Côte Vermeille: Wo guter Wein zu Essig wird

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Türkisfarbene Buchten, steile Weinberge und alte Fischerboote: An der Côte Vermeille treffen die Pyrenäen auf das Mittelmeer. Zwischen Collioure, Port-Vendres und Banyuls-sur-Mer erzählt Frankreichs katalanische Küste von ungewöhnlichem Handwerk, bewegter Geschichte und einem Essig, der selbst Weinliebhaber überrascht.

Die Berge fallen beinahe senkrecht ins Meer. Dazwischen schmiegen sich kleine Buchten an die Felsen, während Weinreben auf schmalen Terrassen der Sonne entgegenwachsen. Willkommen an der Côte Vermeille, jenem südlichsten Küstenstreifen Frankreichs, wo das Mittelmeer nach Salz duftet und Katalonien längst mehr als eine geografische Nachbarschaft bedeutet.

Hier trägt selbst die Landschaft Geschichte.

Zwischen Argelès-sur-Mer und der spanischen Grenze bei Cerbère wechseln sich Fischerhäfen, zerklüftete Landzungen und versteckte Strände ab. In Collioure entdeckten Henri Matisse und André Derain im Sommer 1905 jene leuchtenden Farben, die den Fauvismus prägten. Noch heute scheint das Licht mit den Fassaden zu spielen – mal golden, mal rosafarben, mal tiefblau.

Doch wer diese Küste wirklich kennenlernen möchte, sollte gelegentlich den Blick vom Meer abwenden.

Wenn alte Fischerboote Geschichten erzählen

Ein solches Stück Vergangenheit trägt den Namen Notre-Dame-de-Consolation. Die katalanische Fischerbarke entstand 1913 auf der Werft Laurent Ferrer in Collioure. Mit ihrem hölzernen Rumpf und dem charakteristischen Lateinsegel erinnert sie an eine Zeit, als Sardinenfang und Seefahrt den Alltag bestimmten.

Seit 1992 steht das Boot unter Denkmalschutz.

Dass es überhaupt noch existiert, verdankt sich engagierten Liebhabern, die es 1988 übernahmen und restaurierten. Holzplanke für Holzplanke bewahrten sie ein maritimes Erbe, das andernorts längst verschwunden ist.

Was erzählt schließlich mehr über eine Küste als ein Boot, dessen Holz einst Wind, Wellen und unzähligen Arbeitstagen trotzte?

Ein Essig mit der Seele des Weins

Oberhalb des kleinen Weilers Cosprons, nahe Port-Vendres, wartet eine kulinarische Überraschung. In der Essigmanufaktur La Guinelle verwandelt sich ausgezeichneter regionaler Wein in aromatischen Essig.

Klingt zunächst nach einem Missgeschick im Weinkeller.

Ist aber große Handwerkskunst.

Nathalie Lefort gründete den Betrieb 1999 mit wenigen Fässern. Seit 2022 führt Chandra Brune die Manufaktur, nachdem sie ein Jahrzehnt an der Seite der Gründerin gearbeitet hatte.

Unter einer Pergola stehen offene Holzfässer. Die warme Mittelmeerluft unterstützt einen natürlichen Prozess: Essigsäurebakterien verwandeln den Alkohol des Weins langsam in Essigsäure. La Guinelle folgt dabei dem traditionellen Orléans-Verfahren, ohne künstliches Durchmischen oder zugesetzte Bakterienkulturen.

Geduld gehört hier zur wichtigsten Zutat.

Aus Banyuls, Muscat und Rivesaltes entstehen Essige mit ganz eigenem Charakter. Besonders ungewöhnlich schmeckt der „Vermeil“, der nach seiner Reifung im Eichenfass mit Zimt und Gewürznelken verfeinert wird.

Ein paar Tropfen über Linsen, Kichererbsen oder ein herzhaftes Fleischgericht – und plötzlich spielt der vermeintlich bescheidene Essig die Hauptrolle.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Essig eine so elegante Liebeserklärung an den Wein sein könnte?

Paulilles: Wo Dynamitgeschichte auf Bootsbau trifft

Wenige Kilometer weiter liegt die Bucht von Paulilles. Heute locken mediterrane Vegetation, Spazierwege und ein Strand mit kristallklarem Wasser. Doch hinter dieser friedlichen Kulisse verbirgt sich eine bemerkenswerte industrielle Vergangenheit.

Von 1870 bis 1984 produzierte hier eine Dynamitfabrik. Generationen von Arbeitern verdienten zwischen Meer und Weinbergen ihren Lebensunterhalt.

Heute erzählen erhaltene Gebäude und Ausstellungen von dieser Epoche.

Besonders lebendig bleibt die Geschichte im Atelier des barques. Seit 2010 restaurieren Fachleute dort traditionelle Mittelmeerboote und bewahren alte Fischereitechniken.

Wo früher Sprengstoff entstand, erhalten heute historische Holzboote ein zweites Leben. Ein schöner Wandel – und einer mit Symbolkraft.

Wandern zwischen Himmel und Mittelmeer

Die vielleicht unmittelbarste Begegnung mit der Côte Vermeille bietet der Küstenwanderweg Sentier littoral.

Rund um das Cap Béar führen Pfade durch duftendes Buschland, vorbei an Weinbergterrassen und über felsige Aussichtspunkte. Der Leuchtturm von 1905 erinnert daran, dass diese spektakuläre Küste für Seeleute stets auch Herausforderungen bereithielt.

Nicht jeder Abschnitt eignet sich für einen gemütlichen Sonntagsspaziergang. Festes Schuhwerk, ausreichend Wasser und ein Blick auf Wetter und aktuelle Wegfreigaben gehören zur Vorbereitung. Besonders die Tramontane, der kräftige regionale Wind, verdient Respekt.

Und dann?

Einfach stehen bleiben. Den Blick über das Mittelmeer schweifen lassen. Vielleicht ein Segelboot am Horizont entdecken.

Die Côte Vermeille braucht keine großen Inszenierungen. Ihre Geschichten stecken in alten Holzplanken, sonnenwarmen Weinbergmauern und geduldig gereiften Essigfässern.

Wer hier langsamer reist, nimmt mehr mit nach Hause als schöne Erinnerungen – nämlich ein Gefühl dafür, wie eng Landschaft, Menschen und Handwerk miteinander verwoben sind.

Besuchshinweis vom 7. November 2026: La Guinelle kündigt nach einer Betriebspause die Wiedereröffnung für den 9. November an. Eine vorherige Kontaktaufnahme empfiehlt sich.

Ein Artikel von M. Legrand

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