Schlagwort: Einzelhandel

  • Paris nach der Gewaltnacht: Verwüstete Geschäfte fordern schnelle Hilfe

    Paris nach der Gewaltnacht: Verwüstete Geschäfte fordern schnelle Hilfe

    Zerschlagene Schaufenster, geplünderte Geschäfte und erhebliche wirtschaftliche Schäden: Nach den gewaltsamen Ausschreitungen vom 17. Oktober steht Paris vor den Folgen einer Protestbewegung, die teilweise in Zerstörung und Plünderungen umgeschlagen ist. Der Pariser Händlerverband Facap fordert rasche finanzielle Unterstützung durch den Staat. Die Regierung verspricht Hilfe, lässt jedoch entscheidende Fragen zur Finanzierung und Umsetzung offen. Für zahlreiche kleine Unternehmen könnte die Geschwindigkeit der staatlichen Reaktion über ihre wirtschaftliche Zukunft entscheiden.

    Paris, 18. Oktober 2026 – Stand: 10 Uhr

    Am Sonntagmorgen bietet sich in mehreren Pariser Stadtvierteln ein Bild der Verwüstung. Zerbrochene Schaufenster, aufgebrochene Ladeneingänge, ausgebrannte Fahrzeuge und Glasscherben auf den Strassen zeugen von den Ausschreitungen des Vortages. Besonders betroffen sind die Umgebung der Place de la République, der Boulevard de Sébastopol, das Madeleine-Viertel und die Geschäftsstrassen rund um den Faubourg Saint-Honoré.

    Während die städtischen Reinigungskräfte mit der Beseitigung der Schäden beginnen, versuchen Geschäftsinhaber, sich einen Überblick über ihre Verluste zu verschaffen. Für sie geht es nicht allein um zerstörte Einrichtungen oder gestohlene Waren. Vielmehr stellt sich die Frage, wie sie ihre Unternehmen unter den gegebenen Umständen weiterführen können.

    Thierry Véron, Präsident der Fédération des associations de commerçants et artisans parisiens (Facap), bezeichnet die Lage als dramatisch. Der Verband verlangt von der französischen Regierung unverzügliche finanzielle Unterstützung sowie vereinfachte Verfahren bei der Schadensregulierung.

    Die Forderung richtet sich an einen Staat, der zwar seine Hilfsbereitschaft bekundet, bislang aber weder konkrete Beträge noch verbindliche Auszahlungstermine genannt hat.

    Hunderte Festnahmen und ein noch unbekanntes Schadensausmass

    Nach Angaben der Pariser Polizeipräfektur wurden bis Sonntagmorgen um acht Uhr allein in der Hauptstadt 855 Personen festgenommen. Die Behörden arbeiten weiterhin daran, das Ausmass der Sachbeschädigungen und Plünderungen zu erfassen.

    Eine verlässliche Gesamtzahl der betroffenen Geschäfte liegt ebenso wenig vor wie eine abschliessende Schätzung des wirtschaftlichen Schadens.

    Einzelne Berichte lassen allerdings erkennen, welche Dimensionen die Verluste für betroffene Unternehmer erreichen können.

    Am Boulevard Magenta beziffert der Händler Jahirul Azam seinen Schaden auf mindestens 140 000 Euro. Aus seinem Geschäft seien Mobiltelefone, Computer und Bargeld entwendet worden. Dabei handelt es sich um seine persönliche Schätzung, nicht um eine durch Versicherungen bestätigte Schadenssumme.

    Der Fall verdeutlicht ein grundlegendes Problem: Für kleinere Unternehmen können bereits einzelne Gewaltereignisse existenzbedrohende Folgen haben.

    Anders als grosse Handelsketten verfügen unabhängige Einzelhändler häufig nicht über ausreichende finanzielle Reserven, um umfangreiche Reparaturen, Warenverluste und längere Betriebsunterbrechungen gleichzeitig aufzufangen.

    Hinzu kommt, dass sich die wirtschaftlichen Folgen nicht auf die unmittelbar sichtbaren Schäden beschränken.

    Ein Geschäft, dessen Schaufenster zerstört oder dessen Warenlager geplündert wurde, verliert unter Umständen für Tage oder Wochen seine Einnahmen. Mieten, Personalkosten, Versicherungsbeiträge und laufende Kreditverpflichtungen müssen dennoch bezahlt werden.

    Entscheidend ist deshalb nicht nur, ob ein Schaden grundsätzlich versichert ist, sondern auch, wann die betroffenen Unternehmen tatsächlich über finanzielle Mittel verfügen können.

    Der Einzelhandel war bereits vor den Ausschreitungen unter Druck

    Die Ereignisse treffen auf eine wirtschaftliche Situation, die viele französische Innenstadthändler schon seit längerem belastet.

    Steigende Betriebskosten, hohe Gewerbemieten, veränderte Konsumgewohnheiten und die Konkurrenz des Onlinehandels haben die wirtschaftlichen Spielräume zahlreicher unabhängiger Geschäfte eingeschränkt.

    Bereits am 12. Oktober, fünf Tage vor den Ausschreitungen, hatte Lionel Saugues, Präsident der Fédération française des associations de commerçants, in einem Schreiben an den französischen Premierminister auf die zunehmenden Schwierigkeiten des Einzelhandels hingewiesen.

    Die nationale Organisation ist vom Pariser Verband Facap zu unterscheiden, vertritt jedoch vergleichbare wirtschaftliche Interessen.

    In ihrem Schreiben verwies sie insbesondere auf die Folgen wiederholter Sachbeschädigungen, zeitweiliger Geschäftsschliessungen und rückläufiger Besucherzahlen in den Innenstädten.

