Schlagwort: Demokratie

  • Frankreichs Gelbwesten vor dem Comeback: Kann aus der Wut eine neue Revolte entstehen?

    Frankreichs Gelbwesten vor dem Comeback: Kann aus der Wut eine neue Revolte entstehen?

    Fast acht Jahre nach dem Beginn der Gelbwesten-Proteste steht Frankreich möglicherweise vor einer neuen Welle sozialer Unruhen. Für den 17. Oktober 2026 sind landesweit zahlreiche Aktionen angekündigt. Steigende Lebenshaltungskosten, Unzufriedenheit mit den politischen Institutionen und eine wachsende Schülerbewegung bilden den Hintergrund. Doch zwischen digitaler Mobilisierung und einer gesellschaftlichen Protestbewegung liegt ein erheblicher Unterschied. Ob Frankreich eine Neuauflage des Aufstands von 2018 erlebt, entscheidet sich nicht allein auf den Straßen, sondern auch an der Fähigkeit unterschiedlicher Gruppen, gemeinsame politische Ziele zu entwickeln.

    Die Rückkehr eines Symbols gesellschaftlicher Unzufriedenheit

    Mehr als tausend Protestaktionen sollen am Samstag, dem 17. Oktober, in Frankreich stattfinden. Zumindest vermitteln dies digitale Mobilisierungskarten, auf denen Demonstrationen, Versammlungen an Kreisverkehren und Aktionen vor Tankstellen und Treibstofflagern angekündigt werden.

    Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu interpretieren. Viele Einträge stammen von Nutzern selbst. Ob die angekündigten Veranstaltungen tatsächlich stattfinden und wie viele Menschen sich daran beteiligen, bleibt ungewiss.

    Dennoch besitzt der Aufruf eine politische Bedeutung, die über die mögliche Teilnehmerzahl hinausgeht. Er erinnert an eine der tiefgreifendsten gesellschaftlichen Protestbewegungen der jüngeren französischen Geschichte.

    Im November 2018 hatten sich die sogenannten Gilets jaunes, die Gelbwesten, zunächst gegen höhere Kraftstoffabgaben erhoben. Innerhalb weniger Wochen entwickelte sich daraus eine landesweite Bewegung gegen sinkende Kaufkraft, soziale Ungleichheit und eine als abgehoben empfundene politische Elite.

    Die Proteste stellten die Präsidentschaft Emmanuel Macrons vor eine schwere innenpolitische Krise. Die Regierung setzte die geplante Erhöhung der Kraftstoffsteuer aus und kündigte soziale Entlastungen an. Macron organisierte zudem eine landesweite Bürgerdebatte, um das beschädigte Vertrauen zwischen Staat und Gesellschaft wiederherzustellen.

    Doch die grundlegenden Konflikte verschwanden nicht. Gerade in ländlichen Regionen und kleineren Städten blieb das Gefühl verbreitet, dass politische Entscheidungen vor allem den Interessen der wirtschaftlich starken Ballungsräume dienten.

    Eine Mobilisierung aus den sozialen Netzwerken

    Anders als 2018 fehlt der gegenwärtigen Protestinitiative bislang eine erkennbare organisatorische Grundlage.

    Der Aufruf für den 17. Oktober soll ursprünglich auf ein TikTok-Video zurückgehen, in dem ein junger Mann die hohen Kraftstoffpreise kritisierte. Anschließend verbreiteten sich zahlreiche Mobilisierungsaufrufe über soziale Netzwerke, darunter auch mithilfe künstlicher Intelligenz gestaltete Plakate.

    Die Dynamik verdeutlicht, wie stark sich politische Mobilisierung verändert hat. Digitale Plattformen können innerhalb kurzer Zeit Aufmerksamkeit erzeugen, ohne dass Gewerkschaften, Parteien oder etablierte Bürgerinitiativen beteiligt sind.

    Allerdings ersetzt Reichweite keine Organisation.

    Priscillia Ludosky, deren Petition gegen hohe Kraftstoffpreise 2018 wesentlich zur Entstehung der Gelbwestenbewegung beigetragen hatte, verweist auf einen entscheidenden Unterschied: Damals waren über Monate hinweg lokale Kontakte und Netzwerke entstanden. Eine vergleichbare Vorbereitung sei gegenwärtig nicht erkennbar.

    Ihre Skepsis verweist auf ein strukturelles Problem spontaner Protestbewegungen. Politische Unzufriedenheit kann Millionen Menschen verbinden, ohne dass daraus automatisch gemeinsames Handeln entsteht.

    Erst dauerhafte Kommunikationsstrukturen, verbindliche Absprachen und erkennbare Verantwortlichkeiten ermöglichen es, gesellschaftlichen Druck über einen einzelnen Aktionstag hinaus aufrechtzuerhalten.

    Die Schülerbewegung als neuer politischer Faktor

    Eine Besonderheit der aktuellen Mobilisierung ist die mögliche Verbindung zwischen den Gelbwesten und der seit Wochen protestierenden französischen Jugend.

    An zahlreichen Lycées richtet sich der Unmut gegen Unterrichtsausfälle, unzureichende Ausstattung, renovierungsbedürftige Schulgebäude und Probleme beim Hochschulzugang über die Plattform Parcoursup.

