Schlagwort: Soziale Gerechtigkeit

  • Mindestlohn 2026 – Mehr Respekt, bitte – auch ein Minimum muss würdevoll sein

    Mindestlohn 2026 – Mehr Respekt, bitte – auch ein Minimum muss würdevoll sein

    Ach, Frankreich. Land der Menschenrechte, der égalité, der Revolutionen – und der unbeweglichen Lohnpolitik.

    Da sitzen also Jahr für Jahr hochdotierte „Experten“ zusammen, um über das Schicksal jener zu beraten, die sich jeden Morgen aufraffen und abrackern, damit der Laden überhaupt läuft – und kommen 2025 erneut zu dem Schluss: Ein „coup de pouce“? Oh là là, non, merci.

    Nicht mal ein klitzekleiner Schubs für den Mindestlohn. Kein Funken Solidarität mit Kassiererin Claire, Altenpfleger Marc oder Paketzustellerin Aïcha. Aber – oho – ein Plus von 1,4 Prozent. Klingt fein, nicht wahr? Bis man merkt: Das sind um die zwanzig Euro. Im Monat. Für Menschen, die jeden Cent umdrehen müssen wie ein Baguette von vorgestern.

    Natürlich, man hat gute Gründe. Die Wirtschaft sei zu fragil, der Arbeitsmarkt zu empfindlich, der Mindestlohn bereits „hoch im europäischen Vergleich“. Ja, ja – die alte Leier, stets neu aufgelegt.

    Und dann kommt sie wieder, diese scheinheilige Sorge: Eine zu starke Erhöhung könnte ja die Lohnabstände „komprimieren“. Als würde ein zu geringer Abstand zwischen Mindestlohn und dem Gehalt der Teamleitung plötzlich das Abendland erschüttern. Vielleicht ist das eigentliche Problem ja nicht der SMIC – sondern, dass da insgesamt zu wenig passiert?

    Aber gut, lassen wir das mal sacken.

    Denn was wirklich schwer im Magen liegt, ist diese zynische Logik: Wer wenig verdient, soll auf steigende Preise mit Demut reagieren – nicht mit einem Plus auf dem Gehaltszettel. Die Armut soll brav warten, bis die Konjunktur sich beruhigt hat. Irgendwann. Vielleicht. Oder auch nie.

    Und das im Jahr 2025, wo der Strompreis immer höher wird, Butter zum Luxusgut geworden ist und die Inflation weiter an den Nerven zerrt. Wo Familien mit vollem Kühlschrank zur Ausnahme werden, während das Managergehalt der CAC-40-Unternehmen alle Schallmauern längst durchbrochen hat.

    Aber Hauptsache, man bewahrt die „Wettbewerbsfähigkeit“ – das Mantra derer, die nie den Einkaufszettel gegenrechnen müssen.

    Es geht hier nicht nur um Zahlen. Es geht um Anstand. Um Würde. Um die stille Zumutung, mit der man Millionen Menschen Jahr für Jahr abspeist. Die arbeiten, schuften, verzichten – und hören, dass mehr einfach nicht drin sei. Nicht jetzt. Nicht so. Nicht schon wieder.

    Vielleicht ist ein bisschen Sarkasmus sogar zu freundlich für diese Farce.

    Denn was ist das eigentlich für ein Menschenbild? Dass der Tellerwäscher still sein soll, während der Bankdirektor über riesige Boni diskutiert? Dass ein bisschen Luft am Monatsende zur Luxusforderung verkommt? Dass man dem Sozialstaat vorwirft, wenn er stützt – aber sich wegduckt, wenn der Lohn allein nicht mehr trägt?

    Was wir brauchen, ist kein „coup de pouce“. Sondern ein Schritt in die richtige Richtung.

    Mehr als zwanzig Euro. Mehr als ein symbolisches Schulterzucken. Mehr als dieses wiederkehrende Schauspiel, bei dem die Armen applaudieren sollen, wenn sie wieder leer ausgehen.

