Schlagwort: Rechtspopulismus

  • Der neue Schulterschluss der europäischen Rechten – Marine Le Pen trotzt ihrer Verurteilung

    Der neue Schulterschluss der europäischen Rechten – Marine Le Pen trotzt ihrer Verurteilung

    Am 9. Juni 2025 inszenierte sich der Rassemblement National (RN) als führende Kraft der europäischen Rechten. Auf einem ländlichen Gelände bei Mormant-sur-Vernisson im französischen Département Loiret versammelten sich über 5.000 Anhänger des RN, flankiert von prominenten Vertretern der europäischen Rechtsaußenparteien. Anlass war das einjährige Jubiläum des Wahlerfolgs bei den Europawahlen 2024, bei denen der RN mit 31,37 Prozent der Stimmen sein bisher bestes Ergebnis erzielte.

    Im Mittelpunkt des Treffens stand die öffentlich zur Schau gestellte Geschlossenheit der Parteiführung. Marine Le Pen, obwohl seit März 2025 aufgrund einer Verurteilung wegen Veruntreuung europäischer Gelder für fünf Jahre von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen, trat als zentrale Figur auf. Ihre Botschaft war eine klare Kampfansage an das politische und juristische Establishment Frankreichs und der Europäischen Union.

    Le Pen als Symbolfigur – trotz politischem Bann

    Die dreifache Präsidentschaftskandidatin verurteilte ihre Ineligibilitätsstrafe als politisch motiviert. Die Justiz sei, so Le Pen, „instrumentalisiert worden“, um ihre Teilnahme an der Präsidentschaftswahl 2027 zu verhindern. In ihrer Rede zeichnete sie ein düsteres Bild der EU, die sie als „wokistisches, ultraliberales Imperium“ beschrieb, das im Begriff sei, Europa in einen Krieg zu führen. Mit dieser Rhetorik positionierte sie sich erneut als Stimme des Protests gegen das politische Zentrum, verbunden mit einer klaren Ablehnung der EU-Institutionen.

    An ihrer Seite stand Jordan Bardella, der junge Parteichef und designierte Nachfolger. In seinen Ausführungen übernahm er zentrale Narrative Le Pens, geißelte die EU als „bürokratisches Monster“ und stellte insbesondere den europäischen Migrationspakt als Bedrohung für die nationale Souveränität Frankreichs dar. Seiner Darstellung zufolge zwingt Brüssel Frankreich, Migranten gegen den Willen der lokalen Bevölkerung in ländliche Regionen umzusiedeln – eine Interpretation, die die Ängste eines Teils der Bevölkerung gezielt bedient.

    Orbán, Salvini, Abascal – das internationale Netzwerk der Rechten

    Ein bemerkenswertes Zeichen war die Anwesenheit internationaler Verbündeter. Viktor Orbán, Matteo Salvini und Santiago Abascal verliehen dem Treffen den Anschein einer paneuropäischen Mobilisierung der Rechten. Orbán griff auf seine bekannte Argumentation des „Großen Austauschs“ zurück, nach der europäische Migrationspolitik zur Ersetzung der traditionellen Bevölkerung führe. Salvini wiederum beschwor das Bild einer „von Brüssel finanzierten Invasion islamistischer Illegaler“. Abascal sprach gar von einer historischen Notwendigkeit, dass „Marine kommt“ und „Frankreich zu Europa zurückkehrt“.

    Die Symbolik war eindeutig: Der RN inszeniert sich nicht mehr nur als französische Oppositionskraft, sondern als Teil eines europaweiten Projekts der konservativen Wende. Die nationale Bühne wurde damit zur Kulisse für eine größere ideologische Allianz.

    Zwischen Mobilisierung und Polarisierung

    Der Event stieß nicht nur auf Zustimmung. Zeitgleich fand in Montargis eine Gegenkundgebung statt, organisiert von linken Parteien, Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Gruppen. Rund 3.000 Teilnehmer protestierten gegen das Auftreten des RN und seiner Gäste, warnten vor einem „Rückfall in autoritäre Ideologien“ und sprachen von einer „neuen Gefahr für die Demokratie“. Die Polarisierung zwischen Anhängern und Gegnern des RN war greifbar – und sie dürfte sich im Vorfeld der kommenden Wahlen weiter zuspitzen.