    Gefordert wurde eine engere Zusammenarbeit zwischen staatlichen Behörden, Kommunen, Sicherheitskräften und Handelsverbänden. Zugleich sollten unkomplizierte Mechanismen zur finanziellen Unterstützung und Entschädigung vorbereitet werden.

    Dass diese Warnung bereits vor dem 17. Oktober erfolgte, ist politisch bemerkenswert. Sie zeigt, dass die Verwundbarkeit des Einzelhandels und die möglichen Folgen gewaltsamer Proteste den zuständigen Stellen bekannt waren.

    Daraus lässt sich allerdings nicht ohne Weiteres ableiten, dass die Behörden untätig geblieben seien. Die tatsächliche Wirksamkeit präventiver Massnahmen müsste gesondert untersucht werden.

    Die Regierung verspricht Hilfe – konkrete Zusagen fehlen

    Die französische Regierung hat inzwischen Unterstützung signalisiert.

    Der für den Handel zuständige Minister Serge Papin erklärte, das Wirtschafts- und Finanzministerium in Bercy sei mobilisiert, um den betroffenen Unternehmen zu helfen.

    Premierminister Sébastien Lecornu warnte seinerseits vor erheblichen finanziellen Schäden auf nationaler Ebene.

    Doch zwischen politischen Solidaritätsbekundungen und tatsächlich verfügbaren Hilfsgeldern besteht ein wesentlicher Unterschied.

    Bis Sonntagvormittag war aus den vorliegenden öffentlichen Erklärungen nicht ersichtlich, welche finanziellen Mittel bereitgestellt werden sollen, welche Unternehmen anspruchsberechtigt wären und wann erste Zahlungen erfolgen könnten.

    Für die betroffenen Händler sind insbesondere drei Fragen entscheidend: Welche Schäden übernehmen die Versicherungen? Welche Verluste könnte der Staat zusätzlich ausgleichen? Und wie lässt sich verhindern, dass Unternehmen während langwieriger Prüfungsverfahren zahlungsunfähig werden?

    Dabei sind verschiedene Formen der Unterstützung denkbar.

    Direkte Zuschüsse könnten die dringendsten Reparaturen finanzieren. Staatlich unterstützte Überbrückungskredite würden kurzfristige Liquiditätsengpässe abfedern. Auch Steuerstundungen oder die zeitweilige Verschiebung bestimmter Sozialabgaben könnten den finanziellen Druck verringern.

    Solche Instrumente wären allerdings politisch und haushaltsrechtlich zu konkretisieren. Ihre mögliche Anwendung bedeutet nicht, dass die Regierung sie bereits beschlossen hätte.

    Zudem ist die Rolle der Versicherungen zu berücksichtigen. Ob Schäden durch Plünderungen, Vandalismus oder Betriebsunterbrechungen gedeckt sind, hängt von den jeweiligen Vertragsbedingungen ab.

    Eine staatliche Unterstützung müsste deshalb so ausgestaltet werden, dass bestehende Versicherungsleistungen berücksichtigt werden, ohne die rasche Wiederaufnahme der Geschäftstätigkeit unnötig zu verzögern.

    Paris organisiert die Rückkehr zur Normalität

    Auch die Pariser Stadtverwaltung hat auf die Ereignisse reagiert.

    Bürgermeister Emmanuel Grégoire verurteilte die Plünderungen und Zerstörungen in einer Erklärung vom Samstagabend mit Nachdruck. Die Gewalt habe Menschen gefährdet, Geschäfte beschädigt und öffentliche Einrichtungen in Mitleidenschaft gezogen.

    Bereits am Samstagmorgen war eine kommunale Krisenzelle eingerichtet worden. Am Abend folgte eine ausserordentliche Sitzung mit den Bürgermeistern der einzelnen Stadtbezirke, um Schäden und dringende Bedürfnisse zu erfassen.

    Zusätzliche Reinigungskräfte sollen die betroffenen Strassen räumen, Trümmer beseitigen und beschädigte öffentliche Bereiche sichern.

    Diese Massnahmen sind notwendig, können die wirtschaftlichen Probleme der betroffenen Unternehmen jedoch nur teilweise lösen.

    Die Stadtverwaltung hat ihre Solidarität mit Geschäftsinhabern und Beschäftigten erklärt. Eine konkret bezifferte kommunale Finanzhilfe wurde in der bisherigen Mitteilung allerdings nicht angekündigt.

    Die Zuständigkeiten sind dabei unterschiedlich verteilt: Während die Kommune vor allem für die Wiederherstellung des öffentlichen Raums verantwortlich ist, liegen Fragen staatlicher Wirtschaftshilfen und steuerlicher Erleichterungen überwiegend bei der Zentralregierung.

    Zwischen Demonstrationsfreiheit und öffentlicher Sicherheit

    Die Ausschreitungen werfen zugleich eine grundsätzliche politische Frage auf: Wie kann der französische Staat das verfassungsrechtlich geschützte Recht auf Protest gewährleisten und gleichzeitig Bürger, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen wirksam schützen?

    Die Demonstrationen vom 17. Oktober richteten sich insbesondere gegen die hohen Lebenshaltungskosten und die Verschlechterung öffentlicher Dienstleistungen.

    Nach Regierungsangaben beteiligten sich landesweit rund 550 000 Menschen, während die Organisatoren von etwa 800 000 Teilnehmern sprachen. Die überwiegende Mehrheit demonstrierte friedlich.

    Die Gewalt einzelner Gruppen darf deshalb nicht mit der gesamten Protestbewegung gleichgesetzt werden.

