Schlagwort: nachrichten.fr

  • Wo der Herbst nach Walnüssen duftet

    Wo der Herbst nach Walnüssen duftet

    Es riecht warm, nussig und ein wenig nach geröstetem Brot. In der Mühle knirschen die Steine, irgendwo schlägt Metall gegen Holz, und aus einer Presse läuft langsam ein dünner goldener Strahl in ein Gefäß.

    Walnussöl.

    Wer an diesem Morgen im Périgord die Tür einer alten Ölmühle öffnet, versteht ziemlich schnell, warum man die Walnuss hier einst das „Gold des Périgord“ nannte.

    Sie gehört zu dieser Landschaft wie die hellen Kalksteinhäuser, die Burgen über der Dordogne und die Märkte, auf denen Käse, Brot und Entenpasteten dicht nebeneinanderliegen. Ihre Geschichte reicht erstaunlich weit zurück. Archäologen fanden in der Region Walnussschalen, die rund 17.000 Jahre alt sind.

    Die Menschen hier kannten den Geschmack also lange bevor jemand auf die Idee kam, daraus eine touristische Route zu machen.

    Eine Straße für Genießer

    Heute verbindet die Route de la Noix mehr als vierzig Stationen in der Dordogne, im Lot und in der Corrèze. Sie führt durch Walnusshaine, zu Bauernhöfen und Mühlen, vorbei an Restaurants, kleinen Läden und einigen der schönsten Orte Südwestfrankreichs.

    Sarlat liegt auf dem Weg, ebenso Domme, Martel und das rot leuchtende Collonges la Rouge.

    Doch diese Reise lebt nicht allein von ihren berühmten Dörfern.

    Sie lebt von Begegnungen.

    Im Moulin de Vielcroze bei Castelnaud la Chapelle lässt sich verfolgen, wie Walnusskerne zerkleinert, erwärmt und anschließend gepresst werden. Das klingt zunächst wenig romantisch. Doch sobald der Duft gerösteter Nüsse den Raum erfüllt, sieht die Sache anders aus.

    Dann kommt ein Stück Brot auf den Tisch.

    Ein paar Tropfen frisches Öl darüber.

    Mehr braucht es nicht.

    Kann ein Lebensmittel eine ganze Landschaft erzählen?

    Hier lautet die Antwort ziemlich eindeutig: ja.

    Wenn die Mühlsteine sprechen

    Auch im Moulin de la Veyssière in Neuvic sur l’Isle dreht sich seit Generationen vieles um die Walnuss. Alte Mühlsteine arbeiten dort weiter, während Besucher zuschauen, riechen und probieren.

    Das Öl schmeckt mal mild, mal kräftig geröstet, manchmal beinahe süßlich.

    Und plötzlich merkt man, wie wenig Aufmerksamkeit man einem alltäglichen Produkt normalerweise schenkt.

    Die Walnuss selbst zeigt ebenfalls verschiedene Gesichter. Vier traditionelle Sorten stehen besonders für den Périgord: Franquette, Marbot, Corne und Grandjean.

    Im Écomusée de la Noix bei Castelnaud erzählen Werkzeuge, Pressen und alte Arbeitsgeräte von jener Zeit, als der Walnussanbau für viele Familien über Wohlstand oder karge Jahre entschied.

    Im Mittelalter besaßen die Früchte sogar einen solchen Wert, dass sie gelegentlich als Tauschmittel dienten.

    Das Gold auf dem Fluss

    Über Jahrhunderte transportierten Lastkähne große Mengen Walnüsse auf der Dordogne Richtung Bordeaux. Von dort gelangten sie weiter nach England, Deutschland und in die Niederlande.

    Der Fluss war damals Handelsstraße, Lebensader und manchmal vermutlich auch Nervensäge zugleich — je nachdem, wie freundlich Wetter und Wasserstand gerade mitspielten.

    Heute reist man gemütlicher.

    Und am schönsten vielleicht im Herbst.

    Ab Mitte September beginnt die Ernte. Die Walnusshaine wechseln langsam ihre Farbe, Körbe füllen sich mit frischen Nüssen und in den Mühlen startet die arbeitsreichste Zeit.

    Bäckereien verkaufen kräftiges Walnussbrot. Konditoreien backen Tartes. Restaurants kombinieren geröstete Kerne mit Käse oder Salaten. Dazu kommt der traditionelle Vin de Noix.

    Wer wollte da ernsthaft Kalorien zählen?

    Eine Reise, die Zeit verlangt

    Die Route de la Noix eignet sich nicht für Eilige.

    Ihr Reiz liegt gerade im Anhalten: bei einem Bauernhof, einer alten Mühle, einem Markt oder einem kleinen Laden, dessen Tür man beinahe übersehen hätte.

    Man reist von Dorf zu Dorf, probiert ein Stück Brot, hört Geschichten und schaut einem Handwerk zu, das in dieser Landschaft seit Generationen weiterlebt.

    Und irgendwann versteht man, dass die Walnuss hier weit mehr als eine Zutat ist.

    Sie ist Erinnerung, Arbeit, Handel und Genuss zugleich.

    Vor allem aber schenkt sie dem Périgord etwas, das sich kaum ins Navigationsgerät eingeben lässt: einen eigenen Geschmack.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Mayenne: Frankreichs stille Schatzkammer

    Mayenne: Frankreichs stille Schatzkammer

    Auf den ersten Blick gehört die Mayenne wohl kaum zu jenen französischen Reisezielen, bei denen sofort Urlaubsbilder im Kopf entstehen. Kein Eiffelturm, keine Côte d’Azur, keine weltberühmten Weinberge. Und genau darin liegt ihr Reiz.

    Denn wer sich auf dieses stille Stück der Pays de la Loire einlässt, entdeckt Orte, die lange im Gedächtnis bleiben – manchmal skurril, manchmal berührend und gelegentlich ziemlich überraschend.

    Zwischen Drachen und Giganten

    In Cossé le Vivien wartet einer der ungewöhnlichsten Kunstorte Frankreichs: das Musée Robert Tatin.

    Schon der Weg hinein wirkt wie der Beginn einer fantastischen Geschichte. Neunzehn monumentale Figuren säumen die berühmte Allée des Géants. Manche erinnern an Wächter, andere an Wesen aus einer fremden Mythologie.

    Was hat einen Künstler dazu gebracht, mitten in der Mayenne eine solche Welt zu erschaffen?

    Robert Tatin war Maler, Bildhauer und Keramiker – vor allem aber ein Mann mit grenzenloser Vorstellungskraft. Mehr als zwanzig Jahre verwandelte er sein Anwesen in eine riesige begehbare Kunstlandschaft. Reisen, Religionen, Mythen und Erinnerungen verschmolzen dort zu einer ganz eigenen Sprache.

    Drachen tauchen zwischen Mauern auf, Reliefs erzählen rätselhafte Geschichten, Gärten besitzen symbolische Bedeutungen. Wer hier entlanggeht, besucht keinen klassischen Museumsbau. Man spaziert vielmehr durch den Kopf eines Künstlers.

    Seit 2022 steht Tatins außergewöhnliches Lebenswerk unter Denkmalschutz.

    Art déco unter der Dusche

    Ganz anders, aber nicht weniger überraschend präsentiert sich Laval.

    Zwischen 1925 und 1927 entstanden dort öffentliche Badehäuser, die einst vor allem einem praktischen Zweck dienten: Hygiene für Menschen, deren Wohnungen kein eigenes Badezimmer besaßen.

    Heute zählen die ehemaligen Bains Douches zu den schönsten Art déco Zeugnissen der Stadt.

    Besonders eindrucksvoll sind die Mosaiken von Isidore Odorico. Blaue und goldene Farbtöne, geometrische Muster und elegante Schmiedearbeiten verwandeln die früheren Duschräume in kleine Kunstwerke. Da staunt man nicht schlecht – ausgerechnet dort, wo früher Seife und Handtücher zum Alltag gehörten.

    Nach der Schließung im Jahr 2003 erhielt das Gebäude eine sorgfältige Restaurierung. Heute dienen die Räume Ausstellungen und kulturellen Veranstaltungen.

    Erinnerung, die bleibt

    Auch in der Stadt Mayenne erzählen frühere öffentliche Bäder eine Geschichte. Doch dort ist der Ton ernster.

    Die alten Räume beherbergen heute La Vigie, das Mémorial des Déportés de la Mayenne. Persönliche Gegenstände, Berichte von Überlebenden und ein Namenswall erinnern an Menschen aus dem Département, die während der nationalsozialistischen Besatzung deportiert wurden.

    Die Gestaltung bleibt bewusst zurückhaltend.

    Gerade deshalb trifft der Ort.

    Braucht Erinnerung große Gesten, um Menschen zu berühren? In La Vigie lautet die Antwort ganz eindeutig: nein.

    Römer und Schokolade

    Geschichtlich reicht die Mayenne allerdings noch viel weiter zurück. In Jublains begegnet man der gallorömischen Vergangenheit des Départements.

