Schlagwort: Meinung

  • Adieu, humanitäre Hilfe! Frankreich entdeckt den Rotstift

    Adieu, humanitäre Hilfe! Frankreich entdeckt den Rotstift

    Kommentar Nun also Frankreich. Ausgerechnet Frankreich! Das Land der Menschenrechte, der droits de l’homme, der großen Worte, der großen Gesten, der großen internationalen Konferenzen. Frankreich, das sich gerne als moralische Weltmacht versteht, auch wenn es mit der materiellen Weltmacht gelegentlich etwas schwieriger wird. Und jetzt heißt es offenbar: Liberté, Égalité, Fraternité – aber bitte nur, solange es die Haushaltslage zulässt. Denn Paris kürzt seine Entwicklungshilfe. Wieder. Und zwar nicht mit der Nagelschere. Hier kommt inzwischen die Motorsäge zum Einsatz. Der französische Haushaltsentwurf für 2027 sieht vor, die Zahlungskredite der staatlichen Entwicklungshilfe von rund 3,6 auf 3,2 Milliarden Euro zu reduzieren. Das sind weitere 400 Millionen Euro weniger, ein Minus von 11 Prozent binnen eines Jahres. Noch drastischer sieht es bei den sogenannten Verpflichtungsermächtigungen aus: Sie sollen von 4,33 auf 2,47 Milliarden Euro sinken – minus 43 Prozent. Und bevor jetzt jeman…

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  • Mein Sohn ist 16, er protestiert – und ich soll zahlen?

    Mein Sohn ist 16, er protestiert – und ich soll zahlen?

    Kommentar

    Mein Sohn ist 16. Sechzehn! In diesem Alter kann er morgens seine Sportsachen vergessen, mittags sein Handy verlieren und abends mit absoluter Gewissheit erklären, dass ich keine Ahnung vom Leben habe. Aber wenn er bei einer Demonstration mit den falschen Leuten herumsteht, soll plötzlich die finanzielle Verantwortung bis in die Familienkasse reichen?

    Willkommen bei «casseurs-payeurs».

    Natürlich klingt das wunderbar. Krawallmacher zahlen! Wer eine Bushaltestelle zerlegt, ein Auto anzündet oder einen Laden plündert, soll für den Schaden geradestehen. Darüber muss man nicht lange diskutieren. Wer etwas kaputtmacht, bezahlt es.

    Aber genau da beginnt das Problem: Der Gesetzentwurf richtet sich eben nicht nur gegen denjenigen, der den Pflasterstein wirft. Er kann unter bestimmten Voraussetzungen auch Menschen treffen, die selbst gar nichts zerstört haben.

    Mein Sohn also.

    Papa, ich war nur dabei!

    Nehmen wir an, 300 Schüler demonstrieren. Einige Chaoten zünden Mülltonnen an. Die Polizei fordert die Menge auf, sich aufzulösen. Mein Sohn bleibt.

    Warum?

    Vielleicht aus Protest. Vielleicht weil seine Freunde noch da sind. Vielleicht weil er mit 16 genau jene bemerkenswerte Mischung aus Selbstüberschätzung und Orientierungslosigkeit besitzt, die Jugendliche seit Erfindung der Pubertät auszeichnet.

    Und nun beginnt die juristische Feinarbeit: Hat er gewusst, dass andere randalieren? Hat er die Aufforderung zur Auflösung verstanden? Ist er freiwillig geblieben? Welche Schäden entstanden danach?

    Das muss ein Gericht klären.

    Immerhin!

    Denn andernfalls könnten wir das Verfahren erheblich vereinfachen: Polizist fotografiert Jugendlichen, Computer sucht Eltern heraus, und drei Wochen später kommt der Brief: «Herzlichen Glückwunsch! Ihr Sohn wurde am Rande einer brennenden Mülltonne gesehen. Macht 10 000 Euro.»

    Erziehung per Kontopfändung?

    Besonders pikant wird es, wenn Familienleistungen ins Spiel kommen. Der Gesetzentwurf eröffnet nach einer endgültigen Verurteilung Möglichkeiten, bestimmte Sozialleistungen zur Begleichung von Schadenersatz heranzuziehen.

    Da wird aus dem politischen Prinzip «Krawallmacher zahlen» schnell: Papa und Mama merken es auf dem Konto.

    Natürlich sollen Eltern Verantwortung übernehmen. Natürlich sollen Jugendliche lernen, dass Handlungen Konsequenzen haben.

    Aber Verantwortung funktioniert auch in die andere Richtung: Der Staat muss exakt beweisen, wer wofür verantwortlich ist.

    Das ist keine juristische Spitzfindigkeit. Das ist der Unterschied zwischen individueller Haftung und Sippenhaftung mit Verwaltungsformular.

    Der Conseil d’État hat deshalb wichtige Grenzen verlangt: blosse Anwesenheit reicht nicht. Es braucht Wissen um die Gewalt, freiwilliges Verbleiben trotz Aufforderung zur Auflösung und einen klaren zeitlichen und örtlichen Zusammenhang.

    Und das ist richtig so.

    Denn mein Sohn darf für seine eigenen Fehler bezahlen. Er darf auch lernen, dass Protest kein Freibrief für Gewalt ist.

    Aber wenn irgendein vermummter Idiot hundert Meter weiter eine Scheibe einschlägt, möchte ich doch eine etwas bessere Begründung hören als:

    «Ihr Sohn war halt auch da.»

    Daniel Ivers

  • Genug ist genug!

