Schlagwort: Soziale Gerechtigkeit

  • Ein globaler Aufruf zum Widerstand: Laëtitia Colombani erzählt von Solidarität über Grenzen hinweg

    Ein globaler Aufruf zum Widerstand: Laëtitia Colombani erzählt von Solidarität über Grenzen hinweg

    Paris – 21. Juni 2026. Mit ihrem neuen Roman Un jour sans femme knüpft Laëtitia Colombani an die Themen an, die bereits ihren internationalen Bestseller La Tresse zu einem weltweiten Erfolg gemacht haben. Die französische Autorin richtet den Blick erneut auf das Leben von Frauen in unterschiedlichen…

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  • Späte Gerechtigkeit für die vergessenen Kinder der Republik

    Späte Gerechtigkeit für die vergessenen Kinder der Republik

    Es gibt Kapitel der Geschichte, die sich nicht durch nationale Feiertage, militärische Siege oder politische Triumphe ins kollektive Gedächtnis einschreiben, sondern durch das lange Schweigen der Betroffenen. Die Geschichte der sogenannten „Kinder von La Réunion“ gehört zu diesen Kapiteln. Mehr als vier Jahrzehnte nach dem Ende einer staatlich organisierten Umsiedlungspolitik hat die französische Nationalversammlung Ende Januar einstimmig ein Gesetz verabschiedet, das Anerkennung, Erinnerung und Entschädigung vorsieht. Die Entscheidung ist überfällig. Sie markiert einen wichtigen Schritt auf dem langen Weg einer Republik, die sich ihrer eigenen Widersprüche stellen muss. Zwischen 1962 und 1984 wurden 2.015 Kinder aus dem französischen Überseedepartement La Réunion in 83 Départements des Mutterlandes gebracht. Besonders betroffen waren dünn besiedelte ländliche Regionen, die unter Abwanderung und demografischem Niedergang litten. Die damaligen politischen Entscheidungsträger präsentiert…

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  • Frankreichs Autofahrer tanken anders: Der Literpreis verändert den Alltag

    Frankreichs Autofahrer tanken anders: Der Literpreis verändert den Alltag

    Frankreichs Tankstellen erzählen derzeit mehr über die wirtschaftliche Stimmung des Landes als mancher Konjunkturbericht. Wo früher der Zapfhahn oft bis zum vollen Tank lief, dominieren heute kleinere Beträge. 15 Euro hier, 20 Euro dort – gerade genug, um zur Arbeit zu gelangen, die Kinder abzuholen oder den Wocheneinkauf zu erledigen. Der Tankvorgang gleicht zunehmend einem Balanceakt zwischen Mobilität und Haushaltskasse. Die jüngsten Kraftstoffpreise setzen viele Bürger erheblich unter Druck. Diesel überschritt Ende April 2026 vielerorts die Marke von 2,20 Euro pro Liter, während auch Benzinpreise um oder über 2 Euro verharren. Für Pendler, Familien und Menschen im ländlichen Raum bedeutet das keine bloße Unannehmlichkeit, sondern eine direkte Belastung des täglichen Lebens. Vor allem außerhalb der Metropolen zeigt sich diese Entwicklung besonders scharf. In zahlreichen Regionen ersetzt das Auto öffentliche Verkehrsmittel, die entweder unzureichend ausgebaut oder gar nicht vorhanden…

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  • Frankreichs neue Benzinpolitik: Präzise Hilfen statt breiter Entlastung

    Frankreichs neue Benzinpolitik: Präzise Hilfen statt breiter Entlastung

    Die französische Regierung hat im Frühjahr 2026 eine klare Linie in der Energiepolitik gezogen: Statt einer breit angelegten Senkung der Kraftstoffpreise setzt sie auf gezielte Unterstützungsmaßnahmen für besonders betroffene Gruppen. Diese Strategie markiert einen politischen Kurswechsel – weg von universellen Entlastungen hin zu einer selektiven, sozial und wirtschaftlich differenzierten Intervention. Vom Notfallplan zur strukturierten Unterstützung Den Auftakt bildete ein kurzfristiges Maßnahmenpaket für April, das zunächst eng gefasst war. Der Staat stellte rund 70 Millionen Euro bereit, konzentriert auf drei besonders exponierte Sektoren: den Straßengüterverkehr, die Fischerei und die Landwirtschaft. Diese Auswahl folgte einer klaren Logik: In diesen Branchen stellt der Treibstoff keinen variablen Kostenfaktor dar, sondern eine zentrale Produktionsbedingung. Für Transportunternehmen wurde eine pauschale Unterstützung von etwa 20 Cent pro Liter vorgesehen – ein Instrument, das gezi…

