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  • Nichts zerstört, trotzdem zahlen? Frankreich verschiebt die Grenzen der persönlichen Verantwortung

    Nichts zerstört, trotzdem zahlen? Frankreich verschiebt die Grenzen der persönlichen Verantwortung

    Editorial | 28. Oktober 2026

    Wer randaliert, soll bezahlen. Dieser Grundsatz ist ebenso einleuchtend wie politisch wirkungsvoll. Doch Frankreichs Regierung will mit ihrem Gesetzesvorhaben «casseurs-payeurs» einen Schritt weiter gehen: Künftig könnten auch Menschen für Schäden haften, die sie nicht selbst verursacht haben. Der Senat hat dem Entwurf mit deutlicher Mehrheit zugestimmt. Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage, die weit über die Bekämpfung gewalttätiger Ausschreitungen hinausreicht: Wie viel kollektive Verantwortung verträgt ein liberaler Rechtsstaat?

    Der berechtigte Wunsch nach Gerechtigkeit

    Frankreich hat ein Problem mit politischer und gesellschaftlicher Gewalt. Ob bei den Protesten der Gelbwesten, den Unruhen in den Vorstädten oder den Ausschreitungen nach sportlichen Großereignissen: Immer wieder werden Geschäfte geplündert, Fahrzeuge angezündet und öffentliche Einrichtungen beschädigt. Die finanziellen Folgen tragen Versicherungen, Steuerzahler und nicht zuletzt die unmittelbar Geschädigten.

    Für einen kleinen Geschäftsinhaber, dessen Laden verwüstet wird, ist die Frage nach der politischen Motivation der Täter von untergeordneter Bedeutung. Er muss den Betrieb wiederaufbauen, Angestellte bezahlen und möglicherweise wochenlange Umsatzausfälle verkraften. Dass die Verantwortlichen für solche Schäden aufkommen sollen, ist keine autoritäre Forderung, sondern Ausdruck eines elementaren Gerechtigkeitsprinzips.

    Genau hier setzt die französische Regierung an. In der Nacht zum 28. Oktober billigte der Senat den Gesetzentwurf mit 229 gegen 105 Stimmen. Innenminister Laurent Nuñez argumentiert, strafrechtliche Sanktionen allein genügten nicht. Wer Schäden verursache, müsse auch deren wirtschaftliche Konsequenzen tragen.

    Der politische Ansatz ist nachvollziehbar. Problematisch wird er dort, wo der Gesetzgeber die Verantwortung vom tatsächlichen Verursacher auf weitere Mitglieder einer Gruppe ausdehnt.

    Wenn Anwesenheit zur finanziellen Gefahr wird

    Der Entwurf sieht eine zivilrechtliche Mithaftung von bis zu 10.000 Euro vor. Betroffen wären Personen, die sich wissentlich an einer Gruppe beteiligen, die Gewalt oder Sachbeschädigungen vorbereitet. Ebenso könnten Menschen haftbar gemacht werden, die trotz polizeilicher Auflösungsaufforderungen freiwillig in einer Versammlung bleiben, obwohl sie wissen, dass andere Teilnehmer Straftaten begehen.

    Der entscheidende Unterschied zum bisherigen Verständnis individueller Verantwortung liegt darin, dass nicht mehr in jedem Fall nachgewiesen werden müsste, wer einen konkreten Schaden verursacht hat.

    Das ist juristisch keineswegs belanglos. Der Rechtsstaat beruht auf der Vorstellung, dass Verantwortung an eigenes Verhalten geknüpft sein muss. Zwar kennt das Zivilrecht seit langem Konstellationen gemeinschaftlicher Haftung. Doch gerade bei politischen Versammlungen ist besondere Zurückhaltung geboten. Denn die Zugehörigkeit zu einer Menschenmenge lässt noch keinen zuverlässigen Rückschluss auf die Absichten jedes Einzelnen zu.

    Die Regierung verweist darauf, dass zufällige Passanten oder friedliche Demonstranten nicht automatisch betroffen wären. Freiwillige Beteiligung, Kenntnis der Gewalt und ein zeitlicher sowie räumlicher Zusammenhang sollen die Haftung begrenzen.

    Diese Voraussetzungen sind wichtig. Ihre praktische Durchsetzung dürfte jedoch schwieriger werden, als die Gesetzesformulierung vermuten lässt.

    Wer bei einer Demonstration eine polizeiliche Aufforderung nicht hört, kann dennoch am Ort verbleiben. Wer zwischen Polizeiketten und einer aufgebrachten Menge eingeschlossen ist, kann möglicherweise gar nicht weggehen. Und wer beobachtet, wie einzelne Personen Steine werfen, unterstützt damit noch lange nicht deren Handlungen.

    Das Gesetz muss deshalb nicht nur auf dem Papier zwischen Beteiligung und bloßer Anwesenheit unterscheiden. Diese Grenze muss auch im konkreten Verfahren zuverlässig nachweisbar sein.

