Schlagwort: Politik

  • Legion d’honneur: Warum Frankreich Boualem Sansal ehrt – und was diese Auszeichnung wirklich bedeutet

    Legion d’honneur: Warum Frankreich Boualem Sansal ehrt – und was diese Auszeichnung wirklich bedeutet

    Manchmal sagt ein Orden mehr als eine diplomatische Note. Wenn Frankreich gleich zu Beginn des Jahres den Schriftsteller Boualem Sansal in den Rang eines Ritters der Légion d’honneur erhebt, geschieht das nicht beiläufig, nicht routiniert und ganz sicher nicht ohne politischen Unterton. Die höchste …

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  • Eine Ikone als Streitfall – Brigitte Bardot und die Frage nach dem nationalen Gedenken

    Eine Ikone als Streitfall – Brigitte Bardot und die Frage nach dem nationalen Gedenken

    Der Tod von Brigitte Bardot hat Frankreich in einen Zustand versetzt, den man kennt und der doch jedes Mal überrascht: Das Land trauert – und streitet zugleich. Kaum war die Nachricht vom Ableben der wohl berühmtesten Blondine der Republik öffentlich, begann ein politischer Schlagabtausch, der weniger mit Pietät als mit Positionsbestimmung zu tun hat. Die Idee eines nationalen Gedenkens, vorgetragen mit Pathos und politischem Kalkül, spaltet die politische Klasse entlang vertrauter Linien.

    Auf der einen Seite jene, die in Bardot eine Verkörperung Frankreichs sehen, eine Marianne aus Zelluloid, deren Bild um die Welt ging. Éric Ciotti fordert den Präsidenten feierlich auf, der Nation einen letzten großen Akt der Anerkennung zu ermöglichen. Mehr als 15.000 Unterschriften stützen seine Petition, lanciert über die Parteiplattform der UDR. Unterstützung kommt aus einem politischen Lager, das sich seit Jahren auf Symbole und Identitätsfragen konzentriert. Die Nähe zu Marine Le Pen ist dabei kein Geheimnis, sondern Teil der Erzählung.

    Auch Christian Estrosi meldet sich zu Wort. In Nizza, won er Bürgermeister ist, soll ein markanter Ort künftig Bardots Namen tragen. Die Botschaft ist klar: Hier wird nicht nur getrauert, hier wird markiert. Bardot, so scheint es, eignet sich bestens als Projektionsfläche. Für Nostalgie. Für nationale Selbstvergewisserung. Und, ganz ehrlich, auch für Wahlkampf. Das ist Politik, wie sie lebt – manchmal von der Emotion, manchmal von der Gelegenheit.

    Doch ein nationaler Tribut ist kein Straßenfest. Er folgt festen Ritualen, ist selten und von Gewicht. Ein Dekret des Präsidenten, eine Zeremonie, oft im Herzen von Paris, etwa im Hof des Hôtel des Invalides. Von Staatsmännern, Widerstandskämpfern, Opfern des Terrors hat die Nation dort Abschied genommen. Auch Künstler, die weit über ihr Metier hinaus wirkten, wurden dort geehrt. Charles Aznavour. Jean-Paul Belmondo. Namen, die kaum Widerspruch auslösten.

    Bei Bardot liegt der Fall anders. Nicht wegen ihrer Bedeutung für das Kino, die unbestritten bleibt. Sondern wegen der Brüche, die ihr öffentliches Leben durchzogen. Der Ruhm der frühen Jahre, die Radikalität des Rückzugs, der kompromisslose Einsatz für den Tierschutz. Und dann jene Aussagen, die Gerichte beschäftigten und viele Menschen verletzten. Rassistisch. Fremdenfeindlich. Antimuslimisch. Worte, die nachhallen, auch wenn der Vorhang gefallen ist.

    Die Linke reagiert entsprechend reserviert, um nicht zu sagen: abwehrend. Olivier Faure (PS) formuliert nüchtern, nationale Ehrungen seien außergewöhnlichen Verdiensten um die Republik vorbehalten. Bardot habe sich, so der Vorwurf, von republikanischen Werten entfernt. Man spürt in diesen Tagen ein kollektives Unbehagen, fast so, als halte man sich die Nase zu, während andere bereits die Fahnen hissen.

    Dabei stellt sich eine grundsätzliche Frage, die über Bardot hinausweist. Lässt sich Trauer verordnen? Kann ein Dekret Emotion erzeugen? Die Geschichte spricht dagegen. Johnny Hallyday erhielt keinen nationalen Staatsakt, aber ein Volksbegräbnis, das die Straßen von Paris füllte. Der Präsident sprach auf den Stufen der Madeleine, und das reichte. Die Anteilnahme kam von unten, nicht von oben. Sie war echt, laut, manchmal kitschig, aber unbestreitbar.

    Im Fall Bardot schweigt Emmanuel Macron bislang. Ein Schweigen, das lauter wirkt als jede Rede. Vielleicht aus Respekt. Vielleicht aus Vorsicht. Vielleicht, weil der Präsident weiß, dass jede Entscheidung – ob für oder gegen ein nationales Gedenken – sofort politisch gelesen würde. In Zeiten, in denen jede Geste seziert wird, ist Untätigkeit bisweilen die klügste Option.

