Schlagwort: Tradition

  • Zwischen Marseille und dem Norden: Warum Pétanque längst in ganz Frankreich zu Hause ist

    Zwischen Marseille und dem Norden: Warum Pétanque längst in ganz Frankreich zu Hause ist

    Wer an Pétanque denkt, hat meist sofort ein bestimmtes Bild vor Augen: Eine staubige Bahn unter alten Platanen, das helle Klackern der Metallkugeln und eine Gruppe von Spielern, die mit südfranzösischem Akzent jeden Wurf kommentieren. Marseille und die Provence gelten als die Heimat des beliebten Kugelspiels. Dort entstand Pétanque zu Beginn des 20. Jahrhunderts und entwickelte sich rasch zu einem festen Bestandteil der regionalen Lebensart.

    Doch diese Vorstellung erzählt nur einen Teil der Geschichte.

    Auch Nordfrankreich zählt heute zu den Hochburgen des Sports. In der Region Hauts-de-France locken Pétanque-Turniere an nahezu jedem Wochenende Hunderte, manchmal sogar Tausende Teilnehmer an. Zahlreiche Vereine pflegen den Sport mit großer Leidenschaft, Wettbewerbe genießen einen hohen Stellenwert und auf den Spielfeldern herrscht oft eine konzentrierte Atmosphäre. Hier geht es weniger um Folklore als um Präzision, Taktik und sportlichen Ehrgeiz.

    Das kommt nicht von ungefähr. Lange bevor sich Pétanque im Norden etablierte, besaß die Region bereits eine ausgeprägte Tradition verschiedener Kugelspiele. Disziplinen wie die Bourle oder die flämische Boule prägten über Generationen hinweg das Freizeit- und Vereinsleben. Als Pétanque schließlich Einzug hielt, traf der Sport auf einen fruchtbaren Boden und fand schnell begeisterte Anhänger.

    In der Provence besitzt das Spiel dagegen eine ganz eigene kulturelle Bedeutung. Dort gehört Pétanque zum Alltag wie der Duft von Lavendel oder ein Pastis am späten Nachmittag. Gespielt wird mit Freunden, Nachbarn oder Familienmitgliedern. Dialekt, kleine Neckereien und feste Rituale verleihen jeder Partie ihren besonderen Charme. Selbst das berühmte „Faire Fanny“, bei dem Verlierer einer Partie mit null Punkten traditionell auf humorvolle Weise aufgezogen werden, gehört vielerorts noch immer dazu. Große Veranstaltungen wie das traditionsreiche Turnier „Mondial La Marseillaise“ unterstreichen den besonderen Stellenwert des Sports in Marseille.

    Im Norden präsentiert sich Pétanque dagegen oft deutlich leistungsorientierter. Viele Spieler trainieren das ganze Jahr über – auch dann, wenn eisiger Wind oder Regen kaum an südfranzösische Temperaturen erinnern. Überdachte Boulehallen sorgen dafür, dass der Spielbetrieb unabhängig vom Wetter weiterläuft. Das hohe Niveau vieler Wettbewerbe zeigt, dass Leidenschaft für diesen Sport keineswegs an Sonnenschein gebunden ist.

    Am Ende verbindet beide Regionen mehr, als sie trennt. Marseille bleibt die Wiege der Pétanque und verkörpert ihre kulturelle Seele. Der Norden hingegen beweist Woche für Woche, dass dieselbe Sportart mit ebenso viel Hingabe, Disziplin und Begeisterung gelebt wird. Pétanque ist längst weit mehr als ein südfranzösisches Symbol – sie hat sich zu einer echten Leidenschaft entwickelt, die Menschen in allen Teilen Frankreichs miteinander verbindet.

