Schlagwort: Klimapolitik

  • „Strategische Energiewende: Warum China Europas ökologisches Führungsmomentum abhängt“

    „Strategische Energiewende: Warum China Europas ökologisches Führungsmomentum abhängt“

    Während Europa seine Klimapolitik zunehmend verwässert, verfolgt China eine andere Logik: Für Peking ist die ökologische Transition kein Kostenfaktor, sondern ein strategisches Instrument zur ökonomischen und geopolitischen Stärkung.

    Europa auf Rückzug

    Zentrale Bausteine des europäischen Green Deal werden derzeit abgeschwächt oder verzögert. Gesetzesinitiativen gegen Entwaldung, strengere Emissionsgrenzen für Autohersteller und neue Biodiversitätsvorgaben stoßen auf politischen Widerstand. Auch die geplante Anti-Greenwashing-Richtlinie, die klare Nachhaltigkeitsstandards für Produkte vorsah, wurde gestoppt.

    Offiziell sollen diese Schritte administrative Lasten von Unternehmen nehmen und Bürokratie abbauen. Doch Umweltverbände und Teile der Wirtschaft warnen vor einem Verlust ökologischer Glaubwürdigkeit und Innovationskraft. Die EU riskiere, sich strategisch zu schwächen, wenn sie beim ökologischen Umbau zurückfalle.

    Chinas entschlossene Strategie

    China verfolgt einen gänzlich anderen Ansatz. Das Land investiert in einem Umfang in grüne Technologien, der globale Maßstäbe setzt. Allein im vergangenen Jahr floss der Großteil der weltweiten Investitionen in Windkraft, Solartechnologie und Batteriespeicher nach China. Das Land dominiert heute die gesamte Lieferkette von Solarpanels über Lithium-Ionen-Batterien bis zu Windturbinen.

    Dabei versteht China die Energiewende als industrielles Entwicklungsprogramm. Erneuerbare Energien tragen bereits maßgeblich zum Wirtschaftswachstum bei und schaffen hunderttausende Arbeitsplätze in Zukunftssektoren. Die technologische Führungsrolle sichert Exportmärkte und verringert geopolitische Abhängigkeiten.

    Vom Kosten- zum Machtparadigma

    Während Europa die ökologische Transition vor allem als regulatorische und fiskalische Herausforderung diskutiert, behandelt China sie als Instrument geopolitischer Gestaltung. Die energetische Transformation wird in die nationale Entwicklungsstrategie integriert. Die Logik dahinter ist eindeutig: Wer bei grünen Technologien weltweit führend ist, diktiert langfristig Standards und Märkte.

    Diese Herangehensweise speist sich aus dem Verständnis, dass Umweltpolitik kein sektorales Projekt ist, sondern industrielle, außenwirtschaftliche und sicherheitspolitische Dimensionen hat. Die Debatte um Net-Zero-Ziele tritt dabei in den Hintergrund gegenüber Fragen nach technologischer Souveränität und globaler Wettbewerbsfähigkeit.

    Europa am Scheideweg

    Für Europa ergibt sich daraus eine strategische Frage: Bleibt es bei einer Klimapolitik, die vor allem Verzicht und Belastung in den Vordergrund stellt, oder entwickelt es eine Vision, die ökologische Transformation als Wachstums- und Industriestrategie versteht? Die aktuellen Rückschritte könnten nicht nur klimapolitische Ambitionen gefährden, sondern auch die wirtschaftliche Eigenständigkeit.

    Chinas Beispiel zeigt, dass ökologische Modernisierung kein Widerspruch zu ökonomischer Stärke sein muss – im Gegenteil. Entscheidend ist, ob politische Entscheidungsträger die Energiewende als isolierte Umweltpolitik betrachten oder als zentrales Element geopolitischer und industrieller Resilienz. Im globalen Wettbewerb um Technologien, Märkte und Einfluss wird dieser Unterschied die Kräfteverhältnisse der kommenden Dekaden prägen.

