Kategorie: Südwest

  • 85.000 Besucher entdecken die Grotten von Régulus

    85.000 Besucher entdecken die Grotten von Régulus

    Hoch über der Gironde, dort, wo der Blick weit über das Wasser bis zum Horizont schweift, verbirgt sich in den hellen Kalksteinfelsen von Meschers sur Gironde ein Ort voller Geschichten. Die Grotten von Régulus zählen längst zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der französischen Atlantikküste. In …

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  • Halten nur auf Wunsch

    Halten nur auf Wunsch

    Ein kleiner Bahnhof irgendwo in der Lozère. Ein Bahnsteig, ein Wartehäuschen, vielleicht zwei Reisende und ringsum viel Landschaft. Bislang bremste der Regionalzug hier planmäßig ab, selbst wenn niemand einsteigen wollte und kein Fahrgast aussteigen musste. Genau das möchte die SNCF nun ändern.

    Auf einer wenig frequentierten Regionalstrecke im südfranzösischen Département Lozère erprobt die französische Bahn sogenannte Bedarfshalte. Der Gedanke dahinter klingt fast verblüffend einfach: Der Zug hält an bestimmten kleinen Stationen nur noch dann, wenn tatsächlich jemand dort ein oder aussteigen möchte.

    Das spart Zeit — und manchmal eben auch einen völlig unnötigen Halt.

    Wer an einer solchen Station zusteigen möchte, signalisiert seinen Wunsch vor der Fahrt oder direkt vor Ort, abhängig von der technischen Ausstattung des jeweiligen Bahnhofs. Auch Reisende im Zug müssen ihren Ausstiegswunsch rechtzeitig mitteilen. Dafür informieren sie beispielsweise das Zugpersonal oder nutzen ein vorgesehenes Haltesignal.

    Im Grunde erinnert das Prinzip an den Bus auf dem Land: Niemand drückt den Knopf, niemand steigt ein — also geht die Fahrt weiter.

    Warum sollte ein Zug jedes Mal bremsen, Türen öffnen und anschließend wieder beschleunigen, wenn weit und breit kein Fahrgast zu sehen ist?

    Gerade in einer dünn besiedelten Region wie der Lozère steckt hinter dieser scheinbar kleinen Veränderung eine größere Idee. Zahlreiche Bahnlinien auf dem Land stehen vor derselben Herausforderung. Die Zahl der Reisenden schwankt stark, kleine Stationen besitzen dennoch Bedeutung für Dörfer und Gemeinden. Sie komplett aufzugeben, würde Bewohner ohne Auto schnell vor Probleme stellen.

    Die Bedarfshalte suchen deshalb einen Mittelweg.

    Bleibt der Zug seltener unnötig stehen, verkürzt sich die Reisezeit. Zugleich sinkt der Energieverbrauch, denn Bremsen und erneutes Beschleunigen kosten Kraft. Für den Bahnbetrieb könnte das Modell außerdem helfen, kleine Haltepunkte weiterhin anzubinden, ohne jede Fahrt mit denselben starren Abläufen zu belasten.

    Klingt nach einer Kleinigkeit — aber steckt darin vielleicht genau jene pragmatische Idee, die Regionalbahnen auf dem Land brauchen?

    Natürlich verlangt das System den Reisenden etwas Aufmerksamkeit ab. Wer bisher gewohnt war, einfach in den Zug zu steigen und darauf zu vertrauen, dass er überall hält, muss umdenken. Den bisherigen Rückmeldungen zufolge scheint diese Umstellung jedoch erstaunlich gut zu funktionieren. Ein Fahrgast bringt die Erfahrung sinngemäß auf den Punkt: Neu sei das Ganze schon, doch es funktioniere sehr gut.

    Und vielleicht liegt gerade darin der Charme des Versuchs.

    Die SNCF erfindet mit dem Bedarfshalt die Eisenbahn nicht neu. Sie passt vielmehr ein vertrautes Verkehrsmittel an Regionen an, in denen jeder Halt zählt — auch jener, der ausnahmsweise nicht stattfindet. Für die Lozère bedeutet der Versuch deshalb mehr als ein paar gesparte Minuten. Er zeigt, wie ländlicher Bahnverkehr flexibel bleiben könnte, ohne kleine Orte einfach vom Fahrplan zu streichen.

    Manchmal beginnt Fortschritt eben nicht mit einem neuen Hochgeschwindigkeitszug.

    Sondern damit, dass ein Regionalzug einfach weiterfährt.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Waldbrand in den Landes: Feuer bei Lüe nach Verlust von 190 Hektar unter Kontrolle

    Waldbrand in den Landes: Feuer bei Lüe nach Verlust von 190 Hektar unter Kontrolle

    Ein großer Waldbrand hat am Mittwoch, 16. September, die französischen Landes erneut in Alarmbereitschaft versetzt. Bei Lüe breitete sich ein Feuer innerhalb kurzer Zeit von einem Photovoltaikpark auf den angrenzenden Wald aus. Erst am Abend gelang es den Einsatzkräften, den Brand zu „fixieren“ – rund 190 Hektar Fläche waren zu diesem Zeitpunkt bereits betroffen.

    Nach bisherigen Erkenntnissen nahm das Feuer seinen Ausgang auf dem Gelände eines Solarparks. Wie genau der Brand dort entstand, blieb zunächst offen. Starker Wind erwies sich jedoch als gefährlicher Verbündeter der Flammen und trieb sie rasch in die umliegenden Waldgebiete.

    Für die Feuerwehr begann ein Wettlauf gegen die Zeit.

