Schlagwort: hintergrundanalyse

  • Kompromiss unter Druck – Wie Frankreichs Sozialisten die Rentenreform vorerst gestoppt haben

    Kompromiss unter Druck – Wie Frankreichs Sozialisten die Rentenreform vorerst gestoppt haben

    Frankreichs neue Regierung unter Premierminister Sébastien Lecornu befindet sich kaum im Amt, da muss sie schon um ihr politisches Überleben kämpfen. In einer überraschenden Wendung kündigte Lecornu gestern an, die umstrittene Rentenreform – insbesondere die Anhebung des gesetzlichen Rentenalters auf 64 Jahre sowie die Verlängerung der Beitragsdauer – bis nach der nächsten Präsidentschaftswahl – bis Januar 2028 – auszusetzen. Damit erfüllt er zentrale Forderungen der Parti Socialiste (PS), die ihrerseits nun auf eine Misstrauensabstimmung verzichtet. Für beide Seiten ist dies ein taktischer Gewinn, aber zugleich ein riskantes Spiel mit offenem Ausgang.

    Kein Sieg, sondern ein Waffenstillstand

    Auf den ersten Blick mag die Entscheidung wie eine Kapitulation der Regierung wirken. Doch sie ist weniger ein Rückzieher als vielmehr ein zeitlich begrenzter Kompromiss. Die beschlossenen Reformelemente werden nicht aufgehoben, sondern lediglich „eingefroren“. Nach Januar 2028 könnten sie – abhängig von der politischen Lage – reaktiviert, angepasst oder endgültig verworfen werden. Die Entscheidung schafft also keinen neuen Status quo, sondern verschiebt lediglich eine umstrittene Debatte in die Zukunft.

    Für Premierminister Lecornu ist die Ankündigung ein Akt der Schadensbegrenzung. Angesichts zweier drohenden Misstrauensabstimmungen in der Nationalversammlung musste er Bewegung zeigen. Indem er den Sozialisten entgegenkam, sichert er kurzfristig seine Machtbasis – allerdings um den Preis politischer Unklarheit. Denn mit dem Moratorium ist das Grundproblem nicht gelöst, sondern lediglich vertagt.

    Politisches Kalkül in einem fragmentierten Parlament

    Das französische Parlament ist seit der Wahl von 2024 tief zersplittert. Keine Partei verfügt über eine absolute Mehrheit. In diesem Kontext wird politische Führung zunehmend durch kurzfristige Allianzen und taktische Zugeständnisse ersetzt. Die Entscheidung Lecornus ist symptomatisch für diese Lage: Eine substanzielle Reform, unter Präsident Macron im Jahr 2023 durchgesetzt, wird ausgesetzt, um der Regierung die Unterstützung eines oppositionellen Blocks im Parlament zu sichern.

    Für die Parti Socialiste ist dies ein symbolischer Erfolg. Er zeigt, dass auch eine kleinere Oppositionspartei in der Lage ist, zentrale Entscheidungen zu beeinflussen – wenn die Regierung auf ihre Stimmen angewiesen ist. Doch der Preis ist hoch: Die Sozialisten leisten keine vorbehaltlose Unterstützung, sondern gewähren eine zeitlich und sachlich begrenzte politische Atempause. Damit bleibt ihre Rolle ambivalent: weder Regierungspartner noch fundamentaloppositionell, sondern Teil eines taktischen Gleichgewichts.

    Die finanzielle Dimension des Aufschubs

    Der zeitlich begrenzte Verzicht auf die Umsetzung der Reform hat klare fiskalische Konsequenzen. Experten rechnen mit signifikanten Mehrbelastungen für den Staatshaushalt in den kommenden Jahren. Ohne die geplanten Änderungen an Renteneintrittsalter und Beitragszeit verlängert sich die Phase hoher Defizite in den öffentlichen Kassen. Zudem wird ein zentrales Argument der ursprünglichen Reform – die langfristige Finanzierbarkeit des Rentensystems – faktisch ausgehebelt, ohne dass ein alternativer Lösungsansatz präsentiert wird.

    Auch die Sozialpartner zeigen sich unzufrieden: Während Arbeitgeberverbände weiterhin auf Strukturreformen pochen, bleibt die gewerkschaftliche Seite skeptisch. Die meisten Arbeitnehmervertretungen fordern nicht bloß eine Aussetzung, sondern die vollständige Rücknahme der Maßnahmen. Für sie ist das Anheben des Rentenalters ein systemischer Rückschritt, unabhängig von seiner zeitlichen Verschiebung.

    Symbolpolitik als Übergangsstrategie

    Gleichzeitig kündigte die Regierung eine nationale Konferenz über Rente und Arbeit an, um in den kommenden Jahren ein neues Modell zu erarbeiten. Doch auch das wirkt vorerst wie ein Versuch, Zeit zu gewinnen. Die politischen Mehrheiten sind instabil, die gesellschaftliche Akzeptanz für tiefgreifende Reformen ist begrenzt, und das Vertrauen in die politische Klasse ist angespannt. Unter diesen Bedingungen erscheint das Moratorium eher als Schutzmaßnahme denn als strategischer Neuanfang.

    Dass dieser Kompromiss zustande kam, zeigt aber auch: In einem zersplitterten Parlament können oppositionelle Kräfte nicht nur blockieren, sondern auch gestalten – zumindest temporär. Die Frage ist nur, ob diese Gestaltungskraft über punktuelle Erfolge hinaus Bestand hat oder ob sie im Rhythmus der nächsten Krise wieder verpufft.

