Schlagwort: Elsass

  • Gefahr auf dem Oberrhein: Brennbare Flüssigkeit verunreinigt den Grand Canal d’Alsace

    Gefahr auf dem Oberrhein: Brennbare Flüssigkeit verunreinigt den Grand Canal d’Alsace

    Ein kurzer Moment – ein Leck, ein technischer Defekt, vielleicht nur ein Augenblick der Unachtsamkeit. Und doch entfaltet sich daraus eine Lage, die den gesamten Oberrhein in Alarmbereitschaft versetzt.

    Mehr als 1.000 Liter einer hochentzündlichen Flüssigkeit sind in den Grand Canal d’Alsace gelangt, jenen künstlich angelegten Wasserlauf, der parallel zum Rhein verläuft und eine zentrale Rolle für Energiegewinnung, Schifffahrt und Wasserregulierung spielt. Die Nachricht verbreitete sich rasch, die Reaktion folgte noch schneller.

    Die Ursache? Noch unklar. Erste Hinweise deuten auf eine industrielle Anlage hin – womöglich ein Lager- oder Transportsystem, das dem Druck nicht standhielt. Solche Stoffe, oft unsichtbar und geruchlich kaum wahrnehmbar, entfalten ihre Gefahr schleichend. Ein dünner Film auf der Wasseroberfläche genügt, und plötzlich steht mehr auf dem Spiel als nur sauberes Wasser.

    Denn brennbare Flüssigkeiten – meist Kohlenwasserstoffe oder industrielle Lösungsmittel – bringen gleich zwei Risiken mit sich: Sie können sich entzünden, ja im schlimmsten Fall explosionsartig reagieren. Und sie greifen gleichzeitig das empfindliche Gleichgewicht aquatischer Lebensräume an.

    Die Einsatzkräfte ließen keine Zeit verstreichen. Spezialisten der französischen Sécurité civile rückten an, begleitet von Feuerwehrteams mit Erfahrung im Umgang mit chemischen Gefahrenlagen. Schwimmende Sperren wurden errichtet, wie improvisierte Mauern auf dem Wasser, um die Ausbreitung einzudämmen. Pumpen liefen an, Proben wurden genommen, jede Bewegung im Wasser beobachtet.

    Ein Wettlauf gegen die Zeit – und gegen die Strömung.

    Der Grand Canal d’Alsace mag künstlich sein, doch seine ökologische Bedeutung steht außer Frage. Fische, Kleinstlebewesen, Pflanzen – sie alle haben sich an dieses menschengemachte Gewässer angepasst. Gelangt ein Schadstoff hinein, trifft es ein fein austariertes System. Und das reagiert empfindlich, manchmal gnadenlos.

    Besonders tückisch: Selbst wenn die Konzentration durch Verdünnung sinkt, verschwindet das Problem nicht einfach. Es verteilt sich. Sedimente können kontaminiert werden, Nahrungsketten gestört, Lebensräume langfristig verändert. Das ist kein Drama mit lautem Knall – eher ein schleichender Prozess, der erst Wochen später seine Spuren zeigt.

    Und dann ist da noch die politische Dimension.

    Der Oberrhein ist kein rein nationales Gewässer. Frankreich und Deutschland teilen sich diesen Raum, wirtschaftlich wie ökologisch. Sobald etwas passiert, betrifft es beide Seiten. Entsprechend eng verlief die Abstimmung zwischen den Behörden. Informationen wurden ausgetauscht, Szenarien durchgespielt, mögliche Folgen für flussabwärts gelegene Regionen analysiert.

    Man kennt solche Situationen. Und doch bleibt jedes Ereignis ein neuer Test.

    Parallel dazu läuft die Suche nach Verantwortlichen. War es menschliches Versagen? Ein Materialfehler? Oder schlicht Pech? Sollte sich Fahrlässigkeit bestätigen, drohen empfindliche Konsequenzen – rechtlich wie finanziell.

    Aber die eigentliche Frage reicht tiefer.

    Wie viel Risiko verträgt eine Region, die zugleich industrielles Herzstück und ökologischer Lebensraum ist? Der Oberrhein zählt zu den am dichtesten genutzten Wirtschaftszonen Europas. Raffinerien, Chemiewerke, Logistikzentren – sie alle profitieren von der Nähe zum Wasser. Und sie alle tragen Verantwortung.