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  • Wenn der Bus zum Alltag gehört: Warum Dunkerques Gratis-ÖPNV gerade jetzt neue Strahlkraft entfaltet

    Wenn der Bus zum Alltag gehört: Warum Dunkerques Gratis-ÖPNV gerade jetzt neue Strahlkraft entfaltet

    Manchmal reicht ein einziger Perspektivwechsel, um eine ganze Stadt zu verändern.

    In Dunkerque, ganz im Norden Frankreichs, geschah genau das im Jahr 2018. Seitdem kostet der Bus nichts mehr. Kein Ticket, kein Tarifdschungel, kein Kleingeldsuchen an Automaten. Was zunächst wie ein politisches Experiment wirkte, hat sich längst in den Alltag eingeschrieben – so selbstverständlich wie der Gang zum Bäcker an der Ecke.

    Und jetzt, in Zeiten steigender Spritpreise, bekommt dieses Modell eine neue, fast überraschende Aktualität.

    Denn während vielerorts wieder gerechnet wird – lohnt sich die Autofahrt noch, wie teuer wird der nächste Tankstopp? – entfällt diese Frage in Dunkerque schlicht. Der Bus fährt, und jeder steigt ein. Punkt. Genau darin liegt die eigentliche Kraft des Systems: Es entkoppelt einen Teil des täglichen Lebens von wirtschaftlichen Schwankungen.

    Das verändert mehr, als man zunächst denkt.

    Früher galt der Bus oft als Verkehrsmittel für jene ohne Alternative. Heute wirkt er in Dunkerque wie eine Art urbanes Rückgrat. Schüler, Berufspendler, Rentner – sie alle teilen denselben Raum. Der Bus ist nicht mehr zweite Wahl, sondern Teil des normalen Lebensrhythmus. Oder, wie man vor Ort gern sagt: Der Bus ist nie wirklich leer.

    Das klingt beiläufig, beschreibt aber einen tiefgreifenden Wandel.

    Denn mit dem Wegfall der Kosten verschwindet auch eine unsichtbare Barriere. Mobilität wird nicht mehr abgewogen, sondern genutzt. Wer spontan in die Stadt fahren will, tut es einfach. Wer einen Umweg macht, weil es bequemer ist – warum nicht? Klingt banal, ist aber im Kern eine kleine Revolution.

    Natürlich fiel dieser Erfolg nicht vom Himmel.

    Die Stadt hat gleichzeitig das Angebot verbessert, den Takt verdichtet, Linien neu gedacht. Kostenlos allein hätte nicht gereicht. Ein schlechter Bus bleibt ein schlechter Bus – auch ohne Ticketpreis. Erst das Zusammenspiel aus Qualität und Zugänglichkeit hat das System tragfähig gemacht.

    Und doch bleibt die kritische Frage im Raum: Wer bezahlt das alles?

    Die Antwort ist kompliziert. Ein Großteil der Finanzierung stammt aus kommunalen Mitteln und Abgaben von Unternehmen. Kritiker warnen seit Jahren, dass solche Modelle langfristig finanziell unter Druck geraten könnten. Wenn Einnahmen fehlen, drohen Einschnitte – oder eine schleichende Verschlechterung des Angebots.

    Ganz ehrlich: Das ist kein unrealistisches Szenario.

    Aber eine rein wirtschaftliche Betrachtung greift zu kurz. Denn Mobilität ist nicht nur eine Frage von Zahlenkolonnen, sondern auch von sozialer Teilhabe. Wer sich frei durch die Stadt bewegen kann, erlebt sie anders. Offener. Zugänglicher. Vielleicht sogar ein bisschen gerechter.

    Gerade in Zeiten, in denen steigende Lebenshaltungskosten viele Haushalte belasten, gewinnt dieser Aspekt an Gewicht. Der kostenlose Bus ist dann nicht nur ein Verkehrsmittel, sondern ein Stück Entlastung im Alltag. Kein großes Versprechen, eher so ein stiller Vorteil, der sich summiert.