    Das antike Noviodunum gehörte einst zu den wichtigsten Orten der Diablintes. Heute lassen sich Überreste eines Theaters, von Thermen, eines Tempels und einer gewaltigen Festungsanlage erkunden. Zwischen alten Mauern und grünen Wiesen entsteht jene besondere Atmosphäre, bei der Geschichte plötzlich erstaunlich nah wirkt.

    Und irgendwann verlangt so viel Kultur nach einer süßen Pause.

    Die bietet die Mayenne ebenfalls. Kleine Chocolaterien in Laval und anderen Orten fertigen Pralinen, Ganaches und Tafeln oft noch in handwerklicher Tradition. Keine großen touristischen Inszenierungen, sondern kleine Geschäfte, in denen es nach Kakao riecht und die Auswahl schnell größer ausfällt als geplant.

    Tja, passiert.

    Der Charme des Unscheinbaren

    Vielleicht liegt genau hier das Geheimnis der Mayenne. Sie drängt sich nicht auf.

    Ihre Sehenswürdigkeiten stehen selten auf den berühmten Wunschlisten internationaler Frankreichreisender. Doch wer sich Zeit nimmt, begegnet außergewöhnlicher Kunst, römischer Geschichte, elegantem Art déco, bewegenden Erinnerungsorten und kleinen kulinarischen Entdeckungen.

    Die Mayenne flüstert eher, als dass sie ruft.

    Und vielleicht hört man gerade deshalb besonders gerne hin.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Marseille rückt näher an New York

    Marseille rückt näher an New York

    Ab Juni 2027 schrumpft der Atlantik für Marseille ein gutes Stück. United Airlines verbindet die südfranzösische Metropole täglich direkt mit New York Newark. Für die Provence bedeutet die neue Strecke weit mehr als einen zusätzlichen Eintrag auf dem Abflugplan – sie öffnet eine direkte Tür zu einem der wichtigsten und ausgabefreudigsten Reisemärkte der Welt.

    Am 5. Juni 2027 startet der erste Flug von Marseille Richtung New York. Bereits einen Tag zuvor hebt die erste Maschine in Newark nach Südfrankreich ab. United setzt einen Airbus A321XLR mit 150 Plätzen ein, darunter 20 Polaris Suiten mit vollständig flachstellbaren Sitzen. Für die Strecke nach New York sind rund neun Stunden und 15 Minuten vorgesehen.

    Vorbei also mit dem Umsteigen in Paris, Frankfurt, London oder Amsterdam.

    Was auf der Landkarte zunächst nach einer simplen neuen Fluglinie aussieht, besitzt für Marseille durchaus historischen Charakter. Noch nie zuvor nahm eine amerikanische Fluggesellschaft die Stadt mit einer Nonstopverbindung in ihr Netz auf. Newark spielt dabei eine besondere Rolle: United bietet von seinem dortigen Drehkreuz Anschlüsse zu mehr als 120 Zielen in den USA und auf dem amerikanischen Kontinent.

    Für Reisende aus Südfrankreich rücken damit nicht nur Manhattan und Brooklyn näher. Auch Städte wie Chicago, Los Angeles, Miami oder Denver lassen sich künftig mit nur einem Umstieg erreichen.

    Doch wirtschaftlich könnte die Gegenrichtung noch spannender ausfallen.

    Amerikaner lieben die Provence

    Rund 250.000 Menschen reisen bereits jedes Jahr zwischen Marseille und den Vereinigten Staaten. Fast die Hälfte davon stammt aus den USA. Gleichzeitig steigt das Interesse amerikanischer Gäste an Marseille deutlich.

    Zwischen Januar und Juli 2026 legten ihre Übernachtungen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 18 Prozent zu. Besonders auffällig verlief der Frühsommer: Im Juni lag das Plus bei 45 Prozent, im Juli noch bei 31 Prozent.

    Warum sollte jemand aus New York ausgerechnet nach Marseille fliegen?

    Die Antwort liegt praktisch vor der Haustür des Flughafens: Marseille selbst mit seinem Alten Hafen, den Calanques und seiner lebhaften Gastronomie. Dazu kommen Aix en Provence, Arles, Avignon, die Camargue, der Luberon und weiter östlich die Côte d’Azur. Für viele amerikanische Urlauber klingt das ziemlich genau nach jenem Frankreich, das sie aus Filmen, Büchern und Reiseträumen kennen.

    Und diese Gäste lassen Geld in der Region.

    Amerikaner bilden inzwischen die größte ausländische Hotelkundengruppe in Provence Alpes Côte d’Azur. Rund 6,4 Millionen Übernachtungen pro Jahr gehen auf ihr Konto. Noch interessanter für Hoteliers, Gastronomen und Händler sind ihre Ausgaben: Im Durchschnitt geben US Gäste etwa 134 Euro pro Tag aus. Internationale Besucher insgesamt liegen bei rund 87 Euro, französische Urlauber bei 61 Euro.

    Da klingelt nicht nur an der Hotelrezeption die Kasse.

    Restaurants, Museen, Geschäfte, Autovermieter, Weingüter und Anbieter hochwertiger Freizeitangebote dürften ebenfalls profitieren. Gerade kleinere Orte im Hinterland könnten neue Gäste erreichen, sofern es gelingt, sie geschickt mit Marseille zu verknüpfen.

    Ein neues Tor zum Süden

    Die Verbindung trifft auf eine Region, deren internationaler Tourismus weiter wächst. Ausländische Gäste stellen mittlerweile rund 37 Prozent der Besucher in Provence Alpes Côte d’Azur. Besonders dynamisch entwickeln sich die amerikanischen und asiatischen Märkte.

    Marseille wiederum arbeitet seit Jahren daran, sein altes Image als reine Hafenstadt abzustreifen. Neue Kulturangebote, internationale Veranstaltungen, moderne Stadtviertel und eine immer sichtbarere Gastronomieszene verändern den Blick auf die Metropole.

    Eine tägliche Verbindung mit New York passt perfekt in dieses Bild.

    Bleibt nur die Frage: Wird aus der neuen Flugroute tatsächlich ein dauerhafter wirtschaftlicher Höhenflug?

    Die Voraussetzungen sehen gut aus. Die Nachfrage existiert bereits, amerikanische Besucher kommen zahlreicher denn je und der lästige Zwischenstopp entfällt. Ab Sommer 2027 trennt Manhattan von Marseille im besten Fall nur noch ein Nachtflug – und für die Provence könnte genau diese Verbindung erstaunlich weit reichen.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Gift im Garten, Gewinn in der Bilanz – und zahlen sollen wieder die kleinen Leute

    Gift im Garten, Gewinn in der Bilanz – und zahlen sollen wieder die kleinen Leute

    Kommentar

    Es gibt Geschichten, bei denen der Zynismus so vollkommen ist, dass man ihn kaum noch erfinden müsste. Die Geschichte der „Cité des jardins“ im westfranzösischen Tonnay-Charente gehört dazu. Ein Viertel, dessen Name nach Tomatenstauden, spielenden Kindern und Sonntagnachmittagen unter dem Apfelbaum klingt, steht plötzlich für Blei, Cadmium und Arsen.

    Willkommen im Gartenparadies des Industriezeitalters.

    92 Grundstücke wurden untersucht, bei annähernd der Hälfte gilt die Belastung als derart problematisch, dass normale Wohnnutzung und insbesondere der Anbau eigener Lebensmittel nicht miteinander vereinbar erscheinen. Rund 40 Häuser betrifft das.

    Häuser.

    Dieses Wort sollte man einen Moment wirken lassen. Denn Häuser sind für normale Menschen keine Position in einer Excel-Tabelle. Sie sind das Schlafzimmer der Kinder, die Terrasse mit dem alten Tisch, die Küche, die man vor zwölf Jahren renoviert hat. Sie sind Schulden, Ersparnisse, Erinnerungen und Altersvorsorge in einem. Ein Haus ist für viele Familien das Ergebnis eines ganzen Arbeitslebens.

    Und dann kommt irgendwann die Nachricht: Übrigens, essen Sie besser nicht mehr, was in Ihrem Garten wächst.

    Na dann. Schönen Feierabend.

    In unmittelbarer Nähe des Viertels liegt eine Düngemittelfabrik von Timac Agro, einer Tochter der Groupe Roullier. Das Unternehmen erklärt, bei den Umweltuntersuchungen vollständig mit den Behörden kooperiert zu haben. Die rechtliche Verantwortung für die Belastungen ist damit keineswegs abschließend geklärt. Gerade deshalb sollte man sauber unterscheiden zwischen dem, was nachgewiesen wurde, und dem, was noch geklärt werden muss.

    Doch gesellschaftlich stellt sich längst eine größere Frage.

    Wer trägt eigentlich das Risiko industrieller Wertschöpfung?

    Die Antwort fällt in Europa erstaunlich oft ähnlich aus: Solange Maschinen laufen, Arbeitsplätze entstehen, Produkte verkauft und Gewinne erwirtschaftet werden, gehört der Erfolg selbstverständlich denen, die ihn erwirtschaftet und finanziert haben. Tauchen Jahrzehnte später Altlasten auf, beginnt dagegen eine bemerkenswerte philosophische Phase.