    Diese Unterscheidung betont auch die Pariser Stadtverwaltung. Sie verurteilt die Zerstörungen, bekräftigt jedoch ausdrücklich die Bedeutung der Demonstrationsfreiheit.

    Historisch erinnert die Situation an die Gelbwestenbewegung, die Frankreich ab Ende 2018 über Monate beschäftigte. Damals wurden insbesondere in Paris wiederholt Geschäfte beschädigt, Verkehrswege blockiert und zentrale Einkaufsstrassen zeitweise geschlossen.

    Der Vergleich zeigt, wie rasch gesellschaftliche Konflikte zusätzliche wirtschaftliche Belastungen erzeugen können, wenn Proteste in gewaltsame Auseinandersetzungen übergehen.

    Allerdings unterscheiden sich die politischen Ausgangsbedingungen und die Zusammensetzung der Protestbewegungen. Eine unmittelbare Gleichsetzung wäre deshalb verkürzt.

    Für die französische Regierung entsteht dennoch ein doppelter Handlungsdruck. Einerseits muss sie auf die sozialen und wirtschaftlichen Ursachen der Proteste reagieren. Andererseits muss sie glaubhaft gewährleisten, dass friedliche Demonstrationen nicht regelmässig mit erheblichen Schäden für unbeteiligte Dritte verbunden sind.

    Gerade mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2027 erhält diese Frage zusätzliche politische Bedeutung.

    Die unmittelbare Bewährungsprobe findet jedoch nicht in den politischen Debatten statt, sondern in den beschädigten Einkaufsstrassen der Hauptstadt.

    Für die Händler zählt nun, ob staatliche Zusagen rechtzeitig in praktische Unterstützung umgesetzt werden. Ein zerstörtes Schaufenster lässt sich ersetzen. Schwieriger wird es, wenn ein Unternehmen seine Kundschaft verliert, Rechnungen nicht mehr bezahlen kann oder Beschäftigte entlassen muss.

    Die kommenden Tage werden zeigen, ob die Regierung über allgemeine Solidaritätsbekundungen hinaus ein wirksames Hilfsprogramm vorlegt. Entscheidend werden transparente Anspruchsvoraussetzungen, einfache Antragsverfahren und eine rasche Bereitstellung finanzieller Mittel sein.

    Die wirtschaftlichen Folgen der Gewaltnacht werden sich letztlich nicht allein an der Höhe der Sachschäden messen lassen. Ebenso wichtig ist, wie viele Geschäfte wieder öffnen können und wie schnell das Vertrauen in die Sicherheit des öffentlichen Raums zurückkehrt.

    Für Paris steht damit mehr auf dem Spiel als die Reparatur beschädigter Fassaden. Es geht um die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit seiner Stadtviertel und um die Fähigkeit des Staates, gesellschaftliche Konflikte zu bewältigen, ohne dass unbeteiligte Unternehmen dauerhaft deren Kosten tragen müssen.

    Daniel Ivers

  • Wenn Hitze auf Haute Cuisine trifft – Wer gewinnt?

    Wenn Hitze auf Haute Cuisine trifft – Wer gewinnt?

    Die Antwort fällt erschreckend leicht: Die Hitze. Und zwar haushoch.

    Lyon, die stolze Hauptstadt der französischen Gastronomie, erlebt gerade ein Schauspiel, das fast schon absurd wirkt. Dort, wo sich sonst Menschen um einen freien Tisch streiten, stehen nun leere Stühle in Reih und Glied. Die Kellner warten. Die Köche schwitzen. Und die Gäste? Die haben offenbar beschlossen, dass Hitzschlag keine akzeptable Beilage zum Mittagsmenü ist.

    Wer hätte bloß ahnen können, dass sich kaum jemand freiwillig bei fast 40 Grad auf eine Terrasse setzt, um eine dampfende Spezialität zu genießen? Offenbar kam diese Erkenntnis für manche so überraschend wie Schnee im Hochsommer. Sonnenschirme, die früher als Symbol mediterraner Gemütlichkeit galten, verwandeln sich plötzlich in Dekoration. Gegen Temperaturen, die selbst den Asphalt weich werden lassen, helfen sie ungefähr so gut wie ein Papierfächer in einer Sauna.

    Natürlich lässt sich darüber trefflich philosophieren. Die einen sprechen von einem schlechten Sommergeschäft, die anderen von einer vorübergehenden Wetterlage. Dabei drängt sich längst eine unbequeme Wahrheit auf: Die Klimakrise interessiert sich herzlich wenig für Öffnungszeiten, Reservierungsbücher oder Michelin-Sterne. Sie kommt einfach vorbei – und räumt den Platz.

    Besonders bitter trifft es jene kleinen Cafés und Familienbetriebe, die Lyon seinen unverwechselbaren Charme verleihen. Sie verfügen weder über riesige Rücklagen noch über klimatisierte Einkaufspaläste. Sie leben von Menschen, die spontan hereinschauen, einen Kaffee trinken oder sich ein gutes Essen gönnen. Doch spontane Spaziergänge fühlen sich inzwischen eher wie eine Expedition durch einen Pizzaofen an.

    Man könnte fast lachen, wenn die Lage nicht so ernst wäre. Jahrelang diskutierten Städte über Begrünung, Schattenplätze und kühlere Straßen. Diskutiert wurde reichlich. Gepflanzt deutlich weniger. Jetzt staunt man darüber, dass sich Menschen lieber in klimatisierten Einkaufszentren verstecken als auf glühenden Pflastersteinen flanieren. Welch sensationelle Erkenntnis!