    Die Demonstrationsfreiheit darf kein finanzielles Glücksspiel werden

    Die Bedenken von Amnesty International und der französischen Anwaltschaft verdienen in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit. Beide warnen vor einer Regelung, die friedliche Demonstranten abschrecken könnte.

    Dabei geht es nicht darum, Gewalttätern einen Schutzraum zu verschaffen. Eine Demokratie muss sich gegen Ausschreitungen wehren können. Sie darf jedoch die Ausübung eines Grundrechts nicht mit einem schwer kalkulierbaren finanziellen Risiko verbinden.

    Wer eine Demonstration besucht, nimmt bewusst in Kauf, mit politischen Auffassungen konfrontiert zu werden, die er nicht teilt. Er übernimmt damit aber nicht automatisch die Verantwortung für jede Straftat, die in seiner Umgebung begangen wird.

    Gerade Frankreich sollte diese Unterscheidung ernst nehmen. Die Republik besitzt eine lange Tradition politischer Mobilisierung, die von der Französischen Revolution über den Mai 1968 bis zu den jüngeren Rentenprotesten reicht. Demonstrationen sind dort nicht bloß ein gelegentliches Mittel gesellschaftlicher Interessenvertretung, sondern ein fester Bestandteil der politischen Kultur.

    Diese Tradition rechtfertigt keine Gewalt. Sie erklärt aber, weshalb Eingriffe in die Versammlungsfreiheit besonders sorgfältig begründet werden müssen.

    Ein Gesetz, das friedliche Bürger aus Sorge vor finanziellen Folgen von öffentlichen Protesten fernhält, könnte einen hohen demokratischen Preis haben, selbst wenn es gegen einzelne Gewalttäter wirksam wäre.

    Wenn Sozialleistungen zum Instrument der Schadensregulierung werden

    Noch heikler ist der geplante Zugriff auf Sozialleistungen. Die Senatsfassung eröffnet unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, rechtskräftig festgestellte Schadenersatzforderungen durch Abzüge von Familienleistungen, Wohnbeihilfen oder der Mindestsicherung RSA einzutreiben.

    Die Befürworter sehen darin eine Frage der Gleichbehandlung. Wer über ein reguläres Einkommen verfügt, kann gepfändet werden. Weshalb sollten Menschen, deren Lebensunterhalt überwiegend aus staatlichen Transfers besteht, grundsätzlich von finanzieller Verantwortung ausgenommen sein?

    Das Argument besitzt eine gewisse Logik. Doch Sozialleistungen erfüllen einen anderen Zweck als gewöhnliches Einkommen. Sie sollen das Existenzminimum sichern, Kinder unterstützen und verhindern, dass wirtschaftliche Not in dauerhafte gesellschaftliche Ausgrenzung umschlägt.

    Zwar sieht der Entwurf Schutzgrenzen vor, die sich nach der Haushaltsgröße, den verfügbaren Mitteln und den Wohnkosten richten. Dennoch bleibt ein grundlegendes Problem: Eine finanzielle Sanktion gegen einen Einzelnen kann die Lebensbedingungen einer ganzen Familie verschlechtern.

    Besonders deutlich wird dieser Konflikt bei der Haftung von Eltern für Schäden ihrer minderjährigen Kinder. Das französische Recht kennt eine solche zivilrechtliche Verantwortung bereits. Die Möglichkeit, entsprechende Forderungen aus Sozialleistungen zu befriedigen, würde ihre wirtschaftlichen Folgen jedoch verschärfen.

    Ein Staat, der Kinder vor Armut schützen will, muss sorgfältig prüfen, ob er denselben Kindern durch die Vollstreckung von Schadenersatzforderungen notwendige Mittel entzieht.

    Der Hinweis, auch die Familien geschädigter Geschäftsinhaber litten unter Ausschreitungen, ist berechtigt. Er löst diesen Widerspruch aber nicht auf. Gerechtigkeit gegenüber den Opfern darf nicht bedeuten, die sozialen Folgen einer Straftat ohne ausreichende Differenzierung auf weitere Angehörige zu verlagern.

    Die eigentliche Schwäche liegt im fehlenden Wirkungsnachweis

    Bemerkenswert ist, dass der französische Conseil d’État den ursprünglichen Kern des Vorhabens nach rechtlichen Präzisierungen nicht grundsätzlich verworfen hat. Das zeigt, dass eine erweiterte zivilrechtliche Haftung nicht zwangsläufig mit verfassungsrechtlichen Prinzipien unvereinbar sein muss.

    Eine solche Einschätzung ersetzt allerdings weder eine spätere verfassungsgerichtliche Kontrolle noch die politische Prüfung der Verhältnismäßigkeit.

