Schlagwort: Nachhaltigkeit

  • Frankreich wagt die Wasser-Revolution

    Frankreich wagt die Wasser-Revolution

    In der französischen Vendée entsteht derzeit ein Projekt, das vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte. Gereinigtes Abwasser fließt dort künftig nicht mehr einfach in den Atlantik, sondern zurück in den Wasserkreislauf – als potenzielle Quelle für neues Trinkwasser. Das „Programme Jourdain“ zählt bereits jetzt zu den ambitioniertesten Wasserprojekten Europas.

    Die Idee dahinter wirkt zunächst gewöhnungsbedürftig. Ausgerechnet Wasser aus Kläranlagen soll eines Tages wieder im Trinkwassersystem landen? Viele Menschen reagieren bei diesem Gedanken reflexartig mit Skepsis. Verständlich. Wasser besitzt emotional fast etwas Heiliges. Niemand denkt gern darüber nach, welchen Weg es bereits hinter sich hat.

    Genau an diesem Punkt setzt das Projekt an.

    Denn das Wasser aus der Vendée landet nicht einfach direkt wieder im Hahn. Zwischen Abwasser und Trinkwasser liegen mehrere technische Barrieren, die eher an ein Hightech-Labor erinnern als an eine gewöhnliche Kläranlage. Nach der klassischen Reinigung folgt eine zusätzliche Behandlung mit Ultrafiltration, UV-Desinfektion und Umkehrosmose. Dabei verschwinden selbst winzige Rückstände von Medikamenten, Pestiziden oder sogenannten PFAS-Chemikalien aus dem Wasser.

    Am Ende bleibt nahezu reines H₂O zurück.

    Das aufbereitete Wasser gelangt anschließend zunächst in natürliche Speicher, Flüsse und Reservoirs. Erst später fließt es erneut in die Trinkwasserproduktion ein. Genau dieser indirekte Kreislauf soll zusätzliche Sicherheit schaffen – technisch wie psychologisch.

    Die Vendée besitzt für ein solches Experiment fast symbolischen Charakter. Die Region an Frankreichs Atlantikküste lebt stark vom Tourismus, erlebt jedoch seit Jahren zunehmend trockene Sommer. Seen und Flüsse führen weniger Wasser, während gleichzeitig Millionen Urlauber Duschen, Pools und Campingplätze nutzen. Bereits heute stammen dort rund 90 Prozent des Trinkwassers aus Oberflächenwasser. Fällt wenig Regen, gerät das System schnell unter Druck.

    Und genau das passiert inzwischen immer häufiger.

    Klimaforscher zeichnen seit Jahren dasselbe Bild: längere Dürreperioden, heißere Sommer und eine wachsende Konkurrenz um Wasser. Was früher wie ein Problem ferner Wüstenstaaten wirkte, erreicht längst Europa. Spanien kämpft mit ausgetrockneten Stauseen, Italien mit sinkenden Grundwasserspiegeln – und selbst Frankreich kennt inzwischen Sommer, in denen Gemeinden Trinkwasser rationieren müssen. „Das Wasser kommt doch immer aus dem Hahn“ – dieser Satz verliert langsam seine Selbstverständlichkeit.

    Die Dimension des Projekts zeigt, wie ernst die Lage eingeschätzt wird. Eine rund 25 Kilometer lange Leitung verbindet die Aufbereitungsanlage bei Les Sables-d’Olonne mit den Wasserreserven der Region. Jährlich sollen dadurch Millionen Kubikmeter zusätzlich verfügbar werden. Für die Verantwortlichen geht es längst nicht mehr bloß um Umweltpolitik, sondern um Versorgungssicherheit.

    Politisch bleibt das Thema heikel.

    Der Begriff „Toilette zu Trinkwasser“ geistert schnell durch soziale Netzwerke und sorgt regelmäßig für spöttische Kommentare. Die Betreiber reagieren deshalb mit maximaler Transparenz. Besuchergruppen dürfen Anlagen besichtigen, Wissenschaftler kontrollieren permanent die Wasserqualität, Gesundheitsbehörden überwachen sämtliche Prozesse. Niemand möchte hier ein Risiko eingehen. Zu groß wäre der Vertrauensverlust.

    International betrachtet steht Frankreich mit der Idee allerdings keineswegs allein da. Singapur recycelt seit Jahren einen Teil seines Wassers, auch Namibia und Kalifornien nutzen hochaufbereitetes Abwasser längst erfolgreich. Neu wirkt vor allem, dass nun auch Europa stärker auf solche Technologien setzt. Frankreich galt bei diesem Thema lange als zurückhaltend – fast schon vorsichtig wie ein Autofahrer bei Glatteis. Nun drückt das Land plötzlich aufs Gaspedal.

    Das eigentliche Signal reicht deshalb weit über die Vendée hinaus.

    Europa beginnt zu begreifen, dass Wasser künftig kein unerschöpfliches Gut mehr darstellt. Regionen, die Kreisläufe intelligent schließen, dürften deutlich robuster durch die kommenden Jahrzehnte kommen. Andere könnten irgendwann feststellen, dass der alte Umgang mit Ressourcen nicht mehr in eine heißer werdende Welt passt.

