeskummer, Fußballabende und Autobahnraststätten. Die Kartoffel, dieses bescheidene Wunder der Menschheit, kämpft inzwischen selbst ums Überleben. Hitze, Trockenheit, Ernteausfälle – und wir diskutieren immer noch darüber, ob 38 Grad im Schatten „doch ganz angenehm“ seien.

    Vielleicht braucht es tatsächlich erst bedrohte Pommes, damit manche aufwachen. Eisbären? „Ja, traurig.“ Korallenriffe? „Schade.“ Aber wenn die Portion an der Imbissbude plötzlich zwölf Euro kostet und nur noch aus sieben traurigen Kartoffelstäbchen besteht, dann ist das Geschrei groß. Willkommen in der Prioritätenliste des modernen Menschen.

    Natürlich wird es auch dann noch Experten geben. „Früher gab es auch heiße Sommer!“ Klar. Früher gab es auch Telefone mit Wählscheibe. Trotzdem würde heute niemand ernsthaft behaupten, das Smartphone sei bloß eine vorübergehende Modeerscheinung.

    Der Klimawandel fragt übrigens nicht nach politischer Gesinnung. Er interessiert sich weder für Stammtischparolen noch für Kommentarspalten voller Großbuchstaben. Er macht einfach weiter. Trocken. Effizient. Konsequenter als jede Regierung der vergangenen Jahrzehnte.

    Und während wir uns darüber streiten, ob man das Wort Klimakrise überhaupt benutzen darf, verdorrt auf den Feldern genau das, was später als knusprige Glückseligkeit in unserer Pommesschale landen sollte. Ironischer lässt sich menschliche Ignoranz kaum servieren.

    Vielleicht ist genau das die bitterste Pointe dieser Geschichte: Wir verlieren nicht irgendwann irgendetwas in ferner Zukunft. Wir verlieren Stück für Stück die Selbstverständlichkeiten unseres Alltags. Die Dinge, über die wir nie nachgedacht haben, weil sie einfach immer da waren.

    Also ja – die Pommes sind plötzlich prominente Opfer des Klimawandels. Und wenn selbst sie nicht reichen, um manchen die Augen zu öffnen, dann hilft vermutlich nur noch eins: den Grill im Hochsommer anzünden, obwohl längst nichts mehr wächst. Das passt schließlich perfekt zu unserer Lieblingsdisziplin – erst handeln, wenn das Fett bereits brennt.

    Daniel Ivers

  • Kommentar: Wenn Geschichte zum Selfie-Hintergrund verkommt

    Kommentar: Wenn Geschichte zum Selfie-Hintergrund verkommt

    Es gibt Entwicklungen, die sprachlos machen. Nicht, weil sie unbegreiflich wären, sondern weil sie jede vernünftige Erklärung verweigern. Dass ausgerechnet junge Menschen vor einer Hakenkreuzfahne posieren, den Hitlergruß zeigen und dabei grinsen, als hätten sie gerade den originellsten Einfall ihres Lebens gehabt, gehört zweifellos dazu. Ein Museum der Résistance und der Deportation – ein Ort des Gedenkens an Verfolgung, Folter, Mord und den Mut jener, die sich der Barbarei entgegenstellten – wird zur Kulisse für den nächsten peinlichen Schnappschuss.

    Herzlichen Glückwunsch. Die Generation, die angeblich so sensibel für Diskriminierung, Diversität und historische Verantwortung sein will, entdeckt ausgerechnet den Nationalsozialismus als Requisite für billige Aufmerksamkeit.

    Natürlich folgt inzwischen die übliche Verteidigung. Es sei doch „nur ein Scherz“ gewesen. Man habe „provozieren“ wollen. Manche hätten gar nicht gewusst, was der Hitlergruß bedeute. Andere hätten lediglich ein lustiges Foto machen wollen. Wie beruhigend. Offenbar soll Dummheit inzwischen als moralischer Freifahrtschein gelten.