    Vor allem weist der Conseil d’État auf eine unzureichende Folgenabschätzung hin. Es fehlen belastbare finanzielle Daten, die erkennen lassen, welchen zusätzlichen Nutzen die geplanten Regelungen tatsächlich bringen könnten.

    Das ist keine Nebensächlichkeit. Denn die Regierung verspricht nicht nur mehr Gerechtigkeit, sondern auch eine wirksamere Entschädigung der Geschädigten.

    Ob Menschen, die selbst kaum über Vermögen verfügen, Schadenersatzforderungen von mehreren tausend Euro begleichen können, ist zweifelhaft. Eine gesetzlich begründete Forderung ist noch keine tatsächlich geleistete Zahlung.

    Hinzu kommt, dass die Identifizierung der haftenden Personen, die gerichtliche Feststellung ihrer Verantwortung und die anschließende Vollstreckung erhebliche administrative Ressourcen beanspruchen können.

    Es wäre deshalb notwendig, den erwarteten finanziellen Ertrag den Kosten und den möglichen gesellschaftlichen Nebenwirkungen gegenüberzustellen. Gerade bei einem Gesetz, das in Grundrechtspositionen eingreifen kann, genügt die politische Plausibilität seines Ziels nicht als Wirksamkeitsnachweis.

    Die Senatsmehrheit hat das Vorhaben inzwischen um weitere sicherheitspolitische Maßnahmen erweitert, darunter individuelle Demonstrationsverbote unter bestimmten Voraussetzungen. Damit droht aus einer ursprünglich auf Schadenersatz ausgerichteten Initiative ein umfassenderes Instrument staatlicher Kontrolle öffentlicher Proteste zu werden.

    Die Nationalversammlung wird deshalb nicht nur über die Haftung von Randalierern entscheiden müssen, sondern auch über die Grenzen staatlicher Eingriffsbefugnisse.

    Frankreich steht vor einem klassischen Dilemma liberaler Demokratien. Ein Staat, der Gewalttäter nicht wirksam zur Verantwortung zieht, verliert an Autorität und beschädigt das Vertrauen der Bürger in die Rechtsordnung. Ein Staat, der zur Durchsetzung berechtigter Ansprüche die persönliche Verantwortlichkeit zu weit ausdehnt, gefährdet dieses Vertrauen auf andere Weise.

    Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Randalierer bezahlen sollen. Das sollten sie. Entscheidend ist vielmehr, nach welchen Kriterien jemand als verantwortlich gilt und wie zuverlässig diese Verantwortung nachgewiesen werden kann.

    Der Gesetzgeber sollte sich dabei an einem einfachen Maßstab orientieren: Je schwerer die wirtschaftlichen Folgen einer Haftung, desto eindeutiger müssen die Voraussetzungen sein, unter denen sie entsteht.

    Ein zerstörtes Schaufenster verlangt nach Entschädigung. Doch aus dem berechtigten Anspruch des Opfers darf kein System entstehen, in dem die Nähe zu einem Täter bereits genügt, um selbst zum Schuldner zu werden. Die Stärke des Rechtsstaats bemisst sich nicht allein daran, wie konsequent er Schäden ahndet, sondern auch daran, wie präzise er zwischen den Verantwortlichen und den Unbeteiligten unterscheidet.

    P. Tiko

  • Wenn man nicht mehr weiterweiss, verbietet man einfach eine Partei

    Wenn man nicht mehr weiterweiss, verbietet man einfach eine Partei

    KOMMENTAR | Frankreichs Demokratie unter Druck

    Wenn der politische Streit zu mühsam wird, wenn die Argumente ausgehen und die Empörung überhandnimmt, dann gibt es offenbar ein letztes Mittel: Man verbietet den politischen Gegner. Zumindest denkt man laut darüber nach. Frankreichs Senatspräsident Gérard Larcher hat nach den Ausschreitungen vom 17. Oktober die Frage aufgeworfen, ob die linke Partei La France insoumise (LFI) verboten werden könnte. Das ist ein bemerkenswerter Vorgang. Nicht weil politische Parteien über dem Gesetz stünden. Sondern weil ausgerechnet ein Repräsentant der Republik mit dem Gedanken spielt, den demokratischen Wettbewerb durch einen staatlichen Verwaltungsakt zu verkürzen.

    Die Demokratie ist kein Schönwetterverein

    Demokratie ist anstrengend. Sie verlangt, Menschen und Parteien auszuhalten, deren Auffassungen man für falsch, gefährlich oder unerträglich hält. Sie verlangt Widerspruch, Streit und manchmal auch die Zumutung, dass der politische Gegner Wahlen gewinnt. Das ist keine Schwäche der Demokratie. Das ist ihr Wesenskern.

