Schlagwort: Nachhaltigkeit

  • Frankreich ist auf den Klimawandel nicht vorbereitet

    Frankreich ist auf den Klimawandel nicht vorbereitet

    Frankreich steht vor einer wachsenden klimapolitischen Herausforderung. Zwar hat die Regierung in den vergangenen Jahren zahlreiche Strategien zum Klimaschutz und zur Anpassung an den Klimawandel auf den Weg gebracht, doch reichen diese nach Einschätzung des Hohen Klimarats (Haut Conseil pour le climat, HCC) bei Weitem nicht aus. In seinem achten Jahresbericht kommt das unabhängige Expertengremium zu einem klaren Urteil: Das Land ist auf die Folgen des sich beschleunigenden Klimawandels nicht ausreichend vorbereitet. Ein Land für ein Klima von gestern Die zentrale Kritik des Berichts lautet, dass Frankreich noch immer für klimatische Bedingungen geplant und gebaut ist, die längst der Vergangenheit angehören. Straßen, Schienennetze, Krankenhäuser, Schulen, Wohngebäude und städtische Infrastruktur orientieren sich weitgehend an den Wetterverhältnissen des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig nehmen Hitzewellen, Dürren, Starkregenereignisse und Überschwemmungen spürbar zu. Diese Entwicklung ste…

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  • Frankreich greift Ultra Fast Fashion an

    Frankreich greift Ultra Fast Fashion an

    Frankreich verschärft den Kampf gegen umweltschädliche Billigmode. Die Nationalversammlung und der Senat haben ein Gesetz verabschiedet, das gezielt gegen sogenannte Ultra Fast Fashion vorgeht. Das Land übernimmt damit eine Vorreiterrolle in Europa und führt als erster EU Staat finanzielle Sanktionen gegen besonders umweltschädliche Onlinehändler wie Shein und Temu ein. Ziel der neuen Regelung: den Konsum extrem günstiger Wegwerfmode bremsen und nachhaltigeres Kaufverhalten fördern. Herzstück des Gesetzes bildet ein finanzieller Umweltmalus für Unternehmen, die unter die Kategorie Ultra Fast Fashion fallen. Dieser Aufschlag soll schrittweise eingeführt werden und am Ende bis zu 50 Prozent des Verkaufspreises eines Kleidungsstücks erreichen. Die genaue Höhe sowie die Berechnung legt die Regierung in den kommenden Monaten per Verordnung fest. Nach dem derzeitigen Zeitplan treten die wichtigsten Bestimmungen bereits zum 1. September 2026 in Kraft. Neben dem finanziellen Malus sieht das Ge…

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  • Wenn Austern Kühlung brauchen: Wie die Hitze die Zucht in Marennes-Oléron verändert

    Wenn Austern Kühlung brauchen: Wie die Hitze die Zucht in Marennes-Oléron verändert

    Die Folgen des Klimawandels zeigen sich längst nicht mehr nur in schmelzenden Gletschern oder ausgetrockneten Flüssen. Auch in den traditionsreichen Austernzuchtgebieten an der französischen Atlantikküste erzwingen steigende Temperaturen völlig neue Arbeitsweisen. In Marennes-Oléron, einem der bekanntesten Austernreviere Europas, gehört inzwischen sogar die Kühlung von Wasser zum betrieblichen Alltag.

    Dabei sorgt eine Formulierung häufig für Missverständnisse. Nicht die großen Austernbecken oder die sogenannten Claires unter freiem Himmel werden klimatisiert. Gekühlt wird ausschließlich das Wasser in den Reinigungs- und Lagerbecken, in denen die Austern vor ihrer Vermarktung mehrere Tage verbringen. Gerade in dieser Phase reagieren die empfindlichen Schalentiere besonders sensibel auf hohe Temperaturen.

    Die Austernzüchter Simon und David Hervé aus Saint-Just-Luzac nahe Marennes haben deshalb rund 25.000 Euro in zwei leistungsstarke Kühlanlagen investiert. Ihr Ziel ist es, die Wassertemperatur konstant bei etwa 14 Grad Celsius zu halten. Dadurch sinkt der Hitzestress für die Tiere deutlich. Ohne Kühlung verlieren die Brüder zwischen fünf und zehn Prozent ihrer eingelagerten Austern. Mit dem neuen System reduziert sich die Sterblichkeit auf etwa drei Prozent.

    Für einen Betrieb, der wöchentlich zwischen 15 und 20 Tonnen Austern lagert und anschließend an Händler und Gastronomie ausliefert, macht dieser Unterschied wirtschaftlich einen erheblichen Betrag aus. Jeder Prozentpunkt weniger Verlust verbessert nicht nur die Rentabilität, sondern sichert zugleich die Qualität der Ware.

    Neu ist die Technik allerdings nicht. Größere Austernbetriebe im Becken von Marennes-Oléron setzen bereits seit einigen Jahren auf gekühlte Reinigungsbecken. Inzwischen greifen jedoch auch kleinere Familienbetriebe zu dieser Lösung. Der Grund liegt auf der Hand: Früh einsetzende Hitzeperioden und immer häufigere Hitzewellen im Frühjahr und Sommer erhöhen das Risiko von Ausfällen spürbar. Was früher als Ausnahme galt, entwickelt sich zunehmend zur neuen Normalität.