    Doch genau darin liegt das eigentliche Problem. Wer den Hitlergruß für einen Witz hält, beweist nicht Humor, sondern erschreckende historische Ignoranz. Das Symbol steht nicht für irgendeine abstrakte Vergangenheit. Es steht für einen Staat, der den industriellen Massenmord perfektionierte. Für Konzentrationslager. Für Gaskammern. Für Millionen ermordeter Juden, Sinti und Roma, politischer Gegner, Homosexueller, Menschen mit Behinderungen und Kriegsgefangener. Für einen Krieg, der Europa in Schutt und Asche legte und mehr als 60 Millionen Menschen das Leben kostete.

    Und genau vor diesem Symbol stellt man sich grinsend auf, hebt den Arm und drückt auf den Auslöser.

    Sarkastisch betrachtet muss man den Nationalsozialismus wohl einfach falsch verstanden haben. Vielleicht glaubten manche tatsächlich, das Dritte Reich sei eine Art nostalgischer Freizeitpark gewesen – mit schicken Uniformen, coolen Fahnen und einer beeindruckenden Ästhetik für soziale Medien. Dass hinter der perfekt inszenierten Propaganda ein System aus Terror, Denunziation, Folter und Massenmord stand, scheint in manchen Köpfen irgendwo zwischen TikTok-Clips und Influencer-Videos verloren gegangen zu sein.

    Besonders verstörend ist dabei nicht einmal die Provokation selbst. Jugendliche provozieren seit Generationen. Früher färbte man sich die Haare grün, hörte laute Musik oder trug zerrissene Jeans. Heute scheint es manchen originell zu erscheinen, den Gruß einer mörderischen Diktatur nachzuahmen. Der Unterschied ist allerdings gravierend: Zwischen modischer Rebellion und der Verhöhnung von Millionen Ermordeten liegt kein schmaler Grat, sondern ein moralischer Abgrund.

    Nein, nicht jeder, der einen Hitlergruß zeigt, ist überzeugter Neonazi. Das mag stimmen. Aber genau das macht die Entwicklung keineswegs harmloser. Im Gegenteil. Sie zeigt, wie sehr sich die Bedeutung dieser Symbole in den Köpfen mancher entleert hat. Aus einem Zeichen totalitärer Herrschaft wird eine alberne Pose. Aus einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird ein Internet-Gag. Aus Erinnerungskultur wird Content.

    Man fragt sich unweigerlich, was in Schulen, Familien und der digitalen Welt schiefläuft, wenn Jugendliche ausgerechnet im Widerstandsmuseum glauben, sie müssten sich vor einer Hakenkreuzfahne fotografieren. Fehlt es an Bildung? An Empathie? An Aufmerksamkeit? Oder schlicht an der Fähigkeit, zwischen Provokation und Geschmacklosigkeit zu unterscheiden?

    Vielleicht ist es auch die Logik sozialer Netzwerke. Alles muss Aufmerksamkeit erzeugen. Alles muss schockieren. Je absurder, desto besser. Moralische Grenzen werden nicht überschritten, weil man überzeugt ist, sondern weil Empörung Klicks produziert. Das Problem: Geschichte lässt sich nicht algorithmisch relativieren. Der Holocaust verschwindet nicht, weil jemand Likes sammeln möchte. Die Opfer werden nicht weniger tot, weil jemand behauptet, es sei „nicht so gemeint“ gewesen.

    Wer in einem Museum der Résistance den Hitlergruß zeigt, verspottet nicht den Staat, nicht die Museumsleitung und nicht irgendwelche Politiker. Er verspottet Menschen, die verfolgt, deportiert, gefoltert und ermordet wurden. Er verhöhnt jene, die unter Lebensgefahr Widerstand leisteten. Und er demonstriert vor allem eines: erschreckende Gedankenlosigkeit.