    Genug ist genug!

    Kommentar

    GENUG IST GENUG!

    Frankreichs Schüler haben offenbar einen geradezu unverschämten Wunsch: Sie möchten in der Schule Unterricht haben.

    Ja, wirklich! Unterricht! Mit Lehrern! In funktionierenden Gebäuden! Mit Computern, die nicht beim Öffnen eines Programms röcheln wie ein Renault 5 nach 400.000 Kilometern!

    Was kommt als Nächstes? Wasser aus dem Wasserhahn? Züge, die fahren? Behörden, die ans Telefon gehen?

    Die Jugendlichen sollen Leistung bringen. Immer schön Leistung! Gute Noten, gutes Bac, guter Lebenslauf. Parcoursup kontrollieren, Zukunft planen, bloß keinen Fehler machen. Mit 17 Jahren sollst du bitteschön wissen, was du mit 37 machen willst.

    Aber wenn montags der Mathematiklehrer fehlt?

    Tja.

    Pech gehabt, Kevin! Der Staat arbeitet an einem Konzept!

    Und genau deshalb stehen inzwischen Schüler vor ihren Lycées und sagen: Es reicht.

    Und was macht Frankreich?

    Frankreich macht, was Frankreich immer macht.

    Zuerst hört keiner zu.

    Dann demonstrieren ein paar Leute.

    Dann blockieren sie etwas.

    Dann kommt die Polizei.

    Dann brennen Mülltonnen.

    Dann erklären Politiker, Gewalt sei keine Lösung.

    UND DANN ERÖFFNET DAS MINISTERIUM EINE DIALOGPLATTFORM!

    Eine Dialogplattform!

    Natürlich!

    Denn nichts sagt so sehr „Wir hören euch zu“ wie ein Onlineformular, nachdem vorher fast zweitausend Menschen festgenommen wurden.

    Dabei ist die ursprüngliche Forderung dieser Jugendlichen geradezu erschütternd langweilig: Lehrer. Personal. Ordentliche Gebäude. Psychologen. Krankenschwestern. Studienplätze. Faire Chancen.

    Das ist keine bolschewistische Revolution!

    Die wollen keine Produktionsmittel verstaatlichen.

    DIE WOLLEN MATHEUNTERRICHT!

    Und natürlich gibt es inzwischen Gewalt. Brandstiftung, Angriffe, Sachbeschädigung – dafür gibt es keine Rechtfertigung. Wer Lehrer, Polizisten oder Feuerwehrleute angreift, kämpft nicht für bessere Bildung, sondern sorgt zuverlässig dafür, dass über alles gesprochen wird – nur nicht mehr über Bildung.

    Aber genau deshalb darf die Politik jetzt nicht den bequemen Trick anwenden und aus jedem Schüler mit einem Protestplakat einen potentiellen Randalierer machen.

    Denn hinter dem ganzen Lärm steckt eine verdammt einfache Frage.

    Frankreich erzählt seinen Kindern seit Generationen von der republikanischen Schule. Von Gleichheit. Von Aufstieg durch Bildung. Davon, dass es keine Rolle spielen soll, ob du aus einem schicken Pariser Viertel kommst oder aus Aubervilliers.

    Schön.

    Dann liefert!

    Denn dasselbe Abitur bei völlig unterschiedlichen Bedingungen ist keine Gleichheit. Es ist Gleichheit auf dem Papier.

    Und während in Paris Statistiken erklären, dass Schülerzahlen sinken und Betreuungsverhältnisse rechnerisch besser werden, sitzt irgendwo ein Jugendlicher in Créteil und fragt:

    „Interessant. Und wo ist jetzt mein Lehrer?“

    Genau darum geht es.

    Eine Generation, der Erwachsene seit Jahren erklären, sie müsse funktionieren, verlangt plötzlich dasselbe vom Staat.

    Und darauf gibt es eigentlich nur eine vernünftige Antwort:

    Sorgt dafür, dass die verdammten Schulen funktionieren!

    Genug ist genug.

    Christine Macha

  • Hm, warum wohl traut man ihm das zu?

    Hm, warum wohl traut man ihm das zu?

    Kommentar Hm. Warum wohl traut man Jordan Bardella so etwas zu? Das ist doch eigentlich die interessanteste Frage an dieser ganzen Geschichte. Mediapart veröffentlicht Nachrichten aus den Jahren 2013 bis 2015, die Bardella zugeschrieben werden und antisemitische Verschwörungserzählungen enthalten sollen. Bardella sagt: Fälschung! „Grobe Fälschungen“ sogar. Er hat Mediapart wegen Verleumdung verklagt. Mediapart wiederum erklärt: Doch, authentifiziert – und weitere Belege folgen. Also: Bis die Beweise auf dem Tisch liegen, wissen wir nicht, wer recht hat. Aber jetzt kommt der interessante Teil. Warum explodiert diese Geschichte eigentlich derart? Vielleicht, weil wir hier nicht über den Vorsitzenden des französischen Kaninchenzüchterverbandes reden. Bardella führt den Rassemblement National. Also jene Partei, die früher Front National hieß und deren Gründer Jean-Marie Le Pen jahrzehntelang dafür sorgte, dass man beim Wort „Entdämonisierung“ überhaupt erst erklären musste, welcher Dämon d…

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  • Frankreichs ewiges Dilemma: Erst wenn es brennt, wird zugehört