    Vielleicht liegt genau darin die wahre Revolution dieses Projekts: Nicht die Technik verändert unseren Blick auf Wasser – sondern die Erkenntnis, dass Verschwendung künftig schlicht zu teuer wird.

    Von C. Hatty

  • Wenn die Stadt endlich dunkel wird

    Wenn die Stadt endlich dunkel wird

    Toulouse leuchtet gern. Die rosafarbenen Fassaden der südfranzösischen Metropole strahlen nachts wie Kulissen eines alten Films, Cafés werfen warmes Licht auf die Gassen, Schaufenster glänzen bis tief in die Nacht hinein. Wer durch die Altstadt spaziert, spürt sofort dieses urbane Versprechen: Hier schläft nichts. Hier pulsiert das Leben.

    Und genau darin liegt plötzlich das Problem.

    Denn nun hat ein Verwaltungsgericht die Stadt verurteilt — nicht wegen eines spektakulären Skandals, nicht wegen Korruption oder Misswirtschaft, sondern wegen zu vieler brennender Lampen. Toulouse habe Geschäfte nicht ausreichend dazu verpflichtet, nachts ihre Beleuchtung abzuschalten. Ein fast unscheinbares Urteil. Und vielleicht gerade deshalb eines mit Sprengkraft.

    Es wirkt wie ein Streit über Neonröhren und Schaufenster. Tatsächlich erzählt der Fall aber von einem tiefen kulturellen Wandel. Frankreich beginnt umzudenken. Die Nacht, jahrzehntelang Bühne der Moderne, verwandelt sich langsam in einen politischen Raum.

    Lange galt Licht als Fortschritt. Je heller eine Stadt, desto moderner erschien sie. Wer nachts im Dunkeln lag, wirkte provinziell oder arm. Paris trug den Beinamen „Ville Lumière“ schließlich nicht zufällig. Licht bedeutete Sicherheit, Eleganz, Wohlstand. Es war das Leuchten der Kaufhäuser, der Boulevards, der Republik selbst.

    Heute klingt diese alte Gewissheit plötzlich ein wenig aus der Zeit gefallen.

    Denn das künstliche Dauerlicht besitzt längst eine zweite Bedeutung bekommen: Energieverbrauch, Umweltbelastung, Störung natürlicher Rhythmen. Insekten sterben an beleuchteten Fassaden. Zugvögel verlieren Orientierung. Menschen schlafen schlechter. Selbst Bäume geraten durch permanente Helligkeit durcheinander — als hätte die Stadt beschlossen, auch den Jahreszeiten keinen Feierabend mehr zu gönnen.

    Und so beginnt etwas Bemerkenswertes: Dunkelheit erhält einen neuen Wert.

    Nicht romantisch verklärt wie in Gedichten des 19. Jahrhunderts, sondern administrativ, ökologisch, beinahe technokratisch. Plötzlich diskutieren Bürgermeister über Schaltzeiten. Behörden kontrollieren Leuchtreklamen. Umweltverbände ziehen nachts mit Kameras durch Innenstädte wie Detektive einer überbeleuchteten Zivilisation.

    Man muss sich das einmal vorstellen: Aktivisten dokumentieren um zwei Uhr morgens erleuchtete Boutiquen. Fast wirkt das wie eine Szene aus einer stillen französischen Komödie.

    Doch hinter der Skurrilität steckt Ernst.

    Die eigentliche Frage lautet nämlich: Wie viel Helligkeit braucht eine Gesellschaft, die nie mehr stillsteht?

    Moderne Städte leben von Sichtbarkeit. Restaurants möchten Gäste anziehen. Geschäfte kämpfen um Aufmerksamkeit. Tourismus verlangt Atmosphäre. Licht inszeniert Konsum wie Theater. Eine dunkle Einkaufsstraße erscheint sofort verlassen, vielleicht sogar bedrohlich. Genau deshalb scheuen viele Kommunen harte Kontrollen — niemand möchte den Innenstädten beim Verblassen zusehen.

    Aber gleichzeitig verändert sich das moralische Klima.

    Was früher als lebendig galt, erscheint heute mitunter verschwenderisch. Die grell beleuchtete Luxusfassade umweht inzwischen manchmal etwas Anachronistisches, fast Trotzigen. Als wolle sie sagen: Wir machen weiter wie bisher. Egal, wie hoch die Strompreise steigen. Egal, wie oft vom Klimawandel die Rede ist.

    Das Urteil gegen Toulouse trifft deshalb einen empfindlichen Nerv. Es zwingt eine Stadt, aktiv gegen die eigene Lichtkultur vorzugehen. Nicht freiwillig. Nicht symbolisch. Sondern juristisch verpflichtend.

    Und vielleicht beginnt genau hier die eigentliche Verschiebung.

    Denn Gesetze gegen Lichtverschmutzung existieren in Frankreich schon länger. Neu ist der politische Wille, sie ernst zu nehmen. Jahrzehntelang blieben viele Regeln eher dekorativ — wie Verkehrsschilder auf einsamen Landstraßen. Jetzt entdeckt die Justiz plötzlich ihre Durchsetzungskraft.