    Dunkerque zeigt damit: Gratis-ÖPNV ist weder Allheilmittel noch naive Utopie. Er funktioniert – unter bestimmten Bedingungen. Mit politischem Willen, verlässlicher Finanzierung und einem Angebot, das überzeugt.

    Andere Städte können daraus lernen. Nicht unbedingt durch bloßes Kopieren, sondern durch ein Umdenken. Mobilität als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge zu begreifen, könnte sich gerade jetzt als überraschend pragmatisch erweisen.

    Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieser Geschichte: Dass ein kostenloser Bus nicht nur Menschen bewegt, sondern auch Ideen.

    Von C. Hatty

  • Frankreich kippt die Umweltpolitik im Verkehr: Das Ende der Umweltzonen in den Städten droht

    Frankreich kippt die Umweltpolitik im Verkehr: Das Ende der Umweltzonen in den Städten droht

    Die französische Nationalversammlung hat am 14. April 2026 ein Gesetz verabschiedet, das auf den ersten Blick technokratisch daherkommt, tatsächlich aber eine tiefgreifende politische Zäsur markiert. Mit der Bestätigung der Abschaffung der sogenannten „zones à faibles émissions“ (ZFE) – Umweltzonen mit Zufahrtsbeschränkungen für emissionsstarke Fahrzeuge – hat das Parlament eine der sichtbarsten Maßnahmen der französischen Klimapolitik rückabgewickelt. Was als Beitrag zur Luftreinhaltung gedacht war, ist zum Symbol eines grundlegenden Konflikts geworden: jenem zwischen ökologischer Transformation und sozialer Akzeptanz. Ein parlamentarischer Sieg mit politischer Tragweite Formal handelt es sich um die Verabschiedung eines Gesetzes zur „Vereinfachung des Wirtschaftslebens“. In diesem heterogenen Gesetzespaket wurde jedoch eine Maßnahme verankert, die weit über administrative Vereinfachungen hinausgeht. Die Abschaffung der Umweltzonen, ursprünglich nicht Bestandteil des Gesetzesentwurfs,…

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  • Das langsame Hochwasser

    Das langsame Hochwasser

    Warum die Bretagne im Regen steht – und warum das Wasser nicht so schnell wieder geht

    Es beginnt unspektakulär.
    Kein Donnern. Kein reißender Strom. Kein dramatischer Moment für die Abendnachrichten.

    Nur Regen.
    Immer wieder Regen.

    In diesen Januartagen steigt das Wasser in der Bretagne nicht plötzlich, sondern beharrlich. Es sickert, sammelt sich, schiebt sich voran. Zentimeter für Zentimeter. Und genau darin liegt die Gefahr. Hochwasser, das leise kommt, bleibt oft am längsten.


    Ein Landstrich im Wartemodus

    Seit Tagen stehen alle vier bretonischen Départements unter Hochwasserwarnung. Besonders angespannt ist die Lage in Ille-et-Vilaine und im Morbihan. Straßen sind gesperrt, Keller geflutet, mobile Schutzwände errichtet. In Redon spannt sich eine 500 Meter lange Metallbarriere durch die Stadt – montiert mit Hilfe von Armee und Zivilschutz.

    Am Mittwoch gab es eine kurze Atempause.
    Doch sie täuscht.

    Denn für das kommende Wochenende kündigt Météo-France erneut kräftige Niederschläge an. Regen auf Regen. Auf Böden, die längst nichts mehr aufnehmen können.


    Der Winter, in dem es nicht aufhört zu regnen

    Ausgelöst wurde die jüngste Regenserie durch Sturm Chandra, der sich über der Keltischen See formte und Richtung Britische Inseln zog. Zwischen Montag und Dienstag fielen regional 20 bis 40 Liter Niederschlag.

    Das allein wäre in der Bretagne kaum der Rede wert.
    Doch dieser Regen fiel auf einen Winter, der bereits außergewöhnlich nass ist.

    „Im diesem Januar liegen wir regional bei etwa dem Doppelten der üblichen Niederschlagsmenge“, sagt Patrick Galois, Meteorologe bei Météo-France.

    Manche Orte haben historische Marken überschritten. In Sizun im Finistère wurden bis zum 28. Januar 366 Liter pro m2 gemessen, in Ploudaniel fast 300. Werte, die sonst über ein ganzes Jahr verteilt fallen.

