Wenn Burgunds Reben vom Klimawandel erzählen

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Am frühen Morgen liegt noch ein feiner Schleier über den Weinbergen von Beaune. Zwischen den Rebzeilen glänzt Tau auf den Blättern, irgendwo knattert ein kleiner Traktor über einen Feldweg. Die Sonne steigt langsam über die sanften Hügel Burgunds. Eigentlich eine Szene wie aus einem alten französischen Bilderbuch.

Doch etwas stimmt nicht mehr mit dem Rhythmus dieser Landschaft.

Die Trauben sind früher reif.

Nicht nur ein paar Tage früher und auch nicht erst seit gestern. Eine außergewöhnliche Untersuchung historischer Weinlesedaten zeigt, wie tief sich das Klima in Burgund bereits verändert hat. Forscher rekonstruierten die Termine der Weinlese in Beaune bis zurück ins Jahr 1354. Fast sieben Jahrhunderte liegen damit auf dem Tisch.

Und plötzlich erzählen vergilbte Dokumente eine erstaunlich aktuelle Geschichte.

Ein Kalender aus Trauben

Die Idee dahinter wirkt verblüffend einfach. Trauben reagieren empfindlich auf Wärme. Je wärmer Frühjahr und Sommer ausfallen, desto schneller schreitet ihre Reife voran. Zucker lagert sich ein, die Säure nimmt ab und irgendwann heißt es: Körbe raus, Scheren in die Hand, die Lese beginnt.

Der Zeitpunkt dieser Lese verrät deshalb viel über die Temperaturen eines Jahres.

In Beaune existiert dafür ein historischer Schatz. Über Jahrhunderte bestimmten sogenannte „bans de vendanges“ offiziell den Beginn der Ernte. Kommunale Schreiber, kirchliche Stellen und lokale Verwaltungen hielten Termine fest. Niemand dachte damals an Klimamodelle oder globale Temperaturkurven.

Man wollte schlicht wissen, wann gelesen werden durfte.

Heute ermöglichen genau diese Einträge einen Blick zurück bis ins Mittelalter. Könige kamen und gingen, Frankreich erlebte Kriege, Revolutionen und gesellschaftliche Umbrüche – während in Burgund Jahr für Jahr jemand notierte, wann die Winzer ihre Trauben ernteten.

Fast beiläufig entstand so eines der faszinierendsten Klimaarchive Europas.

Zweieinhalb Wochen, die alles verändern

Die historische Reihe zeigt einen deutlichen Bruch. Seit Mitte der 1980er Jahre beginnt die Weinlese in Beaune im Durchschnitt rund zweieinhalb Wochen früher.

Zweieinhalb Wochen klingen zunächst überschaubar. Im Alltag verschwinden 17 oder 18 Tage schnell zwischen Terminen, Ferien und einem Wochenende, das irgendwie schon wieder vorbei ist. Im Rhythmus einer Pflanze jedoch bedeuten sie enorm viel.

Besonders auffällig: Acht der 15 frühesten Weinlesen seit dem 14. Jahrhundert fallen in die vergangenen 25 Jahre.

Was einst als außergewöhnlich heißes Jahr in die Chroniken einging, gehört heute deutlich häufiger zur Realität.

Wie lange lässt sich da eigentlich noch von einer Ausnahme sprechen?

Der Geschmack verändert sich mit

Für Burgunds Winzer geht es dabei nicht allein um den Erntetermin. Wärme verändert den Wein bereits in der Traube.

Mehr Sonne und höhere Temperaturen treiben den Zuckergehalt nach oben. Während der Gärung entsteht daraus Alkohol. Gleichzeitig sinkt häufig die Säure, die einem Wein Frische, Spannung und Struktur verleiht. Auch Aromen entwickeln sich anders.

Das trifft Burgund an einer besonders empfindlichen Stelle.

Hier besitzt das Wort „Terroir“ beinahe etwas Heiliges. Boden, Hanglage, Mikroklima und Rebsorte verbinden sich zu jenem Charakter, den Weinliebhaber manchmal mit erstaunlich poetischen Worten beschreiben. Da schmeckt jemand Kalk, Kirsche und Waldboden – und der Mensch neben ihm denkt vielleicht nur: „Schmeckt verdammt gut.“

Doch hinter aller Weinpoesie steckt eine ernsthafte Frage.

Was bleibt vom vertrauten Charakter eines berühmten Terroirs, wenn sich einer seiner wichtigsten Bestandteile dauerhaft verändert?

Die Winzer reagieren

In den Weinbergen beginnt deshalb eine stille Anpassung. Winzer verändern den Zeitpunkt des Rebschnitts, testen Unterlagen, die Trockenheit besser vertragen, und denken über andere Rebsorten nach. Auch höher gelegene Flächen gewinnen an Bedeutung.

Der Blick wandert zugleich nach Norden.

Ausgerechnet Regionen wie die Bretagne und die Normandie, lange kaum mit französischem Qualitätswein verbunden, erleben erste neue Pflanzungen. Was früher zu kühl erschien, wirkt plötzlich interessant.

Das besitzt eine gewisse Ironie. Während traditionelle Weinregionen überlegen, wie sie ihre berühmten Gewächse durch heißere Jahrzehnte bringen, entdecken andere Gegenden den Weinbau überhaupt erst für sich.

Frankreichs Weinkarte gerät langsam in Bewegung.

Nicht von heute auf morgen. Nicht mit einem großen Knall. Eher so, wie sich Jahreszeiten verschieben: zunächst kaum merklich, dann plötzlich offensichtlich.

Alte Bücher, moderne Botschaft

Gerade deshalb besitzt die Datenreihe aus Beaune eine solche Kraft. Moderne Wetteraufzeichnungen reichen nur einen vergleichsweise kleinen Teil dieser fast 670 Jahre zurück. Die Weinlesetermine öffnen dagegen ein Fenster in eine Epoche, in der niemand ein Thermometer vor dem Rathaus ablas.

Die Rebe übernahm gewissermaßen die Messung.

Ihre Entwicklung reagierte auf Wärme und Kälte, auf ungewöhnliche Sommer und schwierige Jahre. Menschen notierten anschließend das Ergebnis im Kalender. Jahrhundert für Jahrhundert.

So entsteht ein Vergleich, der weit über unsere persönliche Erinnerung hinausreicht. Ein heißer Sommer mag sich für einen Menschen außergewöhnlich anfühlen. Ein Archiv dagegen kennt Jahrhunderte.

Und dieses Archiv zeigt: Die jüngsten Jahrzehnte unterscheiden sich deutlich von dem, was lange als normale Schwankung galt.

Vielleicht macht gerade das die Geschichte von Beaune so eindrucksvoll. Der Klimawandel erscheint hier nicht als abstrakte Zahl hinter dem Komma. Er hängt an Rebstöcken, steckt in Trauben und verschiebt einen Termin, den Generationen vor uns ebenfalls erwarteten.

Am Abend fällt das Licht wieder schräg über die Weinberge. Die Mauern der alten Weingüter werfen lange Schatten, und in den Kellern reifen Jahrgänge, über die später diskutiert, geschwärmt und vermutlich auch gestritten wird.

Burgund bleibt Burgund.

Doch der Takt seiner Landschaft verändert sich.

Und manchmal braucht es keine komplizierte Grafik, um das zu erkennen. Ein Blick in ein 600 Jahre altes Weinregister reicht beinahe aus.

M. Legrand

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