    Autor: P. Tiko

  • Endgültiger Stopp für Ölbohrungen im Becken von Arcachon

    Endgültiger Stopp für Ölbohrungen im Becken von Arcachon

    Hohe Kiefern, salzige Atlantikluft, dahinter röten sich die Dünen im Abendlicht – und unter der Erde schlummert seit sechs Jahrzehnten ein schmaler Ölstrom. Genau diesem Strom drehten Bund und Land jetzt den Hahn zu. Der kanadische Konzern Vermilion Energy plante acht zusätzliche Bohrlöcher in La Teste-de-Buch, nur einen Steinwurf vom feinen Sandstrand entfernt. Rund 50 aktive Quellen liefern dort täglich knapp 1.500 Barrel Rohöl. Klingt nach wenig im globalen Maßstab, trotzdem stritt die Region monatelang. Öl riecht nach Geld, nach Jobs, aber auch nach CO₂. Präfekt Étienne Guyot zog am 14. Juni die Reißleine. Sein Erlass: keine neuen Bohrer, Schluss mit dem Ausbau. Der Amtsträger verwies auf das Pariser Klimaabkommen, die nationale Net-Zero-Strategie und das Gesetz von 2017, das fossile Förderrechte bis spätestens 2040 auslaufen lässt. Kurz gesagt: Bohrinseln passen nicht mehr zum offiziellen Kurs. Was passierte im Vorfeld? Im Februar positionierte sich Umweltministerin Agnès Pannier-…

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  • Tiefsee oder Tiefschlag? Der Kampf um seltene Metalle in den Ozeanen spitzt sich zu

    Tiefsee oder Tiefschlag? Der Kampf um seltene Metalle in den Ozeanen spitzt sich zu

    Ein dunkler Ozeanboden, viele Kilometer unter der Wasseroberfläche. Keine Sonne, kaum bekannte Lebensformen – aber ein Schatz, der Staaten und Konzerne elektrisiert: Mangan, Kobalt, Nickel, seltene Erden. Ausgerechnet hier will Donald Trump den nächsten Rohstoffboom starten. Doch weltweit wächst der Widerstand.

    „Wir wären komplett verrückt, wenn wir anfangen würden, irgendwo zu bohren, das wir überhaupt nicht kennen“, wetterte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf der UN-Ozeankonferenz in Nizza. Er spielt damit auf die Entscheidung von Donald Trump an, die großflächige Ausbeutung von Tiefseemineralien per Dekret zu erlauben – ein Alleingang, der weltweit Kritik provoziert.

    Trump – der große Abwesende in Nizza – hat sich erneut den Cowboyhut aufgesetzt. Mit seiner Entscheidung, das US-Unternehmen The Metal Company bei der Ausbeutung der Clarion-Clipperton-Bruchzone im Pazifik zu unterstützen, entfacht er eine hitzige Debatte: Gehört der Meeresboden irgendwelchen Staaten? Oder der gesamten Menschheit?

    „Die Tiefsee darf kein Wilder Westen werden“, warnte UN-Generalsekretär António Guterres. Auch Surangel Whipps Jr., Präsident der pazifischen Inselnation Palau, legte nach: „Kein einzelnes Land darf entscheiden, was mit einem Gut passiert, das allen gehört.“

    Derweil arbeiten Aktivisten, Wissenschaftler und einige Staaten an einem Moratorium – einer Art weltweiten Pausenknopf. Die Idee kam 2022 in Lissabon auf: Kleinere Inselstaaten schlugen vor, die Ausbeutung der Tiefsee vorerst zu verbieten, bis man besser wisse, womit man es dort eigentlich zu tun hat.

    Denn: Nur etwa 2 Prozent des Meeresbodens sind wissenschaftlich erfasst. Der Rest ist eine riesige, dunkle Unbekannte.

    Mittlerweile unterstützen 37 Staaten das Moratorium – Tendenz steigend. Auch in Nizza kamen vier neue Unterstützer hinzu. Donald Trumps Pro-Bergbau-Dekret hat dabei eher zur Mobilisierung beigetragen. „Er hat viele wachgerüttelt“, sagt Emma Wilson von der Deep Sea Conservation Coalition, einem Bündnis von 150 Umweltorganisationen.

    Und wie ist die rechtliche Lage?

    So einfach ist es gar nicht, in der Tiefsee einfach draufloszubohren. Außerhalb der nationalen Gewässer entscheidet nämlich die Internationale Meeresbodenbehörde (ISA), eine UN-Organisation mit 169 Mitgliedstaaten. Genau dort tobt ein stiller Kampf: Einige Staaten wollen einen verbindlichen Tiefsee-Bergbau-Kodex erarbeiten, andere drängen auf Tempo und Profit.

