Schlagwort: Migration

  • Trumps Warnung vor einem „zivilisatorischen Untergang Europas“

    Trumps Warnung vor einem „zivilisatorischen Untergang Europas“

    Wie die neue US-Sicherheitsstrategie die transatlantischen Beziehungen auf eine harte Probe stellt

    Mit der Veröffentlichung ihrer neuen Nationalen Sicherheitsstrategie hat die US-Regierung unter Donald Trump Anfang Dezember 2025 für diplomatische Irritationen gesorgt. In dem 33-seitigen Grundlagendokument wird Europa nicht nur als wirtschaftlich und politisch geschwächt beschrieben – es ist gar von einem drohenden „zivilisatorischen Verschwinden“ die Rede, sollte der Kontinent seine politische und demografische Entwicklung nicht korrigieren. Die Wortwahl ist ungewöhnlich drastisch für ein offizielles Strategiepapier – und sie markiert einen weiteren Tiefpunkt in den transatlantischen Beziehungen.

    Eine harsche Diagnose aus Washington

    Die neue National Security Strategy (NSS) formuliert die außen- und sicherheitspolitischen Leitlinien der USA unter Präsident Trump für die kommenden Jahre. Dabei fällt der Blick auf Europa ungewöhnlich kritisch aus. Die Autoren beklagen eine Kombination aus demografischem Niedergang, zu liberaler Migrationspolitik, wirtschaftlicher Stagnation und einem zunehmenden Einfluss supranationaler Institutionen wie der EU auf nationale Souveränität.

    Wörtlich heißt es, der Kontinent steuere „auf eine düstere Realität zu, in der er innerhalb von zwei Jahrzehnten nicht mehr wiederzuerkennen sein wird“. Der Begriff des „zivilisatorischen Verschwindens“ bringt dabei eine Weltanschauung zum Ausdruck, in der kulturelle und ethnische Homogenität als politisches Ideal erscheint – eine Sichtweise, die in Europa vor allem von rechten bis rechtsextremen Kreisen vertreten wird.

    Strategiewechsel und ideologische Kampfansage

    Tatsächlich steht diese Wortwahl nicht isoliert da, sondern reflektiert einen tiefgreifenden Wandel in der außenpolitischen Philosophie Washingtons. Die USA unter Trump verstehen sich nicht mehr als Architekt eines liberalen, regelbasierten Weltordnungssystems, sondern als machtpolitischer Akteur, der eigene Interessen über multilaterale Verpflichtungen stellt – ein Kurs, der in der Rückbesinnung auf die Monroe-Doktrin seinen Ausdruck findet.

    Wie der Politökonom Jonas Gensler analysiert, will Washington eine ideologische „Gegenbewegung“ innerhalb Europas fördern. Ziel sei es, europäische Regierungen und Gesellschaften zu einer „Korrektur ihrer derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Ausrichtung“ zu bewegen – sei es in der Sicherheits-, Energie- oder Migrationspolitik. Implizit fordert die NSS auch eine stärkere militärische Selbstverantwortung der Europäer, insbesondere im Rahmen der NATO.

    Europäische Reaktionen zwischen Besorgnis und Zurückweisung

    Die Reaktionen auf beiden Seiten des Atlantiks ließen nicht lange auf sich warten. Die EU-Außenbeauftragte Josep Borrell betonte in Brüssel, dass die Vereinigten Staaten trotz aller Differenzen „nach wie vor der wichtigste Verbündete Europas“ seien. Zugleich wies er die dramatisierende Rhetorik entschieden zurück: Europa befinde sich nicht in einem zivilisatorischen Verfallsprozess, sondern inmitten komplexer Transformationsprozesse, die demokratisch ausgehandelt würden.

    In Berlin zeigte man sich ungehalten über die amerikanischen Bewertungen. „Europa braucht keine Belehrungen über Meinungsfreiheit oder kulturelle Identität“, hieß es aus dem Auswärtigen Amt. In Paris wiederum warnte man vor einer gefährlichen ideologischen Aufladung der transatlantischen Beziehungen, insbesondere angesichts des anhaltenden Krieges in der Ukraine und der Abhängigkeit Europas von US-amerikanischer Sicherheitsgarantie im NATO-Rahmen.

    Ein Meinungsbild des Meinungsforschungsinstituts IFOP ergab zuletzt, dass knapp die Hälfte der Europäer Donald Trump als „Feind Europas“ wahrnimmt – ein Wert, der die gestiegene Distanz in der öffentlichen Wahrnehmung widerspiegelt.

    Polarisierung als politische Strategie

    Der Verweis auf ein angeblich bevorstehendes zivilisatorisches Verschwinden Europas ist mehr als eine außenpolitische Provokation. Er ist Teil einer bewusst polarisierenden Strategie, die kulturelle und gesellschaftliche Konfliktlinien auch auf internationaler Ebene zuspitzt. Damit korrespondiert die NSS mit Narrativen, wie sie in Teilen der europäischen Rechten kursieren – etwa der sogenannten „Bevölkerungsaustausch“-These, die vom französischen Publizisten Renaud Camus geprägt wurde und mittlerweile fester Bestandteil rechtsextremer Diskurse ist.

    Diese Verbindung ist nicht zufällig: Trumps Strategiepapier liest sich stellenweise wie eine außenpolitische Verlängerung innenpolitischer Kulturkämpfe. Europa wird dabei nicht nur als Partner, sondern auch als ideologischer Gegenentwurf inszeniert – ein Narrativ, das der Präsident im beginnenden US-Wahlkampf 2026 vermutlich weiter zuspitzen wird.

    Strategische Autonomie als europäische Antwort?

    Für Europa stellt sich nun erneut die alte Frage: Wie viel Eigenständigkeit braucht – und wie viel verträgt – das transatlantische Verhältnis? Während die militärische Kooperation im Rahmen der NATO weiterbesteht, verstärken sich die Stimmen, die eine eigenständigere europäische Sicherheitsarchitektur fordern. Initiativen wie PESCO (Ständige Strukturierte Zusammenarbeit) oder die Entwicklung eines europäischen Rüstungs- und Verteidigungsfonds erhalten dadurch neues Gewicht.