    Frankreichs ewiges Dilemma: Erst wenn es brennt, wird zugehört

    Kommentar Ach, Frankreich! Dieses wunderbare Land hat offenbar eine ganz besondere Form der politischen Kommunikation erfunden: Man ignoriert ein Problem so lange, bis jemand eine Mülltonne anzündet. Und dann stellt sich ein Minister vors Mikrofon und erklärt mit bedeutungsschwerer Miene: Die Forderungen sind legitim. Ach was! Lehrer fehlen? Seit Monaten bekannt. Klassen mit mehr als 30 Schülern? Überraschung! Gebäude im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt? Wer hätte das ahnen können – außer Schülern, Lehrern, Eltern, Schulleitern und vermutlich dem Hausmeister? Aber der französische Staat besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit: Er kann Probleme jahrelang übersehen und sie innerhalb von 24 Stunden entdecken, sobald Bereitschaftspolizisten vor einem Lycée stehen. Und genau da beginnt der Irrsinn. Denn natürlich sind Feuerwerksmörser, abgeschossen auf Schulleiter, keine politische Meinungsäußerung. Lehrer zu schlagen ist kein Schülerprotest. Schulen gewaltsam abzuriegeln auch nicht. Gewalt …

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  • Bravo, la police française – der Wilde Westen liegt offenbar bei Lyon

    Bravo, la police française – der Wilde Westen liegt offenbar bei Lyon

    Kommentar

    Man muss den französischen Sicherheitsbehörden gratulieren. Endlich ist eines der großen Probleme unserer Zeit gelöst. Nicht Drogenhandel, Einbruchskriminalität oder organisierte Banden haben in Saint-Priest den entscheidenden Schlag erhalten – nein, ein Hochzeitskorso.

    Bilanz des glorreichen Feldzuges: 87 Verwarnungen beziehungsweise Anzeigen, 10.945 Euro Bußgelder und sagenhafte 242 Führerscheinpunkte.

    Bravo, la police française!

    Man fühlt sich ein wenig wie im Wilden Westen. Nur dass der Sheriff diesmal offenbar mit Taschenrechner, Videokamera und einem besonders großen Block für Strafzettel ausgerückt ist.

    Damit kein Missverständnis entsteht: Wer Straßen blockiert, auf Busspuren fährt, andere Verkehrsteilnehmer gefährdet oder glaubt, eine Hochzeit verwandle die Straßenverkehrsordnung vorübergehend in eine unverbindliche Empfehlung, muss mit Konsequenzen rechnen. Darüber gibt es wenig zu diskutieren.

    Aber 242 Punkte?

    Bei rund 50 Fahrzeugen?

    Da beginnt selbst der nüchterne Beobachter kurz nachzurechnen.

    Natürlich verteilen sich diese Punkte auf zahlreiche Fahrer. Und natürlich können sich bei mehreren Verstößen schnell beträchtliche Summen addieren. Trotzdem erinnert die stolz präsentierte Gesamtbilanz ein wenig an die Ergebnistafel eines besonders erfolgreichen Jagdausflugs: 87 Treffer, 10.945 Euro Beute, 242 Punkte erlegt.

    Fehlt eigentlich nur noch ein Gruppenfoto vor dem Rathaus.

    Das eigentliche Problem liegt deshalb nicht darin, dass die Polizei eingeschritten ist. Sie musste einschreiten, sofern andere Verkehrsteilnehmer gefährdet wurden. Interessant ist vielmehr die Frage nach der Verhältnismäßigkeit.

    Denn wenn nach einem einzigen Hochzeitskorso eine Bilanz entsteht, die sich liest, als habe eine motorisierte Bande versucht, Saint-Priest zu übernehmen, möchte man schon gern wissen, was genau passiert ist.

    Und genau das wissen wir bislang nicht.

    Die 87 einzelnen Verstöße wurden nicht detailliert veröffentlicht. Damit fehlt ausgerechnet jene Information, die nötig wäre, um beurteilen zu können, ob hier konsequent Recht durchgesetzt oder mit bemerkenswertem Eifer ein Exempel statuiert wurde.

    Vielleicht war jede einzelne Sanktion vollkommen gerechtfertigt.

    Vielleicht aber wollte man auch demonstrieren: Mit uns nicht.

    Das wäre menschlich verständlich, juristisch allerdings eine etwas andere Kategorie. Polizei und Kommunen sollen Regeln durchsetzen. Sie sollen keine pädagogischen Strafexpeditionen veranstalten.

    Besonders kurios wirkt deshalb der fast triumphale Umgang mit der Zahl von 242 Punkten. Verkehrssicherheit ist schließlich kein Wettbewerb zwischen Rathaus und Hochzeitsgesellschaft.

    Wer gefährlich fährt, gehört bestraft.

    Aber auch der Staat sollte gelegentlich daran denken, dass zwischen Konsequenz und Demonstration ein kleiner, aber entscheidender Unterschied liegt.

    Sonst bleibt am Ende tatsächlich ein merkwürdiger Eindruck zurück:

    Der Wilde Westen beginnt nicht dort, wo Menschen hupend durch Saint-Priest fahren.

    Sondern vielleicht dort, wo der Sheriff nachher stolz seine Kerben zählt.

    Andreas M. Brucker

  • Der Papst kommt – die Patienten warten

    Der Papst kommt – die Patienten warten

    Kommentar

    Manchmal schreibt die Wirklichkeit Satiren, bei denen jeder Redakteur sagen würde: ein bisschen weniger dick auftragen, bitte.