    Im Juli geht es weiter – dann trifft sich die ISA in Kingston, Jamaika. Die Gegner der Tiefsee-Ausbeutung wollen dort eine Art politische Abkürzung nehmen. Ihr Ziel: aus der politischen Haltung für ein Moratorium ein echtes, rechtlich bindendes Instrument machen.

    Klingt kompliziert? Ist es auch. Aber notwendig.

    Doch selbst wenn Trump drängelt – wirtschaftlich lohnend ist der Tiefseebergbau derzeit kaum. Die Technik ist teuer, die Bedingungen widrig, die Ausbeute unsicher. „Wer investiert in ein Abenteuer mit hohem Risiko und fragwürdigem Nutzen, wenn man viele dieser Rohstoffe noch an Land abbauen kann?“, fragt Meeresrechtsexperte Pradeep Singh.

    Immer mehr große Banken wie BNP Paribas oder Crédit Agricole haben bereits klargestellt: Kein Cent für Tiefseebergbau. Auch Tech-Riesen wie Apple und Google sowie Autohersteller wie Renault, Volvo und BMW schließen den Einsatz solcher Rohstoffe aus.

    Ein mächtiges Zeichen. Denn: Wenn keiner die Produkte kauft – wer soll dann bohren?

    Es bleibt ein Rennen gegen die Zeit. Zwischen moralischem Kompass und wirtschaftlichem Kalkül. Zwischen globalem Gemeinwohl und nationalem Egoismus.

    Noch ist nichts entschieden.

    Doch die Welt hört genau hin, wenn kleine Inselstaaten den Mächtigen die Stirn bieten und sagen: „Nicht mit uns!“

    Und man fragt sich: Wer setzt sich am Ende durch – die Stimme der Vernunft oder der Lärm des Bohrmeißels?

    Von Andreas M. Brucker

  • Zwischen Bekenntnissen und Realitäten: Die UN-Ozeankonferenz 2025 in Nizza als Gradmesser für den globalen Meeresschutz

    Zwischen Bekenntnissen und Realitäten: Die UN-Ozeankonferenz 2025 in Nizza als Gradmesser für den globalen Meeresschutz

    Am 9. Juni 2025 hat Präsident Emmanuel Macron in Nizza die dritte UN-Ozeankonferenz (UNOC3) eröffnet. Es kommen rund 60 Staats- und Regierungschefs zusammen, um den Ozean wieder stärker in den Mittelpunkt der internationalen Klimapolitik zu rücken. Die Herausforderung: Zwischen ambitionierten Erklärungen und konkreten Maßnahmen liegt ein tiefer Graben. Die Ozeane am Kipppunkt: Eine Einordnung Die Wissenschaft ist eindeutig: Unsere Meere übernehmen zentrale Funktionen für das globale Klimasystem. Sie absorbieren etwa 90 % der durch Treibhausgase verursachten Überschusswärme und rund 25 – 30 % des CO2-Ausstoßes. Gleichzeitig sind sie Lebensraum für Millionen Arten, Nahrungsquelle für Milliarden Menschen und wirtschaftliche Grundlage ganzer Nationen. Doch Überfischung, Verschmutzung, Versauerung und Erwärmung setzen dem Ozean akut zu. Vom Symbol zur Substanz? Ziele und Realitäten der UNOC3 Ein zentrales Anliegen in Nizza ist die Ratifikation des 2023 verabschiedeten Hochseeschutzabkommens…

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  • Öl-Stopp im Paradies – Wie ein französisches Küstenidyll sich gegen die fossile Zukunft stemmt

    Öl-Stopp im Paradies – Wie ein französisches Küstenidyll sich gegen die fossile Zukunft stemmt

    In der Idylle des Beckens von Arcachon, wo salzige Luft auf Pinienwälder trifft und Möwen über die Dünen kreisen, bahnt sich ein Umbruch an. Die geplante Genehmigung für acht neue Ölbohrungen in La Teste-de-Buch wurde vom Präfekten der Gironde gestoppt – ein deutlicher Sieg für die Umweltbewegung.