    Gleichzeitig zeigt sich: Der normative Rahmen einer „westlichen Wertegemeinschaft“ ist nicht mehr selbstverständlich. Die USA und Europa verfolgen zunehmend unterschiedliche gesellschaftspolitische Agenden – und das nicht nur unter Trump. Auch im Kongress findet diese strategische Neuorientierung zunehmend parteiübergreifende Unterstützung, etwa im Hinblick auf den Rückzug aus globalen Verpflichtungen oder den Fokus auf chinesische und lateinamerikanische Herausforderungen.

    Europa muss darauf eine Antwort finden – und dabei entscheiden, ob es sich als Subjekt oder Objekt globaler Ordnungspolitik verstehen will.

    Die Warnung vor einem „zivilisatorischen Untergang“ ist keine geopolitische Prognose, sondern eine Kampfansage in rhetorischer Form. Doch sie offenbart einen tiefen Bruch im transatlantischen Selbstverständnis. Was einst als Wertegemeinschaft begann, steht heute auf dem Prüfstand gemeinsamer Interessen – und das zu einem Zeitpunkt, an dem geopolitische Herausforderungen wie Krieg, Klimakrise und Migration entschlossene und koordinierte Antworten verlangen. Die Dynamik zwischen Washington und Brüssel könnte sich im kommenden Jahrzehnt grundlegend verändern – und damit das transatlantische Verhältnis, wie wir es bisher kannten.

    Autor: P. Tiko

  • Eine politisch heikle Passage

    Eine politisch heikle Passage

    Frankreichs Kommunisten initiieren eine parlamentarische Untersuchung zur Migrationspolitik am Ärmelkanal – und stoßen damit in ein geopolitisch sensibles Feld vor.

    Die Nachricht kam unspektakulär daher, hat jedoch beträchtliches Gewicht: Die kommunistische Fraktion in der französischen Nationalversammlung kündigte Anfang Dezember an, eine parlamentarische Untersuchungskommission zur „Verwaltung der Migration zwischen Frankreich und England“ einzusetzen. Im Fokus steht insbesondere die Kooperation mit dem Vereinigten Königreich im Rahmen der bilateralen Migrationspolitik – ein Thema, das spätestens seit dem Brexit von wachsender Brisanz ist.

    Die geplante Kommission soll die konkreten Auswirkungen der französisch-britischen Abkommen auf Migranten, Behörden und lokale Gemeinschaften untersuchen. Ihr Mandat umfasst die Analyse der Fluchtwege, der Sicherheits- und Kontrollmechanismen, der humanitären Lage in den Küstenregionen und der Effektivität der Rückführungsmaßnahmen. Damit berührt sie nicht nur innenpolitisch umstrittene Felder, sondern auch die sensible Schnittstelle zwischen nationaler Souveränität und europäischer Migrationsethik.

    Zwischen Calais und Dover: eine Route im Schatten

    Der Zeitpunkt für diese Initiative ist kaum zufällig. Seit dem Brexit hat sich das ohnehin angespannte Migrationsgeschehen am Ärmelkanal weiter zugespitzt. Während Großbritannien seine nationalstaatliche Kontrolle in der Migrationspolitik verstärkt betont, steht Frankreich unter Druck, die irregulären Überfahrten zu unterbinden – oft unter dem impliziten Vorwurf, nicht entschieden genug gegen Schleusernetzwerke und illegale Camps vorzugehen.

    Im Jahr 2025 wurde zwischen beiden Ländern ein neues Abkommen unterzeichnet, das auf dem Prinzip „one in, one out“ basiert: Für jeden aufgenommenen Migranten soll ein anderer zurückgeführt werden. Dieses bilaterale Arrangement zielt darauf ab, Anreize für illegale Überfahrten zu verringern – doch es hat auch die ohnehin prekäre Situation vieler Migranten zusätzlich verschärft. Trotz verstärkter Patrouillen, neuer Techniken und diplomatischer Zusicherungen ist die Zahl der Überfahrten weiter gestiegen – ebenso wie die Zahl der Todesopfer durch gekenterte Boote.

    Ein politischer Spagat

    Dass ausgerechnet die kommunistische Fraktion – Teil der linken Opposition – nun eine Untersuchungskommission anstößt, hat auch eine symbolische Dimension. Sie positioniert sich explizit gegen eine als repressiv empfundene Migrationspolitik, die humanitäre Erwägungen strukturell marginalisiere. Zugleich verfolgt sie ein politisches Ziel: das Regierungslager – insbesondere Innenministerium und Präsidentschaft – unter Druck zu setzen und zu größerer Transparenz zu zwingen.

    Doch das Vorhaben ist nicht ohne Risiken. Bereits im Vorfeld wurden Zweifel laut, ob eine von der radikalen Linken initiierte Kommission den nötigen Rückhalt finden wird, um politisch relevante Erkenntnisse zu erarbeiten – oder ob sie vor allem als Plattform für symbolische Kritik dient. Die Glaubwürdigkeit einer solchen Kommission hängt maßgeblich von ihrer Unabhängigkeit, ihrem Zugang zu sensiblen Daten (etwa zu Abschiebungen und Polizeieinsätzen) und der Qualität ihrer Empfehlungen ab.

    Vielschichtige Verantwortung

    Inhaltlich deutet sich ein umfassender Untersuchungsrahmen an. Die Kommission soll nicht nur Einblicke in das Schicksal einzelner Migranten geben, sondern auch das institutionelle Zusammenspiel zwischen Frankreich und Großbritannien beleuchten. Das betrifft sowohl operative Fragen – etwa den Einsatz der Grenzpolizei, die Rolle privater Sicherheitsdienste oder die Ausstattung von Rettungseinheiten – als auch strukturelle Herausforderungen: fehlende Unterbringungskapazitäten, Überlastung der Asylverfahren, rechtliche Grauzonen bei Abschiebungen.

    Dabei wird es unausweichlich auch um Grundsatzfragen gehen: Steht Frankreichs Migrationspolitik im Einklang mit den Menschenrechten? Ist die bilaterale Kooperation mit dem Vereinigten Königreich tatsächlich effektiv – oder handelt es sich um symbolische Politik zur Beruhigung innenpolitischer Debatten? Und wie wirken sich diese Strategien auf die öffentliche Wahrnehmung und das gesellschaftliche Klima in den betroffenen Regionen aus?

    Erwartungen – und Grenzen

    Für humanitäre Organisationen und Migrationsforscher könnte die Kommission eine seltene Gelegenheit sein, strukturelle Missstände sichtbar zu machen – jenseits tagespolitischer Aufgeregtheit. Für Befürworter restriktiver Grenzpolitik hingegen stellt sie potenziell eine Bühne dar, auf der migrationspolitische Maßnahmen pauschal diskreditiert werden könnten.