    Von C. Hatty

  • Das grüne Gold der Provence: Olivenöl als lebendiges Kulturerbe

    Das grüne Gold der Provence: Olivenöl als lebendiges Kulturerbe

    Die Provence ohne Olivenbäume? Kaum vorstellbar. Seit Jahrhunderten prägen ihre silbrig schimmernden Kronen die sanften Hügel, säumen alte Feldwege und verleihen der Landschaft ihren unverwechselbaren Charakter. Doch der Olivenbaum ist weit mehr als nur ein Teil der Kulisse. Er steht für Frieden, Beständigkeit und Widerstandskraft – Werte, die tief in der Geschichte Südfrankreichs verwurzelt sind. Aus seinen Früchten entsteht ein Produkt, das seinen Beinamen „grünes Gold“ mehr als verdient: hochwertiges Olivenöl. Es vereint Tradition, Handwerkskunst und Genuss auf einzigartige Weise. Wer einmal frisches Olivenöl direkt aus einer provenzalischen Ölmühle probiert hat, vergisst dieses Aroma so schnell nicht.

    Die Geschichte des Olivenbaums in der Provence reicht mehr als zweitausend Jahre zurück. Bereits die Griechen brachten ihn an die Mittelmeerküste, später entwickelten die Römer den Olivenanbau systematisch weiter. Das milde Klima mit heißen, trockenen Sommern und vergleichsweise sanften Wintern bietet ideale Voraussetzungen. Selbst der oft kräftige Mistral erfüllt eine wichtige Aufgabe: Er trocknet die Bäume nach Regenfällen und verringert dadurch das Risiko verschiedener Pflanzenkrankheiten.

    Im Laufe der Jahrhunderte entstanden die typischen Trockensteinterrassen, die sogenannten Restanques. Sie schützen die Hänge vor Erosion und schaffen bis heute Platz für die Olivenhaine. Viele der knorrigen Bäume haben mehrere Generationen erlebt. Manche Familien pflegen dieselben Olivenbäume seit Jahrhunderten. Sie erzählen von harter Arbeit, Geduld und einer tiefen Verbundenheit mit der Heimat.

    Die Herstellung eines erstklassigen Olivenöls verlangt Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Zwischen Oktober und Januar beginnt die Ernte. Je nach Sorte und gewünschtem Geschmack pflücken die Produzenten die Oliven früher oder später. Grün geerntete Früchte liefern ein Öl mit kräftigen, leicht herben Noten und einem Hauch von frisch geschnittenem Gras oder Artischocke. Reifere Oliven sorgen dagegen für weichere, fruchtigere Aromen.

    Nach der Ernte zählt jede Stunde. Die Früchte gelangen möglichst schnell in die Ölmühle, damit Frische und Qualität erhalten bleiben. Dort erfolgt die Verarbeitung meist im modernen Kaltpressverfahren. Diese schonende Methode bewahrt nicht nur die wertvollen Inhaltsstoffe, sondern auch die feinen Geschmacksnuancen, die jedes Olivenöl einzigartig machen.

    Die Provence besitzt mehrere charakteristische Olivensorten. Die Aglandau bringt intensive, leicht pfeffrige Noten hervor und erinnert geschmacklich an rohe Artischocken. Die Salonenque überzeugt mit einer angenehmen Milde, während die Grossane durch ihre sanften, fruchtigen Aromen besticht. Boden, Klima und die Erfahrung der Ölmüller verleihen jeder Ernte ihre eigene Handschrift. Genau darin liegt der besondere Reiz – keine Flasche schmeckt exakt wie die andere.

    Damit diese Qualität erhalten bleibt, tragen mehrere Olivenöle aus der Provence eine geschützte Ursprungsbezeichnung. Regionen wie das Vallée des Baux de Provence, Aix en Provence, Haute Provence oder Nizza stehen für streng kontrollierte Herkunft und traditionelle Herstellungsverfahren. Diese Auszeichnungen schützen nicht nur die Produzenten, sondern geben auch Verbrauchern Orientierung. Wer zu einem Olivenöl mit geschützter Herkunft greift, entscheidet sich für nachvollziehbare Qualität und regionale Identität.

