Schlagwort: Politik

  • Moralischer Kompass in unruhiger Zeit – Warum der Tag der Menschenrechte und der Friedensnobelpreis ineinandergreifen wie zwei Stimmen eines dringlichen Chors

    Moralischer Kompass in unruhiger Zeit – Warum der Tag der Menschenrechte und der Friedensnobelpreis ineinandergreifen wie zwei Stimmen eines dringlichen Chors

    An manchen Dezembertagen liegt eine eigentümliche Schwere in der Luft. Der zehnte Tag des Monats gehört dazu. Während die Wintersonne über den Norden Europas kaum noch steigt und Oslo im frühen Dunkel versinkt, richtet die Welt den Blick auf zwei Bühnen, die eigentlich eine einzige sind: der Tag der Menschenrechte und die Verleihung des Friedensnobelpreises. Beides Anlässe, die Jahr für Jahr leuchten sollen – und doch schimmern sie heute in einem Ton, der eher Mahnung als Feier ist.

    Vielleicht liegt darin die wahre Kraft dieses Datums. Es zwingt uns, innezuhalten. Nicht aus nostalgischer Tradition, sondern aus der schlichten Erkenntnis, dass die Menschenrechte gerade dann am meisten Aufmerksamkeit brauchen, wenn sie am heftigsten in Frage stehen.

    Wer einmal an einem zehnten Dezember in Oslo war – klirrende Kälte, gedämpfte Schritte im Schnee, der Klang von Kameras und Mikrofonen vor dem Rathaus – weiß, wie absurd friedlich die Kulisse wirkt, wenn man sie mit jenen Orten vergleicht, für die der Nobelpreis stets mitgedacht ist. Jene Orte, an denen das Menschsein selbst zur Verhandlungsmasse geworden ist.

    Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, 1948 in Paris verabschiedet, klingt heute wie ein Dokument aus einer weit entfernten Epoche. Ein Text, geschrieben im Namen der Menschheit, als das Wort „Menschheit“ noch nicht von algorithmischen Interessen, geopolitischen Schachzügen oder täglicher Kriegsberichterstattung überlagert war. Und doch bleibt dieses Dokument auf verblüffende Weise lebendig, gerade weil es nicht von Optimismus getragen ist, sondern von einer nüchternen Erfahrung: Was verloren gehen kann, muss geschützt werden.

    Es erstaunt, wie oft man diesen Satz wiederholen muss.

    Der Friedensnobelpreis knüpft jedes Jahr an diese Erkenntnis an. In einer Welt, die das Große gern in Zahlen misst – Haushaltszahlen, Klimaziele, Rüstungsausgaben – setzt der Preis bewusst auf das Kleine: eine einzelne Stimme, eine Organisation, manchmal ein Gesicht, das man zuvor noch nie gesehen hatte. Dieses Prinzip wirkt fast altmodisch. Und doch entfaltet es seine Wirkung gerade dann, wenn andere Mechanismen versagen. Persönliche Geschichten, mutige Entscheidungen, riskante Worte – sie tragen in sich die Art Wahrheit, die sich weder wegrechnen noch wegverhandeln lässt.

    Wer heute ein Editorial über den Tag der Menschenrechte schreibt, schreibt automatisch über das Verschwinden von Gewissheiten. Darüber, wie leichtfertig westliche Gesellschaften lange davon ausgingen, Menschenrechte seien so verlässlich wie die eigene Stromversorgung. Und darüber, wie schmerzhaft die Erkenntnis wirkt, dass ihre Verteidigung eben nicht im Beifall der sonntäglichen Reden liegt, sondern im Alltag – dort, wo Menschen aus Angst schweigen oder aus Überzeugung widersprechen.

    Gerade deshalb wirkt die jährliche Nobelpreiszeremonie wie ein Brennglas. Sie zeigt, wie sehr Mut und Verletzlichkeit zusammengehören. Dass Frieden selten das Ergebnis mächtiger Beschlüsse ist, sondern vielmehr der hartnäckigen Arbeit vieler kleiner Hände. Und dass Menschenrechte kein bequemes Ideal darstellen, sondern eine Verpflichtung, die oft dort beginnt, wo es weh tut: bei der Frage, wie viel man bereit ist zu riskieren, um dem anderen seine Würde zu lassen.

