Schlagwort: rassemblement national

  • Frankreich entdeckt wieder die gelbe Warnweste

    Frankreich entdeckt wieder die gelbe Warnweste

    Kommentar Es gibt Kleidungsstücke, die altern schlecht. Und es gibt die gelbe Warnweste. Sie liegt jahrelang im Kofferraum, zwischen Wagenheber und Verbandskasten, und wartet geduldig darauf, wieder französische Innenpolitik zu machen. Nun könnte es am 17. Oktober so weit sein. Der Sprit wird unbezahlbar, die Kaufkraft schmilzt – und plötzlich erinnert sich Frankreich daran, dass man soziale Probleme auch auf Kreisverkehren diskutieren kann. Die Politik reagiert darauf mit jener bemerkenswerten Mischung aus Verständnis und Panik, die man in Paris offenbar „Dialog“ nennt. Die Regierung beobachtet die Lage selbstverständlich „aufmerksam“. Das ist beruhigend. Wenn Bürger ihre Tankrechnung kaum noch bezahlen können, hilft es ungemein zu wissen, dass irgendwo in einem Ministerium jemand sehr aufmerksam schaut. Der Rassemblement national wiederum entdeckt erwartungsgemäss das leidende Volk. Marine Le Pen versteht dessen Zorn ganz ausgezeichnet – solange niemand auf die absurde Idee kommt, si…

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  • Frankreich vor der Wahl der Extreme: Ein Duell Le Pen gegen Mélenchon ist plötzlich realistisch

    Frankreich vor der Wahl der Extreme: Ein Duell Le Pen gegen Mélenchon ist plötzlich realistisch

    Frankreich nähert sich einer Präsidentschaftswahl, die das politische Koordinatensystem der Fünften Republik grundlegend verändern könnte. Gut sieben Monate vor dem ersten Wahlgang zeichnet sich ein Szenario ab, das vor wenigen Jahren noch als fast undenkbarer Ausnahmefall gegolten hätte: Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon könnten sich im zweiten Wahlgang gegenüberstehen. Unvermeidlich ist dieses Duell keineswegs. Doch die jüngsten Umfragen machen deutlich, dass es nicht länger als theoretische Möglichkeit abgetan werden kann. Bemerkenswert ist dabei weniger der Aufstieg zweier politischer Persönlichkeiten, die Frankreich seit vielen Jahren kennt. Bemerkenswert ist vielmehr die Schwäche jener Kräfte, die den Staat während der vergangenen Jahrzehnte regiert haben. Die eigentliche Botschaft der Umfragen lautet deshalb: Frankreichs politisches Zentrum verliert seine Fähigkeit, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen zu bündeln. Das Zentrum hinterlässt ein Vakuum Emmanuel Mac…

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  • Le Pen und Bardella: Der Machtkampf, der keiner sein darf

    Le Pen und Bardella: Der Machtkampf, der keiner sein darf

    Im Rassemblement national beginnt jene Phase, die für aufstrebende Parteien besonders gefährlich ist: Der mögliche Wahlsieg verändert die inneren Machtverhältnisse, noch bevor er errungen ist. Marine Le Pen ist wieder Präsidentschaftskandidatin und beansprucht die politische Führung. Jordan Bardella, lange als Ersatzmann für den Fall ihrer juristischen Ausschaltung aufgebaut, soll sich wieder mit der Rolle des Kronprinzen begnügen. Nach aussen demonstrieren beide Geschlossenheit. Doch je näher die französische Präsidentschaftswahl 2027 rückt, desto deutlicher wird, dass es dabei nicht nur um unterschiedliche Temperamente geht. Es geht um die Frage, wem die Zukunft des RN gehört. Der Kronprinz muss wieder warten Das Urteil des Pariser Berufungsgerichts vom Juli hat die Statik der französischen Rechten erneut verändert. Die Verurteilung Marine Le Pens wegen der Veruntreuung von EU-Geldern blieb bestehen, doch die Dauer ihrer Unwählbarkeit wurde verkürzt. Damit kann sie nach heutigem Stan…

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  • Sachsen-Anhalt und Europas neue Rechte: Nicht die Parteien allein haben sich verändert