    Frankreich verdient mehr. Vor allem jene, die es täglich zusammenhalten.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Ultra-Fast-Fashion: Der Turbo-Modus der Modeindustrie gerät ins Wanken

    Ultra-Fast-Fashion: Der Turbo-Modus der Modeindustrie gerät ins Wanken

    Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Modebranche an ihre eigenen Grenzen stößt. Die Ultra-Fast-Fashion – noch schneller, noch billiger, noch kurzlebiger als die ohnehin schon umstrittene Fast-Fashion – hat in wenigen Jahren den Markt überrollt. Doch jetzt formiert sich der Widerstand. Nicht nur in Frankreich, sondern weltweit.

    10.000 neue Kleidungsstücke – pro Tag. Das ist keine Übertreibung, sondern die Realität bei Plattformen wie Shein oder Temu. Während traditionelle Modemarken mit wenigen Kollektionen pro Saison arbeiten, speisen Ultra-Fast-Fashion-Anbieter täglich eine Flut an neuen Artikeln ins Netz – algorithmisch getrieben, massenhaft produziert, zum Schleuderpreis verkauft.

    Ein System, das auf Geschwindigkeit, Volumen und Wegwerfmentalität beruht – mit fatalen Folgen.

    Billig, schnell, kaputt

    Oxfam France hat es auf den Punkt gebracht: Ultra-Fast-Fashion ist nicht einfach eine beschleunigte Mode – sie ist ein eigenes Geschäftsmodell, das auf permanente Erneuerung, künstlich erzeugte Trends und gezielte Impulskäufe setzt. Die Qualität? Laut Tests ist bei fünf von sechs Kleidungsstücken nach zehn Wäschen Schluss.

    Die Umweltauswirkungen sind massiv: synthetische Materialien, die nicht recycelbar sind, tonnenweise CO₂ durch lange Transportwege, Mikroplastik in den Meeren. Und das ist nur die ökologische Seite.

    Wer zahlt den Preis?

    Die eigentlichen Kosten trägt nicht der Konsument, sondern die Arbeiterinnen in den Textilfabriken. In vielen Fällen ohne Vertrag, mit Hungerlöhnen und Arbeitszeiten jenseits der 70-Stunden-Woche. Der Druck, in kürzester Zeit riesige Mengen zu produzieren, geht auf ihre Gesundheit – und ihre Rechte.

    Gleichzeitig geraten klassische Modehäuser unter Druck. Französische Hersteller sprechen offen von „unlauterem Wettbewerb“. Auch die Secondhand-Branche leidet: Die Spenden nehmen ab, die Qualität der abgegebenen Kleidung sinkt.

    Frankreich setzt ein Zeichen

    Doch jetzt kommt Bewegung in die Sache. Frankreich geht voran – mit einem Gesetz, das dem Wildwuchs der Ultra-Fast-Fashion Einhalt gebieten soll. Der Senat hat im Juni 2025 einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der drastische Sanktionen für nicht-konforme Ware vorsieht: bis zu 10 Euro pro Kleidungsstück, bei besonders problematischen Produkten sogar 50 Prozent des Verkaufspreises.

    Ein deutliches Signal – nicht nur an Shein & Co., sondern auch an die Konsumenten.

    Der Widerstand wächst

    Neben der Politik engagieren sich auch zahlreiche Organisationen. Zero Waste France etwa organisiert Protestaktionen zur Eröffnung neuer Filialen, verteilt Informationsmaterial und wirbt für bewussten Konsum. Ihr Credo: weniger kaufen, länger tragen, mehr reparieren.

    Statt Wegwerfmode propagieren sie die Idee der „Slow Fashion“ – also Mode, die mit Bedacht und Qualität statt mit Trends und Tempo punktet.

    Die Hürden auf dem Weg zur Veränderung

    So klar die Forderungen, so komplex die Realität. Denn zwei zentrale Probleme bleiben:

    Erstens: soziale Gerechtigkeit. Für viele Menschen mit kleinem Einkommen ist günstige Kleidung nicht Ausdruck von Konsumlust, sondern schlicht notwendig. Sie zu stigmatisieren, wäre unfair – es braucht also Lösungen, die nachhaltig UND sozial verträglich sind.