    Am Freitag kommt Papst Leo XIV. nach Paris. Das Oberhaupt der katholischen Kirche besucht Notre-Dame, also jenen Ort, an dem über Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Mitgefühl und die Sorge um Schwache seit Jahrhunderten nicht gerade wenig gesprochen wird.

    Und was passiert direkt nebenan?

    Im Hôtel-Dieu werden wegen der Sicherheitsmaßnahmen medizinische Termine verschoben und Zugänge eingeschränkt.

    Man muss diesen Satz eigentlich nur zweimal lesen.

    Der Papst kommt.

    Und Kranke müssen warten.

    Nicht, weil Ärzte streiken. Nicht, weil ein Computertomograph kaputt ist. Nicht, weil ein Wasserrohr geplatzt ist.

    Sondern weil ein religiöses Oberhaupt vorbeikommt.

    Das ist schon eine bemerkenswerte Form christlicher Symbolpolitik.

    Natürlich braucht ein Papst Schutz. Selbstverständlich. Niemand schlägt ernsthaft vor, Leo XIV. ohne Personenschutz über den Vorplatz von Notre-Dame spazieren zu lassen und darauf zu vertrauen, dass alle nett zueinander sind.

    Paris hat Erfahrung mit Terroranschlägen. Die Sicherheitsbehörden tragen Verantwortung. Das ist keine Nebensache.

    Aber genau deshalb existieren Sicherheitskonzepte.

    Ein Sicherheitskonzept soll Probleme lösen.

    Es soll nicht einfach andere Probleme schaffen und sie anschließend mit dem Wort „Sicherheit“ beschriften.

    Denn im Hôtel-Dieu geht es nicht darum, ob Monsieur Dupont am Freitag seinen Friseurtermin wahrnehmen kann. Es geht um MRT- und CT-Untersuchungen. Um Menschen, die teilweise seit Monaten auf Termine warten. Um Untersuchungen, bei denen es im schlimmsten Fall um schwere Erkrankungen geht.

    Und da wird die Geschichte plötzlich weniger komisch.

    Eine verschobene medizinische Untersuchung ist nämlich kein logistisches Detail.

    Für Behörden ist es ein Termin im Kalender.

    Für Patienten kann es die Frage sein, ob eine Diagnose am Freitag oder erst Wochen später gestellt wird.

    Die Gewerkschaft CGT nennt das „nicht akzeptabel“.

    Das klingt fast erstaunlich zurückhaltend.

    Denn besonders überzeugend wirkt die Begründung spätestens dann nicht mehr, wenn andere Einrichtungen innerhalb der Sicherheitszonen Lösungen finden.

    Das Institut Curie etwa hält den Zugang für Patienten mit Terminbestätigung und Ausweis aufrecht.

    Auch beim Palais de Justice wurden besondere Regelungen getroffen.

    Aha.

    Ein Gericht bekommt also einen geregelten Zugang.

    Andere medizinische Einrichtungen bekommen einen geregelten Zugang.

    Aber beim Hôtel-Dieu führt der Besuch des Papstes zu Einschränkungen, die medizinische Termine betreffen.

    Da drängt sich eine Frage geradezu auf:

    Warum geht dort nicht, was anderswo offenbar geht?

    Und bitte jetzt nicht einfach „Sicherheit“ sagen.

    Das ist keine Antwort.

    Das ist eine Überschrift.

    Man kann sich die Planungsbesprechung ungefähr vorstellen.

    Notre-Dame?

    Absperren.

    Straßen?

    Absperren.

    Métrostationen?

    Schließen.

    Krankenhaus?

    Schwierig.

    Patienten?

    Kommen später.

    Problem gelöst.

    So einfach ist moderne Großereignislogistik.

    Nur leider hat der menschliche Körper die unangenehme Angewohnheit, sich nicht an Protokollabteilungen zu halten.

    Ein verdächtiger Befund sagt nicht: „Ach, der Papst ist am Freitag da? Dann warten wir selbstverständlich bis Montag.“

    Ein Tumor respektiert keine Sicherheitszone.

    Eine Krankheit zeigt am Kontrollpunkt auch keinen Presseausweis vor.

    Und genau deshalb wirkt dieser Fall so grotesk.

    Das Hôtel-Dieu heißt übersetzt „Haus Gottes“.

    Es steht seit Jahrhunderten neben Notre-Dame.

    Und ausgerechnet wenn der Papst kommt, wird der Zugang zum Haus Gottes für viele Kranke komplizierter.

    Mehr Symbolik bekommt man selbst mit professioneller Dramaturgie kaum hin.

    Vielleicht wäre das sogar eine interessante Frage für Leo XIV. persönlich.

    Was hätte eigentlich Vorrang?

    Der möglichst reibungslose Ablauf eines Papstbesuchs?

    Oder der möglichst reibungslose Zugang eines Kranken zu seiner Untersuchung?

    Die Antwort dürfte theologisch nicht besonders kompliziert sein.

    Verwaltungstechnisch offenbar schon.

    Man muss auch nicht die Sicherheitsbehörden zum Feindbild erklären. Natürlich stehen sie vor einer schwierigen Aufgabe. Der Schutz eines Papstes mitten im historischen Zentrum von Paris ist organisatorisch anspruchsvoll. Île de la Cité, Notre-Dame, Touristenströme, Verkehr, Terrorgefahr – das alles verlangt erhebliche Maßnahmen.

    Aber gerade deshalb darf man mehr erwarten als die bequemste Lösung.

    Sperren kann jeder.

    Organisieren ist schwieriger.