    Sachsen-Anhalt und Europas neue Rechte: Nicht die Parteien allein haben sich verändert

    Editorial Es gibt Wahlergebnisse, die eine Regierung bestrafen, und solche, die das Parteiensystem verändern. Das Resultat der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September gehört zur zweiten Kategorie. Mit 43,8 Prozent hat die AfD nicht bloss gewonnen. Sie hat die CDU, die auf 17,2 Prozent abstürzte, politisch deklassiert. Gegenüber 2021 hat die AfD ihren Stimmenanteil mehr als verdoppelt. Zugleich stieg die Wahlbeteiligung auf den Rekordwert von 77,8 Prozent. Damit verliert eine bequeme Erklärung ihre Überzeugungskraft: dass der Aufstieg der radikalen Rechten vor allem das Werk einer lautstarken, politisch entfremdeten Minderheit sei. Wenn beinahe 44 Prozent der Wähler für eine Partei stimmen, deren Landesverband vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, und dies bei aussergewöhnlich hoher Beteiligung, ist der Begriff «Protestwahl» allein zu klein geworden. «Quelque chose a changé au sein de la société européenne» – etwas hat sich innerhalb der europä…

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  • Jordan Bardella in der Übersetzungsfalle? Was das Abkommen mit Nigel Farage wirklich offenlegt

    Jordan Bardella in der Übersetzungsfalle? Was das Abkommen mit Nigel Farage wirklich offenlegt

    Es sollte ein demonstratives Zeichen politischer Handlungsfähigkeit werden. Stattdessen hat ein in Birmingham unterzeichnetes Abkommen zwischen Jordan Bardella und Nigel Farage in Frankreich eine Debatte ausgelöst, die weit über die Migrationspolitik hinausreicht. Im Zentrum steht eine scheinbar einfache Frage: Hat der Präsident des Rassemblement national verstanden, welchem Mechanismus er mit seiner Unterschrift zustimmte? Oder liegt ein Teil des Konflikts tatsächlich in der Übersetzung eines englischen Textes, dessen politische Bedeutung auf beiden Seiten des Ärmelkanals bemerkenswert unterschiedlich dargestellt wird? Die Kontroverse zeigt, wie schwierig internationale Allianzen für Parteien werden können, deren politisches Selbstverständnis gerade auf der Verteidigung nationaler Interessen beruht. Denn während Farage das Abkommen als britischen Durchbruch feiert, muss Bardella in Frankreich erklären, weshalb sein souveränistischer Rassemblement national bereit wäre, Migranten zurück…

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  • Muscheln, Pommes und Politik: Präsidentschaftsstimmung auf der Braderie von Lille

    Muscheln, Pommes und Politik: Präsidentschaftsstimmung auf der Braderie von Lille

    Zwischen Trödelständen, Bergen von Miesmuscheln und dicht gedrängten Besuchern hat am Wochenende in Lille auch der französische Präsidentschaftswahlkampf Fahrt aufgenommen. Gabriel Attal, Marine Tondelier und Jean-Luc Mélenchon nutzten die berühmte Braderie, um sich für 2027 in Szene zu setzen. Ihre Auftritte zeigten zugleich, wie unterschiedlich die Strategien im Kampf um den Élysée-Palast – und gegen den Rassemblement National – ausfallen. Eigentlich geht es bei der Braderie de Lille um alte Möbel, Bücher, Geschirr und Kuriositäten – und selbstverständlich um Moules-frites. Doch gut ein halbes Jahr vor der französischen Präsidentschaftswahl 2027 kann es sich die politische Klasse kaum leisten, eine der größten Menschenansammlungen Frankreichs zu ignorieren. Rund zwei Millionen Besucher wurden am Wochenende des 5. und 6. September erwartet. Die Braderie erstreckt sich über weite Teile des Zentrums von Lille; offizielle Angaben sprechen von 51 Kilometern Verkaufsständen und zuletzt meh…

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  • Nach dem AfD-Triumph warnt Bruno Le Maire vor einer Gefahr für Europa