    Es bleibt eine Frage, auf die ich vermutlich nie eine befriedigende Antwort finden werde: Wie kann eine Ideologie, die nichts hervorbrachte als Krieg, Terror, Rassenwahn und millionenfachen Mord, auf manche Jugendliche offenbar eine solche Faszination ausüben? Was ist an einer Diktatur bewundernswert, die Freiheit vernichtete, Andersdenkende einsperrte, Minderheiten systematisch auslöschte und Europa in den größten Zivilisationsbruch seiner Geschichte führte?

    Vielleicht lautet die bittere Antwort: Sie bewundern gar nicht die Geschichte. Sie kennen sie schlicht nicht mehr. Und genau das macht diese Entwicklung so gefährlich. Denn Vergessen beginnt selten mit Überzeugung. Es beginnt mit Gleichgültigkeit. Mit einem Grinsen. Mit einem erhobenen Arm. Mit dem Satz: „War doch nur ein Spaß.“

    Geschichte hat schon einmal gezeigt, wohin es führt, wenn Menschen aufhören, Symbole ernst zu nehmen. Sie sollte uns nicht noch einmal dieselbe Lektion erteilen.

    Andreas M. Brucker

    Depuis le début de l’année, treize faits ont été recensés par la municipalité de Besançon, „toujours dans la troisième salle où se situe le drapeau du IIIe Reich“, comme l’explique Christine Werthe, adjointe au maire de Besançon.Depuis le début de l’année, treize faits ont été recensés par la municipalité de Besançon, „toujours dans la troisième salle où se situe le drapeau du IIIe Reich“, comme l’explique Christine Werthe, adjointe au maire de Besançon.

  • Kommentar: Wenn der Wald brennt, darf die Politik keine Taschenlampe reichen

    Kommentar: Wenn der Wald brennt, darf die Politik keine Taschenlampe reichen

    Es gibt Momente, in denen der Staat zeigen muss, dass er mehr ist als eine Verwaltungsmaschine. Dass er Schutz bietet. Dass Solidarität kein Wahlkampfslogan, sondern ein Verfassungsversprechen ist. Die verheerenden Waldbrände in der Gironde sind ein solcher Moment. Tausende Hektar Wald vernichtet. Existenzen verkohlt. Familien, Unternehmen, Gemeinden – sie alle kämpfen gegen die Asche dessen, was gestern noch ihre Zukunft war. Und was tut die Regierung? Drei Monate Erleichterung bei den Sozialabgaben. Ein paar steuerliche Vergünstigungen. Ein Hilfspaket, dessen Millionenbetrag auf Pressekonferenzen imposant klingt, aber in der Realität vieler Betroffener verdampft wie ein Wassertropfen auf glühender Erde. Man möchte fast applaudieren. Nicht aus Begeisterung, sondern aus schierer Fassungslosigkeit. Die Regierung präsentiert ihre Maßnahmen mit jener routinierten Ernsthaftigkeit, mit der Politiker gerne das Außergewöhnliche verwalten. Man spricht von Verantwortung, von Solidarität, von Wi…

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  • Kommentar: Der grüne Triumph – und warum er die Grünen überflüssig macht

    Kommentar: Der grüne Triumph – und warum er die Grünen überflüssig macht

    Es gibt Niederlagen, die wie Siege aussehen. Und Siege, die sich als vernichtende Niederlagen entpuppen. Die Geschichte der politischen Ökologie gehört in die zweite Kategorie.

    Ein halbes Jahrhundert lang warnten die Grünen vor dem Klimawandel, vor Dürre, Artensterben und fossiler Abhängigkeit. Sie wurden belächelt, als Weltuntergangspropheten verspottet oder als Verbotspartei abgestempelt. Heute spricht niemand mehr ernsthaft darüber, ob sich das Klima verändert. Die Debatte dreht sich nur noch um das Wie.