    Die Entscheidung kam nicht aus heiterem Himmel. Schon seit Jahren stemmen sich lokale Kollektive wie „Stop Pétrole Bassin d’Arcachon“ gegen die Erweiterung der bestehenden Förderanlagen. Aktuell betreibt das kanadische Unternehmen Vermilion Energy bereits 33 Ölquellen in der Konzession von Cazaux. Doch was 2022 noch als wirtschaftlicher Ausbau begann, stößt 2025 auf den Widerstand einer Gesellschaft im Wandel.

    Der Präfekt stützt seinen Beschluss auf das Votum des CODERST – dem Départements-Rat für Umwelt- und Gesundheitsrisiken. Und dieses Votum fiel klar aus: Nein zu weiteren Bohrungen. Die Begründung? Die Förderung fossiler Brennstoffe widerspricht den Klimazielen Frankreichs, insbesondere dem Pariser Abkommen.

    Erdöl kontra Klimaschutz

    Claire Méricq, Sprecherin des Kollektivs, fand deutliche Worte: „Dieses Projekt ist komplett anachronistisch und schädlich für die Umwelt.“ Und wer kann ihr da widersprechen? In Zeiten, in denen Waldbrände, steigende Meeresspiegel und Hitzewellen in Europa längst zur Realität gehören, wirkt die Vorstellung neuer Ölquellen wie ein Rückfall in ein fossiles Zeitalter, das wir doch längst hinter uns lassen wollten.

    Aber ganz so einfach ist es eben nicht. Vermilion Energy will die Entscheidung nicht akzeptieren und kündigte bereits rechtliche Schritte an. Das Unternehmen sieht offenbar gute Gründe – wirtschaftliche Interessen, bestehende Infrastrukturen, vielleicht auch politische Rückendeckung.

    Doch der Widerstand wächst.

    Ein Dilemma zwischen Ökonomie und Ökologie

    Was auf den ersten Blick wie ein lokaler Konflikt wirkt, offenbart bei näherem Hinsehen die Grundsatzfragen unserer Zeit: Wie ernst meint es die Politik mit der Energiewende? Welche Rolle dürfen fossile Energien in einer Übergangsphase noch spielen? Und ist wirtschaftliches Wachstum überhaupt noch mit echtem Umweltschutz vereinbar?

    Die Auseinandersetzung im Arcachon-Becken ist dabei mehr als ein Einzelfall. Frankreich, wie viele andere Länder, steht vor einem schwierigen Balanceakt. Die Wirtschaft ächzt unter steigenden Energiepreisen, während die Wissenschaft unermüdlich mahnt: Jeder neue Tropfen Öl ist ein Tropfen zu viel.

    Die Kraft der Zivilgesellschaft

    Was aber Mut macht: Die Stimme der Zivilgesellschaft ist nicht zu überhören. Menschen organisieren sich, recherchieren, protestieren – und sie werden gehört. Die Entscheidung des Präfekten wäre ohne diesen öffentlichen Druck wohl kaum so ausgefallen. Vielleicht ist genau das das stärkste Signal dieser Geschichte.

    Natürlich: Die rechtliche Auseinandersetzung wird sich noch hinziehen. Vielleicht ändert sich noch etwas an der Entscheidung. Aber schon jetzt ist klar: Ein einfaches „Weiter so“ wird es nicht geben.

    Ein Wendepunkt?

    Ob der Stopp der acht neuen Bohrungen ein Einzelfall bleibt oder zum Präzedenzfall für andere Regionen wird – das liegt nicht nur an Gerichten und Behörden. Es liegt an uns allen. Denn letztlich geht es um nichts Geringeres als die Frage: In welcher Welt wollen wir leben?

    Autor: Daniel Ivers

  • Macron empfängt Lula: Zwischen Freihandel, Klimapolitik und globaler Neuordnung

    Macron empfängt Lula: Zwischen Freihandel, Klimapolitik und globaler Neuordnung

    Zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt empfängt Frankreichs Präsident wieder einen brasilianischen Amtskollegen zu einer offiziellen Staatsvisite. Der Besuch von Luiz Inácio Lula da Silva vom 5. bis 7. Juni in Paris geht über symbolische Geste hinaus: Er markiert eine geopolitisch wie wirtschaftlich aufgeladene Etappe in den Beziehungen zwischen Europa und Südamerika – und stellt Frankreichs Rolle als Brückenbauer auf die Probe. Der brasilianische Präsident betritt die Pariser Bühne zu einem Zeitpunkt, an dem der Westen seine außenpolitischen Prioritäten neu ausrichtet. Vor diesem Hintergrund will Lula nicht nur alte Bande auffrischen, sondern das globale Machtgefüge aktiv mitgestalten. Es ist ein Besuch mit Signalwirkung – nach außen wie nach innen. Ein Schulterschluss mit Spannungen Macron und Lula pflegen eine demonstrative Nähe. Bereits im März 2024 trafen sie sich zu einem symbolträchtigen Besuch im Amazonasgebiet, wo sie sich gemeinsam für den Erhalt der Regenwälder stark macht…