    Den Austernzüchtern ist dennoch bewusst, dass Kühlanlagen allein keine dauerhafte Antwort auf den Klimawandel liefern. Parallel investieren viele Betriebe in schattenspendende Überdachungen, verbessern die Bauweise ihrer Lagerhallen oder erzeugen mit Photovoltaikanlagen einen Teil ihres Stroms selbst. Auch die Vermarktung verändert sich. Kürzere Transportwege und eine stärkere Ausrichtung auf nahegelegene Absatzmärkte sollen sowohl Kosten als auch den CO₂-Ausstoß reduzieren.

    Die Entwicklung in Marennes-Oléron verdeutlicht, wie tiefgreifend sich der Klimawandel inzwischen auf traditionelle Wirtschaftszweige auswirkt. Austernzucht war jahrhundertelang eng mit den natürlichen Bedingungen der Küste verbunden. Heute reicht die Erfahrung allein nicht mehr aus. Moderne Technik, Investitionen und flexible Anpassungsstrategien entscheiden zunehmend darüber, ob Betriebe ihre Produktion aufrechterhalten können.

    Dass Austern heute in gekühltem Wasser auf ihren Verkauf vorbereitet werden, wäre noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen. Inzwischen gilt diese Maßnahme für viele Erzeuger als notwendige Investition, um Qualität, Wirtschaftlichkeit und die Zukunft eines traditionsreichen Handwerks gleichermaßen zu sichern.

    Von C. Hatty

  • Kaugummis als Strandspielzeug: Wie eine Biologin französische Küsten sauberer machen möchte

    Kaugummis als Strandspielzeug: Wie eine Biologin französische Küsten sauberer machen möchte

    Wer an Müll an französischen Stränden denkt, hat meist Plastikflaschen, Verpackungen oder Zigarettenkippen vor Augen. Sie liegen sichtbar im Sand, treiben im Wasser oder sammeln sich zwischen Felsen und Dünen. Doch ein anderer Abfall bleibt oft unbemerkt – obwohl er millionenfach vorkommt: der Kaugummi.

    Genau diesem unscheinbaren Umweltproblem widmet sich die junge Biologin Marine Guilbaud aus La Rochelle. Mit einer ungewöhnlichen Idee möchte sie nicht nur die Küsten entlasten, sondern auch das Bewusstsein für einen weit verbreiteten Irrtum schärfen. Ihr Projekt setzt dort an, wo viele Menschen gar kein Problem vermuten.

    Denn moderne Kaugummis bestehen längst nicht mehr aus natürlichen Rohstoffen. Die Kaumasse enthält überwiegend synthetische Polymere aus der Petrochemie. Anders gesagt: In vielen Kaugummis steckt Kunststoff. Gelangt ein ausgespuckter Kaugummi auf die Straße, in den Sand oder in die Natur, verschwindet er nicht einfach. Über Jahre hinweg bleibt er erhalten, zerfällt langsam und kann schließlich zu Mikroplastik werden.

    Ein kleines Stück Abfall mit großer Wirkung.

    Städte und Gemeinden kennen das Problem seit Langem. Kaugummis zählen zu den am häufigsten achtlos weggeworfenen Gegenständen im öffentlichen Raum. Weil sie klein sind, fallen sie kaum auf. Ihre schiere Menge verursacht jedoch erhebliche Kosten. Die Entfernung der klebrigen Rückstände verlangt spezielle Reinigungsverfahren, die Zeit, Personal und Geld verschlingen.

    An der Küste verschärft sich die Situation zusätzlich. Regenwasser spült die Kaugummis in die Kanalisation, von dort gelangen sie in Flüsse und schließlich ins Meer. Dort reihen sie sich in die ohnehin gewaltige Flut an Kunststoffabfällen ein, die marine Ökosysteme unter Druck setzt.

    Marine Guilbaud kennt diese Zusammenhänge aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Nach ihrem Studium im Bereich Umweltmanagement und Küstenökologie beschäftigte sie sich intensiv mit den Folgen der Meeresverschmutzung. Aus dieser Erfahrung entstand die Idee für „CreaGum“ – ein Projekt, das Kaugummis nicht als wertlosen Müll betrachtet, sondern als Rohstoff.

    Der Ansatz wirkt verblüffend einfach.

    Verbrauchte Kaugummis werden über Sammelstellen eingesammelt, sortiert und aufbereitet. Anschließend fließen sie in einen Recyclingprozess ein, der neue Produkte hervorbringt. Besonders im Fokus stehen Strandspielzeuge für Kinder. Aus etwas, das zuvor den Sand verschmutzte, entstehen Eimer, Schaufeln oder andere nützliche Gegenstände.

    Das klingt zunächst fast ein wenig verrückt.

    Gerade darin liegt jedoch die Stärke der Idee. Ein Kind, das mit einem Spielzeug aus recycelten Kaugummis am Strand spielt, begegnet dem Thema Umweltverschmutzung auf eine sehr greifbare Weise. Aus abstrakten Begriffen wie Kreislaufwirtschaft oder Mikroplastik entsteht plötzlich etwas, das man anfassen kann.

    Die Initiative folgt damit einem Trend, der in vielen Bereichen an Bedeutung gewinnt. Immer häufiger suchen Unternehmen und Kommunen nach Wegen, bislang problematische Abfälle in neue Rohstoffe zu verwandeln. Materialien, die früher direkt entsorgt wurden, erhalten eine zweite Chance.

    CreaGum verbindet diesen Gedanken mit einem klaren regionalen Bezug. Die Küstenregion rund um La Rochelle dient nicht nur als Einsatzgebiet, sondern auch als Symbol für den Schutz empfindlicher Meereslandschaften. Die Verbindung von Strandreinigung, Umweltbildung und Wiederverwertung schafft einen Kreislauf, der Bürger, Touristen und Gemeinden gleichermaßen einbindet.