    Beobachter werden insbesondere darauf achten, ob es der Kommission gelingt, über parteipolitische Frontlinien hinweg zu agieren. Die Zusammensetzung des Gremiums, die Auswahl der Sachverständigen und die Bereitschaft, auch kritische staatliche Stellen einzubeziehen, werden entscheidend sein für ihre Relevanz.

    Fest steht: Die Migration über den Ärmelkanal ist längst nicht mehr nur eine Herausforderung der Grenzsicherung, sondern ein Prüfstein für das Selbstverständnis europäischer Staaten im Umgang mit Migration, Flucht und internationaler Verantwortung. Die französische Initiative verweist auf ein wachsendes Bedürfnis nach Aufklärung und Transparenz – in einem Feld, das allzu oft im Nebel von Zuständigkeiten, Absprachen und politischem Kalkül versinkt.

    Autor: P. Tiko

  • Papst der Mitte – Leo I. und sein Stil der leisen Autorität

    Papst der Mitte – Leo I. und sein Stil der leisen Autorität

    Als Papst Franziskus im Jahr 2013 zu einem seiner ersten Auslandsbesuche auf die Mittelmeerinsel Lampedusa reiste, war die Symbolik unübersehbar: Die kleine, zwischen Sizilien und Tunesien gelegene Insel ist für viele afrikanische Migranten das Tor nach Europa – ein Ort der Hoffnung wie des Leids. Mit dieser bewussten Geste signalisierte Franziskus frühzeitig, dass seine Amtszeit den Ausgegrenzten, Geflüchteten und Marginalisierten gewidmet sein würde.

    Seit der Wahl von Papst Leo I. im Mai dieses Jahres stellen sich viele Katholiken, aber auch außenpolitische Beobachter die gleiche Frage: Wird der neue Pontifex den Kurs seines charismatischen Vorgängers fortsetzen – oder sich davon absetzen?

    Ein erster Aufschluss darüber ergab sich in der vergangenen Woche, als Leo zu einer Reise in die Türkei und den Libanon aufbrach. Der Besuch wurde mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit verfolgt – nicht nur wegen der geopolitischen Brisanz der Region, sondern auch, weil sich darin Leos Selbstverständnis als Oberhaupt einer globalen Kirche ablesen lässt.

    Geste mit Signalwirkung

    Dass Leo seine erste große Auslandsreise in eine Region unternahm, die mehrheitlich muslimisch geprägt ist und von politischen Spannungen erschüttert wird, ist ein bewusstes Signal. Es verweist auf ein Pontifikat, das sich nicht in innerkirchlichen Debatten erschöpfen will, sondern den Dialog mit der Welt sucht – auch dort, wo dieser schwierig ist. Frieden war denn auch das dominierende Thema auf dieser Reise. Schon bei seiner Wahl hatte Leo das Wort „Frieden“ als erstes öffentlich ausgesprochen – eine semantische Brücke zu Franziskus, aber auch ein programmatischer Anspruch.

    Während sein Vorgänger sich nicht scheute, in klaren Worten Missstände zu benennen – etwa, wenn er die israelischen Angriffe in Gaza als möglichen „Völkermord“ einstufte – wählt Leo einen zurückhaltenderen Ton. In der Sache jedoch bleibt er klar: In Istanbul und Beirut erneuerte er die vatikanische Unterstützung für eine Zwei-Staaten-Lösung im Nahostkonflikt. Und zum Jahrestag der Angriffe vom 7. Oktober ließ sein Staatssekretär verlauten, sowohl der Hamas-Überfall als auch die militärische Reaktion in Gaza seien als „Massaker“ zu bezeichnen – eine Wortwahl, die auf diplomatischer Ebene durchaus Gewicht hat.

    Kontinuität in den Grundwerten

    Inhaltlich bleibt Leo in vielen Fragen seinem Vorgänger verbunden. Wie Franziskus betont auch er die Würde der Schwachen, die Verantwortung für die Umwelt und die moralische Pflicht zur Solidarität mit den Armen. Sein erstes offizielles Lehrschreiben widmete er dem Thema Armut – ein bewusstes Zeichen der Prioritätensetzung. In den USA rief er die katholischen Bischöfe auf, sich deutlich gegen Massendeportationen zu positionieren – ein politisches Statement mit klarer gesellschaftlicher Stoßrichtung.

    Auffällig ist jedoch, dass Leo neue Akzente setzt. Besonders deutlich wird das bei seiner Warnung vor den Risiken künstlicher Intelligenz, die er nicht nur als technologische, sondern auch als ethische Herausforderung begreift. Hier greift er ein Thema auf, das in der päpstlichen Lehre bislang kaum eine Rolle spielte – und positioniert sich als wacher Beobachter des digitalen Zeitalters.

    Der Ton macht den Unterschied

    Trotz vieler inhaltlicher Übereinstimmungen mit Franziskus unterscheidet sich Leo im Stil. Wo Franziskus konfrontierte, mahnt Leo. Wo sein Vorgänger mitunter scharf formulierte, setzt Leo auf leise Autorität. Er verzichtet weitgehend auf moralische Appelle und bevorzugt eine Sprache der Vermittlung. Dabei gelingt es ihm, Position zu beziehen, ohne zu polarisieren – eine Kunst, die im aktuellen Klima der Zuspitzung zunehmend selten geworden ist.

    Seine Amtsführung lässt sich deshalb als bewusst antipolarisierend beschreiben. In einer Welt, die von geopolitischen und gesellschaftlichen Gegensätzen geprägt ist, versteht sich Leo als Stimme der Mäßigung. Er spricht von Einheit, wo andere Differenz betonen. Er mahnt zum Frieden, wo die Sprache der Stärke dominiert. Und er sucht das Gemeinsame, wo viele das Trennende betonen.

    Eine Kirche im Spannungsfeld

    Diese Haltung gilt auch für den innerkirchlichen Raum. Die katholische Kirche steht vor tiefgreifenden Spannungsfeldern – von der Rolle der Frau im Amt über den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen bis zur Frage, ob gleichgeschlechtliche Paare Zugang zu kirchlichen Segnungen erhalten sollen. In all diesen Debatten agiert Leo nicht als Reformpapst im klassischen Sinne, sondern als Moderator eines schwierigen Aushandlungsprozesses. Seine Zurückhaltung ist dabei weniger Ausdruck von Schwäche als von strategischer Klugheit: Er will einen Raum des Gesprächs schaffen, ohne die Fliehkräfte zu verstärken.