    Dabei verliert Lyon weit mehr als Umsatz. Eine Stadt lebt von Begegnungen, vom Stimmengewirr auf ihren Plätzen und vom Klappern des Geschirrs auf den Terrassen. Verstummen diese Geräusche, verschwindet ein Stück ihrer Seele. Das lässt sich weder mit Sonderangeboten noch mit verlängerten Öffnungszeiten zurückholen.

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Lektion dieses Sommers. Nicht die Hitze muss sich an unsere Städte anpassen, sondern die Städte an die Hitze. Alles andere gleicht dem verzweifelten Versuch, mit einem Eiswürfel einen Waldbrand zu löschen.

    Und falls sich noch jemand fragt, wer den Wettstreit zwischen Hitze und Haute Cuisine gewonnen hat: Die Antwort steht jeden Nachmittag auf den verlassenen Terrassen. Lautlos. Unerbittlich. Und leider ziemlich überzeugend.

    Andreas M. Brucker

  • Wenn die Hitze das Geschäft vertreibt: Lyons Läden und Terrassen bleiben leer

    Wenn die Hitze das Geschäft vertreibt: Lyons Läden und Terrassen bleiben leer

    Lyon lebt von seinen Straßen. Zwischen den engen Gassen der Altstadt, den eleganten Einkaufsstraßen der Presqu’île und den weitläufigen Plätzen rund um die Place Bellecour spielt sich normalerweise das ab, was den Charakter der Stadt ausmacht: Menschen bummeln, sitzen in Straßencafés oder stöbern in kleinen Geschäften. Doch in diesem Sommer bietet sich vielerorts ein ungewohntes Bild. Wiederkehrende Hitzewellen lassen das öffentliche Leben verstummen – mit spürbaren Folgen für Handel und Gastronomie.

    An besonders heißen Tagen klettert das Thermometer auf nahezu 40 Grad. Die dicht bebaute Innenstadt speichert die Wärme wie ein riesiger Ofen. Asphalt, Fassaden und Pflastersteine geben die Hitze bis weit in die Abendstunden ab. Wer keinen zwingenden Grund hat, verzichtet auf den Weg ins Zentrum, sucht Schatten, ein Schwimmbad oder gleich das kühlere Umland auf. Das Ergebnis zeigt sich unmittelbar in den Einkaufsstraßen: Wo sonst reges Treiben herrscht, bleiben viele Schaufenster unbeachtet.

    Vor allem kleine, inhabergeführte Geschäfte geraten dadurch unter Druck. Sie leben von spontanen Besuchen und Laufkundschaft. Fehlen diese Kunden, sinken die Einnahmen sofort. Manche Händler berichten von Umsatzeinbußen von bis zu 30 Prozent im Vergleich zu gewöhnlichen Sommertagen. Große Einkaufszentren kommen dagegen deutlich besser durch die Hitze. Dank klimatisierter Verkaufsflächen ziehen sie viele Menschen an, die dort nicht nur einkaufen, sondern auch angenehme Temperaturen suchen.

    Nicht weniger angespannt ist die Lage in der Gastronomie. Die sonst gut besuchten Restaurantterrassen bleiben selbst in der Hochsaison überraschend leer. Bei Temperaturen deutlich oberhalb der 35-Grad-Marke verlieren selbst schattige Plätze ihren Reiz. Ein Mittagessen in der prallen Sonne? Für viele Gäste kommt das schlicht nicht infrage.

    Zahlreiche Gastronomen reagieren mit flexibleren Öffnungszeiten und verlagern ihren Schwerpunkt auf die Abendstunden. Doch selbst nach Sonnenuntergang bleibt die Hitze häufig spürbar. Gleichzeitig fehlen viele Stammgäste, die sich in den Ferien außerhalb der Stadt aufhalten. Auch der Tourismus entwickelt sich schwächer als erhofft, sodass zusätzliche Kundschaft ausbleibt.

    Für die Beschäftigten bedeutet die Situation eine doppelte Belastung. Besonders in den Küchen steigen die Temperaturen auf ein Niveau, das den Arbeitsalltag erheblich erschwert. Klimaanlagen fehlen in vielen älteren Gebäuden oder reichen für eine wirksame Kühlung nicht aus. Gleichzeitig treiben Ventilatoren und Kühltechnik die Stromkosten nach oben – ausgerechnet in einer Phase sinkender Umsätze.

    Die Entwicklung zeigt, wie stark die Klimakrise inzwischen das wirtschaftliche Leben in den Innenstädten beeinflusst. Hitzewellen verändern nicht nur das Freizeitverhalten der Menschen, sondern auch die Grundlagen des Einzelhandels und der Gastronomie. Mehr Bäume, schattige Plätze, Trinkbrunnen und begrünte Straßen könnten langfristig für Abkühlung sorgen. Doch solche Projekte brauchen Zeit. Für viele Händler und Restaurantbesitzer zählt dagegen jeder einzelne Sommertag. Denn wenn die Hitze die Menschen dauerhaft aus den Straßen vertreibt, verliert Lyon ein Stück jener lebendigen Stadtkultur, die Besucher und Einwohner seit jeher schätzen.

    Autor: C.H.

  • Frankreich im Hitzestress: Sollten Städte wie Nîmes künftig nach spanischem Rhythmus leben?

    Frankreich im Hitzestress: Sollten Städte wie Nîmes künftig nach spanischem Rhythmus leben?

    Die Sommer im Süden Frankreichs werden immer heißer. In Städten wie Nîmes klettert das Thermometer während Hitzewellen regelmäßig über die Marke von 40 Grad Celsius. Was früher als Ausnahme galt, entwickelt sich zunehmend zur Normalität – mit spürbaren Folgen für Wirtschaft, Alltag und Arbeitswelt. Vor diesem Hintergrund gewinnt eine Idee an Aufmerksamkeit, die lange als typisch spanische Eigenheit galt: die Anpassung der Tagesabläufe an die Hitze. Händler in Nîmes fordern inzwischen, ihre Öffnungszeiten stärker an die klimatischen Bedingungen anzupassen und die heißesten Stunden des Tages zu meiden.