    Die Nachfolgefrage – Bardella rückt in den Fokus

    Mit dem Ausschluss Le Pens von künftigen Wahlen steht Bardella nun mehr denn je im Zentrum der Parteistrategie. Der 29-jährige Parteivorsitzende verfügt über solide Zustimmungswerte, insbesondere bei jungen Wählern. Umfragen zufolge erreicht er in der Altersgruppe unter 35 fast die gleiche Unterstützung wie Le Pen. Seine politische Linie ist bislang eine Gratwanderung: Er versucht, die rebellische Grundhaltung des RN mit einem präsidialeren Habitus zu verbinden – eine Strategie, die sowohl das Erbe Le Pens wahrt als auch eine gewisse Modernisierung signalisiert.

    Die Herausforderung besteht darin, die in den letzten Jahren betriebene „Dédiabolisation“ – also die Normalisierung und Entradikalisierung des Parteibilds – mit der engen Anbindung an Figuren wie Orbán oder Salvini zu vereinen. Letztere gelten vielen Franzosen nach wie vor als Inbegriff eines autoritären, illiberalen Konservatismus. Die Frage ist, ob sich der RN langfristig als Partei mit Regierungsperspektive oder als dauerhafte Protestbewegung positionieren will.

    Ein strategischer Kraftakt mit offenem Ausgang

    Die „Fête de la victoire“ war mehr als ein Jubiläum. Sie war ein strategisch inszenierter Moment, in dem der RN seine Wandlung zur europäischen Schlüsselpartei der Rechten vorführen wollte. Mit Marine Le Pen als Märtyrerin des Systems, Bardella als Hoffnungsträger der Jugend und einem Netzwerk internationaler Unterstützer präsentiert sich der RN als geschlossen, zukunftsorientiert – und gefährlich einflussreich.

    Doch der Weg zur Macht ist steinig. Die Polarisierung der französischen Gesellschaft schreitet voran, und die Legitimität des RN bleibt umstritten. Die nächsten Monate werden zeigen, ob die Partei in der Lage ist, aus der aktuellen Dynamik einen echten politischen Durchbruch zu machen – oder ob der Schulterschluss mit den europäischen Rechtsnationalisten letztlich mehr schreckt als begeistert.

    Von Andreas Brucker

  • Kommentar: Wann lernen wir endlich, dass Rechtspopulismus tödlich ist?

    Kommentar: Wann lernen wir endlich, dass Rechtspopulismus tödlich ist?

    Es passiert immer wieder – und trotzdem tun wir jedes Mal überrascht. Entsetzt. Fassungslos. Diesmal heißt das Opfer Hichem Miraoui, Friseur, Vater, Mensch. Er wurde in Puget-sur-Argens ermordet – kaltblütig, mit Ansage, mitten in einem Land, das sich gern „zivilisiert“ nennt.

    Der Täter? Christophe B., 53, Franzose, Sportschütze, Nachbar, Alltagsrassist mit Terrorpotenzial. Einer, den man oft findet: in Facebook-Kommentaren, am Stammtisch, in gewissen Telegram-Gruppen. Einer, der laut denkt, was viele still nicken – und dem irgendwann der Finger am Abzug nicht mehr zittert.

    Und jetzt? Jetzt fangen wieder alle an zu stottern. Politiker werfen sich mit Worthülsen um sich: „Einzelfall“, „Schock“, „unfassbar“. Nein, Freunde. Das war kein Einzelfall – das war ein Ergebnis. Die Folge eines Klimas, das sich seit Jahren verdüstert. Ein Klima, in dem rechte Hetze als Meinung gilt, in dem „Remigration“ im Wahlprogramm steht und rassistische Sprüche zur Folklore verkommen.

    Rechtspopulismus ist nicht nur eine Meinungsrichtung. Er ist ein Brandbeschleuniger. Wer gegen Migranten hetzt, gegen Muslime polemisiert, gegen Diversität schäumt, legt das Fundament für genau solche Taten. Er schafft den Nährboden – und irgendwer greift irgendwann zur Waffe.

    Doch statt dieser Wahrheit ins Gesicht zu blicken, flüchten wir uns in Euphemismen. Da wird nicht von Terror gesprochen, sondern von „Tatverdächtigen“. Als wären Worte gefährlicher als Kugeln.

    Wollen wir wirklich so weiterleben?

    Wollen wir weiter diskutieren, ob jemand „das ja vielleicht gar nicht so gemeint“ hat, während Menschen erschossen werden? Wollen wir wirklich darauf warten, dass der nächste Hichem stirbt, bevor wir ernsthaft etwas unternehmen?

    Die sogenannte Mitte der Gesellschaft muss sich entscheiden. Will sie weiter schweigen, wenn rechte Parolen durch Talkshows wabern? Will sie weiter in ihrer Komfortzone hocken und hoffen, dass der Hass sich irgendwann selbst erledigt?