    Natürlich löst das Recycling von Kaugummis nicht die weltweite Plastikkrise. Die Mengen bleiben im Vergleich zu den gigantischen Müllströmen der Ozeane überschaubar.

    Doch manchmal entfalten gerade kleine Ideen eine besondere Wirkung.

    Sie zeigen, dass Umweltschutz nicht immer aus milliardenschweren Großprojekten entstehen muss. Manchmal genügt ein neuer Blick auf alltägliche Dinge. Ein Kaugummi, der achtlos auf den Boden gespuckt wird, erscheint unbedeutend. In Wirklichkeit erzählt er eine größere Geschichte über Konsum, Verantwortung und den Umgang mit Ressourcen.

    Marine Guilbauds Projekt macht genau das sichtbar. Es verwandelt einen unscheinbaren Abfallstoff in etwas Nützliches und erinnert daran, dass viele Umweltprobleme direkt vor unseren Füßen beginnen. Wer genauer hinschaut, entdeckt oft Lösungen dort, wo andere nur Müll sehen.

    Von C. Hatty

  • Nizza und die Kreuzfahrtriesen: Zwischen Wohlstand und Überdruss

    Nizza und die Kreuzfahrtriesen: Zwischen Wohlstand und Überdruss

    Wenn in der Bucht von Villefranche-sur-Mer ein Kreuzfahrtschiff auftaucht, richtet sich der Blick vieler Menschen automatisch aufs Meer. Die einen sehen wirtschaftliche Chancen. Die anderen erkennen vor allem ein Symbol für Massentourismus. Genau dieser Gegensatz prägt derzeit die Diskussion an der französischen Riviera.

    In Nizza und den umliegenden Küstenorten sorgen die schwimmenden Giganten erneut für hitzige Debatten. Nachdem 2025 verschiedene Vorstöße auf eine stärkere Begrenzung der größten Kreuzfahrtschiffe abzielten, zeigt sich die Politik inzwischen etwas flexibler. Der wirtschaftliche Nutzen wiegt für viele Entscheidungsträger schwer. Gleichzeitig gelten neue Regeln, die die Zahl der Passagiere begrenzen und die Häufigkeit bestimmter Anläufe einschränken sollen.

    Doch reicht das aus?

    Für viele Geschäftsleute liegt die Antwort auf der Hand. Jedes Kreuzfahrtschiff bringt Tausende potenzielle Kunden. Cafés füllen sich, Restaurants servieren zusätzliche Menüs, Souvenirläden verzeichnen höhere Umsätze und Taxifahrer freuen sich über gut gefüllte Arbeitstage. Gerade in einer Region, deren Wirtschaft stark vom Tourismus abhängt, zählt nahezu jeder Besucher.

    Ein Cafébesitzer in der Altstadt von Nizza beschrieb die Situation einmal treffend: „Wenn ein großes Schiff kommt, spürt man das sofort. Die Straßen leben auf.“ Tatsächlich verwandeln sich die Gassen an manchen Tagen in ein buntes Mosaik aus Sprachen, Kameras und Sonnenhüten.

    Für viele Betriebe sind solche Tage Gold wert.

    Besonders kleinere Geschäfte profitieren davon, dass zahlreiche Passagiere nur wenige Stunden an Land verbringen und diese Zeit möglichst intensiv nutzen möchten. Ein Kaffee auf der Terrasse, ein Mitbringsel für die Familie oder ein kurzer Besuch in einer Parfümerie summieren sich schnell zu beachtlichen Einnahmen.

    Entsprechend groß fiel die Sorge aus, als über drastische Einschränkungen diskutiert wurde. Wirtschaftsvertreter warnten vor erheblichen Verlusten. In Villefranche-sur-Mer kursierten Berechnungen, die bei einer starken Reduzierung der Kreuzfahrtschiffe von Millioneneinbußen ausgingen. Für manche Unternehmen würde das einen spürbaren Einschnitt bedeuten.

    Auf der anderen Seite wächst jedoch der Unmut vieler Anwohner.

    Sie erleben die Situation aus einer völlig anderen Perspektive.

    Wer morgens aus dem Fenster blickt und statt des Horizonts eine mehrere hundert Meter lange Schiffswand sieht, entwickelt oft einen anderen Bezug zum Thema als ein Ladenbesitzer in der Einkaufsstraße. Für zahlreiche Bewohner verkörpern die Kreuzfahrtriesen die Schattenseiten des modernen Tourismus.

    Da ist zunächst die Umweltfrage.

    Die Schiffe transportieren mehrere Tausend Menschen und benötigen enorme Energiemengen. Obwohl moderne Technologien die Emissionen reduzieren sollen, bleibt die Belastung für Luft und Umwelt ein zentrales Streitthema. Umweltverbände weisen seit Jahren auf die Folgen des Kreuzfahrtverkehrs hin und fordern strengere Regeln.

    Hinzu kommt die Belastung der Infrastruktur.

    Plötzlich strömen Tausende Besucher gleichzeitig durch Straßen und Plätze. Busse pendeln im Minutentakt zwischen Hafen und Sehenswürdigkeiten. Beliebte Aussichtspunkte füllen sich innerhalb kürzester Zeit. Für Urlauber mag das nach lebendiger Atmosphäre klingen. Für Anwohner fühlt es sich häufig nach Dauerstress an.

    Manche sprechen sogar von einem Tourismus, der die Stadt nur streift, statt sie wirklich kennenzulernen.