    Nach dem AfD-Triumph warnt Bruno Le Maire vor einer Gefahr für Europa

    Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die politischen Kräfteverhältnisse in Deutschland auf eine Weise verschoben, die weit über Magdeburg hinaus Beachtung findet. Mit 43,8 Prozent der Zweitstimmen hat die AfD ihr Ergebnis von 2021 mehr als verdoppelt und die bislang regierende CDU weit hinter sich gelassen. In Frankreich reagiert der frühere Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire mit ungewöhnlich scharfen Worten: Er bezeichnet die AfD als «offen neonazistische Partei» und sieht in ihrem Aufstieg eine Gefahr für Deutschland und Europa. Die Wortwahl ist eine politische Charakterisierung – keine juristische Einstufung. Doch sie zeigt, wie sehr die Entwicklung in Ostdeutschland inzwischen als europäische Frage wahrgenommen wird. Ein Wahlergebnis von historischer Dimension Das vorläufige amtliche Endergebnis lässt wenig Raum für Relativierungen. Die AfD erreicht 43,8 Prozent der Zweitstimmen und gewinnt gegenüber 2021 genau 23 Prozentpunkte hinzu. Die CDU fällt von 37,1 auf 17,2 P…

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  • Das Kopftuch verbieten? Warum das Versprechen des Rassemblement National juristisch auf dünnem Eis steht

    Das Kopftuch verbieten? Warum das Versprechen des Rassemblement National juristisch auf dünnem Eis steht

    Es gehört zu jenen politischen Forderungen, die auf einem Wahlplakat ausgesprochen einfach aussehen und in einem juristischen Kommentar plötzlich ausgesprochen kompliziert werden: Der Rassemblement National will das Tragen des islamischen Kopftuchs im öffentlichen Raum verbieten. Straße, öffentliche Verkehrsmittel, Geschäfte – das sichtbare religiöse Zeichen soll nach den Vorstellungen der Partei aus weiten Teilen des Alltags verschwinden. Doch zwischen politischem Willen und geltendem Recht liegt in Frankreich ein ziemlich tiefer Graben. Die kurze Antwort lautet deshalb: Ja, eine vom Rassemblement National geführte Regierung dürfte einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen. Ob daraus tatsächlich geltendes und dauerhaft durchsetzbares Recht entstünde, steht auf einem völlig anderen Blatt. Genau an diesem Punkt beginnen die verfassungsrechtlichen Schwierigkeiten. Frankreich versteht sich zwar als laizistische Republik. Laizität bedeutet jedoch nicht, dass Religion aus dem öffentlichen…

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  • Kommentar: Wo bitte geht die Reise hin? Frankreich fährt – und keiner sitzt mehr am Steuer

    Kommentar: Wo bitte geht die Reise hin? Frankreich fährt – und keiner sitzt mehr am Steuer

    Frankreich steht vor einer bemerkenswerten politischen Entdeckung: Wenn man ein Problem lange genug ignoriert, verschwindet es nicht. Es wird Präsidentin. Oder Präsident.

    Der Satz stammt natürlich nicht aus einem Lehrbuch der Politikwissenschaft. Aber er könnte irgendwann als Kurzfassung jener Jahre dienen, in denen Frankreichs politische Mitte zusah, wie der Rassemblement national vom politischen Schmuddelkind zum Favoriten auf den Élysée-Palast wurde.

    William Thay, Präsident des gaullistischen Think-Tanks Le Millénaire, fasst die Lage mit bemerkenswerter Nüchternheit zusammen: «Jamais le RN n’a enregistré de tels scores dans les sondages.» Auf Deutsch: Noch nie hat der RN in den Umfragen derart hohe Werte erreicht.

    Und tatsächlich: Das ist keine rhetorische Übertreibung.

    Ipsos BVA ermittelte im Juni für die Präsidentschaftswahl 2027 je nach Konstellation 31 bis 36 Prozent für Marine Le Pen beziehungsweise Jordan Bardella. Ifop sah Bardella bereits im Februar bei 36 Prozent, zwanzig Punkte vor Édouard Philippe. Nach Marine Le Pens Kandidaturerklärung im Juli maß Ifop auch sie bei 36 Prozent. OpinionWay kam im Juni auf 33 bis 35 Prozent für einen RN-Kandidaten.

    Das sind keine Messfehler mehr. Das ist eine politische Landschaft.