    Oder sagt sie endlich: Schluss damit.

    Denn wer Rassismus duldet, macht sich mitschuldig. Wer Rechtspopulismus mit demokratischer Vielfalt verwechselt, hat nichts verstanden. Und wer jetzt noch glaubt, dass diese Ideologie harmlos sei – der soll sich bitte den Tatort in Puget-sur-Argens anschauen.

    Die Kugeln von Christophe B. wurden nicht nur durch Waffen abgefeuert. Sie wurden geladen durch Worte. Worte, die zu oft ungestraft bleiben.

    Wann lernen wir endlich, dass das tödlich ist?

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Protest gegen rechtsgerichteten Medien-Chef Bolloré: Widerstand auf dem Wasser und an Land

    Protest gegen rechtsgerichteten Medien-Chef Bolloré: Widerstand auf dem Wasser und an Land

    Was als spektakuläre Protestaktion auf See geplant war, wurde zu einem lautstarken Aufstand am Strand. Trotz eines strikten Verbots durch die Präfektur haben am 24. Mai 2025 rund 300 Menschen in Fouesnant klargemacht: Der Einfluss von Vincent Bolloré, dem umstrittenen rechtsgerichteten Medienmogul, ist für sie ein Angriff auf die Demokratie – und sie wollen das nicht länger hinnehmen. Segel gegen die Medienmacht Eigentlich sollte es ein symbolträchtiger Protest im Archipel der Glénan werden. Ziel: Die Insel Loc’h, im Privatbesitz der Familie Bolloré. Doch die Behörden schoben dem einen Riegel vor – angeblich aus Sorge um Sicherheitsvorkehrungen und den Schutz des ökologisch sensiblen Gebiets, das unter dem Schutzprogramm Natura 2000 steht. Die Demonstranten ließen sich davon nicht beirren. Statt auf dem Wasser, verliehen sie ihrem Protest auf dem Strand Ausdruck. Am Cap-Coz in Fouesnant entstand ein buntes, lautstarkes Bild des Widerstands. Transparente flatterten im Wind, Sprechchöre …

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  • Machtkampf im Rassemblement National: Bardellas Aufstieg und Le Pens Abstieg

    Machtkampf im Rassemblement National: Bardellas Aufstieg und Le Pens Abstieg

    Der französische Rechtspopulismus steht vor einem Wendepunkt. Marine Le Pen, die langjährige Galionsfigur des Rassemblement National (RN), sieht sich mit einer juristischen Hürde konfrontiert, die ihre politische Zukunft infrage stellt. Gleichzeitig rückt Jordan Bardella, ihr politischer Ziehsohn und aktueller Parteivorsitzender, ins Zentrum der Aufmerksamkeit und könnte zur neuen Leitfigur des RN avancieren. Le Pens juristisches Dilemma Im Frühjahr 2025 wurde Marine Le Pen in erster Instanz wegen Veruntreuung europäischer Parlamentsgelder verurteilt. Neben einer Haftstrafe erhielt sie ein fünfjähriges Verbot, öffentliche Ämter auszuüben. Le Pen bestreitet die Vorwürfe und hat Berufung eingelegt. Dennoch ist ungewiss, ob sie rechtzeitig zur Präsidentschaftswahl 2027 erneut kandidieren darf. Die mögliche Inhaftierung oder das politische Abstellgleis einer der bekanntesten Oppositionspolitikerinnen des Landes stellt nicht nur das Kräfteverhältnis innerhalb des RN infrage, sondern auch fü…

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  • Rumänien vor der Richtungsentscheidung: Nationalist Simion dominiert erste Wahlrunde

    Rumänien vor der Richtungsentscheidung: Nationalist Simion dominiert erste Wahlrunde

    Am 4. Mai 2025 erlebte Rumänien einen politischen Umbruch: George Simion, Vorsitzender der ultranationalistischen Partei AUR (Allianz für die Vereinigung der Rumänen), gewann die erste Runde der Präsidentschaftswahlen mit 40,5 Prozent der Stimmen. Im zweiten Wahlgang am 18. Mai wird er gegen den pro-europäischen Bukarester Bürgermeister Nicușor Dan antreten, der 20,9 Prozent der Stimmen erhielt. Damit stehen sich zwei völlig unterschiedliche politische Weltanschauungen gegenüber – und die Zukunft des Landes steht auf dem Spiel.