    Und dann gibt es noch Bardot selbst, die Frau hinter der Ikone. Freunde berichten von ihrem Wunsch nach Schlichtheit, nach einem Abschied ohne großes Zeremoniell. Saint-Tropez, ein Wintertag, kein Pomp. Man kann diese Stimmen als nachträgliche Legendenbildung abtun. Man kann sie aber auch ernst nehmen. Denn vielleicht liegt hier die eigentliche Lehre dieser Tage: Nicht jedes Leben, so schillernd es auch gewesen sein mag, verlangt nach staatlicher Weihe.

    Frankreich liebt seine Debatten. Es liebt es, sich zu zerlegen und wieder zusammenzufügen. Der Streit um Bardot zeigt das in Reinform. Er offenbart die Sehnsucht nach guten Symbolen ebenso wie die Angst vor falschen. Er zeigt eine Republik, die ringt mit ihrem Selbstbild, mit ihrer Vergangenheit, mit der Frage, wer dazugehören darf – auch im Tod.

    Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Erinnerung kein Besitz ist, den man sich aneignen kann. Sie gehört denen, die fühlen. Und die fühlen unterschiedlich. Das mag unbefriedigend sein für jene, die klare Zeichen setzen wollen. Es ist aber vielleicht der ehrlichste Zustand, den eine pluralistische Gesellschaft erreichen kann. Bardot, die Unangepasste, hätte darüber womöglich gelächelt. Oder auch geschimpft. Man weiß es nicht. Und genau das passt erstaunlich gut.

    Von Andreas M. Brucker

  • Verkaufserfolge rechter Politiker-Bücher in Frankreich: Symptom oder Strategie?

    Verkaufserfolge rechter Politiker-Bücher in Frankreich: Symptom oder Strategie?

    Kurz vor Weihnachten avancierten mehrere Bücher französischer Rechts- und Rechtspopulisten zu Bestsellern. Laut den Verkaufszahlen der Plattform Edistat, die von France Inter ausgewertet wurden, haben die Bücher von Nicolas Sarkozy, Philippe de Villiers und Jordan Bardella teils deutlich die Marke von 100.000 verkauften Exemplaren überschritten. Diese kommerzielle Dynamik ist bemerkenswert – doch was sagt sie über die politische Landschaft Frankreichs aus?

    Der ehemalige Präsident Nicolas Sarkozy veröffentlichte mit Journal d’un prisonnier eine Art persönliche Abrechnung und Selbstrechtfertigung nach seiner Verurteilung wegen illegaler Wahlkampffinanzierung. Philippe de Villiers, Gründer der souveränistischen Partei Mouvement pour la France und langjähriger Akteur der französischen Rechten, publizierte unter dem Titel Populicide eine kulturpessimistische Kampfschrift gegen die angebliche „Zerstörung des Volkes“. Jordan Bardella, derzeit Vorsitzender des Rassemblement National (RN), bringt sich mit seinem Buch Ce que veulent les Français als legitimer Nachfolger Marine Le Pens in Stellung – eine Position, die zunehmend als Vorbereitung auf die Präsidentschaftswahl 2027 gedeutet wird.

    Verkaufszahlen mit politischer Schlagkraft?

    Nach Angaben von Edistat wurden bis zum 21. Dezember 161.504 Exemplare von de Villiers‘ Buch, 142.764 von Sarkozys Werk und 89.797 von Bardellas Publikation verkauft. Die tatsächlichen Zahlen dürften noch höher liegen, da Direktverkäufe bei Lesungen und Signierstunden nicht berücksichtigt wurden. Rein wirtschaftlich handelt es sich dabei um beachtliche Erfolge – insbesondere auf einem ansonsten rückläufigen französischen Buchmarkt.

    Doch was bedeuten diese Zahlen politisch? Der Politologe Christian Le Bart von der Universität Rennes warnt vor vorschnellen Rückschlüssen: „Das Wählerpotenzial ist etwas anderes als das Leserpotenzial“, betont er. Selbst ein Publikum von mehreren hunderttausend Lesern stelle, in absoluten Zahlen, keine relevante Wählerbasis dar. Vielmehr sei dieser Bucherfolg ein Medienphänomen, das die Sichtbarkeit und Relevanz bestimmter politischer Akteure erhöhe – besonders in einem Umfeld, das sich bereits auf den Wahlkampf 2027 vorbereitet.

    Der Bolloré-Effekt: Medienmacht und politische Agenda

    Ein zentrales Element beim Erfolg dieser Bücher ist laut Le Bart das Verlags- und Medienumfeld. Alle drei Titel erschienen im renommierten Verlag Fayard, der inzwischen Teil der Bolloré-Gruppe ist – einem Medienimperium mit klar konservativem bis rechtspopulistischem Kurs. Fayard gehört seit 2021 zum Verlagskonzern Editis, der wiederum unter dem Dach des Mischkonzerns Vivendi von Vincent Bolloré steht.

