Schlagwort: Tourismus

  • Warum Nizzas Kieselsteine mehr sind als nur Strandgut

    Warum Nizzas Kieselsteine mehr sind als nur Strandgut

    Wer Mitte März über die Promenade des Anglais schlendert, reibt sich kurz die Augen. Lastwagen rollen an, Bagger greifen in graue Haufen, als würde hier ein Bauprojekt entstehen. Tatsächlich ist es eher eine Art jährliches Ritual – eines, das weniger mit Ästhetik zu tun hat als mit Notwendigkeit.

    Rund 6.000 Tonnen Kieselsteine landen in diesen Tagen wieder auf den Stränden von Nizza.

    Ein Schauspiel, das sich wiederholt, beinahe unaufgeregt, und doch eine stille Dringlichkeit in sich trägt.

    Denn die Baie des Anges, die sich im kollektiven Gedächtnis als Postkartenidylle festgesetzt hat, ist kein statisches Paradies. Sie ist ein fragiles System. Die schimmernde Oberfläche täuscht. Hinter der Kulisse aus Belle-Époque-Fassaden und azurblauem Wasser arbeitet die Natur unablässig – schiebt, zieht, trägt ab.

    Die Kieselsteine spielen dabei eine Rolle, die leicht unterschätzt wird.

    Sie sind Schutzschild.

    Anders als Sand, der von jeder kräftigen Welle fortgetragen wird, wirken die schweren Steine wie ein Dämpfer. Sie brechen die Energie der Brandung, stabilisieren die Küstenlinie und verhindern, dass das Meer sich weiter ins Hinterland frisst. Ohne sie würde die Promenade selbst zur Angriffsfläche werden.

    Das klingt technisch. Ist es auch.

    Und doch steckt darin eine Geschichte, die weit über Ingenieurskunst hinausgeht.

    Schon im 19. Jahrhundert griff die Stadt auf Materialien aus dem Fluss Var zurück, um ihre Küste zu sichern. Nizza hat sich nie einfach der Natur überlassen, sondern immer auch gestaltet, korrigiert, angepasst. Die heutige Praxis ist also keine moderne Erfindung, sondern die Fortsetzung einer langen Tradition.

    Nur: Die Bedingungen haben sich verändert.

    Stürme treten intensiver auf, das Meer zeigt sich ungeduldiger, weniger berechenbar. Was früher als gelegentliche Instandhaltung galt, wirkt heute wie eine Daueraufgabe. Die Küste verlangt Aufmerksamkeit – jedes Jahr aufs Neue.

    Und ja, seien wir ehrlich: Diese Kiesel sind nicht gerade bequem.

    Barfuß darüber laufen? Puh, macht keinen Spaß. Sie speichern Hitze, rollen unter den Füßen weg und verwandeln das entspannte Sonnenbaden in eine kleine Geduldsprobe. Wer feinen Sand erwartet, wird hier schnell eines Besseren belehrt.

    Aber genau darin liegt ein Paradox.

    Denn diese vermeintliche Unbequemlichkeit ist identitätsstiftend. Die Kiesel gehören zu Nizza wie die blauen Stühle entlang der Promenade. Sie sind kein Mangel, sondern ein Merkmal. Würde man sie durch Sand ersetzen, verlöre die Stadt nicht nur an Schutz, sondern auch an Charakter.

    Interessant ist zudem, wie wandelbar selbst dieses scheinbar stabile System bleibt. Nach starken Winterstürmen verschwinden die Kiesel mancherorts unter Sandschichten, nur um Wochen später wieder freigelegt zu werden. Die Küste atmet, verändert sich, widersetzt sich jeder endgültigen Form.

    Das hat etwas Beruhigendes – und zugleich etwas Beunruhigendes.

    Denn es zeigt, dass selbst die ikonischsten Landschaften Europas keine festen Größen sind. Sie sind Ergebnis ständiger Pflege, permanenter Eingriffe.

    Nizza liefert damit ein leises Lehrstück über die Gegenwart.

    Die Vorstellung von der ewigen, unberührten Riviera gehört der Vergangenheit an. Was bleibt, ist ein Zusammenspiel aus Natur, Technik und menschlichem Willen. Schönheit entsteht hier nicht nur durch das, was da ist – sondern auch durch das, was jedes Jahr neu hinzugefügt wird.