    Schüler- und Studierendenorganisationen haben zur Beteiligung an den Protesten vom 17. Oktober aufgerufen. Unter der Losung «Jaunes et jeunes» – Gelbwesten und Jugendliche – soll ein Bündnis entstehen, das unterschiedliche Generationen und gesellschaftliche Gruppen zusammenführt.

    Darin liegt eine mögliche Erweiterung der ursprünglichen Gelbwestenbewegung.

    Während 2018 vor allem Menschen aus unteren und mittleren Einkommensgruppen, Pendler und Bewohner strukturschwacher Regionen mobilisiert wurden, könnten diesmal auch bildungspolitische Forderungen eine zentrale Rolle spielen.

    Der gemeinsame Nenner ist die Wahrnehmung gesellschaftlicher Benachteiligung.

    Für berufstätige Eltern sind steigende Lebenshaltungskosten und unzureichende Bildungschancen ihrer Kinder keine voneinander getrennten Probleme. Beide berühren die Frage, ob wirtschaftliche Anstrengung noch sozialen Aufstieg ermöglicht.

    Allerdings unterscheiden sich die konkreten politischen Interessen erheblich. Niedrigere Kraftstoffpreise, höhere Löhne, bessere Schulen und zusätzliche demokratische Beteiligungsrechte verlangen unterschiedliche staatliche Maßnahmen.

    Eine gemeinsame Protestlosung kann diese Unterschiede überdecken. Ein langfristig tragfähiges politisches Bündnis muss sie jedoch miteinander vereinbaren.

    Gewerkschaften zwischen Unterstützung und Vereinnahmung

    Eine Schlüsselrolle könnten die französischen Gewerkschaften übernehmen.

    Die CGT signalisiert Unterstützung für Mobilisierungen, die höhere Löhne und Renten, niedrigere Preise sowie leistungsfähige öffentliche Dienstleistungen verlangen. Gleichzeitig will sie verhindern, dass rechtsextreme Gruppen die Proteste politisch vereinnahmen.

    Die Gewerkschaft betrachtet den 17. Oktober auch im Zusammenhang mit einem für den 5. November geplanten Streik- und Protesttag.

    Damit entsteht eine strategische Frage, die bereits die Gelbwestenbewegung von 2018 geprägt hatte: Wie lässt sich eine dezentrale Bürgerbewegung mit den organisatorischen Möglichkeiten etablierter Interessenvertretungen verbinden?

    Gewerkschaften verfügen über Erfahrung in der Mobilisierung, regionale Strukturen und institutionalisierte Verhandlungskanäle. Gleichzeitig stehen sie für politische und gesellschaftliche Traditionen, denen manche Gelbwesten ausdrücklich misstrauen.

    Die Aktivistin Sophie Tissier warnt vor einer Vereinnahmung durch linke Parteien. Sie erinnert daran, dass die ursprüngliche Bewegung nicht nur materielle Verbesserungen verlangte, sondern auch eine grundlegende Reform demokratischer Beteiligung.

    Besonders die Forderung nach einem Référendum d’initiative citoyenne, einem von Bürgern initiierten Referendum, gehörte zu ihren zentralen Anliegen.

    Dahinter steht ein Konflikt, der über die Gelbwesten hinausreicht: das Verhältnis zwischen repräsentativer Demokratie und dem Wunsch nach unmittelbarer politischer Mitbestimmung.

    Frankreichs stark präsidentiell geprägtes Regierungssystem bietet zwar institutionelle Stabilität, konzentriert politische Verantwortung aber zugleich auf wenige Entscheidungsträger. In gesellschaftlichen Krisen kann diese Struktur die Wahrnehmung verstärken, politische Entscheidungen würden ohne ausreichende Beteiligung der Bevölkerung getroffen.

    Paris vor einem schwierigen Protestwochenende

    Auch die Sicherheitsbehörden bereiten sich auf mögliche Spannungen vor.

    In Paris untersagte die Polizeipräfektur die ursprünglich vorgesehene Route eines angemeldeten Demonstrationszuges und schlug alternative Strecken vor. Als Begründung wurden mögliche Zusammenstöße, Sachbeschädigungen und Sicherheitsrisiken in der Nähe öffentlicher Einrichtungen genannt.

    Über weitere Demonstrationsvorhaben wurde kurz vor dem Aktionstag noch verhandelt.

    Die Erfahrungen von 2018 und 2019 erklären die besondere Sensibilität der Behörden. Damals kam es insbesondere in Paris wiederholt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, erheblichen Sachschäden und kontrovers diskutierten Polizeieinsätzen.

    Für die neue Mobilisierung entsteht daraus eine doppelte Herausforderung.

    Einerseits müssen die Behörden die öffentliche Sicherheit gewährleisten und das Demonstrationsrecht respektieren. Andererseits stehen die Organisatoren vor der Aufgabe, friedliche Protestformen durchzusetzen und eine Eskalation zu vermeiden, die ihre politischen Forderungen überlagern könnte.

    Hinzu kommt der Beginn der Herbstferien. Für die Schülerbewegung entfällt damit vorübergehend ein wichtiger organisatorischer Bezugspunkt: die Schulen selbst.

    Ob Studierende, Gewerkschaften und andere Protestgruppen diese Lücke schließen können, dürfte wesentlich über die weitere Entwicklung entscheiden.

