Kategorie: Tourismus

  • Bretagnes Schleusenhäuser erwachen zu neuem Leben

    Bretagnes Schleusenhäuser erwachen zu neuem Leben

    Wo einst Schleusenwärter den Schiffsverkehr regelten, duftet es heute nach frisch gebrühtem Kaffee und bretonischen Spezialitäten. Entlang der historischen Kanäle der Bretagne erleben alte Schleusenwärterhäuser eine bemerkenswerte Renaissance. Kleine Bistros, gemütliche Ferienunterkünfte und Rastplä…

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  • Bei den Meistern des Feuers

    Bei den Meistern des Feuers

    BIOT. Feuer, Atem, Geduld. Viel mehr scheint es im ersten Moment nicht zu brauchen. Am Ende einer langen Glasmacherpfeife glüht eine orangefarbene Masse. Der Glasbläser dreht das Rohr, prüft die Form, tritt wieder an den Ofen. Dann ein Atemzug – und aus dem unförmigen Klumpen wächst langsam eine transparente Kugel.

    So beginnt in Biot seit Jahrzehnten ein kleines Schauspiel.

    Das mittelalterliche Dorf zwischen Antibes und Nizza zählt heute zu den Hochburgen der europäischen Glaskunst. Beim fünften Biot International Glass Festival, kurz BIG, verwandelte sich der Ort vom 18. bis 20. September 2026 erneut in eine internationale Bühne. Rund 200 Glaskünstler und Kunsthandwerker aus fünf Kontinenten kamen zusammen. In den vier örtlichen Glaswerkstätten arbeitete man vor Publikum, tauschte Techniken aus und zeigte, wie lebendig dieses alte Handwerk geblieben ist.

    Das Festival selbst ist vorbei, sein Nachhall jedoch noch spürbar. Bis zum 25. Oktober zeigt die Ausstellung „Glass is Biotiful V“ rund vierzig Werke zeitgenössischer Glaskunst. Mit dabei sind Arbeiten der Ehrengäste Tobias Møhl aus Dänemark und Juliette Leperlier aus Frankreich.

    Und wer dabei nur an Vasen und Weingläser denkt, liegt ziemlich daneben.

    Ein Fehler macht Geschichte

    Die besondere Geschichte des Bioter Glases beginnt ausgerechnet mit etwas, das Glasbläser gewöhnlich vermeiden: Luftblasen.

    1956 experimentierte der Keramikingenieur Éloi Monod in Biot mit der Glasherstellung. Statt eingeschlossene Luft als Makel zu betrachten, machte er sie zum Gestaltungselement. Kleine Blasen verteilten sich bewusst im Material.

    Der „verre bullé“, das berühmte Blasenglas von Biot, war geboren.

    Gemeinsam mit Lucette, der Tochter des Besitzers der damaligen Poterie Provençale, gründete Monod die Verrerie de Biot. Seine zweite Idee erwies sich beinahe als ebenso prägend: Die Werkstatt blieb für Besucher offen.

    Plötzlich ließ sich Kunst beim Entstehen beobachten.

    Aus Monods Umfeld gingen Glaskünstler wie Jean Claude Novaro, Robert Pierini, Raphaël Farinelli sowie Daniel und Marcel Saba hervor. Lehrlinge entwickelten eigene Handschriften, wurden Meister und gaben ihr Wissen weiter.

    Biot besaß damit eine Schule ohne Klassenzimmer – der Unterricht fand am Ofen statt.

    Wo Glas lebendig bleibt

    Noch heute gehört die Glaskunst zum Alltag des Dorfes. Mehr als 80 Künstler und Kunsthandwerker arbeiten hier, darunter etwa zehn aktive Glaskünstler.

    In der traditionsreichen Verrerie de Biot entsteht weiterhin mundgeblasenes Glas. Besucher stehen in der Halle und erleben aus nächster Nähe, wie Karaffen, Gläser oder Leuchter Form annehmen.

    Bei der Verrerie Du Val De Pôme führen Daniel und Christophe Saba ihre eigene Tradition fort. Im Studio Antoine Pierini entwickelte sich das Handwerk stärker in Richtung zeitgenössischer Kunst. Und Sébastien Sappa führt die Linie seines Lehrmeisters Raphaël Farinelli weiter.

    Was verbindet diese Werkstätten?

    Vielleicht vor allem die Nähe zwischen Künstler, Material und Publikum.

    Denn Glasbläserei besitzt etwas ausgesprochen Theatralisches. Vor dem Ofen herrschen Temperaturen von weit über tausend Grad. Das Material duldet keine endlosen Überlegungen. Drehen, ziehen, blasen, formen – jeder Griff sitzt, während die Zeit davonläuft.

    Ganz schön heißer Arbeitsplatz.

    Der Zauber eines Atemzugs

    Beim BIG wurde sogar Glas tragbar. Die „Glass Fashion Show“ verband das Material mit Mode und Körperkunst. Die entstandenen Stücke bleiben bis zum 25. Oktober im Musée d’Histoire et de Céramique Biotoises zu sehen.

    Biot zeigt damit, warum Tradition nicht Stillstand bedeuten muss. Einst war das Dorf vor allem für seine großen Tonkrüge bekannt. Erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägt Glas seine Identität.

    Und alles begann mit einer Luftblase, die eigentlich ein Fehler war.

    Wer heute durch Biot schlendert, findet fertige Werke in Galerien und Geschäften. Doch der schönste Moment wartet vor dem Ofen: Ein Mensch hebt die Glasmacherpfeife. Ein Tropfen glüht. Ein Atemzug folgt.

    Plötzlich entsteht eine Form.