    Der Einfluss dieser Medienmacht ist nicht zu unterschätzen. Bolloré kontrolliert neben Fayard unter anderem auch Fernsehsender wie CNews, der sich stilistisch und inhaltlich an amerikanische Formate wie Fox News anlehnt, sowie Magazine und Radiostationen. Die omnipräsente Sichtbarkeit der genannten Bücher – etwa in Bahnhofsfilialen, TV-Talkshows oder konservativen Leitmedien – folgt einer durchdachten Kommunikationsstrategie, die politische Botschaften über kulturelle Kanäle verbreitet.

    Politisches Buch als Wahlkampfinstrument

    Der Erfolg dieser Werke lässt sich nicht losgelöst vom politischen Kalender interpretieren. Die französische Präsidentschaftswahl 2027 wirft bereits jetzt ihren Schatten voraus. Marine Le Pen hat angedeutet, nicht mehr kandidieren zu wollen – Jordan Bardella, derzeit Vorsitzender des RN und EU-Parlamentsabgeordneter, gilt als ihr designierter Nachfolger. Sein Buch versteht sich dabei weniger als inhaltliches Manifest denn als rhetorisches Positionierungspapier. Mit platten, aber wirkmächtigen Slogans wie „Ce que veulent les Français“ zielt Bardella auf Emotionalisierung und Identifikation – ein Spiel, das in sozialen Medien und TV-Debatten zunehmend dominiert.

    Auch Nicolas Sarkozy verfolgt mit seiner Publikation eigene Ziele. Zwar ist eine Rückkehr in ein politisches Amt unwahrscheinlich, doch seine Sichtbarkeit im öffentlichen Diskurs bleibt hoch. In Journal d’un prisonnier inszeniert sich Sarkozy als Opfer der Justiz – ein Narrativ, das bei Teilen des bürgerlichen Lagers verfängt, die in den Institutionen der Republik zunehmend Misstrauen sehen.

    De Villiers wiederum bedient mit Populicide ein intellektuelles Milieu, das sich vom politischen Mainstream entfremdet hat. Seine Thesen zur kulturellen Auflösung der Nation reihen sich ein in einen größeren Trend von Anti-Globalismus, anti-liberaler Kritik und der Sehnsucht nach nationaler Wiedergeburt – Themen, die auch außerhalb Frankreichs Konjunktur haben.

    Kulturkampf durch Bestseller

    Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, in den Buchverkäufen lediglich ein Randphänomen zu sehen. In Zeiten wachsender Fragmentierung der Öffentlichkeit und steigender Skepsis gegenüber klassischen Institutionen entwickeln Bücher – und speziell politische Autobiografien oder Kampfschriften – eine neue Rolle: Sie sind zugleich Projektionsfläche, Identifikationsangebot und strategisches Kommunikationsinstrument.

    Der politische Buchmarkt in Frankreich wird damit selbst zum Teil des Wahlkampfs – nicht als direkter Stimmenfänger, wohl aber als Mittel zur Agenda-Setzung. Der Verkaufserfolg wird zum Signal an Journalisten, Parteien und potenzielle Bündnispartner: Diese Stimmen haben Reichweite, ihre Themen besitzen Resonanz.

    Gleichzeitig zeigt sich, wie wirkungsvoll eine medienübergreifende Struktur genutzt werden kann, um politische Narrative zu verankern. Die Koordination zwischen Verlag, Medien und Autoren – insbesondere im Umfeld der Bolloré-Gruppe – illustriert, wie sich kulturelle Produkte in politische Strategien einfügen. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Journalismus, Literatur und Propaganda zunehmend.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Ikone, Provokateurin, politische Reizfigur – wie Brigitte Bardot jahrzehntelang polarisierte

    Ikone, Provokateurin, politische Reizfigur – wie Brigitte Bardot jahrzehntelang polarisierte

    Sie war das Gesicht einer Epoche, ein Symbol der sexuellen Befreiung, eine Leinwanderscheinung von weltweitem Rang. Und zugleich eine Figur, die nie davor zurückschreckte, mit Worten zu verletzen, zu provozieren, zu spalten. Der Tod von Brigitte Bardot im Alter von 91 Jahren hat Frankreich noch einmal mit einer unbequemen Wahrheit konfrontiert: Hinter dem Mythos der Filmikone verbarg sich eine Frau, deren politische Aussagen und gesellschaftliche Positionierungen über Jahrzehnte hinweg für Empörung sorgten – und die mehrfach vor Gericht endeten.

    Schon die ersten Reaktionen aus dem rechten politischen Spektrum fielen auffallend herzlich aus. Jordan Bardellasprach von einer „glühenden Patriotin“, Marine Le Pen würdigte eine „freie, unzähmbare, kompromisslose Frau“. Worte, die mehr über die politische Nähe aussagen als über nostalgische Verehrung. Denn Bardot hatte ihre Sympathien für die extreme Rechte nie verborgen. Im Gegenteil. Sie trug sie wie ein Ehrenzeichen vor sich her.