    Der Vorwurf lautet: Viele Kreuzfahrtgäste verbringen lediglich wenige Stunden vor Ort. Sie fotografieren die bekanntesten Sehenswürdigkeiten, trinken einen Kaffee und kehren anschließend aufs Schiff zurück. Die wirtschaftlichen Vorteile seien vorhanden, stünden aber nicht immer im Verhältnis zu den Belastungen.

    Diese Diskussion beschränkt sich längst nicht auf Nizza.

    Von Venedig über Barcelona bis nach Dubrovnik ringen zahlreiche Mittelmeerstädte mit ähnlichen Fragen. Überall geht es um denselben Balanceakt: Wie viel Tourismus verträgt eine Stadt, ohne ihren Charakter zu verlieren?

    Die Antwort fällt selten eindeutig aus.

    Schließlich lebt die Côte d’Azur seit Jahrzehnten von ihrer Anziehungskraft. Das Meer, das milde Klima und die berühmte Küstenlandschaft locken Menschen aus aller Welt an. Viele Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt vom Tourismus ab. Hotels, Restaurants, Freizeitbetriebe und Einzelhändler profitieren von den Gästen.

    Gleichzeitig wünschen sich die Einwohner lebenswerte Städte statt Freilichtkulissen für Besucherströme.

    Genau hier liegt der Kern des Problems.

    Ein vollständiges Verbot großer Kreuzfahrtschiffe würde viele Umweltaktivisten erfreuen. Doch eine solche Maßnahme hätte wirtschaftliche Folgen, die kaum zu ignorieren wären. Eine uneingeschränkte Rückkehr der schwimmenden Riesen wiederum würde den Ärger vieler Bewohner weiter anheizen.

    Deshalb gewinnt ein Mittelweg zunehmend an Zustimmung.

    Statt auf spektakuläre Verbote setzen viele Experten auf gezielte Steuerung. Kleinere Schiffe, strengere Obergrenzen für Passagierzahlen und eine bessere Verteilung der Ankünfte über das Jahr hinweg gelten als vielversprechende Ansätze. Auch die Elektrifizierung der Hafenanlagen spielt eine wichtige Rolle. Liegen Schiffe am Kai und beziehen ihren Strom direkt vom Land, sinken Lärm und Emissionen deutlich.

    Klingt vernünftig, oder?

    Dennoch bleibt die Umsetzung anspruchsvoll. Reedereien, Kommunen, Hafenbehörden und Anwohner verfolgen unterschiedliche Interessen. Jeder Kompromiss erzeugt neue Diskussionen. Das macht die Debatte so emotional.

    Während die Kreuzfahrtschiffe draußen auf dem glitzernden Mittelmeer ihre Bahnen ziehen, sucht Nizza nach einer Lösung, die wirtschaftliche Stärke und Lebensqualität miteinander verbindet. Die Stadt steht stellvertretend für viele europäische Küstenorte, die sich dieselbe Frage stellen.

    Wie viel Tourismus ist gut für eine Stadt, und ab welchem Punkt verliert sie ein Stück ihrer Seele?

    Eine endgültige Antwort gibt es bislang nicht. Doch eines zeigt die aktuelle Diskussion sehr deutlich: Die Zukunft des Tourismus entscheidet sich längst nicht mehr allein an den Buchungszahlen. Sie entscheidet sich dort, wo Besucher, Wirtschaft und Einwohner denselben Raum teilen müssen.

    Und genau dort beginnt die eigentliche Herausforderung.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Wenn die Armee auf Sonnenstrom setzt: Ein ehemaliges Munitionsgelände in Salbris erhält ein zweites Leben

    Wenn die Armee auf Sonnenstrom setzt: Ein ehemaliges Munitionsgelände in Salbris erhält ein zweites Leben

    Wo einst Munition produziert und gelagert wurde, sollen künftig Solarmodule in der Sonne glänzen. Im französischen Salbris, im Département Loir-et-Cher, entsteht auf einem ehemaligen Militärgelände ein Solarpark, der mehr ist als ein klassisches Energieprojekt. Die geplante Photovoltaikanlage steht für einen Wandel, der tief in die strategischen Überlegungen des Staates hineinreicht.

    Das Vorhaben sieht eine Leistung von 42 Megawatt Peak vor. Die Anlage soll über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten betrieben werden. Besonders bemerkenswert: Der erzeugte Strom fließt nicht in erster Linie in das allgemeine Netz, sondern wird direkt vom französischen Verteidigungsministerium abgenommen. Nach den derzeitigen Planungen könnte die Anlage ab 2030 rund vier Prozent des jährlichen Strombedarfs des Ministeriums decken.

    Auf den ersten Blick wirkt das wie ein weiteres Kapitel der Energiewende. Tatsächlich erzählt das Gelände jedoch eine deutlich längere Geschichte.

    Seit den 1930er-Jahren spielte der Standort eine wichtige Rolle für die französische Rüstungsindustrie. Über Jahrzehnte hinweg entstanden dort Munition und militärische Ausrüstung. In den 1980er-Jahren arbeiteten bis zu 840 Menschen auf dem Gelände. Als der Betrieb Anfang der 2000er-Jahre eingestellt wurde, waren noch rund 200 Beschäftigte tätig. Danach blieb eine Fläche zurück, die von ihrer industriellen Vergangenheit geprägt war und teilweise als belastet gilt.

    Gerade solche Standorte geraten inzwischen verstärkt in den Blick von Projektentwicklern. Sie bieten große Flächen, die für Wohnungsbau oder Landwirtschaft oft nur eingeschränkt nutzbar sind. Solaranlagen erscheinen hier als pragmatische Lösung. Aus einem Ort militärischer Produktion wird ein Ort der nachhaltigen Energiegewinnung – eine Art industrielles Recycling unter freiem Himmel.