    Die Republik entdeckt plötzlich die Republik

    Natürlich beginnt jetzt wieder das große französische Ritual.

    Man wird warnen.

    Man wird appellieren.

    Man wird zur Verteidigung der Republik aufrufen.

    Man wird erklären, dass eine Wahl des RN eine historische Zäsur wäre.

    Und vermutlich wird man dabei vergessen zu erwähnen, dass historische Zäsuren die lästige Eigenschaft haben, eine Vorgeschichte zu besitzen.

    Der Aufstieg des RN ist schließlich nicht gestern Nachmittag zwischen Café und Apéritif vom Himmel gefallen. Marine Le Pen erreichte bereits 2017 die Stichwahl. 2022 kam sie wieder hinein und erhielt dort gut 41 Prozent. Bei der Europawahl 2024 wurde der RN mit 31,4 Prozent stärkste französische Kraft. Emmanuel Macron reagierte darauf mit der Auflösung der Nationalversammlung.

    Man könnte sagen: Frankreich bekam mehrere Warnschüsse.

    Die politische Klasse interpretierte sie offenbar als Startsignal.

    Seitdem wird diskutiert, taktiert, koaliert, nicht koaliert, abgegrenzt, wieder angenähert, eine Regierung gebildet, eine Regierung bekämpft und anschließend darüber geklagt, dass die Franzosen das Vertrauen in die Politik verlieren.

    Eine geradezu verblüffende Entwicklung.

    Macron wollte die Extreme austrocknen

    Emmanuel Macron war 2017 mit einem geradezu napoleonischen politischen Versprechen angetreten: Die alte Links-rechts-Ordnung sollte überwunden werden.

    Das funktionierte ausgezeichnet.

    Die alte Ordnung wurde tatsächlich überwunden.

    Nur entstand an ihrer Stelle nicht das erhoffte stabile liberale Zentrum, sondern eine politische Landschaft, in der links Jean-Luc Mélenchon und rechts der RN gedeihen, während die traditionelle Regierungsmitte zunehmend aussieht wie eine Eigentümerversammlung nach einem Rohrbruch.

    Macron hatte Sozialisten und Republikaner politisch kannibalisiert. Viele ihrer moderaten Wähler sammelte er in einem großen Zentrum.

    Das Problem dieser Konstruktion zeigte sich erst später: Ein politisches Zentrum, das fast vollständig um einen Präsidenten herum organisiert ist, besitzt ein eingebautes Verfallsdatum.

    Und dieses Datum heißt 2027.

    Macron darf nach zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten nicht erneut antreten. Was von seinem politischen Lager übrig bleibt, muss nun herausfinden, ob Macronismus ohne Macron ungefähr so gut funktioniert wie Gaullismus ohne de Gaulle.

    Die ersten Feldversuche sind überschaubar ermutigend.

    Édouard Philippe, Gabriel Attal und andere Vertreter des Zentrums konkurrieren um dasselbe politische Erbe. In aktuellen Erhebungen liegt Philippe zwar vor seinen zentristischen Konkurrenten, aber deutlich hinter dem RN. Ipsos sah ihn je nach Konstellation bei 13 bis 19 Prozent, während der RN 31 bis 36 Prozent erreichte.

    Das ist kein Abstand.

    Das ist eine Postleitzahl.

    Und nun kopieren alle das Original

    Besonders faszinierend ist die Reaktion der politischen Konkurrenz.

    Wenn eine Partei wegen Migration, innerer Sicherheit und Identitätsfragen immer stärker wird, gäbe es theoretisch zwei Möglichkeiten.

    Man könnte ihre Diagnose grundsätzlich bestreiten.

    Oder man könnte die Probleme anerkennen und eigene glaubwürdige Lösungen entwickeln.

    Frankreich hat eine dritte Möglichkeit entdeckt: Man übernimmt möglichst viel von der Sprache des RN und hofft gleichzeitig, dass niemand den RN wählt.

    Selbst Vertreter des politischen Zentrums verschärfen inzwischen ihre migrationspolitische Rhetorik. Édouard Philippe und Gabriel Attal haben im Vorfeld der Wahl 2027 deutlich restriktivere Positionen formuliert; Philippe fordert unter anderem einen europäischen Mechanismus gegen groß angelegte Regularisierungen illegal Eingewanderter, Attal spricht über Quoten und Verfassungsänderungen.