    Vielleicht liegt genau darin die Magie von Biot – in diesem kurzen Augenblick, in dem Feuer, Sand und menschliches Können etwas hervorbringen, das länger lebt als sein Schöpfer.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Das Schloss, das ein zweites Schloss verbirgt

    Das Schloss, das ein zweites Schloss verbirgt

    Nur wenige Kilometer von Saumur entfernt präsentiert sich das Château de Brézé zunächst so, wie man sich ein Schloss an der Loire vorstellt. Elegante Türme, helle Fassaden aus Tuffstein, ein herrschaftlicher Innenhof und Weinberge ringsum – eigentlich fehlt nur noch eine Kutsche, die über den Kies rumpelt.

    Doch wer Brézé wirklich entdecken möchte, darf nicht nach oben schauen.

    Er muss hinabsteigen.

    Unter Gärten, Innenhof und Schlossgebäuden liegt eine zweite Welt. Fast vier Kilometer Gänge, Räume, Keller und Kammern ziehen sich durch den weichen Tuffstein. Mehr als ein Kilometer davon steht Besuchern offen. Brézé ist deshalb weit mehr als eines der vielen prächtigen Schlösser im Loiretal.

    Es ist ein Schloss über einem Schloss.

    Eine Festung, die niemand sehen sollte

    Die Geschichte reicht bis weit ins Mittelalter zurück. Bereits 1063 erwähnt eine Urkunde der Abtei Saint Florent eine Burg in Brézé. Mit den eleganten Schlossbauten, die heute über dem Gelände thronen, hatte diese frühe Anlage allerdings wenig gemeinsam.

    Ihr Herz lag unter der Erde.

    Die sogenannte „Roche de Brézé“ befindet sich unter dem heutigen Ehrenhof und reicht stellenweise etwa elf Meter tief in den Felsen. Rund um einen Lichtschacht entstand ein erstaunliches System aus Räumen und Gängen.

    Hier ging es nicht um Schönheit.

    Hier ging es ums Überleben.

    Enge, verwinkelte Passagen erschwerten Angreifern das Vordringen. Schießstände sicherten wichtige Zugänge. Große Silos dienten zur Lagerung von Vorräten für den Fall einer Belagerung.

    Warum hohe Mauern bauen, wenn sich eine Festung einfach im Felsen verstecken lässt?

    Brézé erscheint aus heutiger Sicht beinahe wie ein mittelalterlicher Bunker – nur ohne Beton, Neonlicht und schwere Stahltüren.

    18 Meter hinab

    Im 14. Jahrhundert gelangte das Anwesen an die Familie Maillé Brézé. Gilles de Maillé Brézé erhielt 1448 die Erlaubnis, die Anlage zu befestigen und dort eine Garnison unterzubringen.

    Damals entstanden gewaltige trockene Gräben.

    An manchen Stellen reichen sie fast 18 Meter in die Tiefe. Wer unten steht und zu den Fassaden hinaufblickt, erlebt das Schloss plötzlich aus einer völlig anderen Perspektive. Die eleganten Mauern wirken von hier aus geradezu monumental.

    Dabei folgten die Bauherren einer ziemlich cleveren Idee.

    Die Gräben verbesserten nicht nur die Verteidigung. Der herausgeschlagene Tuffstein lieferte zugleich Baumaterial für die Gebäude darüber.

    Das sichtbare Brézé entstand also teilweise aus dem Gestein des unsichtbaren Brézé.

    Eine kleine Stadt im Felsen

    Doch unter der Erde wurde nicht nur gekämpft und Schutz gesucht.

    Dort wurde gearbeitet, gebacken, gelagert und Wein produziert.

    Besucher entdecken eine große unterirdische Bäckerei mit mehreren Öfen. Dazu kommen eine historische Seidenraupenzucht, Weinpressen, Lagerräume und weitläufige Keller.

    Kurz gesagt: Da unten war ordentlich was los.

    Gerade diese Räume erzählen besonders anschaulich vom Alltag früherer Jahrhunderte. Ein Schloss bestand schließlich nicht nur aus Adeligen, Festessen und kostbaren Möbeln. Lebensmittel mussten gelagert, Tiere versorgt, Trauben verarbeitet und Menschen ernährt werden.

    Der Wein spielt in Brézé bis heute eine besondere Rolle. Bereits im 15. Jahrhundert genossen die Weine des Gutes einen guten Ruf. Heute umfasst der Weinberg mehr als 27 Hektar, auf denen Weine der Appellation Saumur entstehen.

    Zwei Gesichter der Macht

    Während unter der Erde diese verborgene Welt fortbestand, veränderte sich das Schloss darüber immer wieder. Aus der mittelalterlichen Festung entwickelte sich eine Renaissance Residenz. Im 19. Jahrhundert kamen umfangreiche neugotische Umbauten hinzu.

    So entstanden zwei völlig unterschiedliche Welten.

    Oben zeigt sich Macht: Türme, Fassaden, Wohnräume und repräsentative Architektur.

    Unten zeigt sich ihre verletzliche Seite: Vorräte schützen, Angriffe abwehren, Wein lagern und schwierige Zeiten überstehen.

    Welches Schloss erzählt diese beiden Seiten seiner Geschichte schon so deutlich?

    Seit 1998 steht Brézé Besuchern offen. Mehr als 100.000 Menschen kommen inzwischen jedes Jahr hierher. Doch das eigentliche Geheimnis liegt nicht allein in den kilometerlangen Gängen.

    Es liegt in den Schichten der Geschichte.

    Fast tausend Jahre lang hinterließ jede Epoche ihr eigenes Brézé: mittelalterlicher Zufluchtsort, Festung, Renaissance Schloss, neugotische Residenz und Weingut.

    Wer nach dem Rundgang wieder aus den kühlen Galerien auftaucht und in den hellen Ehrenhof tritt, sieht das Schloss mit anderen Augen.

    Denn in Brézé liest man Geschichte nicht nur von links nach rechts.