    Jean-Luc Mélenchon und seine Bewegung LFI bieten reichlich Anlass zur Kritik. Ihre politische Rhetorik ist häufig schrill, ihre Polarisierung bewusst, ihr Verhältnis zu politischen Institutionen bisweilen widersprüchlich. Aber schlechte politische Manieren sind kein Verbotsgrund. Auch Radikalität ist nicht automatisch Verfassungsfeindlichkeit. Wer diese Unterschiede verwischt, beschädigt genau jene demokratische Ordnung, die er zu verteidigen vorgibt.

    Der Staat darf nicht zum Schiedsrichter politischer Gesinnung werden

    Frankreichs Verfassung schützt in Artikel 4 die freie Bildung und Betätigung politischer Parteien. Das ist keine juristische Höflichkeitsformel, sondern eine fundamentale Sicherung gegen die Willkür staatlicher Macht.

    Gewiss: Eine Demokratie muss sich gegen Organisationen wehren können, die Gewalt propagieren, Menschen bedrohen oder die demokratische Ordnung beseitigen wollen. Sie darf nicht wehrlos sein. Aber zwischen der Bekämpfung konkreter Gewalttaten und dem Verbot einer politischen Partei liegt ein rechtsstaatlicher Abgrund.

    Wer eine Rathausfassade anzündet, muss strafrechtlich verfolgt werden. Wer zu Gewalt aufruft, muss dafür Verantwortung tragen. Doch aus der Schuld einzelner Täter lässt sich nicht ohne Weiteres die Schuld einer ganzen politischen Bewegung konstruieren. Sonst wird aus dem Rechtsstaat ein Verdachtsstaat.

    Die französische Rechtsprechung verlangt für die Auflösung einer Organisation konkrete Tatsachen und eine verhältnismässige Entscheidung. Das ist gut so. Der Staat darf nicht deshalb eine Partei beseitigen, weil ihre Reden provozieren, ihre Anhänger auf die Strasse gehen oder ihre Gegner sie für eine Gefahr halten.

    Wer Verbote fordert, gesteht politische Hilflosigkeit ein

    Besonders bedenklich ist der Zeitpunkt. Frankreich steht vor einer Präsidentschaftswahl, das Vertrauen in die Institutionen schwindet, soziale Konflikte verschärfen sich. Hunderttausende demonstrieren gegen steigende Lebenshaltungskosten und den Verfall öffentlicher Dienstleistungen. Die Gewalt einer Minderheit darf dabei nicht den friedlichen Protest der Mehrheit delegitimieren.

    Gerade jetzt müsste die politische Führung erklären, überzeugen und vermitteln. Stattdessen wird über Parteiverbote und Ausnahmezustand gesprochen. Das ist keine Antwort auf die Krise der Demokratie. Es droht, sie zu verschärfen.

    Ein Parteiverbot beseitigt schliesslich keine politischen Überzeugungen. Es beseitigt allenfalls deren legale Organisationsform. Die Wähler verschwinden nicht, ihre Wut verschwindet nicht, ihre Enttäuschung verschwindet nicht. Im Gegenteil: Wer ihnen ihre politische Vertretung nimmt, riskiert, dass sie sich von der Republik selbst abwenden.

    Gérard Larcher sollte das wissen. Als Präsident des Senats verkörpert er eine Institution, deren Aufgabe es ist, demokratische Kontinuität und rechtsstaatliche Besonnenheit zu gewährleisten.

    Die Stärke einer Demokratie bemisst sich nicht daran, wie schnell sie ihre Gegner verbieten kann. Sondern daran, wie entschlossen sie deren Rechte verteidigt, solange diese die Grenzen des Rechts achten.

    Wer eine Partei politisch besiegen will, muss bessere Argumente haben. Ein Verbotsantrag ist kein Ersatz dafür.

    Daniel Ivers

  • Mein Sohn ist 16, er protestiert – und ich soll zahlen?

    Mein Sohn ist 16, er protestiert – und ich soll zahlen?

    Kommentar

    Mein Sohn ist 16. Sechzehn! In diesem Alter kann er morgens seine Sportsachen vergessen, mittags sein Handy verlieren und abends mit absoluter Gewissheit erklären, dass ich keine Ahnung vom Leben habe. Aber wenn er bei einer Demonstration mit den falschen Leuten herumsteht, soll plötzlich die finanzielle Verantwortung bis in die Familienkasse reichen?

    Willkommen bei «casseurs-payeurs».

    Natürlich klingt das wunderbar. Krawallmacher zahlen! Wer eine Bushaltestelle zerlegt, ein Auto anzündet oder einen Laden plündert, soll für den Schaden geradestehen. Darüber muss man nicht lange diskutieren. Wer etwas kaputtmacht, bezahlt es.

    Aber genau da beginnt das Problem: Der Gesetzentwurf richtet sich eben nicht nur gegen denjenigen, der den Pflasterstein wirft. Er kann unter bestimmten Voraussetzungen auch Menschen treffen, die selbst gar nichts zerstört haben.

    Mein Sohn also.

    Papa, ich war nur dabei!