    Andere Städte dürften aufmerksam hinsehen. Marseille. Lyon. Nizza. Überall dort, wo nächtliche Helligkeit zum Stadtmarketing gehört, wächst nun das Risiko ähnlicher Verfahren. Das könnte Konflikte auslösen. Einzelhändler warnen bereits vor Sicherheitsproblemen und sinkender Attraktivität. Umweltverbände dagegen wittern einen historischen Hebel.

    Es geht längst nicht mehr nur um Lampen.

    Es geht um die Frage, welches Bild moderne Städte von sich selbst zeichnen möchten. Dauerbeleuchtet, konsumorientiert, permanent sichtbar? Oder bewusster, sparsamer, vielleicht sogar stiller?

    Wer nachts durch eine wirklich dunkle Straße läuft, merkt schnell: Dunkelheit besitzt eine eigene Würde. Geräusche verändern sich. Fassaden verschwinden. Der Himmel taucht wieder auf. Man sieht plötzlich Sterne über der Stadt — ein fast vergessenes Erlebnis. Verrückt eigentlich, oder?

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieses Urteils. Dass ausgerechnet eine Verwaltungsentscheidung über Schaufensterbeleuchtung etwas freilegt, das weit größer ist als Kommunalrecht. Einen kulturellen Stimmungswechsel.

    Die moderne Stadt lernt langsam, dass nicht jedes Licht Fortschritt bedeutet.

    Und dass eine Gesellschaft manchmal gerade dort vernünftig wird, wo sie bereit ist, das Neon auszuschalten.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wenn Teilen plötzlich wieder modern wird

    Wenn Teilen plötzlich wieder modern wird

    In vielen Dörfern Frankreichs spielt sich derzeit eine stille kleine Revolution ab. Keine große politische Debatte, keine millionenschweren Förderprogramme — sondern eine einfache Holzhütte am Straßenrand. In Canaples, einer kleinen Gemeinde im Département Somme mit rund 700 Einwohnern, zeigt sich seit zwei Jahren, wie kraftvoll eine Idee sein kann, die eigentlich uralt ist: teilen statt wegwerfen. Die sogenannte „Cabane à partage“ wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Wer die Tür öffnet, findet Bücher, Spielzeug, Geschirr, Kleidung oder kleine Möbelstücke. Dinge aus Wohnungen, Kellern oder Dachböden, die für ihre Besitzer keinen Platz mehr haben, für andere aber plötzlich wertvoll werden. Jeder darf etwas bringen. Jeder darf etwas mitnehmen. Kostenlos. Ohne Anmeldung. Ohne Kontrolle. Genau diese unkomplizierte Art macht den Charme des Projekts aus. Während vielerorts über Kaufkraftverlust, steigende Preise und Konsumstress diskutiert wird, praktiziert Canaples längst eine sehr boden…

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  • Wo zwischen Beton und Trockenheit neues Leben wächst

    Wo zwischen Beton und Trockenheit neues Leben wächst

    Zwischen Wohnblöcken, an staubigen Stadträndern und auf ehemaligen Brachflächen entsteht in den Bouches-du-Rhône seit einigen Jahren eine stille kleine Revolution. Keine Postkartenidylle mit Lavendelfeldern und endlosen Weinbergen, sondern gemeinschaftlich gepflegte Gärten, in denen Tomaten, Zucchini und Kräuter gedeihen — und vor allem menschliche Nähe. In Marseille, Aix-en-Provence, Arles und rund um den Étang de Berre erleben diese „Jardins partagés“ einen bemerkenswerten Aufschwung. Besonders nach den Monaten der Corona-Lockdowns zog es viele Menschen wieder nach draußen. Plötzlich bekam das unmittelbare Umfeld eine neue Bedeutung. Man suchte frische Luft, ein Stück Natur und Begegnungen, die nicht durch Bildschirme oder Hast bestimmt waren. Gerade in dicht bebauten Vierteln wirken diese Gärten wie kleine Atempausen. Hinter improvisierten Zäunen, über denen Bougainvillea und Jasmin hängen, treffen sich Rentner, Studierende, junge Familien oder neu Zugezogene. Einer bringt Setzlinge…

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  • Niolon unter Kontrolle: Warum der Zugang zu den Calanques plötzlich genehmigungspflichtig ist

    Niolon unter Kontrolle: Warum der Zugang zu den Calanques plötzlich genehmigungspflichtig ist

    Ein kleiner Hafen, ein steiler Pfad, ein Versprechen von Freiheit. So begann für viele der Weg nach Niolon, jenem unscheinbaren Ort westlich von Marseille, der lange wie ein gut gehütetes Geheimnis wirkte. Ein paar Stufen hinab, der Blick öffnet sich – und plötzlich liegt sie da, die raue Schönheit der Mittelmeerküste. Ungezähmt, still, fast intim. Doch diese Zeiten verblassen. Wer heute zu den Calanques von Niolon möchte, braucht mehr als festes Schuhwerk und Abenteuerlust: Ein laissez-passer ist Pflicht. Eine Genehmigung, die den spontanen Ausflug ersetzt durch Planung, Anmeldung, Kontrolle. Was nach Bürokratie klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Denn Niolon ist Opfer seines eigenen Charmes geworden. In den vergangenen Jahren strömten immer mehr Menschen in die kleine Bucht. Instagram ließ die Felsen leuchten, TikTok machte die versteckten Badeplätze bekannt – und plötzlich war das, was einst als Geheimtipp galt, ein Magnet für Wochenendtouristen. Autos parkten kreuz und quer, Weg…