    Zweitens: Globalisierung. Solange Plattformen aus dem Ausland über Onlinehandel operieren und billig produzieren lassen, greifen nationale Regelungen nur begrenzt. Es braucht eine internationale Antwort – abgestimmt, durchsetzbar und langfristig.

    Was tun?

    Was also tun als Konsumentin, als Bürger, als Gesellschaft?

    Zunächst: Nicht den perfekten Konsumstil suchen – sondern den besseren. Nicht radikal alles ändern, sondern Schritt für Schritt bewusster entscheiden. Wer Kleidung länger trägt, kauft automatisch weniger. Wer Secondhand kauft oder lokal produziert, unterstützt Alternativen. Und wer sich informiert, bleibt nicht Opfer des Systems, sondern wird Teil der Lösung.

    Denn im Kern geht es hier nicht nur um Mode. Es geht um unser Verhältnis zu Dingen – und zu den Menschen, die sie herstellen. Die Ultra-Fast-Fashion zeigt, wie sehr unser Konsumverhalten außer Kontrolle geraten ist. Aber sie zeigt auch, wie groß das Potenzial für Veränderung ist.

    Eine Frage bleibt am Ende offen: Sind wir bereit, das Tempo rauszunehmen?

    Autor: Andreas M. Brucker

  • New Yorker wählen ihren nächsten Bürgermeister

    New Yorker wählen ihren nächsten Bürgermeister

    Die Stadt, die der Welt einst Donald Trump bescherte, steht offenbar kurz davor, einen demokratischen Sozialisten und politischen Newcomer zu ihrem nächsten Bürgermeister zu wählen: Zohran Mamdani. Er wäre der erste Muslim und zugleich der erste Vertreter der Millennials, der New York anführt.

    Der 34-Jährige, der im Wahlkampf offen über seinen Glauben, seine indisch-ugandischen Wurzeln und sein pro-palästinensisches Engagement gesprochen hat, liegt deutlich in Führung. In den Umfragen führt er zweistellig vor Andrew Cuomo – dem ehemaligen Gouverneur des Bundesstaates New York, der nun als Unabhängiger antritt, nachdem Mamdani ihn in der demokratischen Vorwahl klar besiegt hatte – sowie vor dem republikanischen Kandidaten Curtis Sliwa.

    Mamdani hat die soziale Frage ins Zentrum seines Wahlkampfs gestellt: Er will den Busverkehr in der Stadt kostenlos machen und eine flächendeckende Kinderbetreuung einführen. Kritiker werfen ihm mangelnde Regierungserfahrung vor. US-Präsident Trump, der Mamdani als „kleinen Kommunisten“ bezeichnete, sprach am Montag seine Unterstützung für Cuomo aus und drohte, im Falle eines Wahlsiegs Mamdanis Bundesmittel für New York auf das gesetzlich vorgeschriebene Minimum zu kürzen.

    Weitere Meldungen

    Trump und ein Mitglied seines Kabinetts senden widersprüchliche Signale über die geplanten Tests von US-Atomwaffen.
    – Nach der Einführung hoher Zölle auf chinesische Waren durch Trump kaufen US-Importeure deutlich weniger in China – der Rest der Welt gleicht den Rückgang jedoch aus.
    Berater aus Trumps Präsidentschaftskampagnen erhielten laut einem Finanzbericht über 1,6 Millionen Dollar von einer albanischen Partei für strategische Beratung.
    – Ein mittelalterlicher Turm in Rom ist teilweise eingestürzt. Ein Arbeiter wurde nach einem 11-stündigen Rettungseinsatz geborgen, verstarb jedoch kurz darauf.
    – Die Niederlande geben ein antikes Artefakt an Ägypten zurück. Es war während des Arabischen Frühlings geplündert worden.
    – Eine Lawine traf ein Himalaya-Camp in Nepal – mindestens sieben Bergsteiger kamen ums Leben, vier weitere gelten als vermisst.
    – Bei einem Besuch in Vietnam sagte US-Verteidigungsminister Pete Hegseth 130 Millionen Dollar zur Beseitigung von Altlasten aus dem Einsatz amerikanischer Herbizide zu.
    OpenAI hat vereinbart, Cloud-Dienste im Wert von 38 Milliarden Dollar bei Amazon zu beziehen.
    Starbucks verkauft 60 Prozent seines Chinageschäfts – der Deal hat ein Volumen von vier Milliarden Dollar.
    – Die Tesla-Aktionäre stimmen diese Woche darüber ab, ob Elon Musk ein Aktienpaket im Wert von fast einer Billion Dollar zugesprochen wird.