    Rund 250 Feuerwehrleute rückten an. Unterstützt wurden die Kräfte am Boden durch ein ungewöhnlich großes Aufgebot aus der Luft: Insgesamt 14 Löschflugzeuge und Hubschrauber kamen zum Einsatz, darunter Canadair, Dash und Air Tractor. Auch ein schwerer Chinook-Hubschrauber, den Australien Frankreich zur Unterstützung zur Verfügung gestellt hatte, beteiligte sich an der Brandbekämpfung.

    Die Dimension des Einsatzes zeigt, wie angespannt die Lage zeitweise war. Vier Feuerwehrleute erlitten leichte Verletzungen. Zudem mussten 22 Menschen medizinisch betreut werden, nachdem sie Rauch eingeatmet hatten oder durch die Rauchentwicklung gesundheitlich beeinträchtigt worden waren.

    Besondere Sorge bereitete den Einsatzkräften die Umgebung des Brandgebietes. Eine bedrohte Wohnstätte ließ sich vor den Flammen schützen. Gleichzeitig konzentrierten sich die Feuerwehrleute darauf, empfindliche Industrieanlagen in der Nähe zu sichern. Dazu gehörten auch Betriebe, die unter die europäischen Seveso-Vorschriften für Anlagen mit erhöhtem industriellem Gefahrenpotenzial fallen.

    Damit ging es längst nicht mehr allein um brennenden Wald. Ein Übergreifen auf solche Standorte hätte die Situation erheblich verschärfen können.

    Auch der Verkehr bekam die Folgen zu spüren. Straßen- und Bahnverbindungen wurden beeinträchtigt, weil sich der Brand in unmittelbarer Nähe wichtiger Verkehrswege ausbreitete. Hochspannungsleitungen in der Umgebung erhöhten zusätzlich die Anforderungen an die Einsatzleitung. Kurz gesagt: Die Feuerwehr hatte an diesem Mittwoch gleich mehrere Baustellen auf einmal.

    Am Abend kam schließlich die entscheidende Nachricht: Das Feuer galt als „fixiert“. Im Sprachgebrauch der französischen Feuerwehr bedeutet dies allerdings nicht, dass sämtliche Flammen endgültig erloschen sind. Vielmehr breitet sich der Brand nicht mehr weiter aus und seine Grenzen gelten als stabilisiert.

    Die Arbeit geht deshalb weiter. Einsatzkräfte behandeln die Ränder der verbrannten Flächen, suchen nach Glutnestern und überwachen sogenannte Hotspots. Gerade bei Wind und trockener Vegetation reicht eine verborgene Glutstelle, damit die Flammen erneut aufflammen.

    Für die Landes bleibt der Brand von Lüe deshalb eine weitere ernste Warnung. Die waldreiche Region im Südwesten Frankreichs war bereits während des Sommers mehrfach mit größeren Feuern konfrontiert. Nach 190 betroffenen Hektar ist die unmittelbare Gefahr bei Lüe vorerst gebannt – doch im Wald beginnt nun die lange, unspektakuläre und entscheidende Nacharbeit.

    Daniel Ivers

  • Frankreichs Fischer schlagen Alarm: Der Treibstoffpreis treibt die Branche an ihre Grenzen

    Frankreichs Fischer schlagen Alarm: Der Treibstoffpreis treibt die Branche an ihre Grenzen

    Mit der Blockade eines Erdöldepots in Fos-sur-Mer haben französische Fischer ihren Protest gegen die hohen Treibstoffpreise erheblich verschärft. Seit den frühen Morgenstunden des 15. September blockieren mehrere Dutzend Fischer die Ausfahrt des Terminals nahe Marseille. Rund 50 Tanklastwagen waren nach Angaben der Behörden zeitweise betroffen. Hinter der Aktion steht jedoch mehr als ein Streit über Dieselpreise: Frankreichs Mittelmeerfischerei sieht ihr wirtschaftliches Modell zunehmend gefährdet.

    Protest an einem strategischen Ort

    Die Blockade begann gegen drei Uhr morgens. Größere Zwischenfälle wurden zunächst nicht gemeldet. Die Demonstranten verlangen Gespräche mit Catherine Chabaud, der für Meer und Fischerei zuständigen Ministerin.

    Bereits am Montag hatten Fischer in Sète und Port-Vendres protestiert. Hinter der Mobilisierung stehen regionale Fischereiverbände aus Okzitanien, Provence-Alpes-Côte d’Azur und Korsika sowie Erzeugerorganisationen und Berufsverbände. Damit erhält der Konflikt eine Dimension, die über einzelne Häfen hinausgeht.

    Der Ort der jüngsten Aktion ist bewusst gewählt. Fos-sur-Mer gehört zu den bedeutendsten Energie- und Industriestandorten Frankreichs. Die dortige Société du Pipeline Sud-Européen betreibt 40 Tanks mit einer nominalen Lagerkapazität von 2,26 Millionen Kubikmetern. Über Pipelines ist der Standort unter anderem mit Anlagen in Lyon und Ostfrankreich verbunden.

    Wer hier Tanklastwagen aufhält, erzeugt erheblich mehr Aufmerksamkeit als mit einer Demonstration in einem Fischereihafen.

    Diesel wird zur Existenzfrage

    Auslöser der Proteste ist der Preis für Schiffsdiesel. Die seit dem Frühjahr verschärfte Krise im Nahen Osten hat die internationalen Energiemärkte belastet. Für die Fischerei ist dies besonders problematisch, weil Treibstoff einen erheblichen Anteil der Betriebskosten ausmacht.