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  • Trumps riskantes Signal im Persischen Golf: Militärische Eskorte als geopolitische Wette

    Trumps riskantes Signal im Persischen Golf: Militärische Eskorte als geopolitische Wette

    Mit der Ankündigung, die USA würden künftig gestrandete Handelsschiffe durch die Strait of Hormuz eskortieren, hat Donald Trump die Spannungen im Nahen Osten weiter verschärft. Das unter dem Namen „Project Freedom“ firmierende Vorhaben markiert eine deutliche Ausweitung amerikanischer Präsenz in einer der sensibelsten maritimen Engstellen der Welt. Rund ein Fünftel des globalen Ölhandels passiert täglich diese Meerenge – jede Störung hat unmittelbare Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

    Strategische Kalkulation gegenüber Iran

    Die Initiative ist weniger als rein logistisches Hilfsangebot zu verstehen, sondern vielmehr als politisches Signal an Iran. Washington setzt offenkundig darauf, dass Teheran eine direkte Konfrontation mit der U.S. Navy vermeiden will. Trumps Drohung, jegliche Störung „mit Nachdruck“ zu beantworten, unterstreicht diese Abschreckungsstrategie.

    Historisch betrachtet ist die Straße von Hormus ein wiederkehrender Krisenherd. Bereits während des „Tankerkriegs“ in den 1980er-Jahren kam es zu militärischen Zwischenfällen zwischen iranischen Kräften und westlichen Marinekräften. Die jetzige Situation knüpft an diese Dynamik an, allerdings unter deutlich komplexeren geopolitischen Vorzeichen.

    Diplomatie im Schatten militärischer Eskalation

    Parallel zur militärischen Rhetorik deutete Trump an, dass diplomatische Kanäle weiterhin offen seien. Die Gespräche mit Teheran könnten „zu etwas sehr Positivem führen“, erklärte er – trotz gleichzeitiger Skepsis gegenüber jüngsten iranischen Vorschlägen zur Konfliktbeendigung. Diese Doppelstrategie aus Druck und Dialog ist nicht neu, doch ihre Erfolgsaussichten bleiben ungewiss.

    Internationale Beobachter, etwa vom International Institute for Strategic Studies, warnen, dass selbst begrenzte militärische Maßnahmen rasch außer Kontrolle geraten könnten. Schon ein kleiner Zwischenfall – etwa eine versehentliche Kollision oder ein Missverständnis – könnte eine Eskalationsspirale auslösen.

    Ein Krieg ohne klare Perspektive

    Ursprünglich hatte Trump offenbar auf einen kurzen, kontrollierbaren Konflikt gesetzt. Stattdessen entwickelt sich die Lage zu einem langwierigen und kostspieligen Engagement ohne klar definiertes Endziel. Innenpolitisch wächst der Druck: Meinungsumfragen zeigen eine zunehmende Skepsis in der amerikanischen Bevölkerung gegenüber einem weiteren militärischen Abenteuer im Nahen Osten.

    Zudem steht die Frage im Raum, ob die USA ihre strategischen Prioritäten richtig setzen. Während der Fokus auf den Persischen Golf gerichtet ist, gewinnen andere geopolitische Schauplätze – etwa der Indopazifik – an Bedeutung.

    Die kommenden Wochen werden zeigen, ob „Project Freedom“ tatsächlich zur Stabilisierung beiträgt oder vielmehr das Risiko einer offenen Konfrontation erhöht. Klar ist bereits jetzt: Die USA haben mit diesem Schritt eine neue Phase der Eskalation eingeläutet, deren Ausgang kaum vorhersehbar ist.


    Rohstoffhunger und Rechtsbruch: Wie seltene Erden den Amazonas unter Druck setzen

    Die globale Energiewende und der technologische Fortschritt haben eine neue geopolitische Dynamik entfacht: den Wettlauf um seltene Erden. Diese strategisch wichtigen Rohstoffe sind unverzichtbar für Schlüsseltechnologien wie Elektrofahrzeuge, Windkraftanlagen oder militärische Drohnen. Doch der steigende Bedarf hat eine Schattenseite – insbesondere im Amazonasgebiet, wo die Nachfrage zunehmend illegale und umweltschädliche Abbaupraktiken befeuert.

    Seltene Erden umfassen eine Gruppe von 17 Metallen, darunter Neodym und Dysprosium, die aufgrund ihrer magnetischen und leitfähigen Eigenschaften in Hightech-Produkten eingesetzt werden. Während der Großteil der globalen Förderung bislang in China konzentriert ist, rücken rohstoffreiche Regionen wie der Amazonas verstärkt in den Fokus internationaler Akteure – oft mit problematischen Folgen.