    Dabei begann alles vergleichsweise früh. Als sie 1973 dem Kino den Rücken kehrte und sich selbst als „freie Frau“ inszenierte, wandte sie sich zugleich scharf gegen den Feminismus. Das Mouvement de libération des femmes hielt sie für lächerlich, für ein Missverständnis weiblicher Selbstbestimmung. Frauen, so Bardot damals, wollten plötzlich keine Frauen mehr sein. Ein Satz, der schon damals Kopfschütteln auslöste und rückblickend wie ein Vorbote späterer Grenzüberschreitungen wirkt.

    Die politische Verortung nach rechts außen nahm in den frühen neunziger Jahren deutlichere Konturen an. 1992 heiratete Bardot den Unternehmer Bernard d’Ormale, den sie im Umfeld von Jean-Marie Le Pen kennengelernt hatte. In ihrer Autobiografie beschrieb sie den damaligen Front-National-Chef als charmant, intelligent, als jemanden, der – wie sie – von bestimmten Entwicklungen „revoltiert“ sei. Gemeint war vor allem die Einwanderung, die sie als bedrohlich empfand. Worte, die nicht im luftleeren Raum standen, sondern Teil eines ideologischen Fundaments waren.

    Besonders schwer wogen jene Aussagen, die ihr zwischen 1997 und 2008 mehrere Verurteilungen wegen Volksverhetzung einbrachten. Bardot äußerte sich wiederholt islamfeindlich, vor allem im Zusammenhang mit dem muslimischen Opferfest. In offenen Briefen und Zeitungsartikeln sprach sie von einer „Überfremdung“, von einer Unterwerfung Frankreichs unter muslimische Bräuche. Das war keine beiläufige Provokation mehr, das war gezielte sprachliche Eskalation. Die Justiz reagierte, mehrmals, mit Geldstrafen.

    Ihr Buch „Un cri dans le silence“ markierte 2003 einen weiteren Tiefpunkt. Darin beschrieb Bardot Muslime als Teil einer gefährlichen, schleichenden Infiltration, die sich weder an Gesetze noch an Traditionen halte. Auch Homosexuelle wurden Ziel ihrer Tiraden, ebenso wie das, was sie abschätzig als „Metissage“ bezeichnete. Die Sprache war roh, verletzend, entmenschlichend. Wieder folgte eine Verurteilung. Und wieder zeigte Bardot keinerlei Reue.

    Selbst in hohem Alter blieb sie ihrer Linie treu. 2019 diffamierte sie die Bevölkerung von La Réunion in einem offenen Brief als „degeneriert“, diesmal unter dem Vorwand des Tierschutzes. 2021 verurteilte ein Gericht sie wegen öffentlicher Beleidigung mit rassistischem Charakter zu einer Geldstrafe von 20.000 Euro. Man hätte denken können, irgendwann kehrt Stille ein. Tat es nicht.

    Politisch unterstützte Bardot über Jahre hinweg Kandidatinnen und Kandidaten des rechten Spektrums. 2012 forderte sie Bürgermeister dazu auf, Marine Le Pen die notwendigen Unterstützungsunterschriften zu geben. Sie selbst nannte Le Pen eine bewundernswerte Frau. 2017 stellte sie sich offen gegen Emmanuel Macron, den sie für seine aus ihrer Sicht mangelnde Tierpolitik kritisierte. Ob sie den Front National – später Rassemblement National – wählte, ließ sie offen, ihre Sympathie jedoch machte sie deutlich.

    Kurzzeitig setzte sie ihre Hoffnungen auch auf Eric Zemmour, bevor sie sich enttäuscht abwandte und schließlich Nicolas Dupont-Aignan unterstützte. Ideologische Konsistenz spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Der rote Faden blieb der Tierschutz, den sie als moralischen Kompass ihres Handelns verstand – oder zumindest als Rechtfertigung.

    Dieser Fokus führte sie sogar in die Nähe internationaler Machtpolitik. 2013 drohte Bardot damit, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, um zwei Elefanten vor der Einschläferung zu retten. In Interviews äußerte sie offen ihre Bewunderung für Wladimir Putin, dem sie mehr Menschlichkeit attestierte als den Präsidenten ihres eigenen Landes. Wenn sie ihn um etwas bitte, so sagte sie einmal, erfülle er es ihr meist. Das klang weniger nach politischer Analyse als nach persönlicher Verklärung.

    Dabei betonte Bardot stets, sie sei keiner Partei verpflichtet. Sie habe sogar Jean-Luc Mélenchon kontaktiert, erzählte sie, und würde jeden wählen, der die Forderungen ihrer Stiftung im Wahlprogramm übernehme. Diese Stiftung, die Fondation Brigitte-Bardot, bleibt ihr unbestrittenes Vermächtnis. Ihr Engagement für Tiere war real, beharrlich, wirkungsvoll. Und doch wirft es einen langen Schatten, wenn es immer wieder als Schutzschild für menschenverachtende Aussagen diente.