    Man liest sie von unten nach oben.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Frankreich erlebte 2026 trotz Rekordhitze und Waldbränden einen Tourismusboom

    Frankreich erlebte 2026 trotz Rekordhitze und Waldbränden einen Tourismusboom

    Rekordhitze, ausgedörrte Landschaften und verheerende Waldbrände – der Sommer 2026 bot eigentlich denkbar schlechte Voraussetzungen für eine erfolgreiche Urlaubssaison. Trotzdem verzeichnet Frankreich so viele touristische Übernachtungen wie seit mindestens 15 Jahren nicht mehr. Doch hinter dem Rekord zeichnet sich eine Entwicklung ab, die langfristig viel bedeutender sein dürfte: Die touristische Landkarte Frankreichs beginnt sich zu verschieben.

    Wer im Sommer 2026 die Nachrichten aus Frankreich verfolgte, hätte kaum auf einen neuen Tourismusrekord gewettet. Es war der heißeste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Durchschnittstemperatur erreichte 24 Grad und lag damit 3,6 Grad über dem langjährigen Mittel. 53 Tage wurden als Teil von Hitzewellen registriert. Dazu kamen Trockenheit, Wasserknappheit und zahlreiche Waldbrände.

    Und trotzdem kamen die Urlauber.

    Zwischen Mai und August wurden in französischen Hotels, auf Campingplätzen und in anderen touristischen Gemeinschaftsunterkünften 260,5 Millionen Übernachtungen gezählt. Das waren 2,8 Millionen oder 1,1 Prozent mehr als im bereits starken Vorjahr – und der höchste Stand seit mindestens 15 Jahren.

    Frankreichs Tourismus erweist sich damit als erstaunlich widerstandsfähig. Doch die große Zahl täuscht über erhebliche regionale Unterschiede hinweg.

    Der Norden entdeckt seine neue Stärke

    Besonders auffällig ist die Entwicklung an den Küsten. Während die Mittelmeerregion mit einem Plus von lediglich 0,3 Prozent praktisch stagnierte, legten andere französische Küsten kräftig zu.

    Zwischen Ärmelkanal und Nordsee stiegen die Übernachtungen um 5,6 Prozent. Auch die nördliche Atlantikküste und die westliche Ärmelkanalküste, darunter große Teile der Bretagne, verzeichneten ein Plus von fünf Prozent.

    Ausgerechnet jene Regionen also, deren Tourismuswerbung jahrzehntelang gegen das Klischee von Regen, Wind und Pulloverwetter kämpfen musste, entdecken plötzlich einen neuen Wettbewerbsvorteil: Es ist dort schlicht weniger heiß.

    Was früher als Schwäche galt, könnte in einem sich erwärmenden Europa zum Trumpf werden.

    Bretagne, Normandie und Nordfrankreich entwickeln sich zunehmend zu Alternativen für Urlauber, denen Temperaturen jenseits der 35-Grad-Marke am Mittelmeer irgendwann doch zu viel des Guten sind.

    Auch die französischen Gebirge profitieren. Dort stieg die Zahl der Übernachtungen um 1,3 Prozent auf rund 45 Millionen. Kühlere Nächte, Seen, Wanderwege und Höhenlagen gewinnen gegenüber überhitzten Städten und Küstenregionen an Attraktivität.

    Die Hitze verändert die Reiseentscheidung

    Dass dieser Effekt nicht bloß statistische Theorie ist, zeigen die Urlauber selbst. 55 Prozent der französischen Reisenden erklärten, das Wetter habe ihre Reiseplanung beeinflusst. Bei gut jedem Fünften spielte es sogar eine erhebliche Rolle.

    Besonders deutlich sichtbar wird der Wandel in den Städten.

    In dicht besiedelten urbanen Gebieten sank die Zahl der Übernachtungen um 3,9 Prozent. Das entspricht rund 2,5 Millionen verlorenen Nächten. Bei ausländischen Besuchern betrug der Rückgang sogar 7,7 Prozent.

    Der ländliche Raum entwickelte sich genau in die andere Richtung: Dort stiegen die Übernachtungen um kräftige 3,2 Prozent.

    Die Botschaft dahinter ist bemerkenswert. Frankreich verliert seine Urlauber nicht – sie verteilen sich anders.

    Statt eines Städtetrips bei 40 Grad lockt das Ferienhaus auf dem Land. Statt Côte d’Azur vielleicht Bretagne. Statt eines Campingplatzes in einer von Waldbränden bedrohten Region womöglich die Normandie. Und statt Marseille im August plötzlich ein Aufenthalt in den Alpen.

    Auch die südliche Atlantikküste bekam die schwierigen Wetterbedingungen zu spüren. Dort gingen die Übernachtungen um 2,3 Prozent zurück. Besonders Campingplätze litten unter den Waldbränden des Sommers.

    Camping bleibt König

    Dabei bleibt Camping eine französische Institution. Mit 126,5 Millionen Übernachtungen war es auch 2026 die bedeutendste touristische Unterkunftsform während des Sommers. Das Plus gegenüber dem Vorjahr betrug 1,1 Prozent.

    Hotels kamen auf rund 92 Millionen Übernachtungen und legten sogar um 1,7 Prozent zu.

    Und hier kommen die Deutschen ins Spiel.

    Deutsche Urlauber verbrachten rund 9,7 Millionen Nächte auf französischen Campingplätzen – 1,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Nur die Niederländer lagen mit 11,8 Millionen Übernachtungen noch davor, allerdings mit rückläufiger Tendenz.

    Auch in Hotels gehören Deutsche zu den wichtigsten europäischen Gästen. Rund 3,9 Millionen Hotelübernachtungen gingen 2026 auf ihr Konto, nach etwa 3,7 Millionen im Vorjahr. Lediglich britische Gäste lagen mit rund 4,3 Millionen Übernachtungen noch darüber.