    Nehmen wir an, 300 Schüler demonstrieren. Einige Chaoten zünden Mülltonnen an. Die Polizei fordert die Menge auf, sich aufzulösen. Mein Sohn bleibt.

    Warum?

    Vielleicht aus Protest. Vielleicht weil seine Freunde noch da sind. Vielleicht weil er mit 16 genau jene bemerkenswerte Mischung aus Selbstüberschätzung und Orientierungslosigkeit besitzt, die Jugendliche seit Erfindung der Pubertät auszeichnet.

    Und nun beginnt die juristische Feinarbeit: Hat er gewusst, dass andere randalieren? Hat er die Aufforderung zur Auflösung verstanden? Ist er freiwillig geblieben? Welche Schäden entstanden danach?

    Das muss ein Gericht klären.

    Immerhin!

    Denn andernfalls könnten wir das Verfahren erheblich vereinfachen: Polizist fotografiert Jugendlichen, Computer sucht Eltern heraus, und drei Wochen später kommt der Brief: «Herzlichen Glückwunsch! Ihr Sohn wurde am Rande einer brennenden Mülltonne gesehen. Macht 10 000 Euro.»

    Erziehung per Kontopfändung?

    Besonders pikant wird es, wenn Familienleistungen ins Spiel kommen. Der Gesetzentwurf eröffnet nach einer endgültigen Verurteilung Möglichkeiten, bestimmte Sozialleistungen zur Begleichung von Schadenersatz heranzuziehen.

    Da wird aus dem politischen Prinzip «Krawallmacher zahlen» schnell: Papa und Mama merken es auf dem Konto.

    Natürlich sollen Eltern Verantwortung übernehmen. Natürlich sollen Jugendliche lernen, dass Handlungen Konsequenzen haben.

    Aber Verantwortung funktioniert auch in die andere Richtung: Der Staat muss exakt beweisen, wer wofür verantwortlich ist.

    Das ist keine juristische Spitzfindigkeit. Das ist der Unterschied zwischen individueller Haftung und Sippenhaftung mit Verwaltungsformular.

    Der Conseil d’État hat deshalb wichtige Grenzen verlangt: blosse Anwesenheit reicht nicht. Es braucht Wissen um die Gewalt, freiwilliges Verbleiben trotz Aufforderung zur Auflösung und einen klaren zeitlichen und örtlichen Zusammenhang.

    Und das ist richtig so.

    Denn mein Sohn darf für seine eigenen Fehler bezahlen. Er darf auch lernen, dass Protest kein Freibrief für Gewalt ist.

    Aber wenn irgendein vermummter Idiot hundert Meter weiter eine Scheibe einschlägt, möchte ich doch eine etwas bessere Begründung hören als:

    «Ihr Sohn war halt auch da.»

    Daniel Ivers

  • Frankreichs «Krawallmacher-zahlen»-Gesetz: Zwischen Abschreckung und Beweisproblem

    Frankreichs «Krawallmacher-zahlen»-Gesetz: Zwischen Abschreckung und Beweisproblem

    Angesichts der Proteste französischer Gymnasiasten und der Ausschreitungen an mehreren Schulen beschleunigt die Regierung ihr umstrittenes Gesetzesprojekt «casseurs-payeurs» – sinngemäss: Krawallmacher sollen zahlen. Am 27. Oktober soll der Senat darüber beraten. Die politische Botschaft ist einfach. Juristisch ist das Vorhaben erheblich komplizierter. Bis zu 10 000 Euro Haftung Der Gesetzentwurf führt eine neue Form der solidarischen zivilrechtlichen Haftung ein. Wer wissentlich einer Gruppe angehört, die Gewalttaten oder Sachbeschädigungen vorbereitet, könnte künftig für Schäden anderer Gruppenmitglieder mithaften – bis zu 10 000 Euro pro Person. Für die gegenwärtigen Schülerproteste wichtiger ist eine zweite Regelung. Wer nach einer polizeilichen Aufforderung zur Auflösung freiwillig in einer Menschenansammlung verbleibt, obwohl er weiss, dass dort Gewalt, Diebstähle oder Sachbeschädigungen begangen werden, könnte ebenfalls zur Kasse gebeten werden. Das bedeutet allerdings nicht, da…

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  • Frankreichs Budget 2027: Im Herbst schlägt die Stunde der Wahrheit