    Ausgerechnet in dem Moment, in dem ihre Themen die politische Mitte erreicht haben, verlieren ihre Parteien an Bedeutung.

    Man muss sich diese Ironie auf der Zunge zergehen lassen: Die Grünen haben den Kampf um die Ideen gewonnen – und drohen genau deshalb den Kampf um die Wähler zu verlieren.

    Alle sind plötzlich grün

    Das ist kein Widerspruch, sondern ein politisches Gesetz. Erfolgreiche Ideen gehören irgendwann niemandem mehr.

    Die Rechte spricht heute über Energiesouveränität, Versorgungssicherheit und Klimaanpassung. Die Mitte investiert Milliarden in die Dekarbonisierung der Industrie. Selbst populistische Parteien entdecken plötzlich regionale Landwirtschaft, kurze Lieferketten und den Schutz heimischer Landschaften.

    Plötzlich sind alle ökologisch.

    Zumindest solange es nichts kostet.

    Denn genau dort endet die große Einigkeit.

    Der Klimawandel trifft auf den Kontoauszug

    CO₂ ist eine abstrakte Größe.

    Die Heizungsrechnung nicht.

    Biodiversität klingt wunderbar.

    Ein Fahrverbot vor der eigenen Haustür schon deutlich weniger.

    Klimaschutz begeistert auf internationalen Gipfeltreffen. Er verliert jedoch erstaunlich schnell an Charme, wenn dafür die alte Heizung ersetzt, das Auto abgeschafft oder das Eigenheim für Zehntausende Euro saniert werden soll.

    Der größte Gegner der politischen Ökologie ist längst nicht mehr der Klimaleugner.

    Es ist der Blick aufs Monatsende.

    Die Gelbwesten in Frankreich waren dafür eine schmerzhafte Lektion. Eine ökologisch gut gemeinte Kraftstoffsteuer genügte, um eine der schwersten sozialen Krisen des Landes auszulösen. Nicht weil die Menschen gegen das Klima waren, sondern weil sie das Gefühl hatten, allein die Rechnung bezahlen zu sollen.

    Das ist bis heute die eigentliche Sollbruchstelle jeder Klimapolitik.

    Moral fährt Fahrrad – Realität oft Diesel

    Besonders schmerzhaft wird diese Erkenntnis dort, wo politische Symbolik auf den Alltag trifft.

    Das Lastenrad ist eine wunderbare Erfindung.

    Vorausgesetzt, man wohnt in der Stadt, der Arbeitsplatz liegt höchstens drei Kilometer entfernt und der Supermarkt gleich um die Ecke.

    Wer dagegen täglich fünfzig Kilometer zur Arbeit pendelt, weil auf dem Land weder U-Bahn noch Straßenbahn verkehren, entwickelt naturgemäß eine etwas nüchternere Sicht auf die Verkehrswende.

    Das Problem ist nicht mangelnder Umweltwille.

    Das Problem heißt Lebenswirklichkeit.

    Viele grüne Konzepte wurden aus einer urbanen Perspektive gedacht. Das macht sie nicht falsch. Es macht sie nur politisch schwieriger.

    Denn Klimapolitik wird schnell als Moral derjenigen empfunden, die sich ihre eigene Tugend leisten können.

    Die grüne Revolution braucht Beton

    Dabei hat sich die ökologische Debatte längst grundlegend verändert.

    Früher ging es vor allem um Verzicht.

    Heute geht es ums Bauen.

    Windparks. Stromnetze. Batteriespeicher. Bahntrassen. Fabriken. Wärmenetze. Kernkraftwerke oder eben nicht. Millionen sanierter Wohnungen.

    Die ökologische Transformation wird nicht mit guten Absichten gelingen, sondern mit Ingenieuren, Industrie und Investitionen in historischem Ausmaß.

    Die grüne Zukunft riecht weniger nach Wald als nach Stahl, Kupfer und Beton.

    Auch das ist eine Ironie der Geschichte.

