Schlagwort: nachhaltiger Tourismus

  • Annecy am Limit: Wie das „Venedig der Alpen“ unter seinem eigenen Ruhm leidet

    Annecy am Limit: Wie das „Venedig der Alpen“ unter seinem eigenen Ruhm leidet

    Zartes Glockenläuten mischt sich mit dem Klackern unzähliger Rollkoffer. Duft von Crêpes schwebt über den Kopfsteinpflastergassen. Die Sonne glitzert auf den Kanälen, durch die sich Tretboote und Selfiesticks gleichermaßen drängen. Willkommen in Annecy – dem Postkartenidyll, das so schön ist, dass es fast daran zerbricht.

    Denn was einst als Geheimtipp zwischen See und Alpen galt, ist heute Hotspot des europäischen Tourismus. Und das mit allen Nebenwirkungen.

    Wenn die Idylle zur Belastung wird

    Drei Millionen Besucher jährlich, fünf Millionen Übernachtungen – Zahlen, die nach Erfolg klingen. Doch Erfolg hat in Annecy seinen Preis. Die Altstadt, ein labyrinthischer Traum aus bunten Fassaden und Wasserläufen, wird im Sommer zur Bühne eines Massenspektakels: Menschentrauben, Staus aus Kinderwagen, Restaurants im Dauerbetrieb. Für die einen ein Ferienparadies, für die anderen: Alltagshölle.

    Viele Einheimische berichten, dass sich ihr Leben in ein Slalomrennen verwandelt hat – zwischen Touristenströmen, Lärm, Müll und steigenden Mieten. Wer einfach nur einkaufen möchte, muss sich durch Fotospots und Straßencafés kämpfen. Das hat nichts mehr mit Urlaubsfreude zu tun – das ist urbane Überforderung.

    Der Widerstand formiert sich

    Still hinnehmen? Nicht in Annecy. Die ARVVA – die „Association des résidents de la vieille ville d’Annecy“ – lässt sich nicht länger wegdrücken wie eine unerwünschte Baustellenumleitung. Mit Protestaktionen, Transparenten über den Brücken und sogar Klagen gegen die Stadtpolitik machen die Bewohner ihrem Frust Luft. Besonders die Ausweitung von Restaurantterrassen ist ihnen ein Dorn im Auge.

    Und es bleibt nicht beim Altstadtkern. Auch höher gelegene Orte wie der Col de la Forclaz schlagen Alarm: Von Balkonen fotografierende Besucher, überfüllte Parkplätze, Lärm bis tief in die Nacht – der Rückzugsraum schrumpft auch dort, wo einst Stille herrschte.

    Lärmradar und Quotenregelung – die Stadt reagiert

    Die Stadtverwaltung versucht zu handeln – aber trifft nicht immer ins Schwarze. Pädagogische Lärmradare im Zentrum sollen auf störende Geräuschkulissen aufmerksam machen. Doch viele Anwohner winken ab: gut gemeint, aber zahnlos gegen die Realität der Sommernächte.

    Etwas handfester erscheint der Vorstoß gegen die ausufernde Kurzzeitvermietung à la Airbnb. Durch neue Gesetze auf nationaler Ebene können Städte wie Annecy Obergrenzen für Ferienwohnungen festlegen. Die Kommune nutzt diesen Spielraum, um die Quote auf maximal zehn Prozent in der Altstadt zu begrenzen – und verbietet Schlüsselboxen auf öffentlichem Grund. Das Ziel: Wieder mehr Wohnraum für Dauerbewohner schaffen und das Stadtbild schützen.

    Balanceakt mit doppeltem Boden

    Doch wie findet man das Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichem Nutzen und Lebensqualität? Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftszweig, schafft Jobs und füllt die Stadtkasse. Gleichzeitig droht das soziale Gefüge zu kippen, wenn Einheimische verdrängt und ihre Bedürfnisse ignoriert werden.

    Die Lage in Annecy verdeutlicht ein Dilemma, das viele beliebte Destinationen kennen: Der eigene Erfolg wird zum Bumerang. Orte wie Dubrovnik, Venedig oder Barcelona kennen diese Spirale – und suchen nach Wegen, wie „weniger“ wieder „mehr“ sein kann.