    Plötzlich wird Verantwortung zu einem ausgesprochen komplizierten Begriff.

    Dann kommen Gutachten. Zuständigkeiten werden geprüft. Kausalitäten müssen bewiesen, Grenzwerte interpretiert, historische Abläufe rekonstruiert werden. Akten wandern über Schreibtische. Juristen formulieren Sätze, die normale Menschen dreimal lesen müssen, bevor sie verstehen, dass eigentlich niemand gerade versprechen möchte, ihre verseuchte Erde wegzuräumen.

    Das Kapital liebt klare Eigentumsverhältnisse beim Gewinn und komplizierte Zusammenhänge beim Schaden.

    Natürlich ist das polemisch.

    Leider macht es die Sache nicht weniger bitter.

    Denn der Verdacht in Tonnay-Charente existiert offenbar nicht erst seit gestern. Bewohner äußerten bereits seit fast zwei Jahrzehnten Sorgen. Frühere Untersuchungen zeigten erhöhte Metallkonzentrationen. Bei einzelnen Messungen erreichte die Bleibelastung sogar Werte bis zum Zehnfachen der herangezogenen Grenzwerte.

    Seit 2019 forderten staatliche Behörden Timac Agro dazu auf, mögliche gesundheitliche Auswirkungen der industriellen Tätigkeit auf die Umgebung untersuchen zu lassen.

    2019.

    Wer sechs oder sieben Jahre alt war, als diese Untersuchungen eingefordert wurden, nähert sich inzwischen dem Erwachsenenalter.

    Genau hier endet jeder billige Sarkasmus. Denn Blei ist kein abstrakter Posten eines Umweltberichts. Besonders Kinder reagieren empfindlich auf Belastungen. Und hinter jeder nüchternen Formulierung über Expositionswege steht eine Mutter oder ein Vater mit einer Frage, die niemand stellen möchte: Hat mein Kind möglicherweise jahrelang in Erde gespielt, vor der heute gewarnt wird?

    Was antwortet man darauf?

    „Die Zuständigkeiten werden derzeit geprüft“?

    Das dürfte kaum reichen.

    Und als wäre die Sorge um die Gesundheit nicht genug, folgt die zweite Rechnung. Denn plötzlich steht auch der Wert des Hauses infrage. Wer kauft ein Grundstück, auf dem Gemüseanbau zum Risiko geworden ist? Welchen Preis erzielt ein Haus, dessen Garten womöglich saniert werden muss? Wer trägt die Kosten für Bodenaustausch, Untersuchungen und mögliche Wertverluste?

    Für vermögende Investoren mag eine Immobilie eine Anlageklasse sein. Für die kleine Familie ist sie oft das Lebenswerk.

    Mehr gibt es nicht.

    Kein diversifiziertes Portfolio, keine Beteiligungsgesellschaft, kein hübscher Notgroschen irgendwo auf den Cayman Islands. Da stehen ein Haus, ein Garten und vielleicht noch 17 Jahre Kreditvertrag. Fertig.

    Deshalb trifft Umweltverschmutzung kleine Eigentümer mit einer Brutalität, die in ökonomischen Debatten gern hinter Fachbegriffen verschwindet. Wird ihr Grundstück entwertet, schrumpft nicht irgendein Investment. Ein Stück ihrer Lebensleistung löst sich auf.

    Besonders grotesk wirkt dabei die Symbolik dieses Ortes. „Cité des jardins“ – Gartenstadt.

    Ausgerechnet.

    Der Garten war einmal das Versprechen von Selbstversorgung, Gesundheit und Bodenständigkeit. Ein paar Kartoffeln, Bohnen, Erdbeeren für die Enkel. Man wusste, wo das Essen herkam: nämlich drei Meter hinter der Küchentür.

    Nun lautet die Botschaft sinngemäß: Lieber Finger weg.

    Das besitzt eine fast schon boshafte Ironie. Jahrzehntelang galt der eigene Garten als Gegenentwurf zur anonymen industriellen Lebensmittelproduktion – und nun steht ausgerechnet die industrielle Vergangenheit möglicherweise mit im Beet.

    Tonnay-Charente erzählt deshalb mehr als eine lokale Umweltgeschichte. Der Fall zeigt das Grundproblem eines Wirtschaftsmodells, das Folgekosten gern erst dann entdeckt, wenn sie bei jemand anderem vor der Haustür liegen.

    Gewinne gehen an Eigentümer.

    Schäden verbleiben bei der Gesellschaft.

    Genau gegen dieses Prinzip richtet sich die Wut.

    Nicht gegen Industrie an sich, nicht gegen Arbeitsplätze und auch nicht gegen Unternehmen, die produzieren und Geld verdienen. Eine moderne Gesellschaft braucht all das. Aber wer wirtschaftliche Freiheit beansprucht, darf Verantwortung nicht wie Sondermüll behandeln: möglichst weit weg und bitte auf Kosten anderer.

    Wo konkrete Verursachung nachgewiesen wird, muss deshalb auch konkrete Haftung folgen. Nicht symbolisch. Nicht irgendwann. Sondern so, dass Familien weder ihre Gesundheit noch ihre Altersvorsorge dafür opfern, dass industrielle Hinterlassenschaften jahrzehntelang im Boden schlummerten.

    Die Bewohner der Cité des jardins brauchen keine wohltemperierten Worte über „komplexe Sachverhalte“. Sie brauchen Klarheit darüber, was mit ihrer Gesundheit, ihren Grundstücken und ihren Häusern geschieht. Sie brauchen sichere Böden. Und sollte eine Sanierung notwendig sein, brauchen sie eine Finanzierung, die nicht ausgerechnet diejenigen belastet, die das Gift garantiert nicht bestellt haben.

    Denn eines wäre an Zynismus kaum zu überbieten: Wenn am Ende Menschen ihre Tomaten wegwerfen, um ihre Gesundheit fürchten und den Wert ihres Hauses schwinden sehen – während die Rechnung für die Sanierung ebenfalls bei ihnen landet.

    Dann wäre aus dem Verursacherprinzip endgültig ein Verarschungsprinzip geworden.

    Und ja, das Wort ist derb.

    Die Situation ist es auch.

    Die entscheidende Frage von Tonnay-Charente lautet deshalb nicht nur, wie viel Blei, Cadmium oder Arsen in welchem Garten steckt. Sie lautet, welchen Wert Verantwortung in einer Gesellschaft besitzt, sobald sie Geld kostet.

    Erst die Antwort darauf entscheidet, ob aus den giftigen Gärten irgendwann wieder Gärten werden – oder ob sie ein Denkmal dafür bleiben, wie bequem sich Gewinne privatisieren und Schäden sozialisieren lassen.

    Daniel Ivers

  • Bab el-Mandeb: Wenn eine schmale Meerenge den Ölpreis diktiert

    Bab el-Mandeb: Wenn eine schmale Meerenge den Ölpreis diktiert

    Die Weltwirtschaft hängt an einigen wenigen Meerengen. Bab el-Mandeb gehört zu den gefährlichsten unter ihnen. Die nur wenige Dutzend Kilometer breite Passage zwischen Jemen und dem Horn von Afrika verbindet den Indischen Ozean über das Rote Meer mit dem Suezkanal – und damit die Förderregionen des Nahen Ostens mit Europa. Eine vollständige Blockade wäre deshalb weit mehr als ein regionales Sicherheitsproblem. Sie würde einen bereits angespannten Ölmarkt an einer seiner empfindlichsten Stellen treffen.

    Diese Gefahr ist im September 2026 besonders relevant. Der Brent-Preis notiert wieder deutlich über 100 Dollar je Barrel, während der Verkehr durch die Strasse von Hormus infolge des Konflikts mit Iran stark eingeschränkt ist. Saudi-Arabien hat deshalb seine Ausfuhren über den Rotmeerhafen Yanbu verstärkt. Ausgerechnet Bab el-Mandeb gewinnt damit als alternative Route zusätzlich an strategischem Gewicht. Fiele auch diese Passage aus, wären zwei zentrale Verkehrsadern des internationalen Ölhandels gleichzeitig beeinträchtigt.

    Der Ölmarkt braucht keine tatsächliche Knappheit

    Die Bedeutung von Bab el-Mandeb lässt sich zunächst in Zahlen ausdrücken. Nach Daten der amerikanischen Energy Information Administration passierten 2023 rund 9,3 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte pro Tag die Meerenge. Wegen der Angriffe auf die Schifffahrt sank die Menge 2024 drastisch. Im zweiten Quartal 2026 erreichte der Durchfluss jedoch wieder rund 8,1 Millionen Barrel täglich.

    Damit nähert sich die Route erneut ihrer früheren Bedeutung. Zum Vergleich: Die weltweite Ölversorgung liegt bei ungefähr 100 Millionen Barrel täglich. Bab el-Mandeb ist also kein marginaler Transportweg.