    Während man in Oslo den Namen der Preisträger verliest, läuft weltweit ein leiser Gegentakt: Menschen, die in Gefängnissen sitzen, weil sie eine simple Wahrheit ausgesprochen haben. Journalist:innen, die sich nicht zum Schweigen zwingen oder kaufen ließen. Kinder, die in Lagern auf eine Zukunft hoffen, die sie selbst kaum beschreiben können. Und wir, die wir aus sicherer Entfernung zusehen – und manchmal ertappt denken: Das betrifft uns doch auch.

    Der Tag der Menschenrechte hält uns genau diese Spiegel vor. Er ruft Erinnerung wach, aber nicht als sentimentales Ritual. Eher wie eine strenge Lehrerin, die auf die Tafel klopft und sagt: Hinschauen. Jetzt.

    Was dieser Tag von uns verlangt? Keine glühenden Parolen, keine pathetischen Slogans und schon gar nicht die bequemere Variante des Wegschauens. Er fordert das Offensichtliche ein: eine Haltung. Eine, die nicht nur im moralischen Wohlgefühl funktioniert, sondern auch dann standhält, wenn das Umfeld skeptisch schnaubt oder genervt die Augen rollt. Eine Haltung, die nicht von Zynismus aufgefressen wird, sondern im Alltag durch kleine, unprätentiöse Entscheidungen sichtbar wird.

    Vielleicht macht gerade das den Reiz des Friedensnobelpreises aus: Er erzählt Geschichten, die zeigen, dass Haltung ansteckend sein kann. Dass der Mut eines einzelnen Menschen ausreicht, um das Schweigen anderer zu brechen. Und dass diese Dynamik, so unsichtbar sie zunächst wirkt, ganze politische Räume verschieben kann.

    Der zehnte Dezember ist also kein Tag für wohlige Gewissheiten. Er ist ein Arbeitstag der Moral. Ein Termin, der uns daran erinnert, wie dünn der Firnis der Zivilisation manchmal ist, wie schnell er Risse bekommt – und wie sehr es auf uns ankommt, ihn immer wieder auszubessern.

    Vielleicht liegt in diesem Datum auch ein stiller Trost. Denn es zeigt, dass die Menschheit es trotz all ihrer Fehler schafft, sich Jahr für Jahr an die eigene Würde zu erinnern. Dass wir die dunklen Stellen nicht ausblenden, sondern ihnen Licht entgegenstellen. Und dass wir das Unvollkommene nicht hinnehmen, sondern ihm widersprechen – mit Worten, mit Taten, mit jener Beharrlichkeit, die jeder gute Journalismus und jede mutige Zivilgesellschaft gemeinsam haben.

    Ein Tag, zwei Anlässe, ein Appell.

    Und der richtet sich an uns alle.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Und täglich grüßt das Murmeltier – Der RN und seine nie endenden Eskapaden

    Kommentar: Und täglich grüßt das Murmeltier – Der RN und seine nie endenden Eskapaden

    Man könnte meinen, irgendwann sei doch mal Schluss. Ein Punkt erreicht. Die Grenze des moralisch Zumutbaren überschritten. Aber nein – der Rassemblement National (RN), dieser politische Dauerbrenner des französischen Grauens, beweist erneut, dass das Fass der Dreistigkeit nach unten offen ist. Und diesmal? Ein sogenanntes „Mediatraining“ – von europäischen Steuergeldern finanziert, versteht sich –, das offenbar nicht etwa der Aufklärung über Brüsseler Agrarpolitik diente, sondern der stilistischen Politur von Präsidentschaftskandidat*innen in Frankreich.

    Wie charmant. Öffentliches Geld für private Machtträume. Ist ja nicht das erste Mal. Wird auch nicht das letzte Mal sein.

    Jordan Bardella, dieser smarte Posterboy der Rechten, ließ sich offenbar ab Herbst 2021 von einem Coach medienfit machen. Nicht etwa, um in Straßburg glänzend über Richtlinien zur Netzneutralität zu debattieren – sondern um die Bühnenreife für die französische Präsidentschaftskampagne zu erlangen. So steht es jedenfalls im „Canard Enchaîné“, und der hat in der Vergangenheit mehr Licht in dunkle Ecken gebracht als jede französische Staatsanwaltschaft in zwei Jahrzehnten.

    Aber was soll’s. Der RN? Der lebt doch davon, dass ihn all das nicht kratzt. Wählerstimmen sind bekanntlich klebrig wie Honig, sobald sich die Opferrolle inszenieren lässt. „Die da oben gegen uns“, „Hexenjagd der Eliten“ – das altbekannte Lied. Dabei müsste man eigentlich fragen: Wer jagt hier eigentlich wen?