    Die Botschaft an den Bürger lautet damit ungefähr:

    Der RN übertreibt maßlos.

    Aber leider hat er mit einigen Problemen recht.

    Seine Lösungen sind gefährlich.

    Deshalb übernehmen wir vorsichtshalber einen Teil davon.

    Aber bitte wählen Sie trotzdem uns.

    Marketingexperten würden von einer schwierigen Markenstrategie sprechen.

    Der Front républicain ist müde geworden

    Jahrzehntelang besaß Frankreich einen politischen Notausgang: den front républicain.

    Wenn der Front national beziehungsweise später der RN einer Machtposition gefährlich nahekam, stellten sich andere Parteien im entscheidenden Moment gegen ihn.

    Das berühmteste Beispiel war 2002.

    Jean-Marie Le Pen erreichte überraschend die Stichwahl gegen Jacques Chirac. Frankreich reagierte mit einer republikanischen Mobilmachung. Chirac gewann mit 82,2 Prozent.

    Das war vor 24 Jahren.

    Politisch betrachtet könnte es auch das Pleistozän gewesen sein.

    Heute funktioniert dieser Mechanismus immer schlechter. Das liegt nicht nur daran, dass der RN seine Außendarstellung systematisch normalisiert hat. Es liegt auch daran, dass sich die politischen Lager gegenseitig inzwischen teilweise für ebenso gefährlich halten wie den RN.

    Rechte Wähler wollen keinen Kandidaten der radikalen Linken unterstützen. Linke Wähler sehen wiederum wenig Grund, einem konservativen oder macronistischen Kandidaten automatisch ihre Stimme zu geben.

    Das republikanische Bollwerk steht also noch.

    Nur fehlen inzwischen ein paar Mauern.

    Marine Le Pen musste gar nicht gemäßigt werden

    Besonders erfolgreich war die sogenannte dédiabolisation, die Entdämonisierung des RN.

    Marine Le Pen musste dafür keineswegs plötzlich zur liberalen Europäerin werden.

    Es genügte, weniger erschreckend zu wirken als früher.

    Keine besonders hohe Hürde, wenn der Vergleichsmaßstab Jean-Marie Le Pen heißt.

    Der RN tauschte Provokationen gegen Professionalität, politische Außenseiter gegen Abgeordnete, Radikalität in der Verpackung gegen staatstragende Fernsehbilder. Jordan Bardella perfektionierte diese Strategie weiter: jung, diszipliniert, medientauglich, selten aus der Ruhe zu bringen.

    Die eigentliche Leistung des RN besteht inzwischen darin, gleichzeitig Protestpartei und etablierte Machtpartei spielen zu können.

    Man ist gegen «das System» – und verfügt über eine große Fraktion in der Nationalversammlung.

    Man bekämpft die politische Elite – und sitzt seit Jahren im Europäischen Parlament.

    Man inszeniert sich als rebellische Alternative – und bereitet sich sehr professionell auf die Übernahme der Präsidentschaft vor.

    Revolution mit Spesenabrechnung.

    Vielleicht liegt es doch nicht nur am RN

    Die bequemste Erklärung für den Aufstieg des RN lautet, Frankreich sei nach rechts gerückt.

    Das ist nicht völlig falsch.

    Aber es ist zu einfach.

    Denn Parteien wachsen nicht nur aufgrund ihrer eigenen Stärke. Sie wachsen auch aufgrund der Schwäche ihrer Gegner.

    Die französische Linke bleibt tief gespalten. Jean-Luc Mélenchon, Raphaël Glucksmann, Sozialisten, Grüne und Kommunisten konkurrieren um unterschiedliche Strategien und Wählerschichten. Le Monde beschreibt das Feld für 2027 weiterhin als fragmentiert; zugleich ringt das politische Zentrum um Macrons Nachfolge.

    Damit entsteht eine eigentümliche Situation.

    Der RN braucht womöglich gar keine absolute gesellschaftliche Mehrheit.

    Er benötigt nur genügend Stimmen in einem Land, dessen politische Konkurrenz sich zuverlässig selbst zerlegt.