    Allerdings wäre es falsch, eine Sperrung automatisch mit dem Ausfall von acht Millionen Barrel Produktion gleichzusetzen. Das Öl verschwindet nicht. Tanker können Afrika über das Kap der Guten Hoffnung umrunden. Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zur Strasse von Hormus: Bab el-Mandeb ist geografisch umfahrbar.

    Doch Umfahrbarkeit bedeutet nicht Folgenlosigkeit.

    Der Umweg verlängert Reisen zwischen dem Persischen Golf beziehungsweise dem Roten Meer und Europa erheblich. Je nach Ausgangs- und Zielhafen können zusätzliche ein bis zwei Wochen entstehen. Tanker sind länger gebunden, Treibstoffverbrauch und Charterkosten steigen, und dieselbe Flotte kann innerhalb eines Jahres weniger Ladungen transportieren.

    Der entscheidende Engpass wäre deshalb zunächst nicht das Öl selbst, sondern die Transportkapazität.

    Der Risikoaufschlag kommt vor der Knappheit

    Ölmärkte reagieren nicht erst auf leere Tanks. Sie reagieren auf Wahrscheinlichkeiten.

    Schon die glaubhafte Gefahr einer längerfristigen Sperrung würde Händler dazu veranlassen, einen geopolitischen Risikoaufschlag einzupreisen. Reedereien müssten entscheiden, ob sie ihre Schiffe durch ein Gebiet schicken, in dem Drohnen, Raketen oder Minen drohen. Versicherer würden ihre Prämien erhöhen oder bestimmte Risiken überhaupt nicht mehr decken. Charterraten könnten steigen.

    Diese Mechanismen erklären, weshalb Ölpreise auch dann kräftig zulegen können, wenn die globale Förderung zunächst unverändert bleibt.

    Der Markt kauft gewissermassen Zeit und Sicherheit. Je unsicherer beides wird, desto teurer wird das Barrel.

    Der gegenwärtige Kontext verschärft diesen Mechanismus. Anfang September bewegten sich durch Bab el-Mandeb weiterhin zahlreiche Frachter und Tanker, während der Verkehr durch Hormus erheblich eingeschränkt war. Saudi-Arabiens Rotmeerhafen Yanbu fungiert gerade deshalb als strategisches Ausweichventil. Wird dieses Ventil gefährdet, verändert sich die Risikorechnung des gesamten Marktes.

    Die Lehre aus der Suez-Krise

    Dass eine blockierte Wasserstrasse enorme wirtschaftliche Folgen haben kann, zeigte zuletzt die Havarie der «Ever Given» im März 2021. Das Containerschiff blockierte den Suezkanal sechs Tage lang. Hunderte Schiffe stauten sich, Lieferketten wurden verzögert.

    Eine militärisch verursachte Sperrung von Bab el-Mandeb wäre allerdings von anderer Qualität. Bei der «Ever Given» war klar, dass Ingenieure an einer technischen Lösung arbeiteten. Bei einem bewaffneten Konflikt existiert kein vergleichbarer Zeitplan.

    Gerade die Unsicherheit über die Dauer macht geopolitische Blockaden gefährlich.

    Auch die Ölgeschichte zeigt, dass Erwartungen eine zentrale Rolle spielen. Während der Ölkrise von 1973 vervielfachte sich der Ölpreis innerhalb weniger Monate. Im Sommer 1990 sorgte die irakische Invasion Kuwaits für einen raschen Preissprung. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine stieg Brent 2022 zeitweise auf deutlich über 120 Dollar.

    Heute ist die Ausgangslage eine andere. Die Weltwirtschaft verbraucht Öl effizienter, Lieferquellen sind breiter diversifiziert, und strategische Reserven bilden einen erheblichen Puffer. Doch die Geografie lässt sich nicht diversifizieren. Tanker müssen durch Meerengen fahren oder lange Umwege nehmen.

    Strategische Reserven kaufen Zeit

    Ein kurzfristiger Ausfall von Bab el-Mandeb wäre deshalb beherrschbar. Die Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur sind grundsätzlich verpflichtet, Vorräte im Umfang von mindestens 90 Tagen ihrer Nettoimporte vorzuhalten. Diese Reserven existieren genau für schwere Versorgungsstörungen.

    Wie mächtig dieses Instrument sein kann, zeigte sich erneut 2026. Im März beschlossen die 32 IEA-Mitgliedstaaten angesichts der Verwerfungen im Nahen Osten die Freigabe von 400 Millionen Barrel aus ihren Notfallreserven – die grösste koordinierte Aktion in der Geschichte der Organisation.

    Strategische Reserven können Panik verhindern und kurzfristige Lieferausfälle überbrücken. Sie können aber keine dauerhaft gestörte Transportarchitektur ersetzen.

    Eine Blockade von wenigen Tagen wäre deshalb etwas grundlegend anderes als eine Sperrung über Wochen oder Monate. Mit zunehmender Dauer würden Umwege zur neuen Normalität, verfügbare Tankerkapazitäten knapper und Transportkosten strukturell höher.

    Die 100-Dollar-Marke ist bereits keine Theorie mehr

    Noch vor einiger Zeit wurde bei Szenarien einer Sperrung von Bab el-Mandeb häufig darüber diskutiert, ob Brent wieder 100 Dollar je Barrel erreichen könnte. Diese Schwelle hat inzwischen ihren hypothetischen Charakter verloren. Am 11. September lag Brent bei mehr als 105 Dollar, nachdem die Preise innerhalb einer Woche um annähernd 13 Prozent gestiegen waren.

    Damit verschiebt sich die entscheidende Frage: Nicht mehr die Rückkehr zu 100 Dollar wäre das Extremszenario, sondern ein weiterer Sprung in Richtung der Höchststände des Jahres.

    Ob dies geschieht, hängt von mehreren Faktoren gleichzeitig ab: von der Dauer möglicher Störungen im Roten Meer, vom Verkehr durch Hormus, von der Förderpolitik der Opec-Staaten, von der Nachfrage Chinas und nicht zuletzt davon, ob zusätzliche Angriffe Ölterminals, Raffinerien oder Pipelines treffen.

    Gerade diese Gleichzeitigkeit macht die Lage ungewöhnlich.

    Normalerweise funktioniert eine alternative Route als Versicherung gegen den Ausfall einer anderen. Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline und der Hafen Yanbu beispielsweise sollen Exporte ermöglichen, ohne die Strasse von Hormus passieren zu müssen. Doch Öl, das in Yanbu verladen wird und Richtung Asien fährt, muss anschliessend durch Bab el-Mandeb. Wird auch diese Passage unsicher, verliert die Diversifikation einen Teil ihres Wertes.

    Europa wäre besonders exponiert

    Für Europa besitzt die Meerenge noch eine zusätzliche Bedeutung. Der Suezkanal bildet die kürzeste maritime Verbindung zu den Energiemärkten des Nahen Ostens und Asiens. Eine Sperrung am südlichen Eingang des Roten Meeres würde diese geografische Nähe faktisch aufheben.

    Die unmittelbare Konsequenz wären höhere Frachtraten. Danach könnten steigende Kosten für Diesel, Kerosin und petrochemische Produkte folgen. Schließlich würde ein länger anhaltender Ölpreisschock über Transport- und Produktionskosten erneut auf die Inflation durchschlagen.

    Damit würde aus einer militärischen Krise im Jemen rasch ein Problem für europäische Zentralbanken.

    Das ist die eigentliche Bedeutung des Satzes, eine Blockade von Bab el-Mandeb wäre «sehr problematisch». Die Formulierung klingt beinahe untertrieben. Nicht weil eine Sperrung zwangsläufig eine globale Ölknappheit auslösen müsste. Sondern weil sie in einer ohnehin fragilen Situation einen weiteren Puffer des internationalen Energiesystems beseitigen würde.

    Bab el-Mandeb bedeutet auf Arabisch das «Tor der Tränen». Die Bezeichnung ist alt, ihre geopolitische Aktualität dagegen bemerkenswert modern. Die Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts verfügt über Satelliten, algorithmischen Handel und hochentwickelte Logistiksysteme. Doch ein beträchtlicher Teil ihres Energiehandels bleibt von einigen schmalen Wasserstrassen abhängig.

    Die wichtigste Variable ist deshalb nicht allein, wie viele Barrel durch Bab el-Mandeb fahren. Entscheidend ist, wie viele Alternativen noch übrig bleiben, wenn diese Barrel dort nicht mehr fahren können. Solange Hormus eingeschränkt und das Rote Meer unsicher ist, wird jede zusätzliche Störung überproportional teuer. Genau deshalb könnte aus einer Krise an einer kleinen Meerenge sehr schnell ein globaler Preisschock werden.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreich bricht mit Infantino – der Machtkampf um die FIFA tritt in eine neue Phase

    Frankreich bricht mit Infantino – der Machtkampf um die FIFA tritt in eine neue Phase

    Es ist ein bemerkenswerter Bruch im internationalen Fußball: Die Fédération Française de Football (FFF) entzieht FIFA-Präsident Gianni Infantino ihre Unterstützung für dessen Wiederwahl im März 2027. Noch Ende Juni hatte Frankreich seine Kandidatur mitgetragen. Nun spricht FFF-Präsident Philippe Diallo von einem Vertrauensverlust, mangelnder Transparenz und einer Führung, die den Fußball zunehmend spalte. Der Vorgang reicht weit über die französische Verbandspolitik hinaus. Er zeigt, wie tief der Konflikt über Macht, Geld und Kontrolle innerhalb der FIFA inzwischen geworden ist – und zugleich, warum Infantino trotz des Aufstands wichtiger Verbände weiterhin als Favorit in die Wahl gehen könnte.