    In der provenzalischen Küche spielt Olivenöl die Hauptrolle. Es verfeinert sonnengereiftes Gemüse, begleitet gegrillten Fisch, rundet Salate ab und bildet die Grundlage zahlreicher Klassiker wie Aioli, Tapenade oder Pistou. Dabei beschränkt sich seine Verwendung längst nicht auf kalte Speisen. Hochwertiges Olivenöl eignet sich hervorragend zum Braten und Garen, da es Hitze gut verträgt und den Gerichten zusätzliche Tiefe verleiht. Ist es nicht erstaunlich, wie wenige Tropfen den Geschmack eines ganzen Gerichts verändern können?

    Trotz seiner langen Geschichte steht der Olivenanbau heute vor großen Herausforderungen. Längere Trockenperioden, zunehmende Hitzewellen und unregelmäßige Niederschläge erschweren die Arbeit der Olivenbauern. Auch Pflanzenkrankheiten wie das gefürchtete Bakterium Xylella fastidiosa sorgen für große Aufmerksamkeit. Frankreich überwacht seine Olivenbestände deshalb besonders sorgfältig, um mögliche Ausbreitungen frühzeitig einzudämmen.

    Viele Betriebe reagieren mit innovativen Anbaumethoden, ohne ihre traditionellen Arbeitsweisen aufzugeben. Nachhaltige Bewässerung, biologische Landwirtschaft und eine schonende Bodenpflege gewinnen zunehmend an Bedeutung. So bleibt die jahrhundertealte Kulturlandschaft auch für kommende Generationen erhalten.

    Längst entdecken nicht nur Feinschmecker die Welt des Olivenöls. Zahlreiche Ölmühlen öffnen ihre Tore für Besucher und laden zu Führungen sowie Verkostungen ein. Dabei erfahren Gäste, wie aus der kleinen Olive ein hochwertiges Naturprodukt entsteht, lernen verschiedene Geschmacksrichtungen kennen und kommen direkt mit den Produzenten ins Gespräch. Gerade diese persönliche Begegnung macht den Reiz aus und vermittelt einen Eindruck davon, wie viel Leidenschaft in jeder Flasche steckt.

    Das grüne Gold der Provence steht deshalb für weit mehr als ein hochwertiges Lebensmittel. Es erzählt von jahrtausendealter Kultur, von Menschen, die ihre Traditionen bewahren, und von einer Landschaft, deren Charakter untrennbar mit dem Olivenbaum verbunden bleibt. Jeder Tropfen trägt ein Stück Provence in sich – authentisch, aromatisch und voller Geschichte.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wenn selbst der Himmel kapituliert

    Wenn selbst der Himmel kapituliert

    Es gibt Bilder, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis einer Nation einbrennen. In Frankreich gehört der Abend des 14. Juli zweifellos dazu. Während anderswo Nationalfeiertage mit endlosen Reden, Blaskapellen und steifen Militärzeremonien begangen werden, ließ Frankreich den Himmel sprechen. Farben, Donner, Licht und Staunen – für wenige Minuten schien die Republik über den Dächern zu schweben.

    Nun bleibt der Himmel dunkel.

    Nicht aus Sparsamkeit. Nicht aus ideologischer Askese. Nicht einmal aus Sicherheitsfanatismus.

    Sondern weil die Natur inzwischen die Regie übernommen hat.

    Man muss sich diesen Satz langsam auf der Zunge zergehen lassen. Das größte Volksfest des Landes verzichtet auf sein emotionales Finale, weil ein einzelner Funke genügen könnte, um ganze Landstriche in Brand zu setzen. Vor zwanzig Jahren hätte man dafür vermutlich den Drehbuchautor einer dystopischen Netflix-Serie ausgelacht.

    Heute nennt man es Wetterbericht.

    Natürlich ließe sich jetzt wunderbar auf die Gemeinden schimpfen. Auf Bürgermeister, Präfekten und Verwaltungsbeamte, deren Lieblingsbeschäftigung angeblich darin besteht, alles zu verbieten, was Menschen Freude bereitet. Das wäre einfach.

    Und falsch.

    Denn wer angesichts ausgetrockneter Wälder Feuerwerke abbrennt, handelt ungefähr so verantwortungsvoll wie jemand, der neben einer Tankstelle eine Zigarette anzündet und sich anschließend über die Hektik der Feuerwehr wundert.