    Bereits im Frühjahr überschritt der Preis für Marinediesel zeitweise die Marke von einem Euro je Liter. Im französischen Senat wurde im Juni auf die dramatische Kalkulation der Branche hingewiesen: Ein Preis von etwa 60 Cent gilt für manche Betriebe als wirtschaftlich tragfähig. Bei 80 Cent verschlechtert sich die Rentabilität deutlich; bei einem Euro können einzelne Ausfahrten mehr kosten, als der Verkauf des Fangs einbringt.

    Die Konsequenz ist ungewöhnlich für eine Branche, deren Geschäftsmodell traditionell auf möglichst intensiver Nutzung der verfügbaren Fangtage beruht: Schiffe bleiben im Hafen, weil Auslaufen Verluste produzieren würde.

    Staatliche Hilfen reichen nicht aus

    Paris hat auf die Krise reagiert. Für April erhielten Fischereiunternehmen eine Unterstützung von 20 Cent je Liter, für Mai waren es 35 Cent. Allein für diese beiden Monate stellte die Regierung 13 Millionen Euro bereit. Weitere Hilfen für Juni, Juli und August wurden angekündigt.

    Doch die Subventionen lösen das strukturelle Problem nicht. Die Fischer argumentieren, dass sich steigende Energiepreise mit höheren Wartungs-, Personal- und Finanzierungskosten sowie zunehmenden regulatorischen Anforderungen überlagern. Gerade kleinere Betriebe verfügen kaum über Reserven, um solche Belastungen über längere Zeit auszugleichen.

    Hinzu kommt ein grundsätzlicher Zielkonflikt. Frankreich und die Europäische Union wollen die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern reduzieren. Die bestehende Fischereiflotte ist jedoch weiterhin stark auf Diesel angewiesen. Alternative Antriebe erfordern erhebliche Investitionen und lassen sich bei vielen vorhandenen Schiffen nicht kurzfristig einsetzen.

    Ein Konflikt mit politischem Potenzial

    Damit wird Fos-sur-Mer zum Symbol eines größeren Problems. Kurzfristig verlangen die Fischer Entlastung beim Treibstoff. Langfristig geht es um die Frage, ob traditionelle Fischereibetriebe unter den veränderten wirtschaftlichen und ökologischen Rahmenbedingungen noch ausreichend rentabel arbeiten können.

    Für die Regierung besteht das Dilemma darin, akute Hilfen zu gewähren, ohne eine dauerhafte Subventionsabhängigkeit von fossilem Treibstoff zu schaffen. Gleichzeitig ist die Fischerei wirtschaftlich mit Häfen, Fischauktionen, Verarbeitung und Handel verflochten. Bleiben Schiffe im Hafen, trifft dies deshalb nicht nur deren Eigentümer.

    Entscheidend wird nun sein, ob sich die Proteste ausweiten. Bleibt Fos-sur-Mer eine punktuelle Blockade, dürfte die Wirkung vor allem politisch und symbolisch sein. Schließen sich weitere Häfen oder Fischerverbände an und geraten zusätzliche Energieinfrastrukturen ins Visier, steigt der Druck auf Paris erheblich. Die Forderung nach «konkreten Antworten» könnte dann rasch zu einer neuen wirtschafts- und sozialpolitischen Bewährungsprobe für die französische Regierung werden.

    P.T.

  • Trotz des Großbrandes: Biscarrosse feiert – und zeigt seinen Lebenswillen

    Trotz des Großbrandes: Biscarrosse feiert – und zeigt seinen Lebenswillen

    Weiße T-Shirts, blaue Halstücher, Blasmusik und lange Tafeln vor den Bodegas: Anfang September kehrte auf der Place Georges Dufau in Biscarrosse-Plage jene ausgelassene Stimmung zurück, die seit Jahren das Ende des Sommers begleitet. Vom 4. bis 6. September fanden die traditionellen „Fêtes de la Plage“ statt. Doch 2026 fühlte sich das Fest anders an.

    Nur wenige Wochen zuvor hatte die Region eine Katastrophe erlebt.

    Am 23. Juli geriet gegen 15.45 Uhr an der Départementstraße D652 bei Biscarrosse ein Fahrzeug in Brand. Die Flammen griffen auf die ausgetrocknete Vegetation über. Wind, Hitze und Trockenheit verwandelten das Feuer binnen kurzer Zeit in einen Großbrand, der durch die Pinienwälder raste. Rund 3.600 Hektar Land wurden verwüstet, etwa 30.000 Menschen vorsorglich evakuiert – Einwohner ebenso wie Urlauber auf Campingplätzen und in Ferienanlagen. Erst am 30. Juli galt der Brand als unter Kontrolle.

    Für den beliebten Ferienort an der französischen Atlantikküste traf das Feuer auch wirtschaftlich einen empfindlichen Nerv. Restaurants, Campingplätze, Geschäfte und andere touristische Betriebe verdienen einen erheblichen Teil ihres Jahreseinkommens während der Sommermonate. Nach dem Brand brachen Urlauber ihre Ferien ab, andere stornierten Buchungen.

    Mitten in der Hochsaison herrschte plötzlich Leere.

    Umso größer war die Bedeutung der „Fêtes de la Plage“. Seit ihrer ersten Ausgabe im Jahr 2005 entwickelte sich die Veranstaltung zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Damals gab es gerade einmal vier Bodegas, inzwischen beteiligen sich mehr als ein Dutzend örtliche Vereine.

    Das Programm bietet dabei eine charmante Mischung aus Tradition und sommerlichem Volksfest. Morgens wartet das Tripes-Frühstück, später folgen Vorführungen mit historischen Zweimannsägen, Stelzenläufer, gascognische Tänze, traditionelle Spiele und Pala, eine Variante des baskischen Pelota. Wenn der Abend hereinbricht, übernehmen Bandas, Rockgruppen und DJs das Kommando. In diesem Jahr gehörte sogar eine Drohnenshow dazu.