    Frankreichs Budget 2027: Im Herbst schlägt die Stunde der Wahrheit

    Frankreich kennt den Fahrplan für den Haushalt 2027. Was es nicht kennt, ist der politische Weg zu einer Mehrheit. Bis spätestens Anfang Oktober muss die Regierung ihren Entwurf für das kommende Haushaltsjahr der Nationalversammlung vorlegen. Danach beginnt ein parlamentarisches Verfahren, das auf dem Papier streng geregelt ist. Doch hinter den Fristen verbirgt sich eine weit grundsätzlichere Frage: Ist Frankreichs politisches System noch in der Lage, unter den Bedingungen eines fragmentierten Parlaments einen glaubwürdigen finanzpolitischen Kurs zu formulieren? Am 25. August ist der Projet de loi de finances pour 2027, kurz PLF 2027, noch nicht im Parlament eingebracht. Die entscheidenden Wochen beginnen erst im September. Aber schon jetzt zeichnet sich ab, dass dieser Haushalt weit mehr sein wird als eine Aufstellung von Einnahmen und Ausgaben. Er wird zum Belastungstest für Regierung, Parlament und letztlich für die Fähigkeit des französischen Staates, seine wachsenden finanziellen …

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  • Frankreich verschärft den Schutz für Polizisten – Nationalversammlung billigt umstrittene Waffenregelung

    Frankreich verschärft den Schutz für Polizisten – Nationalversammlung billigt umstrittene Waffenregelung

    Frankreich hat einen weiteren Schritt in einer seit Jahren kontrovers geführten Debatte über Polizeigewalt und innere Sicherheit vollzogen. Die Nationalversammlung verabschiedete am 7. Juli 2026 in erster Lesung ein Gesetz, das Polizeibeamten und Gendarmen bei der Nutzung ihrer Schusswaffen einen erweiterten rechtlichen Schutz gewähren soll. Die Regierung bezeichnet die Reform als notwendige Absicherung der Sicherheitskräfte. Kritiker hingegen sehen darin eine erhebliche Schwächung rechtsstaatlicher Kontrollmechanismen und warnen vor weitreichenden Folgen für die gerichtliche Aufarbeitung tödlicher Polizeieinsätze.

    Bevor das Gesetz in Kraft treten kann, muss es noch den Senat passieren und anschließend das weitere parlamentarische Verfahren durchlaufen.

    Vom Begriff der Notwehr zur Vermutung rechtmäßigen Waffengebrauchs

    Der ursprüngliche Gesetzesentwurf sah eine Vermutung der Notwehr („présomption de légitime défense“) für Polizeibeamte und Gendarmen vor. Diese Formulierung stieß jedoch bereits im Vorfeld auf erhebliche juristische Bedenken. Die Regierung entschied sich deshalb für eine rechtlich abgeschwächte, aber dennoch weitreichende Neufassung.

    Künftig soll nicht mehr vermutet werden, dass ein Beamter in Notwehr gehandelt hat. Stattdessen gilt zunächst die Annahme, dass der Schusswaffengebrauch innerhalb der gesetzlich vorgesehenen Einsatzsituationen erfolgte und die Voraussetzungen der „absoluten Erforderlichkeit“ sowie der „strikten Verhältnismäßigkeit“ eingehalten wurden. Diese Vermutung ist allerdings widerlegbar. Staatsanwaltschaften und Gerichte können sie durch gegenteilige Beweise entkräften.

    Die Regierung betont deshalb, das Gesetz schaffe keine Straflosigkeit für Polizeibeamte. Vielmehr solle verhindert werden, dass Einsatzkräfte nach jedem Schusswaffengebrauch automatisch unter Generalverdacht gerieten.

    Das geltende Recht stammt bereits aus dem Jahr 2017

    Die Reform baut auf einer bereits bestehenden Rechtsgrundlage auf. Seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2017 regelt Artikel L.435-1 des französischen Sicherheitsgesetzbuches detailliert, unter welchen Voraussetzungen Polizei und Gendarmerie ihre Schusswaffen einsetzen dürfen.

    Ein Schuss ist nur in eng definierten Situationen zulässig, etwa zur unmittelbaren Abwehr lebensgefährlicher Angriffe, zum Schutz Dritter oder zur Verhinderung unmittelbar drohender schwerster Straftaten. Darüber hinaus gilt bereits heute der Grundsatz, dass jeder Waffeneinsatz zwingend „absolut notwendig“ und „strikt verhältnismäßig“ sein muss.

    An diesen materiellen Voraussetzungen ändert das neue Gesetz nichts. Die eigentliche Neuerung betrifft vielmehr die strafrechtliche Bewertung nach einem Schusswaffeneinsatz. Während bislang Staatsanwaltschaften zunächst prüften, ob sämtliche gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt waren, verschiebt sich nun die Ausgangslage zugunsten der eingesetzten Beamten.

    Juristen sprechen deshalb weniger von einer Änderung des materiellen Polizeirechts als vielmehr von einer Veränderung der Beweislast im Ermittlungsverfahren.

    Regierung sieht besseren Schutz für Einsatzkräfte

    Innenminister Laurent Nuñez verteidigte die Reform als notwendige Antwort auf die zunehmenden Belastungen der Sicherheitskräfte. Polizisten und Gendarmen müssten in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen, oftmals unter Lebensgefahr. Dass gegen sie nach jedem Schusswaffeneinsatz automatisch umfangreiche strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet würden, führe zu erheblicher Rechtsunsicherheit und könne im Ernstfall zu gefährlichem Zögern führen.