    Die eigentliche Bitterkeit liegt woanders.

    Frankreich verliert nach und nach jene Selbstverständlichkeiten, die das Land jahrzehntelang ausmachten. Der Sommer war einst eine Jahreszeit voller Leichtigkeit. Heute gleicht er immer häufiger einem Krisenmanagement mit Wetter-Apps, Wasserrestriktionen und Waldbrandkarten. Die Farben des Nationalfeiertags weichen den Farben der Gefahrenstufen.

    Gelb.

    Orange.

    Rot.

    Fast möchte man lachen. Schließlich bleibt das Fest ja erhalten. Es gibt Konzerte, Musik, Tanz und Volksfeste. Nur eben ohne Feuerwerk. Vielleicht ersetzt künftig eine Drohnenshow die Raketen. Tausend perfekt programmierte Lichtpunkte ziehen geometrische Figuren an den Himmel, geräuschlos, emissionsarm und selbstverständlich CO₂-bilanziert.

    Beeindruckend.

    Wie ein hervorragend organisierter Steuerbescheid.

    Das Problem moderner Ersatzlösungen besteht darin, dass sie fast alles imitieren können – außer Emotionen.

    Ein Feuerwerk lebt gerade von seiner Unberechenbarkeit. Vom dumpfen Knall, der Sekunden später in der Brust ankommt. Vom Geruch nach Schwarzpulver. Vom gemeinsamen „Oh!“ Tausender Menschen, die für einen kurzen Moment vergessen, worüber sie sich sonst täglich aufregen.

    Eine Drohne erzeugt Bewunderung.

    Ein Feuerwerk erzeugt Erinnerungen.

    Doch Erinnerungen scheinen in Zeiten permanenter Krisen einen schweren Stand zu haben. Erst verschwand die Gewissheit schneereicher Winter. Dann wurden Hitzewellen zur Normalität. Flüsse schrumpfen, Wälder verbrennen, Felder verdorren. Nun erreicht der Wandel ausgerechnet jenes Ritual, das den Sommer vieler Franzosen seit Generationen begleitet.

    Man könnte zynisch fragen, welches Stück Lebensgefühl als Nächstes verschwindet.

    Das Picknick, weil Wiesen zu trocken sind?

    Der Wein, weil die Reben verbrennen?

    Die Lavendelfelder der Provence als historische Fußnote?

    So übertrieben diese Fragen klingen mögen – vor wenigen Jahren hätte auch niemand geglaubt, dass französische Gemeinden den Nationalfeiertag ohne Feuerwerk feiern.

    Der eigentliche Skandal besteht allerdings nicht darin, dass Raketen im Lager bleiben.

    Der Skandal besteht darin, dass sich viele längst daran gewöhnt haben, Abschied zu nehmen.

    Von Landschaften.

    Von Jahreszeiten.

    Von Traditionen.

    Von Gewissheiten.

    Der Mensch besitzt eine erstaunliche Fähigkeit zur Anpassung. Er gewöhnt sich an fast alles. Selbst daran, dass außergewöhnliche Hitze plötzlich gewöhnlich erscheint. Dass Wasser knapp wird. Dass Wälder brennen. Dass das größte Feuerwerk des Jahres ausfällt.

    Vielleicht ist genau das die gefährlichste Entwicklung.

    Nicht die Absage des Feuerwerks.

    Sondern die lautlose Gewöhnung daran.

    Denn eine Gesellschaft verliert selten alles auf einmal. Meist verschwinden ihre Rituale leise, fast unbemerkt – eines nach dem anderen. Bis irgendwann jemand fragt, wie das eigentlich früher war.

    Dann erzählen ältere Franzosen von einem Abend im Juli, an dem der Himmel über der Republik in tausend Farben explodierte und niemand auf die Idee kam, dass selbst dieses Schauspiel eines Tages zu gefährlich sein könnte.

    Es klingt dann wie eine Geschichte aus einer anderen Zeit.

    Vielleicht ist es das längst.

