El Niño erreicht auch die Antillen

Küstenbucht-im-Abendlicht_Illustration

El Niño entsteht Tausende Kilometer entfernt im tropischen Pazifik. Trotzdem endet sein Einfluss nicht an den Küsten Amerikas. Veränderungen in der atmosphärischen Zirkulation ziehen sich wie unsichtbare Fäden rund um den Globus — und reichen bis in die Karibik und zu den Antillen.

Das klingt zunächst erstaunlich weit weg. Doch beim Wetter hängt vieles miteinander zusammen.

Für die Inseln der Karibik zeigt sich El Niño besonders während der Hurrikansaison. Über dem tropischen Atlantik verstärkt sich häufig die Windscherung. Dabei wehen Winde in unterschiedlichen Höhen mit verschiedener Geschwindigkeit oder Richtung. Tropische Wirbelstürme mögen solche Bedingungen gar nicht. Ihre empfindliche Struktur gerät durcheinander, bevor sich ein Sturm richtig organisieren oder kräftig wachsen darf.

Deshalb fallen Hurrikansaisons während ausgeprägter El Niño Phasen oft ruhiger aus.

Eine Garantie liefert das allerdings nicht.

Denn was bedeutet eine statistisch schwächere Saison für eine einzelne Insel? Im entscheidenden Moment ziemlich wenig. Selbst in einem Jahr mit vergleichsweise wenigen Stürmen genügt ein einziger kräftiger Hurrikan auf ungünstiger Zugbahn, um schwere Schäden anzurichten. Wer auf Martinique, Guadeloupe oder einer anderen Insel der Region lebt, richtet seinen Blick deshalb weiterhin aufmerksam auf den Atlantik.

Gleichzeitig lauert ein anderes Problem: Trockenheit.

Während El Niño fällt in Teilen der Karibik häufiger weniger Regen als üblich. Auf Inseln mit begrenzten Süßwasserreserven spüren die Menschen solche Phasen schnell. Wasserreservoirs leeren sich, Böden trocknen aus und Landwirte kämpfen mit geringeren Erträgen. Auch die Gefahr von Vegetationsbränden steigt.

Dann reicht manchmal schon ein Blick auf eine staubige Wiese, um zu merken: Hier fehlt Regen, und zwar ordentlich.

Hinzu kommt die Hitze. El Niño geht häufig mit erhöhten globalen Temperaturen einher. Der langfristige Klimawandel legt gewissermaßen noch eine Schippe drauf. Besonders warme Luft belastet Menschen, Tiere und Landwirtschaft, während hohe Meerestemperaturen den Korallenriffen zusetzen.

Korallen reagieren empfindlich auf anhaltende Wärme. Bei starkem Hitzestress stoßen sie jene Algen ab, mit denen sie in enger Gemeinschaft leben. Die farbenprächtigen Riffe bleichen aus. Hält die Belastung lange an, sterben Teile des Ökosystems ab — mit Folgen für Fische, Küstenschutz und Tourismus.

Wie viel zusätzliche Hitze verträgt ein solches Riff, bevor aus einer vorübergehenden Belastung ein dauerhafter Verlust entsteht?

Gerade darin liegt die besondere Bedeutung von El Niño für die Antillen. Das Wetterphänomen wirkt nicht allein, sondern trifft heute auf eine bereits deutlich wärmere Atmosphäre und wärmere Ozeane. Trockenperioden und Hitzewellen beginnen dadurch auf einem höheren Temperaturniveau als noch vor einigen Jahrzehnten.

El Niño bleibt also ein Phänomen des Pazifiks mit erstaunlich langem Arm. In der Karibik bringt dieser Einfluss weniger günstige Bedingungen für Hurrikane, zugleich aber größere Risiken durch Trockenheit und Hitze.

Für die Bewohner der Antillen heißt das: Ein scheinbar ruhiger Atlantik bedeutet keineswegs automatisch ein sorgenfreies Jahr. Das Klima spielt nach mehreren Regeln zugleich — und manchmal mischt El Niño die Karten kräftig neu.

Ein Artikel von M. Legrand

Kommentare

Schreibe einen Kommentar