    Die Kiesel kehren zurück.

    Und mit ihnen die Erkenntnis, dass selbst das Offensichtliche oft das Ergebnis unsichtbarer Arbeit ist.

    Von C. Hatty

  • Wenn das Meer näher rückt: Wie Biarritz und Saint-Jean-de-Luz gegen die Erosion kämpfen

    Wenn das Meer näher rückt: Wie Biarritz und Saint-Jean-de-Luz gegen die Erosion kämpfen

    Die Atlantikküste im Südwesten Frankreichs galt lange als Inbegriff von Weite, Eleganz und sommerlicher Unbeschwertheit. Doch zwischen Brandung und Promenade verschiebt sich die Realität. Das Meer rückt vor – langsam, aber unaufhaltsam. An der baskischen Küste schreitet die Erosion spürbar voran. Felsen und Sedimente, die Klippen und Strände formen, verlieren Jahr für Jahr mehrere Dutzend Zentimeter. Wellen, Wind und der steigende Meeresspiegel greifen ineinander wie Zahnräder eines mächtigen Uhrwerks. In manchen felsigen Abschnitten der aquitanischen Küste könnte das Ufer bis zur Mitte des Jahrhunderts um bis zu 27 Meter zurückweichen. Das klingt abstrakt. Doch wer einmal erlebt hat, wie nach einem Wintersturm ein vertrauter Strand plötzlich schmaler wirkt, versteht die Dimension. Es geht längst nicht nur um Geologie. Mehr als ein Viertel der Küstenabschnitte in Nouvelle-Aquitaine gilt bereits als gefährdet. Hunderttausende Menschen leben in unmittelbarer Nähe potenzieller Überschwemm…

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  • Wenn der Berg ins Rutschen gerät: Wie Felsstürze und Lawinen derzeit die Alpenstraßen bedrohen

    Wenn der Berg ins Rutschen gerät: Wie Felsstürze und Lawinen derzeit die Alpenstraßen bedrohen

    Es beginnt oft mit einem dumpfen Grollen. Ein Geräusch, das sich erst nicht einordnen lässt, dann aber in Sekundenbruchteilen Klarheit schafft: Der Hang oberhalb der Straße ist in Bewegung geraten. Felsbrocken lösen sich, prallen auf Asphalt, Staub wirbelt auf. Oder es ist der Winter, die Schneedecke bricht wie eine gespannte Haut, eine weiße Wand schiebt sich talwärts. Was für Außenstehende spektakulär wirkt, bedeutet für viele Menschen in den französischen Alpen eine handfeste Bedrohung ihres Alltags. Die Alpen sind keine starre Kulisse. Sie leben, arbeiten, verändern sich. Frost sprengt Gestein, Regen unterspült Hänge, Temperaturschwankungen destabilisieren Felsflanken. Besonders heikel sind die Übergangsjahreszeiten, wenn Tauwetter und Nachtfrost im Wechsel auftreten. Dann verliert das Gestein seinen inneren Halt. Im Hochgebirge wirkt zusätzlich das Tauen des Permafrosts wie ein schleichender Sprengsatz. Über Jahrtausende fungierte er als natürlicher Kitt. Schwindet er, geraten gan…

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  • Wenn die Berge das letzte Wort behalten – Lawine schneidet Weiler in der Savoie von der Außenwelt ab

    Wenn die Berge das letzte Wort behalten – Lawine schneidet Weiler in der Savoie von der Außenwelt ab

    Manchmal genügt ein einziger Moment, um die Illusion menschlicher Kontrolle zum Einsturz zu bringen.

    In der Savoie hat eine Lawine jüngst einen kleinen hochgelegenen Weiler von der Außenwelt abgeschnitten. Die einzige Zufahrtsstraße verschwand unter einer gewaltigen Schneemasse – und mit ihr für Stunden, vielleicht Tage, die fragile Verbindung zwischen alpinem Alltag und dem Rest der Republik.

    Verletzt wurde niemand.

    Doch das Ereignis fügt sich in einen Winter, der von üppigen Schneefällen und unsteten Wetterlagen geprägt ist. In den französischen Alpen gehört Schnee zur Identität wie der Klang der Kuhglocken im Sommer. Er nährt den Tourismus, sichert Arbeitsplätze, prägt Landschaft und Lebensgefühl. Gleichzeitig bleibt er ein unberechenbares Element, das innerhalb von Sekunden aus Idylle Ernst machen kann.