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  • MaPrimeRénov‘ auf Eis: Warum der plötzliche Stopp für so viel Wirbel sorgt

    MaPrimeRénov‘ auf Eis: Warum der plötzliche Stopp für so viel Wirbel sorgt

    MaPrimeRénov‘ galt bisher als Herzstück der französischen Klimapolitik im Gebäudesektor – jetzt ist der Turbo plötzlich auf Standgas geschaltet. Die überraschende Ankündigung der französischen Regierung, das beliebte Förderprogramm für energetische Sanierungen vorübergehend auszusetzen, sorgt für Empörung und Verunsicherung. Doch was steckt wirklich dahinter?

    Der Ansturm war zu groß – und nicht immer ehrlich Laut Wirtschaftsminister Éric Lombard habe die Regierung keine andere Wahl gehabt. Die Zahl der Anträge sei regelrecht explodiert. Zeitweise seien die zuständigen Stellen schlicht überfordert gewesen – überlastet, überrannt, ausgehebelt. Gleichzeitig kam ein heikler Punkt ans Licht: Missbrauch. Rund 16.000 Anträge – das sind etwa 12 Prozent – stuft das Wirtschaftsministerium mittlerweile als „verdächtig“ ein. Betrugsversuche, unvollständige Angaben, Scheinunternehmen: Das Vertrauen ins System hat Risse bekommen. Und diese Risse will man nun stopfen. Nicht mit Pflaster, sondern mit…

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  • Auto-Zoff in den USA: Kalifornien kämpft um sein Verbrenner-Verbot ab 2035

    Auto-Zoff in den USA: Kalifornien kämpft um sein Verbrenner-Verbot ab 2035

    Was passiert, wenn ein Bundesstaat grün denkt – und die US-Bundespolitik rot sieht? In den Vereinigten Staaten bahnt sich ein erbitterter Streit an, der nicht nur Kalifornien, sondern das ganze Land erschüttern könnte. Der jüngste Beschluss des US-Senats, Kalifornien die Durchsetzung seines geplanten Verbots für neue Benziner ab 2035 zu untersagen, sorgt für ordentlich Zündstoff.

    Ein Paukenschlag, der Fragen aufwirft. Vor allem eine: Wer hat in Umweltfragen das letzte Wort – die Bundesstaaten oder Washington?

    Kaliforniens mutiger Vorstoß und der große Dämpfer

    Gouverneur Gavin Newsom hatte 2020 einen kühnen Plan vorgestellt: Ab 2035 sollen in Kalifornien keine neuen Autos mit Verbrennungsmotor mehr verkauft werden. Stattdessen soll die Zukunft elektrisch surren – sauber, leise und klimaschonend. Mit Unterstützung der US-Umweltschutzbehörde (EPA) unter Präsident Biden bekam der Plan grünes Licht. Elf weitere Bundesstaaten machten mit, zusammen gut 40 % des US-Automarktes.

    Doch jetzt – ein harter Rückschlag: Der US-Senat beschloss am 22. Mai mit 51 zu 44 Stimmen, diese Sonderregelung Kaliforniens aufzuheben. Noch fehlt die Unterschrift von Präsident Donald Trump, doch die Zeichen stehen auf Kurskorrektur.

    Warum der Widerstand?

    Die Kritiker – unter ihnen sämtliche republikanische Senatoren sowie eine demokratische Stimme aus Michigan – sehen in Kaliforniens Verbot eine versteckte Zwangsmaßnahme: Elektroautos für alle, egal ob’s passt oder nicht. Das überfordere Verbraucher und Autobauer gleichermaßen, argumentieren sie. Senator John Thune brachte es auf den Punkt: Kaliforniens Regeln betreffen nicht nur Kalifornien – sie beeinflussen das ganze Land.