    Normalerweise verabschiedet Biscarrosse mit dem Fest schlicht den Sommer. Diesmal ging es um mehr.

    Viele Bewohner kennen Menschen, die während des Feuers evakuiert wurden, Schäden erlitten oder wirtschaftlich unter den Folgen des Brandes leiden. Dass wenige Wochen später wieder getanzt, gegessen und musiziert wurde, wirkte deshalb nicht wie Verdrängung. Vielmehr zeigte sich darin jene Form von Gemeinschaft, die nach Katastrophen besonders wertvoll wird: Menschen treffen sich wieder, reden miteinander und holen sich ein Stück Alltag zurück.

    Dabei sorgten unterschiedliche Veranstaltungskalender für Verwirrung. Die eigentlichen „Fêtes de la Plage“ fanden vom 4. bis 6. September statt. Am 13. September gab es jedoch erneut ein großes öffentliches Fest: „Biscarrosse dit Merci“. Mit Messe, Umzug, Konzert, Kinderprogramm und Foodtrucks stand dieser Tag ausdrücklich im Zeichen des Dankes und des Zusammenhalts nach dem Großbrand.

    So bekam das Feiern in Biscarrosse einen ungewöhnlich ernsten Unterton.

    Der französische Satz „Malgré l’incendie, le cœur est toujours à la fête“ bringt die Stimmung ziemlich gut auf den Punkt: Trotz des Brandes schlägt das Herz weiter für das Fest. Oder etwas weniger poetisch gesagt: Biscarrosse lässt sich nicht so leicht unterkriegen.

    Von C. Hatty

  • Lautlos über dem Pic Saint Loup

    Lautlos über dem Pic Saint Loup

    Sie tauchen oft auf, ohne sich anzukündigen.

    Ein schlanker weißer Segler gleitet über die hellen Kalkfelsen des Pic Saint Loup, legt sich sanft in eine Kurve und zieht einen weiten Kreis durch den südfranzösischen Himmel. Kein Motorenlärm begleitet ihn. Kein Dröhnen kündigt seine Ankunft an. Von Cazevieille, Saint Martin de Londres oder Mas de Londres aus gehört dieser Anblick längst zum Alltag – und trotzdem schauen viele Menschen noch immer nach oben.

    Denn über dem markanten Berg nördlich von Montpellier spielt sich seit Jahrzehnten ein stilles Schauspiel ab.

    Der Pic Saint Loup zählt nicht nur zu den bekanntesten Bergen des Hérault. Für Segelflieger besitzt er eine besondere Bedeutung. Seine steile Nordseite und die umliegenden Höhenzüge formen Luftströmungen, die Piloten geschickt nutzen. Trifft Wind auf die Felsen, steigt die Luft nach oben. An sonnigen Tagen entstehen zusätzlich warme Luftsäulen, sogenannte Thermiken.

    Für Segelflieger sind sie so etwas wie unsichtbare Aufzüge.

    Nach dem Start zieht meist ein Motorflugzeug den Segler in die Höhe. Dann löst der Pilot das Schleppseil. Der Motor verschwindet mit dem vorausfliegenden Flugzeug und plötzlich herrscht Ruhe. Von diesem Moment an entscheidet das Gespür für Wind, Wetter und Landschaft darüber, wohin die Reise führt.

    Wie weit trägt einen eigentlich Luft, die man weder sehen noch anfassen kann?

    Erstaunlich weit.

    Erfahrene Piloten legen an guten Tagen mehrere hundert Kilometer zurück. Die umliegenden Landschaften mit dem Hortus, der Séranne und den ersten Ausläufern der Cevennen bieten dafür ausgezeichnete Bedingungen. Der Pilot kreist zunächst in einer aufsteigenden Luftströmung, gewinnt Höhe und gleitet anschließend mit hoher Geschwindigkeit zur nächsten Thermik.

    Von unten sieht das alles ziemlich gemütlich aus.

    Am Flugplatz von Mas de Londres pflegt der Centre de Vol à Voile de Montpellier Pic Saint Loup eine Tradition, deren Wurzeln bis in die 1950er Jahre reichen. Anfänger treffen dort auf erfahrene Piloten, Freizeitflieger auf Teilnehmer großer Wettbewerbe. Verschiedene Segelflugzeuge stehen bereit, darunter doppelsitzige Maschinen für Ausbildung und erste Flugerlebnisse sowie leistungsfähige Segler für lange Strecken.

    Besonders faszinierend wirkt das Schauspiel im Frühjahr und Sommer. Dann genügt manchmal ein Blick nach oben, um mehrere weiße Flugzeuge zu entdecken, die gemeinsam ihre Kreise ziehen.

    Und gelegentlich bekommen sie Gesellschaft.

    Große Greifvögel nutzen dieselben aufsteigenden Luftmassen. Ein Segelflugzeug und ein Vogel kreisen dann scheinbar gemeinsam über der Landschaft. Der eine vertraut auf Instinkt, der andere zusätzlich auf Instrumente und meteorologisches Wissen. Beide suchen jedoch dasselbe: den besten Weg nach oben.

    Wer hat hier wohl von wem gelernt?

    Auch Besucher müssen nicht am Boden bleiben. Bei Einführungsflügen lässt sich die Landschaft rund um den Pic Saint Loup aus einem doppelsitzigen Segelflugzeug erleben. Besonders eindrucksvoll ist jener Augenblick, in dem sich das Schleppseil löst. Das Motorflugzeug entfernt sich, sein Geräusch verblasst – und plötzlich hört man fast nur noch die Luft an der Haube vorbeistreichen.