    Und der Monat war noch nicht vorbei.


    Wenn der Boden aufgibt

    Regen ist nicht gleich Regen. Entscheidend ist, was darunter liegt.

    Nach Wochen fast ununterbrochener Niederschläge sind die Böden der Bretagne vollständig gesättigt. Die Poren sind gefüllt, der Speicher ist belegt. Jeder neue Schauer läuft oberflächlich ab – direkt in Gräben, Bäche, Flüsse.

    Hydrologen sprechen von stark verminderter Infiltration.
    Anschaulicher gesagt: Der Boden hat aufgegeben.

    Das erklärt, warum Flüsse wie die Laïta bei Quimperlé oder der Oust bei Malestroit über die Ufer getreten sind. Am Oust wurde ein Pegelstand von 3,41 Metern gemessen. Kein Rekord – aber genug, um Straßen, Felder und Keller unter Wasser zu setzen.


    Die trügerische Logik des Hochwassers

    Wer Hochwasser nur aus alpinen oder mediterranen Regionen kennt, erwartet Dramatik. Innerhalb weniger Stunden schwillt ein Bach zum reißenden Strom an. In der Bretagne funktioniert das anders.

    Hier ist das Relief flach, die Flüsse lang, die Einzugsgebiete weit verzweigt. Wasser braucht Zeit. Manchmal einen Tag. Manchmal zwei.

    „Zwischen Niederschlag und Hochwasser gibt es einen deutlichen zeitlichen Versatz“, erklärt Patrick Galois. „Selbst wenn es aufhört zu regnen, kann der Pegel weiter steigen.“

    Das macht diese Lage so schwer einschätzbar. Die Gefahr verschwindet nicht mit den Wolken.


    Wenn der Wind das Wasser festhält

    Hinzu kommt ein weiterer, oft übersehener Faktor: der Wind.

    Starker Westwind kann den Abfluss der Flüsse ins Meer bremsen – besonders bei hohen Gezeiten. Das Wasser staut sich zurück, als würde jemand den Abfluss zudrücken. Fluss und Ozean geraten in ein unruhiges Wechselspiel.

    Meteorologie trifft Hydrologie.
    Und zeigt, wie komplex Hochwasser wirklich ist.


    Eine sanfte Flut – und genau deshalb gefährlich

    Der Bürgermeister von Rieux beschreibt die Lage treffend: Diese Flut sei „sanft“ – und gerade deshalb heimtückisch. Kein plötzlicher Schock, sondern ein langsames Vordringen. Das Wasser kommt von unten, aus dem Boden, aus den Kanälen, aus den Flüssen.

    Ich habe solche Situationen oft erlebt, bei Forschungsaufenthalten in Nordwesteuropa. Sie sind psychologisch belastend. Weil es kein klares Ende gibt. Weil man wartet. Und wartet. Und das Wasser bleibt.


    Der größere Zusammenhang

    Dass solche Winter häufiger werden, ist kein Zufall.

    Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasserdampf aufnehmen – etwa sieben Prozent pro Grad Erwärmung. Das ist einfache Physik. Und sie hat Folgen: intensivere Niederschläge, vor allem im Winterhalbjahr.

    Langfristige Analysen des IPCC und der WMO zeigen übereinstimmend: In Nordeuropa nehmen die Winterniederschläge zu. Auch an der Atlantikküste. Auch in der Bretagne.

    Nicht jedes Hochwasser ist „Klimawandel“.
    Aber der Hintergrund wird nasser.


    Wer besonders betroffen ist

    Hochwasser ist selten gerecht.

    Es trifft oft jene, die in tiefer gelegenen Gebieten wohnen, in schlecht isolierten Häusern, ohne umfassenden Versicherungsschutz. Schäden ziehen sich hin. Schimmel, Wertverlust, psychische Belastung. Vieles davon taucht in keiner Statistik auf.

    Klimaanpassung ist deshalb mehr als Technik. Sie ist eine soziale Aufgabe.


    Was bleibt

    Die Bretagne ist gut vorbereitet. Frühwarnsysteme funktionieren, Einsatzkräfte sind erfahren, Kommunen handeln entschlossen. Und doch zeigt dieser Winter die Grenzen des Machbaren.