    Illegale Minen und schwache Staatlichkeit

    Im Amazonasgebiet, insbesondere in abgelegenen Regionen Brasiliens, Perus und Venezuelas, entstehen zunehmend illegale Bergbaustätten. Diese operieren häufig außerhalb staatlicher Kontrolle und werden nicht selten von kriminellen Netzwerken betrieben. Die Folgen sind gravierend: Abholzung, Gewässerverschmutzung durch Quecksilber und eine rasche Zerstörung sensibler Ökosysteme.

    Zugleich verschärfen sich soziale Konflikte. Indigene Gemeinschaften, deren Lebensweise eng mit dem Wald verbunden ist, sehen sich mit Landraub, Gewalt und gesundheitlichen Risiken konfrontiert. Laut Berichten internationaler Organisationen wie dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) nehmen solche Konflikte in rohstoffreichen Regionen weltweit zu – der Amazonas bildet hier keine Ausnahme.

    Globale Lieferketten in der Verantwortung

    Ein zentrales Problem liegt in der Intransparenz globaler Lieferketten. Viele Unternehmen, die seltene Erden verarbeiten, können nicht genau nachvollziehen, aus welchen Quellen ihre Rohstoffe stammen. Dies erschwert eine effektive Kontrolle und begünstigt indirekt illegale Aktivitäten. Zwar existieren Initiativen zur Zertifizierung verantwortungsvoller Rohstoffgewinnung, doch deren Umsetzung bleibt bislang lückenhaft.

    Politisch wächst der Druck. Die Europäische Union etwa arbeitet an strengeren Sorgfaltspflichten für Unternehmen im Rohstoffsektor. Auch in Südamerika mehren sich Forderungen nach besserer Regulierung und internationaler Zusammenarbeit, um Umweltstandards durchzusetzen und lokale Gemeinschaften zu schützen.

    Die Herausforderung besteht darin, den legitimen Bedarf an strategischen Rohstoffen mit dem Schutz ökologisch sensibler Regionen in Einklang zu bringen. Ohne wirksame Kontrollmechanismen und internationale Koordination droht der Amazonas zum Kollateralschaden der globalen Energiewende zu werden – mit irreversiblen Folgen für Klima, Biodiversität und soziale Stabilität.


    Aufstände in Balochistan stellen milliardenschweres US-Pakistan-Abkommen infrage

    Die fragile Sicherheitslage in Pakistans rohstoffreicher Provinz Balochistan droht ein strategisch bedeutsames Wirtschaftsprojekt zwischen Islamabad und Washington zu unterminieren. Im Zentrum steht ein milliardenschweres Bergbauabkommen, das während der Präsidentschaft von Donald Trump initiiert wurde und auf die Erschließung umfangreicher Mineralvorkommen abzielt. Die jüngste Eskalation der Gewalt durch separatistische Gruppen stellt dessen Umsetzung zunehmend infrage.

    Eskalierende Gewalt durch Separatisten

    Die Baloch Liberation Army (BLA) hat ihre Angriffe in den vergangenen Monaten deutlich intensiviert. Ziel sind neben staatlichen Sicherheitskräften auch Infrastrukturprojekte und ausländische Investoren. Die Gruppe verfolgt das Ziel einer unabhängigen Nation Balochistan und lehnt jegliche wirtschaftliche Ausbeutung durch die Zentralregierung in Islamabad ab.

    Beobachter verweisen darauf, dass die Region seit Jahrzehnten von struktureller Vernachlässigung, politischer Marginalisierung und ungleicher Ressourcenverteilung geprägt ist. Die Gewalt ist daher nicht nur sicherheitspolitisch, sondern auch sozialökonomisch begründet.

    Wirtschaftliche Hoffnungen unter Druck

    Das Abkommen mit den Vereinigten Staaten sollte Pakistan helfen, seine angeschlagene Wirtschaft zu stabilisieren. Balochistan verfügt über bedeutende Vorkommen an Kupfer, Gold und seltenen Erden – Rohstoffe, die auf den globalen Märkten stark nachgefragt sind. Internationale Investoren, darunter auch US-amerikanische Unternehmen, sehen darin langfristige Chancen.

    Doch die Realität vor Ort erschwert die Umsetzung. Wiederholte Anschläge erhöhen das Investitionsrisiko erheblich. Versicherungsprämien steigen, Projekte verzögern sich oder werden ganz ausgesetzt. Laut Einschätzungen internationaler Think-Tanks könnte die anhaltende Unsicherheit Pakistan jährlich Milliarden an potenziellen Einnahmen kosten.

    Geopolitische Dimensionen

    Die Entwicklungen betreffen nicht nur Pakistan, sondern auch die strategischen Interessen der USA in der Region. Washington sieht in wirtschaftlicher Stabilität einen Schlüssel zur sicherheitspolitischen Eindämmung extremistischer Netzwerke. Gleichzeitig konkurrieren andere Akteure – insbesondere China im Rahmen der Belt-and-Road-Initiative – um Einfluss in Balochistan.

    Ohne eine nachhaltige Verbesserung der Sicherheitslage bleibt das Abkommen jedoch ein politisches Versprechen. Die pakistanische Regierung steht vor der Herausforderung, militärische Maßnahmen mit politischem Dialog und wirtschaftlicher Integration zu verbinden – ein Balanceakt mit ungewissem Ausgang.