    Ein politischer Belastungstest für Frankreich

    Die politische Bedeutung der Proteste reicht inzwischen über die unmittelbaren Forderungen der Beteiligten hinaus.

    Die Schülerbewegung hat bereits beträchtliche Mobilisierungskraft bewiesen. Am 13. Oktober beteiligten sich nach Angaben des Innenministeriums rund 161 500 Menschen an den landesweiten Demonstrationen. Die Organisatoren sprachen von 480 000 Teilnehmern.

    Die erheblichen Unterschiede zwischen beiden Angaben zeigen, wie umstritten die öffentliche Bewertung gesellschaftlicher Proteste bleibt.

    Zugleich hat die Regierung erste Zugeständnisse gemacht. Sie kündigte zusätzliche Lehrkräfte für besonders betroffene Schulen an. Damit erkennt sie zumindest einen Teil der bildungspolitischen Missstände an.

    Doch finanzielle Zusagen allein dürften die gesellschaftliche Unzufriedenheit kaum beseitigen.

    Für Frankreich entsteht ein grundlegender Zielkonflikt: Die öffentlichen Haushalte stehen unter erheblichem Konsolidierungsdruck, während gleichzeitig Forderungen nach höheren Sozialleistungen, besserer Bildung und stärkeren öffentlichen Dienstleistungen zunehmen.

    Die Regierung muss damit zwischen fiskalischer Stabilität und gesellschaftlichen Erwartungen vermitteln. Gerade dieser Konflikt könnte die Proteste über einzelne Interessengruppen hinaus miteinander verbinden.

    Der politische Kalender erhöht zusätzlich die Brisanz. Im Frühjahr 2027 stehen Präsidentschaftswahlen bevor. Jede länger anhaltende gesellschaftliche Mobilisierung könnte die politische Debatte beeinflussen und den Parteien neue Konfliktlinien vorgeben.

    Noch ist allerdings keineswegs sicher, dass sich aus den gegenwärtigen Protesten eine dauerhafte Bewegung entwickelt.

    Der Gelbwesten-Aktivist Jérôme Rodrigues, der 2019 bei einer Demonstration ein Auge verlor, verbindet mit der erneuten Mobilisierung die Hoffnung, den damals begonnenen politischen Kampf fortzusetzen.

    Seine Haltung steht beispielhaft für das Selbstverständnis eines Teils der Bewegung: Die Proteste von 2018 werden nicht als abgeschlossene historische Episode betrachtet, sondern als Ausdruck weiterhin ungelöster gesellschaftlicher Konflikte.

    Der 17. Oktober wird deshalb vor allem zeigen, ob sich diese Erinnerung in neue politische Handlungsfähigkeit übersetzen lässt.

    Entscheidend wird weniger sein, wie viele gelbe Warnwesten am Samstag auf Frankreichs Straßen erscheinen. Wichtiger ist, ob Jugendliche, Arbeitnehmer, Rentner und andere gesellschaftliche Gruppen über den Aktionstag hinaus zusammenarbeiten können.

    Die Geschichte der Gelbwesten zeigt, dass eine Bewegung ohne klassische Führung erheblichen politischen Druck entfalten kann. Sie zeigt aber ebenso, wie schwierig es ist, spontane Empörung in dauerhafte institutionelle Veränderungen umzusetzen.

    Frankreich steht somit nicht zwangsläufig vor einer Wiederholung von 2018. Möglicherweise entsteht eine anders zusammengesetzte Protestbewegung, in der soziale Ungleichheit, Bildungspolitik und demokratische Beteiligung stärker miteinander verbunden werden.

    Ob daraus eine politische Kraft erwächst, bleibt offen. Fest steht jedoch, dass die gesellschaftlichen Spannungen, die einst den Aufstieg der Gelbwesten ermöglichten, weiterhin einen wichtigen Teil der französischen Innenpolitik prägen.

    Quellen: Le Monde (13. und 16. Oktober 2026), Reuters (9., 13. und 15. Oktober 2026), Le Parisien (15. Oktober 2026), CGT (13. Oktober 2026), Associated Press (Oktober 2026), TF1 Info/AFP (13. Oktober 2026).

    Andreas M. Brucker

  • Frankreichs Schulproteste offenbaren eine gefährliche Krise der Staatsautorität

    Frankreichs Schulproteste offenbaren eine gefährliche Krise der Staatsautorität

    Frankreich erlebt eine Eskalation seiner Schülerproteste. Verletzte Jugendliche, angegriffene Polizisten und eine Polizeigewerkschaft, die rechtliche Schritte gegen den Staat ankündigt, zeigen das Ausmass der Krise. Doch hinter der Konfrontation auf den Strassen steht ein grundlegenderes Problem: Die politische Führung verliert zunehmend die Fähigkeit, staatliche Autorität mit gesellschaftlichem Vertrauen zu verbinden.

    Wenn die Polizei ihrem eigenen Staat misstraut

    Es gehört zu den bemerkenswertesten Entwicklungen der jüngsten französischen Protestwelle, dass sich nun ausgerechnet die Polizei gegen ihre politische Führung wendet. Die Gewerkschaft Alliance Police nationale hat am 14. Oktober angekündigt, wegen mutmasslicher Gefährdung von Menschenleben rechtliche Schritte einzuleiten. Ihr Vorwurf wiegt schwer: Widersprüchliche Anweisungen aus der politischen und polizeilichen Führung setzten die Beamten unnötigen Risiken aus.

