KOMMENTAR
Da kommt ein Papst daher.
Ein Mann.
In Weiß.
Für zwei Tage.
Und Paris reagiert ungefähr so, als sei Godzilla gerade am Gare du Nord ausgestiegen.
ALLES DICHT!
Straßen sperren!
Metrostationen schließen!
Polizei her!
Gendarmerie her!
Feuerwehr her!
Soldaten her!
Drohnen hoch!
Anti-Drohnen hoch!
Scharfschützen aufs Dach!
Und irgendjemand ruft bitte noch im Élysée an und fragt, ob wir vorsichtshalber die Seine ablassen sollen!
Papst Leo XIV. besucht am 25. und 26. September Paris. Erwartet werden insgesamt annähernd eine Million Gläubige und Besucher. Das französische Innenministerium mobilisiert dafür 15.000 Sicherheitskräfte über beide Tage. Am Freitag sind rund 14.000 Sicherheitskräfte im Einsatz, unterstützt von 2.500 Feuerwehrleuten.
Vierzehntausend!
Der Vatikan hat weniger Einwohner als ein französisches Provinznest, aber wenn dessen Chef nach Paris fährt, braucht man offenbar Personal in der Größenordnung einer kleinen Armee.
Natürlich muss der Papst geschützt werden.
Das ist nicht die Frage.
Die Frage ist:
MUSS DAFÜR GLEICH PARIS EINGEWICKELT UND IN DEN TRESOR GELEGT WERDEN?
Eine Million Menschen? Schnell, holt die Absperrgitter!
Bis zu 250.000 Menschen werden am Freitag entlang der Fahrt mit der Papamobile erwartet.
80.000 Jugendliche sollen zur Vigil ins Stade de France kommen.
Und am Samstag könnten bis zu 600.000 Menschen die Messe zwischen Concorde, Champs-Élysées, Étoile und Grande-Armée verfolgen.
Sechshunderttausend!
Das ist keine Messe mehr.
Das ist Woodstock mit Weihrauch.
Natürlich muss man solche Menschenmengen organisieren. Aber Paris hat nach den Olympischen Spielen 2024 offenbar eine neue Leidenschaft entdeckt:
DAS ABSPERRGITTER.
Das Absperrgitter ist das neue Wahrzeichen Frankreichs.
Vergessen Sie den Eiffelturm!
Vergessen Sie Notre-Dame!
Frankreich präsentiert Ihnen jetzt:
BARRIÈRE DE SÉCURITÉ, MODÈLE 2026.
Stahlgrau. Zwei Meter breit. Stapelbar.
Und wenn Sie ganz lieb fragen, dürfen Sie vielleicht sogar auf der anderen Seite wohnen.
Sie wollten Metro fahren?
HAHAHAHA!
Wie niedlich!
Sie dachten tatsächlich, öffentliche Verkehrsmittel seien dazu da, die Öffentlichkeit zu transportieren?
Nicht an diesem Wochenende!
Zahlreiche Metro- und RER-Stationen werden zeitweise geschlossen. Alma-Marceau, Iéna, Vavin, Odéon, Cité, Duroc, Cluny-La Sorbonne, Luxembourg, Port-Royal, Saint-Michel–Notre-Dame – und später geht es munter weiter rund um Concorde und Champs-Élysées.
Das Verkehrsangebot wird gleichzeitig um rund zehn Prozent verstärkt.
Fantastisch!
MEHR ZÜGE!
Nur leider kommen Sie an manchen Stellen nicht hinein.
Das ist ungefähr so, als würde Air France verkünden:
„Wir haben unsere Flugkapazität erhöht. Leider bleibt der Flughafen geschlossen.“
Aber seien Sie doch nicht so negativ!
Gehen Sie zu Fuß!
Ach nein.
Da ist ein Sicherheitsperimeter.
Dann nehmen Sie das Auto!
Ach nein.
Straße gesperrt.
Dann bleiben Sie eben zu Hause!
ENDLICH HABEN SIE DAS KONZEPT VERSTANDEN!
Paris – die Stadt der Liebe und der Leibesvisitation
Wer in bestimmte geschützte Bereiche möchte, muss mit Kontrollen rechnen. Taschenkontrollen, Sicherheitsüberprüfungen und gegebenenfalls Abtasten gehören zum Konzept.
Wer die Kontrolle verweigert, kommt nicht hinein.
Das ist aus Sicherheitsperspektive nachvollziehbar.
Aber stellen wir uns einen durchschnittlichen Pariser vor.
Der Mann verlässt morgens seine Wohnung, will ein Baguette kaufen und findet draußen:
Polizisten.
Gendarmen.
Absperrungen.
Drohnen.
Anti-Drohnen-Systeme.
Scharfschützen.
Und jemanden mit einem Metalldetektor.
Da fragt der Mann:
„Entschuldigung, wo ist die Bäckerei?“
Antwort:
„SICHERHEITSZONE B! AUSWEIS!“
„Aber ich wohne hier.“
„BEWEISEN SIE ES!“
„Meine Wohnung ist da oben!“
„DAS KÖNNTE JEDER SAGEN!“
Irgendwann brauchen Pariser vermutlich einen QR-Code, um ihren eigenen Kühlschrank zu erreichen.
Und das Beste: keine konkrete besondere Bedrohung
Nun kommt der wirklich interessante Punkt.