    Weitere Nachrichten

    • – Anklage gegen einen mexikanischen Gouverneur wirft ein Schlaglicht auf anhaltende Korruptionsprobleme und belastet die Beziehungen zwischen den USA und Mexiko.
    • – Wahlen in Westbengalen und anderen indischen Bundesstaaten könnten die politischen Machtverhältnisse verschieben.
    • Künstliche Intelligenz verändert die chinesische Unterhaltungsindustrie und führt zu rechtlichen Auseinandersetzungen.
    • – In Österreich explodiert Munition aus dem Zweiten Weltkrieg und verletzt fünf Kinder.
    • – Entführung eines Öltankers schürt Befürchtungen über Verbindungen zwischen Huthi-Rebellen und somalischen Piraten.
    • – Touristenboom und Betrugsfälle in Norwegens Arktisregion sorgen für Besorgnis.
    • – In Deutschland wächst die Unsicherheit nach Drohungen Donald Trumps, US-Truppen abzuziehen.
    • – Der Kreml lockt afrikanische Männer unter falschen Versprechungen in den Ukrainekrieg.
    • Weltgesundheitsorganisation meldet drei Todesfälle durch das Hantavirus auf einem Kreuzfahrtschiff.
    • – Planungen für die Fußball-Weltmeisterschaft lösen in Kanada rechtliche Bedenken aus.

    Christine Macha

  • Wenn selbst Mineralwasser nicht mehr rein ist: Die PFAS-Krise erschüttert Frankreichs Vertrauen in ein Naturversprechen

    Wenn selbst Mineralwasser nicht mehr rein ist: Die PFAS-Krise erschüttert Frankreichs Vertrauen in ein Naturversprechen

    Die Entdeckung von PFAS in mehreren Mineralwasserquellen in Südostfrankreich markiert einen Einschnitt in einer Debatte, die bislang eher abstrakt geführt wurde. Was lange als Inbegriff natürlicher Reinheit galt, ist nun selbst von industrieller Kontamination betroffen. Die Ereignisse in der Ardèche und im Département Loire verweisen nicht nur auf ein lokales Umweltproblem, sondern auf eine strukturelle Herausforderung für die französische Umwelt- und Gesundheitspolitik.

    Ein Befund mit Signalwirkung Nach Angaben regionaler Behörden wurden in drei Wasserquellen, die vom Unternehmen Sources Alma betrieben werden, erhöhte Konzentrationen von per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) festgestellt. Betroffen sind unter anderem die Marken Parot und Perle. Seit Anfang 2026 überschreiten die gemessenen Werte die neu festgelegten Grenzwerte für natürliches Mineralwasser, was zur vorübergehenden Stilllegung einzelner Quellen führte. Diese Entwicklung ist insofern bemerkenswert, als Minera…

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  • Zuckerrüben: Frankreichs ungelöster Konflikt zwischen Pflanzenschutz und Umweltpolitiku

    Zuckerrüben: Frankreichs ungelöster Konflikt zwischen Pflanzenschutz und Umweltpolitiku

    Frankreichs Zuckerrübenanbau steht erneut vor einer altbekannten Herausforderung. Bereits Mitte April melden Produzenten eine ungewöhnlich frühe und intensive Ausbreitung von Blattläusen – jenem unscheinbaren Schädling, der als Überträger der viralen Vergilbung ganze Ernten gefährden kann. Was zunächst wie ein agronomisches Problem erscheint, entwickelt sich rasch zu einem politischen Konflikt mit grundsätzlicher Bedeutung: Es geht um nicht weniger als das Spannungsverhältnis zwischen landwirtschaftlicher Produktivität, regulatorischer Souveränität und ökologischer Verantwortung. Ein Frühwarnsignal mit politischer Sprengkraft Die aktuelle Situation erinnert in beunruhigender Weise an das Jahr 2020. Damals führte eine starke Blattlauspopulation zu massiven Ernteausfällen, die in einigen Regionen bis zu 70 Prozent betrugen. Der wirtschaftliche Schaden belief sich landesweit auf mehrere hundert Millionen Euro. Diese Erfahrung prägt bis heute die Risikowahrnehmung der Branche. Der ungewöhn…

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  • Der lange Abschied vom ungeliebten Wahrzeichen: Die Tour Montparnasse im Wandel

    Der lange Abschied vom ungeliebten Wahrzeichen: Die Tour Montparnasse im Wandel

    Paris und seine Wahrzeichen – das ist gewöhnlich eine Liebesgeschichte.

    Bei der Tour Montparnasse jedoch klang sie jahrzehntelang eher wie eine zähe Ehekrise. Nun beginnt, endlich, ein neues Kapitel. Seit Ende März 2026 ist das Observatorium geschlossen, die Büros leeren sich, und das Gebäude tritt ein in eine Phase, die mehr ist als bloße Renovierung. Es ist der Versuch einer späten Versöhnung.

    Errichtet in den frühen 1970er-Jahren, stand die Tour Montparnasse einst für Fortschritt und ökonomische Dynamik. Doch der Enthusiasmus kühlte rasch ab. Zu dunkel, zu wuchtig, zu fremd wirkte der Turm im sorgsam gehüteten Stadtbild. Während Paris seine historischen Achsen pflegte, ragte hier ein Solitär in den Himmel – irgendwie fehl am Platz, irgendwie stur.