    Damit erhält die seit September andauernde Schülerbewegung eine neue Dimension. Es geht längst nicht mehr ausschliesslich um überfüllte Klassenzimmer, fehlende Lehrkräfte oder die umstrittenen Zulassungsverfahren zu den Hochschulen. Inzwischen steht auch die Frage im Raum, ob der französische Staat seine Sicherheitskräfte noch mit der notwendigen Klarheit führt.

    Die Vorwürfe der Gewerkschaft sind bislang nicht bewiesen. Doch bereits ihre öffentliche Erhebung ist politisch bedeutsam. Wenn Polizeibeamte den Eindruck gewinnen, zwischen politischen Rücksichten und operativen Notwendigkeiten aufgerieben zu werden, gerät eine wesentliche Voraussetzung funktionierender Staatsgewalt ins Wanken: das Vertrauen innerhalb der Befehlskette.

    Die Eskalation hat einen hohen Preis

    Nach Angaben von Premierminister Sébastien Lecornu wurden während der Proteste 937 Polizisten und Gendarmen verletzt. Hinzu kommen 248 verletzte Schüler sowie 149 Beschäftigte des Bildungswesens. Diese Regierungszahlen sagen noch nichts über individuelle Verantwortlichkeiten aus. Sie verdeutlichen jedoch, wie weit sich der Konflikt inzwischen von einer gewöhnlichen schulpolitischen Auseinandersetzung entfernt hat.

    Besonders schwer wiegt der Fall eines 15-Jährigen, der bei einem Polizeieinsatz in Lens eine Hand verlor. Innenminister Laurent Nuñez setzte daraufhin den Einsatz von Blend- und Knallgranaten im Zusammenhang mit den Schülerprotesten aus. Zugleich beschäftigen zahlreiche mutmassliche Übergriffe die interne Polizeiaufsicht.

    Ein demokratischer Rechtsstaat muss beide Seiten dieser Bilanz ernst nehmen. Polizisten haben Anspruch auf Schutz, eindeutige Einsatzregeln und politische Rückendeckung bei rechtmässigem Handeln. Demonstrierende Jugendliche wiederum besitzen das Recht, ihren Protest ohne unverhältnismässige Gewaltanwendung zum Ausdruck zu bringen.

    Diese Rechte gegeneinander auszuspielen, wäre ein schwerer Fehler.

    Frankreichs alte Schwäche: Zentralismus ohne Vertrauen

    Die gegenwärtige Krise verweist auf ein strukturelles Problem der Fünften Republik. Frankreich verfügt über einen stark zentralisierten Staatsapparat, dessen politische Führung traditionell auf hierarchische Entscheidungswege und eine ausgeprägte Exekutivmacht setzt.

    Dieses Modell kann in Krisensituationen Handlungsfähigkeit gewährleisten. Es wird jedoch anfällig, wenn politische Botschaften, ministerielle Vorgaben und praktische Einsatzentscheidungen auseinanderfallen.

    Die französische Geschichte bietet dafür zahlreiche Beispiele. Von den Studentenunruhen des Mai 1968 über die Gelbwestenbewegung bis zu den Protesten gegen die Rentenreform von 2023 zeigte sich wiederholt, wie rasch gesellschaftliche Konflikte zu grundsätzlichen Auseinandersetzungen über die Legitimität staatlicher Autorität werden können.

    Dabei liegt die eigentliche Herausforderung nicht darin, zwischen Härte und Nachgiebigkeit zu wählen. Entscheidend ist vielmehr, ob staatliches Handeln berechenbar, verhältnismässig und politisch nachvollziehbar bleibt.

    Gerade daran bestehen derzeit erhebliche Zweifel.

    Die politische Verantwortung lässt sich nicht delegieren

    Allerdings darf die Ankündigung von Alliance nicht mit einem juristischen Schuldspruch verwechselt werden. Der französische Straftatbestand der Gefährdung anderer Menschen setzt konkrete rechtliche Voraussetzungen voraus. Zudem ist der Staat als solcher von der strafrechtlichen Verantwortlichkeit juristischer Personen ausgenommen.

    Die Initiative besitzt deshalb zunächst vor allem politische Sprengkraft. Sie zwingt die Regierung, ihre Einsatzstrategie zu erklären und mögliche Widersprüche innerhalb der Verwaltung aufzuklären.

    Doch auch die Polizeigewerkschaft muss ihre Behauptungen belegen. Wer der Staatsführung vorwirft, Beamte bewusst Gefahren auszusetzen, trägt eine erhebliche Verantwortung für die eigenen Worte.

    Ebenso wenig darf die Regierung die ursprünglichen Anliegen der Schüler aus dem Blick verlieren. Fehlende Lehrer, ungleiche Bildungschancen und marode Schulgebäude lassen sich nicht mit Polizeieinsätzen beheben.

    Frankreich braucht weder einen schwachen Staat noch einen Staat, der seine Stärke vor allem durch Zwang demonstriert. Es braucht eine politische Führung, die Verantwortung übernimmt, klare Regeln durchsetzt und berechtigte gesellschaftliche Forderungen ernst nimmt.