    Der Abschied von der grünen Monopolstellung

    Die politische Ökologie ist erwachsen geworden. Und genau das ist ihr Problem.

    Denn sobald alle Parteien Klimaschutz versprechen, entscheiden Wähler nicht mehr danach, wer das Thema zuerst erkannt hat. Sie wählen diejenigen, denen sie zutrauen, den Umbau des Landes sozial gerecht, wirtschaftlich vernünftig und technologisch machbar zu organisieren.

    Demokratie verteilt keine Ehrenpreise für frühe Einsichten.

    Sie belohnt Lösungen.

    Vielleicht ist genau das die bitterste Erkenntnis für Europas grüne Parteien: Sie hatten mit vielem recht. So recht sogar, dass ihre Ideen längst Allgemeingut geworden sind.

    Der Klimaschutz gehört heute allen.

    Und genau deshalb gehört er nicht mehr allein den Grünen.

    Andreas M. Brucker

    Canicules, mégafeux, sécheresses… L’urgence climatique n’a jamais été aussi visible. Pourtant, les écologistes qui avaient alerté avant les autres, peinent toujours à s’imposer politiquement.Canicules, mégafeux, sécheresses… L’urgence climatique n’a jamais été aussi visible. Pourtant, les écologistes qui avaient alerté avant les autres, peinent toujours à s’imposer politiquement.

  • Kommentar: Vom Untergang des Tankwarts keine Spur – Plötzlich schafft die Elektromobilität neue Arbeitsplätze

    Kommentar: Vom Untergang des Tankwarts keine Spur – Plötzlich schafft die Elektromobilität neue Arbeitsplätze

    Manchmal schreibt die Wirklichkeit die schönsten Satiren selbst. Jahrelang wurde uns erzählt, die Elektromobilität vernichte Arbeitsplätze, mache ganze Branchen überflüssig und führe direkt in den wirtschaftlichen Abgrund. Und jetzt? Ausgerechnet an den Ladesäulen entstehen neue Berufe – Tätigkeiten, die vor wenigen Monaten kaum jemand auf dem Schirm hatte. Das ist schon fast tragikomisch.

    Da stehen sie nun, die sogenannten Bornisten, helfen verzweifelten Fahrern beim Laden, erklären Apps, lösen technische Probleme und sorgen dafür, dass die Reise weitergeht. Ein neuer Beruf für eine neue Zeit. Dumm nur, dass dieses Bild so gar nicht in das Drehbuch der ewigen Untergangspropheten passt.

    Natürlich wird es Menschen geben, die trotzdem behaupten, das seien „keine richtigen Jobs“. Wahrscheinlich fehlen ihnen der Geruch von Diesel, ölverschmierte Hände und eine Zapfpistole in der Hand. Denn für manche scheint Fortschritt nur dann akzeptabel zu sein, wenn er aussieht wie 1985. Alles andere? Teufelszeug.

    Dabei wiederholt sich lediglich, was die Geschichte seit Jahrhunderten zeigt. Technischer Fortschritt lässt Berufe verschwinden – und schafft gleichzeitig neue. So war es bei der Industrialisierung, beim Computer, beim Internet und jetzt eben bei der Elektromobilität. Wer ernsthaft geglaubt hat, eine neue Technologie käme ganz ohne neue Aufgaben und neue Arbeitsplätze aus, hat entweder die Geschichte ignoriert oder wollte sie nie verstehen.

    Die eigentliche Pointe liegt jedoch woanders: Dieselben Stimmen, die ständig mehr Innovation fordern, empören sich, sobald Innovation tatsächlich vor der eigenen Haustür ankommt. Dann wird plötzlich jeder neue Beruf klein geredet, jede Veränderung zum Weltuntergang erklärt und jede positive Entwicklung reflexartig schlechtgemacht. Sarkasmus könnte diese Widersprüche kaum besser schreiben.