    Die Lawine löste sich oberhalb des Weilers, an einem steilen Hang, wie ihn die Region zuhauf kennt. Binnen Augenblicken setzte sich die Schneemasse in Bewegung, beschleunigte talwärts und türmte sich schließlich auf der schmalen Straße auf, die als einzige Verbindung ins Tal dient. Kein Fahrzeug geriet in die Schneefront – ein glücklicher Zufall. Wäre der Abgang nur Minuten früher erfolgt, hätte das anders ausgehen können.

    In solchen Bergdörfern existieren keine Ausweichrouten.

    Wird die Straße blockiert, steht eine Gemeinschaft still. Die Bewohner reagierten dennoch erstaunlich gefasst. „Das gehört hier dazu“, sagt ein Anwohner mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit, die Außenstehenden fast stoisch erscheinen mag. Doch Resignation ist das nicht. Es ist Erfahrung. Wer hier lebt, weiß, dass die Natur keine Kulisse bildet, sondern Akteur ist.

    Die Einsatzkräfte rückten rasch an. Räumdienste, Spezialisten für Naturgefahren, lokale Behörden – ein eingespieltes Zusammenspiel. Bevor Bagger anrücken, prüfen Fachleute die Stabilität des Hangs. Eine zweite Lawine während der Arbeiten wäre ein unkalkulierbares Risiko. Zwischen Eile und Vorsicht verläuft in den Alpen eine feine Linie.

    Die Dorfbewohner blieben indes nicht auf sich allein gestellt. In solchen Höhenlagen gehören Vorräte zum Alltag, Nachbarschaftshilfe ebenfalls. Solidarität entsteht hier nicht aus wohlklingenden Leitbildern, sondern aus Notwendigkeit. Man kennt sich, man hilft sich – fertig.

    Gleichzeitig stellen Fachleute eine Veränderung fest. Lawinen existieren seit Jahrhunderten, doch ihre Dynamik wirkt zunehmend schwerer berechenbar. Rasche Wechsel zwischen Tauwetter und Frost destabilisieren die Schneedecke, intensive Niederschläge verstärken das Risiko. Der Klimawandel verkürzt zwar vielerorts die Schneesaison, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit extremer Ereignisse. Das klingt paradox, ist jedoch meteorologisch plausibel.

    Für Prognosen bedeutet das: mehr Unsicherheit.

    Warum also in solchen Lagen wohnen? Die Frage stellt sich regelmäßig – meist aus sicherer Distanz. Für die Bewohner jedoch ist der Berg kein romantisches Panorama, sondern Lebensraum. Familiengeschichten reichen hier oft über Generationen zurück. Der Alltag mag anspruchsvoller sein, aber er besitzt eine Intensität, die man anderswo vergeblich sucht.

    „Hier oben sind wir nicht die Stärksten“, formuliert ein Kommunalvertreter nüchtern. „Wir passen uns an.“ Dieser Satz beschreibt die alpine Mentalität präziser als jede soziologische Studie.

    Der Vorfall wirft zudem ein Schlaglicht auf die Verletzlichkeit der Infrastruktur. Straßen, Stromleitungen, Kommunikationsnetze – all das lässt sich binnen Minuten unterbrechen. Kommunen investieren seit Jahren in Schutzbauten, Lawinengalerien, Überwachungssysteme. Absolute Sicherheit existiert dennoch nicht. Und jeder zusätzliche Schutz kostet Geld, das andernorts fehlt.

    Dabei lebt die Region vom Winter.

    Skigebiete ziehen jährlich Millionen Besucher an. Die gleiche Schneedecke, die Freude bereitet, birgt Gefahr. Für Touristen bleiben Lawinen Ausnahmen, spektakuläre Nachrichtenbilder. Für Einheimische gehören sie zur wiederkehrenden Realität. Dieser Unterschied in der Wahrnehmung verrät viel über das moderne Verhältnis zur Natur – konsumiert als Erlebnisraum, unterschätzt als Kraft.