    Die Regierungsmehrheit argumentiert, die Reform stelle lediglich klar, dass Beamte zunächst als gesetzeskonform handelnd gelten sollen, solange keine gegenteiligen Beweise vorliegen. Strafrechtliche Ermittlungen blieben weiterhin möglich. Auch Verurteilungen seien keineswegs ausgeschlossen, wenn sich ein unverhältnismäßiger oder rechtswidriger Waffeneinsatz nachweisen lasse.

    Unterstützt wurde das Vorhaben neben den Regierungsparteien auch von den konservativen Republikanern sowie den Abgeordneten des Rassemblement National.

    Linke Opposition warnt vor einem „Freibrief zum Töten“

    Die parlamentarische Linke lehnte das Gesetz geschlossen ab. Vertreter von La France insoumise, Sozialisten, Grünen und Kommunisten bezeichneten die Reform als gefährlichen Bruch mit rechtsstaatlichen Prinzipien. Immer wieder fiel im Plenarsaal der Begriff „permis de tuer“ – ein „Freibrief zum Töten“.

    Nach Auffassung der Gegner verändert die gesetzliche Vermutung zwangsläufig die Ausgangslage jeder strafrechtlichen Untersuchung. Ermittlungsbehörden müssten künftig zunächst die Vermutung der Rechtmäßigkeit widerlegen. Dadurch werde die gerichtliche Kontrolle erschwert und die Position möglicher Opfer oder ihrer Angehörigen geschwächt.

    Mehrere Organisationen von Richtern, Strafverteidigern und Menschenrechtsverbänden hatten sich bereits im Vorfeld gegen das Gesetz ausgesprochen. Auch die französische Menschenrechtsbeauftragte (Défenseure des droits) äußerte erhebliche verfassungsrechtliche Bedenken.

    Hitzige Debatte und Proteste im Parlament

    Die Beratungen verliefen außergewöhnlich angespannt. Die linke Opposition versuchte mit zahlreichen Änderungsanträgen und Geschäftsordnungsanträgen den parlamentarischen Ablauf zu verzögern. Die Regierung griff schließlich auf verfahrensrechtliche Instrumente zurück, um die Abstimmung dennoch herbeizuführen.

    Das Gesetz wurde schließlich mit 313 gegen 199 Stimmen angenommen.

    Nach Verkündung des Abstimmungsergebnisses kam es auch auf der Zuschauertribüne zu Protesten. Vertreter von Initiativen, die Angehörige von Opfern tödlicher Polizeischüsse vertreten, riefen lautstark „Pas de justice, pas de paix“ („Keine Gerechtigkeit, kein Frieden“) und wurden anschließend aus dem Sitzungssaal geführt.

    Parallel zum parlamentarischen Verfahren hatte eine Petition gegen das Gesetz innerhalb weniger Wochen mehrere Hunderttausend Unterstützer gefunden.

    Verfassungsrechtliche Fragen dürften den Gesetzgeber weiter beschäftigen

    Ob das Gesetz in seiner jetzigen Form Bestand haben wird, bleibt offen. Zahlreiche Verfassungsrechtler weisen darauf hin, dass Frankreich sowohl an seine eigene Verfassung als auch an die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gebunden ist.

    Gerade beim Einsatz tödlicher Gewalt verlangt die Straßburger Rechtsprechung besonders effektive und unabhängige Ermittlungen. Kritiker bezweifeln, dass eine gesetzliche Vermutung zugunsten der Einsatzkräfte mit diesen Anforderungen vollständig vereinbar ist.

    Befürworter halten dagegen, dass die Vermutung ausdrücklich widerlegbar ausgestaltet wurde und deshalb weder Ermittlungen verhindere noch gerichtliche Verfahren ausschließe. Ob diese Argumentation auch einer späteren verfassungs- oder menschenrechtlichen Überprüfung standhält, dürfte erst die weitere Rechtsprechung zeigen.

    Mit der ersten Lesung in der Nationalversammlung ist die politische Debatte daher keineswegs beendet. Im Senat dürfte der Gesetzentwurf erneut intensiv diskutiert werden. Selbst nach einem erfolgreichen Abschluss des parlamentarischen Verfahrens erscheint wahrscheinlich, dass sich der Verfassungsrat oder später auch europäische Gerichte mit der neuen Regelung befassen werden. Unabhängig vom endgültigen Ausgang verdeutlicht die Reform einmal mehr den schwierigen Balanceakt zwischen dem Schutz der Sicherheitskräfte und der rechtsstaatlichen Kontrolle staatlicher Gewalt – ein Spannungsfeld, das Frankreich seit Jahren beschäftigt und auch künftig die politische Diskussion prägen dürfte.