    Ein Weckruf, kein Abgesang

    Annecy steht exemplarisch für eine Zeitenwende im Tourismus. Die Frage ist nicht mehr, wie viele Menschen eine Stadt verkraften kann – sondern wie eine Stadt ihre Seele bewahren möchte. Braucht es Eintrittsgebühren, Besucher-Obergrenzen, gezielte Dezentralisierung? Vielleicht. Sicher ist nur: Wer die Schönheit eines Ortes wirklich liebt, darf nicht zu ihrer Zerstörung beitragen.

    Das „Venise des Alpes“ will kein Freilichtmuseum werden. Aber will auch nicht untergehen in einer Flut aus Trolleys, Selfies und Lärm.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Frankreichs touristische Ambitionen: Mehr Qualität, mehr Einnahmen

    Frankreichs touristische Ambitionen: Mehr Qualität, mehr Einnahmen

    Mitten im Sommerloch hat Frankreichs Premierminister François Bayrou ein wirtschaftspolitisches Signal gesetzt: Beim interministeriellen Tourismusgipfel am 24. Juli 2025 in Angers verkündete er das Ziel, die internationalen Tourismuseinnahmen Frankreichs bis 2030 auf 100 Milliarden Euro zu steigern – ein ambitionierter Sprung gegenüber den 71 Milliarden Euro im Jahr 2024. Damit verfolgt die französische Regierung einen Strategiewechsel: weg von der reinen Besucherzahl, hin zu einem tourismuspolitischen Fokus auf Wertschöpfung und Qualität. Frankreich bleibt mit rund 100 Millionen ausländischen Besuchern im Jahr 2024 zwar weltweit führend, was die Ankünfte betrifft. Doch bei den Einnahmen rangiert das Land nur auf Platz vier – hinter den USA, Spanien und dem Vereinigten Königreich. Dieses Missverhältnis hat strukturelle Ursachen: Im Schnitt bleiben die Touristinnen und Touristen in Frankreich kürzer und geben weniger aus als in den genannten Ländern. Eine neue Tourismusdoktrin Der von B…

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  • Zwischen Sehnsuchtsort und Preisschock: Warum die Touristen bei Reisen nach Korsika zögern

    Zwischen Sehnsuchtsort und Preisschock: Warum die Touristen bei Reisen nach Korsika zögern

    Lange galt Korsika als ein mediterraner Sehnsuchtsort – wildromantisch, unberührt, kulturell eigenständig. Doch die touristische Strahlkraft der „Île de Beauté“ scheint zu verblassen. Nach Jahren des Wachstums verzeichnet die Insel rückläufige Besucherzahlen. Im Zentrum der Kritik: überhöhte Preise und eine mangelhafte Anpassung an neue touristische Realitäten.

    Ein Signal mit Langzeitwirkung?

    Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Im Jahr 2023 sank die Zahl der Übernachtungen auf Korsika um 8,1 % im Vergleich zum Vorjahr – ein Rückgang um über 820.000 Nächte. Zwar erholte sich der Sektor im Sommerhalbjahr 2024 leicht, mit einem Plus von 6,7 % zwischen April und September, doch die Schwankungen verunsichern Hoteliers, Gastronomen und Reiseveranstalter.

    Die Ursachen sind vielfältig. Neben der wirtschaftlichen Zurückhaltung vieler Haushalte aufgrund der Inflation ist auch ein verändertes Reiseverhalten zu beobachten: Spontanbuchungen ersetzen die traditionelle Frühbuchung, Aufenthalte verkürzen sich, und Urlauber wählen zunehmend günstigere Unterkünfte. Besonders stark ausgeprägt ist diese Entwicklung bei französischen Familien, die bislang den Kern der Sommerkundschaft stellten.

    Diese Veränderungen sind keineswegs isoliert. Auch in anderen französischen Urlaubsregionen – etwa in der Provence oder auf den Atlantikinseln – melden Anbieter eine gestiegene Preissensibilität. Doch auf Korsika scheint sich der Trend zu verschärfen.