    Ein Kandidat mit polarisierendem Profil

    George Simion, 38 Jahre alt, ist eine prägende Figur der rumänischen Rechten. Als Mitbegründer der AUR im Jahr 2019 hat er sich durch nationalistische, konservative und EU-skeptische Positionen hervorgetan. Seine Reden sind durchzogen von historischen Verweisen, patriotischer Rhetorik und einer scharfen Kritik an der politischen Elite und westlichen Institutionen. Die Ablehnung der militärischen Unterstützung für die Ukraine sowie Forderungen nach einer „Wiederherstellung der historischen Grenzen Rumäniens“ haben ihm breite mediale Aufmerksamkeit eingebracht – ebenso wie seinen Ausschluss aus Moldawien und der Ukraine.

    Brisant ist auch seine Ankündigung, im Falle eines Wahlsiegs Călin Georgescu zum Premierminister zu ernennen – einen umstrittenen ehemaligen UN-Experten, der durch prorussische Aussagen und antisemitische Verschwörungstheorien aufgefallen ist. Georgescu war bereits bei der annullierten Präsidentschaftswahl 2024 ein zentraler Akteur, die wegen vermuteter externer Einflussnahme aufgehoben wurde. Trotz juristischer Verfahren und politischer Isolation wird er von Simion offen hofiert – ein Signal, das viele als gezielten Affront gegen westliche Standards der politischen Kultur werten.

    Politische Instabilität als Nährboden

    Die derzeitige Zuspitzung ist das Ergebnis jahrelanger politischer Instabilität. Der erneute Urnengang wurde durch eine Entscheidung des Verfassungsgerichts notwendig, das Unregelmäßigkeiten und mutmaßliche russische Einflussnahmen bei der Wahl 2024 monierte. Die daraus folgende Vertrauenskrise in die staatlichen Institutionen führte zu Demonstrationen, erhöhter gesellschaftlicher Polarisierung und einem schwindenden Vertrauen in das politische Establishment.

    Das schlechte Abschneiden des sozialdemokratischen Kandidaten Crin Antonescu, der mit 20,3 Prozent den dritten Platz belegte, setzte schließlich die amtierende Regierung unter Druck. Premierminister Marcel Ciolacu trat noch am Wahlabend zurück – eine symbolische Kapitulation angesichts des Rechtsrucks in der Bevölkerung. Seine Regierung, die auf einem fragilen Bündnis von Sozialdemokraten, Liberalen und Minderheitenparteien beruhte, verlor innerhalb weniger Stunden ihre politische Handlungsfähigkeit.

    Zwei entgegengesetzte Visionen

    Der anstehende zweite Wahlgang konfrontiert die Wählerschaft mit einer klaren Alternative: Auf der einen Seite George Simion, der für eine souveränistische, traditionalistische und antiglobalistische Linie steht. Auf der anderen Seite Nicușor Dan, der einen pragmatischen, reformorientierten Kurs verfolgt und sich als verlässlicher Partner der EU und NATO positioniert.

    Dan, ein Mathematiker mit akademischem Hintergrund, war zunächst als Bürgerrechtler aktiv und ist seit 2020 Bürgermeister von Bukarest. Er versteht sich als Vertreter eines technokratischen Politikstils, der institutionelle Stärkung, Korruptionsbekämpfung und Modernisierung in den Vordergrund stellt. Seine Kampagne hebt die Bedeutung von Stabilität und europäischer Integration hervor – in Kontrast zu Simions eher konfrontativen und symbolpolitisch aufgeladenen Botschaften.

    Auswirkungen über Rumänien hinaus

    Die Wahl in Rumänien hat das Potenzial, weit über die Landesgrenzen hinaus zu wirken. Simions Aufstieg könnte die europäische Rechte stärken, insbesondere jene Strömungen, die gegen eine weitere Integration der EU opponieren. Auch innenpolitisch steht viel auf dem Spiel: Unter einem Präsidenten Simion wäre mit einer zunehmenden Aushöhlung liberaler Institutionen, einer Verschärfung der Rhetorik gegenüber Minderheiten und einer distanzierteren Haltung zur Ukraine zu rechnen.

    Zwar betont Simion, dass ein Austritt aus der Europäischen Union oder der NATO nicht auf seiner Agenda stehe. Dennoch besteht die Gefahr, dass Rumänien unter seiner Führung zu einem Störfaktor im transatlantischen Gefüge wird – ähnlich wie es Ungarn unter Viktor Orbán ist. Die Nähe zu Moskau, die mehrfach durch politische Aussagen und Personalvorschläge angedeutet wurde, trägt zusätzlich zur Besorgnis westlicher Hauptstädte bei.

    Die Wahl findet zudem in einem sensiblen sicherheitspolitischen Umfeld statt: Rumänien spielt als östlicher Außenposten der NATO eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der Ukraine und der Sicherung des Schwarzen Meers. Eine politische Neuausrichtung in Bukarest könnte daher strategische Auswirkungen für das gesamte Bündnis haben.