    Ein Papst, der zuhört

    Auch in seiner persönlichen Ausstrahlung unterscheidet sich Leo von vielen seiner Vorgänger. Er gilt als humorvoll, verspielt – und menschlich nahbar. Dass er gerne „Wordle“ spielt, mag eine Anekdote sein, doch sie passt ins Bild: Hier ist kein weltfremder Kirchenfürst am Werk, sondern ein Mensch mit Gespür für den Alltag. Wer ihm begegnet, berichtet von einem Mann, der zuhört, der beobachtet, der nicht dominieren will. Ein Papst, der seine Rolle nicht als Zentrum der Welt versteht, sondern als moralischer Kompass in einer aus den Fugen geratenen Zeit.


    Weitere wichtige Nachrichten

    Russland erwartet US-Gesandten
    Steve Witkoff, Sondergesandter von Präsident Trump, wird heute in Moskau zu Gesprächen mit Präsident Wladimir Putin erwartet. Witkoff war maßgeblich an der Ausarbeitung eines umstrittenen Friedensplans beteiligt, der neue diplomatische Bemühungen zur Beendigung des Ukrainekriegs ausgelöst hat. Trotz intensiver Verhandlungen gibt es bislang jedoch kaum Anzeichen für eine Annäherung zwischen den Konfliktparteien. Dennoch erklärte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas gegenüber Journalisten, dies „könnte eine entscheidende Woche für die Diplomatie werden“.

    Katastrophe in Sri Lanka
    Präsident Anura Kumara Dissanayake bezeichnete den Zyklon „Ditwah“, der Sri Lanka vergangene Woche traf, als die „größte und herausforderndste Naturkatastrophe in unserer Geschichte“. Die Zahl der Todesopfer liegt inzwischen bei über 350. Überschwemmungen und Erdrutsche haben mehr als eine Million Menschen betroffen. Der Wiederaufbau stellt eine immense Herausforderung für die Regierung dar, die erst im Vorjahr nach dem Sturz einer langjährigen Herrscherdynastie ins Amt kam.

    Auch andere Länder Südostasiens – darunter Indonesien, Thailand und Vietnam – wurden von einer ungewöhnlich zerstörerischen Monsunzeit heimgesucht. Mindestens 1.200 Menschen kamen dabei ums Leben.

    Weitere Meldungen:

    • Bei dem Großbrand in einem Wohnkomplex in Hongkong, bei dem über 150 Menschen ums Leben kamen, setzten Bauunternehmen laut Behörden unsichere Gerüstnetze ein und versuchten später, dies zu vertuschen.
    • In Honduras liegt bei der Präsidentschaftswahl ein Trump-naher Kandidat laut ersten Ergebnissen Kopf an Kopf mit seinem Herausforderer – ein weiteres Beispiel für die unberechenbare Rolle des US-Präsidenten in internationalen Wahlkämpfen.
    • Ein Berufungsgericht entschied, dass Trumps Anwältin Alina Habba unrechtmäßig als US-Staatsanwältin in New Jersey tätig war.
    • Großbritannien hat sich bereit erklärt, höhere Ausgaben für Arzneimittel in Kauf zu nehmen, um drohende US-Zölle zu vermeiden.
    • Die russische Startrampe für Astronautenflüge zur Internationalen Raumstation ist nach einem Zwischenfall in der vergangenen Woche außer Betrieb.

    Autor: P. Tiko

  • Frankreichs neue Linie gegen „Taxi-Boote“ – Ein riskanter Kurswechsel in der Migrationspolitik

    Frankreichs neue Linie gegen „Taxi-Boote“ – Ein riskanter Kurswechsel in der Migrationspolitik

    Sie kommen bei Nacht, mit kaum mehr als einem GPS-Gerät und der Hoffnung, England zu erreichen. Kleine Schlauchboote, voll besetzt mit Menschen, die über den Ärmelkanal fliehen wollen – einer der gefährlichsten Seewege Europas. In Frankreich tragen sie einen zynischen Spitznamen: „Taxi-Boote“. Jetzt zieht die Regierung die Reißleine – und stellt die Strategie auf See grundlegend um. Die Gendarmerie maritime, bislang vor allem für Seenotrettung und Küstenüberwachung zuständig, erhält ein neues Mandat: Sie darf eingreifen, bevor das Drama beginnt. Nicht erst, wenn die Migranten an Bord sind – sondern schon, wenn die Boote noch leer sind, auf der Lauer, um an der Küste ihre menschliche Fracht aufzunehmen. Das klingt nach Kontrolle. Nach Ordnung. Nach einem entschlossenen Staat. Aber es birgt Risiken – und erzählt viel über das europäische Dilemma in der Migrationsfrage.

    Der Vorstoß kommt nicht aus dem Nichts. Seit Jahren kämpfen die französischen Behörden gegen ein System, das sich zuneh…

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  • Herkunft als Ausschlusskriterium

    Herkunft als Ausschlusskriterium

    Trumps Vorstoß gegen Migration aus „armen Ländern“ markiert eine neue Stufe restriktiver US-Einwanderungspolitik

    Am 28. November 2025 kündigte Donald J. Trump in einer medial breit beachteten Erklärung an, er wolle die Einwanderung aus sogenannten „armen Ländern“ dauerhaft aussetzen. Es sei an der Zeit, „Amerikas Grenzen gegen das Chaos der Dritten Welt zu sichern“. Einwanderung solle nur noch dann erfolgen, wenn der Zuwanderer ein „nachweislicher Netto-Nutzen“ für die USA sei. Die Debatte um diesen radikalen Vorschlag berührt zentrale Fragen von Verfassung, Menschenrechten und internationaler Ordnung – und könnte zum Lackmustest für die künftige Ausrichtung westlicher Migrationspolitik werden.

    Die Formulierung „poor nations“ bleibt in Trumps Ankündigung bewusst vage. Eine offizielle Liste liegt bislang nicht vor. Der Begriff knüpft jedoch an bekannte Narrative von „Shithole countries“ und geopolitisch diskriminierenden Kategorien an, die bereits während Trumps erster Amtszeit Kontroversen auslösten. Damals wie heute wird nicht nur mit Ressentiments operiert, sondern auch mit weitreichenden strukturellen Eingriffen in das Einwanderungssystem.