    Preisniveau als Stolperstein

    Ein zentrales Problem: die Kosten. Übernachtungspreise, Mietwagen, Restaurantbesuche, Freizeitaktivitäten – vieles erscheint den Reisenden auf Korsika teurer als vergleichbare Angebote auf dem französischen Festland oder in anderen Mittelmeerregionen. Während der Hochsaison sind erschwingliche Hotelzimmer kaum mehr zu finden, selbst in weniger frequentierten Gegenden. Ferienwohnungen, stark nachgefragt, haben besonders entlang der Küste ein Preisniveau erreicht, das selbst zahlungskräftige Gäste abschreckt.

    Die Preisentwicklung ist dabei nicht nur Ausdruck saisonaler Nachfrage. Auch strukturelle Faktoren spielen eine Rolle. Die Wirtschaft Korsikas ist durch ihre Insellage mit höheren Logistikkosten konfrontiert. Lebensmittel, Treibstoff oder Konsumgüter müssen auf die Insel transportiert werden, was die Endpreise nach oben treibt. Zugleich bevorzugen viele Anbieter regionale Produkte und kurze Lieferketten – aus ökologischer Sicht begrüßenswert, aus Sicht des Preisbewusstseins vieler Urlauber jedoch ein Dilemma.

    Der Boom von Plattformen wie Airbnb hat die Situation weiter verschärft. In beliebten Küstenorten wie Porto-Vecchio oder Calvi stiegen die Mietpreise binnen weniger Jahre deutlich an – mit entsprechenden Auswirkungen auf die touristische Preisstruktur und die Verfügbarkeit von Wohnraum für Einheimische.

    Zwischen Marketingstrategie und struktureller Neuausrichtung

    Die Reaktionen der Entscheidungsträger bleiben nicht aus. Die Collectivité de Corse hat ein System zur subventionierten Sicherung von Flugverbindungen außerhalb der Saison aufgelegt. Ziel ist es, ganzjährig ein Mindestmaß an touristischem Verkehr sicherzustellen und die saisonale Überlastung zu mildern.

    Zudem gewinnt das Leitbild eines „sanften Tourismus“ an Boden. Agritourismus und nachhaltige Angebote – von Olivenölverkostungen über Weinführungen bis zu Besuchen auf Ziegenfarmen – sollen neue Zielgruppen ansprechen. Auch in der Gastronomie setzt man verstärkt auf saisonale, lokale Küche. Diese Initiativen sind Teil einer strategischen Neupositionierung: weg vom Massentourismus, hin zu einem qualitativ hochwertigen, umweltverträglichen Modell.

    Erste Erfolge zeichnen sich ab. Zwischen Januar und Mai 2025 verzeichnete die Insel einen Anstieg der Übernachtungen um 5,88 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die internationale Nachfrage legte um knapp 7 % zu, die nationale um rund 5 %. Diese Entwicklung deutet auf eine leichte Rehabilitierung des touristischen Images hin – auch wenn die Zahlen noch unter dem Niveau vor der Corona-Pandemie bleiben.

    Korsika zwischen Authentizität und wirtschaftlicher Notwendigkeit

    Der Balanceakt zwischen Authentizität, wirtschaftlicher Tragfähigkeit und ökologischer Verantwortung ist anspruchsvoll – zumal sich geopolitische Unsicherheiten, wirtschaftliche Belastungen der Haushalte und ein sich wandelnder Reisemarkt überlagern.

    Die Frage lautet nicht mehr, ob sich der Tourismus auf der Insel verändern muss, sondern wie. Gelingt es, die Kostenstruktur transparenter und kundenfreundlicher zu gestalten, ohne dabei Qualität und regionale Wertschöpfung zu opfern? Können lokale Akteure in einer gemeinsamen Strategie agieren, statt in einer fragmentierten Wettbewerbslogik zu verharren?

    Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die derzeit angestoßenen Reformen tragfähig sind – oder ob die Insel Gefahr läuft, in der touristischen Peripherie Europas zu verschwinden. Ihre landschaftliche und kulturelle Einzigartigkeit bleibt unbestritten. Doch um als Reiseziel dauerhaft attraktiv zu bleiben, muss Korsika mehr bieten als schöne Bilder – es braucht ein überzeugendes, kohärentes Konzept für einen Tourismus der Zukunft.