    Ein Kommentar von Christine Macha

  • Enzian aus der Auvergne: Die gelbe Bergblume hinter Frankreichs herbem Kultaperitif

    Enzian aus der Auvergne: Die gelbe Bergblume hinter Frankreichs herbem Kultaperitif

    Wer durch die weiten Hochlagen der Auvergne wandert, entdeckt zwischen saftigen Bergwiesen und sanften Vulkanlandschaften eine Pflanze, die zunächst erstaunlich unscheinbar wirkt. Erst beim genaueren Hinsehen fällt ihre stattliche Größe auf. Die Große Gelbe Enzianpflanze ragt mit kräftigen Stängeln und leuchtend gelben Blüten oft weit über die umliegenden Gräser hinaus. Seit Jahrhunderten prägt sie nicht […]

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  • Mit Tablett und Tempo durch die Altstadt: Dinan feiert die Rückkehr der „Course des Garçons de Café“

    Mit Tablett und Tempo durch die Altstadt: Dinan feiert die Rückkehr der „Course des Garçons de Café“

    Wenn Kellner rennend durch die Straßen ziehen, dabei Gläser und Wasserflaschen auf einem Tablett balancieren und das Publikum begeistert anfeuert, dann herrscht in Dinan wieder Ausnahmezustand. Am 24. Juni kehrt die traditionsreiche „Course des Garçons de Café“ zurück und verwandelt die historische …

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  • Kommentar: Maiglöckchen, Moral und Ministerien -Frankreichs zarter Duft der Doppelmoral

    Kommentar: Maiglöckchen, Moral und Ministerien -Frankreichs zarter Duft der Doppelmoral

    Es gibt in Frankreich Tage, an denen sich der Staat besonders feinfühlig gibt. Der 1. Mai ist so ein Tag. Ein Tag der Arbeit, an dem – wie es sich gehört – möglichst niemand arbeiten soll. Es sei denn, er verkauft Maiglöckchen. Oder backt Baguettes. Oder steht hinter einem Blumenstand. Oder ist zufällig Florist und damit Teil eines politischen Experiments namens: „Wie viel Widerspruch hält eine Republik aus, bevor sie sich selbst in den Fußnoten ihrer eigenen Verordnungen verliert?“

    Der französische Staat liebt seine Traditionen. Und er liebt seine sozialen Errungenschaften. Dumumerweise liebt er beides gleichzeitig – und zwar so sehr, dass er es nicht übers Herz bringt, sich zwischen ihnen zu entscheiden. Das Ergebnis ist ein juristisches Feiertagsgebäck, so filigran wie ein Maiglöckchenstrauß und so unerquicklich wie ein verregneter 1. Mai.

    Die Freiheit der kleinen Leute – streng reglementiert

    Am 1. Mai dürfen in Frankreich alle Bürger Maiglöckchen verkaufen. Welch wunderbare Geste republikanischer Großzügigkeit! Endlich darf der einfache Mensch ein paar Blumen anbieten, ganz ohne Gewerbeschein, ganz ohne Steuerformular. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – zum Stückpreis von ein paar Euro pro Sträußchen.

    Doch halt: Diese Freiheit hat Bedingungen. Die Blumen müssen wild gepflückt sein. Sie dürfen nicht verpackt werden. Sie dürfen nur in kleinen Mengen verkauft werden. Und – besonders charmant – nicht in der Nähe eines Blumenladens. Die Republik vertraut ihren Bürgern. Aber nicht zu sehr.

    Wer gegen diese Auflagen verstößt, riskiert ein Bußgeld von 300 Euro. Ein stolzer Preis für ein bisschen falsch verstandene Freiheit. Man könnte sagen: Die Revolution hat ihre Kinder gefressen – und anschließend reglementiert.

    Die Floristen – Opfer ihrer eigenen Existenz

    Während also jeder Amateur-Botaniker zum Straßenhändler werden darf, stehen die professionellen Floristen hinter ihren verschlossenen Türen. Denn der 1. Mai ist ein geschützter Feiertag. Arbeiten? Eigentlich verboten. Angestellte beschäftigen? Erst recht nicht.