    Eine Entscheidung von historischer Tragweite

    Rumänien steht am Scheideweg. Die Präsidentschaftswahl 2025 ist nicht nur eine innenpolitische Weichenstellung, sondern ein Lackmustest für die Resilienz demokratischer Institutionen in einem Land, das zwischen dem Erbe des Kommunismus und der Verheißung der westlichen Moderne steht. Der Wahlausgang am 18. Mai wird zeigen, ob sich Rumänien weiterhin in das europäische Projekt einfügt – oder ob es in eine Ära der Renationalisierung und politischen Isolation eintritt.

    Von Andreas Brucker

  • Kommentar: AfD – Ein Albtraum aus der alten Heimat

    Kommentar: AfD – Ein Albtraum aus der alten Heimat

    Ich lebe seit vielen Jahren in Frankreich. Und wenn ich ehrlich bin: Noch nie war ich so froh darüber wie in diesen Tagen.

    In Deutschland hat das Bundesamt für Verfassungsschutz die AfD nun ganz offiziell als rechtsextreme Bewegung eingestuft. Kein Verdacht mehr, kein Herumlavieren – eine klare Ansage. Und als jemand, der sein Herz immer noch halb in Deutschland trägt, macht mich das gleichermaßen wütend und traurig. Denn es bedeutet, dass das, was viele von uns schon lange gespürt haben, jetzt schwarz auf weiß bestätigt wurde: Diese Partei steht nicht mehr nur „am Rand“. Sie ist längst darüber hinaus.

    In Frankreich beobachtet man das mit hochgezogenen Augenbrauen – und ein bisschen hämischem Unterton. Schließlich hat man hier mit dem Rassemblement National selbst genug zu tun. Doch während Marine Le Pen ihren Laden auf bürgerlich trimmt und sich vom ganz offenen Extremismus zumindest rhetorisch distanziert, kokettiert die AfD mit völkischen Parolen, Verschwörungstheorien und der Verachtung für demokratische Institutionen. Der Unterschied? In Deutschland geht es oft nicht nur um Symbolik. Da wird’s ernst.

    Natürlich, ich habe noch Familie und Freunde in Deutschland. Und viele von ihnen sind tief verunsichert. Nicht, weil sie der AfD zustimmen würden – im Gegenteil. Sondern weil sie sich fragen, wie es so weit kommen konnte. Wie ein Land, das aus seiner Geschichte gelernt haben sollte, sehenden Auges in die nächste Katastrophe steuert. Haben wir zu lange weggeschaut? Zu viel hingenommen? Zu oft gesagt: „Ach, das wird schon nicht so schlimm“?

    Ganz ehrlich – genau das ist der Punkt.

    Diese Gleichgültigkeit hat uns dahin gebracht, wo wir heute stehen. Und nein, es hilft nichts, sich einzureden, dass „die da oben“ alle gleich sind. Diese Haltung ist nicht nur bequem – sie ist brandgefährlich. Denn sie verschafft genau jenen Auftrieb, die nicht auf Gleichheit, Freiheit und Menschlichkeit setzen, sondern auf Ausgrenzung, Hass und Rückwärtsgewandtheit.

    In meiner französischen Wahlheimat diskutieren die Menschen viel über Identität, Säkularismus und Migration. Auch hitzig, auch kontrovers – aber es gibt eine Linie, die nicht überschritten wird. Wer offen den Nationalsozialismus verharmlost, wird gesellschaftlich geächtet. Wer Minderheiten pauschal diffamiert, hat keine Bühne. In Deutschland hingegen? Da wird Björn Höcke zur Galionsfigur. Ein Mann, der sich kaum Mühe gibt, seine Ideologie zu verschleiern.

    Und genau da liegt das Problem: Die AfD ist nicht „nur“ eine Protestpartei. Sie ist längst ein politisches Projekt mit autoritären Zielen. Sie will nicht reformieren – sie will abschaffen. Und wer glaubt, das beträfe nur „die anderen“, irrt gewaltig. Wenn einmal der Damm bricht, gibt es kein sicheres Ufer mehr.

    Klar, ich bin nicht ausgewandert, weil ich vor der AfD geflohen bin. Aber ich merke, wie sich mein Blick auf Deutschland verändert hat. Früher war da Stolz – auf ein Land, das aus Trümmern eine Demokratie gebaut hat. Heute ist da Sorge – um Freunde, um Familie, um die Gesellschaft, um das, was wir vielleicht gerade verlieren.