    Und genau darum geht es.

    Wenn Patienten mit Ausweis und Terminbestätigung anderswo kontrolliert durch Sicherheitszonen gelangen können, dann ist die Forderung nicht revolutionär, Ähnliches auch für ein Krankenhaus zu ermöglichen.

    Dafür braucht man keine Grundsatzdebatte über Religion.

    Man braucht Türen, Listen, Kontrollen und Beamte.

    Also ziemlich genau jene Dinge, die ein Sicherheitsapparat normalerweise beherrschen sollte.

    Die CGT hatte sich deshalb bereits direkt an Leo XIV. gewandt. Ein bemerkenswerter Vorgang.

    Eine Gewerkschaft schreibt dem Papst, damit Patienten wegen seines Besuchs nicht auf ihre Behandlung verzichten müssen.

    Allein dieser Satz müsste irgendwo in der Pariser Verwaltung einen Alarm auslösen.

    Nicht den Terroralarm.

    Den Absurditätsalarm.

    Denn niemand wirft dem Papst persönlich vor, MRT-Termine zu streichen.

    Natürlich nicht.

    Aber Großereignisse zeigen eben immer auch, welche Prioritäten ein Staat setzt, wenn verschiedene Interessen miteinander kollidieren.

    Und hier kollidieren zwei ausgesprochen gewichtige Interessen: Sicherheit und Gesundheitsversorgung.

    Beides muss möglich sein.

    Genau dafür gibt es Planung.

    Wenn die Lösung am Ende lautet, dass der hohe Gast geschützt wird und einige Kranke eben warten müssen, dann hat man das Problem nicht gelöst.

    Man hat es nur weitergereicht.

    An diejenigen, die sich am schlechtesten dagegen wehren können.

    Vielleicht liegt genau darin die bitterste Pointe dieser Geschichte.

    Leo XIV. reist nach Frankreich und wird zweifellos über Frieden, Menschlichkeit, Solidarität und die Würde des Einzelnen sprechen.

    Während wenige Meter entfernt womöglich jemand vor seinem Telefon sitzt und liest:

    Ihr Untersuchungstermin muss leider verschoben werden.

    Wegen des Papstes.

    Man könnte darüber lachen.

    Wenn es nicht so traurig wäre.

    Christine Macha

  • In Frankreich beginnt der Herbst – der Sommer weiß nur nichts davon

    In Frankreich beginnt der Herbst – der Sommer weiß nur nichts davon

    Kommentar

    Herzlichen Glückwunsch, Frankreich!

    Es ist Herbst.

    Steht jedenfalls im Kalender.

    Die Natur selbst hat diese Information offenbar noch nicht erhalten. Wahrscheinlich liegt das Schreiben irgendwo in Paris auf einem Schreibtisch. Bearbeitungszeit: sechs bis acht Wochen.

    Früher begann jetzt jene Zeit, in der Nebel über den Weinbergen lag, Kastanien auf die Straßen fielen und man abends erstmals wieder eine Jacke brauchte.

    Heute öffnet man Ende September die Tür und denkt: Wer hat den Backofen angelassen?

    Der Sommer macht einfach weiter.

    Noch Anfang September lagen die Temperaturen in Teilen Frankreichs jenseits von 35 Grad. Früher nannte man das Hochsommer. Heute heißt es gern „ungewöhnlich warme Witterungsphase“.

    Ungewöhnlich?

    Wenn etwas regelmäßig passiert, ist es irgendwann nicht mehr ungewöhnlich.

    Der Herbst verschwindet nicht. Er wird langsam eingequetscht zwischen einem Sommer, der seinen Hintern nicht aus dem Liegestuhl bekommt, und einem Winter, der irgendwann überraschend um die Ecke biegt.

    Montag: 31 Grad.

    Dienstag: Gewitter.

    Mittwoch: Überschwemmung.

    Donnerstag: 14 Grad.

    Freitag: wieder 27.

    Und irgendwo steht jemand vor dem Kleiderschrank und schreit: WAS SOLL ICH DENN JETZT ANZIEHEN?

    Das wäre lustig, wenn dahinter nicht ein ernstes Problem stünde.

    Wochenlange Trockenheit lässt Böden austrocknen. Kommt endlich Regen, dann immer wieder mit solcher Wucht, dass Wasser oberflächlich abfließt, Straßen überflutet und Keller volllaufen.

    Frankreich erlebt damit eine klimatische Absurdität: Wassermangel und Überschwemmungen können Teil derselben Saison sein.

    Fantastisch.

    Zu wenig Wasser und zu viel Wasser gleichzeitig.

    Auch die Wälder bekommen ihr neues Rundumprogramm: Hitze, Trockenstress, Schädlinge und eine verlängerte Brandsaison.

    Natürlich verlängern wir ausgerechnet DIESE Saison!

    Badesaison verlängern? Wunderbar.

    Terrassensaison verlängern? Herrlich.

    Waldbrandsaison verlängern?

    JA, HER DAMIT!

    Für Frankreichs Landwirtschaft hört der Spaß endgültig auf. Weinlesen verschieben sich nach vorn, Hitze und Trockenheit beeinflussen Reben, Erträge und Qualität. Auch Obst-, Gemüse- und Getreideanbau geraten unter Druck.

    Eine Rebe ist schließlich kein Getränkeautomat.

    Man wirft oben Sonne hinein und unten kommt Bordeaux heraus.