  • Kommentar: Ein Aufbruch jenseits des Atlantiks – und ein Spiegel für Europa

    Kommentar: Ein Aufbruch jenseits des Atlantiks – und ein Spiegel für Europa

    Wenn in New York ein junger Sozialist, Sohn ugandischer und indischer Eltern, die demokratische Bürgermeistervorwahl in New York gewinnt, sollten in Europa nicht nur Schlagzeilen aufflackern – sondern auch Fragen. Was passiert da gerade in den USA? Und warum trifft dieser Moment einen Nerv, der auch uns betrifft?

    Zohran Mamdani ist kein Bürgermeister, noch nicht. Aber er ist jetzt schon ein politisches Symbol. Für eine Generation, die genug hat – von technokratischer Politik, von leeren Versprechungen, von einem vermeintlichen Realismus, der Ungleichheit, Ausgrenzung und sozialen Zerfall als unvermeidlich darstellt. In Frankreich und Deutschland erleben wir denselben Prozess – nur unter anderen Vorzeichen.

    In Frankreich ist der Front National – pardon, Rassemblement National – zur stärksten Kraft im Land aufgestiegen. In Deutschland surft die AfD auf der Welle des autoritären Kulturkampfs. Beide Länder sind tief erschüttert von einer rechten Dynamik, die einst als temporär galt, jetzt aber zur strukturellen Herausforderung geworden ist. Und was tun die etablierten Parteien? Sie debattieren, beschwichtigen, verlagern das Zentrum nach rechts – in der Hoffnung, die Ränder einzufangen. Ein politisches Spiel, das sie nicht gewinnen können.

    Was Mamdani aus New York mitbringt, ist keine perfekte Antwort – aber ein radikal anderes Framing: Die Antwort auf den Populismus von rechts ist nicht Abgrenzung nach links, sondern ein politischer Angriff von unten. Nicht leere Appelle an die Mitte, sondern handfeste Angebote für die, die diese Mitte längst verlassen mussten.

    Kostenlose Kinderbetreuung? In Berlin diskutiert man noch über Modellprojekte.
    Mietenstopp? In Paris wurde der letzte Versuch von der Immobilienlobby zerpflückt.
    Kostenloser Nahverkehr? In Leipzig erprobt, in Deutschland aber sofort als „unrealistisch“ abgestempelt.

    Warum ist das in New York plötzlich vorstellbar – und bei uns nicht?

    Weil jemand den Mut hatte, es nicht nur zu fordern, sondern als zentrales politisches Versprechen zu vertreten. Weil jemand sich der Realität einer urbanen Bevölkerung stellt, die multiethnisch, prekär, aber voller Hoffnung ist. Und weil dieser jemand nicht bei der Identitätspolitik stehenbleibt, sondern sie in ein umfassendes Projekt der sozialen Transformation einbettet.

    In Frankreich und Deutschland klagt man über Misstrauen in die Politik. Über eine „entfremdete Jugend“. Über ein Gefühl der Ohnmacht. Mamdani zeigt: Man kann das ändern. Nicht mit Phrasen – sondern mit Programmen. Nicht mit Angst vor Polarisierung – sondern mit klaren Konturen. Seine Kandidatur beweist, dass eine andere Linke möglich ist: pragmatisch, sozial – aber nicht elitär. Nahbar, kämpferisch, konkret.