    Andreas M. Brucker

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  • Frankreich greift Ultra Fast Fashion an

    Frankreich greift Ultra Fast Fashion an

    Frankreich verschärft den Kampf gegen umweltschädliche Billigmode. Die Nationalversammlung und der Senat haben ein Gesetz verabschiedet, das gezielt gegen sogenannte Ultra Fast Fashion vorgeht. Das Land übernimmt damit eine Vorreiterrolle in Europa und führt als erster EU Staat finanzielle Sanktionen gegen besonders umweltschädliche Onlinehändler wie Shein und Temu ein. Ziel der neuen Regelung: den Konsum extrem günstiger Wegwerfmode bremsen und nachhaltigeres Kaufverhalten fördern. Herzstück des Gesetzes bildet ein finanzieller Umweltmalus für Unternehmen, die unter die Kategorie Ultra Fast Fashion fallen. Dieser Aufschlag soll schrittweise eingeführt werden und am Ende bis zu 50 Prozent des Verkaufspreises eines Kleidungsstücks erreichen. Die genaue Höhe sowie die Berechnung legt die Regierung in den kommenden Monaten per Verordnung fest. Nach dem derzeitigen Zeitplan treten die wichtigsten Bestimmungen bereits zum 1. September 2026 in Kraft. Neben dem finanziellen Malus sieht das Ge…

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  • Kommentar: Und ewig grüßt das Murmeltier

    Kommentar: Und ewig grüßt das Murmeltier

    Kaum glaubt man, die Debatte sei endlich entschieden, beginnt das gleiche Schauspiel von vorn. Wieder wird darüber abgestimmt, ob Pestizide, die aus guten Gründen verboten wurden, nicht vielleicht doch plötzlich eine brillante Idee sein könnten. Als hätten sich Chemie, Biologie oder die Naturgesetze über Nacht geändert.

    Spoiler: Haben sie nicht.

    Acetamiprid bleibt ein Pestizid. Flupyradifuron bleibt ein Pestizid. Und Pestizide werden nicht harmloser, nur weil eine parlamentarische Mehrheit die Hand hebt. Sie verlieren weder ihre Wirkung auf Insekten noch ihre möglichen Risiken für Umwelt und Artenvielfalt, weil man sie in ein neues Gesetz schreibt oder mit wohlklingenden Begriffen wie „Ausnahmeregelung“ versieht.

    Wie oft wollen wir dieses Spiel eigentlich noch spielen?

    Seit Jahren wird über das Insektensterben diskutiert. Wissenschaftler warnen vor dem Verlust der Biodiversität. Bienen verschwinden, Wildinsekten gehen dramatisch zurück, ganze Ökosysteme geraten aus dem Gleichgewicht. Gleichzeitig beklagen wir den Rückgang der Artenvielfalt, investieren Millionen in Naturschutzprogramme und pflanzen Blühstreifen. Und dann kommt zuverlässig der nächste Vorschlag, genau jene Stoffe wieder einzusetzen, die zu diesem Problem beitragen können.

    Das ist ungefähr so, als würde man ein Feuer löschen wollen – und zwischendurch immer wieder Benzin nachgießen.

    Natürlich stehen viele Landwirte unter enormem wirtschaftlichem Druck. Dafür tragen sie nicht allein die Verantwortung. Politik, Handel und Verbraucher verlangen höchste Umweltstandards, erwarten gleichzeitig aber Lebensmittel zu Preisen, die oft kaum die Produktionskosten decken. Dieses Dilemma ist real und verdient Lösungen.

    Doch die Antwort kann doch nicht ernsthaft lauten: Dann holen wir eben die alten Pestizide zurück.

    Was kommt als Nächstes? Asbest, weil moderne Dämmstoffe teurer sind? Oder verbleites Benzin, weil der Motor damit so schön rund läuft?

    Immer wieder wird argumentiert, andere europäische Länder würden diese Mittel schließlich ebenfalls einsetzen. Seit wann ist „Die anderen machen es auch“ ein tragfähiges politisches Konzept? Nach dieser Logik müsste man jede Umwelt- oder Gesundheitsvorschrift infrage stellen, solange irgendwo auf der Welt niedrigere Standards gelten.

    Fortschritt bedeutet nicht, alte Fehler zu wiederholen. Fortschritt bedeutet, bessere Lösungen zu entwickeln – resistente Sorten, biologische Pflanzenschutzmethoden, moderne Forschung und eine Landwirtschaft, die wirtschaftlich tragfähig ist, ohne die natürlichen Lebensgrundlagen weiter zu belasten.

    Manchmal drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass manche Entscheidungsträger nur bis zur nächsten Ernte denken – während die Folgen für Böden, Gewässer und Artenvielfalt den kommenden Generationen überlassen werden.

    Deshalb eine einfache Frage:

    Wann kapiert ihr eigentlich endlich, dass Pestizide nicht besser werden, nur weil immer wieder jemand dafür stimmt?

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

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