    Doch so einfach ist die Sache nicht.

    Die öffentliche Debatte rund um das Projekt zeigt, wie komplex die Energiewende selbst dort bleibt, wo die Ausgangslage scheinbar günstig erscheint. Anwohner und Umweltverbände haben Fragen zu möglichen Auswirkungen auf Feuchtgebiete gestellt. Auch Waldbrandrisiken sowie Eingriffe in das Landschaftsbild wurden thematisiert. Solche Diskussionen begleiten inzwischen viele große Energieprojekte in Frankreich. Der Wunsch nach klimafreundlicher Stromerzeugung trifft regelmäßig auf lokale Interessen und ökologische Schutzanforderungen.

    Genau darin liegt die politische Bedeutung des Projekts. Das Verteidigungsministerium beschreibt die Anlage als Beitrag zur finanziellen Resilienz. Hinter diesem Begriff verbirgt sich ein nüchterner Gedanke: Wer einen Teil seines Stroms langfristig zu kalkulierbaren Preisen sichern kann, macht sich unabhängiger von Schwankungen auf den Energiemärkten. Die Energiekrisen der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell steigende Preise staatliche Haushalte belasten können.

    Die französische Armee betrachtet Energie damit zunehmend als strategische Ressource. Früher standen Panzer, Flugzeuge und Munitionslager im Mittelpunkt der Sicherheitsplanung. Heute rücken zusätzlich Stromversorgung, Flächenmanagement und langfristige Energieverträge in den Fokus. Moderne Verteidigungsfähigkeit endet nicht am Kasernentor.

    Salbris wird dadurch zu einem kleinen Symbol für einen größeren Wandel. Ein ehemaliges Munitionsgelände verwandelt sich in eine Stromquelle. Aus einer Fläche, die einst der militärischen Produktion diente, entsteht ein Baustein für die energetische Unabhängigkeit des Staates. Die Energiewende erreicht damit einen Bereich, der lange als klassische Domäne staatlicher Macht galt – und zeigt, dass strategische Souveränität im 21. Jahrhundert immer häufiger auch auf Solarmodulen beruht.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreich setzt auf Meeresschutz: Die grösste Marine-Schutzzone der Welt entsteht im Pazifik

    Frankreich setzt auf Meeresschutz: Die grösste Marine-Schutzzone der Welt entsteht im Pazifik

    Während die Ozeane unter zunehmendem Druck durch Klimawandel, Überfischung und Plastikverschmutzung stehen, versucht Frankreich seine Rolle als maritime Grossmacht neu zu definieren. Anlässlich der dritten UN-Ozeankonferenz (UNOC) in Nizza vor ziemlich genau einem Jahr hatte die französische Regierung eine Reihe weitreichender Massnahmen angekündigt, die den Schutz mariner Ökosysteme deutlich ausbauen sollen. Im Zentrum stehen die Schaffung der weltweit grössten Meeresschutzzone in Französisch-Polynesien sowie neue Initiativen gegen die Plastikverschmutzung im Mittelmeerraum.

    Die Ankündigungen waren nicht nur umweltpolitisch bedeutsam. Sie haben auch eine geopolitische Dimension: Frankreich verfügt über die zweitgrösste ausschliessliche Wirtschaftszone der Welt und sieht sich zunehmend als führender Akteur einer internationalen Meerespolitik, die Biodiversität und wirtschaftliche Nutzung in Einklang bringen soll.

    Die grösste Meeresschutzzone der Welt

    Den spektakulärsten Schritt stellt die Ausweitung des Meeresschutzes in Französisch-Polynesien dar. Künftig sollen dort rund 4,8 Millionen Quadratkilometer Meeresfläche unter Schutz stehen. Damit umfasst das Schutzgebiet nahezu die gesamte ausschliessliche Wirtschaftszone des pazifischen Überseegebiets.

    Besonders bemerkenswert ist der Umfang der sogenannten streng geschützten Bereiche. Auf rund 900.000 Quadratkilometern werden menschliche Eingriffe künftig stark eingeschränkt oder vollständig untersagt. Ziel ist es, empfindliche Lebensräume vor den Folgen industrieller Nutzung zu bewahren und bedrohten Arten Rückzugsräume zu sichern.

    Die Dimensionen verdeutlichen die Bedeutung des Vorhabens: Die streng geschützte Fläche entspricht mehr als dem Anderthalbfachen der Grösse Frankreichs. Weltweit gibt es bislang nur wenige vergleichbare Schutzgebiete dieser Grössenordnung.

    Für Paris besitzt die Massnahme auch strategische Bedeutung. Die französischen Überseegebiete verleihen dem Land eine aussergewöhnliche maritime Präsenz in allen Weltmeeren. Gerade im Pazifik gewinnt die Kontrolle und nachhaltige Bewirtschaftung mariner Ressourcen angesichts wachsender geopolitischer Rivalitäten zunehmend an Bedeutung.

    Mehr Schutz in französischen Gewässern

    Neben den Massnahmen in Polynesien kündigte die Regierung eine umfassende Ausweitung des Meeresschutzes im gesamten französischen Hoheitsgebiet an. Bis Ende 2026 sollen 78 Prozent der französischen Meeresflächen unter irgendeiner Form von Schutz stehen. Der Anteil der besonders streng geschützten Gebiete soll von derzeit 4,8 Prozent auf 14,8 Prozent steigen.