    Unter den Tragflächen verwandelt sich die Landschaft.

    Dörfer sehen wie Modelle aus, Straßen ziehen sich als dünne Linien durch die Garrigue und Weinberge bilden ein geometrisches Mosaik. Bei klarer Sicht reicht der Blick über die Cevennen und mit etwas Glück bis zur Mittelmeerküste.

    Der Segelflug zeigt dabei eine ungewöhnlich ursprüngliche Form des Fliegens. Zwar braucht der Start meist motorisierte Hilfe, danach nutzt der Pilot jedoch vor allem die Kräfte der Atmosphäre. Technik und Natur arbeiten nicht gegeneinander, sondern miteinander.

    Am Pic Saint Loup gehört dieses lautlose Ballett inzwischen zur Landschaft. Wanderer bleiben stehen, Winzer blicken aus ihren Reben nach oben und Bewohner der umliegenden Dörfer erkennen längst jene Tage, an denen besonders viele Segler unterwegs sind.

    Dann verschwindet wieder eine weiße Silhouette hinter dem Berg.

    Zurück bleibt für einen Moment nur der blaue Himmel – und der Gedanke, dass Fliegen manchmal am schönsten wirkt, wenn man es kaum hört.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wo der Herbst nach Walnüssen duftet

    Wo der Herbst nach Walnüssen duftet

    Es riecht warm, nussig und ein wenig nach geröstetem Brot. In der Mühle knirschen die Steine, irgendwo schlägt Metall gegen Holz, und aus einer Presse läuft langsam ein dünner goldener Strahl in ein Gefäß.

    Walnussöl.

    Wer an diesem Morgen im Périgord die Tür einer alten Ölmühle öffnet, versteht ziemlich schnell, warum man die Walnuss hier einst das „Gold des Périgord“ nannte.

    Sie gehört zu dieser Landschaft wie die hellen Kalksteinhäuser, die Burgen über der Dordogne und die Märkte, auf denen Käse, Brot und Entenpasteten dicht nebeneinanderliegen. Ihre Geschichte reicht erstaunlich weit zurück. Archäologen fanden in der Region Walnussschalen, die rund 17.000 Jahre alt sind.

    Die Menschen hier kannten den Geschmack also lange bevor jemand auf die Idee kam, daraus eine touristische Route zu machen.

    Eine Straße für Genießer

    Heute verbindet die Route de la Noix mehr als vierzig Stationen in der Dordogne, im Lot und in der Corrèze. Sie führt durch Walnusshaine, zu Bauernhöfen und Mühlen, vorbei an Restaurants, kleinen Läden und einigen der schönsten Orte Südwestfrankreichs.

    Sarlat liegt auf dem Weg, ebenso Domme, Martel und das rot leuchtende Collonges la Rouge.

    Doch diese Reise lebt nicht allein von ihren berühmten Dörfern.

    Sie lebt von Begegnungen.

    Im Moulin de Vielcroze bei Castelnaud la Chapelle lässt sich verfolgen, wie Walnusskerne zerkleinert, erwärmt und anschließend gepresst werden. Das klingt zunächst wenig romantisch. Doch sobald der Duft gerösteter Nüsse den Raum erfüllt, sieht die Sache anders aus.

    Dann kommt ein Stück Brot auf den Tisch.

    Ein paar Tropfen frisches Öl darüber.

    Mehr braucht es nicht.

    Kann ein Lebensmittel eine ganze Landschaft erzählen?

    Hier lautet die Antwort ziemlich eindeutig: ja.

    Wenn die Mühlsteine sprechen

    Auch im Moulin de la Veyssière in Neuvic sur l’Isle dreht sich seit Generationen vieles um die Walnuss. Alte Mühlsteine arbeiten dort weiter, während Besucher zuschauen, riechen und probieren.

    Das Öl schmeckt mal mild, mal kräftig geröstet, manchmal beinahe süßlich.

    Und plötzlich merkt man, wie wenig Aufmerksamkeit man einem alltäglichen Produkt normalerweise schenkt.

    Die Walnuss selbst zeigt ebenfalls verschiedene Gesichter. Vier traditionelle Sorten stehen besonders für den Périgord: Franquette, Marbot, Corne und Grandjean.

    Im Écomusée de la Noix bei Castelnaud erzählen Werkzeuge, Pressen und alte Arbeitsgeräte von jener Zeit, als der Walnussanbau für viele Familien über Wohlstand oder karge Jahre entschied.

    Im Mittelalter besaßen die Früchte sogar einen solchen Wert, dass sie gelegentlich als Tauschmittel dienten.

    Das Gold auf dem Fluss

    Über Jahrhunderte transportierten Lastkähne große Mengen Walnüsse auf der Dordogne Richtung Bordeaux. Von dort gelangten sie weiter nach England, Deutschland und in die Niederlande.

    Der Fluss war damals Handelsstraße, Lebensader und manchmal vermutlich auch Nervensäge zugleich — je nachdem, wie freundlich Wetter und Wasserstand gerade mitspielten.

    Heute reist man gemütlicher.

    Und am schönsten vielleicht im Herbst.

    Ab Mitte September beginnt die Ernte. Die Walnusshaine wechseln langsam ihre Farbe, Körbe füllen sich mit frischen Nüssen und in den Mühlen startet die arbeitsreichste Zeit.

    Bäckereien verkaufen kräftiges Walnussbrot. Konditoreien backen Tartes. Restaurants kombinieren geröstete Kerne mit Käse oder Salaten. Dazu kommt der traditionelle Vin de Noix.

    Wer wollte da ernsthaft Kalorien zählen?

    Eine Reise, die Zeit verlangt

    Die Route de la Noix eignet sich nicht für Eilige.

