Kommentar
Man muss den französischen Sicherheitsbehörden gratulieren. Endlich ist eines der großen Probleme unserer Zeit gelöst. Nicht Drogenhandel, Einbruchskriminalität oder organisierte Banden haben in Saint-Priest den entscheidenden Schlag erhalten – nein, ein Hochzeitskorso.
Bilanz des glorreichen Feldzuges: 87 Verwarnungen beziehungsweise Anzeigen, 10.945 Euro Bußgelder und sagenhafte 242 Führerscheinpunkte.
Bravo, la police française!
Man fühlt sich ein wenig wie im Wilden Westen. Nur dass der Sheriff diesmal offenbar mit Taschenrechner, Videokamera und einem besonders großen Block für Strafzettel ausgerückt ist.
Damit kein Missverständnis entsteht: Wer Straßen blockiert, auf Busspuren fährt, andere Verkehrsteilnehmer gefährdet oder glaubt, eine Hochzeit verwandle die Straßenverkehrsordnung vorübergehend in eine unverbindliche Empfehlung, muss mit Konsequenzen rechnen. Darüber gibt es wenig zu diskutieren.
Aber 242 Punkte?
Bei rund 50 Fahrzeugen?
Da beginnt selbst der nüchterne Beobachter kurz nachzurechnen.
Natürlich verteilen sich diese Punkte auf zahlreiche Fahrer. Und natürlich können sich bei mehreren Verstößen schnell beträchtliche Summen addieren. Trotzdem erinnert die stolz präsentierte Gesamtbilanz ein wenig an die Ergebnistafel eines besonders erfolgreichen Jagdausflugs: 87 Treffer, 10.945 Euro Beute, 242 Punkte erlegt.
Fehlt eigentlich nur noch ein Gruppenfoto vor dem Rathaus.
Das eigentliche Problem liegt deshalb nicht darin, dass die Polizei eingeschritten ist. Sie musste einschreiten, sofern andere Verkehrsteilnehmer gefährdet wurden. Interessant ist vielmehr die Frage nach der Verhältnismäßigkeit.
Denn wenn nach einem einzigen Hochzeitskorso eine Bilanz entsteht, die sich liest, als habe eine motorisierte Bande versucht, Saint-Priest zu übernehmen, möchte man schon gern wissen, was genau passiert ist.
Und genau das wissen wir bislang nicht.
Die 87 einzelnen Verstöße wurden nicht detailliert veröffentlicht. Damit fehlt ausgerechnet jene Information, die nötig wäre, um beurteilen zu können, ob hier konsequent Recht durchgesetzt oder mit bemerkenswertem Eifer ein Exempel statuiert wurde.
Vielleicht war jede einzelne Sanktion vollkommen gerechtfertigt.
Vielleicht aber wollte man auch demonstrieren: Mit uns nicht.
Das wäre menschlich verständlich, juristisch allerdings eine etwas andere Kategorie. Polizei und Kommunen sollen Regeln durchsetzen. Sie sollen keine pädagogischen Strafexpeditionen veranstalten.
Besonders kurios wirkt deshalb der fast triumphale Umgang mit der Zahl von 242 Punkten. Verkehrssicherheit ist schließlich kein Wettbewerb zwischen Rathaus und Hochzeitsgesellschaft.
Wer gefährlich fährt, gehört bestraft.
Aber auch der Staat sollte gelegentlich daran denken, dass zwischen Konsequenz und Demonstration ein kleiner, aber entscheidender Unterschied liegt.
Sonst bleibt am Ende tatsächlich ein merkwürdiger Eindruck zurück:
Der Wilde Westen beginnt nicht dort, wo Menschen hupend durch Saint-Priest fahren.
Sondern vielleicht dort, wo der Sheriff nachher stolz seine Kerben zählt.
Andreas M. Brucker

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