    Hier wird es unerquicklich: Ausgerechnet jene, die vom Blumenverkauf leben, sollen an dem Tag pausieren, an dem das Geschäft floriert wie sonst nie im Jahr. Es ist, als würde man Bäckern Ostern und Weihnachten verbieten oder Winzern die Weinlese.

    Nun hat die Regierung reagiert – halbherzig, wie es sich für einen gut gepflegten politischen Kompromiss gehört. Ein Gesetzentwurf soll es Floristen und Bäckern erlauben, am 1. Mai zu arbeiten, freiwillig versteht sich, und mit doppelter Bezahlung. Das klingt großzügig, fast schon menschlich. Doch beschlossen ist das alles noch nicht. Die Rechtslage bleibt im Schwebezustand – ein juristisches Vielleicht, ein gesetzgeberisches „On verra“.

    Der Staat als Gärtner der Unklarheit

    Was bleibt, ist ein Zustand kontrollierter Unsicherheit. Die Behörden geben keine klaren Anweisungen, die Gesetze sind angekündigt, aber nicht verabschiedet. Und irgendwo zwischen Maiglöckchen und Ministerium wächst ein Gefühl, das man in Frankreich gut kennt: das Gefühl, dass alles irgendwie erlaubt ist – solange niemand genau hinschaut.

    „On va pouvoir travailler sereinement“, sagen die Floristen. Man wird also wohl arbeiten können. Ruhig. Gelassen. Vielleicht auch ein bisschen illegal, aber wer will das schon so genau wissen? Der Staat drückt ein Auge zu, vielleicht auch beide. Nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Verlegenheit.

    Denn was tun, wenn Tradition und Sozialgesetz sich gegenseitig in die Quere kommen? Wenn der Schutz des Arbeiters zur Bedrohung seiner Existenz wird? Wenn die Republik gleichzeitig fürsorglich und bevormundend sein will?

    Zwischen Symbolpolitik und Wirklichkeit

    Der 1. Mai ist in Frankreich mehr als ein Feiertag. Er ist ein Symbol. Für Arbeiterrechte. Für Solidarität. Für Geschichte. Und genau deshalb ist er so schwer zu reformieren. Jede Änderung wirkt wie ein Angriff auf die Vergangenheit, jede Ausnahme wie ein Verrat an der Idee.

    Doch die Wirklichkeit ist hartnäckig. Sie riecht nicht nach Maiglöckchen, sondern nach Umsatz, nach Miete, nach Löhnen. Und sie fragt nicht nach Symbolen, sondern nach Lösungen.

    Was Frankreich hier zeigt, ist ein klassisches Dilemma moderner Wohlfahrtsstaaten: Der Versuch, alles gleichzeitig zu bewahren – Tradition, Schutz, Freiheit – führt nicht zu Harmonie, sondern zu Widerspruch. Und dieser Widerspruch wird nicht gelöst, sondern verwaltet.

    Am Ende bleibt ein Bild: Ein Florist, der am 1. Mai seinen Laden öffnet, halb legal, halb geduldet, mit einem Strauß Maiglöckchen in der Hand und sich auf ein Gesetz berufend, das noch nicht existiert. Ein Sinnbild für eine Republik, die sich selbst im Weg steht – und dabei erstaunlich elegant wirkt.

    Ein Kommentar von P. Tiko

  • Das leise Verschwinden der schweren Dinge

    Das leise Verschwinden der schweren Dinge

    Es gibt Schließungen, die man zur Kenntnis nimmt – und solche, die nachhallen. Die Werkstatt von Louis-Charles Hugon in Bernay gehört zur zweiten Kategorie. Mit ihr endet nicht nur die Geschichte eines Familienbetriebs, sondern ein Kapitel französischer Alltagskultur, das über Generationen hinweg so selbstverständlich schien wie das Knarren eines alten Dielenbodens. Die normannische Schranktradition – das war nie bloß Möbelbau.Das war ein Versprechen. Massiv, aus Eiche, reich verziert, manchmal fast überladen – diese Schränke standen nicht einfach im Raum, sie dominierten ihn. Wer so ein Stück besaß, hatte nicht nur Stauraum, sondern ein Erbstück, oft schon beim Kauf. Ein Möbel für Jahrzehnte, nicht nur bis zum nächsten Umzug. Oder, um es mal ganz direkt zu sagen: Das Ding war fürs Leben gemacht. Und genau darin liegt wohl auch das Problem unserer Zeit. Denn während Hugons Werkstatt noch bis zuletzt an einem Modell festhielt, das fast aus der Zeit gefallen wirkt – produzieren, vor Ort …