    Ein Argument, das durchaus Gewicht hat. Aber auch eines, das den föderalen Gedanken auf eine harte Probe stellt.

    Kaliforniens Gegenwehr: „Wir lassen uns das nicht gefallen!“

    Kaum war der Beschluss gefasst, kündigten Newsom und Kaliforniens Generalstaatsanwalt Rob Bonta rechtliche Schritte an. Für sie ist das Vorgehen des Kongresses ein direkter Angriff auf den Clean Air Act – jenes Gesetz, das Kalifornien seit Jahrzehnten das Recht auf strengere Umweltregeln garantiert.

    Newsom legte nach: Es gehe nicht bloß um Elektroautos, sondern darum, ob man „Verschmutzern erlaubt, mehr zu verschmutzen“. Eine klare Kampfansage, die zeigt, wie ernst es Kalifornien meint.

    Und nicht ohne Grund: Studien des California Air Resources Board zeigen, dass das Verbot bis 2040 rund 395 Millionen Tonnen CO₂ eingespart hätte. Das entspricht etwa dem jährlichen Ausstoß von 85 Millionen Autos. Ein gigantischer Hebel – mit ebenso gigantischer Bedeutung für die Gesundheit der Bevölkerung.

    Die Autoindustrie: Zwischen Technik und Politik

    Autobauer wie GM und Toyota schütteln derweil den Kopf. Zu teuer, zu aufwendig, zu schnell – so der Tenor. Sie befürchten höhere Kosten und einen massiven Umbau ihrer Produktionslinien.

    Gleichzeitig verlangsamt sich durch die politische Kehrtwende der Ausbau der Elektromobilität. Umweltorganisationen warnen eindringlich: Das könnte die USA beim Klimaschutz weit zurückwerfen – während andere Nationen längst auf der Überholspur sind.

    Zumal die Trump-Administration plant, weitere Umweltmaßnahmen zu kippen: Steuervergünstigungen für E-Autos? Sollen weg. Zusätzliche Gebühren für E-Auto-Besitzer? Sind in Arbeit. Das riecht nach Gegenwind – und zwar kräftigem.

    Zwischen Föderalismus und Faustrecht

    Der eigentliche Knackpunkt ist jedoch ein anderer: Die Entscheidung gegen Kalifornien wurde mit dem „Congressional Review Act“ gefällt – einem Instrument, mit dem Bundesgesetze und Regelungen rückgängig gemacht werden können. Ein äußerst seltener, aber wirksamer Schritt.

    Senator Adam Schiff warnte bereits: „Diese Entscheidung sollte allen Bundesstaaten kalte Schauer über den Rücken jagen.“ Denn was heute Kalifornien trifft, kann morgen Texas oder New York betreffen. Der Präzedenzfall ist geschaffen.

    Was bleibt, ist ein politischer Showdown, der die Grundfesten des US-Föderalismus erschüttert. Die Gerichte werden klären müssen, wie weit die Autonomie der Bundesstaaten tatsächlich reicht – und wie viel Macht Washington sich herausnehmen darf.

    Und jetzt?

    Die Entscheidung des US-Senats ist ein Rückschritt, ja – aber vor allem ein Wendepunkt. Der Streit zwischen Kalifornien und dem Bund ist mehr als eine Auseinandersetzung um Antriebe – er ist ein Symbol für den tiefgreifenden Konflikt zwischen Umweltpolitik, Wirtschaft, Föderalismus und politischer Macht.

    Wie geht es weiter? Die Klagen sind unterwegs, die Debatte ist entfacht, und der Ausgang offen.

    Eines ist sicher: Die Schlacht um die Zukunft des Autos in Amerika hat gerade erst begonnen.

    Von C. Hatty

  • Kommentar: Wenn das Klima brennt und die Zahlen schweigen

    Kommentar: Wenn das Klima brennt und die Zahlen schweigen

    Ich habe schon viele Texte über den Klimawandel geschrieben. Ich habe über schmelzende Gletscher berichtet, über brennende Wälder in Kalifornien, über Sturmfluten, die Küstenstädte überfluten. Ich habe Zahlen aufgeführt, Trends beschrieben, Modelle verglichen. Doch selten war ich so sprachlos – und gleichzeitig so wütend – wie bei der Nachricht, dass die USA ihre Datenbank für milliardenschwere Klimakatastrophen nicht mehr aktualisieren wollen.