    Landwirtschaft lebt von Rhythmen – von Niederschlag, Temperaturen, Böden und Jahreszeiten. Verschieben sich diese Bedingungen, verändern sich Kosten, Erträge und langfristig ganze Anbaugebiete.

    Und dann wäre da noch das Wasser.

    Dieses vollkommen überschätzte Zeug, das Pflanzen und Menschen aus unerfindlichen Gründen ständig verlangen.

    Wer darf wie viel entnehmen? Wer muss sparen? Was bekommt die Landwirtschaft, was die Industrie, was bleibt für Flüsse und Ökosysteme?

    Das sind längst keine Fragen für irgendein fernes Jahr 2100.

    Sie liegen auf dem Tisch.

    Jetzt.

    Auch die Städte spüren den verlängerten Sommer. Asphalt und Beton speichern Wärme, Nächte kühlen schlechter aus. Was beim abendlichen Restaurantbesuch mediterran wirken mag, bedeutet für ältere und gesundheitlich belastete Menschen zusätzlichen Stress.

    Und erinnern wir uns an 2003?

    Damals galt Frankreichs große Hitzewelle als historischer Schock.

    Ein Weckruf.

    Der Wecker klingelt inzwischen seit über zwanzig Jahren.

    IRGENDJEMAND SOLLTE LANGSAM MAL AUFSTEHEN!

    Denn Klimawandel bedeutet nicht, dass Frankreich nächsten Donnerstag plötzlich zur Sahara wird.

    Er verschiebt Grenzen.

    Die Hitze beginnt früher.

    Sie bleibt länger.

    Trockenperioden dauern an.

    Starkregen fällt heftiger.

    Ernten verschieben sich.

    Wälder geraten unter Stress.

    Und jedes einzelne Ereignis lässt sich wunderbar kleinreden.

    „So einen heißen September gab es früher auch.“

    Natürlich.

    Es gab auch früher Dürren, Überschwemmungen und Waldbrände.

    Entscheidend sind Häufigkeit, Dauer und Intensität.

    Doch langfristige Trends sind unbequem. Ein heißer Nachmittag passt hervorragend auf ein Urlaubsfoto.

    Drei Jahrzehnte Klimadaten eher weniger.

    Also stellen wir einen Kürbis vor die Haustür und verkünden:

    Der Herbst ist da!

    Während draußen jemand bei 30 Grad die Markise herunterlässt.

    Der Kalender sagt Herbst.

    Das Thermometer sagt Sommer.

    Der Boden sagt Wassermangel.

    Der Wald sagt Stress.

    Der Bauer sagt Kosten.

    Und wir sagen:

    „Herrlich warm heute.“

    Na dann.

    Schönen Herbst, Frankreich.

    Und Sonnencreme nicht vergessen.

    Christine Macha

  • Das Mittelmeer als Geisel – seid ihr denn noch bei Trost?

    Das Mittelmeer als Geisel – seid ihr denn noch bei Trost?

    KOMMENTAR

    „Wenn wir das Mittelmeer blockieren müssen, dann werden wir das Mittelmeer blockieren.“

    Entschuldigung.

    WAS?!

    Das Mittelmeer?

    Dieses kleine, völlig unbedeutende Planschbecken zwischen Europa, Afrika und Asien? Dieses Gewässer, über das Frachter, Fähren, Kreuzfahrtschiffe, Handel, Lebensmittel, Rohstoffe und Millionen Menschen bewegt werden?

    DAS wollt ihr blockieren?

    Meine Herren, eine Nummer kleiner war gerade ausverkauft, oder was?

    Natürlich haben Frankreichs Fischer Probleme. Ernsthafte Probleme sogar. Der Treibstoff ist teuer, Hilfen wurden nach Angaben der Branche verspätet ausgezahlt, europäische Fangregeln drücken auf die Betriebe, Quoten sorgen für Streit, und manches kleine Fischereiunternehmen fragt sich inzwischen weniger, wie der nächste Fang ausfällt, sondern ob es seinen Betrieb nächstes Jahr überhaupt noch gibt.

    Alles richtig.

    Aber aus „Wir brauchen dringend eine wirtschaftliche Perspektive“ wird plötzlich: Dann legen wir eben das Mittelmeer lahm!

    Ja, seid ihr denn noch bei Trost?

    Vom berechtigten Protest zur maritimen Großmachtfantasie

    Man stelle sich diese Logik einmal in anderen Berufen vor.

    Der Bäcker bekommt seine Energiekosten nicht mehr bezahlt und sagt: „Gut! Dann blockieren wir eben sämtliche Autobahnen zwischen Bordeaux und Berlin!“

    Der Friseur beschwert sich über die Mehrwertsteuer und kündigt an: „Wenn Paris nicht reagiert, wird der Atlantik abgeriegelt!“

    Und der Klempner stellt fest, dass Kupferrohre zu teuer geworden sind und erklärt kurzerhand die Straße von Gibraltar zum Sperrgebiet.

    Irgendwann fehlt nur noch ein Fischer mit Augenklappe, Papagei und Säbel, der vom Bug seines Kutters ruft:

    „Madame la Ministre! Sie haben bis Sonnenuntergang! Danach gehört Korsika uns!“

    Dabei ist das Problem alles andere als komisch.

    Die Proteste haben bereits gezeigt, wie wenig Boote man braucht, um empfindliche Hafeninfrastruktur lahmzulegen. In Nice wurden Schiffe quer vor die Hafeneinfahrt gelegt. In Frontignan blockierten Fischer ein Treibstoffdepot. Auch Sète und Le Grau-du-Roi waren Teil der Mobilisierung. Französische Medien berichteten zudem über Überlegungen, die Aktionen auf Marseille und Toulon auszuweiten.