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  • Eine Wurst mit Geschichte – Warum eine 150 Jahre alte Elsässer Metzgerei ums Überleben kämpft

    Eine Wurst mit Geschichte – Warum eine 150 Jahre alte Elsässer Metzgerei ums Überleben kämpft

    Manchmal erzählt ein Stück Wurst mehr über eine Region als jedes Geschichtsbuch. Im Elsass, zwischen Fachwerkhäusern, Weinbergen und alten Industrieorten, gehört gutes Essen zur kulturellen DNA. Und mitten in dieser Tradition steht eine Firma, deren Geschichte bis ins Jahr 1876 zurückreicht: die Charcuterie Maurer Tempé nahe Mulhouse. Seit fast anderthalb Jahrhunderten produziert das Unternehmen Wurstwaren, die in der Region fast schon zum Alltag gehören – bei Familienfesten, auf Dorffesten oder ganz schlicht beim Abendbrot. Doch nun steht ausgerechnet diese traditionsreiche Metzgerei am Rand eines wirtschaftlichen Abgrunds. Und das Paradoxe daran: Die Nachfrage nach ihren Produkten ist so groß wie lange nicht. Ein voller Auftragskalender – und trotzdem droht das Aus. Die Geschichte von Maurer Tempé beginnt im späten 19. Jahrhundert. Damals befand sich das Elsass mitten im industriellen Aufbruch, Fabriken entstanden, Städte wuchsen, und mit ihnen entwickelte sich auch eine lebendige ku…

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  • Zwei Jahrhunderte Duft und Wissen – Die Herboristerie du Père Blaize in Marseille

    Zwei Jahrhunderte Duft und Wissen – Die Herboristerie du Père Blaize in Marseille

    Manchmal genügt eine einzige Tür. Ein Schritt über die Schwelle in der Rue Méolan, nur wenige Meter vom alten Hafen entfernt, und die Zeit verliert ihr Tempo. Der Lärm der Stadt bleibt draußen, Mopeds knattern vorbei, Touristen schieben Selfiesticks in den Himmel – doch hier drinnen herrscht eine an…

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  • Der letzte Zeitungsausrufer von Paris – und ein Ritterschlag für die Erinnerung

    Der letzte Zeitungsausrufer von Paris – und ein Ritterschlag für die Erinnerung

    Er trägt Weiß. Immer. Wie ein wandelndes Ausrufezeichen bewegt er sich zwischen den Bistrostühlen von Saint-Germain-des-Prés, hebt den Arm, lächelt, ruft. „Le Monde!“ Ein Wort, ein Versprechen, ein Stück Papier gegen die digitale Flut. Ali Akbar, 73 Jahre alt, ist der letzte Zeitungsverkäufer „à la criée“ von Paris. Ende Januar erhält er eine Auszeichnung, die größer wirkt als der Mann selbst und doch genau zu ihm passt: den Rang eines Chevaliers im Ordre national du Mérite, verliehen von Emmanuel Macron. Fünf Jahrzehnte, genauer gesagt dreiundfünfzig Jahre, läuft Ali Akbar nun schon durch die Straßen dieses Viertels, das sich gern selbst beim Altern zusieht. Saint-Germain-des-Prés – ein Name wie ein Duft aus Kaffee, Tabak und alten Büchern. Hier ist Ali keine Randfigur, sondern eine Konstante. Einer, der dazugehört, ohne sich jemals aufzudrängen. Einer, den man nicht abonniert, sondern trifft. „Ça y est! Le Monde!“ ruft er, und wer ihn hört, weiß: Jetzt ist der Nachmittag offiziell er…

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