    Das Wasser kommt leise.
    Und es bleibt.

    Die entscheidende Frage ist nicht, ob solche Winter wiederkehren.
    Sondern wie wir lernen, mit ihnen zu leben – klüger, gerechter, vorausschauender.

    Denn Regen wird es immer geben.
    Aber wie viel Schaden er anrichtet, liegt auch in unserer Hand.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Wenn Reichtum unsichtbar wird – Wie einige Großvermögen in Frankreich legal dem Einkommensteuerzugriff entkommen

    Wenn Reichtum unsichtbar wird – Wie einige Großvermögen in Frankreich legal dem Einkommensteuerzugriff entkommen

    Die Debatte um die sogenannte „Gerechtigkeit der Besteuerung“ ist in Frankreich erneut entflammt. Auslöser war eine provokante Aussage des ehemaligen Wirtschaftsministers Éric Lombard: Tausende vermögende Franzosen würden keinerlei Einkommensteuer zahlen – ihr steuerlicher Referenzeinkommen liege bei null. Eine These, die das Finanzministerium umgehend zurückwies. Doch was ist dran an der Behauptung? Und wie kann es sein, dass Spitzenvermögen unterhalb des Radars der Einkommensteuer bleiben? Ohne eine grundlegende Steuerflucht zu betreiben, können einige der wohlhabendsten Haushalte Frankreichs offenbar legale Konstruktionen nutzen, um ihre Steuerlast drastisch zu senken – bis hin zum vollständigen Nulltarif. Der Fall illustriert die systemischen Schwächen einer Steuerarchitektur, die traditionell auf Arbeitseinkommen fokussiert ist, während Kapitalerträge und komplexe Vermögensstrukturen oft unzureichend erfasst werden.

    Steuervermeidung durch Struktur: Das Prinzip der „Cashbox-Holdin…

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  • Kommentar: Willkommen im Land der 14-Milliarden-Euro-Frage

    Kommentar: Willkommen im Land der 14-Milliarden-Euro-Frage

    Wenn Sozialstaat und Parallelrealität ein Date haben

    Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: 14 Milliarden Euro. Nicht für neue Krankenhäuser. Nicht für mehr Pflegepersonal. Nicht für Schulsanierungen oder schnellere Digitalisierung. Nein – das ist das geschätzte Volumen der Sozialbetrugsfälle in Frankreich im Jahr 2025. Quatorze milliards. In Zahlen: 14.000.000.000. Man fragt sich beinahe ehrfürchtig, wie man das überhaupt schafft. Eine solche Summe muss man sich schon redlich ergaunern.

    Aber keine Sorge – bevor jemand auf falsche Gedanken kommt: Nein, die Franzosen seien nicht plötzlich betrügerischer geworden, beruhigt uns der Haut Conseil du financement de la protection sociale. Das sei alles nur ein bisschen Statistik, ein bisschen besserer Überblick, ein bisschen weitergefasste Definition. Also alles halb so wild, oder? Wenn die Titanic eben besser kartographiert ist, sinkt sie auch gleich viel angenehmer.

    Betrug als Businessmodell

    Der größte Posten auf der betrügerischen Rechnung ist übrigens der Arbeitgeberbetrug: Schwarzarbeit, nicht gezahlte Sozialabgaben – rund 8 Milliarden Euro jährlich. Bravo. Offenbar gibt es in Frankreich ganze Branchen, in denen es eher unüblich ist, sich mit solch lästigen Kleinigkeiten wie Gesetzestreue herumzuschlagen. Das Baugewerbe, die Gastronomie, der Transportsektor – kurz: all die vermeintlichen Stützen der französischen Wirtschaft – zeigen sich besonders kreativ, wenn es darum geht, die Sozialkassen zu umgehen.

    Aber auch auf der anderen Seite des Tresens wird mitgedacht: 36 % der Verluste gehen auf das Konto der Leistungsbezieher, die mit geschicktem Understatement Einkommen verschweigen, Wohnorte verlegen oder Kinder aus dem Hut zaubern, um sich durch die Maschen des Systems zu schlängeln. Und nicht zu vergessen: die Mediziner, die sich offenbar in parallelen Realitäten bewegen, in denen Behandlungen stattfinden, die in der echten Welt nie das Licht einer Praxis gesehen haben.