    Klar ist: Absolute Sicherheit existiert nicht. Aber jeder Vorfall verschiebt die Wahrnehmung ein Stück. Was gestern noch als Restrisiko galt, wirkt heute plötzlich greifbar.

    Oder, um es etwas direkter zu sagen: Da denkt man, alles läuft stabil – und dann passiert sowas.

    Die kommenden Tage werden zeigen, wie gut die Maßnahmen greifen. Die langfristigen Folgen hingegen lassen sich erst mit Abstand beurteilen. Sicher ist nur: Der Rhein vergisst nichts so schnell.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Das verschwundene Lied aus Holz und Lack

    Das verschwundene Lied aus Holz und Lack

    Ein Instrument, das mehr flüstert als spricht. Ein Klang, der nicht vergeht, selbst wenn er verstummt. Und eine Geschichte, die sich wie ein feiner Riss durch das letzte Jahrhundert zieht – kaum sichtbar, aber tief.

    Colmar, eine Stadt, die sich gern in Postkartenfarben zeigt, steht plötzlich im Zentrum eines Rätsels. Eine Stradivari, angeblich zehn Millionen Euro wert, soll hier wieder aufgetaucht sein. Ein Instrument, das während des Zweiten Weltkriegs verschwand. Einfach weg. Als hätte jemand die Luft angehalten und nie wieder ausgeatmet.

    Und jetzt das: Ein Hinweis, ein Gerücht, ein Flackern.

    Mehr nicht. Noch.

    Wer einmal vor einer echten Stradivari stand, versteht sofort, warum solche Geschichten Menschen elektrisieren. Das Holz scheint zu leben. Die Lackschicht – bernsteinfarben, tief, fast wie flüssiges Licht – wirkt, als könne sie die Zeit selbst konservieren. Diese Geigen tragen keine Geschichte, sie sind Geschichte.

    Und doch beginnt alles ganz unscheinbar.

    Ein Sammler, so erzählt man sich, habe in einer privaten Sammlung im Elsass ein Instrument entdeckt. Kein Etikett, keine eindeutige Herkunft. Aber dieser Klang – warm, klar, unverschämt präsent. Ein Ton, der sich nicht erklären lässt. Der sich nicht einordnen will. Der bleibt.

    Zufall?

    Oder der erste lose Faden eines lange vergessenen Teppichs?

    Die Spur führt zurück in die 1940er-Jahre. Europa im Ausnahmezustand. Kunstwerke werden geraubt, versteckt, verschoben wie Figuren auf einem Schachbrett. Manche tauchen Jahrzehnte später wieder auf. Andere verschwinden für immer. Und manche – nun ja, manche warten einfach.

    Man stellt sich die Szene vor: Eine Geige in einem Koffer, hastig verstaut. Hände, die zittern. Ein letzter Blick. Dann Dunkelheit.

    Wer war der letzte, der sie bewusst sah?

    Die Dokumente sind lückenhaft. Namen tauchen auf, verschwinden wieder. Händler, Musiker, Offiziere. Geschichten, die sich widersprechen. Und mittendrin dieses Instrument, das nie gefragt hat, wem es gehört.

    Es ist eine seltsame Ironie: Ein Objekt von unermesslichem Wert, und doch vollkommen schutzlos gegenüber den Launen der Geschichte.

    Vielleicht liegt genau darin seine Anziehungskraft.

    Denn was ist eine Stradivari eigentlich? Ein Statussymbol? Ein Werkzeug? Ein Mythos?

    Oder schlicht ein Stück Holz, das durch Zufall zur Legende wurde?

    Natürlich stimmt das nicht ganz. Antonio Stradivari, der große Geigenbauer aus Cremona, arbeitete mit einer Präzision und Intuition, die bis heute Rätsel aufgibt. Die Form, die Wölbung, die Zusammensetzung des Lacks – alles wurde analysiert, kopiert, imitiert. Und doch bleibt der Klang unerreicht.

    Ein bisschen wie ein Rezept, das man kennt, aber nie exakt nachkochen kann.

    Oder wie ein Lied, das immer ein wenig anders klingt, je nachdem, wer es spielt.