    Ein einstimmiger Bruch mit dem FIFA-Präsidenten

    Am 10. September beschloss das Exekutivkomitee des französischen Fußballverbandes einstimmig, Gianni Infantino nicht länger bei seiner Kandidatur für eine weitere Amtszeit zu unterstützen. Für einen der politisch und sportlich bedeutendsten Verbände Europas ist dies ein außergewöhnlicher Schritt.

    Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt. Noch am 29. Juni hatte Diallo Infantino seine Unterstützung zugesagt. Damals hatten nach seinen Angaben bereits mehr als 200 nationale Verbände die Kandidatur des FIFA-Präsidenten unterstützt. Infantino schien praktisch ohne ernsthaften Gegenkandidaten in die Wahl 2027 zu gehen.

    Innerhalb weniger Wochen änderte sich die Lage grundlegend.

    Im Zentrum steht das inzwischen aufgegebene Projekt «FIFA Forward Enterprise». Infantino wollte einen Teil der kommerziellen Rechte der FIFA-Wettbewerbe in eine neue Gesellschaft einbringen und einen Anteil von rund 20 Prozent privaten Investoren öffnen. Betroffen gewesen wären damit letztlich einige der wertvollsten Vermögenswerte des Weltfußballs, darunter kommerzielle Rechte rund um die Weltmeisterschaft.

    Für die FFF war weniger die grundsätzliche Zusammenarbeit mit privatem Kapital entscheidend als das Verfahren. Nach Darstellung Diallos erfuhren die Franzosen von dem Vorhaben aus den Medien. Ein Projekt dieser Größenordnung sei vorbereitet worden, ohne die Mitgliedsverbände angemessen einzubeziehen.

    Damit berührt der Konflikt eine alte Schwachstelle der FIFA: die Frage, wie weit die Macht des Präsidenten reicht und welche Entscheidungen einer breiteren institutionellen Kontrolle bedürfen.

    Milliardenvermögen und die Frage nach dem Zweck

    Diallo stellt zudem eine einfache wirtschaftliche Frage: Weshalb benötigt eine finanziell ausgesprochen starke FIFA überhaupt privates Kapital?

    Nach seinen Angaben brachte die Weltmeisterschaft 2026 Einnahmen von annähernd 16 Milliarden Dollar ein. Zugleich verfüge der Weltverband über Reserven in einer Größenordnung von fünf bis sechs Milliarden Dollar.

    Vor diesem Hintergrund erscheint die geplante Beteiligung privater Investoren erklärungsbedürftig. Sie hätte nicht lediglich zusätzliches Kapital beschafft, sondern möglicherweise langfristige Ansprüche auf Einnahmen aus einigen der wichtigsten Wettbewerbe des Weltfußballs geschaffen.

    Für Frankreich wurde der Fall damit zu einer grundsätzlichen Governance-Frage. Diallo spricht von den Auswüchsen einer «finanziellen Drift». Die Kritik richtet sich nicht allein gegen eine einzelne Transaktion, sondern gegen eine Entscheidungsstruktur, in der wirtschaftlich weitreichende Projekte nach Auffassung der Kritiker zu stark im Umfeld des FIFA-Präsidenten konzentriert werden.

    Das Vorhaben wurde Anfang August aufgegeben. Der politische Schaden blieb.

    Aus dem Streit über Geld wird eine Führungskrise

    Frankreichs Kritik beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf das gescheiterte Investorenprojekt. Diallo wirft Infantino vor, zu einem Faktor der Spaltung geworden zu sein und dem Ansehen sowie der Einheit des Fußballs geschadet zu haben.

    Damit verschiebt sich die Auseinandersetzung.

    Es geht nicht länger nur um die Frage, ob ein bestimmtes Geschäftsmodell sinnvoll war. Zur Debatte steht Infantinos Führungsstil insgesamt. Seine Gegner verlangen stärkere institutionelle Kontrollen, mehr Transparenz und eine stärkere Beteiligung der Verbände an strategischen Entscheidungen.

    Der Konflikt erinnert damit in Teilen an jene Governance-Debatten, welche die FIFA seit der großen Korruptionskrise von 2015 begleiten. Infantino wurde 2016 gerade mit dem Versprechen gewählt, den Weltverband nach der Ära Joseph Blatter institutionell zu erneuern.

    Zehn Jahre später lautet der Vorwurf seiner Gegner ausgerechnet, dass sich erneut zu viel Macht an der Spitze konzentriere.

    Für die FFF besitzt diese Frage besondere Bedeutung. Frankreich gehörte 1904 zu den Gründungsmitgliedern der FIFA und versteht sich nicht nur als sportliche Großmacht, sondern auch als institutioneller Akteur des internationalen Fußballs.

    Europas Widerstand wächst – doch Europa reicht nicht

    Frankreich steht mit seiner Kritik keineswegs allein. Mehrere europäische Verbände haben ihre Unterstützung für Infantino zurückgezogen. Auch innerhalb der UEFA ist die Opposition erheblich.

    Der Widerstand reicht inzwischen sogar über Europa hinaus. Auch aus dem asiatischen Fußballverband AFC und aus der nord- und mittelamerikanischen CONCACAF kam scharfe Kritik an dem gescheiterten Investorenprojekt.

    Damit entsteht auf den ersten Blick eine ungewöhnlich breite Koalition gegen den FIFA-Präsidenten.

    Doch die institutionelle Struktur der FIFA macht aus politischem Widerstand noch keine parlamentarische Mehrheit.

    Bei der Präsidentenwahl besitzt grundsätzlich jeder der 211 Mitgliedsverbände eine Stimme. Deutschland oder Frankreich verfügen damit formal über dasselbe Stimmgewicht wie ein kleiner Inselverband. Europas wirtschaftliche Stärke und die Bedeutung seiner Ligen lassen sich deshalb nicht unmittelbar in Stimmen bei einer FIFA-Wahl übersetzen.

    Genau darin liegt seit Jahrzehnten ein Kern der FIFA-Machtpolitik.

    Infantino hat seine Beziehungen zu den Verbänden Afrikas, Südamerikas, Ozeaniens und zahlreichen kleineren Fußballnationen während seiner Amtszeit systematisch gepflegt. Die Confederation of African Football (CAF) hält bislang ausdrücklich an ihm fest. Auch aus Südamerika verfügt er weiterhin über starken Rückhalt.

    Diese Bündnisse könnten entscheidender sein als der Widerstand der großen europäischen Fußballnationen.

    Die Suche nach einem Gegenkandidaten stockt

    Die Wahl findet am 18. März 2027 beim FIFA-Kongress in Rabat statt. Die Frist für Kandidaturen endet bereits am 18. November 2026. Damit bleibt Infantinos Gegnern nur wenig Zeit.

    Frankreich will zunächst ein alternatives Governance-Modell entwickeln. Die FFF plant dazu Konsultationen mit Fachleuten für internationale Sportverbände. Erst anschließend soll geklärt werden, welche Person ein solches Reformprogramm vertreten könnte.

    Das klingt institutionell sorgfältig, offenbart aber zugleich das zentrale Problem der Opposition: Bislang fehlt ein Kandidat, der gleichzeitig über internationales Gewicht und eine realistische globale Stimmenbasis verfügt.

    Mehrere zeitweise gehandelte Namen scheinen aus dem Rennen zu sein. Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Machtkampf weniger um die Person des Präsidenten als um die institutionelle Begrenzung seiner Kompetenzen drehen könnte.

    Sollte Infantino über eine ausreichend stabile Stimmenmehrheit verfügen, könnten seine Gegner versuchen, Reformen der FIFA-Strukturen durchzusetzen: mehr Kontrolle bei großen kommerziellen Entscheidungen, stärkere Einbindung des FIFA-Councils und der Konföderationen sowie verbindlichere Transparenzregeln.

    Der Konflikt würde sich dann von der Präsidentenwahl auf die Verfassung der FIFA verlagern.

    Frankreich erhöht den politischen Preis

    Für Infantino ist der französische Seitenwechsel dennoch unangenehm. Frankreich hatte ihn noch wenige Monate zuvor unterstützt und gehört zu den Verbänden, deren öffentliches Urteil international wahrgenommen wird.

    Hinzu kommt die Geschwindigkeit des Bruchs. Zwischen Diallos Unterstützung Ende Juni und dem formellen Rückzug im September liegen kaum zweieinhalb Monate. Eine derart schnelle Kehrtwende zeigt, wie stark das Investorenprojekt das Vertrauen innerhalb der Fußballpolitik erschüttert hat.