    Auch in den europäischen Gewässern Frankreichs wird sich die Situation deutlich verändern. Dort soll der Anteil streng geschützter Flächen von lediglich 0,1 Prozent auf vier Prozent anwachsen. Damit reagiert die Regierung auf die Kritik zahlreicher Wissenschaftler und Umweltorganisationen, die seit Jahren bemängeln, dass viele bestehende Schutzgebiete nur auf dem Papier existierten.

    Tatsächlich erlaubten zahlreiche französische Meeresschutzgebiete bislang weiterhin intensive wirtschaftliche Aktivitäten. Dadurch entstand international der Eindruck, dass der Schutzstatus oftmals nicht mit wirksamen Einschränkungen verbunden sei.

    Die neuen Regelungen sollen diesem Vorwurf begegnen. Insbesondere die Schleppnetzfischerei am Meeresboden gerät stärker ins Visier der Behörden. Diese Fangmethode gilt als besonders problematisch, da sie Korallenriffe, Schwammgemeinschaften und Seegraswiesen nachhaltig schädigen kann. Solche Lebensräume gehören zu den artenreichsten Ökosystemen der Ozeane und spielen zugleich eine wichtige Rolle bei der Bindung von Kohlenstoff.

    Kampf gegen die Plastikflut

    Ein zweiter Schwerpunkt der französischen Initiative betrifft die Bekämpfung der Plastikverschmutzung. Die Ozeane enthalten heute Schätzungen zufolge Millionen Tonnen Kunststoffabfälle. Besonders betroffen ist das Mittelmeer, das aufgrund seines begrenzten Wasseraustauschs als eines der am stärksten belasteten Meere der Welt gilt.

    Im Rahmen der Barcelona-Konvention haben sich die Mittelmeeranrainerstaaten darauf verständigt, ihre Bemühungen zur Verringerung von Kunststoffeinträgen zu intensivieren. Frankreich will dabei eine koordinierende Rolle übernehmen.

    Im Mittelpunkt steht die Förderung von Kreislaufwirtschaftsmodellen. Die von Paris unterstützte Initiative „Circe.Med“ vereint mehr als 200 Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Ziel ist es, die Entstehung von Kunststoffabfällen bereits an der Quelle zu reduzieren, Recyclingstrukturen auszubauen und den Eintrag von Abfällen über Flüsse in die Meere zu verhindern.

    Dieser Ansatz folgt einer Erkenntnis, die sich in den vergangenen Jahren zunehmend durchgesetzt hat: Die Reinigung verschmutzter Meere ist technisch aufwendig und teuer. Nachhaltiger ist es, den Eintrag von Plastik von vornherein zu verhindern.

    Internationale Signalwirkung

    Die französischen Ankündigungen stehen in engem Zusammenhang mit den globalen Biodiversitätszielen der Vereinten Nationen. Im Mittelpunkt steht das sogenannte „30×30“-Ziel. Bis zum Jahr 2030 sollen weltweit mindestens 30 Prozent der Land- und Meeresflächen unter Schutz gestellt werden.

    Bislang liegt der Anteil geschützter Ozeanflächen deutlich darunter. Die in Nizza vorgestellten Zusagen verschiedener Staaten könnten den globalen Schutzanteil jedoch spürbar erhöhen. Frankreich versucht dabei, als Vorreiter aufzutreten und andere Länder zu vergleichbaren Massnahmen zu bewegen.

    Die Strategie folgt einem Muster, das bereits in der internationalen Klimapolitik zu beobachten war: Einzelne Staaten setzen ambitionierte Standards und hoffen, dadurch eine Dynamik auszulösen, die weitere Regierungen zum Handeln bewegt.

    Ob dieser Ansatz Erfolg haben wird, bleibt offen. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer verweisen auf fehlende finanzielle Mittel sowie auf die wirtschaftliche Bedeutung der Fischerei für ihre Bevölkerung. Entsprechend schwierig gestalten sich internationale Verhandlungen über verbindliche Schutzvorgaben.

    Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt ohnehin erst nach den politischen Ankündigungen. Meeresschutzgebiete entfalten ihre Wirkung nur dann, wenn sie wirksam überwacht und kontrolliert werden. Gerade in entlegenen Regionen des Pazifiks stellt dies erhebliche logistische Herausforderungen dar. Satellitenüberwachung, internationale Zusammenarbeit und ausreichende finanzielle Ressourcen werden entscheidend sein, um illegale Fischerei und andere Verstösse zu verhindern.

    Dennoch markiert die UN-Ozeankonferenz von Nizza einen wichtigen Wendepunkt. Frankreich signalisiert, dass der Schutz der Meere nicht länger als Randthema der Umweltpolitik betrachtet werden soll, sondern als zentrale Aufgabe internationaler Governance. Angesichts der wachsenden Belastungen für marine Ökosysteme könnte sich zeigen, dass die Zukunft des globalen Umweltschutzes nicht nur an Land, sondern vor allem auf den Weltmeeren entschieden wird.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreich wagt die Wasser-Revolution

    Frankreich wagt die Wasser-Revolution

    In der französischen Vendée entsteht derzeit ein Projekt, das vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte. Gereinigtes Abwasser fließt dort künftig nicht mehr einfach in den Atlantik, sondern zurück in den Wasserkreislauf – als potenzielle Quelle für neues Trinkwasser. Das „Programme Jourdain“ zählt bereits jetzt zu den ambitioniertesten Wasserprojekten Europas.