    Denn diese neue Klage der Anti-Korruptionsorganisation AC!! ist kein Einzelfall. Sie reiht sich ein in ein ganzes Bestiarium juristischer Verfahren: Assistenzskandale, Geldflüsse in schwarze Löcher, verschwundene Budgets. Jüngst erst: Die Sache mit den 4,3 Millionen Euro, die der EU-Gruppierung „Identität und Demokratie“ – in trauter Gemeinsamkeit mit dem RN – irgendwie… sagen wir mal: „abhandenkamen“. Zwischen 2019 und 2024. Kein Scherz.

    Man fragt sich unweigerlich: Wird im RN eigentlich auch mal regulär gearbeitet? Oder ist das Parteiprogramm inzwischen eine Art Workshop in kreativer Buchhaltung?

    Die Liste der Vergehen ist so lang, dass selbst ein altgedienter Gerichtsdiener sie kaum mehr tragen könnte. Und mittendrin: Marine Le Pen, die Grande Dame des politischen Scheinwerferlichts. In erster Instanz zu fünf Jahren Unwählbarkeit verurteilt – wegen der berühmten Affäre um EU-Parlamentsassistent*innen, die angeblich mehr mit Wahlkampf in Frankreich als mit Europapolitik zu tun hatten. Aber klar: Alles nur ein Versehen. Ein bedauerliches Missverständnis. Sicher.

    Man sollte meinen, eine Bewegung, die so viel von „Werten“, „Nation“ und „Ehre“ faselt, würde sich auch ein Mindestmaß an Integrität auf die Fahne schreiben. Doch stattdessen scheint man beim RN das Prinzip der öffentlichen Finanzierung in eine Art politischen Wildwuchs verwandelt zu haben. Wo’s Geld gibt, wird zugegriffen. Ob gerechtfertigt oder nicht, ist nebensächlich – Hauptsache, es zahlt am Ende jemand anders.

    Was bleibt, ist ein beunruhigendes Muster: Ein Parteiapparat, der sich systematisch aus öffentlichen Kassen bedient, um seine Macht zu zementieren. Eine Rechtsaußenpartei, die demokratische Institutionen mit kühler Berechnung ausnutzt – während sie gleichzeitig behauptet, genau diese Institutionen seien „korrupt“ und „abgehoben“.

    Das ist, als würde ein Dieb die Polizei beschimpfen, weil sie ihn beim Stehlen stört.

    Doch der vielleicht bitterste Beigeschmack: Dass sich weite Teile der Bevölkerung längst daran gewöhnt haben. Ach ja, wieder ein Skandal beim RN – und morgen geht’s weiter. Irgendwann wird aus Empörung Gleichgültigkeit. Und das ist gefährlicher als jeder Finanztrick.

    Denn wer sich an das Unrecht gewöhnt, öffnet dem nächsten Machtmissbrauch Tür und Tor.

    Und wer weiß – vielleicht sitzt der nächste Mediatrainer ja schon bereit, finanziert mit Geldern, die eigentlich für etwas anderes gedacht waren. Zum Beispiel für Europa.

    Ein Kommentar von Daniel Ivers

  • Kommentar: Rechtsradikale Dummheit vergiftet unser Leben – jetzt auch auf dem Weihnachtsmarkt!

    Kommentar: Rechtsradikale Dummheit vergiftet unser Leben – jetzt auch auf dem Weihnachtsmarkt!

    Es reicht.

    Wann ist aus einer offenen Gesellschaft ein Ort geworden, an dem selbst der Weihnachtsmarkt nicht mehr sicher vor Hass und Hetze ist? Wann haben wir begonnen, stillschweigend zuzusehen, wie der dunkelbraune Bodensatz der Gesellschaft sich Raum nimmt – ohne Anstand, ohne Scham, ohne Verstand?

    Was da auf dem Place Kléber in Strasbourg passiert ist, war keine Meinungsäußerung. Es war keine Debatte. Es war keine Warnung. Es war blanker, dummer Hass – hingeschmiert auf ein Banner, das mit plumper Provokation die schlimmsten Klischees wiederkäut, die je durch rechte Echokammern gegeifert wurden.

    Und das Schlimmste: Sie tun es mit einem Lächeln.

    Zwei junge Frauen – scheinbar gebildet, medienaffin, strategisch trainiert – hängen mitten in der Adventszeit eine rassistische Botschaft über eine belebte Innenstadt. Mitten zwischen Kindern, Familien, Touristinnen und Touristen. Mitten im Licht. Zwischen Glühwein, Lebkuchen und Weihnachtsliedern. Zwischen allem, was uns erinnert, dass Menschlichkeit mehr ist als Herkunft, mehr als Hautfarbe, mehr als Passnummer.