    Während die Räumfahrzeuge arbeiten, läuft das Leben im Weiler weiter. Man wartet, organisiert sich, hält Kontakt zur Außenwelt. Die Isolation bleibt relativ, doch spürbar genug, um an die Zerbrechlichkeit gewohnter Abläufe zu erinnern.

    Sobald die Straße wieder frei ist, rückt das Ereignis vermutlich in die Kategorie „Weißt du noch damals?“ Ein Dorfgespräch, mehr nicht. Und doch bleibt etwas haften: die stille Gewissheit, dass Normalität im Hochgebirge stets unter Vorbehalt steht.

    Am Ende behält der Berg das letzte Wort.

    Er folgt eigenen Regeln, indifferent gegenüber menschlichen Zeitplänen. Gerade darin liegt seine Faszination – und seine Mahnung.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Louvre: Wie ein raffiniertes Betrugssystem dem berühmtesten Museum der Welt Millionen kostete

    Louvre: Wie ein raffiniertes Betrugssystem dem berühmtesten Museum der Welt Millionen kostete

    Der Louvre gilt als Herz der französischen Kultur, als Pilgerstätte für Kunstliebhaber aus allen Kontinenten. Wer durch die Glaspyramide tritt, erwartet Leonardo, Delacroix, antike Statuen – und Ordnung. Doch hinter den Kulissen lief über Jahre ein System, das weniger mit Kunst als mit krimineller Energie zu tun hatte. Neun Festnahmen, ein mutmaßlicher Schaden von mehr als zehn Millionen Euro, beschlagnahmte Bargeldsummen in Millionenhöhe: Die Affäre erschüttert das Pariser Museum in seinem Innersten. Was wie ein gewöhnlicher Fall von Schwarzmarkt-Tickets klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ausgeklügeltes Geflecht aus Täuschung, interner Komplizenschaft und erstaunlicher Dreistigkeit. Ermittler sprechen von einer Struktur, die fast ein Jahrzehnt lang funktionierte. Keine spontane Masche, sondern ein präzise abgestimmtes Geschäftsmodell. Im Zentrum standen offenbar bestimmte Fremdenführer, die Gruppen im Dutzend durch das Museum schleusten. Offiziell gebuchte Tickets dient…

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  • Masern in den Bergen – warum Val Thorens mitten in der Skisaison genauer hinschaut

    Masern in den Bergen – warum Val Thorens mitten in der Skisaison genauer hinschaut

    Die Sonne glitzert auf den Hängen, Skier klacken auf den Terrassen, Glühwein dampft in der kalten Luft. Val Thorens, Frankreichs höchstgelegene Skistation, steht im Februar unter Hochspannung – touristisch wie gesundheitlich. Denn während die Wintersportsaison auf Hochtouren läuft, sorgt ein anderes Thema für Aufmerksamkeit: mehrere bestätigte Masernfälle bei jungen Erwachsenen, die sich Mitte Januar in der Station aufgehalten haben. Ein leiser Alarmton, kein Sirenengeheul, aber deutlich genug, um hinzuhören. Seit der zweiten Januarhälfte beobachtet die Agence régionale de santé Auvergne-Rhône-Alpes eine aktive Zirkulation des Masernvirus in Val Thorens, gelegen im Département Savoie. Mindestens drei Infektionen gelten als bestätigt, eine davon führte zu einem Krankenhausaufenthalt. Weitere Verdachtsfälle werden geprüft. Alle Betroffenen hielten sich während ihrer ansteckenden Phase in der Station auf. Das ist der entscheidende Punkt. Kein importierter Einzelfall, sondern ein Virus, da…

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  • Feuer im Herzen von Courchevel – Luxus, Leichtbau und die verletzliche Seite der Alpen

    Feuer im Herzen von Courchevel – Luxus, Leichtbau und die verletzliche Seite der Alpen