    Die Autorität einer Demokratie bemisst sich letztlich nicht daran, wie viele Polizisten sie mobilisieren kann. Sie zeigt sich darin, ob sie Konflikte lösen kann, bevor diese auf der Strasse eskalieren.

    Andreas M. Brucker

  • Macrons Rezept gegen Europas politische Ohnmacht

    Macrons Rezept gegen Europas politische Ohnmacht

    Wenige Monate vor dem Ende seiner Amtszeit kehrt Emmanuel Macron zu einem Leitmotiv seiner Präsidentschaft zurück: Europa müsse handlungsfähiger werden, wenn es dem Erstarken populistischer und extremistischer Kräfte begegnen wolle. Bei seinem Staatsbesuch in Spanien nutzte der französische Präsident einen Auftritt an der Universität Complutense in Madrid für eine grundsätzliche Diagnose der europäischen Demokratien. Wenn Demokratie zu langsam erscheint Macrons Analyse reicht weit über Frankreich hinaus. Wirtschaftlicher Strukturwandel, der Verlust industrieller Arbeitsplätze, Migration und das Gefühl eines stagnierenden Lebensstandards hätten in vielen Gesellschaften Vertrauen erschüttert. Hinzu komme eine institutionelle Schwäche: Demokratien wirkten angesichts komplexer Entscheidungsprozesse häufig langsamer als autoritäre Systeme. Gerade darin liege eine politische Gefahr. Rechtsstaatliche Verfahren, Gerichte, Parlamente und andere Kontrollinstanzen sollen Macht begrenzen. Doch wen…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Russlands neue Waffe ist nicht die Lüge – sondern der Zweifel

    Russlands neue Waffe ist nicht die Lüge – sondern der Zweifel

    Editorial Die Zahl wirkt wie eine jener Schlagzeilen, die selbst aus einer Desinformationskampagne stammen könnten: plus 850 Prozent innerhalb eines Jahres. Doch in diesem Fall ist die Größenordnung dokumentiert. Im ersten Halbjahr 2026 wurden 421 gefälschte Nachrichtenbeiträge registriert, die sich als Produkte etablierter Medien ausgaben. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 44 gewesen. Der Befund bedeutet nicht, dass «die russische Desinformation» insgesamt um 850 Prozent zugenommen hätte. Er beschreibt eine bestimmte Methode. Gerade diese Präzisierung macht die Entwicklung allerdings nicht weniger beunruhigend. Denn die Strategie verändert sich. Propaganda versucht nicht mehr nur, eine alternative Wirklichkeit zu konstruieren. Sie beginnt, die Institutionen zu imitieren, auf denen die gemeinsame Wirklichkeit einer demokratischen Gesellschaft beruht. Die Fälscher tragen jetzt Anzug und Krawatte Die klassische Desinformation hatte ein Erkennungsproblem. Dubiose Telegram-Kanäle…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Francis Lalanne will 2027 in den Élysée – Symbolkandidatur mit hohen rechtlichen Hürden

    Francis Lalanne will 2027 in den Élysée – Symbolkandidatur mit hohen rechtlichen Hürden

    Der Sänger Francis Lalanne hat offiziell seine Kandidatur für die französische Präsidentschaftswahl 2027 angekündigt. Mit einem Wahlkampfauftakt im Pariser Théâtre Galabru will der langjährige politische Aktivist den Startschuss für eine Kampagne geben, die sich ausdrücklich als Gegenentwurf zum bestehenden politischen System versteht. Inhaltlich setzt Lalanne auf nationale Souveränität, institutionelle Reformen und eine stärkere direkte Demokratie. Politisch steht seine Kandidatur jedoch vor erheblichen Herausforderungen – nicht zuletzt wegen der hohen formalen Hürden für eine Teilnahme an der Präsidentschaftswahl. Eine Kandidatur gegen das politische Establishment Nach Angaben seines Wahlkampfteams tritt Francis Lalanne für die Bewegung France Libre an. Im Zentrum seines Programms steht die Forderung nach einem grundlegenden Bruch mit dem gegenwärtigen politischen System. Zu den wichtigsten Schwerpunkten zählen die Wiederherstellung der nationalen Souveränität, eine Reform der Justiz…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Kommentar: Wenn Geschichte zum Selfie-Hintergrund verkommt

    Kommentar: Wenn Geschichte zum Selfie-Hintergrund verkommt

    Es gibt Entwicklungen, die sprachlos machen. Nicht, weil sie unbegreiflich wären, sondern weil sie jede vernünftige Erklärung verweigern. Dass ausgerechnet junge Menschen vor einer Hakenkreuzfahne posieren, den Hitlergruß zeigen und dabei grinsen, als hätten sie gerade den originellsten Einfall ihres Lebens gehabt, gehört zweifellos dazu. Ein Museum der Résistance und der Deportation – ein Ort des Gedenkens an Verfolgung, Folter, Mord und den Mut jener, die sich der Barbarei entgegenstellten – wird zur Kulisse für den nächsten peinlichen Schnappschuss.

    Herzlichen Glückwunsch. Die Generation, die angeblich so sensibel für Diskriminierung, Diversität und historische Verantwortung sein will, entdeckt ausgerechnet den Nationalsozialismus als Requisite für billige Aufmerksamkeit.