    Das ist keine folkloristische Hafenromantik mehr.

    Das ist wirtschaftlicher Druck.

    Und zwar mit ziemlich langem Hebel.

    Sète ist kein Dorfteich

    Gerade Sète zeigt, warum die Formulierung vom „Blockieren des Mittelmeers“ so brisant klingt.

    Der Hafen ist eben nicht nur der Ort, an dem morgens ein paar Kisten Doraden über den Kai geschoben werden. Sète vereint Fischerei, Handel, Logistik und Passagierverkehr. Nach Angaben des Hafens hängen mehr als 2.300 direkte Arbeitsplätze an seinen Aktivitäten. Von dort verkehren Fähren unter anderem Richtung Marokko und Algerien; der Hafen bezeichnet sich selbst als Frankreichs wichtigsten Passagierhafen für Verbindungen nach Marokko.

    Mit anderen Worten:

    Wer einen solchen Hafen blockiert, blockiert nicht „die Politik“.

    Er blockiert zunächst Lastwagenfahrer.

    Hafenarbeiter.

    Passagiere.

    Spediteure.

    Unternehmen.

    Menschen, die mit der französischen Fischereipolitik ungefähr so viel zu tun haben wie eine Seegurke mit dem Finanzministerium.

    Und genau an diesem Punkt wird aus Protest eine bemerkenswert französische Spezialdisziplin: Wir haben ein Problem mit dem Staat – also sorgen wir dafür, dass es vorsichtshalber erst einmal alle anderen auch haben.

    Paris antwortet – natürlich mit einem Gespräch

    Nun wäre Frankreich nicht Frankreich, wenn auf einen drohenden Aufstand nicht zunächst ein sechsstündiges Treffen folgen würde.

    Sechs Stunden!

    Das ist keine Besprechung mehr. Das ist ein Jean-Luc-Godard-Film mit Mineralwasser.

    Am 17. September empfing Meeres- und Fischereiministerin Catherine Chabaud Vertreter der Mittelmeerfischer. Anschließend kündigte sie an, die Treibstoffhilfen stärker an die Entwicklung der Kraftstoffpreise anzupassen. Die Regierung stellte außerdem weitere Unterstützungsmaßnahmen in Aussicht. Die Fischer hoben Blockaden in Nice und Frontignan zunächst auf. Gleichzeitig blieben Streitpunkte offen – darunter ausstehende Hilfen, der europäische WestMed-Plan und Fragen rund um Fangquoten.

    Also klassische französische Konfliktlösung:

    Die einen sagen: „Wir blockieren alles!“

    Die anderen sagen: „Wir bilden einen Arbeitszusammenhang.“

    Die einen bringen Boote.

    Die anderen bringen PowerPoint.

    Und irgendwo dazwischen liegt dann vermutlich die Zukunft der Mittelmeerfischerei.

    Die Fischer haben ein echtes Problem

    Bei aller Satire darf man einen Punkt nicht unter den Tisch fallen lassen: Die Wut kommt nicht aus dem Nichts.

    Fischer berichten, dass drastisch gestiegene Treibstoffkosten manche Ausfahrt wirtschaftlich fragwürdig machen. Hinzu kommen europäische Vorgaben, Fangbeschränkungen, schwankende Erlöse und die Unsicherheit darüber, unter welchen Bedingungen bestimmte Fischereien in einigen Jahren überhaupt noch betrieben werden können.

    Ein Fischer beschrieb die Lage gegenüber Sud Radio als „accumulation de problèmes“ – als Anhäufung von Problemen. Genannt wurden Treibstoffpreise, EU-Vorgaben und sinkende Fischpreise.

    Das sollte niemand lächerlich machen.

    Ein Beruf, dessen Kosten explodieren, dessen Ressource naturgemäß begrenzt ist und dessen regulatorische Rahmenbedingungen sich verschärfen, steht tatsächlich unter enormem Druck.

    Aber gerade deshalb müsste die Debatte eigentlich ernsthafter werden.

    Wie kann traditionelle Fischerei wirtschaftlich überleben?

    Wie lassen sich Fischbestände schützen, ohne ganze Küstenregionen ökonomisch auszutrocknen?

    Wer trägt das Risiko extremer Energiepreise?

    Welche Hilfen sind Übergangslösung – und welche konservieren lediglich Strukturen, die langfristig nicht mehr funktionieren?

    Das wären Fragen.

    Komplizierte Fragen sogar.

    Leider passen komplizierte Fragen schlecht auf ein Transparent.

    „WIR BLOCKIEREN DAS MITTELMEER!“ dagegen: ausgezeichnet lesbar.

    Und jetzt kommt die Ministerin persönlich

    Catherine Chabaud ist am heutigen 21. September erneut in der Region angekündigt. In Sète und Le Grau-du-Roi soll sie mit Vertretern der Branche sprechen. Die Fischer erwarten weiterhin konkrete Antworten zur Zukunft ihrer Tätigkeit.

    Und hoffentlich besteht „konkret“ diesmal nicht aus der politischen Maßeinheit:

    „Wir haben Ihre Sorgen gehört.“

    Dieser Satz ist nämlich das Verwaltungsfranzösisch für:

    Wir haben verstanden, dass Sie sauer sind. Bitte zünden Sie bis zur nächsten Gesprächsrunde nichts an.