    Autor: P. Tiko

  • Der Berg ruft – auch im Sommer: Wie der Ski-Ort Le Dévoluy zum Ganzjahresziel wird

    Der Berg ruft – auch im Sommer: Wie der Ski-Ort Le Dévoluy zum Ganzjahresziel wird

    Wintersport allein reicht nicht mehr. Immer mehr Bergregionen geraten durch den Klimawandel unter Druck – und müssen umdenken. Le Dévoluy, eine hochalpine Gemeinde in den französischen Hautes-Alpes, zeigt nun, wie es gehen kann: mit Mut zur Veränderung, klarer Strategie und einem Millionenbudget.


    Investieren, um zu bleiben

    Wer etwas wachsen sehen will, muss zuerst säen. Die Verantwortlichen im Dévoluy haben genau das erkannt – und ein ambitioniertes Investitionsprogramm gestartet, das die Region fit für die Zukunft machen soll.

    Anstelle eines reinen Winterparadieses entsteht ein vielseitiges Freizeitareal: In Superdévoluy wurde die bestehende Winter-Freizeitanlage mit über 838.000 Euro modernisiert und in einen „Parc des sports et de loisirs“ umgewandelt – ein sportliches Herzstück für alle Jahreszeiten. Parallel dazu investierte man in La Joue du Loup rund 380.000 Euro in Natur- und Wohlfühlangebote. Beides mit kräftiger Unterstützung von Département und Region.

    Das Aushängeschild? Eine neue Ganzjahresrodelbahn – Preisetikett: 3,5 Millionen Euro. Finanziert zu 80 Prozent durch öffentliche Gelder.


    Schnee von gestern

    Die Wahrheit ist unbequem, aber unumgänglich: Die Zukunft des Wintersports ist ungewiss. Weniger Schnee, kürzere Saisons – der Klimawandel macht sich in den Bergen längst deutlich bemerkbar.

    Die französische Cour des comptes – eine Art Rechnungshof – schlägt Alarm: Das Geschäftsmodell der klassischen Skistation steht auf wackeligen Beinen. Und die politischen Gegenmaßnahmen? Noch zu zögerlich.

    In Le Dévoluy zieht man jetzt die Reißleine. Die Devise lautet: Raus aus der Einbahnstraße Skitourismus – rein in die Vielfalt.


    Von Wanderschuh bis Schneeschuh

    Heute lockt Le Dévoluy mit einer wahren Erlebnispalette. Im Sommer warten Wanderwege, Mountainbike-Strecken, Klettersteige, Canyoning-Abenteuer oder Ausritte auf Besucher. Und im Winter? Neben Ski und Snowboard gibt es Schneeschuhwanderungen, Langlauf, Rodeln und sogar Fatbike-Touren durch die weiße Wildnis.

    Das ist keine Spielerei – sondern ein neuer Tourismusstil. Einer, der nicht auf den einen Adrenalinkick setzt, sondern auf individuelle Entdeckungen, Naturerlebnisse und Entschleunigung.


    Vorbild mit Weitblick

    Was Le Dévoluy vormacht, hat das Zeug zur Blaupause. Die Region beweist: Es braucht keinen wirtschaftlichen Stillstand, um ökologisch umzudenken. Im Gegenteil – die Weichenstellung auf Ganzjahrestourismus kann auch ein Konjunkturmotor sein.

    Die Investitionen schaffen Arbeitsplätze, erhöhen die Lebensqualität vor Ort – und sichern die Zukunftsfähigkeit des gesamten Tals. Kurzum: Nachhaltigkeit als Standortfaktor.

    Eine rhetorische Frage sei erlaubt: Wenn nicht jetzt – wann dann?


    Resilienz statt Rückzug

    Während andernorts noch über die Zukunft der Skilifte debattiert wird, hat Le Dévoluy bereits die nächste Etappe erklommen. Der Wandel ist kein Lippenbekenntnis, sondern Realität – gebaut aus Holz, Metall, Mut und einer klaren Vision.

    Vielleicht ist das der wahre Gipfelsieg: nicht höher hinaus, sondern weiter voraus.