    Natürlich folgt inzwischen die übliche Verteidigung. Es sei doch „nur ein Scherz“ gewesen. Man habe „provozieren“ wollen. Manche hätten gar nicht gewusst, was der Hitlergruß bedeute. Andere hätten lediglich ein lustiges Foto machen wollen. Wie beruhigend. Offenbar soll Dummheit inzwischen als moralischer Freifahrtschein gelten.

    Doch genau darin liegt das eigentliche Problem. Wer den Hitlergruß für einen Witz hält, beweist nicht Humor, sondern erschreckende historische Ignoranz. Das Symbol steht nicht für irgendeine abstrakte Vergangenheit. Es steht für einen Staat, der den industriellen Massenmord perfektionierte. Für Konzentrationslager. Für Gaskammern. Für Millionen ermordeter Juden, Sinti und Roma, politischer Gegner, Homosexueller, Menschen mit Behinderungen und Kriegsgefangener. Für einen Krieg, der Europa in Schutt und Asche legte und mehr als 60 Millionen Menschen das Leben kostete.

    Und genau vor diesem Symbol stellt man sich grinsend auf, hebt den Arm und drückt auf den Auslöser.

    Sarkastisch betrachtet muss man den Nationalsozialismus wohl einfach falsch verstanden haben. Vielleicht glaubten manche tatsächlich, das Dritte Reich sei eine Art nostalgischer Freizeitpark gewesen – mit schicken Uniformen, coolen Fahnen und einer beeindruckenden Ästhetik für soziale Medien. Dass hinter der perfekt inszenierten Propaganda ein System aus Terror, Denunziation, Folter und Massenmord stand, scheint in manchen Köpfen irgendwo zwischen TikTok-Clips und Influencer-Videos verloren gegangen zu sein.

    Besonders verstörend ist dabei nicht einmal die Provokation selbst. Jugendliche provozieren seit Generationen. Früher färbte man sich die Haare grün, hörte laute Musik oder trug zerrissene Jeans. Heute scheint es manchen originell zu erscheinen, den Gruß einer mörderischen Diktatur nachzuahmen. Der Unterschied ist allerdings gravierend: Zwischen modischer Rebellion und der Verhöhnung von Millionen Ermordeten liegt kein schmaler Grat, sondern ein moralischer Abgrund.

    Nein, nicht jeder, der einen Hitlergruß zeigt, ist überzeugter Neonazi. Das mag stimmen. Aber genau das macht die Entwicklung keineswegs harmloser. Im Gegenteil. Sie zeigt, wie sehr sich die Bedeutung dieser Symbole in den Köpfen mancher entleert hat. Aus einem Zeichen totalitärer Herrschaft wird eine alberne Pose. Aus einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit wird ein Internet-Gag. Aus Erinnerungskultur wird Content.

    Man fragt sich unweigerlich, was in Schulen, Familien und der digitalen Welt schiefläuft, wenn Jugendliche ausgerechnet im Widerstandsmuseum glauben, sie müssten sich vor einer Hakenkreuzfahne fotografieren. Fehlt es an Bildung? An Empathie? An Aufmerksamkeit? Oder schlicht an der Fähigkeit, zwischen Provokation und Geschmacklosigkeit zu unterscheiden?

    Vielleicht ist es auch die Logik sozialer Netzwerke. Alles muss Aufmerksamkeit erzeugen. Alles muss schockieren. Je absurder, desto besser. Moralische Grenzen werden nicht überschritten, weil man überzeugt ist, sondern weil Empörung Klicks produziert. Das Problem: Geschichte lässt sich nicht algorithmisch relativieren. Der Holocaust verschwindet nicht, weil jemand Likes sammeln möchte. Die Opfer werden nicht weniger tot, weil jemand behauptet, es sei „nicht so gemeint“ gewesen.

    Wer in einem Museum der Résistance den Hitlergruß zeigt, verspottet nicht den Staat, nicht die Museumsleitung und nicht irgendwelche Politiker. Er verspottet Menschen, die verfolgt, deportiert, gefoltert und ermordet wurden. Er verhöhnt jene, die unter Lebensgefahr Widerstand leisteten. Und er demonstriert vor allem eines: erschreckende Gedankenlosigkeit.

    Es bleibt eine Frage, auf die ich vermutlich nie eine befriedigende Antwort finden werde: Wie kann eine Ideologie, die nichts hervorbrachte als Krieg, Terror, Rassenwahn und millionenfachen Mord, auf manche Jugendliche offenbar eine solche Faszination ausüben? Was ist an einer Diktatur bewundernswert, die Freiheit vernichtete, Andersdenkende einsperrte, Minderheiten systematisch auslöschte und Europa in den größten Zivilisationsbruch seiner Geschichte führte?

    Vielleicht lautet die bittere Antwort: Sie bewundern gar nicht die Geschichte. Sie kennen sie schlicht nicht mehr. Und genau das macht diese Entwicklung so gefährlich. Denn Vergessen beginnt selten mit Überzeugung. Es beginnt mit Gleichgültigkeit. Mit einem Grinsen. Mit einem erhobenen Arm. Mit dem Satz: „War doch nur ein Spaß.“

    Geschichte hat schon einmal gezeigt, wohin es führt, wenn Menschen aufhören, Symbole ernst zu nehmen. Sie sollte uns nicht noch einmal dieselbe Lektion erteilen.