    Wisst ihr, was das bedeutet? Es ist, als würde ein Arzt beschließen, den Blutdruck seiner Patienten nicht mehr zu messen, weil die Werte „zu schlecht“ aussehen. Oder als würde ein Kapitän auf offener See das Radar ausschalten, weil ihm der aufziehende Sturm unangenehm ist.

    Diese Datenbank war kein Luxus. Sie war eine Notwendigkeit. Sie war der Versuch, einem zunehmend unberechenbaren Klima mit nüchterner Wissenschaft zu begegnen – nicht mit Ideologie. Und genau das scheint Trump ein Dorn im Auge zu sein: unbequeme Fakten, die seinem Märchen von der „Klimahysterie“ widersprechen.

    Man kann viele politische Entscheidungen diskutieren. Aber was hier passiert, ist eine Kapitulation vor der Realität. Eine gefährliche. Denn ohne Daten verlieren wir die Fähigkeit, Risiken zu erkennen. Wir verlieren die Basis für Prävention, für Gerechtigkeit, für Verantwortung. Und letztlich verlieren wir das Vertrauen in unsere Institutionen.

    Ich frage mich: Was kommt als Nächstes? Zählt man dann auch keine Todesopfer mehr bei Hitzewellen, weil sie schlecht für das Image sind? Oder löscht man Satellitenbilder, wenn sie zu viele Waldbrände zeigen?

    Ich habe keine Lust mehr auf dieses Spiel aus Leugnen, Vertuschen und Verharmlosen. Nicht, wenn Menschen leiden. Nicht, wenn Milliarden an Schäden nicht einfach „verschwinden“, nur weil sie nicht mehr in Tabellen auftauchen. Die Katastrophen hören nicht auf, nur weil man sie nicht mehr zählt.

    Die Wahrheit ist: Wer Klimaschäden nicht erfasst, gibt auf. Und wer aufgibt, macht sich mitschuldig an dem, was kommt.

    Wir dürfen das nicht zulassen.

    Andreas M. Brucker

  • USA stoppen Klimakatastrophen-Datenbank – wenn das Verschweigen teurer wird als das Warnen

    USA stoppen Klimakatastrophen-Datenbank – wenn das Verschweigen teurer wird als das Warnen

    Man stelle sich vor, ein Land wird regelmäßig von Tornados, Hitzewellen und Überschwemmungen heimgesucht – und entscheidet plötzlich, solche Katastrophen einfach nicht mehr mitzuzählen. Klingt absurd? Genau das passiert gerade in den Vereinigten Staaten.

    Die NOAA, also die nationale ozeanische und atmosphärische Überwachungsbehörde, stellt ihre legendäre Katastrophen-Datenbank ein. Seit 1980 hatte sie akribisch aufgezeichnet, welche Naturkatastrophen mehr als eine Milliarde Dollar Schaden verursachten. Jetzt ist Schluss.

    Eine Datenbank als Spiegel der Klimarealität

    Diese Sammlung war mehr als nur eine Zahlenreihe. Sie war eine Lupe auf das, was uns der Planet über Jahrzehnte hinweg ins Stammbuch geschrieben hat. 403 Großereignisse zwischen 1980 und 2024, mehr als 2,9 Billionen Dollar Schaden – das ist keine Fußnote, das ist eine Mahnung in Ziffern gegossen.

    Die Datenbank hat Wissenschaftler informiert, Medienberichte untermauert und Politikern geholfen, Entscheidungen zu treffen. Und nun? Eine Banner-Nachricht auf der NOAA-Website sagt nüchtern: Aufgrund neuer Prioritäten, gesetzlicher Veränderungen und Personalwechsel werde sie nicht mehr weitergeführt.

    Was steckt dahinter?

    Wer ein bisschen zwischen den Zeilen liest, erkennt schnell: Das Ganze ist kein bürokratischer Unfall, sondern eine politische Richtungsentscheidung. Donald Trump – wieder Präsident, wieder mit der alten klimapolitischen Agenda – fährt den Klimaschutz systematisch zurück. Schon der Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen an Tag 1 seiner zweiten Amtszeit war ein klares Signal.