    Von C. Hatty

  • Verborgene Zeugen am Hang: Wie die Cabordes von Besançon zurück ins Leben finden

    Verborgene Zeugen am Hang: Wie die Cabordes von Besançon zurück ins Leben finden

    Hoch über Besançon, wo einst Weinreben die Hügel bedeckten und der Duft nach Trauben in der Luft lag, rückt ein fast vergessenes Kulturgut wieder in den Fokus: die Cabordes. Diese kleinen Steinhütten, Zeugen einer vergangenen Weinkultur, stehen heute sinnbildlich für die Rückbesinnung auf regionale Wurzeln – wortwörtlich Stein für Stein. 🏞️ Was sind Cabordes eigentlich? […]

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  • Saint-Antoine-l’Abbaye – Frankreichs Lieblingsdorf 2025 im Rampenlicht

    Saint-Antoine-l’Abbaye – Frankreichs Lieblingsdorf 2025 im Rampenlicht

    Ein kleines Dorf ganz groß: Seit Juli 2025 trägt Saint-Antoine-l’Abbaye offiziell den Titel „Village Préféré des Français“. Millionen von TV-Zuschauerinnen und Zuschauernin Frankreich haben für das mittelalterliche Schmuckstück in der Isère gestimmt – und das aus gutem Grund. Zwischen gotischen Türmen, kopfsteingepflasterten Gassen und einer einzigartigen Dorfseele entfaltet sich ein Ort, der wie aus der […]

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  • Annecy im Ausnahmezustand: Warum der „Pont des Amours“ jetzt „Pont du Désamour“ heißt

    Annecy im Ausnahmezustand: Warum der „Pont des Amours“ jetzt „Pont du Désamour“ heißt

    Ein sonniger Julitag, Touristen strömen durch die malerischen Gassen von Annecy, drängen sich an den Geländern des berühmten „Pont des Amours“, blicken verträumt aufs Wasser, Smartphones gezückt. Doch diesmal bot sich ihnen ein ungewohntes Bild.

    Am 6. Juli 2025 standen dort etwa fünfzig Einwohner, Banner in den Händen, Gesichter ernst, Stimmung angespannt. Sie tauften den „Pont des Amours“ kurzerhand um – in „Pont du Désamour“. Ein Brückenschlag der besonderen Art.

    Ein symbolischer Akt mit klarer Botschaft

    Organisiert wurde diese Aktion von der Association des Résidents de la Vieille Ville d’Annecy (ARVVA) und dem Kollektiv La Colère des Glaisins. Ihr Ziel: Aufrütteln, zeigen, dass hinter der romantischen Fassade der Altstadt längst Frust und Verzweiflung gären.

    Denn der Massentourismus hat seine Schattenseiten – Lärm, überquellende Mülltonnen, verstopfte Straßen, überfüllte Seeufer und explodierende Mietpreise. Ein Alltag, der für die Bewohner immer schwerer zu ertragen ist.

    „Wir können uns kaum noch frei bewegen“, klagt eine ältere Dame. „Meine Enkel haben keinen Platz zum Spielen. Wir fühlen uns wie Statisten in einem Freizeitpark.“

    Pont des Amours oder Brücke der Enttäuschung?

    Der gewählte Ort für den Protest war kein Zufall. Der Pont des Amours, dieses Postkartenmotiv schlechthin, steht für alles, was Touristen an Annecy lieben – und was den Einwohnern zunehmend den Atem raubt.

    Indem sie ihn in „Pont du Désamour“ umbenannten, hielten die Demonstranten ihrer Stadt einen Spiegel vor. Denn Liebe, so scheint es, ist keine Einbahnstraße. Wer täglich mit den Folgen des Übertourismus lebt, verliert irgendwann sein Herz an einen anderen Ort.

    Forderungen, die aufhorchen lassen

    Die Liste der Anliegen ist klar formuliert:

    • Striktere Regulierung des Tourismus
      Weniger Mega-Events, die noch mehr Menschen anziehen.
    • Kontrolle von Kurzzeitvermietungen
      Plattformen wie Airbnb sollen begrenzt werden, um Wohnraum für Einheimische zu sichern.
    • Schutz der öffentlichen Räume
      Die Bewohner wollen ihren See, ihre Promenaden und Plätze zurück – zumindest teilweise.

    Doch kann man den Strom der Besucher einfach so eindämmen?

    Eine europäische Debatte

    Annecy ist kein Einzelfall. Von Venedig bis Dubrovnik stehen viele europäische Städte vor demselben Dilemma: Tourismus als Segen und Fluch zugleich.