    Man könnte sagen: Der Turm war da, aber er gehörte nie wirklich dazu.

    Genau an diesem Punkt setzt das aktuelle Projekt an. Es geht nicht um Kosmetik, sondern um eine tiefgreifende Transformation. Eine neue Glasfassade soll Licht und Transparenz bringen, die Struktur wird leicht erhöht, der obere Abschluss neu gestaltet. Begrünte Terrassen, offenere Zugänge und einladendere Erdgeschosse sollen das Gebäude aus seiner selbstgewählten Isolation holen.

    Das klingt ambitioniert – und ehrlich gesagt auch längst überfällig.

    Doch der eigentliche Clou liegt nicht im Turm allein, sondern im Umfeld. Das Viertel Maine-Montparnasse, lange geprägt von Betonflächen und Verkehrsströmen, soll neu gedacht werden. Fußgängerfreundliche Wege, mehr Grün, eine zentrale Platzfläche – die Vision ist eine Art urbanes Patchwork, das wieder zusammenfindet.

    Denn was nützt die schönste Fassade, wenn unten alles trist bleibt?

    Die lange Vorgeschichte des Projekts hat Spuren hinterlassen. Über ein Jahrzehnt hinweg wurde diskutiert, verschoben, neu geplant. Viele Pariser reagierten irgendwann nur noch mit einem Schulterzucken. „Mal sehen, ob diesmal wirklich was passiert“, hört man öfter. Und ja, ein bisschen Skepsis schwingt weiterhin mit.

    Die Schließung des Observatoriums markiert dabei einen symbolischen Einschnitt. Der Blick über Paris, für viele ein stiller Höhepunkt, fällt für Jahre weg. Der Turm verliert damit sein letztes unstrittiges Argument – die Aussicht. Paradox, aber möglich: Gerade diese Abwesenheit könnte helfen, ihn neu zu bewerten.

    Architektonisch erzählt die Umgestaltung von einem Zeitenwechsel. Wo früher Dominanz und Monumentalität zählten, treten heute Nachhaltigkeit, Offenheit und Nutzungsvielfalt in den Vordergrund. Der Turm wird nicht abgerissen, sondern gezähmt – ein Stück gebauter Geschichte, das sich neu erfindet.

    Ob das gelingt, entscheidet sich am Ende nicht in luftiger Höhe, sondern auf Straßenniveau.

    Wenn Cafés, Wege und Plätze funktionieren, wenn Menschen sich dort gern aufhalten – dann hat die Tour Montparnasse eine echte Chance. Wenn nicht, bleibt sie ein schöner Versuch.

    Und Paris hätte eine weitere Geschichte, die nicht ganz aufgeht.

    Autor: C.H.

  • Erneuerbare Energien überholten 2025 erstmals seit einem Jahrhundert die Kohle – weltweit

    Erneuerbare Energien überholten 2025 erstmals seit einem Jahrhundert die Kohle – weltweit

    Die globale Energiewirtschaft hat 2025 eine symbolträchtige Schwelle überschritten: Erstmals seit rund hundert Jahren lieferten erneuerbare Energien mehr Strom als Kohle. Dieser Befund markiert nicht nur einen statistischen Wendepunkt, sondern verweist auf tiefgreifende strukturelle Veränderungen im weltweiten Energiesystem – mit weitreichenden politischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Konsequenzen.

    Ein historischer Kipppunkt im Energiesystem

    Laut dem britischen Thinktank Ember entfielen im Jahr 2025 rund 34 Prozent der weltweiten Stromproduktion auf erneuerbare Quellen – insbesondere Solarenergie, Windkraft und Wasserkraft. Kohle, lange Zeit Rückgrat der industriellen Energieversorgung, fiel mit 33 Prozent knapp dahinter zurück. Diese Verschiebung ist insofern bemerkenswert, als Kohle seit Beginn des 20. Jahrhunderts die dominierende Quelle für Stromerzeugung war.

    Der Befund ist nicht lediglich ein statistischer Zufall, sondern Ausdruck eines langfristigen Trends. Bereits in den vergangenen Jahren hatten erneuerbare Energien kontinuierlich an Bedeutung gewonnen, doch erst jetzt erreichen sie eine dominante Stellung im globalen Strommix. Dass dieser Umschwung ausgerechnet in einer Phase geopolitischer Spannungen und energiepolitischer Unsicherheiten erfolgt, unterstreicht seine strukturelle Tiefe.

    Die treibende Kraft: Solarenergie

    Besonders auffällig ist die Dynamik im Bereich der Solarenergie. Die weltweite Stromproduktion aus Photovoltaikanlagen stieg im Jahr 2025 um rund 30 Prozent – ein Wachstum, das die Entwicklung anderer Energiequellen deutlich übertrifft. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich die globale Solarstromproduktion verzehnfacht.