    Und manchmal, wenn ich in einer kleinen französischen Bar sitze, bei einem Glas Rotwein, denke ich: Wie konnte es so weit kommen? Wie haben wir so viel Vertrauen verspielt?

    Vielleicht ist jetzt der Punkt gekommen, an dem wir nicht mehr schweigen dürfen. Nicht mehr abwinken. Nicht mehr denken: „Die meinen doch nicht mich.“ Doch, sie meinen uns alle.

    Und wenn wir unsere Stimme nicht erheben, dann werden andere sie für uns erheben – und das wird dann richtig hässlich.

    Von C. Hatty

  • Marine Le Pen trotzt ihrer Verurteilung – und schärft ihr Profil für 2027

    Marine Le Pen trotzt ihrer Verurteilung – und schärft ihr Profil für 2027

    Der 1. Mai in Narbonne war mehr als nur ein symbolträchtiger Feiertag – es war ein politischer Kraftakt. Marine Le Pen, Galionsfigur des Rassemblement National (RN), nutzte das republikanische Bankett ihrer Partei, um sich als unerschütterliche Kandidatin für die Präsidentschaftswahl 2027 zu präsentieren – obwohl sie juristisch betrachtet gar nicht antreten dürfte. Ein Affront gegen das Recht? Oder eine kalkulierte Machtdemonstration? Zwischen Anklagebank und Wahlkampfbühne Kaum jemand hatte geglaubt, dass Le Pen nach ihrer Verurteilung wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder – die sie formal als nicht wählbar für 2027 erklärt – so offen auf Konfrontationskurs gehen würde. Doch genau das tat sie: mit markigen Worten und klarem Ziel. Sie sprach von einem „gestohlenen Wahlsieg“, geißelte ein „korrumpiertes System“ und rief ihre Anhänger auf, sich dem entgegenzustellen. Dabei zeigte sie sich kampflustig wie selten. Ihre Botschaft war deutlich: Wenn das Establishment glaubt, sie kaltstellen…

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  • Kommentar: Rechtspopulismus und Islamophobie in Frankreich – Wie viel Spaltung hält ein Land aus?

    Kommentar: Rechtspopulismus und Islamophobie in Frankreich – Wie viel Spaltung hält ein Land aus?

    Manchmal frage ich mich: Wann ist der Punkt erreicht, an dem wir kollektiv merken, dass der Kurs, den ein Land einschlägt, in die Irre führt? Frankreich, das Land der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – und doch wird dort Tag für Tag das Gegenteil praktiziert. Besonders dann, wenn es um Muslime geht.

    Denn seien wir ehrlich: Die Allianz zwischen Rechtspopulismus und Islamophobie ist kein Zufall. Sie ist das kalkulierte Produkt politischer Strategie – eine Mischung aus Angst, Ressentiment und Machtgier. Das Erfolgsrezept? „Die da“ für alles verantwortlich machen, was im eigenen Land schiefläuft.

    Klar, Frankreich hat Probleme: soziale Ungleichheit, wirtschaftliche Herausforderungen, ein angeschlagenes Vertrauen in die Politik. Aber anstatt Lösungen zu suchen, schieben Rechtspopulisten wie der Rassemblement National (RN) die Verantwortung auf eine Minderheit, die ohnehin schon am Rand steht. Und sie tun es geschickt – sie verpacken alte Ängste in neue Worte, modernisieren den Rassismus und geben ihm den Anstrich von „Sicherheit“ und „Tradition“.

    Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 29 Prozent mehr antimuslimische Übergriffe in nur einem Jahr – fast jeder zweite Franzose glaubt, dass Kinder von Einwanderern „nicht wirklich französisch“ sind. Das ist nicht nur eine Statistik, das ist ein Alarmsignal. Eine Gesellschaft, die Minderheiten systematisch ausgrenzt, verliert am Ende sich selbst.

    Aber Frankreich ist doch laizistisch, heißt es dann oft. Der Staat sei neutral gegenüber Religionen. Wirklich? Wenn das Tragen religiöser Kleidung verboten wird – gezielt bei Musliminnen, wohlgemerkt –, ist das keine Neutralität. Das ist ein Angriff auf religiöse Freiheit. Man kann das nicht schönreden.

    Und die Medien? Die leisten fleißig Schützenhilfe. Begriffe wie „Islamo-Gauchisme“ – eine angebliche Verbindung von Linken und Islamisten – sind so perfide wie effektiv. Sie stigmatisieren und delegitimieren – sie schüren das Gefühl, dass es da ein „Wir“ und ein „Die“ gibt. Das ist brandgefährlich. Es untergräbt nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt, es treibt ihn mutwillig auseinander.