    Die deutsche Frankreichliebe ist also keineswegs nur ein kulturelles Phänomen. Sie macht sich in den französischen Tourismuskassen durchaus bemerkbar.

    Allein im Juli nahm Frankreich rund 9,4 Milliarden Euro durch internationale Besucher ein, 3,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Einnahmen aus dem deutschen Markt lagen sogar neun Prozent über dem Vorjahreswert. Für das Gesamtjahr erscheinen internationale Tourismuseinnahmen von rund 80 Milliarden Euro möglich.

    Urlaub ja – aber mit spitzerem Bleistift

    Auch die Franzosen selbst bleiben ihrem Land treu. 84 Prozent der im Sommer verreisten Franzosen verbrachten mindestens einen Aufenthalt im eigenen Land.

    Doch die angespannte Kaufkraft hinterlässt Spuren.

    Jeder zweite Befragte erklärte, wegen der wirtschaftlichen Situation mindestens eine Urlaubsgewohnheit verändert zu haben. Gespart wurde vor allem bei Restaurants, Freizeitaktivitäten und Einkäufen. Andere wählten billigere Unterkünfte oder verkürzten ihren Aufenthalt.

    Der Urlaub fällt also nicht unbedingt aus. Er wird neu kalkuliert.

    Das passt zum Gesamtbild dieses Sommers: Die Menschen reisen weiterhin, reagieren aber flexibler auf Preise, Hitze und Wetterrisiken.

    Ein Rekord, der zugleich ein Warnsignal ist

    Frankreich besitzt dabei einen großen Vorteil. Kaum ein anderes europäisches Reiseland verfügt über eine derart breite touristische Palette: Atlantik und Mittelmeer, Alpen und Pyrenäen, historische Städte, kleine Dörfer, Weinregionen, Kulturerbe und eine Landschaft, die sich innerhalb weniger hundert Kilometer vollkommen verändern kann.

    Schwächelt eine Region, profitieren andere.

    Doch es wäre voreilig, den Rekord des Jahres 2026 als Beweis dafür zu betrachten, dass der Klimawandel dem Tourismus wenig anhaben könne. Wahrscheinlicher ist das Gegenteil.

    Die entscheidende Frage der kommenden Jahrzehnte lautet womöglich nicht mehr, ob Urlauber nach Frankreich reisen, sondern wann und wohin.

    Vor- und Nachsaison dürften wichtiger werden. Kühlere Regionen gewinnen. Klimatisierte Unterkünfte erhalten einen Wettbewerbsvorteil. Wasserverfügbarkeit, Hitzeschutz und Waldbrandprävention entwickeln sich von Randthemen zu handfesten Standortfaktoren.

    Für Frankreich liegt darin auch eine Chance. Touristenströme könnten sich stärker über das Land und über das Jahr verteilen. Regionen, die bislang im Schatten von Provence, Côte d’Azur oder südlicher Atlantikküste standen, bekommen neue Möglichkeiten.

    Der Rekordsommer 2026 erzählt deshalb weniger von einem Tourismus, dem selbst 40 Grad nichts ausmachen. Er erzählt von Urlaubern, die bereits begonnen haben, ihre persönliche Landkarte Frankreichs neu zu zeichnen.

    Die Liebe zu Frankreich scheint ungebrochen. Nur die Orte, an denen sie gelebt wird, verändern sich.

    C. Hatty

  • 85.000 Besucher entdecken die Grotten von Régulus

    85.000 Besucher entdecken die Grotten von Régulus

    Hoch über der Gironde, dort, wo der Blick weit über das Wasser bis zum Horizont schweift, verbirgt sich in den hellen Kalksteinfelsen von Meschers sur Gironde ein Ort voller Geschichten. Die Grotten von Régulus zählen längst zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der französischen Atlantikküste. In …

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  • „Ich ging sofort zu meinem Auto“: In der Bretagne geraten Pariser Urlauber ins Visier

    „Ich ging sofort zu meinem Auto“: In der Bretagne geraten Pariser Urlauber ins Visier

    Die Nachricht traf sie mitten im Urlaub. Andere Reisende hätten beschädigte Fahrzeuge entdeckt, manche sogar beleidigende Botschaften. „Ich bin sofort nachsehen gegangen, ob mit meinem Auto alles in Ordnung ist“, berichtete eine Touristin aus dem Großraum Paris. Ein Satz, der zunächst nach einer alltäglichen Sorge klingt – und doch viel über die gereizte Stimmung verrät, die in einigen Ferienorten der Bretagne gelegentlich an die Oberfläche tritt.

    Die Bretagne zählt seit Jahrzehnten zu den beliebtesten Reisezielen Frankreichs. Schroffe Küsten, lange Sandstrände, Fischerdörfer und jene Mischung aus Wetterfestigkeit und Melancholie, die selbst einen grauen Himmel noch fotogen erscheinen lässt, locken jeden Sommer Millionen Besucher an. Besonders häufig reisen Menschen aus Paris und seinem Umland an die Atlantikküste.

    Meist verläuft das Zusammenleben zwischen Einheimischen und Gästen freundlich, routiniert und völlig unspektakulär. Die Urlauber kaufen auf den Wochenmärkten ein, sitzen in den Crêperien und stehen mitunter ratlos vor bretonischen Ortsnamen. Alles wie immer.

    Doch hinter der Postkartenidylle wächst der Druck.

    In manchen Gemeinden steigen die Immobilienpreise seit Jahren. Ferienwohnungen und Zweitwohnsitze verknappen das Angebot, während Einheimische Schwierigkeiten bekommen, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Vor allem junge Familien und Beschäftigte mit durchschnittlichem Einkommen fühlen sich aus ihren eigenen Heimatorten verdrängt. Der Tourismus bringt Geld, Arbeitsplätze und wirtschaftliche Stabilität – zugleich verändert er ganze Küstenregionen. Diese widersprüchliche Lage sorgt für Frust.