    Einerseits fließt Geld in Gastronomie, Hotellerie und Stadtkassen. Andererseits erodiert die Lebensqualität der Menschen, die diese Orte einst zu dem machten, was sie heute sind.

    Wie sagte ein Aktivist am Rande der Demonstration so treffend:
    „Wir verkaufen unsere Seele – Zimmer für Zimmer, Straße für Straße, Blick für Blick.“

    Zwischen wirtschaftlicher Realität und Lebensqualität

    Annecy gilt als „Venise des Alpes“. Millionen Touristen kommen jedes Jahr wegen des türkisblauen Sees, der historischen Altstadt und der Alpenkulisse. Ein perfekter Mix, der Reiseblogs, Instagram-Feeds und Kassen klingeln lässt.

    Doch was bringt eine florierende Wirtschaft, wenn die Bevölkerung sich entfremdet fühlt?
    Wenn alteingesessene Familien wegziehen, weil sie keine bezahlbaren Wohnungen mehr finden?
    Wenn das tägliche Leben zum Hindernislauf zwischen Reisegruppen wird?

    Ein Appell für ein neues Miteinander

    Die Demonstration am 6. Juli ist mehr als nur ein lokaler Protest. Sie ist ein Aufschrei vieler europäischer Städte, die spüren, dass Wachstum nicht unendlich ist.

    Es braucht einen Dialog zwischen Stadtverwaltung, Tourismusbranche und Bürgern – ohne Beschönigungen, ohne PR-Floskeln. Nur so lässt sich ein Weg finden, der Annecy sowohl den Touristen als auch den Einheimischen erhält.

    Was nützt ein „Pont des Amours“, wenn niemand mehr dort lebt, der ihn liebt?

    Ein Weckruf, der nachhallt

    Mit ihrer symbolischen Umbenennung haben die Menschen von Annecy ein starkes Zeichen gesetzt. Kein Hass gegen Touristen, sondern eine stille Bitte: Seht uns. Hört uns. Nehmt Rücksicht.

    Vielleicht ist das der erste Schritt hin zu einem neuen Modell – einem, das Liebe nicht nur als Selfiehintergrund versteht, sondern als respektvolles Miteinander von Gästen und Bewohnern.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Loire – Frankreichs unterschätzte Perle der Stille

    Loire – Frankreichs unterschätzte Perle der Stille

    Wer hätte gedacht, dass es mitten in Frankreich einen Ort gibt, der so unaufgeregt und gleichzeitig so reich an Leben ist? Das „Département de la Loire“ – bislang eher ein grauer Fleck auf der touristischen Landkarte – zieht plötzlich alle Blicke auf sich. Zwischen wilden Schluchten, mittelalterlichen Burgen und weichen Bergsilhouetten erfindet sich diese Region […]

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  • Port-Cros: Wie ein französischer Inselpark das Mittelmeer schützt – und was wir daraus lernen können

    Port-Cros: Wie ein französischer Inselpark das Mittelmeer schützt – und was wir daraus lernen können

    Port-Cros. Klingt wie ein Ferienort, ist aber viel mehr als das: ein Schutzschild für das Mittelmeer. Inmitten wachsender Umweltprobleme und globaler Biodiversitätsverluste zeigt dieser französische Nationalpark, wie Naturschutz nicht nur effektiv, sondern auch gemeinschaftlich gelingen kann.

    Seit 1963 ist Port-Cros offiziell Nationalpark – der erste in Europa mit einem marinen Fokus. Doch was macht ihn so besonders?

    Eine Schatzkiste aus Meer und Land

    Der Nationalpark erstreckt sich über 1.700 Hektar an Land und knapp 3.000 Hektar im Meer. Die Kulisse: Felsige Inseln, türkisfarbenes Wasser, stille Buchten. Doch das wahre Wunder spielt sich unter der Wasseroberfläche ab.

    Ein Herzstück des Schutzkonzepts sind sogenannte „Réserves intégrales“. Hier gilt: kein Angeln, kein Tauchen, kein Wassersport – absolute Ruhe für die Natur. Und siehe da: Arten, die andernorts verschwinden, kommen hier in großer Zahl zurück. Paradebeispiel? Der Zackenbarsch. In Port-Cros schwimmt er wie ein König durch seine Riffe.