    Zugleich sollte die Bedeutung des französischen Schrittes nicht überschätzt werden. Symbolische Autorität und Stimmenarithmetik sind bei der FIFA zwei unterschiedliche Dinge.

    Infantino hat bestätigt, erneut anzutreten. Sollte er 2027 gewinnen, könnte er bis 2031 im Amt bleiben. Für seine Gegner wird deshalb entscheidend sein, ob sie aus der gegenwärtigen Empörung eine organisatorische Alternative entwickeln können.

    Frankreichs Kurswechsel macht aus der Unzufriedenheit mit dem FIFA-Präsidenten erstmals einen sichtbaren institutionellen Bruch eines Schwergewichts. Er beweist jedoch noch nicht, dass eine Mehrheit gegen ihn existiert.

    Die kommenden Wochen bis zum 18. November werden deshalb wichtiger sein als die öffentlichen Rücktrittsforderungen. Findet sich ein Kandidat, der über Europa hinaus Verbände hinter sich versammeln kann, könnte aus der Governance-Krise tatsächlich ein offener Machtkampf werden. Bleibt ein solcher Kandidat aus, dürfte Infantino trotz der schwersten politischen Krise seiner bisherigen Amtszeit als Favorit nach Rabat reisen.

    Dann hätte die Revolte gegen ihn möglicherweise ein paradoxes Ergebnis: Der Präsident bliebe – aber die Diskussion darüber, wie viel Macht ein FIFA-Präsident besitzen darf, hätte gerade erst begonnen.

    Quellen: Reuters (6., 10. und 11. September 2026), Le Monde (10. und 11. September 2026), The Guardian (30. Juli, 6. und 10. September 2026), Fédération Internationale de Football Association (FIFA), Fédération Française de Football (FFF)

    Christine Macha

  • Saumur zahlt jungen Hauskäufern 10.000 Euro – eine französische Stadt setzt auf Eigentum gegen den Niedergang

    Saumur zahlt jungen Hauskäufern 10.000 Euro – eine französische Stadt setzt auf Eigentum gegen den Niedergang

    Während steigende Immobilienpreise und Finanzierungskosten vielen jungen Franzosen den Weg ins Wohneigentum erschweren, geht die westfranzösische Stadt Saumur einen ungewöhnlich direkten Weg: Wer dort erstmals eine Wohnung oder ein Haus kauft, kann seit September 2026 von der Kommune 10.000 Euro erhalten. Die Stadt verbindet damit Wohnungspolitik, Demografie und Stadtentwicklung. Hinter der Prämie steht eine grundsätzliche Überlegung, die viele französische Mittelstädte beschäftigt: Wie lassen sich junge Haushalte dauerhaft binden, bestehender Wohnraum wieder nutzen und die schleichende Verlagerung des Lebens an die Peripherie bremsen?

    10.000 Euro für den Schritt ins Eigentum

    Die Regelung ist bemerkenswert einfach. Seit dem 1. September 2026 gewährt Saumur Haushalten, die erstmals Wohneigentum erwerben, eine kommunale Unterstützung von 10.000 Euro. Gefördert werden sowohl Wohnungen als auch Häuser, Neubauten ebenso wie Bestandsimmobilien.

    Anders als gelegentlich dargestellt, beschränkt sich das neue Programm nicht auf die historische Innenstadt. Es gilt im gesamten Gebiet von Saumur sowie in den zur Stadt gehörenden communes déléguées. Damit handelt es sich weniger um eine reine Innenstadtprämie als um ein Instrument der kommunalen Wohnungs- und Bevölkerungspolitik.

    Die Bedingungen grenzen den Kreis der Begünstigten dennoch deutlich ein. Antragsteller dürfen bei Einreichung höchstens 40 Jahre alt sein und zuvor noch nie Eigentümer einer Wohnimmobilie gewesen sein. Das gekaufte Objekt muss mindestens 40.000 Euro kosten, wobei Makler- und Notargebühren nicht berücksichtigt werden. Vor allem aber muss die Immobilie mindestens fünf Jahre lang als Hauptwohnsitz genutzt werden.

    Damit versucht die Stadt, Mitnahmeeffekte zu begrenzen. Gefördert werden sollen weder Ferienwohnungen noch kurzfristige Immobilieninvestitionen, sondern Menschen, die tatsächlich in Saumur leben wollen.

    Die eigentliche Währung heißt Einwohner

    Die 10.000 Euro sind deshalb weniger als Sozialleistung denn als Standortinvestition zu verstehen. Eine Kommune gewinnt mit einem jungen Haushalt nicht lediglich einen neuen Immobilieneigentümer. Sie gewinnt Einwohner, Konsumenten und potenziell Familien, deren Kinder Schulen besuchen und deren tägliche Ausgaben lokale Geschäfte und Dienstleistungen stützen.

    Für eine französische Mittelstadt ist diese Rechnung von erheblicher Bedeutung. Gerade außerhalb der großen Wachstumsräume um Paris, Lyon, Bordeaux, Toulouse oder Nantes konkurrieren Städte zunehmend um mobile Erwerbstätige und junge Familien.

    Saumur mit seinem historischen Zentrum an der Loire besitzt zwar touristische Attraktivität und ein international bekanntes kulturelles Erbe. Doch touristische Frequenz allein garantiert keine lebendige Stadt. Restaurants, Einzelhandel, Schulen und Dienstleistungen benötigen dauerhaft ansässige Bevölkerung.

    Die Stadt setzt daher auf einen klassischen wirtschaftspolitischen Hebel: Sie senkt die Eintrittskosten. Bei einem Immobilienpreis von beispielsweise 150.000 Euro entsprechen 10.000 Euro immerhin rund 6,7 Prozent des Kaufpreises. Gerade für junge Haushalte, deren Problem häufig weniger die langfristige Kreditrate als das erforderliche Eigenkapital und die Nebenkosten des Erwerbs sind, kann dies entscheidend sein.

    Das größere Problem liegt im alten Wohnungsbestand

    Besonders interessant wird das Modell durch die Verbindung mit der bereits bestehenden Sanierungspolitik für die Innenstadt. Dort verfügt Saumur über ein spezifisches Förderinstrument für Erstkäufer von mehr als 15 Jahre alten Immobilien im Gebiet der Stadterneuerungsoperation OPAH-RU.

    Auch dort können insgesamt bis zu 10.000 Euro zusammenkommen. Die Förderung ist jedoch anders aufgebaut: Eine Grundprämie von 5.000 Euro wird an die Verpflichtung geknüpft, die Immobilie mindestens fünf Jahre als Hauptwohnsitz zu nutzen. Weitere 2.500 Euro können hinzukommen, wenn das Objekt seit mindestens zwei Jahren leer steht. Noch einmal 2.500 Euro sind bei bestimmten förderfähigen Renovierungsarbeiten möglich.

    Diese Konstruktion zeigt deutlicher als die allgemeine Eigentumsprämie, welches Problem französische Mittelstädte zu lösen versuchen. In historischen Zentren stehen teilweise Wohnungen leer, obwohl gleichzeitig außerhalb der Städte neue Wohngebiete entstehen.

    Für Kommunen ist diese Entwicklung doppelt problematisch. Einerseits müssen Straßen, Leitungen, Schulen und andere Infrastruktur an der Peripherie erweitert werden. Andererseits verliert die bereits vorhandene Infrastruktur im Zentrum an Auslastung.

    Leerstand erzeugt zudem einen sich selbst verstärkenden Prozess. Weniger Bewohner bedeuten weniger Kunden. Weniger Kunden erhöhen den Druck auf Geschäfte und Gastronomie. Geschlossene Geschäfte wiederum vermindern die Attraktivität eines Viertels für potenzielle Bewohner.

    Ein französisches Problem mit nationaler Dimension

    Saumur steht mit dieser Herausforderung keineswegs allein. Frankreich versucht seit 2018 mit dem nationalen Programm „Action cœur de ville“, seine Mittelstädte systematisch zu stärken. Das Programm umfasst unter anderem die Sanierung von Wohnraum, wirtschaftliche Entwicklung, Handel, Mobilität und die Aufwertung öffentlicher Räume.

    In der zweiten Phase von 2023 bis 2026 rückten zusätzlich Klimaanpassung und ein sparsamerer Umgang mit Boden in den Vordergrund. Dahinter steht ein Paradigmenwechsel der französischen Raumplanung: Wachstum soll möglichst nicht mehr automatisch bedeuten, weitere Flächen am Stadtrand zu bebauen.

    Die Zahlen zeigen, weshalb diese Politik relevant bleibt. Nach Daten der französischen Agence nationale de la cohésion des territoires liegt der strukturelle Wohnungsleerstand – Immobilien, die seit mindestens zwei Jahren unbewohnt sind – in Saumur bei rund 8,7 Prozent. Das ist deutlich mehr als der für die Region Pays de la Loire ausgewiesene Durchschnitt von 2,6 Prozent und auch mehr als der nationale Vergleichswert von 5,1 Prozent innerhalb der entsprechenden „Action cœur de ville“-Daten.