    Vereinzelt richtet sich dieser Unmut gegen Besucher, die als Pariser wahrgenommen werden. Fahrzeuge werden beschädigt, beschmiert oder mit feindseligen Nachrichten versehen. Solche Taten treffen nicht nur Blech und Lack. Sie erzeugen Verunsicherung und stellen Urlauber unter Generalverdacht, obwohl sie persönlich weder für steigende Mieten noch für den Verkauf von Zweitwohnungen verantwortlich sind.

    Dabei wäre es falsch, aus einzelnen Angriffen eine breite Bewegung gegen Touristen abzuleiten. Von einer organisierten Kampagne gegen Urlauber lässt sich nicht sprechen. Die Vorfälle erhalten vor allem deshalb große Aufmerksamkeit, weil sie einen gesellschaftlichen Konflikt sichtbar machen, der sonst hinter geschlossenen Haustüren und überfüllten Immobilienanzeigen verborgen bleibt.

    Die örtlichen Behörden verurteilen Sachbeschädigungen und Einschüchterungen. Auch viele Bewohner weisen pauschale Feindseligkeit gegenüber Gästen zurück. Schließlich lebt ein erheblicher Teil der regionalen Wirtschaft vom Tourismus. Wer Besucher vertreibt, sägt schnell am eigenen Ast – und zwar ziemlich kräftig.

    Die Bretagne bleibt ein beliebtes und grundsätzlich sicheres Reiseziel. Doch die beschädigten Autos erinnern daran, dass selbst die schönste Ferienkulisse soziale Spannungen nicht einfach wegzaubert. Zwischen Meeresrauschen und steigenden Quadratmeterpreisen liegt bisweilen nur ein Parkplatz.

    Von C. Hatty

  • Tourismus in der Gironde: Nach den Waldbränden bleibt die Erholung aus

    Tourismus in der Gironde: Nach den Waldbränden bleibt die Erholung aus

    Die Bilder der gewaltigen Waldbrände in der Gironde gingen weit über Frankreich hinaus um die Welt. Kilometerhohe Rauchsäulen, verkohlte Kiefernwälder und tausende evakuierte Menschen prägten wochenlang die Berichterstattung. Zwar sind die Flammen längst erloschen, doch ihre wirtschaftlichen Folgen treffen die Region weiterhin mit voller Wucht. Besonders der Tourismus leidet unter den Nachwirkungen einer Katastrophe, deren Auswirkungen weit über die eigentlichen Brandgebiete hinausreichen.

    Nach ersten Rückmeldungen aus der Tourismusbranche ist die Zahl der Besucher seit Ende Juli um rund die Hälfte zurückgegangen. Für Hotels, Campingplätze, Restaurants und Freizeitanbieter bedeutet diese Entwicklung einen herben Einschnitt in einer Zeit, die normalerweise den Höhepunkt der Saison markiert. Viele Betriebe hatten nach den schwierigen Jahren der Pandemie auf einen unbeschwerten Sommer gehofft. Stattdessen blieben zahlreiche Betten leer.

    Die Gründe für den Einbruch liegen auf der Hand. Die intensive mediale Berichterstattung über die Brände veranlasste viele Urlauber dazu, ihre Reise kurzfristig zu stornieren oder auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Hinzu kamen zeitweise geschlossene Campingplätze, gesperrte Naturgebiete sowie Zugangsbeschränkungen für mehrere Waldregionen. Selbst dort, wo keine unmittelbare Gefahr mehr bestand, sorgte die Unsicherheit für Zurückhaltung. Wer Bilder brennender Wälder vor Augen hat, entscheidet sich oft lieber für ein anderes Reiseziel.

    Dabei entsteht ein Eindruck, der der tatsächlichen Lage vielerorts nicht gerecht wird. Zahlreiche touristische Einrichtungen der Gironde blieben während und nach den Bränden geöffnet. Küstenorte, Städte und viele Ausflugsziele konnten Besucher weiterhin empfangen. Dennoch haftet der Region das Image einer Krisenzone an – ein Makel, der sich nicht mit dem Ende der Löscharbeiten beseitigen lässt.

    Besonders betroffen sind jene Gebiete, die sich in unmittelbarer Nähe der Brandflächen befinden. Rund um das Bassin d’Arcachon und in den betroffenen Waldlandschaften spüren Unternehmer die Zurückhaltung der Gäste besonders deutlich. Andere Teile des Départements zeigen sich hingegen widerstandsfähiger. Dort fällt der Rückgang der Besucherzahlen deutlich geringer aus, was die Unterschiede innerhalb der Region unterstreicht.

    Für die Verantwortlichen im Tourismus zählt nun vor allem eines: Vertrauen zurückzugewinnen. Sie betonen, dass der überwiegende Teil der touristischen Infrastruktur uneingeschränkt nutzbar ist und Besucher vielerorts auf intakte Landschaften, geöffnete Unterkünfte und funktionierende Freizeitangebote treffen. Ziel ist es, den wirtschaftlichen Schaden zumindest in den verbleibenden Wochen der Saison zu begrenzen.

    Die Entwicklung zeigt zugleich, wie eng Naturereignisse und wirtschaftlicher Erfolg miteinander verflochten sind. Eine Region lebt nicht allein von ihrer tatsächlichen Attraktivität, sondern ebenso von ihrer öffentlichen Wahrnehmung. Schlechte Nachrichten verbreiten sich innerhalb weniger Stunden rund um den Globus. Das Vertrauen der Reisenden zurückzugewinnen, benötigt dagegen deutlich mehr Zeit.