    Wird er damit erfolgreich sein? Das ist offen. Aber er stellt Fragen, die auch uns betreffen: Warum überlassen wir den Rechten das Terrain der Emotionalität? Warum fürchten wir uns vor klarer Sprache, wenn es um Ungerechtigkeit geht? Und: Warum glauben wir, dass sozialer Fortschritt im 21. Jahrhundert ein Luxusprojekt ist?

    Die politische Mitte Europas wird sich entscheiden müssen. Will sie sich weiter der Rhetorik der Rechten annähern – oder beginnt sie endlich, sich zu bewegen? Mamdani ist kein Modell zum Kopieren. Aber ein Signal zum Aufwachen.

    Denn Hoffnung ist politisch. Und wir hätten die Mittel.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Frankreichs Haushalt 2026: Ein Signal an die Reichen, aber keine Revolution

    Frankreichs Haushalt 2026: Ein Signal an die Reichen, aber keine Revolution

    Frankreichs Regierung will das Haushaltsdefizit senken – und steht dabei unter wachsendem Druck, auch die vermögendsten Bürger stärker in die Pflicht zu nehmen. Im Zentrum des Budgetentwurfs 2026 stehen mehrere steuerpolitische Maßnahmen, die suggerieren: Auch große Vermögen sollen einen höheren Beitrag leisten. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Der finanzielle Effekt dürfte begrenzt bleiben. Die Diskussion um eine gerechtere Vermögensbesteuerung entzündet sich in Frankreich seit Jahren regelmäßig – mit Blick auf die wachsende Vermögenskonzentration im Land und den Abbau des traditionellen Impôt de solidarité sur la fortune (ISF) unter Präsident Macron im Jahr 2018. Die politische Symbolik bleibt hoch, die fiskalische Substanz hingegen ist überschaubar.

    Neue Regeln für „unproduktiven“ Besitz Am auffälligsten ist die geplante Transformation des bisherigen Impôt sur la fortune immobilière (IFI) in ein neues Instrument: Impôt sur la fortune improductive (IFI-i). Diese Steuer soll k…

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  • Zucman-Steuer gescheitert – und nun? Frankreichs Regierung vor der nächsten Bewährungsprobe

    Zucman-Steuer gescheitert – und nun? Frankreichs Regierung vor der nächsten Bewährungsprobe

    Der symbolträchtige, aber auch finanzpolitisch bedeutsame Vorschlag einer Vermögensteuer nach dem Modell von Gabriel Zucman ist in der französischen Nationalversammlung durchgefallen. Das Nein zum Gesetzestext – wie auch zu einer abgeschwächten Version – hat nicht nur politische Sprengkraft, sondern bringt auch konkrete Auswirkungen für den Haushaltsplan 2026 mit sich. Der Vorstoß zur stärkeren Besteuerung extrem hoher Vermögen wurde damit aufgeschoben – oder vorerst beerdigt. Die Regierung unter Premierminister Sébastien Lecornu steht nun unter Zugzwang: Ihr fehlt ein zentrales Finanzierungselement für den kommenden Haushalt. Gleichzeitig offenbart die Abstimmung ein strukturelles Dilemma: die Schwierigkeit, neue Mehrheiten für ambitionierte Reformen zu bilden – insbesondere im sensiblen Bereich der Steuerpolitik.

    Der Absturz eines finanzpolitischen Symbols Der ursprüngliche Gesetzentwurf, inspiriert vom französischen Ökonomen Gabriel Zucman, sah einen Mindeststeuersatz von 2 Prozent…

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  • Frankreichs stille Tragödie: Über 900 Tote auf der Straße – allein im Jahr 2024