    Andreas M. Brucker

    Depuis le début de l’année, treize faits ont été recensés par la municipalité de Besançon, „toujours dans la troisième salle où se situe le drapeau du IIIe Reich“, comme l’explique Christine Werthe, adjointe au maire de Besançon.Depuis le début de l’année, treize faits ont été recensés par la municipalité de Besançon, „toujours dans la troisième salle où se situe le drapeau du IIIe Reich“, comme l’explique Christine Werthe, adjointe au maire de Besançon.

  • Die politische Lehre aus den Megafeuern – eine demokratische Bewährungsprobe

    Die politische Lehre aus den Megafeuern – eine demokratische Bewährungsprobe

    Wenn die letzten Glutnester erlöschen, verschwindet meist auch die politische Aufmerksamkeit. Die dramatischen Bilder ausgebrannter Wälder, evakuierter Dörfer und erschöpfter Feuerwehrleute weichen rasch dem gewohnten Nachrichtenfluss. Bis zum nächsten Sommer, bis zur nächsten Hitzewelle, bis zum nächsten Grossbrand. Gerade dieser Rhythmus aus Erschütterung und Vergessen gehört heute zu den grössten politischen Risiken im Umgang mit den Megafeuern. Frankreich erlebt – wie weite Teile Europas – eine Realität, die lange als Ausnahme galt. Grossflächige Waldbrände sind nicht länger seltene Naturkatastrophen, sondern Ausdruck eines sich verändernden Klimas. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob ein weiterer Megafeuer ausbrechen wird, sondern wann und wo. Wer darauf lediglich mit mehr Löschflugzeugen, zusätzlichen Einsatzkräften oder kurzfristigen Sofortprogrammen reagiert, bekämpft die Folgen, nicht aber die Ursachen der wachsenden Verwundbarkeit. Denn die eigentliche Herausforderu…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Kommentar: Der grüne Triumph – und warum er die Grünen überflüssig macht

    Kommentar: Der grüne Triumph – und warum er die Grünen überflüssig macht

    Es gibt Niederlagen, die wie Siege aussehen. Und Siege, die sich als vernichtende Niederlagen entpuppen. Die Geschichte der politischen Ökologie gehört in die zweite Kategorie.

    Ein halbes Jahrhundert lang warnten die Grünen vor dem Klimawandel, vor Dürre, Artensterben und fossiler Abhängigkeit. Sie wurden belächelt, als Weltuntergangspropheten verspottet oder als Verbotspartei abgestempelt. Heute spricht niemand mehr ernsthaft darüber, ob sich das Klima verändert. Die Debatte dreht sich nur noch um das Wie.

    Ausgerechnet in dem Moment, in dem ihre Themen die politische Mitte erreicht haben, verlieren ihre Parteien an Bedeutung.

    Man muss sich diese Ironie auf der Zunge zergehen lassen: Die Grünen haben den Kampf um die Ideen gewonnen – und drohen genau deshalb den Kampf um die Wähler zu verlieren.

    Alle sind plötzlich grün

    Das ist kein Widerspruch, sondern ein politisches Gesetz. Erfolgreiche Ideen gehören irgendwann niemandem mehr.

    Die Rechte spricht heute über Energiesouveränität, Versorgungssicherheit und Klimaanpassung. Die Mitte investiert Milliarden in die Dekarbonisierung der Industrie. Selbst populistische Parteien entdecken plötzlich regionale Landwirtschaft, kurze Lieferketten und den Schutz heimischer Landschaften.

    Plötzlich sind alle ökologisch.

    Zumindest solange es nichts kostet.

    Denn genau dort endet die große Einigkeit.

    Der Klimawandel trifft auf den Kontoauszug

    CO₂ ist eine abstrakte Größe.

    Die Heizungsrechnung nicht.

    Biodiversität klingt wunderbar.

    Ein Fahrverbot vor der eigenen Haustür schon deutlich weniger.

    Klimaschutz begeistert auf internationalen Gipfeltreffen. Er verliert jedoch erstaunlich schnell an Charme, wenn dafür die alte Heizung ersetzt, das Auto abgeschafft oder das Eigenheim für Zehntausende Euro saniert werden soll.

    Der größte Gegner der politischen Ökologie ist längst nicht mehr der Klimaleugner.

    Es ist der Blick aufs Monatsende.

    Die Gelbwesten in Frankreich waren dafür eine schmerzhafte Lektion. Eine ökologisch gut gemeinte Kraftstoffsteuer genügte, um eine der schwersten sozialen Krisen des Landes auszulösen. Nicht weil die Menschen gegen das Klima waren, sondern weil sie das Gefühl hatten, allein die Rechnung bezahlen zu sollen.

    Das ist bis heute die eigentliche Sollbruchstelle jeder Klimapolitik.

    Moral fährt Fahrrad – Realität oft Diesel

    Besonders schmerzhaft wird diese Erkenntnis dort, wo politische Symbolik auf den Alltag trifft.

    Das Lastenrad ist eine wunderbare Erfindung.

    Vorausgesetzt, man wohnt in der Stadt, der Arbeitsplatz liegt höchstens drei Kilometer entfernt und der Supermarkt gleich um die Ecke.

    Wer dagegen täglich fünfzig Kilometer zur Arbeit pendelt, weil auf dem Land weder U-Bahn noch Straßenbahn verkehren, entwickelt naturgemäß eine etwas nüchternere Sicht auf die Verkehrswende.