    Die Gironde steht damit exemplarisch für eine Herausforderung, die in Zeiten zunehmender Extremwetterlagen viele Urlaubsregionen treffen dürfte. Nicht allein die unmittelbaren Schäden entscheiden über die Zukunft einer Destination. Ebenso bedeutsam ist die Fähigkeit, nach einer Krise das Bild einer sicheren und attraktiven Reiseregion wieder glaubhaft zu vermitteln. Erst dann kehrt auch die Zuversicht zurück – bei den Gästen ebenso wie bei den Menschen, die vom Tourismus leben.

    Autor: C.H.

  • Wenn die Hitze steigt, zieht es Frankreich in die Berge

    Wenn die Hitze steigt, zieht es Frankreich in die Berge

    Während in vielen französischen Städten die Rollläden schon am Vormittag heruntergelassen werden und sich Asphalt und Hausfassaden immer weiter aufheizen, erlebt die französische Mittelgebirgswelt einen bemerkenswerten Sommer. Orte, die lange im Schatten berühmter Alpenstationen standen, entdecken plötzlich einen Trumpf, den man früher kaum vermarktete: angenehme Temperaturen.

    Im Jura, in den Vogesen, im Zentralmassiv, im Vercors und in den Voralpen füllen sich Ferienwohnungen, Campingplätze und Hotels. Viele Gäste suchen weder spektakuläre Gipfel noch luxuriöse Wellnessanlagen. Sie wollen schlicht raus aus der Hitze.

    Und vor allem nachts wieder schlafen.

    Plötzlich zählt jedes Grad weniger

    Lange gehörte möglichst viel Sonne zum klassischen französischen Sommerurlaub wie Baguette und Café am Morgen. Doch wenn das Thermometer in den Ebenen oder an der Mittelmeerküste regelmäßig über 35 Grad steigt, verändert sich die Vorstellung vom perfekten Ferienwetter.

    Warum bei 38 Grad durch eine aufgeheizte Altstadt laufen, wenn wenige Stunden entfernt ein schattiger Waldweg bei deutlich angenehmeren Temperaturen wartet?

    Höhenlagen zwischen etwa 800 und 1500 Metern treffen dabei einen Nerv. Tagsüber locken Seen, Wälder und Wanderwege, am Abend sinken die Temperaturen häufig spürbar. Gerade Menschen aus Städten, in denen sogenannte tropische Nächte kaum Abkühlung bringen, empfinden das als Luxus.

    Touristiker reagieren längst darauf. Seen, Wasserfälle, Flüsse und schattige Wälder rücken in Prospekten und Werbekampagnen stärker in den Mittelpunkt. Die Botschaft lautet nicht mehr ausschließlich: Komm zu uns, weil die Berge schön sind. Sie lautet zunehmend: Komm hoch, hier lässt es sich aushalten.

    Orte wie Gérardmer in den Vogesen, Les Rousses im Jura oder Le Mont Dore im Zentralmassiv passen hervorragend zu diesem neuen Urlaubswunsch. Wandern am Morgen, Baden am Nachmittag und später vielleicht ein Abendessen auf einer Terrasse, ohne dass einem dabei gefühlt das Hemd am Rücken klebt – klingt plötzlich ziemlich verlockend.

    Die Wettervorhersage entscheidet mit

    Auch das Buchungsverhalten verändert sich.

    Viele Gäste planen ihren Aufenthalt kurzfristiger und beobachten zuvor die Wetterkarten. Kündigt sich für Lyon, Paris oder den Süden eine längere Hitzeperiode an, steigt das Interesse an höher gelegenen Regionen. Aus dem klassischen, Monate vorher geplanten Sommerurlaub entsteht damit teilweise eine spontane Flucht ins Grüne.

    Für die Mittelgebirgsstationen kommt dieser Trend zur richtigen Zeit.

    Mildere Winter und unsichere Schneeverhältnisse setzen zahlreiche kleinere Skigebiete wirtschaftlich unter Druck. Manche Orte suchen deshalb seit Jahren nach einem neuen Modell. Métabief im Jura etwa setzt stärker auf Angebote jenseits des Winters. Mountainbike, Wandern, Trailrunning, Sommerrodeln und Naturerlebnisse sollen Gäste über mehrere Jahreszeiten verteilen.

    Was früher nach Plan B klang, entwickelt sich zum Zukunftsmodell.

    Vom Schneeurlaub zum Vierjahreszeitenziel

    Die französische Urlaubskarte verschiebt sich damit langsam. Jahrzehntelang galt Sonne beinahe automatisch als Qualitätsmerkmal einer gelungenen Reise. Heute lautet die Frage häufiger: Wie heiß wird es dort eigentlich?

    Die Mittelgebirge besitzen dabei mehrere Vorteile. Sie liegen hoch genug für ein oftmals angenehmeres Klima, bleiben zugleich leichter erreichbar als hochalpine Regionen. Familien finden Seen, Wanderwege und Freizeitangebote, ohne gleich eine Expedition daraus machen zu müssen. Auch die Preise liegen vielerorts unter denen berühmter Ferienorte.

    Doch hinter dem sommerlichen Erfolg steckt ein Widerspruch.

    Ausgerechnet der Klimawandel, der den Wintersport vieler Mittelgebirgsorte bedroht, beschert ihnen nun neue Sommergäste. Das funktioniert allerdings nicht unbegrenzt. Steigende Temperaturen treffen langfristig ebenfalls Wälder, Wasserressourcen und Ökosysteme der Gebirge.

    Vielleicht liegt darin die eigentliche Aufgabe der kommenden Jahre: nicht möglichst viele Menschen möglichst schnell in die Berge zu locken, sondern einen Tourismus aufzubauen, der Natur und lokale Lebensqualität schützt.

    Die Mittelgebirge entdecken jedenfalls gerade einen erstaunlich wertvollen Schatz. Er glitzert nicht, braucht keinen Skilift und passt in keinen Souvenirladen.