    Brigitte Bardot war nie nur die blonde Göttin von Saint-Tropez. Sie war auch eine Frau, die bewusst aneckte, die provozierte, manchmal einfach drauflosredete – nach dem Motto: Mir doch egal, was ihr denkt. Das mag für Fans Ausdruck von Unabhängigkeit gewesen sein. Für viele andere blieb es schlicht verletzend. Und genau diese Ambivalenz macht ihr Erbe so kompliziert. Eine Ikone, ja. Aber eine mit Rissen. Deutlichen.

    Von C. Hatty

  • Die verschwundene Pracht des Élysée: Wie ein Juwelier das Vertrauen der Republik verspielt haben soll

    Die verschwundene Pracht des Élysée: Wie ein Juwelier das Vertrauen der Republik verspielt haben soll

    Manchmal öffnet ein einzelner Skandal ein Fenster in das Innere einer Institution, die sonst wie ein Bollwerk wirkt. Ein feiner Riss genügt – und plötzlich fällt Licht in Räume, von denen man bisher nur ahnte, dass sie existieren. Der jüngste Fall am Élysée-Palast ist genau so ein Moment. Er riecht nach altem Porzellan, nach poliertem Silber, nach denen, die im Schatten eines glänzenden Staatsprotokolls arbeiten. Und er erzählt von einem Mann, der – so lauten die Vorwürfe – über Jahre hinweg jene Objekte entwendet haben soll, die den Glanz der Republik verkörpern. Der Verdacht wirkt beinahe surreal. Ausgerechnet der ehemalige maître d’hôtel argentier des Präsidentenpalastes, Thomas M., soll über Monate hinweg Porzellan, Kristall und Silber aus den Sammlungen des Élysée verschwinden lassen haben. Stück für Stück, wie in einem stillen Ritual, in dem jedes fehlende Objekt mehr über das Versagen des Systems erzählt als über die Dreistigkeit des Täters. Diese Sammlung, die zu den diskreten …

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  • Kommentar: Habt ihr es jetzt geschafft, ihr streitbaren Parlamentarier?

    Kommentar: Habt ihr es jetzt geschafft, ihr streitbaren Parlamentarier?

    Manchmal wirkt Politik wie ein schlecht geschriebenes Theaterstück, dessen schlecht gelaunte Darsteller auf der Bühne vergessen haben, warum sie überhaupt dort stehen. Und in diesen Tagen, da sich der Jahreswechsel hartnäckig nähert wie ein unerwünschter Verwandter der Weihnachts-Familienfeier, liefern uns unsere „streitbaren“ Volksvertreter ein Schauspiel, das selbst in einem Provinztheater nur ein müdes Achselzucken provozieren würde.
    Doch diesmal sind die Konsequenzen real. Und sie sind bitter.

    Denn während Frankreichs Haushalte nach langer Wartezeit, nach Formularbergen, nach Kostenvoranschlägen und Energieaudits dachten, sie könnten zum Jahresbeginn mit den Umbauten endlich loslegen, flattert nun eine Nachricht ins Land wie ein kalter Luftzug durch ein schlecht isoliertes Altbauzimmer:
    MaPrimeRénov’ macht ab dem 1. Januar dicht.

    Man reibt sich verwundert die Augen. Wirklich?
    Ja, wirklich.

    Der zuständige Minister tritt vor die Kameras, bemüht gefasst, und erklärt mit bemerkenswerter Nüchternheit, man habe es doch vorher gesagt: „Pas de budget, pas de guichet.“ Kein Budget, kein Schalter. Fast schon poetisch, wenn es nicht so schmerzlich wäre.

    Jetzt könnte man meinen, die Volksvertreter hätten in nächtlichen Sitzungen gerungen, verhandelt, gefeilscht, weil ihnen das Wohl der Bürger am Herzen liegt. Weil sie wissen, wie viel Hoffnung in diesem Programm steckt – für Familien, die ihre Heizkosten in den griff bekommen müssen; für Eigentümer, die den CO₂-Ausstoß senken wollen; für Handwerksbetriebe, die ihre Auftragsbücher füllen.
    Doch nein.
    Stattdessen zerlegen sie alles wie eine schlecht verschraubte Kommode im Möbelhaus.

    Und dann tritt der Minister vor die Kameras und führt aus, die sogenannte „loi spéciale“ sei eben kein echtes Haushaltsgesetz, sondern eher eine rustine, ein Pflaster, das man auf den Kessel klebt, kurz bevor er explodiert. Ein Provisorium also – gerade gut genug, um das Land nicht komplett lahmzulegen, aber nicht so großzügig, dass es besondere Ausgaben zulässt. Und zu genau diesen Ausgaben gehört nun mal MaPrimeRénov’.

    Wäre das eine dieser Anekdoten, die man bei einem Glas Wein weitererzählt, man müsste lachen. Aber es ist keine Anekdote. Es ist eine Entscheidung, die mitten ins Leben eingreift.