    Diese Entwicklung ist vor allem auf sinkende Produktionskosten, technologische Fortschritte und massive staatliche Förderprogramme zurückzuführen. Länder wie China, die USA und Indien investieren in großem Umfang in den Ausbau von Solarkapazitäten, nicht zuletzt aus industriepolitischen Motiven. Die Solarenergie ist damit nicht nur ein Instrument der Klimapolitik, sondern auch ein strategischer Wirtschaftsfaktor geworden.

    Gleichzeitig hat die Dezentralisierung der Stromproduktion durch Solaranlagen – etwa auf Hausdächern oder in kleineren Anlagen – die Struktur der Energieversorgung verändert. Strom wird zunehmend dort erzeugt, wo er verbraucht wird, was traditionelle Versorgungsmodelle infrage stellt.

    Europa als Vorreiter des Wandels

    Innerhalb der Europäischen Union zeigt sich der Wandel besonders deutlich. 2025 übertraf die kombinierte Stromproduktion aus Wind- und Solarenergie erstmals diejenige aus allen fossilen Energieträgern. Dieser Meilenstein ist das Ergebnis einer langfristig angelegten Energie- und Klimapolitik, die auf Diversifizierung, Dekarbonisierung und technologische Innovation setzt.

    Politische Instrumente wie der Emissionshandel, Subventionen für erneuerbare Energien und ambitionierte Ausbauziele haben den Übergang beschleunigt. Gleichzeitig hat die Energiekrise infolge geopolitischer Konflikte – insbesondere die Reduktion russischer Gaslieferungen – den Druck erhöht, alternative Energiequellen schneller zu erschließen.

    Allerdings bleibt die europäische Energiewende ein komplexes Unterfangen. Der Ausbau der Netzinfrastruktur, die Integration volatiler Energiequellen und die Sicherstellung der Versorgungssicherheit stellen weiterhin erhebliche Herausforderungen dar.

    Fossile Energien verlieren an Boden – langsam

    Trotz des symbolischen Bedeutungsverlusts der Kohle ist der Rückgang fossiler Energien bislang moderat. Im Jahr 2025 sank ihr Anteil an der globalen Stromproduktion lediglich um 0,2 Prozent. Dies ist erst das fünfte Mal im 21. Jahrhundert, dass ein Rückgang verzeichnet wurde.

    Diese Trägheit erklärt sich durch mehrere Faktoren. Zum einen verfügen viele Länder über bestehende Infrastrukturen für Kohle- und Gaskraftwerke, deren Stilllegung wirtschaftlich und politisch sensibel ist. Zum anderen steigt der globale Strombedarf weiterhin an, insbesondere in Schwellenländern, sodass erneuerbare Energien häufig zusätzlich installiert werden, anstatt fossile Kapazitäten vollständig zu ersetzen.

    In Ländern wie Indien oder Indonesien bleibt Kohle aufgrund ihrer Verfügbarkeit und niedrigen Kosten eine zentrale Energiequelle. Der globale Energiewandel verläuft daher asymmetrisch: Während Industrieländer ihre Emissionen reduzieren, wächst der Energiebedarf in anderen Teilen der Welt weiterhin stark.

    Klimapolitische und geopolitische Implikationen

    Der wachsende Anteil erneuerbarer Energien hat unmittelbare Auswirkungen auf die globale Klimapolitik. Da Kohle zu den emissionsintensivsten Energiequellen zählt, bedeutet ihr relativer Rückgang eine potenzielle Reduktion von Treibhausgasemissionen. Allerdings hängt der tatsächliche Effekt davon ab, ob fossile Energien absolut zurückgedrängt werden oder lediglich langsamer wachsen.

    Darüber hinaus verändert die Energiewende die geopolitischen Machtverhältnisse. Staaten, die bislang von fossilen Energieexporten abhängig waren, sehen sich mit sinkender Nachfrage konfrontiert. Gleichzeitig gewinnen Länder an Bedeutung, die über technologische Kompetenzen oder Ressourcen für erneuerbare Energien verfügen – etwa seltene Erden für Batterien oder Produktionskapazitäten für Solarmodule.

    Die Energiepolitik wird damit zunehmend zu einem Feld strategischer Industriepolitik. Fragen der Versorgungssicherheit, technologischen Souveränität und wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit rücken in den Vordergrund.

    Zwischen Fortschritt und Unsicherheit

    Der historische Moment des Jahres 2025 markiert keinen Endpunkt, sondern einen Zwischenstand in einem langwierigen Transformationsprozess. Der Übergang zu einem klimaneutralen Energiesystem erfordert nicht nur den Ausbau erneuerbarer Energien, sondern auch Investitionen in Speichertechnologien, Netzinfrastruktur und flexible Strommärkte.

    Zudem bleiben Unsicherheiten bestehen: politische Richtungswechsel, wirtschaftliche Krisen oder technologische Engpässe könnten den Fortschritt verlangsamen. Ebenso ist unklar, wie schnell sich der globale Süden von fossilen Energien lösen kann, ohne wirtschaftliche Entwicklung zu gefährden.

    Dennoch lässt sich festhalten: Die Verschiebung im globalen Strommix ist ein Indikator dafür, dass die Energiewende nicht mehr nur ein politisches Ziel ist, sondern zunehmend Realität wird – mit allen Ambivalenzen, die ein solcher Strukturwandel mit sich bringt.

    Andreas M. Brucker