    Beim Gewerbeleerstand steht Saumur dagegen vergleichsweise besser da: Er wird mit etwa 8,7 Prozent angegeben, während der Durchschnitt der betreffenden Städte in Pays de la Loire bei rund 13 Prozent liegt.

    Das macht die Strategie der Kommune nachvollziehbar. Saumur kämpft nicht gegen einen bereits vollständig verödeten Stadtkern. Die Stadt versucht vielmehr, eine vorhandene wirtschaftliche und städtebauliche Struktur zu stabilisieren, bevor Leerstand und demografischer Wandel eine schwer umkehrbare Dynamik entwickeln.

    Die Rechnung der Kommune

    Eine Prämie von 10.000 Euro pro Haushalt klingt zunächst teuer. Aus kommunalpolitischer Perspektive muss sie jedoch gegen die langfristigen Kosten des Leerstands gerechnet werden.

    Ein leer stehendes Haus verliert nicht nur privaten Wert. Dauerhafter Leerstand kann Nachbarimmobilien beeinträchtigen, Sanierungsbedarf erhöhen und ganze Straßenzüge weniger attraktiv machen. Gleichzeitig verursacht die Erschließung neuer Wohngebiete am Stadtrand öffentliche Kosten.

    Gelingt es dagegen, vorhandenen Wohnraum wieder dauerhaft zu belegen, wird bestehende Infrastruktur besser ausgelastet. Neue Einwohner zahlen lokale Abgaben, kaufen vor Ort ein und erhöhen die Nachfrage nach Dienstleistungen.

    Ob die 10.000-Euro-Prämie tatsächlich zusätzliche Käufer nach Saumur bringt oder überwiegend Menschen unterstützt, die ohnehin dort gekauft hätten, wird allerdings die entscheidende Frage sein. Genau darin liegt das klassische Problem solcher Subventionen: Ein Teil der öffentlichen Mittel kann als Mitnahmeeffekt enden.

    Auch steigende Nachfrage könnte einen Teil der Förderung langfristig in höhere Immobilienpreise übersetzen. Je größer und dauerhafter ein Zuschussprogramm wird, desto wichtiger ist deshalb eine Evaluation der tatsächlichen Wirkung.

    Eigentum als Instrument der Stadtentwicklung

    Bemerkenswert an Saumurs Ansatz ist weniger die Summe selbst als die politische Logik dahinter. Wohnungspolitik wird nicht isoliert betrachtet. Eigentumsförderung, Leerstandsbekämpfung, Sanierung, Einzelhandel und Flächennutzung werden als Teile desselben Problems verstanden.

    Das entspricht zunehmend der französischen Strategie für die villes moyennes. Jahrzehntelang konzentrierte sich die öffentliche Debatte vor allem auf die Metropolen und ihre angespannten Wohnungsmärkte. In vielen kleineren und mittleren Städten besteht jedoch das umgekehrte Problem: Wohnraum ist vorhanden, aber nicht unbedingt dort, in dem Zustand oder für jene Bevölkerungsgruppen, die für eine langfristige Stabilisierung der Stadt benötigt werden.

    Gerade deshalb können 10.000 Euro eine erstaunlich große Hebelwirkung entwickeln. In Paris wäre eine solche Summe angesichts der Immobilienpreise kaum mehr als ein Zuschuss zu den Erwerbsnebenkosten. In einer Mittelstadt wie Saumur kann sie einen relevanten Anteil der Finanzierung eines jungen Haushalts darstellen.

    Die Stadt geht damit ein kalkuliertes Experiment ein. Sie gibt heute öffentliches Geld aus, um morgen Einwohner, Kaufkraft und genutzten Wohnraum zu gewinnen. Entscheidend wird nicht sein, wie viele Förderanträge eingehen, sondern wie viele zusätzliche Haushalte sich tatsächlich dauerhaft niederlassen, wie viel leer stehender Wohnraum wieder genutzt wird und ob davon Handel und Innenstadt profitieren.

    Sollte diese Rechnung aufgehen, könnte Saumur beispielhaft für eine neue Generation kommunaler Wohnpolitik stehen: Statt immer neue Bauflächen auszuweisen, bezahlt die Stadt einen Teil des Weges zurück in den bestehenden Ort. Die 10.000 Euro wären dann nicht in erster Linie ein Geschenk an junge Käufer, sondern der Preis dafür, eine Stadt dichter, jünger und dauerhaft bewohnt zu halten.

    Quellen: Ville de Saumur, „Une aide de 10 000 € pour les primo-accédants à Saumur“ (September 2026); Ville de Saumur, „Les aides à la rénovation“ (2026); Agence nationale de la cohésion des territoires (ANCT), „Action cœur de ville“ (2026); ANCT, Fiches territoriales Maine-et-Loire und Pays de la Loire, Datenstand August 2026.

    P.T.

  • „Dieses Bild des Grauens bleibt“: Explosion reißt Kinosaal in Vesoul auf

    „Dieses Bild des Grauens bleibt“: Explosion reißt Kinosaal in Vesoul auf

    Es sind Szenen, die eher in einen Actionfilm gehören als in eine ruhige Nacht in der französischen Provinz: In Vesoul im Département Haute-Saône sprengten maskierte Täter in der Nacht zum Mittwoch, 9. September, einen Geldautomaten – und verwandelten dabei einen angrenzenden Kinosaal in ein Trümmerfeld.

    Gegen drei Uhr morgens nahm eine offenbar gut vorbereitete Tätergruppe einen Geldautomaten des Crédit Agricole ins Visier. Der Automat befindet sich unmittelbar am Gebäude des Kinos Majestic. Um an das Bargeld zu gelangen, setzten die Täter auf eine ebenso brachiale wie gefährliche Methode: Sauerstoff und Acetylen wurden in den Automaten geleitet und anschließend zur Explosion gebracht.

    Die Detonation entwickelte eine enorme Wucht.

    Der Geldautomat wurde praktisch vollständig zerstört, doch damit nicht genug. Die Druckwelle durchschlug auch die Wand zum unmittelbar dahinterliegenden Kinosaal 1. Wo Kinobesucher normalerweise im Dunkeln sitzen und auf die Leinwand blicken, klafft nun ein großes Loch. Teile des Saals liegen regelrecht offen.

    Am Morgen danach bot sich den Mitarbeitern ein verstörender Anblick. Betonbrocken, Dämmmaterial und weitere Trümmer lagen auf und zwischen den roten Sesseln. Elektrische Leitungen waren durchtrennt. Selbst schwere technische Ausstattung hielt der Explosion nicht stand: Nach Angaben des Kinobetreibers schleuderte die Druckwelle einen Lautsprecher rund zehn Meter weit durch den Raum.

    Ein ziemlicher Wahnsinn – für eine Beute, die am Ende vergleichsweise bescheiden ausfiel.

    Besondere Sorgen bereitet dem Betreiber inzwischen nicht allein die sichtbare Zerstörung. Der bei der Explosion entstandene feine Staub verteilte sich offenbar auch in Bereichen mit empfindlicher Projektionstechnik. Dort reichen mitunter bereits kleine Verunreinigungen aus, um kostspielige Geräte zu beschädigen. Das tatsächliche Ausmaß der technischen Folgen dürfte sich deshalb erst nach gründlichen Untersuchungen zeigen.

    Für Jean-Claude Tupin, Chef der Majestic-Gruppe, geht der Schaden ohnehin über Beton, Kabel und Kinotechnik hinaus. Der Anblick des verwüsteten Saals hat sich eingebrannt. „Dieses Bild des Grauens bleibt“, beschreibt er seine Eindrücke.

    Besonders bitter erscheint das Verhältnis zwischen Beute und Zerstörung. Die Täter sollen lediglich einige Tausend Euro erbeutet haben. Dem stehen Schäden von rund 800.000 Euro gegenüber. Aus einem Angriff auf einen Geldautomaten wurde damit binnen Sekunden ein finanzielles Desaster für einen Kinobetreiber, der mit der eigentlichen Tat überhaupt nichts zu tun hatte.

    Saal 1 dürfte entsprechend längere Zeit geschlossen bleiben. Die zerstörte Wand muss wiederhergestellt, technische Anlagen müssen geprüft, repariert oder ersetzt werden. Hinzu kommen mögliche Schäden an der Projektionsanlage und Arbeiten zur Beseitigung von Staub und Trümmern.

    Das Majestic ließ sich dennoch nicht vollständig aus dem Takt bringen. Der Kinobetrieb in den übrigen Sälen ging weiter. Dass die Tat ausgerechnet an einem Mittwoch geschah, besitzt dabei eine besondere Pointe: Mittwochs starten in Frankreich traditionell die neuen Kinofilme. Während hinter einer zerstörten Wand Ermittler und Techniker arbeiteten, lief nebenan also weiter das reguläre Programm.