    Was geht in diesen Köpfen vor?

    Ist das das neue Gesicht des Rechtsextremismus? Freundlich lächelnde Frauen mit Handykamera, die Gift streuen wie Zuckerperlen – in der Hoffnung, dass es keiner merkt? Dass man sie verharmlost, weil sie weiblich, jung, unschuldig wirken?

    Wer so denkt, macht sich mitschuldig.

    Denn das ist das eigentliche Gift: dass wir uns an diese Bilder gewöhnen. Dass wir immer wieder den Kopf schütteln, uns empören – und dann weitermachen, als sei nichts gewesen.

    Aber das war nicht nichts.

    Es war ein direkter Angriff auf unser Zusammenleben. Auf den letzten, warmen Ort der Gemeinsamkeit, den viele Menschen noch haben – den Weihnachtsmarkt. Er steht für Nähe, für Frieden, für Kindheitserinnerungen, für ein kurzes Aufatmen in einer hektischen Welt.

    Und jetzt? Jetzt hängen dort Botschaften, die klingen wie aus den 1930ern. Nur lauter. Nur dreister. Nur digitaler.

    Diese Dummheit, die sich da Bahn bricht, ist keine jugendliche Provokation. Sie ist kaltes Kalkül.

    Sie will provozieren, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie will verletzen, um Reaktionen zu erzwingen. Sie will Menschen mit Migrationsgeschichte zu Tätern machen – pauschal, kollektiv, widerlich.

    Aber wir sind nicht so.

    Strasbourg ist nicht so. Europa ist nicht so.

    Wir sind besser.

    Und wir müssen lauter sein als diese Sprücheklopfer, diese falschen Weihnachtswünscher, diese selbsternannten Retter des Abendlandes, die in Wahrheit nichts retten – sondern zerstören.

    Was es jetzt braucht? Zivilcourage. Eine Justiz, die nicht zögert. Politiker:innen, die nicht relativieren. Und eine Gesellschaft, die klar macht: Rassismus hat auf keinem Platz der Welt einen Platz.

    Und schon gar nicht auf einem, der nach Zimt riecht und nach Hoffnung schmeckt.

    Von C. Hatty

  • „Raus mit den Vergewaltigern“ – Wie Strasbourg zum Schauplatz rechter Hetze wurde

    „Raus mit den Vergewaltigern“ – Wie Strasbourg zum Schauplatz rechter Hetze wurde

    Die Worte brannten sich ins Gedächtnis wie Brandflecken auf weißer Weihnachtspracht: „Papa Noël, remigre moi ces violeurs étrangers.“ Zu Deutsch: „Weihnachtsmann, schick mir diese ausländischen Vergewaltiger zurück.“ Ein Banner, aufgehängt am 3. Dezember mitten auf dem festlich erleuchteten Place Kléber in Strasbourg, während rundherum Kinderlachen, Glühweinduft und Weihnachtslieder die Luft erfüllten. Was als familiäres Vorweihnachtsidyll begann, endete an diesem Abend mit einer Demonstration der ganz anderen Art – und einem schalen Beigeschmack, der weit über die Grenzen des Elsass hinaus wirkt. Die Aktion stammt vom „Collectif Némésis“, einem radikalen identitären Frauenkollektiv aus Paris, das bereits in der Vergangenheit mit provokanten, rassistisch aufgeladenen Auftritten Schlagzeilen machte. In diesem Fall kletterten zwei Aktivistinnen auf ein Wohnhaus, platzierten das Banner in Sichtweite des Marktes – und verschwanden nach wenigen Minuten. Die Polizei entfernte das Plakat schn…

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  • Verzweifeltes Ende einer politischen Veteranin – der Fall Catherine Bailhache schockiert Guérande

    Verzweifeltes Ende einer politischen Veteranin – der Fall Catherine Bailhache schockiert Guérande

    Das Auffinden des leblosen Körpers von Catherine Bailhache in ihrem Haus in Guérande hat Entsetzen ausgelöst. Die 78‑Jährige, langjährige Ratsfrau der kommunalen Opposition, wurde am Mittwochnachmittag tot in ihrem Heim entdeckt. Kurz darauf wurde ein 34‑Jähriger festgenommen — ein Mann, der nach ersten Erkenntnissen sich in ihrem Haus versteckte. Bei der Festnahme kam es zu einer Schussabgabe, bei der der Verdächtige verletzt wurde.