    Von der Quotenpolitik zur Herkunftssperre

    Historisch betrachtet wäre ein pauschales Einreiseverbot nach wirtschaftlicher Herkunft ein Bruch mit den Grundprinzipien des modernen US-Einwanderungsrechts. Der Immigration and Naturalization Act von 1965 hatte das zuvor geltende Quotensystem auf Basis nationaler Herkunft abgeschafft. Stattdessen rückten seither Kriterien wie Familienzusammenführung, Arbeitskräftebedarf und humanitärer Schutz in den Vordergrund. Die Reform von 1965 war eine direkte Antwort auf Jahrzehnte eines rassistisch geprägten Migrationsregimes, das etwa Einwanderung aus Asien, Afrika oder Lateinamerika gezielt einschränkte.

    Zwar gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Bestrebungen, das System stärker zu ökonomischen Kriterien hin auszurichten – etwa mit dem von Trump 2017 vorgestellten RAISE Act, der ein Punktesystem nach kanadischem Vorbild vorsah. Doch selbst diese Vorschläge vermieden eine Kategorisierung nach Herkunftsland. Das nun avisierte Verbot würde einen fundamentalen Paradigmenwechsel darstellen: von einem selektiv leistungsbezogenen Ansatz hin zu einem generalisierenden Territorialausschluss.

    Rechtsstaat unter Druck

    Juristisch ist ein pauschales Einreiseverbot auf Basis ökonomischer Entwicklungslage höchst problematisch. Die US-Verfassung kennt keine explizite Gleichstellungsklausel für Nicht-Staatsbürger – dennoch ist die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsgruppen nach Herkunft schwer mit dem Grundsatz individueller Prüfung vereinbar, wie ihn auch internationale Abkommen wie die Genfer Flüchtlingskonvention fordern. Das Individualprinzip ist zentraler Pfeiler westlicher Rechtsstaatlichkeit: Jeder Antrag auf Asyl, auf Aufnahme, auf Aufenthalt muss anhand persönlicher Umstände geprüft werden.

    Trumps Vorstoß umgeht diese Logik. Er setzt voraus, dass Herkunft allein Rückschluss auf Integrationsfähigkeit, ökonomische Leistungsfähigkeit oder gesellschaftliche Kompatibilität zulässt – ein Argumentationsmuster, das nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch empirisch widerlegt ist.

    Die Realität internationaler Migration

    Zahlreiche Studien widerlegen die Annahme, Migration aus „armen Ländern“ sei per se problematisch. Eine Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung (2024) zeigt: Die ökonomische Herkunft eines Migranten sagt wenig über dessen Integrationsaussichten oder Beitrag zum Arbeitsmarkt aus. Vielmehr spielen Bildung, Alter, Sprachkenntnisse und Aufnahmestrukturen entscheidende Rollen. Auch die Kriminalitätsraten unter Migranten zeigen laut Untersuchungen des Migration Policy Institute kein signifikant höheres Niveau in Abhängigkeit vom Herkunftsland.

    Hinzu kommt der demografische Aspekt: Die USA – wie viele westliche Staaten – sehen sich mit alternden Bevölkerungen und Fachkräftemangel konfrontiert. Gerade Menschen aus Ländern mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen sind oftmals bereit, Tätigkeiten in unbeliebten Bereichen zu übernehmen. Ein rigoroser Ausschluss würde nicht nur humanitäre, sondern auch wirtschaftliche Kosten nach sich ziehen.

    Globale Verantwortung oder Abschottung?

    Auch außenpolitisch setzt der Vorschlag ein heikles Signal. Die Vereinigten Staaten haben in den vergangenen Jahrzehnten stets eine Doppelrolle eingenommen: als Fluchtursache – etwa durch militärische Interventionen – ebenso wie als Zufluchtsort. Der pauschale Ausschluss von Menschen aus strukturell benachteiligten Regionen entzieht dieser doppelten Verantwortung die Grundlage. Er delegitimiert internationale Normen wie das Recht auf Asyl und schwächt multilaterale Ansätze zur Lösung globaler Krisen.

    Für viele Länder des globalen Südens ist Migration ein soziales Sicherheitsventil. Geldsendungen von Migranten machen in Staaten wie Nepal, Haiti oder El Salvador bis zu 20 % des BIP aus. Wird dieses Ventil geschlossen, steigt der Druck auf ohnehin fragile Gesellschaften. Migrationsvermeidung durch Abschottung erzeugt nicht Stabilität, sondern Destabilisierung – mit Folgekosten, die auch den Westen treffen.

    Ein Wahlkampfmanöver mit System

    Politisch reiht sich Trumps Ankündigung ein in eine Strategie gezielter Provokation. Bereits 2017 hatte die Regierung mit dem „Muslim Ban“ versucht, Einreisen aus überwiegend muslimischen Ländern zu unterbinden – ein Vorhaben, das erst nach mehreren Anläufen vom Supreme Court in abgeschwächter Form durchgewunken wurde. Auch das jetzige Vorhaben dürfte auf juristischen Widerstand stoßen, könnte aber im Wahlkampf der Zwischenwahlen mobilisierend wirken.

    Die Forderung nach „Netto-Nutzen“ und „Null-Kosten-Migration“ spricht ein Publikum an, das Globalisierung, Migration und kulturellen Wandel zunehmend kritisch sieht. Dabei ersetzt der Vorschlag keine Reform des US-Einwanderungssystems – sondern bietet ein einfaches Feindbild: den Anderen, den Fremden, den Armen.

    Was auf den ersten Blick wie ein instrumenteller Tabubruch erscheinen mag, ist in Wirklichkeit ein ideologisches Projekt: Migration wird nicht als Bestandteil globaler Realität, sondern als Bedrohung nationaler Homogenität verstanden. Der Preis dafür ist hoch – für Rechtsstaatlichkeit, für internationale Ordnung und für den inneren Zusammenhalt pluraler Demokratien.

    Autor: P. Tiko

  • Klage im Namen der Würde: Sechs Organisationen fordern menschenwürdige Behandlung für Geflüchtete

    Klage im Namen der Würde: Sechs Organisationen fordern menschenwürdige Behandlung für Geflüchtete

    Es sind Bilder, die weh tun. Zeltplanen, notdürftig gespannt zwischen Bäumen, provisorische Feuerstellen, Kinder in Flipflops auf matschigem Boden. Das Leben in den illegalen Lagern entlang des französischen Ärmelkanals ist ein täglicher Kampf ums Überleben. Und jetzt – ein juristischer Paukenschlag.