    In Colmar beginnt nun ein vorsichtiges Tasten. Experten werden hinzugezogen. Holzproben, Lackanalysen, archivarische Recherchen. Jede Faser zählt. Jede Spur wird abgewogen.

    Und doch bleibt eine Frage im Raum hängen wie Staub im Licht:

    Was, wenn es wirklich diese Geige ist?

    Die Vorstellung hat etwas Unruhiges. Denn mit ihr kehren auch alte Fragen zurück. Wem gehört ein solches Instrument? Dem Finder? Dem Staat? Den Nachfahren eines ursprünglichen Besitzers? Oder gehört es – pathetisch gesagt – der Welt?

    Die Antworten sind selten klar. Und oft unbequem.

    In den letzten Jahren sind immer wieder Fälle aufgetaucht, in denen Kunstwerke aus der NS-Zeit restituiert wurden. Bilder, Skulpturen, Manuskripte. Jeder Fall ein Puzzle. Jeder Fall ein Streit.

    Und jetzt eine Geige.

    Man könnte sagen: Na und?

    Aber so einfach ist es nicht.

    Denn Musik berührt anders. Sie ist flüchtig. Sie hinterlässt keine Spuren wie ein Gemälde. Und doch kann sie mehr erzählen als jede Leinwand.

    Vielleicht liegt genau darin das Dilemma.

    Eine Stradivari ist nicht nur ein Objekt. Sie ist ein Versprechen. Ein Klang, der gehört werden will. Ein Instrument, das gespielt werden muss, um zu existieren.

    Und gleichzeitig ein historisches Artefakt, das geschützt, konserviert, bewahrt werden soll.

    Wie bringt man beides zusammen?

    Die Geschichte kennt viele solcher Spannungen. Instrumente, die in Tresoren verschwinden, weil ihr Wert zu hoch ist. Musiker, die davon träumen, sie zu spielen, und es nie dürfen. Sammler, die sie besitzen, aber kaum berühren.

    Fast schon tragisch, oder?

    Ein Instrument, das schweigen muss, um zu überleben.

    In Colmar scheint die Sache noch offen. Offiziell bestätigt ist wenig. Vieles bleibt Spekulation. Und doch zieht die Geschichte Kreise. In Musikerkreisen wird diskutiert. In Auktionshäusern wird gemunkelt. In Archiven wird geblättert.

    Es ist, als hätte jemand eine alte Melodie angestimmt, und plötzlich hören alle hin.

    Was wäre, wenn diese Geige sprechen könnte?

    Würde sie von Konzertsälen erzählen, von Applaus, von Licht? Oder von dunklen Räumen, von Angst, von hastigen Fluchten?

    Vielleicht beides.

    Vielleicht ist genau das ihre Wahrheit.

    Ein Instrument, das durch Hände ging, die längst vergessen sind. Ein Klang, der Menschen verband, die sich nie begegnet sind. Eine Geschichte, die sich nicht in Jahreszahlen pressen lässt.

    Und irgendwo in Colmar – vielleicht in einem unscheinbaren Raum, vielleicht gut versteckt – liegt sie nun. Oder auch nicht. Wer weiß das schon so genau?

    Gerüchte haben ihre eigene Dynamik. Sie wachsen, verändern sich, passen sich an. Was heute als Möglichkeit beginnt, gilt morgen schon als fast sicher. Und übermorgen? Da widerspricht plötzlich jemand.

    So funktioniert Erinnerung.

    Und vielleicht auch Hoffnung.

    Ein älterer Geigenbauer aus der Region soll gesagt haben: „Man erkennt eine echte Stradivari nicht nur am Klang. Man erkennt sie daran, dass sie einen nicht mehr loslässt.“

    Ein schöner Satz.

    Und irgendwie passend.

    Denn genau das passiert gerade. Diese Geschichte lässt nicht los. Sie bleibt hängen, setzt sich fest, fordert Aufmerksamkeit.

    Man könnte sie ignorieren.

    Aber will man das wirklich?

    Vielleicht steckt darin mehr als nur die Suche nach einem wertvollen Instrument. Vielleicht geht es um etwas Grundsätzlicheres. Um die Frage, wie wir mit Vergangenheit umgehen. Wie wir Verlust begreifen. Und wie wir entscheiden, was zurückkehrt und was verschwinden darf.

    Große Worte für eine Geige.