    Wer war Catherine Bailhache? Als engagierte Kommunalpolitikerin prägte Catherine Bailhache über Jahrzehnte das Leben in Guérande. Seit 1995 im Gemeinderat, war sie zwischen 2008 und 2014 Kulturbeigeordnete und danach bis zuletzt eine profiliert-kritische Stimme der Opposition. Darüber hinaus führte sie 2020 eine Bürgerliste mit dem Titel „Guérande, l’avenir en presqu’île“ an. In ihrer Heimatregion galt sie als Verfechterin des kulturellen Erbes und als Stimme für Menschen, die im politischen …

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  • Verdeckter Kriegseinsatz? Was hinter dem neuen französischen Militärdekret wirklich steckt

    Verdeckter Kriegseinsatz? Was hinter dem neuen französischen Militärdekret wirklich steckt

    Frankreich rüstet sich – nicht für den Krieg, sondern für die Kooperation. Doch ein neues Dekret des französischen Verteidigungsministeriums sorgt für Aufregung, Missverständnisse und wilde Spekulationen. Die Rede ist von „Privatmilizen“, die angeblich in den Ukrainekrieg geschickt werden sollen. Die Wahrheit? Weniger dramatisch – und mehr Verwaltung als Verschwörung. Der Stein des Anstoßes: Ein Dekret, das am 1. November im französischen Amtsblatt erschien. Es trägt den spröden Titel „Verordnung über die Referenzbetreiber des Verteidigungsministeriums im Rahmen der internationalen militärischen Zusammenarbeit“ – klingt harmlos, ruft aber reflexhafte Empörung hervor. Vor allem in souveränistischen und prorussischen Kreisen, wo man sofort den nächsten Schritt Richtung Kriegseintritt wittert. Nicolas Dupont-Aignan etwa, Ex-Abgeordneter und Chef der Kleinstpartei „Debout la France“, sah in dem Erlass nicht weniger als die Legalisierung bewaffneter privater Gruppen – „nichts anderes als Sö…

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  • Kommentar: Besinnung im Knast? Nicolas Sarkozys neues Buch berührt, verwirrt und provoziert

    Kommentar: Besinnung im Knast? Nicolas Sarkozys neues Buch berührt, verwirrt und provoziert

    Da sitzt er also. Hinter Gittern. Drei Wochen, allein mit sich, dem Lärm der Zellentüren und seinen Gedanken. Nicolas Sarkozy, einst mächtigster Mann Frankreichs – jetzt Gefangener, dann Schreiber, bald wieder im Rampenlicht. Mit „Le Journal d’un prisonnier“ legt er ein Buch vor, das nicht weniger will, als die Welt wissen zu lassen: Ich bin gefallen – aber nicht zerbrochen.

    Was für ein Satz: „In der Haft gibt es nichts zu sehen, nichts zu tun.“ Und doch, genau daraus wird ein Buch. Ein politischer Text? Eine Abrechnung? Ein Versuch, Würde zurückzuerlangen in einer Situation, die von Scham, Ohnmacht und Stolz zugleich durchdrungen ist?

    Sarkozy beschreibt den Knast wie ein Kloster ohne Mönche, voller Geräusche, voller Leere. „Das Innere wird stärker“, schreibt er. Man spürt: Das ist kein literarisches Spiel, das ist ein Aufbäumen – gegen die Schande, gegen das Urteil, gegen das Vergessen.

    Und trotzdem: Man stolpert über die Kulisse.

    Der Verlag? Fayard. Gesteuert von Vincent Bolloré, dem ultrakonservativen Medienmogul, der nicht nur Bücher verlegt, sondern Ideologien formt. Das Timing? Kurz nach der Haft, noch vor dem Berufungsverfahren. Die Botschaft? Klar: Sarkozy lässt sich nicht demontieren – er inszeniert sich neu.

    Man darf das beeindruckend finden. Oder schamlos.

    Denn vergessen wir nicht: Der Grund für seine Inhaftierung ist kein Kavaliersdelikt. Fünf Jahre Haft, 100.000 Euro Strafe – wegen bandenmäßiger Korruption, wegen verdeckter Millionen aus dem libyschen Gaddafi-Regime. Das Gericht urteilte: Sarkozy wusste, ließ gewähren, profitierte. Drei Wochen später sitzt er nicht mehr im Gefängnis, sondern am Schreibtisch – und verkauft seine Version der Wahrheit.

    Was ist das eigentlich? Ein Memoiren-Schnellschuss? Eine politisch-moralische Verteidigung? Oder einfach das Protokoll eines Mannes, der im Dunkel seiner Zelle zum ersten Mal wirklich in den Spiegel geschaut hat?