    Er fühlt sich einfach gut an, wenn unten im Tal die Hitze flimmert.

    M. Legrand

  • Das steinerne Geheimnis vor Cannes

    Das steinerne Geheimnis vor Cannes

    Nur wenige Kilometer trennen zwei Welten. Auf der Croisette von Cannes glänzen Luxushotels, Yachten und Strandclubs in der Mittelmeersonne. Eine kurze Bootsfahrt entfernt bestimmen dagegen Pinien, Weinberge, Felsen und jahrhundertealte Mauern das Bild.

    Auf der Île Saint-Honorat öffnet nun eines der außergewöhnlichsten Bauwerke der Côte d’Azur wieder seine Türen: die mittelalterliche Tour Monastère der Abtei von Lérins. Sechs Jahre dauerte ihre Restaurierung. Jetzt lässt sich dieser steinerne Zeuge einer mehr als tausendjährigen Geschichte wieder erkunden.

    Eine Festung für Mönche

    Die Geschichte Saint Honorats reicht rund 1600 Jahre zurück. Um das Jahr 410 gründete Honoratus von Arles auf der damals weitgehend unbewohnten Insel eine Klostergemeinschaft. Lérins entwickelte sich bald zu einem bedeutenden geistlichen Zentrum des westlichen Mittelmeerraums.

    Doch das kleine Paradies besaß eine gefährliche Seite.

    Über Jahrhunderte bedrohten Angriffe und Plünderungen die Insel. Die Mönche brauchten Schutz vor Piraten und anderen Eindringlingen. Direkt am Meer entstand deshalb ein befestigtes Kloster, dessen mächtiger Turm bis heute über der Südküste Saint Honorats wacht.

    Die Tour Monastère verbindet zwei Welten, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen: Festung und Kloster, Verteidigung und Gebet. Hinter den dicken Mauern liegen Kreuzgänge, Kapellen und ehemalige Wohnräume.

    Wer hier Treppen hinaufsteigt und durch schmale Durchgänge geht, besucht also nicht bloß ein altes Gemäuer. Er wandert durch Jahrhunderte.

    Und welche Mauern könnten wohl mehr Geschichten erzählen als jene, die Mönche, Angreifer, Stürme und Generationen von Reisenden erlebt haben?

    Sechs Jahre zwischen Stein und Meer

    Im Juli 2020 begann die umfangreiche Restaurierung. Rund 7,1 Millionen Euro flossen in das Projekt.

    Eine zentrale Aufgabe bestand darin, das historische Gebäude besser gegen Wasser und Witterung zu schützen. Zwei unterschiedliche Dachkonstruktionen entstanden, eine traditionelle und eine zeitgenössische. Handwerker restaurierten außerdem Mauern, Türen, Fenster und Gitter.

    Dabei sollte der Turm keineswegs wie frisch aus dem Mittelalter aussehen.

    Zum Glück.

    Denn gerade seine Unebenheiten, Verfärbungen und sichtbaren Spuren verleihen ihm Charakter. Alte Steine dürfen schließlich alt aussehen. Moderne Technik kam dort zum Einsatz, wo Sicherheit, Beleuchtung und Erhaltung sie verlangten. Der besondere Charakter des Monuments blieb dabei erhalten.

    Moderne Kunst hinter alten Mauern

    Eine Überraschung wartet im Inneren: zeitgenössische Kunst.

    Elf moderne Glasfenster treten in einen ungewöhnlichen Dialog mit der mittelalterlichen Architektur. Hinzu kommt ein Werk der französisch ungarischen Künstlerin Vera Molnar, einer Pionierin der digitalen und algorithmischen Kunst und Teil ihres späten Schaffens.

    Geometrische Formen treffen auf groben Stein, moderne Gestaltung auf jahrhundertealte religiöse Räume. Klingt nach einem gewagten Mix? Genau darin liegt sein Reiz.

    Saint Honorat ist schließlich kein erstarrtes Freilichtmuseum. Bis heute leben Zisterziensermönche auf der Insel. Sie bewirtschaften Weinberge, produzieren Wein und Liköre und führen eine Tradition fort, deren Wurzeln bis in die Spätantike reichen.

    Die stille Seite der Côte d’Azur

    Vom Hafen von Cannes dauert die Überfahrt nur wenige Minuten. Dennoch fühlt sich Saint Honorat erstaunlich weit entfernt an.

    Keine Autos, keine großen Hotelkomplexe, kein ständiger Verkehrslärm. Wege führen unter Pinien und Aleppokiefern entlang, vorbei an Weinbergen, Kapellen und felsigen Buchten. Das Meer begleitet den Spaziergänger fast überall.

    Von den oberen Bereichen der Tour Monastère schweift der Blick über das Mittelmeer und die Lérins Inseln. Cannes liegt gegenüber, sichtbar nah und zugleich wie aus einer anderen Welt.

    Die Restaurierung spielt zudem eine Rolle für ein großes Ziel: Saint Honorat strebt die Aufnahme in die UNESCO Welterbeliste an. Der Klosterturm zählt dabei zu den bedeutendsten Zeugnissen der außergewöhnlich langen monastischen Geschichte der Insel.

    Vielleicht liegt darin das eigentliche Wunder dieses Ortes. Nur eine kurze Bootsfahrt vom roten Teppich des Filmfestivals entfernt stehen Mauern, die aus einer Epoche stammen, in der vom heutigen Cannes noch keine Rede war.

    Manchmal reichen ein paar Minuten auf dem Mittelmeer, um mehr als tausend Jahre zurückzureisen.

