Auf den ersten Blick gehört die Mayenne wohl kaum zu jenen französischen Reisezielen, bei denen sofort Urlaubsbilder im Kopf entstehen. Kein Eiffelturm, keine Côte d’Azur, keine weltberühmten Weinberge. Und genau darin liegt ihr Reiz.
Denn wer sich auf dieses stille Stück der Pays de la Loire einlässt, entdeckt Orte, die lange im Gedächtnis bleiben – manchmal skurril, manchmal berührend und gelegentlich ziemlich überraschend.
Zwischen Drachen und Giganten
In Cossé le Vivien wartet einer der ungewöhnlichsten Kunstorte Frankreichs: das Musée Robert Tatin.
Schon der Weg hinein wirkt wie der Beginn einer fantastischen Geschichte. Neunzehn monumentale Figuren säumen die berühmte Allée des Géants. Manche erinnern an Wächter, andere an Wesen aus einer fremden Mythologie.
Was hat einen Künstler dazu gebracht, mitten in der Mayenne eine solche Welt zu erschaffen?
Robert Tatin war Maler, Bildhauer und Keramiker – vor allem aber ein Mann mit grenzenloser Vorstellungskraft. Mehr als zwanzig Jahre verwandelte er sein Anwesen in eine riesige begehbare Kunstlandschaft. Reisen, Religionen, Mythen und Erinnerungen verschmolzen dort zu einer ganz eigenen Sprache.
Drachen tauchen zwischen Mauern auf, Reliefs erzählen rätselhafte Geschichten, Gärten besitzen symbolische Bedeutungen. Wer hier entlanggeht, besucht keinen klassischen Museumsbau. Man spaziert vielmehr durch den Kopf eines Künstlers.
Seit 2022 steht Tatins außergewöhnliches Lebenswerk unter Denkmalschutz.
Art déco unter der Dusche
Ganz anders, aber nicht weniger überraschend präsentiert sich Laval.
Zwischen 1925 und 1927 entstanden dort öffentliche Badehäuser, die einst vor allem einem praktischen Zweck dienten: Hygiene für Menschen, deren Wohnungen kein eigenes Badezimmer besaßen.
Heute zählen die ehemaligen Bains Douches zu den schönsten Art déco Zeugnissen der Stadt.
Besonders eindrucksvoll sind die Mosaiken von Isidore Odorico. Blaue und goldene Farbtöne, geometrische Muster und elegante Schmiedearbeiten verwandeln die früheren Duschräume in kleine Kunstwerke. Da staunt man nicht schlecht – ausgerechnet dort, wo früher Seife und Handtücher zum Alltag gehörten.
Nach der Schließung im Jahr 2003 erhielt das Gebäude eine sorgfältige Restaurierung. Heute dienen die Räume Ausstellungen und kulturellen Veranstaltungen.
Erinnerung, die bleibt
Auch in der Stadt Mayenne erzählen frühere öffentliche Bäder eine Geschichte. Doch dort ist der Ton ernster.
Die alten Räume beherbergen heute La Vigie, das Mémorial des Déportés de la Mayenne. Persönliche Gegenstände, Berichte von Überlebenden und ein Namenswall erinnern an Menschen aus dem Département, die während der nationalsozialistischen Besatzung deportiert wurden.
Die Gestaltung bleibt bewusst zurückhaltend.
Gerade deshalb trifft der Ort.
Braucht Erinnerung große Gesten, um Menschen zu berühren? In La Vigie lautet die Antwort ganz eindeutig: nein.
Römer und Schokolade
Geschichtlich reicht die Mayenne allerdings noch viel weiter zurück. In Jublains begegnet man der gallorömischen Vergangenheit des Départements.
Das antike Noviodunum gehörte einst zu den wichtigsten Orten der Diablintes. Heute lassen sich Überreste eines Theaters, von Thermen, eines Tempels und einer gewaltigen Festungsanlage erkunden. Zwischen alten Mauern und grünen Wiesen entsteht jene besondere Atmosphäre, bei der Geschichte plötzlich erstaunlich nah wirkt.
Und irgendwann verlangt so viel Kultur nach einer süßen Pause.
Die bietet die Mayenne ebenfalls. Kleine Chocolaterien in Laval und anderen Orten fertigen Pralinen, Ganaches und Tafeln oft noch in handwerklicher Tradition. Keine großen touristischen Inszenierungen, sondern kleine Geschäfte, in denen es nach Kakao riecht und die Auswahl schnell größer ausfällt als geplant.
Tja, passiert.
Der Charme des Unscheinbaren
Vielleicht liegt genau hier das Geheimnis der Mayenne. Sie drängt sich nicht auf.
Ihre Sehenswürdigkeiten stehen selten auf den berühmten Wunschlisten internationaler Frankreichreisender. Doch wer sich Zeit nimmt, begegnet außergewöhnlicher Kunst, römischer Geschichte, elegantem Art déco, bewegenden Erinnerungsorten und kleinen kulinarischen Entdeckungen.
Die Mayenne flüstert eher, als dass sie ruft.
Und vielleicht hört man gerade deshalb besonders gerne hin.
Ein Artikel von M. Legrand

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