Nach Angaben der Behörden war vor dem Besuch keine konkrete besondere Bedrohung gegen den Papst identifiziert worden.
Noch einmal:
KEINE KONKRETE BESONDERE BEDROHUNG.
Und trotzdem haben wir Drohnenabwehr, Scharfschützen, Sicherheitszonen und Sicherheitskräfte in fünfstelliger Größenordnung.
Warum?
Weil man natürlich vorbereitet sein muss.
Denn stellen Sie sich vor, es passiert etwas!
Dann kommt sofort die Frage:
Warum waren dort nur 10.000 Polizisten?
Warum keine 15.000?
Warum nur fünf Scharfschützen?
Warum nicht fünfzig?
Warum Anti-Drohnen-Systeme?
Warum keine Anti-Anti-Drohnen-Systeme?
Warum haben wir den Papst überhaupt aus einem Gebäude gelassen?
WARUM HABEN WIR IHN NICHT DIREKT IM VATIKAN EINBETONIERT?!
Und damit beginnt die wunderbare Sicherheitslogik unserer Zeit.
Hunderttausend Menschen?
Mehr Polizei!
Mehr Polizei?
Mehr Absperrungen!
Mehr Absperrungen?
Mehr Umleitungen!
Mehr Umleitungen?
Mehr Menschen an anderen Orten!
Mehr Menschen an anderen Orten?
MEHR POLIZEI!
Ein Perpetuum mobile der öffentlichen Sicherheit.
Der Mensch ist das Sicherheitsrisiko
Das Problem moderner Großveranstaltungen ist inzwischen erstaunlich simpel:
Es sind Menschen da.
Menschen sind schwierig.
Menschen bewegen sich.
Menschen wollen irgendwohin.
Menschen verlassen überraschend Metrostationen.
Manche haben sogar Taschen!
Andere Fahrräder!
Einige besitzen Autos!
Und manche – jetzt wird es wirklich gefährlich – möchten in ihre eigene Wohnung.
Für Sicherheitsplaner ist der perfekte Bürger deshalb vermutlich ein Mensch, der Freitagmorgen seine Wohnung betritt, die Tür abschließt und am Sonntagabend vorsichtig wieder herauskommt.
Danke für Ihre Kooperation.
Die Republik weiß Ihren Beitrag zu schätzen.
Und der Papst?
Der kann für diesen Wahnsinn wahrscheinlich am wenigsten.
Leo XIV. sitzt schließlich nicht morgens beim Frühstück und sagt:
„Also, heute hätte ich gerne 14.000 Sicherheitskräfte, 2.500 Feuerwehrleute und zwanzig geschlossene Metrostationen. Und sperrt mir bitte die Champs-Élysées, ich mag es luftig.“
Auch die Gläubigen können nichts dafür.
Hunderttausende Menschen möchten den Papst sehen.
Völlig legitim.
Sie möchten gemeinsam beten.
Völlig legitim.
Sie möchten eine Messe feiern.
Völlig legitim.
Aber vielleicht wäre es ebenfalls legitim, wenn Pierre aus dem 8. Arrondissement einfach nur zu seiner Spätschicht möchte.
Oder Sophie ihre Kinder abholen muss.
Oder Monsieur Dupont sein Geschäft öffnen möchte.
Der öffentliche Raum gehört nämlich nicht nur Großereignissen.
Er gehört auch der langweiligen Mehrheit.
Den Leuten ohne Fahne.
Ohne Eintrittskarte.
Ohne Pilgerausweis.
Ohne Presseakkreditierung.
Den Menschen, die nichts Historisches erleben wollen.
Die einfach nur ihren Bus kriegen möchten.
Paris hat gelernt
Seit Olympia 2024 besitzt Paris enorme Erfahrung mit Sicherheitszonen, Besucherlenkung und Zugangskontrollen.
Das ist beeindruckend.
Wirklich.
Kaum eine Metropole kann wahrscheinlich schneller von „lebendige Großstadt“ auf „bitte öffnen Sie Ihre Tasche“ umschalten.
Vielleicht wird das irgendwann sogar eine touristische Attraktion.
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Natürlich bleibt der Schutz eines Papstes notwendig. Natürlich muss eine Menschenmenge von mehreren hunderttausend Teilnehmern organisiert werden. Und selbstverständlich trägt Frankreich nach Terroranschlägen und mehreren Großereignissen eine besondere sicherheitspolitische Verantwortung.
Aber genau deshalb sollte man gelegentlich die Frage stellen dürfen, ob wir uns daran gewöhnt haben, bei jedem Ereignis von internationaler Bedeutung ganze Stadtteile dem Ausnahmebetrieb zu unterwerfen.
Denn irgendwann wird aus der Ausnahme Routine.
Aus der Sicherheitszone wird Stadtplanung.
Aus der Absperrung wird Infrastruktur.
Und aus dem Bürger wird jemand, der dankbar sein darf, wenn man ihn durchlässt.
Am Samstag werden Hunderttausende Menschen in Paris eine außergewöhnliche Messe erleben.
Andere werden einen außergewöhnlichen Polizeieinsatz erleben.
Und wieder andere werden vor einer geschlossenen Metrostation stehen, auf ihr Telefon schauen und erfahren, dass ihre nächste Verbindung leider ausfällt.
Warum?
Der Papst ist da.
Also freuen Sie sich!
Sie sind schließlich Teil eines historischen Ereignisses.
Ob Sie wollen oder nicht.
Christine Macha

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