    Frankreichs stille Tragödie: Über 900 Tote auf der Straße – allein im Jahr 2024

    Sie sterben leise. Ohne Aufschrei, ohne Beileid, ohne Schlagzeilen. 912 Menschen haben 2024 in Frankreich ihr Leben verloren – nicht bei einem Unglück, nicht durch eine Epidemie, sondern auf der Straße. Im Freien. Ohne Dach über dem Kopf. Das sind 86 Tote mehr als im Jahr zuvor. Und doppelt so viele wie 2012. Das Ausmaß dieser Tragödie lässt sich nicht beschönigen: Seit dreizehn Jahren steigen in Frankreich die Todeszahlen wohnungsloser Menschen kontinuierlich an – trotz gesellschaftlichem Fortschritt, trotz Versprechen der Politik, niemanden zurückzulassen. Was läuft hier schief? Das „Collectif Les Morts de la Rue“ dokumentiert seit 2012 jeden einzelnen dieser Todesfälle. Die Bilanz für das Jahr 2024 ist ein tiefer Schlag in die Magengrube der sozialen Realität: 912 Menschen starben, weil sie keinen sicheren Ort zum Leben hatten. Nicht einmal zum Sterben. Der Tod kam im Durchschnitt mit 47,7 Jahren – also 32 Jahre früher als bei der französischen Durchschnittsbevölkerung. Ein ganzes L…

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  • „Wir sind die Zukunft – und wir sind laut“. Die Generation Z protestiert weltweit: Was sie antreibt, was sie fordert und warum das alle angeht

    „Wir sind die Zukunft – und wir sind laut“. Die Generation Z protestiert weltweit: Was sie antreibt, was sie fordert und warum das alle angeht

    Sie pfeifen auf Hierarchien, twittern schneller als Behörden reagieren und bringen Regierungen ins Wanken: Die Generation Z betritt die politische Bühne – nicht zaghaft, sondern mit voller Wucht. Ob in Kathmandu, Rabat oder Nairobi: Junge Menschen organisieren sich, protestieren und fordern ein System, das sie nicht mehr ausschließt, sondern endlich ernst nimmt.

    Was sich dabei entfaltet, ist kein launisches Aufflackern jugendlicher Rebellion. Es ist eine neue globale Protestbewegung – digital vernetzt, dezentral organisiert und radikal in der Forderung nach Veränderung.

    Der digitale Puls der Straße

    Geboren zwischen Mitte der 1990er und den frühen 2010er Jahren, ist die Gen Z in einer Welt aufgewachsen, in der WLAN-Verbindung und Weltgeschehen kaum noch voneinander zu trennen sind. Smartphones, TikTok und Discord sind keine bloßen Kommunikationsmittel – sie sind Lebenswelt und politisches Werkzeug zugleich.

    In Nepal genügte im September 2025 ein Social-Media-Verbot, um landesweite Massenproteste auszulösen. Was zunächst wie ein digitaler Boykott aussah, wurde binnen Tagen zu einem politischen Erdbeben – inklusive Stürmung des Parlaments, Rücktritt des Premiers und globaler Aufmerksamkeit.

    Was lernen wir daraus? Diese Generation ist hochgradig vernetzt, blitzschnell mobilisierbar – und bereit, für ihre Überzeugungen alles zu riskieren.

    Wirtschaftlicher Frust trifft politischen Stillstand

    Obwohl ihre Lebensrealität oft unterschiedlich ist, verbindet die Protestierenden weltweit eine gemeinsame Erfahrung: soziale Unsicherheit und politische Ignoranz. In Marokko etwa liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei dramatischen 35 %. Gleichzeitig investieren Regierungen Milliarden in Prestigeprojekte – wie Stadien für die Fußball-WM – während Bildung und Gesundheit auf der Strecke bleiben.

    In Kenia entzündete sich der Aufstand an Steuererhöhungen und drastisch gestiegenen Lebenshaltungskosten. Doch es war mehr als ökonomische Wut: Jugendliche beklagten eine gefühlte Entmündigung – und machten mit Kunst, Street Art und Spoken Word klar, dass ihnen nicht nur das Geld, sondern vor allem die Stimme fehlt.

    Diese Mischung aus wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit und politischer Ohnmacht ist der gemeinsame Nenner vieler Gen Z-Proteste – von Peru bis Nigeria.

    Keine Anführer, keine Parteien – nur Haltung

    Auffällig ist: Die Bewegungen dieser Generation kommen ohne klare Führungspersönlichkeiten aus. Keine „Che Guevaras“ oder charismatischen Wortführer. Stattdessen: kollektive Intelligenz, Schwarmorganisation und kreative Dynamik. Die Proteste leben vom Miteinander – nicht von der Bühne.