    Jetzt wird’s praktisch: Wenn man die Daten nicht mehr erhebt, muss man sich auch nicht mehr mit den Konsequenzen herumschlagen. Keine Zahlen, keine Verantwortung – oder?

    Zahlen verstecken statt Verantwortung tragen

    Maya Golden-Krasner vom Center for Biological Diversity bringt es auf den Punkt: „Diese Regierung lässt die Menschen in Unwissenheit und damit in Unsicherheit.“ Und ja – wie soll man sich gegen eine Bedrohung wappnen, wenn man ihre Ausmaße nicht mehr erfassen will?

    Die Katastrophen nehmen zu, das zeigt jede einzelne Kurve, jedes Balkendiagramm der letzten Jahrzehnte. Besonders seit den 2000ern steigen Häufigkeit und Schadenshöhe sprunghaft an. Klimaforscher sehen den Klimawandel als Hauptursache – eine Kausalität, die man kaum noch leugnen kann. Und trotzdem: Die USA kneifen.

    Was bedeutet das konkret?

    Ein kleines Beispiel: In Kalifornien loderten 2020 die Flammen über Monate, 4 Millionen Hektar verbrannten. Der Schaden? Über 16 Milliarden Dollar. Diese Daten halfen Stadtverwaltungen, Versicherungen und Feuerwehren bei der Vorbereitung auf ähnliche Lagen.

    Und nun? Wer in Zukunft wissen will, ob sich Extremereignisse häufen, muss sich auf private Initiativen verlassen oder internationale Datenbanken nutzen – sofern die noch zugänglich bleiben. Kann das gutgehen?

    Ein gefährlicher Präzedenzfall

    Diese Entscheidung sendet ein fatales Signal. Wenn das mächtigste Industrieland der Welt aufhört, Klimaschäden systematisch zu erfassen, warum sollten kleinere Staaten das noch tun? In Zeiten globaler Vernetzung und grenzüberschreitender Krisen ist das ein Eigentor für alle.

    Aber es geht noch tiefer. Denn ohne Daten geht auch der Druck auf große Emittenten – insbesondere aus der fossilen Energiebranche – verloren. Die Verbindung zwischen Klimaschäden und konkretem wirtschaftlichem Verhalten wird unsichtbar gemacht. Plötzlich scheint niemand mehr schuld zu sein – außer vielleicht dem „Wetter“.

    Verantwortungsloses Vergessen

    Hier zeigt sich ein Muster, das sich in der Trump-Administration durchzieht: Wissenschaft wird zurechtgestutzt, Fakten werden selektiv ignoriert, kritische Stimmen marginalisiert. Die Datenbank war unbequem. Weil sie nicht lügen konnte. Weil sie zeigte, was es kostet, wegzuschauen.

    Der Think Tank hinter Trumps „Projekt 2025“ nennt die NOAA „alarmistisch“. Doch wer Alarm schlägt, wenn das Haus brennt, ist kein Panikmacher – sondern Feuerwehr.

    Also, was tun?

    Ist die Datenbank verloren? Nein – sie bleibt archiviert, das immerhin. Doch damit sie lebendig bleibt, braucht es jetzt andere: unabhängige Wissenschaft, investigative Medien, internationale Zusammenarbeit. Vielleicht auch Menschen wie dich und mich.

    Denn wer sonst, wenn nicht wir, soll daran erinnern, dass eine Billion nicht nur eine Zahl ist, sondern ein Aufschrei?

    Ein persönliches Wort

    Ich kann nicht anders, als dabei Wut zu verspüren. Nicht die destruktive, sondern die, die einen antreibt. Die, die sagt: „Nicht mit uns!“ Denn wenn wir anfangen, Katastrophen zu verschweigen, lassen wir die Schwächsten im Regen stehen – buchstäblich. Klimagerechtigkeit beginnt mit Ehrlichkeit. Und Ehrlichkeit beginnt mit Daten.

    Wer soll noch an die Zukunft glauben, wenn die Vergangenheit gelöscht wird?

    Und trotzdem: Ich glaube daran, dass eine informierte Gesellschaft stärker ist. Dass Wissenschaft am Ende mehr Menschen mobilisiert als Populismus. Dass Daten wieder zurückkehren – weil Menschen sie einfordern.

    Denn eines ist sicher: Der nächste Hurrikan wartet nicht darauf, ob er mitgezählt wird oder nicht.

    Von Andreas M. B.