    Die Zukunft hält sich eben nicht an ideologische Wunschzettel. Sie rollt leise heran, steckt den Ladestecker ein und schafft dabei ganz nebenbei Arbeitsplätze, mit denen gestern noch niemand gerechnet hat. Das mag manchen ärgern – ändern wird es den Lauf der Dinge nicht.

    Andreas M. B.

  • Die große Klimawandel-Lüge – Wer erklärt uns jetzt die 40 Grad?

    Die große Klimawandel-Lüge – Wer erklärt uns jetzt die 40 Grad?

    Noch vor wenigen Jahren wurde uns mit geradezu missionarischem Eifer erklärt, der Klimawandel sei eine Erfindung. Ein Schwindel. Eine Verschwörung linker Eliten, grüner Ideologen und angeblich gekaufter Wissenschaftler. Der mächtigste Mann der Welt stellte sich vor Kameras, grinste selbstgefällig und erklärte, die globale Erwärmung sei „Quatsch“. Seine treuesten Anhänger klatschten begeistert Beifall. Und Europas Rechte? Die jubelte mit – wie ein Chor, der jede Zeile nachsingt, ohne den Text zu verstehen.

    Heute brennt fast ganz Frankreich.

    80 Départements unter Hitzewarnung. Temperaturen von 38 bis 40 Grad. Tropennächte, in denen der Körper kaum noch Erholung findet. Die dritte Hitzewelle dieses Sommers. Ausgetrocknete Böden. Waldbrandgefahr. Alte Menschen, die um ihre Gesundheit kämpfen. Beschäftigte auf Baustellen, die in glühender Hitze schuften. Kinder, die kaum noch draußen spielen können.

    Und plötzlich herrscht Schweigen.

    Wo sind sie denn jetzt, die selbst ernannten Wahrheitsverkünder? Wo sind die Politiker und Kommentatoren, die Wissenschaft über Jahre lächerlich gemacht haben? Wo sind die lauten Stimmen, die jede Hitzewelle als „ganz normales Sommerwetter“ verspotteten?

    Man hört erstaunlich wenig.

    Vielleicht, weil sich die Wirklichkeit nicht dauerhaft mit Parolen übertönen lässt.

    Natürlich beweist eine einzelne Hitzewelle allein keinen Klimawandel. Das behauptet auch niemand, der seriös argumentiert. Doch wenn Rekordhitze zur Gewohnheit wird, wenn Extremwetter in immer kürzeren Abständen auftritt und Meteorologen seit Jahren genau diese Entwicklung beschreiben, dann wirkt das hartnäckige Leugnen nicht mehr wie eine andere politische Meinung. Es wirkt wie vorsätzliche Realitätsverweigerung.

    Und genau hier beginnt die Verantwortung.

    Wer Millionen Menschen erzählt hat, Klimaschutz sei unnötig, wer Zweifel an wissenschaftlichen Erkenntnissen systematisch gesät hat und jede Warnung als Panikmache verspottete, trägt eine politische Mitverantwortung für die verlorene Zeit. Denn jedes Jahr, das mit ideologischen Scheingefechten vergeudet wurde, fehlte beim Ausbau erneuerbarer Energien, beim Hitzeschutz der Städte und bei der Vorbereitung auf genau jene Extreme, die heute Realität sind.

    Besonders unerquicklich ist dabei die Dreistigkeit, mit der manche derselben Akteure heute einfach weitermachen, als hätten sie nie etwas anderes behauptet. Keine Entschuldigung. Kein Eingeständnis. Kein Satz wie: „Wir haben uns geirrt.“

    Stattdessen werden neue Ausreden erfunden.

    Mal ist es die Sonne. Mal ein natürlicher Zyklus. Mal sollen plötzlich Windräder schuld sein. Die Argumente wechseln schneller als die Wetterkarten, nur eines bleibt konstant: Schuld sind immer die anderen.