    Die Idee dahinter wirkt zunächst gewöhnungsbedürftig. Ausgerechnet Wasser aus Kläranlagen soll eines Tages wieder im Trinkwassersystem landen? Viele Menschen reagieren bei diesem Gedanken reflexartig mit Skepsis. Verständlich. Wasser besitzt emotional fast etwas Heiliges. Niemand denkt gern darüber nach, welchen Weg es bereits hinter sich hat.

    Genau an diesem Punkt setzt das Projekt an.

    Denn das Wasser aus der Vendée landet nicht einfach direkt wieder im Hahn. Zwischen Abwasser und Trinkwasser liegen mehrere technische Barrieren, die eher an ein Hightech-Labor erinnern als an eine gewöhnliche Kläranlage. Nach der klassischen Reinigung folgt eine zusätzliche Behandlung mit Ultrafiltration, UV-Desinfektion und Umkehrosmose. Dabei verschwinden selbst winzige Rückstände von Medikamenten, Pestiziden oder sogenannten PFAS-Chemikalien aus dem Wasser.

    Am Ende bleibt nahezu reines H₂O zurück.

    Das aufbereitete Wasser gelangt anschließend zunächst in natürliche Speicher, Flüsse und Reservoirs. Erst später fließt es erneut in die Trinkwasserproduktion ein. Genau dieser indirekte Kreislauf soll zusätzliche Sicherheit schaffen – technisch wie psychologisch.

    Die Vendée besitzt für ein solches Experiment fast symbolischen Charakter. Die Region an Frankreichs Atlantikküste lebt stark vom Tourismus, erlebt jedoch seit Jahren zunehmend trockene Sommer. Seen und Flüsse führen weniger Wasser, während gleichzeitig Millionen Urlauber Duschen, Pools und Campingplätze nutzen. Bereits heute stammen dort rund 90 Prozent des Trinkwassers aus Oberflächenwasser. Fällt wenig Regen, gerät das System schnell unter Druck.

    Und genau das passiert inzwischen immer häufiger.

    Klimaforscher zeichnen seit Jahren dasselbe Bild: längere Dürreperioden, heißere Sommer und eine wachsende Konkurrenz um Wasser. Was früher wie ein Problem ferner Wüstenstaaten wirkte, erreicht längst Europa. Spanien kämpft mit ausgetrockneten Stauseen, Italien mit sinkenden Grundwasserspiegeln – und selbst Frankreich kennt inzwischen Sommer, in denen Gemeinden Trinkwasser rationieren müssen. „Das Wasser kommt doch immer aus dem Hahn“ – dieser Satz verliert langsam seine Selbstverständlichkeit.

    Die Dimension des Projekts zeigt, wie ernst die Lage eingeschätzt wird. Eine rund 25 Kilometer lange Leitung verbindet die Aufbereitungsanlage bei Les Sables-d’Olonne mit den Wasserreserven der Region. Jährlich sollen dadurch Millionen Kubikmeter zusätzlich verfügbar werden. Für die Verantwortlichen geht es längst nicht mehr bloß um Umweltpolitik, sondern um Versorgungssicherheit.

    Politisch bleibt das Thema heikel.

    Der Begriff „Toilette zu Trinkwasser“ geistert schnell durch soziale Netzwerke und sorgt regelmäßig für spöttische Kommentare. Die Betreiber reagieren deshalb mit maximaler Transparenz. Besuchergruppen dürfen Anlagen besichtigen, Wissenschaftler kontrollieren permanent die Wasserqualität, Gesundheitsbehörden überwachen sämtliche Prozesse. Niemand möchte hier ein Risiko eingehen. Zu groß wäre der Vertrauensverlust.

    International betrachtet steht Frankreich mit der Idee allerdings keineswegs allein da. Singapur recycelt seit Jahren einen Teil seines Wassers, auch Namibia und Kalifornien nutzen hochaufbereitetes Abwasser längst erfolgreich. Neu wirkt vor allem, dass nun auch Europa stärker auf solche Technologien setzt. Frankreich galt bei diesem Thema lange als zurückhaltend – fast schon vorsichtig wie ein Autofahrer bei Glatteis. Nun drückt das Land plötzlich aufs Gaspedal.

    Das eigentliche Signal reicht deshalb weit über die Vendée hinaus.

    Europa beginnt zu begreifen, dass Wasser künftig kein unerschöpfliches Gut mehr darstellt. Regionen, die Kreisläufe intelligent schließen, dürften deutlich robuster durch die kommenden Jahrzehnte kommen. Andere könnten irgendwann feststellen, dass der alte Umgang mit Ressourcen nicht mehr in eine heißer werdende Welt passt.

    Vielleicht liegt genau darin die wahre Revolution dieses Projekts: Nicht die Technik verändert unseren Blick auf Wasser – sondern die Erkenntnis, dass Verschwendung künftig schlicht zu teuer wird.

    Von C. Hatty

  • Wenn die Stadt endlich dunkel wird

    Wenn die Stadt endlich dunkel wird

    Toulouse leuchtet gern. Die rosafarbenen Fassaden der südfranzösischen Metropole strahlen nachts wie Kulissen eines alten Films, Cafés werfen warmes Licht auf die Gassen, Schaufenster glänzen bis tief in die Nacht hinein. Wer durch die Altstadt spaziert, spürt sofort dieses urbane Versprechen: Hier schläft nichts. Hier pulsiert das Leben.

    Und genau darin liegt plötzlich das Problem.

    Denn nun hat ein Verwaltungsgericht die Stadt verurteilt — nicht wegen eines spektakulären Skandals, nicht wegen Korruption oder Misswirtschaft, sondern wegen zu vieler brennender Lampen. Toulouse habe Geschäfte nicht ausreichend dazu verpflichtet, nachts ihre Beleuchtung abzuschalten. Ein fast unscheinbares Urteil. Und vielleicht gerade deshalb eines mit Sprengkraft.