    Handel leidet unter der Nachmittagshitze

    Die Beobachtung der Geschäftsinhaber ist eindeutig. Zwischen Mittag und etwa 17 Uhr bleiben die Straßen vieler Innenstädte nahezu menschenleer. Während extremer Hitzeperioden sinkt die Zahl der Kunden teils um 50 bis 70 Prozent. Geschäfte bleiben zwar geöffnet, doch der wirtschaftliche Nutzen ist oft gering. Gleichzeitig müssen Beschäftigte und Kunden erhebliche Belastungen durch die hohen Temperaturen in Kauf nehmen.

    Vor diesem Hintergrund erscheint es vielen Händlern sinnvoller, die Öffnungszeiten auf die kühleren Tagesabschnitte zu verlagern. Diskutiert wird ein Modell mit Öffnung am Vormittag von etwa 9 bis 13 Uhr und einer zweiten Öffnungsphase von 17 bis 21 oder sogar 22 Uhr. Ziel wäre es, die Einkaufszeiten an das tatsächliche Verhalten der Bevölkerung anzupassen.

    Spanien als Vorbild

    In zahlreichen Regionen Spaniens gehört ein solcher Tagesrhythmus seit Jahrzehnten zum gesellschaftlichen Alltag. Während der größten Mittagshitze schließen viele kleinere Geschäfte mehrere Stunden, bevor sie am späten Nachmittag erneut öffnen und häufig bis in den Abend hinein geöffnet bleiben.

    Dieser Lebensrhythmus entstand ursprünglich aus klimatischen und kulturellen Gründen. Inzwischen wird er zunehmend auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet. Einkaufen, Restaurantbesuche oder Freizeitaktivitäten finden bevorzugt dann statt, wenn die Temperaturen wieder erträglich werden.

    Für Nîmes erscheint dieses Modell durchaus naheliegend. Die Stadt weist mit ihrem mediterranen Klima, den langen Sonnenstunden und den immer häufigeren Hitzewellen ähnliche klimatische Voraussetzungen auf wie viele Städte im benachbarten Spanien. Bereits heute zeigt sich eine Verlagerung des öffentlichen Lebens in die Abendstunden. Nachtmärkte, gut besuchte Straßencafés und kulturelle Veranstaltungen bis spät in die Nacht verdeutlichen, dass sich die Bevölkerung schrittweise an die veränderten klimatischen Bedingungen anpasst.

    Französische Strukturen erschweren den Wandel

    Eine vollständige Übertragung des spanischen Modells gestaltet sich jedoch schwierig. Frankreich ist organisatorisch auf einen weitgehend durchgehenden Tagesablauf ausgerichtet. Schulen, Verwaltungen, öffentliche Verkehrsmittel und zahlreiche Unternehmen arbeiten nach festen Zeitplänen.

    Würden ausschließlich Einzelhändler ihre Öffnungszeiten verändern, könnten neue Probleme entstehen. Berufstätige hätten unter Umständen kaum Gelegenheit, ihre Einkäufe zu erledigen, wenn Arbeitszeiten und Ladenöffnungszeiten nicht mehr aufeinander abgestimmt sind.

    Hinzu kommen betriebliche Herausforderungen. Während unabhängige Geschäfte ihre Öffnungszeiten vergleichsweise flexibel gestalten können, sind große Handelsketten und Einkaufszentren an komplexe Personalplanungen, Lieferketten und konzernweite Vorgaben gebunden. Längere Öffnungszeiten bis in den Abend erfordern zusätzliche Arbeitskräfte, veränderte Logistik und teilweise höhere Betriebskosten.

    Anpassung an den Klimawandel wird zur politischen Aufgabe

    Die Diskussion reicht inzwischen weit über den Einzelhandel hinaus. Angesichts zunehmender Hitzewellen gewinnt die Anpassung der Arbeitswelt an den Klimawandel an Bedeutung. Arbeitgeber müssen den Schutz ihrer Beschäftigten vor extremer Hitze stärker berücksichtigen und organisatorische Maßnahmen prüfen. Dazu gehört ausdrücklich auch die Möglichkeit, Arbeitszeiten so anzupassen, dass besonders belastende Tagesabschnitte vermieden werden.

    Damit entwickelt sich die Veränderung von Arbeits- und Öffnungszeiten von einer freiwilligen Maßnahme einzelner Unternehmen zu einem Bestandteil der allgemeinen Klimaanpassungsstrategie.

    Ein möglicher Blick in die Zukunft

    Klimaforscher gehen davon aus, dass Hitzewellen im Mittelmeerraum künftig häufiger auftreten, länger andauern und höhere Temperaturen erreichen werden. Städte im Süden Frankreichs stehen deshalb vor der Herausforderung, ihre Infrastruktur und ihren Alltag an diese Entwicklung anzupassen.

    Die Debatte in Nîmes könnte daher beispielhaft für eine breitere gesellschaftliche Entwicklung stehen. Was lange als kulturelle Besonderheit Spaniens galt, könnte sich in Teilen Frankreichs zunehmend als wirtschaftliche und gesundheitspolitische Notwendigkeit erweisen.