    M. Legrand

  • Flucht vor der Hitze: Campingplätze im Norden Frankreichs sind ausgebucht

    Flucht vor der Hitze: Campingplätze im Norden Frankreichs sind ausgebucht

    Noch vor wenigen Jahren galt der Norden Frankreichs als Geheimtipp für Urlauber, die frische Meeresluft, weite Strände und wechselhaftes Wetter schätzten. In diesem Sommer zeigt sich jedoch ein völlig neues Bild. Während der Süden des Landes unter anhaltenden Hitzewellen leidet, zieht es immer mehr Reisende in die Hauts-de-France und an die Côte d’Opale. Campingplätze entlang der Kanalküste berichten von einer außergewöhnlich hohen Nachfrage, zahlreiche Anlagen sind zeitweise vollständig ausgebucht.

    Der Grund liegt auf der Hand. Statt Temperaturen von nahezu 40 Grad erwartet die Urlauber im Norden meist ein deutlich angenehmeres Klima. Eine frische Brise vom Ärmelkanal sorgt selbst an sonnigen Tagen für erträgliche Bedingungen. Für Familien mit Kindern, ältere Reisende oder Aktivurlauber zählt genau das. Fahrradtouren durch die Dünenlandschaften, lange Spaziergänge am Strand oder ein Ausflug in die umliegenden Naturparks machen bei moderaten Temperaturen einfach mehr Freude als unter glühender Mittagssonne.

    Dabei punktet die Region längst nicht mehr allein mit ihrem Klima. Moderne Campingplätze bieten komfortable Mobilheime, gepflegte Stellplätze, Schwimmbäder, Restaurants, Spielplätze und abwechslungsreiche Freizeitprogramme. Viele Gäste loben die Mischung aus Natur, Erholung und guter Infrastruktur. Wer morgens den Blick auf das Meer genießt, nachmittags am Pool entspannt und den Abend in einem Küstenrestaurant ausklingen lässt, entdeckt schnell, dass der Norden weit mehr zu bieten hat als sein früheres Image vermuten ließ.

    Besonders beliebt sind die Küstenorte zwischen Berck-sur-Mer, Le Touquet, Boulogne-sur-Mer, Calais und Dunkerque. Hinzu kommen die beeindruckenden Landschaften der Somme-Bucht mit ihrer reichen Tierwelt und den ausgedehnten Sandflächen. Die Region verbindet Naturerlebnis, Kultur und maritime Atmosphäre auf eine Weise, die viele Besucher überrascht.

    Auffällig ist außerdem das veränderte Buchungsverhalten. Immer mehr Urlauber entscheiden sich erst wenige Tage vor der Abreise für ihr Reiseziel. Der Wetterbericht spielt dabei eine entscheidende Rolle. Zeichnen sich im Süden Frankreichs extreme Temperaturen ab, steigt die Zahl der Reservierungen an der Kanalküste spürbar an. Campingplatzbetreiber beobachten diesen Trend seit mehreren Jahren, doch in diesem Sommer erreicht er eine neue Dimension.

    Neben französischen Gästen reisen traditionell viele Belgier, Niederländer, Deutsche und Briten in den Norden. Die vergleichsweise kurzen Anfahrtswege machen spontane Kurzurlaube besonders attraktiv. Auch aus Paris erreichen Reisende die Küste innerhalb weniger Stunden. Gerade für verlängerte Wochenenden oder kurzfristige Auszeiten erweist sich diese gute Erreichbarkeit als großer Vorteil.

    Die hohe Nachfrage betrifft längst nicht mehr nur Mobilheime und Ferienchalets. Auch Stellplätze für Wohnmobile, Wohnwagen und Zelte sind vielerorts schnell vergeben. Was früher als eher ruhige Urlaubsregion galt, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einem gefragten Sommerziel. Das einstige Vorurteil, der Norden sei zu kühl oder zu regnerisch, verliert zunehmend an Bedeutung. Ausgerechnet das gemäßigte Klima avanciert heute zum stärksten Argument für einen Aufenthalt.

    Diese Entwicklung spiegelt einen grundlegenden Wandel im Reiseverhalten wider. Der Klimawandel verändert die touristische Landkarte Frankreichs spürbar. Jahrzehntelang zog es den Großteil der Sommerurlauber an das Mittelmeer, an die Atlantikküste oder in die Provence. Doch häufigere Hitzewellen, Wasserknappheit, Waldbrandgefahr und tropische Nächte veranlassen viele Familien dazu, ihre Urlaubsplanung neu auszurichten.

    Nicht nur die Hauts-de-France profitieren von diesem Trend. Auch die Normandie, die Bretagne und kühlere Bergregionen gewinnen an Beliebtheit. Gesucht sind Reiseziele, an denen sich der Urlaub aktiv gestalten lässt und erholsamer Schlaf nicht von einer Klimaanlage abhängt. Für viele Urlauber bedeutet Lebensqualität inzwischen nicht mehr möglichst große Hitze, sondern angenehme Temperaturen und vielfältige Freizeitmöglichkeiten.

    Für die Campingwirtschaft im Norden eröffnet diese Entwicklung neue Perspektiven. Eine längere Saison und eine stabilere Nachfrage schaffen Spielraum für Investitionen in moderne Unterkünfte, zusätzliche Freizeitangebote und nachhaltige Infrastruktur. Gleichzeitig stehen auch die nördlichen Regionen vor der Aufgabe, sich auf steigende Temperaturen einzustellen. Schattenplätze, Bäume, eine zuverlässige Wasserversorgung und gut gedämmte Unterkünfte gewinnen überall an Bedeutung.

    Der Erfolg der Campingplätze an der Côte d’Opale ist deshalb weit mehr als eine erfreuliche Momentaufnahme. Er zeigt, dass sich Frankreichs Urlaubsgewohnheiten langsam, aber sichtbar verändern. Die Côte d’Azur bleibt für viele ein Sehnsuchtsort. Doch der Norden entwickelt sich zunehmend zu einer attraktiven Alternative für alle, die Sonne genießen möchten, ohne dabei ständig gegen die Hitze anzukämpfen.

    Daniel Ivers