    Das ist demokratisch vollkommen legitim.

    Und politisch ziemlich effizient.

    Aber es sind doch nur Umfragen!

    Natürlich.

    Dieser Satz darf nicht fehlen.

    Umfragen sind Momentaufnahmen. Kandidaturen können sich verändern. Wahlkämpfe können Dynamiken erzeugen. Skandale, wirtschaftliche Entwicklungen, internationale Krisen und die Wahlbeteiligung können Prognosen innerhalb weniger Monate zerlegen.

    Le Monde hat historische Präsidentschaftsumfragen untersucht und darauf hingewiesen, wie unzuverlässig insbesondere Stichwahlprognosen ein Jahr vor französischen Präsidentschaftswahlen sein können.

    Wer also heute behauptet, Marine Le Pen werde 2027 sicher Präsidentin, betreibt Kaffeesatzleserei mit Prozentzeichen.

    Doch genauso unseriös wäre die gegenteilige Beruhigung.

    Denn wenn mehrere Institute über Monate hinweg einen RN-Kandidaten bei ungefähr einem Drittel der Stimmen sehen und der Abstand zur Konkurrenz teilweise enorm ist, kann man das nicht mehr mit einem höflichen «C’est un sondage» vom Tisch wischen.

    Die Frage lautet längst nicht mehr:

    Kann der RN 2027 gewinnen?

    Die Frage lautet:

    Wer kann ihn noch schlagen – und womit?

    Und genau an dieser Stelle wird es für Frankreich unangenehm.

    Denn gegen eine Protestpartei kann man mobilisieren.

    Gegen eine radikale Partei kann man eine republikanische Front errichten.

    Gegen eine Außenseiterpartei kann man auf Regierungserfahrung verweisen.

    Was aber tut man gegen eine Partei, die Millionen Franzosen inzwischen nicht mehr als Protest, sondern als mögliche Regierung betrachten?

    Vielleicht wäre es eine Idee, wieder Politik zu machen.

    Nicht TikTok-Politik. Nicht Empörungspolitik. Nicht jene Politik, bei der morgens ein Problem geleugnet, mittags eine Kommission eingesetzt und abends erklärt wird, man habe die Sorgen der Bevölkerung schon immer sehr ernst genommen.

    Politik also, bei der der Staat funktioniert.

    Bei der Haushaltszahlen nicht nur unangenehme Fußnoten europäischer Verträge sind. Bei der Migration weder als eingebildetes Problem noch als Untergang des Abendlandes behandelt wird. Bei der innere Sicherheit keine rhetorische Disziplin für Fernsehstudios ist. Bei der gesellschaftliche Integration eingefordert und ermöglicht wird. Und bei der politische Parteien den Bürger nicht erst am Wahlabend entdecken.

    William Thays Satz über die historischen Umfragewerte des RN ist deshalb weniger eine Nachricht über Marine Le Pen oder Jordan Bardella.

    Er ist eine Nachricht über Frankreichs übrige Parteien.

    Noch nie war der RN so stark.

    Aber vielleicht lautet die politisch interessantere Feststellung:

    Noch nie waren diejenigen, die ihn verhindern wollen, so ratlos darüber, warum er eigentlich so stark geworden ist.

    Und so fährt Frankreich Richtung 2027.

    Links streitet darüber, wer links genug ist.

    Das Zentrum streitet darüber, wer Macron beerben darf.

    Die traditionelle Rechte streitet darüber, wie viel RN man übernehmen kann, ohne RN zu heißen.

    Und der RN?

    Der muss im Augenblick vor allem eines tun:

    zuschauen.

    Die Reise geht weiter.

    Nur sollte sich Frankreich langsam erkundigen, wer eigentlich den Fahrplan geschrieben hat.

    Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Vom Bollwerk gegen Rechts zum Wettbewerb um die härtesten Parolen

    Kommentar: Vom Bollwerk gegen Rechts zum Wettbewerb um die härtesten Parolen

    Noch vor zwei Jahren war die Botschaft eindeutig: Frankreich müsse um jeden Preis vor dem Erstarken der extremen Rechten geschützt werden. Millionen Wähler wurden mobilisiert, um den Rassemblement National zu verhindern. Es ging um Demokratie, republikanische Werte und die berühmte Brandmauer. Wer rechts wählte, so lautete die Botschaft, spiele mit der Zukunft der Republik.