    Das Problem ist nicht mangelnder Umweltwille.

    Das Problem heißt Lebenswirklichkeit.

    Viele grüne Konzepte wurden aus einer urbanen Perspektive gedacht. Das macht sie nicht falsch. Es macht sie nur politisch schwieriger.

    Denn Klimapolitik wird schnell als Moral derjenigen empfunden, die sich ihre eigene Tugend leisten können.

    Die grüne Revolution braucht Beton

    Dabei hat sich die ökologische Debatte längst grundlegend verändert.

    Früher ging es vor allem um Verzicht.

    Heute geht es ums Bauen.

    Windparks. Stromnetze. Batteriespeicher. Bahntrassen. Fabriken. Wärmenetze. Kernkraftwerke oder eben nicht. Millionen sanierter Wohnungen.

    Die ökologische Transformation wird nicht mit guten Absichten gelingen, sondern mit Ingenieuren, Industrie und Investitionen in historischem Ausmaß.

    Die grüne Zukunft riecht weniger nach Wald als nach Stahl, Kupfer und Beton.

    Auch das ist eine Ironie der Geschichte.

    Der Abschied von der grünen Monopolstellung

    Die politische Ökologie ist erwachsen geworden. Und genau das ist ihr Problem.

    Denn sobald alle Parteien Klimaschutz versprechen, entscheiden Wähler nicht mehr danach, wer das Thema zuerst erkannt hat. Sie wählen diejenigen, denen sie zutrauen, den Umbau des Landes sozial gerecht, wirtschaftlich vernünftig und technologisch machbar zu organisieren.

    Demokratie verteilt keine Ehrenpreise für frühe Einsichten.

    Sie belohnt Lösungen.

    Vielleicht ist genau das die bitterste Erkenntnis für Europas grüne Parteien: Sie hatten mit vielem recht. So recht sogar, dass ihre Ideen längst Allgemeingut geworden sind.

    Der Klimaschutz gehört heute allen.

    Und genau deshalb gehört er nicht mehr allein den Grünen.

    Andreas M. Brucker

    Canicules, mégafeux, sécheresses… L’urgence climatique n’a jamais été aussi visible. Pourtant, les écologistes qui avaient alerté avant les autres, peinent toujours à s’imposer politiquement.Canicules, mégafeux, sécheresses… L’urgence climatique n’a jamais été aussi visible. Pourtant, les écologistes qui avaient alerté avant les autres, peinent toujours à s’imposer politiquement.

  • Iranische Einflusskampagnen auf X: Wie ausländische Akteure Frankreichs gesellschaftliche Konflikte gezielt verschärfen

    Iranische Einflusskampagnen auf X: Wie ausländische Akteure Frankreichs gesellschaftliche Konflikte gezielt verschärfen

    Ausländische Desinformations- und Einflusskampagnen gelten längst als fester Bestandteil hybrider Konfliktführung. Während in Europa über Jahre vor allem russische Informationsoperationen im Mittelpunkt standen, beobachten Cybersicherheitsexperten und westliche Nachrichtendienste inzwischen auch eine wachsende Zahl von Kampagnen, die dem Iran zugeschrieben werden. Ihr Ziel ist dabei weniger die direkte Überzeugung der Öffentlichkeit als vielmehr die gezielte Verstärkung bestehender gesellschaftlicher Spannungen. Frankreich gehört aufgrund seiner innenpolitischen Debatten und seiner Rolle im Nahen Osten zu den bevorzugten Angriffszielen. Polarisierung statt Propaganda Die modernen Einflusskampagnen unterscheiden sich grundlegend von klassischer Propaganda. Anstatt eine einzelne politische Botschaft zu verbreiten, versuchen sie, bereits bestehende Konflikte zu verschärfen. Im Mittelpunkt steht die Polarisierung der öffentlichen Debatte. Dabei treten die beteiligten Accounts meist nicht a…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Editorial: Vorwahlen verlieren keine Wahlen – sie legen politische Schwächen offen

    Editorial: Vorwahlen verlieren keine Wahlen – sie legen politische Schwächen offen

    Die Debatte kehrt in Frankreich mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit zurück. Immer dann, wenn sich eine Präsidentschaftswahl nähert und sich innerhalb der politischen Lager mehrere Anwärter auf die Kandidatur in Stellung bringen, stellt sich dieselbe Frage: Soll ein Kandidat durch eine Vorwahl bestimmt werden oder entscheidet letztlich der freie Wettbewerb der Persönlichkeiten bis zum ersten Wahlgang? Die Antwort scheint für viele längst festzustehen. Spätestens seit den Niederlagen von François Fillon, Benoît Hamon und Valérie Pécresse gilt die Vorwahl als politisches Risiko – manche sprechen gar von einer «Maschine zum Verlieren». Diese Schlussfolgerung ist eingängig. Sie ist deshalb populär. Sie ist aber nur bedingt überzeugend. Die jüngere französische Politikgeschichte liefert durchaus Beispiele, die den schlechten Ruf der Vorwahl nähren. François Fillon gewann 2016 überraschend die offene Vorwahl der bürgerlichen Rechten. Wenige Monate später zerfiel seine Kampagne unter dem Eindru…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…