    Die rechte Rhetorik bedient sich der Islamophobie als Motor. Sie nutzt sie, um Wähler zu mobilisieren, Ängste zu instrumentalisieren und politische Macht zu sichern. Dabei geht es nie wirklich um den Islam – es geht um Kontrolle, um das Feindbild, das den Blick von den wahren Problemen ablenkt. Denn es ist immer leichter, mit dem Finger auf andere zu zeigen, als sich den eigenen Schwächen zu stellen.

    Was bleibt also? Ein vergiftetes Klima, das misstrauisch macht, das Nachbarn zu Fremden werden lässt. Und mittendrin sitzen jene, die längst nicht mehr die Kraft haben, dagegen anzukämpfen – die Muslime Frankreichs, die seit Jahren den Preis für diesen Kulturkampf zahlen.

    Doch was wäre, wenn wir mal den Mut hätten, diesen Kreislauf zu durchbrechen? Wenn wir nicht auf die Lautesten hören, sondern auf die, die versuchen Brücken zu bauen? Frankreich könnte so viel sein – ein Leuchtturm der Vielfalt, ein Beispiel für gelebte Demokratie.

    Aber dafür müssten wir aufhören, uns von Angst und Populismus leiten zu lassen.

    Wie viel Spaltung hält ein Land aus? Vielleicht sollten wir das fragen, bevor es zu spät ist.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Die Stunde ist ernst: Frankreich ringt mit dem Rassismus

    Die Stunde ist ernst: Frankreich ringt mit dem Rassismus

    Frankreich erlebte am 22. März einen landesweiten Protestmoment, wie man ihn in dieser Geschlossenheit nur selten sieht. In über hundert Städten versammelten sich Menschen, um gegen Rassismus, Diskriminierung und die allgegenwärtige Gefahr einer gesellschaftlichen Spaltung zu demonstrieren. Angesichts der zunehmenden Rhetorik des Ausschlusses und einer politischen Normalisierung des Fremdenhasses war der Protest nicht nur eine symbolische Geste – er war ein Weckruf.

    Getragen wurde der Protest von einem breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis, darunter prominente Organisationen wie SOS Racisme und die Ligue des droits de l’homme. In einer Zeit, in der der öffentliche Diskurs immer öfter von identitärer Rhetorik und nationalistischen Überhöhungen geprägt ist, galt das gemeinsame Ziel der Verteidigung republikanischer Werte: Gleichheit, Menschenwürde und Solidarität.

    Dominique Sopo, Präsident von SOS Racisme, verlieh dem Protest seine prägnanteste Stimme. „L’heure est grave“, sagte er – „Die Stunde ist ernst.“ In dieser knappen Formel verdichtet sich nicht nur die Einschätzung der gegenwärtigen Lage, sondern auch die tiefe Sorge darüber, wie tief sich rassistische und antisemitische Denkmuster wieder in den Alltag eingeschlichen haben. Für Sopo ist klar: Es geht nicht um Einzelphänomene oder vereinzelte Exzesse. Es geht um strukturelle Entwicklungen, die das Fundament des republikanischen Frankreich erschüttern könnten.

    Eine fragile Front gegen Diskriminierung

    Sopos Worte zielten nicht nur auf das politische Lager der Rechten, sondern auch auf die inneren Widersprüche im linken Spektrum. Der Vorfall um ein Wahlkampfplakat der Partei La France insoumise (LFI), das den Fernsehmoderator Cyril Hanouna in einer Weise darstellte, die an antisemitische Karikaturen der 1930er Jahre erinnerte, sorgte im Vorfeld der Demonstrationen für erhebliche Spannungen. Während die LFI-Parteiführung jede antisemitische Absicht von sich wies, empfanden viele Beobachter – darunter auch Vertreter jüdischer Organisationen – das Bild als geschmacklos und historisch blind.

    Dominique Sopo fand für diesen Vorfall klare Worte: Die Bekämpfung von Rassismus dürfe nicht zum politischen Instrument verkommen, sie erfordere moralische Integrität und die Bereitschaft zur Selbstkritik – auch innerhalb der eigenen Reihen. Gerade weil Rassismus sich in vielen Erscheinungsformen manifestiere, sei es essenziell, antisemitische und antimuslimische Vorurteile mit gleicher Konsequenz zu benennen und zu bekämpfen. Die Gefahr, so Sopo, liege in der Fragmentierung der Antidiskriminierungsbewegung: Wenn jede Gruppe nur für ihre eigenen Belange kämpfe, zerfalle das gemeinsame Fundament.