    Aber umgekehrt gilt genauso:

    Wer ernst genommen werden möchte, sollte vielleicht nicht jedes wirtschaftspolitische Problem sofort in ein nautisches Geiseldrama verwandeln.

    Denn das Mittelmeer gehört weder der Regierung in Paris noch den Fischern von Sète.

    Es ist kein Verhandlungspfand.

    Kein Parkstreifen vor dem Élysée-Palast.

    Und schon gar kein gigantischer Kreisverkehr, den man einfach mit drei Kuttern sperrt, bis die Ministerin den Dieselpreis senkt.

    Die Fischer haben Anspruch darauf, dass ihre wirtschaftlichen Sorgen ernst genommen werden. Die Regierung hat die Aufgabe, darauf nachvollziehbare Antworten zu geben. Und der Rest der Gesellschaft darf durchaus erwarten, dass ein Konflikt zwischen einer Branche und dem Staat nicht automatisch auf dem Rücken sämtlicher Unbeteiligter ausgetragen wird.

    Denn wenn künftig jede Berufsgruppe ihre berechtigten Probleme nach dem Prinzip löst: „Gebt uns, was wir wollen, sonst legen wir kritische Infrastruktur lahm“, dann braucht Frankreich bald kein Wirtschaftsministerium mehr.

    Dann reicht ein Verkehrswarndienst.

    Und wenn wirklich jemand ernsthaft auf die Idee kommt, „das Mittelmeer zu blockieren“, hätte ich nur noch eine organisatorische Frage:

    WO GENAU STELLT MAN DA EIGENTLICH DAS WARNDREIECK AUF?!

    Von Andreas M. Brucker

  • Frankreich, wo bleibt eigentlich dein großes Stromwunder?

    Frankreich, wo bleibt eigentlich dein großes Stromwunder?

    Kommentar

    Frankreich liebt seine Atomkraft. Sie gehört zur nationalen Erzählung wie der Eiffelturm, der TGV und die Überzeugung, dass man gewisse Dinge eben besser macht als die Nachbarn. Jahrzehntelang lautete das Versprechen: billiger Strom, sichere Versorgung, weniger Abhängigkeit vom Ausland. Eine formidable Idee. Nur stellt sich inzwischen eine ziemlich unangenehme Frage: Wo bleibt eigentlich die Dividende dieses gewaltigen Kraftwerksparks?

    An Strom mangelt es nämlich nicht.

    Frankreich erzeugte 2025 mehr als 95 Prozent seiner Elektrizität CO₂-arm, der Löwenanteil stammte aus Kernkraft. Das Land exportierte Strom in Rekordmengen. Elektronen? Reichlich vorhanden. Saubere noch dazu.

    Und nun kommt der französische Treppenwitz: Während das Land Strom exportiert, fährt ein gewaltiger Teil seines Verkehrs weiterhin mit importiertem Erdöl.

    Voilà.

    Noch 2024 stammten fast 90 Prozent der im französischen Verkehrssektor verbrauchten Energie aus Erdölprodukten. Elektroautos legen zwar kräftig zu; 2025 war ungefähr jeder fünfte neu verkaufte Pkw rein elektrisch. Doch im gesamten Fahrzeugbestand bleibt die Elektromobilität eine Minderheit. Selbst der französische Netzbetreiber RTE stellt nüchtern fest, dass die Elektrifizierung nicht schnell genug vorankommt.

    Man besitzt also eines der größten CO₂-armen Stromsysteme Europas – und verbrennt weiter Benzin und Diesel, als läge hinter jeder Tankstelle ein kleines gallisches Naturgesetz.

    Das muss man erst einmal schaffen.

    Noch merkwürdiger wirkt die Sache bei der viel beschworenen Energieunabhängigkeit. Frankreichs Atomreaktoren machen das Stromsystem tatsächlich erheblich weniger abhängig von Gas als das vieler Nachbarn. Das ist ein handfester Vorteil. Nur besteht eine Volkswirtschaft leider nicht ausschließlich aus Steckdosen.

    Verkehr, Industrie und Wärme verschlingen weiterhin fossile Energien. Gasimporte bleiben bedeutend, Öl sowieso. 2025 zahlte Frankreich trotz gesunkener Importpreise noch immer eine Energieimportrechnung von 45,8 Milliarden Euro.

    Und dann genügt eine geopolitische Krise irgendwo zwischen Pipeline, Tankerroute und LNG-Terminal – schon hustet Europa, die Preise springen und Paris blickt nervös auf die Märkte.

    Da steht er also, der französische Atomriese: mächtig, produktiv, vergleichsweise CO₂-arm – und daneben eine Wirtschaft, die noch immer viel zu oft am fossilen Tropf hängt.

    Das Problem Frankreichs lautet deshalb nicht: Wo bleibt der Atomstrom?

    Er ist längst da.

    Die spannendere Frage lautet: Warum nutzt Frankreich diesen Strom nicht entschlossener dort, wo heute noch Öl und Gas verbrannt werden?

    Denn Energieunabhängigkeit entsteht nicht dadurch, dass man stolz auf seine Kraftwerke zeigt. Sie entsteht erst dann, wenn ihre Elektrizität tatsächlich Benzin, Diesel und Gas verdrängt.

    Bis dahin bleibt Frankreichs Energiewende ein bisschen wie ein Ferrari, der vor der Haustür glänzt, während man zum Bäcker mit dem alten Diesel fährt.

    Très chic. Aber eben auch ziemlich absurd.

    Andreas M. Brucker