    Am frühen Dienstagabend, kurz vor 19 Uhr, bricht in einem der prominentesten Hotels der französischen Alpen ein Feuer aus. Im Dachbereich des Hôtel des Grandes Alpes in Courchevel 1850 greifen die Flammen rasch um sich. Holz, komplexe Dachkonstruktionen, verschachtelte Gebäudeteile – alles Zutaten, die in alpinen Wintersportorten Tradition haben und im Ernstfall zur Herausforderung werden. Was als Brandmeldung beginnt, entwickelt sich binnen Minuten zu einem Großeinsatz, der bis in den Mittwochmorgen hinein andauert. Die Evakuierung setzt früh ein. Gäste, Mitarbeitende, Anwohner – Menschen in Skischuhen, Hausschuhen, mit Wintermänteln über dem Pyjama. Zunächst ist von rund hundert Personen die Rede, doch die Lage verändert sich schnell. Als sich das Feuer auf eine benachbarte Residenz auszuweiten droht und vorsorglich auch das Hotel Le Lana geräumt wird, steigt die Zahl der Betroffenen deutlich. Am Ende dieser ersten Nacht sind es etwa 270 Menschen, die ihre Unterkünfte verlassen müsse…

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  • Der Fels, der nicht fallen darf – wie der Mont-Saint-Michel sich gegen die Zeit stemmt

    Der Fels, der nicht fallen darf – wie der Mont-Saint-Michel sich gegen die Zeit stemmt

    Der erste Ton des Tages ist kein Glockenschlag. Es ist das tiefe, vibrierende Brummen eines Hubschraubers, der sich im Morgengrauen dem Felsen nähert. Hoch über dem Wattenmeer, dort, wo Himmel, Stein und Geschichte ineinander übergehen, beginnt ein neues Kapitel für den Mont-Saint-Michel. Ein Kapite…

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  • Wenn Geschichte Fahrt aufnimmt – Besucherrekord im Automobilmuseum von Mülhausen

    Wenn Geschichte Fahrt aufnimmt – Besucherrekord im Automobilmuseum von Mülhausen

    Manchmal reicht eine Zahl, um eine ganze Epoche zu umreißen. 278.450 Besucherinnen und Besucher im Jahr 2025 – so viele Menschen haben das Musée National de l’Automobile in Mülhausen gesehen wie seit den 1980er-Jahren nicht mehr. Vier Jahrzehnte liegen zwischen dem damaligen Höhepunkt und diesem neuen Rekord. Vier Jahrzehnte, in denen sich das Museum verändert, neu ausgerichtet und seinen Platz im kulturellen Koordinatensystem Europas gefestigt hat. Heute steht fest: Diese Institution fährt nicht im Windschatten der Geschichte, sie gestaltet sie aktiv mit.

    Das Automobilmuseum im elsässischen Mülhausen gilt seit Langem als eine der wichtigsten Adressen für automobilen Kulturerhalt. Mit seiner schieren Größe, seiner Dichte an Exponaten und der Aura einer Sammlung, die aus einer fast manischen Leidenschaft heraus entstand, besitzt es einen Charakter, der sich nicht kopieren lässt. Dass nun ein Besucherrekord vermeldet wird, wirkt deshalb weniger überraschend als folgerichtig. Wer genau hinsieht, erkennt dahinter eine konsequente Strategie, die das Museum aus dem reinen Bewahrungsmodus herausgeführt hat.

    Mülhausen selbst, eingebettet in die Industrielandschaft des Südelsass, ist kein klassisches Touristenzentrum. Gerade darin liegt eine stille Stärke. Das Museum fungiert als kultureller Magnet weit über die Stadtgrenzen hinaus und hat sich als zentraler Anziehungspunkt der Region Grand Est etabliert. Schulklassen aus Straßburg treffen auf Sammler aus Übersee, Familien aus dem Dreiländereck auf Technikbegeisterte aus Japan. Man kommt wegen der Autos – und bleibt wegen der Geschichten.

    Das Jahr 2025 markierte dabei einen Wendepunkt. Das Programm war nicht nur umfangreich, sondern präzise auf unterschiedliche Publikumsgruppen zugeschnitten. Vermittlung stand nicht länger im Schatten der Sammlung, sie wurde zu ihrem gleichwertigen Partner. Neue Formate, thematische Rundgänge und ein spürbar geschärfter Blick für Besucherbedürfnisse verliehen dem Haus eine neue Offenheit. Das Museum erklärte weniger – es erzählte mehr. Und es hörte zu.

    Ein besonderer Publikumsmagnet war die Ausstellung „Mit Tim und Struppi unterwegs“. Sie verband zwei Welten, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten: die klare, gezeichnete Linie der Comics und das schwere, glänzende Material historischer Automobile. Im Zentrum stand das Universum von Tim und Struppi, erschaffen von Hergé, dessen Geschichten Generationen geprägt haben. Die Fahrzeuge, die in den Abenteuern des berühmten Reporters auftauchen, wurden nicht als bloße Requisiten präsentiert, sondern als erzählerische Motoren.