    Gemeinsam statt gegeneinander

    Was Port-Cros so anders macht: Die Menschen vor Ort wurden von Anfang an mit ins Boot geholt. Fischer, Tauchschulen, Hoteliers und Gemeinden gestalten die Regeln mit – ein echtes Miteinander.

    Diese Einbindung zahlt sich aus. Es gibt klar geregelte Zonen, in denen traditionell und nachhaltig gefischt werden darf. Und auch in der Bildung wird kräftig gearbeitet – Umweltbildung in Schulen, Infoveranstaltungen für Besucher, Kooperationen mit lokalen Organisationen. So wird Naturschutz zur Herzensangelegenheit.

    Man merkt: Hier hat niemand einfach „von oben herab“ entschieden. Stattdessen wurde diskutiert, gestritten, gelacht – bis alle an einem Strang gezogen haben.

    Tourismus: Fluch oder Segen?

    Natürlich kommen viele, die die Schönheit dieser Inselwelt erleben wollen. Gerade im Sommer quellen Fähren und Strände über. Das ist gut fürs Geschäft, aber kritisch fürs Ökosystem.

    Deshalb lenkt man Besucherströme gezielt. Zum Beispiel mit einem Unterwasserpfad in der Bucht von La Palud. Mit Maske und Schnorchel entdecken Gäste die Unterwasserwelt – begleitet von Infotafeln. Wer sich einmal Auge in Auge mit einer Seegurke wiederfand, denkt zweimal nach, bevor er Müll ins Meer wirft.

    Doch klar: Es bleibt eine Herausforderung, zwischen Naturschutz und Tourismus die Balance zu halten. Die Parkleitung weiß das – und bleibt dran.

    Mehr als nur ein französischer Park

    Port-Cros ist längst kein lokales Projekt mehr. Der Park ist Teil des MedPAN-Netzwerks – einem Zusammenschluss mariner Schutzgebiete im Mittelmeerraum. Wissen wird geteilt, Erfahrungen ausgetauscht, Strategien weiterentwickelt.

    Zudem spielt Port-Cros eine führende Rolle im PELAGOS-Abkommen – einem trilateralen Schutzgebiet für Meeressäuger zwischen Frankreich, Italien und Monaco. Delfine und Wale sollen dort in Ruhe durchs Mittelmeer ziehen können.

    All das zeigt: Port-Cros ist nicht nur ein Ort – es ist ein Modell. Ein Beispiel dafür, wie Schutz, Wissenschaft und Gemeinschaft funktionieren können.

    Ein Park als Lehrmeister

    Der große Erfolg von Port-Cros liegt nicht in einem einzigen Trick. Es ist das Zusammenspiel – aus klaren Regeln, gelebter Zusammenarbeit, wissenschaftlicher Begleitung und einer ordentlichen Portion Leidenschaft.

    Gerade in Zeiten, in denen Schlagzeilen über sterbende Riffe und Plastikfluten dominieren, sendet Port-Cros ein ermutigendes Signal: Es geht auch anders. Es gibt Hoffnung. Und ja – es ist möglich, Biodiversität nicht nur zu bewahren, sondern ihr wieder Raum zu geben.

    Vielleicht ist es an der Zeit, sich öfter an Orte wie Port-Cros zu erinnern. Orte, an denen Natur nicht museal verwahrt wird, sondern lebendig bleiben darf. Wo Mensch und Natur nicht Gegenspieler, sondern Partner sind.

    Denn am Ende bleibt eine Frage: Wenn es hier funktioniert – warum nicht auch anderswo?

    Von Andreas M. Brucker

  • Verbotene Bauten am Fuß der großen Düne: Streit um Camping-Rekonstruktionen in der Gironde

    Verbotene Bauten am Fuß der großen Düne: Streit um Camping-Rekonstruktionen in der Gironde

    Wo einst Zelte unter Kiefern standen und Familien dem Rauschen des Atlantiks lauschten, herrscht derzeit Baustopp, Aufruhr und Unverständnis. Die Rede ist von den Campingplätzen zu Füßen der Düne du Pilat – Frankreichs größter Wanderdüne – in der Gironde. Nach den verheerenden Waldbränden im Sommer 2022 standen viele dieser traditionsreichen Urlaubsorte buchstäblich in Flammen. Jetzt, wo der Wiederaufbau eigentlich Hoffnung bringen sollte, brodelt es erneut – diesmal nicht wegen Hitze, sondern wegen Beton.