    Denn wer sich in den letzten Wochen und Monaten mühsam durch das bürokratische Dickicht gekämpft hat, wer sich von Energieberatern erklären ließ, wie viele Zentimeter Dämmung die Rettung des eigenen Hauses versprechen, wer mit Handwerkern Termine jonglierte, Angebote einholte, vielleicht sogar schon mit dem Nachbarn über Wärmepumpen fachsimpelte – all diese Menschen stehen nun da, wie Kunden vor einem Laden, dessen Tür plötzlich krachend ins Schloss fällt.
    „Wir haben vorübergehend geschlossen. Auf unbestimmte Zeit.“

    Und während der Minister erklärt, man könne die Anträge ja nicht einfach entgegennehmen und später entscheiden, ob überhaupt Geld da ist – „Ça n’aurait pas de sens“ –, bleibt ein bitteres Gefühl zurück. Denn der Sinnverlust liegt nicht im Verfahren, sondern in der Politik, die sich selbst blockiert wie ein überhitzter Computer.

    Es ist ja nicht so, dass die energetische Sanierung ein Randthema wäre.
    Es geht um Klimaziele, um Wohnqualität, um wirtschaftliche Stabilität.
    Es geht um Zukunft – ein großes Wort, das in Paris offenbar derzeit eine eher theoretische Bedeutung hat.

    Ich erinnere mich an Gespräche mit Eigentümern, die auf Partys irgendwann seufzend gestehen, sie hätten ja gerne, wirklich gerne, eine Wärmepumpe eingebaut, aber die Bürokratie… und die Kosten… und die Unsicherheit… Ein Staat, der solche Menschen eigentlich ermutigen müsste, schickt sie nun zurück auf Start. Ohne Trostpreis. Ohne Würstchenbude am Spielfeldrand.

    Und so entsteht dieser Eindruck, der sich leise, aber hartnäckig in die Debatte frisst:
    Dass man den Menschen wieder einmal zeigt, wie man Vertrauen verspielt, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.

    Die Politik hätte hier ein Momentum nutzen können, einen Energieschub, vielleicht sogar einen Funken Optimismus in einer Zeit, in der jeder zweite Blick auf die Nachrichten eher die Stimmung drückt. Stattdessen stoppt sie ein Programm, das nicht perfekt, aber notwendig war – und tut dies mit einer Selbstverständlichkeit, die man sonst nur bei Parkplatzkontrollen findet.

    Dabei hätte die Regierung längst einen Haushalt haben können.
    Hätte.
    Ein Wort, das man in Paris inzwischen häufiger hört als „Bonjour“.

    Nun also ruht MaPrimeRénov’.
    Nicht aus Mangel an Bedarf, nicht aus Mangel an Ideen, sondern aus Mangel an politischer Einigung. Ein Paradebeispiel dafür, wie ein Land mit voller Geschwindigkeit auf seine eigenen Füße tritt und sich dann wundert, warum es stolpert.

    Vielleicht, und das ist der sarkastische Unterton des Moments, vielleicht sollten die Parlamentarier den Winter nutzen, um einmal in ihren eigenen Büros die Heizkörper abzustellen. Eiskalte Realität wirkt manchmal erfrischend auf die Kompromissbereitschaft.

    Bis dahin bleibt den Bürgerinnen und Bürgern nur zuzusehen, wie ein Programm, das für viele ein Lichtblick war, im Verwaltungsnebel verschwindet – zumindest vorerst.
    Der Minister ruft dazu auf, den Haushalt „so schnell wie möglich“ zu verabschieden.
    Ein Satz, den man schon so oft gehört hat, dass er längst wie ein SMS-Standardtext klingt.

    Doch die Zeit läuft.
    Und der Januar wartet auf niemanden.

    Vielleicht gelingt es den streitbaren Parlamentariern ja doch noch, den Schalter wieder umzulegen – bevor die Menschen endgültig den Eindruck gewinnen, dass politisches Handeln vor allem darin besteht, Türen zu schließen, die längst hätten offenstehen sollen.

    Ein Kommentar von Andreas M. B.

  • Kommentar: Frohe Weihnachten – und pass auf, dass dein Geschenk dich nicht vergiftet

    Kommentar: Frohe Weihnachten – und pass auf, dass dein Geschenk dich nicht vergiftet

    Weihnachten. Das Fest der leuchtenden Kinderaugen, der warmen Herzen und der großen Versprechen. Zumindest in der Theorie. In der Praxis liegt unter dem Baum immer öfter etwas ganz anderes: billiger Plastikmüll mit Schleifchen, der schneller gefährlich als kaputt ist. Willkommen im modernen Weihnachtswunderland des E-Commerce, wo das Kindeswohl irgendwo zwischen Warenkorb und Blitzversand verloren geht.

    60 Prozent der auf manchen Plattformen verkauften Spielzeuge gelten als gefährlich. Sechzig. Nicht ein Ausrutscher, kein bedauerlicher Einzelfall, sondern ein Geschäftsmodell. Man könnte fast zynisch applaudieren: So effizient schafft es kaum jemand, Profit und Verantwortungslosigkeit zu vereinen. Und das alles pünktlich zum Fest der Liebe. Timing ist schließlich alles.