    Sechs Hilfsorganisationen haben am 18. November 2025 beim Verwaltungsgericht Lille eine sogenannte „Requête en référé liberté“ eingereicht: ein eiliger Rechtsbehelf, der dann zum Einsatz kommt, wenn Grundfreiheiten auf dem Spiel stehen. Ihr Vorwurf: Der französische Staat lasse Menschen in der Region Dunkerque systematisch unter menschenunwürdigen Bedingungen leben – ein klarer Verstoß gegen fundamentale Rechte.

    Wer erhebt hier die Stimme?

    Die Klägerinnen sind keine Unbekannten: Refugee Women’s Centre, Médecins du Monde, Utopia 56, Roots, Salam und Human Rights Observers – allesamt Akteure, die seit Jahren im Nordosten Frankreichs arbeiten, wo Migrantinnen und Migranten oft auf eine Weiterreise nach Großbritannien hoffen. Doch statt Hilfe oder Schutz finden viele dort nur Mangelverwaltung und Ignoranz.

    Die Organisationen werfen dem Staat vor, seine rechtlichen Verpflichtungen mit Blick auf Unterbringung, Hygiene, medizinische Versorgung und Informationszugang schlicht zu ignorieren. Ihre Kernbotschaft: Menschenrechte sind kein Bonus – sie sind ein Fundament.

    Was man vor Ort sehen kann, ist gravierend

    Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Über 2.000 geflüchtete Menschen leben derzeit in notdürftigen Lagern rund um Dunkerque – in Grande‑Synthe, Loon‑Plage oder Mardyck. Zum Vergleich: Noch vor wenigen Monaten lag die Zahl bei etwa 750. Die Situation eskaliert, sagen die Helfer.

    Es fehlt an allem: an sauberem Wasser, an Toiletten, an Strom, an geschützten Schlafplätzen. Der Zugang zu ärztlicher Hilfe? Stark eingeschränkt. Nahrung? Nicht regelmäßig gesichert. Eine Dusche pro Tag? Laut Médecins du Monde können maximal 21 Frauen und Kinder täglich duschen. Alle anderen gehen leer aus – aus Platz- und Ressourcengründen.

    Die Initiatoren der Klage sprechen von einer schweren und illegalen Verletzung der Grundfreiheiten. Und sie fordern: Sofortige Maßnahmen. Jetzt.

    Was steht im Antrag?

    In der juristischen Sprache klingt das nüchtern, aber es hat Gewicht: Der Staat soll zur Kenntnis nehmen, dass eine „gravierende Verletzung fundamentaler Rechte“ in den Lagern vorliegt. Und er soll verpflichtet werden, rasch zu handeln: durch konkrete Maßnahmen, um menschenwürdige Lebensbedingungen zu schaffen.

    Das Verfahren, das sogenannte référé liberté, ist in Frankreich ein besonders schnelles juristisches Mittel – gedacht für Situationen, in denen Eile geboten ist. Der Staat muss innerhalb kürzester Zeit reagieren. Tut er es nicht, kann das Gericht ihn verpflichten.

    Warum jetzt?

    Die Situation spitzt sich nicht nur zahlenmäßig zu, sondern auch politisch und gesellschaftlich. Die Helfer vor Ort schlagen seit Monaten Alarm: Die Zahl der Geflüchteten steigt, doch das staatliche Angebot bleibt auf dem Stand von gestern.

    „Passivität“, nennen es die NGOs – und meinen damit eine Politik, die wegsieht, statt zu handeln. Sie fordern ein Umdenken: Der französische Staat habe nicht nur moralische, sondern auch verfassungsrechtliche und internationale Verpflichtungen. Und denen werde er im Dunkerquois derzeit nicht gerecht.

    Was bedeutet das juristisch und gesellschaftlich?

    Die Klage ist mehr als ein Hilferuf – sie ist ein Testfall.

    Denn sie zwingt die Justiz dazu, eine Frage zu beantworten, die allzu oft umgangen wird: Dürfen Menschen auf französischem Boden – egal welcher Herkunft – so leben? Ohne Dach über dem Kopf, ohne Toilette, ohne Hoffnung?

    Und was passiert, wenn das Gericht den Klägern Recht gibt? Dann könnte ein Präzedenzfall entstehen – auch für andere Regionen. Ein Signal an alle, die in Frankreich humanitäre Arbeit leisten. Und ein Druckmittel gegen eine Verwaltung, die sich zu oft hinter unklaren Zuständigkeiten versteckt.

    Was passiert als Nächstes?

    Das Gericht in Lille muss nun prüfen: Liegt tatsächlich eine „offensichtliche, rechtswidrige Unterlassung“ durch den Staat vor? Und falls ja: Welche Maßnahmen müssen getroffen werden – und in welchem Zeitrahmen?

    Es geht nicht um Schuldzuweisungen. Sondern um Handlungspflichten.

    Dabei steht viel auf dem Spiel: für die Menschen in den Lagern, für die Glaubwürdigkeit des Rechtsstaats – und für das Bild, das Frankreich von sich selbst hat.

    Ein Wendepunkt? Möglich.

    Die Klage im Dunkerquois zeigt, dass humanitäres Engagement und juristischer Druck kein Widerspruch sind – sondern sich ergänzen. Helfer, die sonst nur Pflaster kleben und Nahrung verteilen, reichen nun Akten ein. Und zwingen damit einen Staat zur Bewegung.