    Vom Aufdecken und Wegsehen

    Natürlich, man hat dazugelernt. Die Kontrollmechanismen wurden verschärft. Immerhin 2 Milliarden Euro wurden 2024 entdeckt – Chapeau! Das klingt beeindruckend, bis man merkt: das entspricht etwa 14 % des geschätzten Gesamtbetrags. Und von dem, was man entdeckt, kann man wiederum nur einen Bruchteil tatsächlich eintreiben. Denn offenbar endet der französische Rechtsstaat dort, wo das Portemonnaie des Steuerbetrügers beginnt.

    Wer sich also fragt, warum das Vertrauen in den Sozialstaat sinkt – voilà une réponse. In einem System, das auf Solidarität basiert, ist der Gedanke, dass der Nachbar sich still und leise einen Teil des Kuchens nimmt, ohne etwas beizutragen, nichts weniger als toxisch. Während der ehrliche Steuerzahler über Monate auf einen Arzttermin wartet und pünktlich seine Beiträge abführt, laufen im Hintergrund die Drucker heiß, um gefälschte Atteste und Scheinrechnungen zu produzieren.

    Wer schützt die Fairness?

    Aber wehe, jemand wagt es, mehr Kontrollen zu fordern. Dann ist der Aufschrei groß: Diskriminierung! Überwachung! Stigmatisierung! Natürlich muss man aufpassen, dass niemand ungerechtfertigt ins Fadenkreuz gerät. Aber genauso gefährlich ist es, ein System zu tolerieren, das seine eigenen Regeln zur Karikatur verkommen lässt.

    Frankreich steht vor einer bitteren Wahrheit: Man kann keinen Sozialstaat aufrechterhalten, wenn sich allzu viele systematisch entziehen – auf Arbeitgeber- und Empfängerseite. Und man kann kein Vertrauen in Institutionen erwarten, wenn deren Instrumente zur Durchsetzung des Rechts zahnlos, ineffizient und überfordert bleiben.

    Die wahre Tragödie? Die Normalisierung.

    Das wirklich Erschreckende an der aktuellen Debatte ist nicht der Betrag selbst – obwohl der ausreicht, um das Bildungsbudget eines Kleinstaates zu decken. Nein, es ist die fast schon gelangweilte Gelassenheit, mit der diese Zahl zur Kenntnis genommen wird. Als sei Betrug eine unvermeidliche Begleiterscheinung des französischen Modells. Als gehöre es halt einfach dazu, wie der Streik zum Bahnverkehr oder die Bürokratie zum Behördengang.

    Wenn ein Land 14 Milliarden Euro jährlich an Sozialbetrug „verliert“ – ein Euphemismus, der klingt, als hätte man seine Schlüssel verlegt –, dann ist das keine Petitesse, sondern ein systemischer Notruf. Und wer dann immer noch über „gefühlte Ungerechtigkeit“ spricht, statt sich mit der realen Aushöhlung des Vertrauens zu befassen, der hat den Ernst der Lage entweder nicht verstanden – oder sich bereits damit arrangiert.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Wenn ein Spiel zur Anklage wird

    Wenn ein Spiel zur Anklage wird

    Wie Marseilles Anwälte mit einem fiktiven Brettspiel auf die Krise der Familiengerichtsbarkeit aufmerksam machen Am 13. Januar 2026 präsentierte der Anwaltsverband von Marseille eine ungewöhnliche Protestaktion: ein erfundenes Gesellschaftsspiel mit dem schlichten Titel Divorce. Die Spielschachtel erinnert an ein klassisches Brettspiel für die ganze Familie – doch was sich darin verbirgt, ist ein ebenso ironisches wie bitteres Abbild der Realität. In grellen Farben und mit zugespitzten Kartenmotiven macht das Spiel auf die massiven strukturellen Defizite im französischen Justizwesen aufmerksam – insbesondere im Bereich der Familiengerichtsbarkeit. Mit dieser Aktion schlägt die Anwaltschaft Alarm: Die Dauer familienrechtlicher Verfahren hat vielerorts ein Maß erreicht, das für Betroffene zur psychischen, sozialen und wirtschaftlichen Belastung wird.

    Ein Spiel mit Ernstcharakter Divorce ist keine käufliche Ware, sondern eine medienwirksame Parodie. Karten wie „Verlegte Anhörung“, „Schla…

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