    Vielleicht ist es all das.

    Vielleicht will Sarkozy sich selbst wiederfinden in diesem Buch – der Präsident, der Familienvater, der Getriebene, der Gefallene. Vielleicht sucht er Trost. Oder einfach einen neuen Weg zurück auf die Bühne.

    Was bleibt, ist ein schales Gefühl. Denn ein Hauch von Buße reicht nicht, um den Schmutz der Vorwürfe abzuwaschen. Und doch – man liest, was er schreibt. Weil es uns etwas angeht. Weil es Frankreich betrifft. Weil es Geschichte ist.

    Sarkozy stellt sich als Gefangener dar, aber er bleibt ein Akteur. Er schweigt nicht, er schreibt. Und das allein zeigt: Sein Kampf ist nicht vorbei. Ob das Buch ein Aufschrei ist – oder nur ein Vorhang für den nächsten Akt – das werden wir noch sehen.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Wenn die Idylle bröckelt – Der Drogenhandel erreicht Frankreichs ländliche Gemeinden

    Wenn die Idylle bröckelt – Der Drogenhandel erreicht Frankreichs ländliche Gemeinden

    Die Vorstellung vom idyllischen Landleben in Frankreich ist tief verwurzelt: kleine Dörfer, ruhige Straßen, vertraute Gesichter. Orte, an denen man sich kennt, grüßt und noch selbst zur Bürgermeisterin oder zum Bürgermeister ins Büro spaziert, wenn es etwas zu besprechen gibt. Doch dieses Bild gerät ins Wanken. Der Drogenhandel, lange als urbanes Problem betrachtet, hat das französische Land erreicht – leise, beharrlich, mit einer Konsequenz, die vielerorts fassungslos macht. Was einst als Rückzugsort galt, wird zunehmend zur Bühne eines kriminellen Phänomens, das die Fundamente des gesellschaftlichen Zusammenhalts ins Wanken bringt.

    Die Zahl der betroffenen Gemeinden steigt. Acht von zehn, heißt es in einer aktuellen Umfrage, seien inzwischen direkt oder indirekt mit dem Phänomen des Drogenhandels konfrontiert. Dabei geht es nicht mehr nur um Konsumverhalten oder den gelegentlichen Joint auf dem Sportplatz. Es geht um organisierte Strukturen, um mobile Vertriebswege, um Lieferdienste, die selbst abgelegene Weiler zuverlässig versorgen. Es geht um Kokain auf dem Dorf, um Strategien der Unsichtbarkeit, um ein Geschäft, das sich längst der klassischen Polizeiarbeit entzieht.

    Die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister dieser Gemeinden stehen vor einer Aufgabe, für die ihr Amt nie gedacht war. Sie sind die ersten, die es merken, die ersten, die angesprochen werden, die ersten, die etwas tun müssen – und doch oft die letzten, die tatsächlich Einfluss nehmen können. Die staatlichen Sicherheitsstrukturen sind auf die urbanen Brennpunkte ausgerichtet. Dörfer spielen in diesen Systemen nur eine Nebenrolle, wenn überhaupt. Die Polizei ist weit entfernt, die Gendarmerie überlastet, der Rechtsstaat langsam. So stehen die kommunalen Amtsinhaber in der Pflicht, ohne die nötigen Instrumente zur Verfügung zu haben.

    Dabei ist der Wandel nicht nur ein sicherheitspolitisches Problem. Er trifft das Selbstverständnis der ländlichen Räume. Wenn der Drogenhandel auf dem Markt stattfindet, in der Nähe von Schulen oder Gemeindehäusern, dann verändert sich das soziale Klima. Das Vertrauen schwindet, die Lebensqualität sinkt, das Gefühl der Zusammengehörigkeit weicht einer Atmosphäre der Vorsicht. Wer etwas bemerkt, überlegt zweimal, ob er es sagt. Und wem man traut, entscheidet nicht mehr die Nähe, sondern die Rolle im Netz der Gerüchte.

    Was die Situation besonders prekär macht, ist die Kombination aus struktureller Verwundbarkeit und politischer Vernachlässigung. Die ländlichen Räume waren in der französischen Sicherheitspolitik lange kein Thema. Fördermittel, Aufmerksamkeit, personelle Verstärkung – all das floss in die Städte, in die bekannten „zones sensibles“. Dörfer galten als stabil, als ruhig, als ungefährdet. Das war bequem – für den Staat wie für die Politik. Nun zeigt sich, wie kurzsichtig diese Einschätzung war.