    Oder vielleicht doch nicht.

    Denn am Ende erzählt jede Geschichte von Dingen immer auch etwas über Menschen.

    Über ihre Sehnsüchte. Ihre Fehler. Ihre Versuche, Ordnung in ein Chaos zu bringen, das sich selten ordnen lässt.

    Colmar wirkt in diesen Tagen ein wenig anders. Nicht sichtbar. Nicht greifbar. Aber spürbar. Als läge ein leiser Ton in der Luft, den nicht jeder hört.

    Ein Ton, der fragt: Was ist Wahrheit?

    Und wer darf sie erzählen?

    Vielleicht wird sich herausstellen, dass alles ein Irrtum war. Dass das Instrument aus Colmar zwar alt ist, vielleicht sogar wertvoll – aber kein verlorener Stradivarius. Kein Schatz aus dunkler Zeit. Kein Echo der Geschichte.

    Das wäre möglich.

    Und doch würde etwas bleiben.

    Die Vorstellung. Die Spannung. Dieses kurze Innehalten, in dem alles offen scheint.

    Manchmal reicht das schon.

    Denn nicht jede Geschichte braucht ein klares Ende. Manche leben gerade davon, dass sie sich entziehen. Dass sie Fragen stellen, statt Antworten zu liefern.

    Und vielleicht – ganz vielleicht – ist genau das der wahre Wert dieses Instruments.

    Nicht der Preis in Euro.

    Nicht der Name.

    Sondern das, was es auslöst.

    Neugier.

    Zweifel.

    Und dieses leise Gefühl, dass die Vergangenheit nie ganz vergangen ist.

    Irgendwo zwischen Holz und Lack, zwischen Klang und Stille, zwischen Erinnerung und Gegenwart.

    Eine Stradivari.

    Oder nur eine Geschichte?

    Wer will das schon endgültig entscheiden.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Eine Nacht, siebzig Autos und das jähe Ende einer Gewissheit

    Eine Nacht, siebzig Autos und das jähe Ende einer Gewissheit

    Oberhausbergen, diese ruhige, fast schon bilderbuchhafte Wohngemeinde am Rand von Straßburg, ist am Montagmorgen mit einem Schock aufgewacht, der noch lange nachhallen dürfte. Was sich in der Nacht vom 19. auf den 20. April 2026 ereignete, trägt Züge von etwas, das man nicht so recht einordnen kann – irgendwo zwischen Vandalismus und kalkulierter Störung des Alltags. Mindestens siebzig Fahrzeuge wurden beschädigt, die Reifen gezielt zerstört, oft gleich zwei auf der zur Straße gewandten Seite. Wer am Morgen aus dem Haus trat, fand nicht einfach nur ein Problem vor, sondern ein stilles, flächendeckendes Chaos. Die betroffenen Straßen lesen sich wie ein Querschnitt durch das Viertel: Rue d’Eckbolsheim, Rue des Fleurs, Rue des Bois – Namen, die eher nach gepflegter Vorstadtidylle klingen als nach Tatorten einer nächtlichen Serie. Und doch: Genau dort spielte sich das Geschehen ab. Besonders auffällig ist die Präzision. Es blieb nicht beim zufälligen Einstich hier und da. Die Reifen wurden…

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  • Amazon in Elsass: Zwischen Aufbruch und Zweifel im Herzen Europas

    Amazon in Elsass: Zwischen Aufbruch und Zweifel im Herzen Europas

    Die Nachricht klingt wie ein Paukenschlag für den Osten Frankreichs: Der US-Konzern Amazon plant bis 2027 die Schaffung von 2.000 Arbeitsplätzen im Elsass. Genauer gesagt in Ensisheim, unweit von Mulhouse. Was auf den ersten Blick wie ein industriepolitischer Glücksfall erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als vielschichtiges Kapitel moderner Wirtschaftsgeschichte. Ein Logistikzentrum von beeindruckender Dimension soll entstehen. Rund 180.000 Quadratmeter Nutzfläche – verteilt auf mehrere Ebenen – markieren eine Investition, die sich auf etwa 250 Millionen Euro beläuft. Das ist kein kleines Lagerhaus am Stadtrand, sondern ein logistisches Kraftwerk. Und es steht symbolisch für den Wandel einer Region, die einst stark industriell geprägt war und nun neue Wege sucht. Die lokale Politik reagiert erwartbar erfreut. Zwei­tausend Arbeitsplätze – das ist in Zeiten strukturellen Wandels kein Pappenstiel. Doch die Euphorie bekommt schnell Risse, sobald man genauer hinschaut. Denn die F…