    Während Eltern noch überlegen, ob das Holzspielzeug pädagogisch wertvoll genug ist, haben andere längst entschieden: Hauptsache billig, Hauptsache schnell, Hauptsache verkauft. Ob der Plastikdrache beim Kauen giftige Stoffe freisetzt oder die Puppe in ihre Einzelteile zerbröselt wie ein Keks – geschenkt. Im wörtlichen Sinn. Schließlich klickt niemand auf „Jetzt kaufen“, um danach noch lästige Fragen zu stellen. Vertrauen ist bequemer als Nachdenken.

    Der zuständige Minister warnt, mahnt, appelliert. Die Plattformen müssten unsere Normen respektieren, heißt es. Müssen. Ein schönes Wort. Eines, das im globalen Onlinehandel ungefähr so viel Gewicht hat wie ein Wattebausch im Sturm. Denn solange Containerweise Ware ins Land rauscht und Kontrollen zur mathematischen Randnotiz werden, bleibt die Verantwortung ein wandernder Ball: zu groß für den Zoll, zu abstrakt für den Staat, zu unpraktisch für die Plattformen. Und am Ende landet sie dort, wo sie am wenigsten hingehört – bei den Eltern.

    „Seien Sie wachsam“, lautet die Empfehlung. Übersetzt heißt das: Sie dürfen die Geschenke kaufen, bezahlen, auspacken – und anschließend prüfen, ob Ihr Kind damit sicher spielen kann oder man besser gleich den Müllsack holen sollte. Frohe Bescherung.

    Dass all das ausgerechnet zu Weihnachten eskaliert, ist kein Zufall. Die Jagd nach dem schnellen Euro kennt keine Feiertage. Moralische Grenzen schon gar nicht. Das Kind staunt, der Konzern kassiert, und irgendwo bröckelt ein Stück Plastik, das eigentlich ein Lächeln sein sollte.

    Vielleicht wäre das mal ein echtes Weihnachtswunder: Spielzeug, das Kinder erfreut, ohne sie zu gefährden. Aber das wäre vermutlich zu viel verlangt. Rendite wartet schließlich nicht bis nach den Feiertagen.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Kommentar: Nicht alles, was man machen kann, sollte man auch machen – vor allem nicht mit KI und Internetanschluss

    Kommentar: Nicht alles, was man machen kann, sollte man auch machen – vor allem nicht mit KI und Internetanschluss

    Es beginnt wie ein moderner Witz, endet aber leider nicht mit einer Pointe. Irgendwo auf Facebook läuft ein Video, eine seriös blickende Journalistin verkündet mit geübter Dramatik den Staatsstreich in Frankreich. Panzer, Machtübernahme, ein Colonel gegen Emmanuel Macron, Paris im Ausnahmezustand. Das kleine Problem: Nichts davon hat stattgefunden. Gar nichts. Kein Putsch, kein Colonel, kein Umsturz. Nur eine Idee, ein Prompt, ein Klick – und Millionen Menschen, die zuschauen.

    Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so unerquicklich wäre. Denn diese „Journalistin“ existiert genauso wenig wie der Putsch selbst. Sie ist ein digitales Phantom, erzeugt von künstlicher Intelligenz, erdacht von einem Mann aus Burkina Faso, der sich als Lernender und zugleich als Ausbilder in Sachen KI versteht. Ein Mann, der später beteuert, er habe es „nicht böse gemeint“. Das ist jener Satz, der inzwischen zuverlässig immer dann fällt, wenn der Schaden bereits angerichtet ist.

    Die Geschichte liest sich wie eine Gebrauchsanweisung für das postfaktische Zeitalter. Der französische Präsident selbst wird darauf aufmerksam, weil ein afrikanischer Amtskollege besorgt nachfragt, ob in Frankreich gerade die Republik zusammengebrochen sei. Facebook wird gebeten, das Video zu entfernen. Facebook prüft. Facebook entscheidet: kein Regelverstoß. Die Realität, so scheint es, hat in den Nutzungsbedingungen keinen festen Platz.

    Der Urheber der Videos arbeitet unter dem denkbar unauffälligen Namen „Islam“, zeigt seit Oktober mehrere KI-generierte Clips und testet sich schrittweise an die Wirklichkeit heran. Erst Männer, die sich in Schlangen verwandeln. Dann Regen aus Walen. Danach Drachen über den Wolken. Spätestens bei Löwenangriffen in Paris hätte man stutzig werden können, doch offenbar gilt: Je absurder die Welt ohnehin wirkt, desto weniger fällt der Unsinn auf.

    Irgendwann wird es politisch. Ein realer Putschversuch im Benin liefert die Steilvorlage, kurz darauf „berichtet“ eine künstliche RFI-Journalistin über Machtübernahmen, erst in Westafrika, dann gleich in Frankreich. Millionen Klicks. Reichweite. Aufmerksamkeit. Und natürlich der dezente Hinweis am Rand: Wer selbst solche viralen Videos erstellen möchte, könne sich gerne per WhatsApp melden. Bildungsoffensive nennt man das heute.