    Das wäre beinahe komisch, wenn die Folgen nicht so bitter wären.

    Denn Hitze ist längst kein abstraktes Diskussionsthema mehr. Sie kostet Menschenleben. Sie belastet Krankenhäuser. Sie vernichtet Ernten. Sie verschärft Wasserknappheit und erhöht das Risiko verheerender Waldbrände. Das alles spielt sich nicht irgendwo am anderen Ende der Welt ab, sondern mitten in Europa.

    Frankreich erlebt gerade einen weiteren Vorgeschmack darauf.

    Wer angesichts solcher Entwicklungen immer noch behauptet, alles sei bloß Hysterie, verwechselt Ideologie mit Wirklichkeit. Die Physik interessiert sich nicht für Parteiprogramme. Thermometer lassen sich nicht einschüchtern. Und die Atmosphäre kennt keine Wahlkampfreden.

    Deshalb drängt sich eine einfache Frage auf.

    Wie erklärt ihr uns das eigentlich?

    Habt ihr euch geirrt?

    Oder habt ihr bewusst gelogen, weil sich mit einfachen Parolen leichter Stimmen gewinnen lassen als mit unbequemen Wahrheiten?

    Die Bürgerinnen und Bürger haben auf diese Fragen längst eine Antwort verdient. Nicht irgendwann. Jetzt.

    Denn Vertrauen in Politik entsteht nicht durch Lautstärke, sondern durch Ehrlichkeit. Wer Fehler eingesteht, zeigt Größe. Wer trotz erdrückender Fakten an widerlegten Behauptungen festhält, offenbart vor allem eines: dass ihm die eigene Erzählung wichtiger ist als die Realität.

    Die Hitze über Frankreich lässt sich nicht wegdiskutieren.

    Sie ist da.

    Und mit ihr die Erinnerung daran, wer uns jahrelang eingeredet hat, das alles sei bloß eine Erfindung.

    Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Wenn das Klima nicht gerettet wird, muss wenigstens der Mensch gerettet werden

    Kommentar: Wenn das Klima nicht gerettet wird, muss wenigstens der Mensch gerettet werden

    Es ist eine bittere Ironie unserer Zeit.

    Seit Jahren streiten Regierungen über Klimaziele, Emissionshandel, Förderprogramme und internationale Gipfel. Es werden Absichtserklärungen unterschrieben, Kompromisse gefeiert und Termine in die Zukunft verschoben. Währenddessen steigt das Thermometer weiter – und der Asphalt in unseren Städten heizt sich auf Temperaturen auf, auf denen man beinahe ein Spiegelei braten könnte.

    Die große Rettung des Weltklimas? Sie lässt auf sich warten.

    Aber die Menschen leben nicht irgendwann. Sie leben heute.

    Und genau deshalb verdient die kleine südfranzösische Stadt Cuers Aufmerksamkeit. Nicht, weil sie den Klimawandel stoppen könnte. Das kann sie nicht. Sondern weil sie etwas viel Bodenständigeres tut: Sie schützt ihre Bürger vor den Folgen der Hitze.

    Helle Straßen statt schwarzer Hitzespeicher. Mehr Bäume statt mehr Beton. Entsiegelte Flächen statt immer neuer Parkplätze. Schulhöfe, auf denen Kinder nicht in einer Backofenlandschaft spielen müssen. Stadtplanung, die Schatten plötzlich genauso wichtig nimmt wie Baugrundstücke.

    Eigentlich klingt das alles erschreckend selbstverständlich.

    Genau deshalb stellt sich eine unbequeme Frage: Warum ist darauf nicht längst jede Kommune gekommen?

    Wie viele Millionen Euro fließen Jahr für Jahr in Prestigeprojekte, Kreisverkehre mit Kunstwerken oder neue Verwaltungsgebäude? Wie oft wird darüber diskutiert, ob eine Straße noch eine Spur mehr für Autos braucht? Und wie selten geht es darum, ob ältere Menschen den Weg zum Supermarkt im Hochsommer überhaupt noch schaffen, ohne gesundheitliche Risiken einzugehen?