    Camping im Zwielicht

    Am 2. Juni 2025 gab die Staatsanwaltschaft Bordeaux grünes Licht für die Wiederöffnung zweier beliebter Plätze: „Panorama“ und „Les Flots Bleus“. Die Bedingung? Sofortige Rückbauarbeiten und strikte Einhaltung der Vorgaben. Doch während sich dort wieder Camper sonnen dürfen, bleibt ein anderer Platz geschlossen: das Pyla Camping.

    Und das hat Gründe.

    Im März 2025 verhängte die Stadtverwaltung einen Baustopp über Pyla Camping. Der Vorwurf: illegale Bauarbeiten mit Beton – ein No-Go in einem Naturgebiet von solcher Bedeutung. Die Düne du Pilat ist als geschützter Naturraum klassifiziert, ihre Ökosysteme sensibel und teils einzigartig in Europa. Der Boden dort ist ständig in Bewegung, Flora und Fauna reagieren empfindlich auf jede Veränderung.

    Wilde Bauten in der Wildnis

    Doch was ist da eigentlich schiefgelaufen? Laut Berichten haben die Betreiber des Pyla Campings ohne Genehmigung massive Betonfundamente errichtet – trotz klarer Auflagen, die nur leichte und reversible Bauformen erlauben. Die Behörden griffen durch: ein sofortiger Baustopp und Ermittlungen wegen Verstößen gegen das Umwelt- und Baurecht.

    Für viele Anwohner war das ein Schock. Einerseits, weil sie gehofft hatten, dass der Wiederaufbau endlich wieder Arbeitsplätze und Leben bringt. Andererseits, weil viele befürchteten, dass die charakteristische Dünenlandschaft in ein weiteres Stück Ferienindustrie umgewandelt werden könnte.

    Ein Balanceakt zwischen Erholung und Erhaltung

    Die Düne du Pilat ist mehr als ein Instagram-Hotspot. Sie ist ein lebender Organismus, der sich mit dem Wind verschiebt, der Lebensraum bietet und der nicht einfach zugebaut werden darf. Wer dort etwas errichtet, muss das mit größter Rücksicht tun.

    Die aktuelle Debatte wirft deshalb eine alte, aber stets brennende Frage neu auf: Wie viel Tourismus verträgt die Natur?

    Der Wunsch nach naturnahem Urlaub ist groß – keine Frage. Doch gerade dieser Wunsch droht zur Gefahr zu werden, wenn die Infrastruktur dafür nicht behutsam und gesetzeskonform entsteht. Wenn statt Holzhütten plötzlich Betonburgen im Dünensand stehen, dann läuft etwas gewaltig schief.

    Ein Weckruf für Politik und Betreiber

    Es braucht klare Regeln – und noch klarere Kontrollen. Die Behörden zeigen nun, dass sie bereit sind, auch durchzugreifen. Das ist richtig so. Denn wenn Schlupflöcher genutzt oder Genehmigungen ignoriert werden, leidet nicht nur die Natur, sondern auch das Vertrauen der Öffentlichkeit.

    Die Campingplatzbetreiber wiederum sind in der Pflicht, Transparenz zu zeigen. Wer nachhaltig wirtschaften will, muss mit der Landschaft arbeiten, nicht gegen sie. Die Auswahl der Materialien – Holz, Segeltuch, mobile Bauformen – kann dabei den Unterschied machen.

    Ein Stück französisches Erbe bewahren

    Die Düne du Pilat ist ein Schatz. Wer einmal oben gestanden und auf den Ozean geblickt hat, weiß das. Sie braucht keine monströsen Anlagen, keine Schnellschüsse – sie braucht Respekt.

    Vielleicht war der Skandal um Pyla Camping genau das, was es gebraucht hat, um eine breitere Debatte anzustoßen. Über die Zukunft des naturnahen Tourismus. Über die Rolle der Gemeinden. Und darüber, ob wir wirklich lernen, mit der Natur zu leben – oder sie doch immer wieder übergehen.

    Denn eines ist sicher: Eine Düne vergisst nicht. Und sie verzeiht auch nicht alles.

    Von Andreas M. Brucker