    Das eigentlich Faszinierende an dieser Affäre ist nicht die technische Leistung. Die ist banal. KI kann inzwischen täuschend echt sprechen, schauen, betonen. Wirklich bemerkenswert ist die moralische Leere, die diese Technik begleitet. Da wird ein Staatsstreich erfunden wie früher eine Schlagzeile auf dem Schulhof. Und wenn es Ärger gibt, folgt der Rückzug ins Vokabular der Reue. Fiktiv, schlecht formuliert, Missverständnis. Ups.

    Der Mann entschuldigt sich. Aufrichtig, wie er betont. Er respektiere Institutionen, Völker, Autoritäten. Künftig wolle er verantwortungsvoll arbeiten, verifizieren, besser werden. Man glaubt ihm fast – so wie man auch Kindern glaubt, die erklären, sie hätten nur mal kurz schauen wollen, was passiert, wenn man den Böller anzündet. Das Problem ist nur: In sozialen Netzwerken explodiert nicht der Böller, sondern das Vertrauen.

    Besonders hübsch ist das Detail, dass einige der Videos bereits selbstreflexiv auftreten. Eine KI-Journalistin erklärt dort, sie sei gar nicht real, sondern künstlich erschaffen – und bietet im selben Atemzug einen Kurs an, wie man genau solche Täuschungen produziert. Transparenz als Verkaufsargument. Das ist ungefähr so, als würde ein Taschendieb nach dem Diebstahl eine Visitenkarte dalassen mit dem Hinweis auf sein nächstes Seminar.

    Natürlich ließe sich all das als skurrile Randnotiz abtun. Ein einzelner Bastler, ein paar Videos, ein Missverständnis. Doch der Mechanismus ist bekannt. Identitäten werden gefälscht, Medienmarken imitiert, politische Krisen simuliert. Die prorussischen Desinformationskampagnen haben das längst perfektioniert. Neu ist nur die Bequemlichkeit. Früher brauchte es Redaktionen, Server, Strukturen. Heute reicht ein Laptop und ein bisschen Dreistigkeit.

    Facebook, das diese Videos trotz Hinweisen nicht entfernen wollte, spielt dabei die Rolle des gelangweilten Türstehers. Solange die Regeln formal eingehalten werden, darf der Unsinn rein. Ob draußen jemand in Panik gerät, interessiert nur am Rande. Die Plattform ist schließlich kein Wahrheitsministerium. Sie ist ein Marktplatz – und Panik verkauft sich gut.

    Am Ende bleiben die „aufrichtigen Entschuldigungen“ und die gelöschten Videos. Der Schaden, unsichtbar wie er ist, bleibt. Vertrauen erodiert nicht mit einem Knall, sondern leise, Clip für Clip. Irgendwann fragt man sich bei jeder Nachricht, ob sie echt ist oder nur gut animiert. Und genau dann haben alle verloren, die sich noch um Wirklichkeit bemühen.

    Nicht alles, was man machen kann, sollte man auch machen. Dieser Satz klingt altmodisch, fast spießig. Er stammt aus einer Zeit, in der technische Möglichkeiten noch von Gewissen begleitet wurden. Heute gilt oft das Gegenteil: Was Klicks bringt, wird ausprobiert. Die Entschuldigung kommt später. Oder nie.

    Vielleicht liegt die wahre Ironie dieser Geschichte darin, dass der erfundene Staatsstreich glaubwürdiger wirkte als die anschließende Reue. Das ist kein gutes Zeichen. Für niemanden.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Ein Bürgermeister geht lieber – als ein Jawort zu sprechen

    Ein Bürgermeister geht lieber – als ein Jawort zu sprechen

    In Chessy, einer kleinen Gemeinde im Département Seine-et-Marne, wurde in diesen Tagen eine Entscheidung gefällt, die weit über das Rathaus hinaus hallt. Nach 37 Jahren im Amt legte Bürgermeister Olivier Bourjot sein Mandat nieder. Nicht wegen eines Skandals, nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern aus einem tief empfundenen politischen und persönlichen Konflikt heraus. Die Justiz hatte ihn verpflichtet, eine Eheschließung vorzunehmen. Bourjot entschied sich, den Trausaal zu verlassen – endgültig. Der Fall wirkt auf den ersten Blick unscheinbar, beinahe bürokratisch. Ein Paar möchte heiraten. Der Mann ist ausländischer Staatsbürger, seit 2022 mit einer Verpflichtung zur Ausreise belegt. Die Frau stammt aus einem anderen europäischen Land. Die Gemeinde zweifelt an der Ernsthaftigkeit der Verbindung, vermutet eine Ehe zur Aufenthaltsregularisierung und verweigert die Trauung. Das Paar zieht vor Gericht. Das Gericht entscheidet zugunsten der Eheschließung. Soweit die nüchterne Chronol…

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