    Was früher Flugblätter waren, sind heute Instagram-Stories und virale Memes. Organisiert wird über Telegram, gestreamt über TikTok, diskutiert auf Discord. Wer wissen will, wie politischer Aktivismus im 21. Jahrhundert aussieht, muss nicht zum Parteitag – sondern in die DMs einer Protestgruppe.

    Doch wie sieht das konkret aus?

    Drei Länder, drei Aufstände, eine Botschaft

    Nepal:
    Hier eskalierte die Lage rasant. Nach dem Verbot von 26 Social-Media-Plattformen folgten Straßenblockaden, Demonstrationen, der Sturm auf Regierungsgebäude. Innerhalb weniger Wochen verlor die Regierung ihre Stabilität. Der Funke: ein Angriff auf digitale Freiheiten. Der Brandherd: jahrelange Korruption und Jugendfrust.

    Marokko:
    Die Bewegung „Gen Z 212“ benannte sich nach dem Landesvorwahlcode – ein Symbol für nationale Identität und digitale Community zugleich. Was sie forderten? Investitionen in Bildung, Gerechtigkeit, Teilhabe. Was sie bekamen? Polizeigewalt und Zensur. Dennoch blieb der Protest stark – online wie offline.

    Kenia:
    Hier wurde der Widerstand zur Kunstform. Während auf der Straße Tränengas und Barrikaden dominierten, entstanden gleichzeitig Songs, Wandbilder und Performances, die weltweit Aufmerksamkeit zogen. Eine Bewegung zwischen Wut und Würde – getragen von Musik, Lyrik und der Vision einer besseren Zukunft.

    Warum das Europa angeht – ganz besonders Frankreich

    Wer glaubt, das seien ferne Konflikte in anderen Hemisphären, irrt gewaltig. Die Energie dieser Proteste ist ansteckend. Denn die Themen sind universell: Bildungsgerechtigkeit, digitale Freiheit, politische Teilhabe. Auch in Europa – und speziell in Frankreich, das traditionell protesterprobt ist – stellen sich ähnliche Fragen.

    Wie spricht der Staat mit seinen jungen Bürger:innen? Werden ihre Bedürfnisse ernst genommen? Oder sehen sie sich als digitale Dienstleister einer überalterten Demokratie, die auf „Likes“ mehr reagiert als auf Lebensrealitäten?

    Die Gen Z ist nicht unpolitisch. Sie ist anders politisch. Und sie fragt nicht höflich an – sie fordert lautstark ein.

    Die Stunde der Entscheidung

    Fest steht: Diese Protestbewegung ist kein Strohfeuer. Sie ist Ausdruck eines globalen Generationswandels. Wer sie ignoriert, riskiert nicht nur Protest – sondern den Verlust politischer Legitimität.

    Gleichzeitig birgt diese Jugendkraft enormes Potenzial: zur Erneuerung, zur Demokratisierung, zur Einbindung. Wenn Politik bereit ist zuzuhören – wirklich zuzuhören – kann aus lautem Protest konstruktiver Wandel werden.

    Bleibt also die Frage: Wann hören wir endlich auf, die Generation Z als Problem zu sehen – und beginnen, sie als Lösung zu begreifen?

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Da muss die Politik wohl umlernen – Ohne soziale Gerechtigkeit wird die Natur nicht zu retten sein

    Kommentar: Da muss die Politik wohl umlernen – Ohne soziale Gerechtigkeit wird die Natur nicht zu retten sein

    Es ist ein Satz, der eigentlich ganz einfach klingt – und doch wird er viel zu oft überhört: Man kann den Planeten nicht retten, wenn man die Menschen zurücklässt. Soziale Gerechtigkeit ist kein Nebenschauplatz der Umweltpolitik. Sie ist ihr Fundament. Ihr Rückgrat. Ihr Herz.