    Ihr Reiz liegt gerade im Anhalten: bei einem Bauernhof, einer alten Mühle, einem Markt oder einem kleinen Laden, dessen Tür man beinahe übersehen hätte.

    Man reist von Dorf zu Dorf, probiert ein Stück Brot, hört Geschichten und schaut einem Handwerk zu, das in dieser Landschaft seit Generationen weiterlebt.

    Und irgendwann versteht man, dass die Walnuss hier weit mehr als eine Zutat ist.

    Sie ist Erinnerung, Arbeit, Handel und Genuss zugleich.

    Vor allem aber schenkt sie dem Périgord etwas, das sich kaum ins Navigationsgerät eingeben lässt: einen eigenen Geschmack.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Gift im Garten, Gewinn in der Bilanz – und zahlen sollen wieder die kleinen Leute

    Gift im Garten, Gewinn in der Bilanz – und zahlen sollen wieder die kleinen Leute

    Kommentar

    Es gibt Geschichten, bei denen der Zynismus so vollkommen ist, dass man ihn kaum noch erfinden müsste. Die Geschichte der „Cité des jardins“ im westfranzösischen Tonnay-Charente gehört dazu. Ein Viertel, dessen Name nach Tomatenstauden, spielenden Kindern und Sonntagnachmittagen unter dem Apfelbaum klingt, steht plötzlich für Blei, Cadmium und Arsen.

    Willkommen im Gartenparadies des Industriezeitalters.

    92 Grundstücke wurden untersucht, bei annähernd der Hälfte gilt die Belastung als derart problematisch, dass normale Wohnnutzung und insbesondere der Anbau eigener Lebensmittel nicht miteinander vereinbar erscheinen. Rund 40 Häuser betrifft das.

    Häuser.

    Dieses Wort sollte man einen Moment wirken lassen. Denn Häuser sind für normale Menschen keine Position in einer Excel-Tabelle. Sie sind das Schlafzimmer der Kinder, die Terrasse mit dem alten Tisch, die Küche, die man vor zwölf Jahren renoviert hat. Sie sind Schulden, Ersparnisse, Erinnerungen und Altersvorsorge in einem. Ein Haus ist für viele Familien das Ergebnis eines ganzen Arbeitslebens.

    Und dann kommt irgendwann die Nachricht: Übrigens, essen Sie besser nicht mehr, was in Ihrem Garten wächst.

    Na dann. Schönen Feierabend.

    In unmittelbarer Nähe des Viertels liegt eine Düngemittelfabrik von Timac Agro, einer Tochter der Groupe Roullier. Das Unternehmen erklärt, bei den Umweltuntersuchungen vollständig mit den Behörden kooperiert zu haben. Die rechtliche Verantwortung für die Belastungen ist damit keineswegs abschließend geklärt. Gerade deshalb sollte man sauber unterscheiden zwischen dem, was nachgewiesen wurde, und dem, was noch geklärt werden muss.

    Doch gesellschaftlich stellt sich längst eine größere Frage.

    Wer trägt eigentlich das Risiko industrieller Wertschöpfung?

    Die Antwort fällt in Europa erstaunlich oft ähnlich aus: Solange Maschinen laufen, Arbeitsplätze entstehen, Produkte verkauft und Gewinne erwirtschaftet werden, gehört der Erfolg selbstverständlich denen, die ihn erwirtschaftet und finanziert haben. Tauchen Jahrzehnte später Altlasten auf, beginnt dagegen eine bemerkenswerte philosophische Phase.

    Plötzlich wird Verantwortung zu einem ausgesprochen komplizierten Begriff.

    Dann kommen Gutachten. Zuständigkeiten werden geprüft. Kausalitäten müssen bewiesen, Grenzwerte interpretiert, historische Abläufe rekonstruiert werden. Akten wandern über Schreibtische. Juristen formulieren Sätze, die normale Menschen dreimal lesen müssen, bevor sie verstehen, dass eigentlich niemand gerade versprechen möchte, ihre verseuchte Erde wegzuräumen.

    Das Kapital liebt klare Eigentumsverhältnisse beim Gewinn und komplizierte Zusammenhänge beim Schaden.

    Natürlich ist das polemisch.

    Leider macht es die Sache nicht weniger bitter.

    Denn der Verdacht in Tonnay-Charente existiert offenbar nicht erst seit gestern. Bewohner äußerten bereits seit fast zwei Jahrzehnten Sorgen. Frühere Untersuchungen zeigten erhöhte Metallkonzentrationen. Bei einzelnen Messungen erreichte die Bleibelastung sogar Werte bis zum Zehnfachen der herangezogenen Grenzwerte.

    Seit 2019 forderten staatliche Behörden Timac Agro dazu auf, mögliche gesundheitliche Auswirkungen der industriellen Tätigkeit auf die Umgebung untersuchen zu lassen.

    2019.

    Wer sechs oder sieben Jahre alt war, als diese Untersuchungen eingefordert wurden, nähert sich inzwischen dem Erwachsenenalter.

    Genau hier endet jeder billige Sarkasmus. Denn Blei ist kein abstrakter Posten eines Umweltberichts. Besonders Kinder reagieren empfindlich auf Belastungen. Und hinter jeder nüchternen Formulierung über Expositionswege steht eine Mutter oder ein Vater mit einer Frage, die niemand stellen möchte: Hat mein Kind möglicherweise jahrelang in Erde gespielt, vor der heute gewarnt wird?

    Was antwortet man darauf?

    „Die Zuständigkeiten werden derzeit geprüft“?

    Das dürfte kaum reichen.