    Die politische Verantwortung

    Die jüngsten Proteste spiegeln auch eine wachsende Unzufriedenheit mit der Haltung der Regierung wider. Zwar hat Präsident Emmanuel Macron wiederholt betont, sich gegen Rassismus und Antisemitismus einsetzen zu wollen, doch konkrete Maßnahmen bleiben aus Sicht vieler Aktivisten unzureichend. Es ist nicht allein das Fehlen gesetzlicher Initiativen, das kritisiert wird, sondern auch die rhetorische Zurückhaltung angesichts rechtsradikaler Tendenzen. Wenn etwa führende Stimmen aus dem Lager des Rassemblement National rassistische Stereotype verbreiten und damit in Talkshows oder sozialen Medien auf Resonanz stoßen, bleibt die politische Gegenwehr oft bemerkenswert verhalten.

    Sopo verweist in diesem Zusammenhang auf eine schleichende Normalisierung des Unaussprechlichen: „Was früher Tabubruch war, ist heute Teil des Alltagsdiskurses.“ Der öffentliche Raum werde dadurch systematisch vergiftet – ein Prozess, der sich nicht allein durch juristische Mittel aufhalten lasse. Erforderlich sei vielmehr ein neues zivilgesellschaftliches Selbstverständnis, das sich der ideologischen Vereinnahmung durch Extremismen widersetzt.

    Frankreichs republikanisches Versprechen auf dem Prüfstand

    Historisch betrachtet ist Frankreich ein Land, das in seiner republikanischen Tradition das Ideal der Gleichheit hochhält. Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft seit Langem eine Lücke. Die banlieues – jene Vorstädte, in denen viele Menschen mit Migrationshintergrund leben – sind seit Jahrzehnten soziale Brennpunkte. Bildungsbenachteiligung, strukturelle Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und rassistisch motivierte Polizeigewalt sind dort nicht Ausnahme, sondern Alltag.

    Sopos Appell richtet sich daher nicht nur an die politische Elite, sondern an die Gesellschaft insgesamt. Die republikanische Idee, so seine Überzeugung, müsse neu mit Leben gefüllt werden. Es genüge nicht, sich auf abstrakte Werte zu berufen – diese müssten konkret erfahrbar sein: in Schulen, in öffentlichen Institutionen, in Medien und auf dem Arbeitsmarkt.

    Jenseits des Aktionstages

    Die Demonstrationen vom 22. März waren Ausdruck eines kollektiven Unbehagens – und eines kollektiven Willens zur Veränderung. Sie zeigten, dass ein nicht unerheblicher Teil der französischen Gesellschaft nicht bereit ist, die schleichende Erosion der Menschenrechte tatenlos hinzunehmen. Doch Demonstrationen sind keine Lösung, sondern ein Signal. Was folgt, wird entscheidend sein.

    Ob aus dem zivilgesellschaftlichen Impuls eine politische Dynamik erwächst, hängt davon ab, ob die zuständigen Akteure den Ernst der Lage erkennen – und ob sie bereit sind, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Dominique Sopo hat mit seiner Mahnung nicht nur eine Zustandsbeschreibung geliefert, sondern eine moralische Richtlinie: Der Kampf gegen Rassismus beginnt dort, wo wir bereit sind, nicht nur die anderen, sondern auch uns selbst zu hinterfragen.

    P.T.

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  • Frankreich erhebt die Stimme: Massenproteste gegen Rassismus und rechte Ideologien

    Frankreich erhebt die Stimme: Massenproteste gegen Rassismus und rechte Ideologien

    Am Samstag, dem 22. März 2025, war Frankreichs Straßenbild geprägt von Plakaten, Rufen nach Gerechtigkeit und einer bemerkenswerten Solidarität. In über 100 Städten versammelten sich rund 91.000 Menschen, um gemeinsam gegen Rassismus und die wachsende Bedrohung durch rechtsextreme Ideologien zu demonstrieren.

    Paris war dabei das Zentrum des Protests. Etwa 21.500 Menschen marschierten vom Place de la République bis zum Place de la Nation – ein kilometerlanger Zug aus Transparenten, Sprechchören und einem deutlichen Signal: So nicht! Doch nicht alles verlief reibungslos. Im Bereich der Place de la Bastille kam es zu hitzigen Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Demonstranten und der Polizei. Steine flogen, Mülltonnen wurden umgestoßen, Mobiliar beschädigt. Die Polizei reagierte mit Tränengas – ein unübersichtliches, aufgewühltes Szenario, das die Grundspannung der aktuellen politischen Lage widerspiegelt.

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