    Aber hören wir das in Berlin, Paris oder Brüssel? Nur selten. Stattdessen wird Klimapolitik noch immer in Zahlen gegossen, in Steuersätzen, Förderprogrammen und technologischen Innovationen. Alles schön und gut – aber solange eine Familie am Monatsende kaum noch heizen kann, weil die Gaspreise steigen, während andere ihre Wärmepumpen steuerlich absetzen, läuft etwas gehörig schief.

    Die ökologische Wende wird scheitern, wenn sie nur für diejenigen gemacht ist, die sich die notwendigen Umstellungen leisten können. Wer in einem schlecht isolierten Plattenbau wohnt, hat keine Wahl, sondern friert. Wer täglich pendeln muss, weil die Stadtmieten unbezahlbar sind, braucht ein Auto – nicht, weil er „rückständig“ ist, sondern weil er keine Alternative hat. Es ist nicht der Planet, der ungerecht ist. Es sind die politischen Prioritäten.

    Seit Jahren sprechen wir über CO₂-Bepreisung, über Strommarkt-Design und Verbrenner-Aus. Aber wann reden wir über Menschen, deren Kühlschrank leer ist, bevor der Monat vorbei ist? Über Kinder, die mit Asthma aufwachsen, weil ihre Wohnung an einer vierspurigen Umgehungsstraße liegt? Über Rentner, die sich zwischen Heizung und Medikamenten entscheiden müssen?

    Die Wahrheit ist unbequem: Eine gerechte Umweltpolitik kostet mehr Mühe. Sie verlangt Zuhören, Umdenken, Umverteilung. Sie bedeutet, dass nicht nur neue Technologien gefördert werden, sondern auch Menschen, die bislang ignoriert wurden. Dass man nicht nur in Smart Cities investiert, sondern auch in graue Vorstädte und ländliche Räume.

    Und ja – das bedeutet auch politische Selbstkritik. Es reicht nicht, wenn Entscheidungsträger auf Konferenzen über Klimaziele philosophieren, während draußen die soziale Wirklichkeit an ihnen vorbeirauscht. Wer nicht bereit ist, ökologische und soziale Fragen zusammenzudenken, hat das Ausmaß der Krise nicht verstanden.

    Was es jetzt braucht? Mut. Menschlichkeit. Und den Willen, umzulernen. Eine gerechte Gesellschaft ist kein netter Bonus in der Umweltpolitik – sie ist die Voraussetzung dafür, dass Veränderung gelingt. Nicht gegen die Menschen, sondern mit ihnen.

    Denn nur gemeinsam – wirklich gemeinsam – lässt sich diese Welt noch retten.

    Autor: C.H.

  • „Man rettet nicht die Erde, ohne die Menschen zu retten“ – Noël Mamère über Ökologie als soziale Verpflichtung

    „Man rettet nicht die Erde, ohne die Menschen zu retten“ – Noël Mamère über Ökologie als soziale Verpflichtung

    In einer Zeit, in der Umweltpolitik oft auf CO₂-Bilanzen und Klimaziele reduziert wird, meldet sich ein bekannter Name zurück – mit einem eindringlichen Appell: Ökologie muss mehr sein als ein grünes Feigenblatt. Sie ist ein soziales Projekt. Noël Mamère, langjähriger Bürgermeister der Stadt Bègles bei Bordeaux und ehemaliger Abgeordneter der französischen Nationalversammlung, sieht in der Umweltbewegung ein Werkzeug zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit. In einem aktuellen Interview mit France 24 legt er dar, warum aus seiner Sicht ökologische Fragen nicht losgelöst von sozialen Belangen diskutiert werden dürfen. Ein Leben zwischen Medien und Politik Mamère kennt beide Welten: den Journalismus und die Politik. Seine Karriere begann vor der Kamera, bevor er 1989 in die Kommunalpolitik wechselte. Fast drei Jahrzehnte stand er an der Spitze von Bègles, von 1997 bis 2017 vertrat er die Gironde auch im französischen Parlament. Diese Doppelrolle hat seinen Blick geschärft – für das Machbare,…

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