    Zugleich entfaltet der Drogenhandel auf dem Land eine besondere Dynamik. Die Räume sind weit, die Wege unübersichtlich, die soziale Kontrolle trügerisch. Wer liefern will, tut es diskret. Wer lagern muss, findet leerstehende Gebäude oder ungenutzte Flächen. Und wer verdient, hält sich zurück, um nicht aufzufallen. Es ist eine neue Unsichtbarkeit, die diese Entwicklung begleitet. Und eine neue Ohnmacht, die sie nährt.

    Die Reaktionen der Kommunen sind vielfältig – und oft hilflos. Manche setzen auf bessere Beleuchtung, auf Überwachungskameras, auf sichtbare Präsenz. Andere versuchen, durch Sozialarbeit, durch Jugendarbeit, durch neue Allianzen gegenzusteuern. Es ist ein Kraftakt, der viel Engagement verlangt – und selten die gewünschte Wirkung entfaltet. Denn das eigentliche Problem liegt tiefer: Der Drogenhandel ist längst kein lokales Phänomen mehr. Er ist Teil eines nationalen, ja internationalen Marktes. Wer ihn bekämpfen will, braucht mehr als gute Absichten auf Dorfebene.

    Die Rolle der Bürgermeister gerät dabei zunehmend in Schieflage. Sie sind gewählte Vertreter ihrer Gemeinde, verantwortlich für Straßen, Schulen, Kulturveranstaltungen – nicht für Razzien, Gefahreneinschätzungen oder verdeckte Ermittlungen. Doch genau das wird immer öfter von ihnen erwartet. Wer nicht reagiert, gilt als naiv. Wer es tut, steht schnell allein. Die Gefahr besteht, dass sie zwischen den Ebenen zerrieben werden – überfordert von Aufgaben, die ihnen nie zugedacht waren.

    Dennoch gibt es eine Lehre, die aus all dem gezogen werden muss. Die ländlichen Räume Frankreichs sind keine Randzonen. Sie sind Teil der nationalen Wirklichkeit – in guten wie in schwierigen Zeiten. Und wenn sie sich verändern, dann betrifft das die ganze Republik. Die Reaktion auf den Drogenhandel auf dem Land kann daher nicht lokal bleiben. Sie muss staatlich getragen, politisch gewollt und gesellschaftlich verstanden sein.

    Denn am Ende geht es nicht nur um Sicherheit. Es geht um Vertrauen. Um das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in ihre Institutionen, in ihr Dorf, in ihr Land. Wenn das verloren geht, bleibt vom ländlichen Frankreich nicht viel mehr als eine schöne Erinnerung. Und die hat in der Realität des 21. Jahrhunderts keinen Platz mehr.

    Autor: Andreas M. B.

  • Boualem Sansal: Die Feder gegen das Schweigen

    Boualem Sansal: Die Feder gegen das Schweigen

    Ein Schriftsteller, der fünf Jahre Gefängnis für seine Worte bekommt. Eine Regierung, die sich durch Bücher bedroht fühlt. Und ein französischer Präsident, der dem Autor persönlich die Hand schüttelt. Die Geschichte von Boualem Sansal ist nicht nur ein politisches Drama – sie ist ein Brennglas für die Macht der Literatur.

    Der Mann, der nicht schwieg

    Boualem Sansal – geboren 1949 in Theniet El Had, Algerien – hätte einen geradlinigen Weg gehen können. Hochintelligent, promovierter Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler, Ministerialbeamter. Ein Mann des Systems.

    Doch die algerische Realität, zerrissen zwischen Bürgerkrieg, staatlicher Repression und dem Aufstieg des Islamismus, ließ ihn nicht ruhig bleiben. Mit fünfzig Jahren begann er zu schreiben. Und hörte nicht mehr auf.

    Was aus ihm wurde? Eine der wichtigsten literarischen Stimmen der frankophonen Welt. Und ein unbequemes Gewissen für sein Herkunftsland.

    Worte, die zu viel sagen

    Sansals Romane sind scharf. Präzise. Gefährlich – zumindest aus Sicht derer, die sich von ihnen entlarvt sehen.

    Ob in Der Deutsche Freund, wo er die NS-Vergangenheit eines algerischen Kämpfers mit islamistischem Fanatismus verwebt. Oder in 2084: Das Ende der Welt, seiner dystopischen Vision einer totalitären Theokratie.