    Die Polizei nahm noch am frühen Morgen die Ermittlungen auf. Maskierung, Vorbereitung und Vorgehensweise könnten darauf hindeuten, dass erfahrene Täter am Werk waren. Angriffe auf Geldautomaten mithilfe explosiver Gasgemische beschäftigen französische Ermittler bereits seit längerem.

    Für das Majestic bleibt vorerst ein bizarrer Schauplatz zurück. Ein Ort, an dem sonst künstliche Explosionen über die Leinwand flimmern, trägt plötzlich die Spuren sehr realer Gewalt.

    Und diesmal endet die Szene nicht mit dem Abspann.

    Andreas M. Brucker

  • Sorgt endlich für Alternativen: Unsere Geldbeutel fahren längst elektrisch

    Sorgt endlich für Alternativen: Unsere Geldbeutel fahren längst elektrisch

    Es gibt Dinge, auf die man sich in Europa offenbar verlassen darf: auf Steuerbescheide, schlechtes Wetter im falschen Moment und darauf, dass irgendeine Krise irgendwo auf der Welt irgendwann direkt an der Zapfsäule nebenan landet.

    In Frankreich zeigt sich dieses alte Spiel gerade wieder in seiner besonders kostspieligen Variante. Die Kraftstoffpreise sind kräftig gestiegen. In manchen Tankstellen kostet der Liter SP95 inzwischen mehr als zwei Euro, auch Diesel verteuert sich deutlich (in Deutschland ist dieser Punkt schon längst erreicht!). Wer 50 Liter in seinen Tank laufen lässt, darf gegenüber dem Preisniveau vor Beginn des Konflikts schnell rund 15 Euro zusätzlich auf den Tresen legen.

    Herzlichen Glückwunsch.

    Nicht einmal ein besseres Auto bekommt man dafür. Nicht mehr Reichweite. Keine bequemeren Sitze. Nicht einmal einen besonders hübschen Duftbaum.

    Man bezahlt schlicht mehr dafür, exakt dasselbe zu tun wie vorher.

    Natürlich existieren handfeste Gründe für diese Entwicklung. Der Rohölpreis steigt, weil die internationalen Märkte mögliche Lieferausfälle fürchten. Besonders nervös blickt die Welt auf die Straße von Hormus. Durch diese schmale Meerenge fließt ein erheblicher Teil des international gehandelten Erdöls. Sobald dort militärische Spannungen wachsen, beginnen Händler, Unternehmen und Regierungen zu rechnen – und Autofahrer dürfen später mitrechnen.

    An der Tankstelle.

    Genau darin steckt das eigentlich Absurde unserer jahrzehntelangen Verkehrspolitik. Wir diskutieren leidenschaftlich über Tempolimits, Verbrennerverbote, Ladekabel, Reichweitenangst und darüber, ob ein Elektroauto bei minus zwölf Grad noch bis Tante Erna kommt. Gleichzeitig akzeptieren wir beinahe achselzuckend ein Verkehrssystem, dessen wichtigste Energiequelle von politischen Entwicklungen Tausende Kilometer entfernt abhängt.

    Ein paar Drohungen rund um eine Meerenge, ein Krieg, eine Förderkürzung oder eine internationale Krise – und plötzlich schaut halb Europa morgens auf die Preistafel der Tankstelle wie früher der Bauer auf den Wetterhahn.

    Vielleicht wäre jetzt ein geradezu revolutionärer Gedanke angebracht: Alternativen.

    Und zwar echte.

    Elektromobilität gehört dazu. Nicht als Religion. Nicht als moralische Erziehungsmaßnahme. Nicht als rollender Heiligenschein für Menschen mit Photovoltaikanlage, Wärmepumpe und drei Komposttonnen.

    Sondern aus einem ziemlich banalen Grund: Sie erweitert unsere energetischen Möglichkeiten.

    Ein Elektroauto braucht kein Benzin aus Rohöl, das gefördert, über internationale Handelswege transportiert, raffiniert und anschließend durchs Land gefahren wird. Strom stammt dagegen aus unterschiedlichen Quellen – aus Wind, Sonne, Wasser, Kernenergie und anderen Bestandteilen des jeweiligen Strommixes.

    Natürlich macht das Autofahren nicht kostenlos. Strom, Netze und Ladeinfrastruktur kosten Geld. Auch Elektroautos benötigen Rohstoffe und Energie. Wer behauptet, mit dem Ladestecker beginne das finanzielle Schlaraffenland, verkauft Märchen.

    Doch beim Laden existieren verschiedene Wege: zu Hause, am Arbeitsplatz, am Supermarkt oder an öffentlichen Säulen. Wer eine Photovoltaikanlage besitzt, erzeugt einen Teil seiner Energie sogar auf dem eigenen Dach.

    Versuchen Sie das einmal mit Superbenzin.

    Ein kleines Bohrloch hinter der Garage dürfte zumindest bei den Nachbarn Fragen aufwerfen.

    Gerade deshalb wirkt ein Teil der öffentlichen Debatte inzwischen reichlich grotesk. Auf der einen Seite stehen jene, die das Elektroauto zum technischen Messias erklären. Auf der anderen Seite sitzen jene, die noch beim hundertsten Stammtisch erzählen, ein E-Auto tauge grundsätzlich nichts, weil der Cousin eines Bekannten 2021 einmal an einer kaputten Ladesäule gestanden habe.

    Leute, ernsthaft?

    Elektromobilität löst weder Staus noch Parkplatznot und verwandelt Mobilität nicht über Nacht in ein ökologisches Paradies. Sie bietet aber eine zusätzliche Möglichkeit, den Straßenverkehr weniger empfindlich gegenüber internationalen Ölpreisschocks zu machen. Das allein wäre Grund genug, sie nicht länger als ideologisches Spielzeug zu behandeln.

    Die aktuelle Entwicklung in Frankreich liefert dafür Anschauungsunterricht mit Preisschild.

    Steigende Kraftstoffkosten verändern bereits das Verhalten. Menschen fahren weniger, verzichten auf nicht notwendige Wege, bilden Fahrgemeinschaften oder steigen – sofern vorhanden – auf öffentliche Verkehrsmittel um. Das klingt in politischen Sonntagsreden wunderbar nach Verkehrswende.

    Für viele Betroffene fühlt es sich allerdings weniger nach Verkehrswende als nach leerem Portemonnaie an.

    Denn wer auf dem Land lebt, früh zur Arbeit fährt oder Kinder transportieren muss, verzichtet nicht mal eben fröhlich auf sein Auto. Der Krankenpfleger im Schichtdienst braucht keine politische Predigt darüber, dass Benzin eben teuer sei. Die Verkäuferin mit 30 Kilometern Arbeitsweg benötigt eine bezahlbare Alternative.

    Genau dort beginnt vernünftige Politik.

    Elektroautos müssen erschwinglicher werden, Laden muss unkompliziert und transparent funktionieren, Mietshäuser brauchen praktikable Lösungen, ländliche Regionen eine verlässliche Infrastruktur. Gleichzeitig gehören Bahn und öffentlicher Nahverkehr ausgebaut. Technologieoffenheit sollte schließlich nicht bedeuten, am Status quo festzuhalten und jede Alternative so lange kleinzureden, bis die nächste Ölkrise vor der Tür steht.

    Bleiben die Spannungen im Nahen Osten bestehen oder verschärfen sie sich rund um die Straße von Hormus, dürfte der Druck auf die Ölpreise anhalten. Eine diplomatische Entspannung könnte die Lage dagegen wieder beruhigen und Preise sinken lassen.

    Und dann?

    Dann atmen wir erleichtert auf, tanken wieder etwas billiger und vergessen vermutlich innerhalb weniger Monate, wie abhängig unser Verkehrssystem noch immer vom Öl ist.

    Bis zur nächsten Krise.

    Vielleicht sollten wir dieses Mal etwas Schlaueres tun.

    Nicht den Verbrenner verteufeln. Nicht Autofahrer beschimpfen. Nicht Elektromobilität schönreden.

    Sondern dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen tatsächlich wählen können.

    Denn Klimaschutz ist ein starkes Argument für den Umbau unseres Verkehrs. Doch spätestens wenn der Literpreis die Zwei-Euro-Marke überschreitet, entdeckt selbst der überzeugteste Pragmatiker noch ein zweites Argument.

    Den eigenen Geldbeutel.

    Und der hält bekanntlich erstaunlich wenig von Ideologie.

    Andreas M. Brucker

  • Bayeux-Teppich in London: Ein mittelalterlicher Blockbuster sorgt für Ticket-Chaos

    Bayeux-Teppich in London: Ein mittelalterlicher Blockbuster sorgt für Ticket-Chaos

    „Es war einfacher, Karten für die Rückkehr von Oasis zu bekommen.“ Mit diesem halb scherzhaften, halb verzweifelten Vergleich beschreiben Briten derzeit den Versuch, Eintrittskarten für eine der außergewöhnlichsten Ausstellungen des Jahres zu ergattern. Seit dem 10. September ist der fast tausend Ja…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…