    Es wirkt wie ein Streit über Neonröhren und Schaufenster. Tatsächlich erzählt der Fall aber von einem tiefen kulturellen Wandel. Frankreich beginnt umzudenken. Die Nacht, jahrzehntelang Bühne der Moderne, verwandelt sich langsam in einen politischen Raum.

    Lange galt Licht als Fortschritt. Je heller eine Stadt, desto moderner erschien sie. Wer nachts im Dunkeln lag, wirkte provinziell oder arm. Paris trug den Beinamen „Ville Lumière“ schließlich nicht zufällig. Licht bedeutete Sicherheit, Eleganz, Wohlstand. Es war das Leuchten der Kaufhäuser, der Boulevards, der Republik selbst.

    Heute klingt diese alte Gewissheit plötzlich ein wenig aus der Zeit gefallen.

    Denn das künstliche Dauerlicht besitzt längst eine zweite Bedeutung bekommen: Energieverbrauch, Umweltbelastung, Störung natürlicher Rhythmen. Insekten sterben an beleuchteten Fassaden. Zugvögel verlieren Orientierung. Menschen schlafen schlechter. Selbst Bäume geraten durch permanente Helligkeit durcheinander — als hätte die Stadt beschlossen, auch den Jahreszeiten keinen Feierabend mehr zu gönnen.

    Und so beginnt etwas Bemerkenswertes: Dunkelheit erhält einen neuen Wert.

    Nicht romantisch verklärt wie in Gedichten des 19. Jahrhunderts, sondern administrativ, ökologisch, beinahe technokratisch. Plötzlich diskutieren Bürgermeister über Schaltzeiten. Behörden kontrollieren Leuchtreklamen. Umweltverbände ziehen nachts mit Kameras durch Innenstädte wie Detektive einer überbeleuchteten Zivilisation.

    Man muss sich das einmal vorstellen: Aktivisten dokumentieren um zwei Uhr morgens erleuchtete Boutiquen. Fast wirkt das wie eine Szene aus einer stillen französischen Komödie.

    Doch hinter der Skurrilität steckt Ernst.

    Die eigentliche Frage lautet nämlich: Wie viel Helligkeit braucht eine Gesellschaft, die nie mehr stillsteht?

    Moderne Städte leben von Sichtbarkeit. Restaurants möchten Gäste anziehen. Geschäfte kämpfen um Aufmerksamkeit. Tourismus verlangt Atmosphäre. Licht inszeniert Konsum wie Theater. Eine dunkle Einkaufsstraße erscheint sofort verlassen, vielleicht sogar bedrohlich. Genau deshalb scheuen viele Kommunen harte Kontrollen — niemand möchte den Innenstädten beim Verblassen zusehen.

    Aber gleichzeitig verändert sich das moralische Klima.

    Was früher als lebendig galt, erscheint heute mitunter verschwenderisch. Die grell beleuchtete Luxusfassade umweht inzwischen manchmal etwas Anachronistisches, fast Trotzigen. Als wolle sie sagen: Wir machen weiter wie bisher. Egal, wie hoch die Strompreise steigen. Egal, wie oft vom Klimawandel die Rede ist.

    Das Urteil gegen Toulouse trifft deshalb einen empfindlichen Nerv. Es zwingt eine Stadt, aktiv gegen die eigene Lichtkultur vorzugehen. Nicht freiwillig. Nicht symbolisch. Sondern juristisch verpflichtend.

    Und vielleicht beginnt genau hier die eigentliche Verschiebung.

    Denn Gesetze gegen Lichtverschmutzung existieren in Frankreich schon länger. Neu ist der politische Wille, sie ernst zu nehmen. Jahrzehntelang blieben viele Regeln eher dekorativ — wie Verkehrsschilder auf einsamen Landstraßen. Jetzt entdeckt die Justiz plötzlich ihre Durchsetzungskraft.

    Andere Städte dürften aufmerksam hinsehen. Marseille. Lyon. Nizza. Überall dort, wo nächtliche Helligkeit zum Stadtmarketing gehört, wächst nun das Risiko ähnlicher Verfahren. Das könnte Konflikte auslösen. Einzelhändler warnen bereits vor Sicherheitsproblemen und sinkender Attraktivität. Umweltverbände dagegen wittern einen historischen Hebel.

    Es geht längst nicht mehr nur um Lampen.

    Es geht um die Frage, welches Bild moderne Städte von sich selbst zeichnen möchten. Dauerbeleuchtet, konsumorientiert, permanent sichtbar? Oder bewusster, sparsamer, vielleicht sogar stiller?

    Wer nachts durch eine wirklich dunkle Straße läuft, merkt schnell: Dunkelheit besitzt eine eigene Würde. Geräusche verändern sich. Fassaden verschwinden. Der Himmel taucht wieder auf. Man sieht plötzlich Sterne über der Stadt — ein fast vergessenes Erlebnis. Verrückt eigentlich, oder?

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieses Urteils. Dass ausgerechnet eine Verwaltungsentscheidung über Schaufensterbeleuchtung etwas freilegt, das weit größer ist als Kommunalrecht. Einen kulturellen Stimmungswechsel.

    Die moderne Stadt lernt langsam, dass nicht jedes Licht Fortschritt bedeutet.

    Und dass eine Gesellschaft manchmal gerade dort vernünftig wird, wo sie bereit ist, das Neon auszuschalten.

    Ein Artikel von M. Legrand

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