    Und heute?

    Plötzlich klingt vieles erstaunlich vertraut. Begrenzungsquoten für Migration. Mehr Härte im Strafrecht. Autorität. Sicherheit. Nationale Identität. Begriffe, die gestern noch als Markenzeichen der konservativen und rechten Opposition galten, werden heute von jenen aufgegriffen, die sich einst als Gegenmodell inszenierten.

    Was für eine erstaunliche politische Metamorphose.

    Offenbar ist eine Idee nicht mehr gefährlich, sobald sie von einem Politiker aus der politischen Mitte ausgesprochen wird. Dieselbe Forderung, derselbe Inhalt – nur ein anderes Parteibuch. Aus einer angeblich untragbaren Position wird über Nacht plötzlich eine verantwortungsvolle Reformidee. Wer soll diesem Schauspiel eigentlich noch folgen?

    Natürlich kann sich Politik verändern. Sie muss auf neue Realitäten reagieren. Migration, Kriminalität und gesellschaftliche Spannungen sind reale Herausforderungen, über die eine Regierung sprechen muss. Doch etwas anderes ist es, jahrelang den moralischen Zeigefinger zu erheben und anschließend genau jene Themen zu übernehmen, die zuvor als inakzeptabel galten.

    Das wirkt weniger wie Überzeugung als wie ein schlecht getarnter Strategiewechsel.

    Die eigentliche Ironie besteht darin, dass genau jene Entwicklung eintritt, vor der man die Wähler angeblich schützen wollte. Jahrelang wurde erklärt, rechte Parteien dürften keinesfalls den politischen Diskurs bestimmen. Heute bestimmen sie ihn mehr denn je – nicht unbedingt, weil sie überall regieren, sondern weil ihre Themen inzwischen von nahezu allen übernommen werden.

    Man könnte fast sagen: Der größte politische Erfolg des Rassemblement National besteht darin, dass seine Gegner inzwischen seine Sprache sprechen.

    Gabriel Attal ist dabei nur das jüngste Beispiel. Wer 2027 Präsident werden will, scheint inzwischen zu glauben, ohne migrationspolitische Härte, ohne Sicherheitsrhetorik und ohne demonstrative Autorität keine Chance mehr zu haben. Das mag wahlstrategisch nachvollziehbar sein. Es wirft jedoch eine unangenehme Frage auf: Wofür stand der Macronismus eigentlich, wenn er sich am Ende doch an jenen orientiert, gegen die er einst gegründet wurde?

    Noch bedenklicher ist die Signalwirkung für die Bürger. Politik lebt von Glaubwürdigkeit. Wer gestern erklärte, bestimmte Positionen seien demokratiegefährdend, sie heute aber selbst übernimmt, darf sich über wachsende Politikverdrossenheit nicht wundern. Warum sollten Wähler noch zwischen Original und Kopie unterscheiden, wenn beide zunehmend dieselben Botschaften senden?

    Vielleicht erleben wir gerade die größte politische Ironie der Fünften Republik. Die letzte Präsidentschaftswahl wurde mit dem Versprechen gewonnen, Frankreich vor einer Rechtsverschiebung zu bewahren. Nun scheint der nächste Wahlkampf genau damit bestritten zu werden, sich möglichst weit an eben jene Themen anzunähern.

    Ein gefährliches Spiel.

    Denn wenn alle glauben, nur noch mit immer schärferen Parolen Wahlen gewinnen zu können, verschiebt sich nicht nur der Wahlkampf – sondern das gesamte politische Koordinatensystem. Die Mitte wandert nach rechts, die Rechte setzt neue Maßstäbe, und am Ende wundern sich dieselben Politiker, warum das Original weiterhin glaubwürdiger erscheint als jede noch so geschickte Kopie.

    Vielleicht ist das die bitterste Lektion dieser Entwicklung: Wer jahrelang gegen den politischen Gegner mobilisiert und anschließend dessen Agenda übernimmt, stärkt ihn am Ende mehr, als jede Oppositionsrede es jemals könnte.

    P. Tiko