    Vielleicht liegt das Problem darin, dass Hitze keine spektakulären Bilder liefert. Ein Hochwasser reißt Häuser mit sich. Ein Sturm knickt Bäume um. Das sieht jeder in den Nachrichten.

    Hitze dagegen tötet leise.

    Sie fordert ihre Opfer hinter heruntergelassenen Rollläden, in stickigen Dachwohnungen und auf versiegelten Plätzen, die tagsüber zur Glutfläche werden. Sie schickt Menschen ins Krankenhaus, verschlechtert chronische Krankheiten und macht den Alltag zur Belastungsprobe. Und trotzdem behandelt die Politik Hitzeschutz vielerorts noch immer wie eine Nebensache.

    Das grenzt inzwischen an Verantwortungslosigkeit.

    Niemand verlangt von einem Bürgermeister, den Planeten zu retten. Niemand erwartet von einer Stadtverwaltung, den weltweiten CO₂-Ausstoß entscheidend zu senken. Aber jede Kommune kann entscheiden, ob sie den nächsten Parkplatz asphaltiert oder einen Baum pflanzt. Ob sie Schulhöfe begrünt oder weiter auf schwarze Teerflächen setzt. Ob sie Schatten schafft oder Ausreden.

    Cuers zeigt, dass es geht.

    Natürlich kostet das Geld. Natürlich entstehen Konflikte. Natürlich lassen sich nicht alle Straßen über Nacht umbauen.

    Aber Nichtstun kostet ebenfalls – und zwar immer mehr.

    Die Rechnung bezahlen Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Familien und letztlich alle Steuerzahler. Vor allem aber bezahlen sie die Menschen, die während jeder Hitzewelle um ihre Gesundheit kämpfen.

    Was besonders ärgerlich macht: Die Lösungen liegen längst auf dem Tisch. Stadtplaner, Klimaforscher und Landschaftsarchitekten sprechen seit Jahren über helle Beläge, entsiegelte Flächen, Bäume und kühlende Grünräume. Das Wissen fehlt also nicht.

    Es fehlt der politische Wille.

    Stattdessen verliert sich die Debatte häufig in ideologischen Grabenkämpfen. Die einen wollen ausschließlich über Klimaschutz reden. Die anderen am liebsten gar nicht mehr. Beide Seiten übersehen dabei eine einfache Wahrheit: Selbst wenn morgen weltweit kein Gramm CO₂ mehr ausgestoßen würde, blieben die Hitzesommer der kommenden Jahre Realität.

    Anpassung ist deshalb keine Kapitulation.

    Anpassung ist Vernunft.

    Wer heute Städte umbaut, schützt keine abstrakten Klimamodelle. Er schützt Kinder auf Schulhöfen, ältere Menschen auf dem Weg zur Apotheke, Beschäftigte auf öffentlichen Plätzen und Familien in dicht bebauten Wohnvierteln.

    Vielleicht braucht es ausgerechnet eine 13.000-Einwohner-Gemeinde im Var, um den großen Städten und der nationalen Politik den Spiegel vorzuhalten.

    Denn manchmal beginnt eine Revolution nicht mit einer milliardenschweren Strategie, sondern mit einer einfachen Erkenntnis: Schwarzer Asphalt wird heiß. Bäume spenden Schatten. Und Menschen brauchen beides – weniger Hitze und mehr gesunden Menschenverstand.

    Wenn schon die große Klimarettung politisch stockt, dann gibt es wenigstens keine Ausrede mehr, die Bevölkerung schutzlos in den nächsten Hitzesommer zu schicken.

    Cuers hat vorgemacht, wie es gehen kann.

    Jetzt müssten andere nur noch den Mut haben, das endlich nachzumachen.

    Andreas M. Brucker