    Letztlich stellt sich weniger die Frage, ob Frankreich einen „spanischen Tagesrhythmus“ übernehmen sollte. Entscheidend dürfte vielmehr sein, in welchem Umfang Gesellschaft, Wirtschaft und öffentliche Einrichtungen bereit sind, ihre bisherigen Zeitstrukturen an ein Klima anzupassen, das sich dauerhaft verändert. Die Öffnungszeiten der Geschäfte könnten dabei lediglich den Anfang einer wesentlich umfassenderen Neuorganisation des Alltags markieren.

    P.T.

  • Kommentar: Wie man an den Spenden für Bedürftige kräftig verdienen kann – und das auch noch für normal hält

    Kommentar: Wie man an den Spenden für Bedürftige kräftig verdienen kann – und das auch noch für normal hält

    Es gibt Geschäftsmodelle, die sind so dreist, dass man ihnen fast schon Respekt zollen muss. Man stelle sich vor: Menschen kaufen Lebensmittel für Bedürftige, weil sie helfen wollen. Sie greifen zu Konserven, Nudeln oder Babynahrung, legen die Produkte in den Einkaufswagen und spenden sie anschliessend den Lebensmittelbanken. Eine schöne Geste. Ein Akt der Solidarität.

    Und während die Kunden glauben, etwas Gutes zu tun, klingelt gleichzeitig die Kasse des Supermarkts.

    Nicht nur ein bisschen. Sondern ganz regulär. Mit der üblichen Handelsmarge. Mit Gewinn.

    Wie genial ist das eigentlich? Die Grosszügigkeit anderer wird zur Einnahmequelle. Der Kunde spendet. Der Bedürftige erhält die Ware. Und der Händler verdient mit. Eine Win-win-win-Situation – zumindest für zwei Beteiligte.

    Besonders bemerkenswert ist dabei die Selbstverständlichkeit, mit der dieses System verteidigt wird. Sobald Politiker vorschlagen, die bei solchen Sammelaktionen erzielten Margen den Hilfsorganisationen zukommen zu lassen, ertönt empörtes Räuspern aus den Vorstandsetagen. Man habe schliesslich bereits genug getan. Man unterstütze die Aktionen organisatorisch. Man spende Überschüsse. Man kämpfe gegen Lebensmittelverschwendung.

    Alles richtig.

    Nur beantwortet das nicht die entscheidende Frage: Warum sollte ausgerechnet die Spendenbereitschaft der Kunden ein gewöhnlicher Umsatzvorgang sein?

    Wenn jemand Lebensmittel kauft, um sie der eigenen Familie auf den Tisch zu stellen, ist eine Handelsmarge selbstverständlich. Dafür existiert Handel. Doch wenn ein Kunde bewusst für Bedürftige einkauft, wird aus dem Geschäft plötzlich etwas anderes. Dann geht es nicht mehr um Konsum, sondern um Solidarität.

    Und Solidarität ist eigentlich keine Ware.

    Der eigentliche Skandal liegt deshalb nicht darin, dass Supermärkte an solchen Aktionen verdienen. Der eigentliche Skandal ist, dass viele Menschen dies inzwischen für völlig normal halten. Wir haben uns offenbar daran gewöhnt, dass selbst Nächstenliebe noch eine Gewinn- und Verlustrechnung besitzt.

    Vielleicht erleben wir bald die nächste Innovationsstufe. Warum nicht Bonusprogramme für Wohltätigkeit? Zehn Konservendosen für Bedürftige spenden und beim elften Produkt doppelte Treuepunkte erhalten. Oder eine Premium-Mitgliedschaft für besonders grosszügige Kunden. Die Marketingabteilungen würden bestimmt kreative Lösungen finden.

    Natürlich überzeichnet dieser Gedanke. Aber nur ein wenig.

    Denn die grundlegende Frage bleibt bestehen: Wem soll die Grosszügigkeit der Bürger dienen? Menschen in Not – oder den Quartalszahlen börsennotierter Unternehmen?

    Wer ernsthaft behauptet, dass beides gleichermassen legitim sei, hat möglicherweise vergessen, worum es bei einer Spende eigentlich geht.

    Nämlich darum, zu geben.

    Nicht darum, daran zu verdienen.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Wenn Solidarität zum Geschäft wird: Parlamentarier wollen Handelsmargen für Lebensmittelhilfen sichern

    Wenn Solidarität zum Geschäft wird: Parlamentarier wollen Handelsmargen für Lebensmittelhilfen sichern

    Jedes Jahr sammeln die französischen Lebensmittelbanken bei ihren landesweiten Aktionen mehrere tausend Tonnen Lebensmittel für Bedürftige. Die Spendenbereitschaft der Bevölkerung ist dabei ungebrochen hoch. Nun sorgt jedoch ein Aspekt dieser Solidaritätskampagnen für politische Diskussionen: Mehrere Abgeordnete fordern, dass Supermarktketten künftig auf jene Gewinnmargen verzichten sollen, die bei den eigens für die Sammlungen gekauften Produkten entstehen. Der Vorstoss basiert auf einer einfachen Beobachtung. Während der Sammelaktionen erwerben Kunden Lebensmittel direkt im Supermarkt, um sie anschliessend an die vor den Kassen wartenden Freiwilligen zu übergeben. Für die Handelsketten entstehen dadurch zusätzliche Umsätze, auf die sie ihre üblichen Margen erzielen. Aus Sicht der Initiatoren der Gesetzesvorlage widerspricht dies dem eigentlichen Zweck der Aktionen. Die Grosszügigkeit der Verbraucher solle ausschliesslich den Hilfsorganisationen zugutekommen und nicht zugleich kommerz…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Krieg im Nahen Osten als Preistreiber: Droht ein neuer Inflationsschub im Supermarkt?

    Krieg im Nahen Osten als Preistreiber: Droht ein neuer Inflationsschub im Supermarkt?

    Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten entfalten zunehmend auch wirtschaftliche Wirkung in Europa. Während sich die öffentliche Debatte bislang vor allem auf Energiepreise konzentriert, rückt nun eine andere Frage in den Fokus: Welche Folgen hat der Konflikt für die Preise im Alltag – insbesondere im Supermarkt? Erste Signale aus Frankreich deuten darauf hin, dass sich die Lage für Verbraucher erneut verschärfen könnte, wenn auch differenziert nach Produktkategorien.

    Energie als Ausgangspunkt der Teuerung

    Ein zentrales Element der aktuellen Entwicklung ist der Anstieg der Energiepreise. Bereits im März verzeichnete Frankreich einen monatlichen Anstieg der Verbraucherpreise um 1 %, was über den Erwartungen lag. Auf Jahressicht ergibt sich eine Inflationsrate von 1,7 %. Treiber dieser Entwicklung ist vor allem der Ölpreis, dessen Volatilität durch den Konflikt im Nahen Osten verstärkt wird.

    Die ökonomische Logik ist dabei klar: Steigende Energiepreise wirken entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Sie verteuern Produktion, Transport und Lagerung von Gütern. Besonders betroffen sind Branchen mit hohem Energie- und Logistikanteil – darunter die Lebensmittelindustrie.

    Handelsmarken unter Druck

    Im Zentrum der aktuellen Sorgen steht eine Produktkategorie, die bislang als Stabilitätsanker für preisbewusste Konsumenten galt: Handelsmarken, in Frankreich als „marques de distributeur“ (MDD) bekannt. Diese Produkte sind im Schnitt rund 30 % günstiger als nationale Marken und machen etwa 35 % des Umsatzes großer Handelsketten aus.

    Gerade diese Preisdifferenz könnte nun unter Druck geraten. Denn Handelsmarken basieren auf einem eng kalkulierten Kostenmodell, das wenig Spielraum für externe Schocks lässt. Steigen die Inputkosten – etwa für Energie, Rohstoffe oder Transport –, müssen Händler und Produzenten neu verhandeln. Erste Signale deuten darauf hin, dass solche Nachverhandlungen noch vor Jahresende erfolgen könnten.

    Landwirtschaft als Frühindikator

    Besonders deutlich zeigen sich die Auswirkungen auf vorgelagerten Produktionsstufen, etwa in der Landwirtschaft. Ein Milchbauer aus der Region Loire-Atlantique berichtet von angekündigten Kostensteigerungen von rund 15 % – insbesondere bei Treibstoffen und beim Transport von Futtermitteln wie Getreide.

    Diese Entwicklung ist ökonomisch bedeutsam, da die Landwirtschaft am Anfang der Lebensmittelkette steht. Kostensteigerungen hier wirken sich mit zeitlicher Verzögerung auf die Endpreise im Einzelhandel aus. Gleichzeitig verfügen landwirtschaftliche Betriebe nur über begrenzte Möglichkeiten, kurzfristig auf alternative Energiequellen oder Lieferketten auszuweichen.

    Mittelständische Produzenten in der Zwickmühle

    Auch kleinere und mittlere Unternehmen sehen sich zunehmend unter Druck. Ein Beispiel ist ein französischer Snackhersteller, der Produkte auf Basis von Kichererbsen für Handelsmarken produziert. Das Unternehmen verfolgt eine aggressive Preisstrategie mit Produkten unter zwei Euro – verbunden mit entsprechend niedrigen Margen.

    Steigende Energiekosten treffen solche Unternehmen besonders hart, da ihnen oft die finanziellen und strukturellen Ressourcen fehlen, um Preisschwankungen abzufedern oder alternative Beschaffungsstrategien zu entwickeln. In der Folge entsteht ein Spannungsfeld zwischen Preisdruck im Markt und wirtschaftlicher Tragfähigkeit der Produktion.

    Handlungsspielräume des Handels

    Große Handelsketten wie Intermarché verfügen grundsätzlich über größere Flexibilität. Durch vertikale Integration – etwa eigene Produktionsstätten – können sie Teile der Wertschöpfungskette kontrollieren und Kostensteigerungen intern ausgleichen. Intermarché betreibt rund 50 eigene Fabriken zur Herstellung von Handelsmarkenprodukten.

    Doch auch diese Strategie hat Grenzen. Wenn die Kostensteigerungen systemisch sind – etwa durch global steigende Energiepreise –, lassen sie sich nicht vollständig kompensieren. Branchenvertreter warnen daher bereits vor möglichen Nachverhandlungen mit Lieferanten im Laufe des Jahres.

    Gleichzeitig betonen Handelsunternehmen die politische und gesellschaftliche Sensibilität des Themas. Preissteigerungen im zweistelligen Bereich gelten als kaum vermittelbar. Der Hinweis, dass Verbraucher „keine 10 oder 15 % Inflation in den Regalen akzeptieren können“, verweist auf eine implizite Preisobergrenze, die sowohl ökonomisch als auch politisch relevant ist.

    Konsumverhalten als stabilisierender Faktor?

    Ein möglicher Puffer gegen starke Preisanstiege könnte das veränderte Konsumverhalten sein. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit greifen Verbraucher verstärkt zu günstigeren Alternativen – insbesondere zu Handelsmarken. Dieser Trend könnte die Nachfrage stabilisieren und Skaleneffekte ermöglichen, die wiederum preisdämpfend wirken.

    Allerdings ist dieser Effekt nicht unbegrenzt. Wenn auch die günstigeren Produktlinien von Kostensteigerungen betroffen sind, schrumpft der Spielraum für Substitution. In einem solchen Szenario könnten Verbraucher insgesamt weniger konsumieren oder auf qualitativ niedrigere Alternativen ausweichen.