    Plötzlich wurde sichtbar, welche Rolle Autos als Symbole von Freiheit, Macht oder Bedrohung spielen können. Historische Authentizität traf auf erzählerische Fantasie, Technikgeschichte auf Popkultur. Besucherinnen und Besucher zwischen sieben und siebenundsiebzig – und, ja, auch darüber hinaus – ließen sich darauf ein. Man hörte Sätze wie: „Den hatte ich ganz vergessen“ oder schlicht: „Krass, wie modern das wirkt.“ Solche Momente lassen sich nicht planen, aber man kann ihnen den Raum geben.

    Doch der Erfolg des Jahres 2025 ruhte nicht auf einer einzigen Ausstellung. Er speiste sich aus der Gesamtheit des Angebots. Der unvergleichliche Reichtum der Schlumpf-Sammlung, die mehr als 500 Fahrzeuge umfasst, bleibt das Herzstück des Museums. Die Geschichte der Brüder Fritz und Hans Schlumpf, deren Sammelleidenschaft ebenso bewundert wie kritisch betrachtet wurde, verleiht der Sammlung bis heute eine besondere Spannung. Hier geht es nicht nur um Technik, sondern um Obsession, Vision und den schmalen Grat zwischen Genie und Maßlosigkeit.

    Hinzu kamen Verbesserungen, die auf den ersten Blick unspektakulär wirken, im Erleben jedoch entscheidend sind. Der Empfang wurde neu gedacht, Besucherführung klarer strukturiert, Vermittlungsangebote stärker personalisiert. Das Museum wurde zugänglicher, ohne banal zu werden. Regionales Publikum fühlte sich stärker angesprochen, internationales Publikum besser abgeholt. Kurz gesagt: Das Haus öffnete sich, ohne sich zu verlieren.

    Bruno Fuchs, Präsident des Museums, fand für diesen Moment klare Worte. Der Besucherrekord, so betonte er, sei ein starkes Signal – für das Museum, für Mülhausen und für die gesamte Region. Er zeige die tiefe Verbundenheit des Publikums mit diesem außergewöhnlichen Erbe und unterstreiche zugleich die kulturelle, wirtschaftliche und touristische Dynamik des Standorts. In seinen Worten schwang etwas mit, das man selten in offiziellen Stellungnahmen hört: Stolz, aber kein Selbstzufriedenheitsgefühl.

    Der Blick richtet sich bereits nach vorn. Ab April 2026 plant das Museum eine international ausgerichtete Sonderausstellung zur Formel 1. Kaum ein anderes Thema vereint technische Höchstleistung, industrielle Exzellenz, Design, Sport und Popkultur so dicht wie diese Königsklasse des Motorsports. Die Erwartungen sind hoch, die Latte liegt nach dem Rekordjahr entsprechend oben. Doch wer die Entwicklung des Museums verfolgt hat, weiß: Hier wird nicht auf Effekte gesetzt, sondern auf Substanz.

    Das Automobilmuseum MNA Mülhausen bleibt damit ein Ort, an dem Vergangenheit und Zukunft in einem besonderen Dialog stehen. Es bewahrt nicht nur Fahrzeuge, sondern Deutungen. Es zeigt, wie Technik Gesellschaft formt – und wie Gesellschaft Technik erzählt. Der Rekord von 2025 ist kein Schlusspunkt, sondern ein Zwischenruf. Einer, der sagt: Geschichte kann begeistern, wenn man sie ernst nimmt. Und wenn man ihr zutraut, auch heute noch Fahrt aufzunehmen.

    Von C. Hatty

  • Streik im Louvre: Kultur am Limit

    Streik im Louvre: Kultur am Limit

    Der Louvre, das meistbesuchte Museum der Welt, bleibt erneut geschlossen – nicht wegen eines Alarms, sondern wegen eines Warnsignals aus den eigenen Reihen. Am Montag, dem 12. Januar 2026, versammelten sich mehrere hundert Mitarbeitende in einer Generalversammlung und stimmten für die Wiederaufnahme…

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