    Er schreibt gegen das Vergessen, gegen religiösen Wahn, gegen die Doppelmoral in Gesellschaft und Politik. In Frankreich gefeiert, in Algerien zensiert. Seine Bücher wurden dort verboten, seine Person überwacht. Aber er schrieb weiter.

    Eine Verhaftung – ein politisches Signal

    Im November 2024, bei seiner Einreise in Algier, wurde Sansal festgenommen. Der Vorwurf: „Angriff auf die nationale Einheit“ und „Gefährdung der territorialen Integrität“.

    Im Klartext: Seine Gedanken passten nicht zur Linie der Regierung.

    Im März 2025 folgte das Urteil – fünf Jahre Gefängnis. Für das, was er geschrieben hatte. Für das, was er gedacht hatte.

    Die Empörung war international. Literat:innen, Menschenrechtsorganisationen, Politiker schlugen Alarm. Denn Sansals Gesundheitszustand war kritisch – Krebs, fortgeschritten. Die Haft drohte sein Todesurteil zu werden.

    Ein diplomatischer Befreiungsschlag

    Am 12. November 2025 kam die Wende: Der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune gewährte eine „humanitäre Begnadigung“. Auf Initiative des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier – ein bemerkenswerter diplomatischer Schachzug.

    Sansal reiste nach Deutschland, zur Behandlung. Sechs Tage später kehrte er nach Frankreich zurück.

    Und dann das Bild, das um die Welt ging: Boualem Sansal, im Anzug, im Élysée-Palast – neben Emmanuel Macron.

    Ein Empfang, der Bände spricht

    Der Präsident sprach von „Mut, Würde und moralischer Kraft“. Die Geste war klar: Frankreich stellt sich schützend vor einen seiner Schriftsteller. Und sendet eine Botschaft Richtung Algier – höflich, aber unmissverständlich.

    Doch zwischen den Zeilen steckt mehr.

    Die Beziehung zwischen Frankreich und Algerien ist seit Jahren angespannt – zwischen kolonialer Vergangenheit, wirtschaftlichen Interessen und politischen Grabenkämpfen. Sansal war da plötzlich mehr als ein Autor. Er war ein Symbol.

    Für freie Meinungsäußerung.
    Für kulturelle Selbstbestimmung.
    Für die Kraft des Wortes in autoritären Zeiten.

    Und was bleibt?

    Sansal ist zurück, ja. Körperlich gezeichnet, emotional erschöpft – aber nicht gebrochen.

    Ob er wieder schreibt? Wahrscheinlich. Aber die Erfahrung der Haft, die Repression, die Einschüchterung – all das hinterlässt Spuren.

    Und doch bleibt sein Fall ein Lichtstrahl. Denn er zeigt, wie sehr Literatur bewegen kann. Wie gefährlich ein Gedanke sein kann, wenn er auf Papier geschrieben wird. Und wie wichtig es ist, dass Demokratien ihre Künstler:innen schützen – nicht aus politischem Kalkül, sondern aus Überzeugung.

    Denn wer das Schweigen diktiert, fürchtet die Stimme.
    Und Boualem Sansals Stimme hallt weiter.

    Autor: C.H.

  • Ministertreffen im Élysée wegen der Drogenkriminalität – ein Wendepunkt oder nur Geste?

    Ministertreffen im Élysée wegen der Drogenkriminalität – ein Wendepunkt oder nur Geste?

    Dienstagmorgen im Herzen von Paris. Im historischen Palais de l’Élysée versammeln sich Spitzenpolitiker, Minister und Sicherheitschefs rund um Präsident Emmanuel Macron. Es geht um ein Thema, das Frankreich seit Jahren beschäftigt, zuletzt aber dramatisch eskaliert ist: der Drogenhandel – insbesondere in Marseille. Die Bilder der Gewalt, der offenen Revierkämpfe, der toten Jugendlichen in den Straßen haben sich eingebrannt. Jetzt soll gegengesteuert werden. Aber reicht eine Sitzung im Präsidentenpalast, um ein so tief verankertes Problem in den Griff zu bekommen? Alarmstufe Marseille Marseille steht symbolisch für das Ausmaß der Krise. Die Hafenstadt ist Drehscheibe des europäischen Drogenhandels geworden – mit einer eigenen brutalen Logik. Clans liefern sich blutige Machtkämpfe, der Nachwuchs wird auf Schulhöfen rekrutiert, das Geld wäscht sich über Bars, Autovermietungen und Kryptowährungen. Und wenn es brenzlig wird, helfen Einschüchterung und Mord. Ein jüngst verübter Anschlag – da…

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