    Und als wäre die Sorge um die Gesundheit nicht genug, folgt die zweite Rechnung. Denn plötzlich steht auch der Wert des Hauses infrage. Wer kauft ein Grundstück, auf dem Gemüseanbau zum Risiko geworden ist? Welchen Preis erzielt ein Haus, dessen Garten womöglich saniert werden muss? Wer trägt die Kosten für Bodenaustausch, Untersuchungen und mögliche Wertverluste?

    Für vermögende Investoren mag eine Immobilie eine Anlageklasse sein. Für die kleine Familie ist sie oft das Lebenswerk.

    Mehr gibt es nicht.

    Kein diversifiziertes Portfolio, keine Beteiligungsgesellschaft, kein hübscher Notgroschen irgendwo auf den Cayman Islands. Da stehen ein Haus, ein Garten und vielleicht noch 17 Jahre Kreditvertrag. Fertig.

    Deshalb trifft Umweltverschmutzung kleine Eigentümer mit einer Brutalität, die in ökonomischen Debatten gern hinter Fachbegriffen verschwindet. Wird ihr Grundstück entwertet, schrumpft nicht irgendein Investment. Ein Stück ihrer Lebensleistung löst sich auf.

    Besonders grotesk wirkt dabei die Symbolik dieses Ortes. „Cité des jardins“ – Gartenstadt.

    Ausgerechnet.

    Der Garten war einmal das Versprechen von Selbstversorgung, Gesundheit und Bodenständigkeit. Ein paar Kartoffeln, Bohnen, Erdbeeren für die Enkel. Man wusste, wo das Essen herkam: nämlich drei Meter hinter der Küchentür.

    Nun lautet die Botschaft sinngemäß: Lieber Finger weg.

    Das besitzt eine fast schon boshafte Ironie. Jahrzehntelang galt der eigene Garten als Gegenentwurf zur anonymen industriellen Lebensmittelproduktion – und nun steht ausgerechnet die industrielle Vergangenheit möglicherweise mit im Beet.

    Tonnay-Charente erzählt deshalb mehr als eine lokale Umweltgeschichte. Der Fall zeigt das Grundproblem eines Wirtschaftsmodells, das Folgekosten gern erst dann entdeckt, wenn sie bei jemand anderem vor der Haustür liegen.

    Gewinne gehen an Eigentümer.

    Schäden verbleiben bei der Gesellschaft.

    Genau gegen dieses Prinzip richtet sich die Wut.

    Nicht gegen Industrie an sich, nicht gegen Arbeitsplätze und auch nicht gegen Unternehmen, die produzieren und Geld verdienen. Eine moderne Gesellschaft braucht all das. Aber wer wirtschaftliche Freiheit beansprucht, darf Verantwortung nicht wie Sondermüll behandeln: möglichst weit weg und bitte auf Kosten anderer.

    Wo konkrete Verursachung nachgewiesen wird, muss deshalb auch konkrete Haftung folgen. Nicht symbolisch. Nicht irgendwann. Sondern so, dass Familien weder ihre Gesundheit noch ihre Altersvorsorge dafür opfern, dass industrielle Hinterlassenschaften jahrzehntelang im Boden schlummerten.

    Die Bewohner der Cité des jardins brauchen keine wohltemperierten Worte über „komplexe Sachverhalte“. Sie brauchen Klarheit darüber, was mit ihrer Gesundheit, ihren Grundstücken und ihren Häusern geschieht. Sie brauchen sichere Böden. Und sollte eine Sanierung notwendig sein, brauchen sie eine Finanzierung, die nicht ausgerechnet diejenigen belastet, die das Gift garantiert nicht bestellt haben.

    Denn eines wäre an Zynismus kaum zu überbieten: Wenn am Ende Menschen ihre Tomaten wegwerfen, um ihre Gesundheit fürchten und den Wert ihres Hauses schwinden sehen – während die Rechnung für die Sanierung ebenfalls bei ihnen landet.

    Dann wäre aus dem Verursacherprinzip endgültig ein Verarschungsprinzip geworden.

    Und ja, das Wort ist derb.

    Die Situation ist es auch.

    Die entscheidende Frage von Tonnay-Charente lautet deshalb nicht nur, wie viel Blei, Cadmium oder Arsen in welchem Garten steckt. Sie lautet, welchen Wert Verantwortung in einer Gesellschaft besitzt, sobald sie Geld kostet.

    Erst die Antwort darauf entscheidet, ob aus den giftigen Gärten irgendwann wieder Gärten werden – oder ob sie ein Denkmal dafür bleiben, wie bequem sich Gewinne privatisieren und Schäden sozialisieren lassen.

    Daniel Ivers

  • Sabotage in der Haute-Savoie: Ein Strommast bringt Fabriken zum Stillstand

    Sabotage in der Haute-Savoie: Ein Strommast bringt Fabriken zum Stillstand

    Ein beschädigter Hochspannungsmast, plötzlich stillstehende Maschinen und Betriebe, die ihre Produktion unterbrechen müssen: In der Haute-Savoie hat die mutmaßliche Sabotage an der Strominfrastruktur gezeigt, wie empfindlich eine hochindustrialisierte Region auf den Ausfall einer einzigen zentralen Verbindung reagiert.

    Der Vorfall traf insbesondere das Arve-Tal, einen der bedeutendsten Industriestandorte im französischen Alpenraum. Zahlreiche Unternehmen dort sind auf Präzisionsmechanik und die Herstellung hoch spezialisierter Bauteile ausgerichtet. Sie beliefern unter anderem die Automobilindustrie, die Luftfahrtbranche und andere Industriezweige, bei denen selbst kleinste Komponenten exakt gefertigt und termingerecht geliefert werden müssen.