    Was daraus wird? Das hängt auch davon ab, wie intensiv wir alle hinschauen.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Schüsse auf ein Kind: Grenoble unter Schock

    Schüsse auf ein Kind: Grenoble unter Schock

    In der Nacht vom 15. auf den 16. November, gegen drei Uhr morgens, hallten in einer kleinen Straße des Viertels Chorier-Berriat in Grenoble plötzlich Schüsse durch die Dunkelheit. Minuten später findet die Polizei einen schwer verletzten Jungen – gerade einmal 12 Jahre alt. Kugeln trafen ihn in Rücken und Beine. Lebensgefahr. Reanimation vor Ort. Nottransport ins Krankenhaus. Die Bilder der Nacht lassen nicht los. Ein Kind, leblos auf dem Asphalt. Ein Viertel, das zur Kulisse eines Dramas wird, das sich leise angekündigt hat – über Jahre, im Schatten des Drogengeschäfts. Die blutige Bilanz einer einzigen Nacht Neun Patronenhülsen wurden am Tatort sichergestellt. 9 Millimeter – eine typische Waffe in der Szene. Die Täter sind geflohen, keine Spur. Die Polizei tappt im Dunkeln, erste Hypothesen deuten auf einen Hinterhalt, vielleicht eine Verwechslung, vielleicht ein Einschüchterungsversuch. Doch warum ein Kind? Ermittler sprechen von einem unbegleiteten Minderjährigen nordafrikanischer …

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  • Tod in der Dunkelheit – Wenn Hoffnung in den Fluten endet

    Tod in der Dunkelheit – Wenn Hoffnung in den Fluten endet

    Ein dunkler Sommermorgen, 67 Menschen auf einem Schlauchboot, ein Motor, der versagt – und das Meer, das kein Erbarmen kennt. Der Fall, der derzeit vor einem Pariser Strafgericht verhandelt wird, ist einer von vielen im Drama um die Migration über den Ärmelkanal. Doch dieses Verfahren hat Symbolkraft. Sieben Menschen haben in jener Nacht vom 11. auf den 12. August 2023 ihr Leben verloren. 60 überlebten – knapp. Sie wollten nach England, sie fanden den Tod. Nun stehen neun Männer vor Gericht: Acht von ihnen – zwischen 23 und 45 Jahre alt, aus Afghanistan und dem Irak – gelten als Drahtzieher der tödlichen Überfahrt. Der neunte? Ein Soudanese aus Darfur, angeblich der Bootsführer. Doch für ihn forderte die Staatsanwaltschaft Freispruch: Als Opfer, nicht als Täter. Was sich auf dem Wasser abspielte, ist schwer zu rekonstruieren. Sicher ist: Die überladene Gummibarkasse kenterte nach einem Motorschaden in der Mitte des Kanals. Die Staatsanwaltschaft sieht die Verantwortung klar bei den Org…

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  • Doppelanschläge in einer angespannten Region

    Doppelanschläge in einer angespannten Region

    Die Bombenanschläge in den Hauptstädten Indiens und Pakistans in dieser Woche ereigneten sich im Abstand von nur einem Tag. Beide richteten nahezu identische Schäden an und hatten vergleichbare Auswirkungen – bei jedem der Anschläge wurden rund ein Dutzend Menschen getötet.

    Es gibt bislang keinen direkten Zusammenhang zwischen den beiden Attentaten. Wer für den Anschlag in Indien verantwortlich ist, ist noch unklar. Eine Splittergruppe der pakistanischen Taliban bekannte sich zu dem Bombenanschlag in Islamabad.

    Doch die Spannungen zwischen Indien und Pakistan sind derzeit so hoch, dass die Explosionen ausreichen, um die Sorge zu wecken, die beiden benachbarten Atommächte könnten erneut in eine Eskalationsspirale geraten – wie zuletzt im Mai. Das zeigt, wie nervös die Lage in der Region ist – und möglicherweise auch, wie wenig es braucht, um erneut in Gewalt abzugleiten.

    Ein zurückhaltenderes Indien

    Indien wirft Pakistan seit Langem vor, militanten Gruppen Unterschlupf und Unterstützung zu gewähren, die Anschläge auf indischem Boden verüben. In jüngerer Zeit hat Pakistan ähnliche Vorwürfe gegenüber Indien erhoben und behauptet, die indische Regierung unterstütze Kräfte, die den pakistanischen Staat bekämpfen.

    Seit der Rückkehr der Taliban an die Macht in Afghanistan sind die regionalen Dynamiken noch unberechenbarer und komplizierter geworden. Die pakistanische Regierung hatte die Taliban während ihres zwanzigjährigen Aufstands gegen die vom Westen unterstützte Republik in Kabul unterstützt. Nun aber beschuldigt Pakistan die Taliban, mit Indien zusammenzuarbeiten, um militante Gruppen zu unterstützen, die Anschläge in Pakistan verüben.

    Indische Regierungsvertreter haben sich nach dem tödlichen Bombenanschlag am Montag in Neu-Delhi – bei dem mindestens neun Menschen starben und 20 weitere in der Nähe einer U-Bahn-Station in einem belebten Teil der Altstadt verletzt wurden – auffallend zurückhaltend geäußert.

    Das steht im Kontrast zur indischen Reaktion im Frühjahr, nachdem bei einem Massaker an einem beliebten Picknickplatz für Touristen in Kaschmir – einem zwischen Indien und Pakistan umstrittenen Gebiet – Menschen ums Leben kamen. Bewaffnete Männer hatten gezielt hinduistische Touristen anhand ihrer Religionszugehörigkeit identifiziert und sie dann vor ihren Familien ermordet. Premierminister Narendra Modi machte daraufhin Pakistan für die Unterstützung der Angreifer verantwortlich und ließ militärische Schläge gegen das Nachbarland ausführen. Modi erklärte damals, jeder zukünftige Terroranschlag werde als Kriegshandlung betrachtet.

    Der Anschlag in Delhi wird nun als Terrorakt untersucht. Doch herauszufinden, wer genau dahintersteckt, dürfte schwierig werden. Indien steht auch auf dem Radar anderer Terrororganisationen, darunter der sogenannte Islamische Staat.

    Pakistan unter Druck

    Der Anschlag hat das Sicherheitsgefühl in Neu-Delhi erschüttert und den Druck auf die indischen Behörden erhöht.

    Gleichzeitig gilt das auch für Pakistan: Dort wurden am Dienstagmittag bei einem Selbstmordanschlag mindestens zwölf Menschen getötet und 27 weitere verletzt. Die Explosion ereignete sich in der Nähe des Eingangs zu einem schwer gesicherten Gerichtsgebäude in Islamabad. Die pakistanische Regierung sieht sich ohnehin schon einer wachsenden Zahl militanter Angriffe in den westlichen Grenzregionen zu Afghanistan ausgesetzt.

    In der pakistanischen Fernsehberichterstattung und in offiziellen Verlautbarungen wird die Taliban-Regierung in Afghanistan inzwischen häufig als „von Indien unterstützt“ bezeichnet. Im vergangenen Monat bombardierte Pakistan zwei afghanische Städte – darunter auch Kabul – just während eines offiziellen Besuchs des afghanischen Außenministers in Indien.