    Geopolitik als strukturelles Risiko

    Der aktuelle Konflikt im Nahen Osten verdeutlicht einmal mehr, wie stark europäische Volkswirtschaften von globalen Entwicklungen abhängig sind. Energiepreise fungieren dabei als zentraler Übertragungskanal geopolitischer Risiken in die Binnenwirtschaft.

    Die Erfahrungen der vergangenen Jahre – von der Pandemie bis zum Ukrainekrieg – haben gezeigt, dass solche externen Schocks nicht nur kurzfristige Preisspitzen verursachen, sondern strukturelle Anpassungen erfordern. Dazu zählen Diversifizierung von Lieferketten, Investitionen in Energieunabhängigkeit und eine stärkere Resilienz der Produktionssysteme.

    Ob die aktuellen Preissteigerungen im Supermarkt nur temporär sind oder den Beginn einer neuen Inflationsphase markieren, hängt maßgeblich von der weiteren Entwicklung im Nahen Osten ab. Klar ist jedoch bereits jetzt: Die vermeintlich stabilen und günstigen Handelsmarken geraten zunehmend unter Druck – und mit ihnen ein zentrales Element der europäischen Konsumökonomie.

    Autor: Christine Macha

  • Wenn der Supermarkt zum Versuchslabor wird – wie Städte wie Angers unser Einkaufsverhalten sezieren

    Wenn der Supermarkt zum Versuchslabor wird – wie Städte wie Angers unser Einkaufsverhalten sezieren

    Der Gang durch den Supermarkt gilt als eine der banalsten Routinen des Alltags. Einkaufszettel, Einkaufswagen, immer dieselben Wege. Und doch spielt sich zwischen den Regalen, Kühltruhen und Kassen ein hochpräzises Experiment ab. Unauffällig, systematisch, millionenfach. In einigen ausgewählten Städten Frankreichs, allen voran in Angers, wird der Wocheneinkauf zur Generalprobe für die Zukunft der großen Handelsketten und der Lebensmittelindustrie. Sandrine, Informatikerin, Mutter von zwei Kindern, Mitte fünfzig, schiebt ihren Wagen durch den Markt wie viele andere auch. Sie weiß ziemlich genau, was sie kaufen will, und doch wird jede ihrer Entscheidungen registriert. Welche Verpackung zieht ihren Blick an. Welches Produkt landet im Wagen, welches bleibt liegen. Wie oft greift sie zu, in welcher Menge, in welchem Rhythmus. Für Sandrine ist das kein Grund zur Beunruhigung. Sie spricht offen darüber, fast beiläufig. Die Kundenkarte, die sie an der Kasse vorzeigt, bringt ihr Punkte, Gutsch…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Wenn Schaufenster Geschichten erzählen – wie Arras und Metz mit Weihnachtswettbewerben ihre Innenstädte beleben

    Wenn Schaufenster Geschichten erzählen – wie Arras und Metz mit Weihnachtswettbewerben ihre Innenstädte beleben

    Es gibt Städte, die zur Weihnachtszeit einfach nur leuchten. Und es gibt Städte, die leuchten und dabei wetteifern. In Arras und Metz gehört die Vorweihnachtszeit längst nicht mehr allein dem Glühwein, den Lichterketten und der leisen Hintergrundmusik. Dort ist Weihnachten auch ein Wettbewerb – mit Jury, Punktesystem und ehrgeizigen Teilnehmern. Was auf den ersten Blick verspielt wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ernst gemeinte Strategie gegen verödende Innenstädte. In Arras, dieser nordfranzösischen Stadt mit ihren berühmten Plätzen und Fassaden, beginnt der Rundgang der Jury wie ein Spaziergang durch ein lebendiges Bilderbuch. 91 Geschäfte treten gegeneinander an. Die Kriterien sind klar umrissen, aber anspruchsvoll: gestalterische Qualität, Originalität, Gesamteindruck. Nichts bleibt dem prüfenden Blick verborgen. Stéphanie Lefebvre, Anwohnerin und Jurymitglied, formuliert es nüchtern und zugleich begeistert. Die Dekoration sei durchdacht, ungewöhnl…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Von der Kasse ins Rampenlicht: Wie eine Carrefour-Mitarbeiterin aus Laval TikTok erobert

    Von der Kasse ins Rampenlicht: Wie eine Carrefour-Mitarbeiterin aus Laval TikTok erobert

    Manchmal genügt ein Smartphone, ein Supermarktgang und ein bisschen Mut, um die Statik des Alltags aus den Angeln zu heben. In Laval, einer beschaulichen Stadt im Département Mayenne, steht plötzlich eine Kassiererin im Zentrum einer digitalen Aufmerksamkeitsökonomie, die sonst Influencern, Popstars oder Profisportlern vorbehalten ist. Léonie, Angestellte im Carrefour vor Ort, hat es mit kurzen, beschwingten Videos auf TikTok zu einer Bekanntheit gebracht, die selbst erfahrene Marketingabteilungen aufhorchen lässt. Ursprünglich war die Idee schlicht. Ein paar Clips, gedacht, um die gute Stimmung im Team zu zeigen, den Arbeitsalltag zu entstauben, vielleicht ein wenig Nähe zu schaffen. Blaue Weste an, Kamera an, Musik dazu. Léonie tanzt zwischen den Regalen, blickt hinter die Kulissen, präsentiert neue Produkte mit einem Augenzwinkern. Nichts Hochglanz, nichts Überproduziertes. Und doch explodieren die Zahlen. Einige ihrer Videos nähern sich der Marke von zehn Millionen Aufrufen. Zehn M…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…