    Ohne Strom läuft hier allerdings wenig.

    Durch die Beschädigung des Hochspannungsmastes wurde die Versorgung zahlreicher Betriebe unterbrochen. In mehreren Werken standen Maschinen und Fertigungsstraßen zeitweise still. Gerade energieintensive Produktionsprozesse benötigen eine stabile Versorgung; ein abrupter Ausfall lässt sich nicht einfach mit ein paar Verlängerungskabeln überbrücken. Für die Unternehmen bedeutet jede Stunde Stillstand zusätzliche Kosten – und möglicherweise Probleme bei ohnehin eng getakteten Lieferterminen.

    Nach ersten Erkenntnissen der Behörden handelt es sich nicht um einen technischen Defekt oder einen gewöhnlichen Zwischenfall. Vielmehr steht der Verdacht eines vorsätzlichen Sabotageaktes im Raum. Spezialisten untersuchten den beschädigten Mast und suchten nach Hinweisen auf den genauen Ablauf. Gleichzeitig bemühten sich die zuständigen Techniker des Stromnetzes darum, betroffene Gebiete über alternative Leitungen wieder zu versorgen.

    Auch die Justiz beschäftigt sich mit dem Fall. Ermittlungen wegen der vorsätzlichen Beschädigung kritischer Infrastruktur sollen klären, wer hinter der Tat steckt und welches Motiv eine Rolle spielte.

    Für die Haute-Savoie reicht die Bedeutung des Vorfalls weit über einen regionalen Stromausfall hinaus. Das Arve-Tal besitzt in Frankreich eine besondere Stellung als Zentrum der Drehteilefertigung und Präzisionsmechanik. Viele dort ansässige Firmen sitzen an entscheidenden Stellen internationaler Lieferketten.

    Fällt eine zentrale Stromverbindung aus, entsteht deshalb schnell ein Dominoeffekt: Maschinen stehen, Aufträge verzögern sich, Liefertermine geraten unter Druck und Kunden weit außerhalb der Region spüren möglicherweise die Folgen.

    Der beschädigte Mast macht damit eine unbequeme Realität sichtbar. Moderne Industrie lebt von komplexen Produktionsanlagen und weltweiten Lieferketten – doch am Anfang steht etwas erstaunlich Grundsätzliches: eine zuverlässige Stromversorgung.

    Andreas M. Brucker

  • 100-Tonnen-Fels stoppt 20 Zentimeter vor Wohnhaus in den Pyrenäen

    100-Tonnen-Fels stoppt 20 Zentimeter vor Wohnhaus in den Pyrenäen

    Es fehlten gerade einmal 20 Zentimeter – eine Handspanne, die im französischen Pyrenäendorf Louvie-Soubiron über Glück und Katastrophe entschied. Ein gewaltiger Felsblock mit einem geschätzten Gewicht von nahezu 100 Tonnen löste sich vom Berghang, raste talwärts und kam unmittelbar vor einem Wohnhaus zum Stillstand. Die dort lebende Familie entging nur knapp einer Katastrophe.

    Der Vorfall ereignete sich in Louvie-Soubiron im Ossau-Tal des südwestfranzösischen Départements Pyrénées-Atlantiques. Dort gehören steile Hänge und mächtige Felsformationen zur eindrucksvollen Landschaft – doch genau diese Nähe zum Gebirge birgt Risiken.

    Als sich der riesige Gesteinsblock aus dem Berg löste und den Hang hinabstürzte, blieb den Bewohnern kaum Zeit, das Geschehen einzuordnen. Das Krachen und Dröhnen muss enorm gewesen sein. Erst danach zeigte sich, wie unfassbar knapp die Familie davongekommen war: Zwischen Fels und Haus lagen lediglich rund 20 Zentimeter.

    „Ich habe gezittert“, berichtete einer der Bewohner nach dem Ereignis. Viel mehr braucht es wohl nicht, um diesen Moment zu beschreiben. Wäre der Koloss nur geringfügig anders gesprungen oder gerollt, hätte er das Gebäude mit voller Wucht treffen können.

    Ein ziemlicher Schreck – gelinde gesagt.

    Felsstürze und Erdrutsche sind in den Pyrenäen kein unbekanntes Naturphänomen. Starke Regenfälle, Erosion sowie der regelmäßige Wechsel zwischen Frost und Tauwetter setzen dem Gestein zu. Wasser dringt in Spalten ein, gefriert, dehnt sich aus und lockert über längere Zeit ganze Felspartien. Irgendwann reicht mitunter eine vergleichsweise geringe zusätzliche Belastung, damit sich ein Block löst.

    Nach dem Zwischenfall rückten deshalb die Sicherheit des Hanges und mögliche weitere Gefahren in den Mittelpunkt. Fachleute und zuständige Behörden müssen prüfen, wie stabil der betroffene Bereich noch ist und ob weitere Gesteinsmassen abstürzen könnten. Solche Untersuchungen entscheiden darüber, welche Sicherungsmaßnahmen nötig sind und ob gefährdete Bereiche vorübergehend gemieden oder gesperrt bleiben müssen.

    Für Berggemeinden gehört diese Vorsorge zum Alltag. Absolute Sicherheit bietet die Natur dennoch nicht. Gerade Felsstürze besitzen eine unangenehme Eigenschaft: Sie kündigen sich für Menschen vor Ort nicht immer deutlich an.

    In Louvie-Soubiron blieb am Ende vor allem eine gewaltige Portion Glück. Ein rund 100 Tonnen schwerer Fels, ein Wohnhaus – und dazwischen nur 20 Zentimeter Luft.

    Manchmal misst das Glück tatsächlich nur eine Handbreit.

    Daniel Ivers