    Nur wenige Stunden nach dem Anschlag in Islamabad am Dienstag beschuldigte Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif Indien, an der zunehmenden Gewalt beteiligt zu sein. Sharif sagte, der Angriff sowie ein Überfall auf eine Militärakademie im Westen des Landes am Montag seien „auf indische Anstiftung“ zurückzuführen.

    Das indische Außenministerium wies diese Vorwürfe als „haltlos und unbegründet“ zurück.

    Pakistans politische und militärische Führung hat seit dem viertägigen Gefecht im Mai ihre aggressive Rhetorik gegenüber Indien deutlich verschärft. Damals führte das Gefecht zu einem Popularitätsschub für den pakistanischen Armeechef Asim Munir, der gestern erweiterte verfassungsmäßige Vollmachten sowie lebenslange rechtliche Immunität zugesprochen bekam.

    Auch wenn die diplomatischen und kommunikativen Kanäle zwischen beiden Ländern derzeit auf einem historischen Tiefpunkt sind, mahnen einige weiterhin zur Besonnenheit. Maleeha Lodhi, ehemalige pakistanische Botschafterin bei den USA und den Vereinten Nationen, erklärte, die Spannungen seien zwar hoch, sie glaube jedoch nicht, dass die Länder kurz vor einem größeren Konflikt stünden.

    Doch der Konflikt im Frühjahr hat gezeigt, wie rasch die Situation eskalieren kann: Indien und Pakistan standen damals am Rand eines Kriegs, bevor US-Präsident Donald Trump beide Seiten zu einem Waffenstillstand drängte. Als die Feuerpause schließlich vereinbart wurde, erklärte Modi, die Operationen gegen Pakistan seien lediglich unterbrochen – nicht beendet – worden.


    WEITERE TOP-NACHRICHTEN

    Epstein-Affäre: Neue Enthüllungen belasten Trump

    Demokratische Abgeordnete im US-Kongress haben am Mittwoch E-Mails veröffentlicht, in denen der verurteilte Sexualstraftäter Jeffrey Epstein schrieb, dass Präsident Trump „Stunden in meinem Haus“ mit einem der Opfer seines Sexrings verbracht habe. In einer Nachricht behauptete Epstein, Trump habe von den Mädchen gewusst.

    Wenige Stunden später veröffentlichten republikanische Abgeordnete ihrerseits ein Konvolut von 23.000 Seiten Dokumenten aus Epsteins Nachlass. Die Republikaner bemühen sich seit Längerem, Trump – der einst mit Epstein befreundet war, bis es zum Bruch kam – zu schützen. Gleichzeitig wächst der Druck der Wählerbasis auf eine vollständige Offenlegung von Epsteins Kontakten zu mächtigen Männern. Der Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, kündigte an, in der kommenden Woche über eine Maßnahme zur Freigabe weiterer Epstein-Dokumente abstimmen zu lassen.

    Trump bestreitet jegliche Beteiligung an oder Kenntnis von Epsteins kriminellem Netzwerk entschieden. Die Pressesprecherin des Weißen Hauses warf den Demokraten am Mittwoch vor, sie wollten mit einer „konstruierten Erzählung Präsident Trump verleumden“.


    WEITERE MELDUNGEN:

    Präsident Trump unterzeichnete ein Übergangs-Haushaltsgesetz zur Wiedereröffnung der US-Regierung, nachdem es knapp das Repräsentantenhaus passiert hatte. Das ist das Ende des längsten Shutdowns in der Geschichte der USA.
    Israel erklärte, einen Grenzübergang in den Norden des Gazastreifens wieder geöffnet zu haben – eine langjährige Forderung von Hilfsorganisationen, die dringend benötigte Hilfe in das Gebiet bringen wollen.
    Japans Premierministerin Sanae Takaichi steht in der Kritik, weil sie eine Kabinettssitzung auf 3 Uhr morgens angesetzt hatte – in einem Land, das von einer Epidemie des „Tod durch Überarbeitung“ (karōshi) geprägt ist.
    – Der israelische Präsident Itzschak (Isaac) Herzog sagte, Trump habe ihm einen Brief geschickt, in dem er um die Begnadigung von Premierminister Benjamin Netanjahu bat, der wegen Korruption vor Gericht steht.
    – In einem Video ist zu sehen, wie eine neu gebaute Brücke in Sichuan, China, einstürzt – eine gewaltige Staubwolke steigt in den Himmel.
    42 Menschen, viele von ihnen auf der Flucht vor dem Krieg im Sudan, wurden tot aufgefunden, nachdem ihr Boot im vergangenen Monat vor der Küste Libyens kenterte.
    – Der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune begnadigte Boualem Sansal, einen algerisch-französischen Schriftsteller, der zu fünf Jahren Haft verurteilt worden war – wegen des Vorwurfs, die nationale Sicherheit untergraben zu haben.

    Autor: P. Tiko

  • Frankreichs unsichtbare Arbeiter: Wie eine kaputte Bürokratie ausländische Arbeitskräfte ausbeutet

    Frankreichs unsichtbare Arbeiter: Wie eine kaputte Bürokratie ausländische Arbeitskräfte ausbeutet

    Sie bauen Häuser, pflegen Alte, kochen Mahlzeiten – und verschwinden dann hinter Aktenbergen, Formularen und digitalen Hürden: Ausländische Arbeitskräfte in Frankreich leisten unverzichtbare Arbeit. Doch viele von ihnen leben in ständiger Unsicherheit, nicht wegen mangelnder Arbeit oder fehlender Motivation – sondern wegen eines Verwaltungssystems, das versagt. Ein aktueller Bericht von Amnesty International rückt dieses stille Drama ins Licht. Und er ist eine Anklage. Titel ohne Schutz: Wenn ein Aufenthaltsdokument zum Stolperstein wird Man sollte meinen, ein legaler Aufenthaltsstatus wäre der erste Schritt in ein sicheres Leben. Doch in Frankreich ist er oft der Anfang eines bürokratischen Albtraums. Aufenthaltsgenehmigungen werden nur für wenige Monate ausgestellt, ihre Verlängerung ist ein Geduldsspiel – geprägt von verlorenen Dokumenten, absurden Fristen und fehlender Transparenz. Wer Pech hat, bekommt gar keine Antwort auf seine Anträge. Eine Betroffene bringt es auf den Punkt: „…

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