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  • Ein Dorf, das nichts sah – und ein System, das nicht griff

    Ein Dorf, das nichts sah – und ein System, das nicht griff

    Es sind die leisen Verbrechen, die am lautesten nachhallen. Der Fall aus dem elsässischen Hagenbach erschüttert nicht nur wegen seiner Brutalität, sondern wegen einer zweiten, kaum minder beunruhigenden Dimension: der langen Unsichtbarkeit. Ein neunjähriger Junge, monatelang eingesperrt in einem abgestellten Lieferwagen – und niemand griff ein. Oder genauer: Niemand griff rechtzeitig ein. Als die Gendarmen das Kind Anfang April fanden, bot sich ein Bild, das selbst abgeklärte Ermittler verstummen ließ. Unterernährt, entkleidet, isoliert. Ein Zustand, der weniger an ein individuelles Verbrechen erinnert als an ein systemisches Versagen. Der Vater in Haft, die Partnerin im Visier der Justiz – das juristische Verfahren nimmt seinen Lauf. Doch die eigentliche Unruhe beginnt erst jetzt. Denn schnell richtet sich der Blick weg vom Täter, hin zur Umgebung. Nachbarn, die sich fragen, warum sie nichts bemerkt haben. Eine Gemeinde, die sich plötzlich selbst nicht mehr traut. Und Institutionen, d…

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  • Das Grauen nebenan – Wie ein Kind im Elsass über Monate gefangen gehalten wurde

    Das Grauen nebenan – Wie ein Kind im Elsass über Monate gefangen gehalten wurde

    Der Schock sitzt tief in Hagenbach, einem jener kleinen Orte, in denen man sich grüßt, kennt – und sich sicher glaubt. Nun ist dieses Selbstbild erschüttert. Ein neunjähriger Junge, über Monate hinweg offenbar von seinem Vater (43) in einem Lieferwagen eingesperrt, entdeckt mitten im Dorf, nur wenige Meter von der elterlichen Wohnung entfernt. Kein abgelegenes Versteck, kein finsteres Randgebiet, sondern Alltag pur: ein Hof, ein Haus, Nachbarn, die ein und aus gehen. Und trotzdem hat niemand etwas bemerkt. Oder zumindest nichts, das ausgereicht hätte, um früher einzugreifen. Die Szene, die sich den Einsatzkräften bot, lässt sich kaum in Worte fassen: ein Kind, entkräftet, verwahrlost, isoliert. Es ist diese Diskrepanz, die den Fall so verstörend macht – die Normalität der Umgebung und die Ungeheuerlichkeit des Geschehens. Man fragt sich unweigerlich: Wie kann so etwas passieren? Die Antwort liegt weniger in einem einzelnen Versagen als in einem Zusammenspiel. Soziale Isolation, institu…

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  • Elsass auf dem Weg zur Sonderregion? Ein politisches Signal mit ungewissem Ausgang

    Elsass auf dem Weg zur Sonderregion? Ein politisches Signal mit ungewissem Ausgang

    Die französische Nationalversammlung hat Anfang April einen Gesetzentwurf verabschiedet, der das institutionelle Gefüge des Landes erneut infrage stellt. Mit deutlicher Mehrheit (131 zu 100 Stimmen) votierten die Abgeordneten in erster Lesung für eine Reform, die das Elsass faktisch aus der Region Grand Est herauslösen könnte. Was auf den ersten Blick wie eine technische Verwaltungsreform erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein hochpolitischer Vorgang – mit weitreichenden Implikationen für das Selbstverständnis des französischen Staates. Eine Reform mit doppelter Sprengkraft Im Kern zielt der Gesetzentwurf darauf ab, die bestehende Collectivité européenne d’Alsace in eine Gebietskörperschaft mit Sonderstatus umzuwandeln. Diese neue Struktur würde zugleich die Kompetenzen eines Départements und einer Region vereinen. Damit würde das Elsass institutionell aufgewertet und aus der bisherigen Einbindung in die Großregion Grand Est herausgelöst. Diese Konstruktion ist nicht …

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  • Elsass zwischen Identität und Staatsräson: Kehrt die Region zurück?

    Elsass zwischen Identität und Staatsräson: Kehrt die Region zurück?

    Die Frage nach der institutionellen Zukunft des Elsass ist zurück auf der politischen Agenda – und sie wird schärfer geführt als je zuvor. Eine Gesetzesinitiative zur Wiedererrichtung einer eigenständigen Region Elsass, losgelöst vom Grand Est, hat eine breite Front der Ablehnung ausgelöst. Zehn Regionalpräsidenten warnen vor einer „institutionellen, politischen und historischen Fehlentscheidung“. Hinter der zugespitzten Kritik verbirgt sich ein grundlegender Konflikt über die territoriale Ordnung Frankreichs. Eine Reform mit langem Schatten Die Wurzeln der aktuellen Kontroverse reichen zurück in das Jahr 2015, als unter Präsident François Hollande eine tiefgreifende Gebietsreform beschlossen wurde. Ziel war es, die Zahl der Regionen zu reduzieren, Verwaltungskosten zu senken und die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Aus dieser Logik heraus entstand 2016 die Großregion Grand Est – ein Zusammenschluss von Elsass, Lothringen und Champagne-Ardenne. Während die Reform in Pari…

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  • Fünf Kälber gegen die Logik der Zahlen: Wie ein Dorf seine Schule verteidigt

    Fünf Kälber gegen die Logik der Zahlen: Wie ein Dorf seine Schule verteidigt

    Es sind Bilder, die man so schnell nicht vergisst. Fünf junge Rinder stehen vor einem Kindergartenzaun, dahinter Eltern, Kinder, handgemalte Schilder. Was zunächst wie eine ländliche Kuriosität wirkt, entpuppt sich als präzise inszenierter Protest. In Moosch, tief in der elsässischen Provinz, hat sich Widerstand formiert – leise, kreativ, und mit einem Augenzwinkern, das die Ernsthaftigkeit nur umso deutlicher macht. Denn hinter den Namen Abondance, Amandine, Abeille, Arlette und Amsel verbirgt sich keine folkloristische Spielerei, sondern ein klarer Vorwurf: Wer Bildung nach Zahlen organisiert, verliert den Blick für das Leben dahinter. Vier Kinder fehlen. Vier. So klein ist die Differenz, an der sich das Schicksal einer Klasse entscheidet. Für die Verwaltung eine Kennziffer, für die Familien ein Einschnitt. Wer hier lebt, weiß, dass ein Dorf keine statische Größe ist. Häuser wechseln den Besitzer, Wohnungen stehen leer und füllen sich wieder, junge Familien ziehen zu – manchmal schne…

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  • Eine Wurst mit Geschichte – Warum eine 150 Jahre alte Elsässer Metzgerei ums Überleben kämpft

    Eine Wurst mit Geschichte – Warum eine 150 Jahre alte Elsässer Metzgerei ums Überleben kämpft

    Manchmal erzählt ein Stück Wurst mehr über eine Region als jedes Geschichtsbuch. Im Elsass, zwischen Fachwerkhäusern, Weinbergen und alten Industrieorten, gehört gutes Essen zur kulturellen DNA. Und mitten in dieser Tradition steht eine Firma, deren Geschichte bis ins Jahr 1876 zurückreicht: die Charcuterie Maurer Tempé nahe Mulhouse. Seit fast anderthalb Jahrhunderten produziert das Unternehmen Wurstwaren, die in der Region fast schon zum Alltag gehören – bei Familienfesten, auf Dorffesten oder ganz schlicht beim Abendbrot. Doch nun steht ausgerechnet diese traditionsreiche Metzgerei am Rand eines wirtschaftlichen Abgrunds. Und das Paradoxe daran: Die Nachfrage nach ihren Produkten ist so groß wie lange nicht. Ein voller Auftragskalender – und trotzdem droht das Aus. Die Geschichte von Maurer Tempé beginnt im späten 19. Jahrhundert. Damals befand sich das Elsass mitten im industriellen Aufbruch, Fabriken entstanden, Städte wuchsen, und mit ihnen entwickelte sich auch eine lebendige ku…

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