    Der eigentliche Test kommt erst nach 2028

    Die politische Sprengkraft der Rentenfrage ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Nach der nächsten Präsidentschaftswahl wird sich entscheiden, ob die Reformideen von 2023 in neuer Form wieder auf die Agenda kommen, ob ein gänzlich neues Modell ausgearbeitet wird – oder ob der französische Staat sich dauerhaft von einem kohärenten Reformansatz verabschiedet.

    So bleibt die jüngste Wendung ein Spiegelbild der französischen Politik im Jahr 2025: geprägt von Unsicherheit, getrieben von kurzfristigem Kalkül – und dennoch offen für politische Beweglichkeit. Ob diese Beweglichkeit zu struktureller Stabilität führen kann, bleibt abzuwarten.

    Autor: P. Tiko

  • Auf Bewährung: Der zweite Anlauf von Sébastien Lecornu

    Auf Bewährung: Der zweite Anlauf von Sébastien Lecornu

    Frankreichs neuer Premierminister Sébastien Lecornu steht vor einem politischen Stresstest. Nur wenige Tage nach der Ernennung seines zweiten Kabinetts muss sich seine Regierung der Nationalversammlung stellen – ohne stabile Mehrheit, aber mit einem Haushaltsentwurf, der die fragile Balance zwischen fiskalischer Verantwortung und politischem Überleben wahren soll. Die bevorstehende Erklärung Lecornus zur allgemeinen Regierungspolitik dürfte zum Bewährungstest werden. Scheitert Lecornu an der Hürde einer Vertrauensabstimmung oder an einem erfolgreichen Misstrauensvotum, droht erneut der Zusammenbruch seiner Regierung – und womöglich Neuwahlen.

    Ein Haushalt unter Druck Im Zentrum des heutigen Tages steht der Haushaltsentwurf für 2026 – ein Text, der eigentlich technokratisch daherkommt, in Wirklichkeit jedoch hochpolitisch ist. Angesichts der angespannten Lage an den Märkten und eines erwarteten Defizits von 5,4 % des BIP im laufenden Jahr sieht sich die Regierung gezwungen, Konsolidier…

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  • Frankreichs neuer Anfang – und doch vieles wie gehabt

    Frankreichs neuer Anfang – und doch vieles wie gehabt

    Nach Wochen politischer Spannung, der extrem kurzen Lebenszeit des ersten Lecornu-Kabinetts und der Rückkehr von Sébastien Lecornu ins Amt des Premierministers hat Frankreich am 10. Oktober 2025 eine neue Regierung erhalten: Lecornu II. Die Herausforderung ist klar formuliert – einen Haushalt für 2026 aufzustellen, in einem Parlamentsgefüge ohne klare Mehrheiten. Gleichzeitig soll das neue Kabinett den Eindruck vermitteln, dass an der Spitze nicht jene stehen, die bereits eigene Präsidentschaftsperspektiven wittern. Die personelle Balance des neuen Teams spricht Bände über Macht, Kompromiss und Kalkül.

    Bewährte Köpfe und strategische Verschiebungen Schon in der ersten Version seines Kabinetts hatte Lecornu auf Kontinuität gesetzt: Élisabeth Borne blieb Ministerin für Bildung und Forschung; Gérald Darmanin behielt das Amt des Justizministers; Roland Lescure blieb für Wirtschaft und Finanzen zuständig. In der neuen Regierung wurden jedoch mehrere Schlüsselressorts neu geordnet. Laurent …

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  • Macron setzt auf Loyalität: Die riskante Wiederernennung Sébastien Lecornus

    Macron setzt auf Loyalität: Die riskante Wiederernennung Sébastien Lecornus

    Fünf Tage nach dem abrupten Rücktritt seines Premiers hat Emmanuel Macron seinen Vertrauten Sébastien Lecornu erneut zum französischen Premierminister ernannt. Eine Entscheidung, die weniger Stärke als vielmehr strategisches Kalkül offenbart – und Frankreich in eine neue Phase politischer Ungewissheit führt.

    Die Rückkehr Lecornus markiert einen ungewöhnlichen Vorgang in der Fünften Republik. Kaum im Amt, war sein erstes Kabinett nach wenigen Stunden durch politischen Druck zum Rücktritt gezwungen worden. Dass Macron ausgerechnet diesen Premier erneut betraut, wirft Fragen auf – über die Handlungsfähigkeit des Präsidenten ebenso wie über den Zustand des politischen Systems.

    Ein Premierminister auf Abruf

    Sébastien Lecornu war erst am 9. September zum Premierminister ernannt worden, als Nachfolger des zurückgetretenen François Bayrou. Das von ihm am 5. Oktober vorgestellte Kabinett wurde jedoch faktisch nie arbeitsfähig: Bereits am Folgetag reichte Lecornu seinen Rücktritt ein, nachdem zentrale Reformvorhaben – insbesondere zur Finanz- und Rentenpolitik – auf massiven Widerstand gestoßen waren. Innerhalb von 14 Stunden war die Regierung Geschichte – ein beispielloser Vorgang in der jüngeren französischen Geschichte.

    Macron sah sich unter Zugzwang. Die politische Mitte ist geschwächt, die Lager zersplittert, die Oppositionsparteien stellen Maximalforderungen. Der Präsident entschied sich daher für Kontinuität – wohl weniger aus Überzeugung als mangels Alternativen.

    Kalkül statt Konsens

    Die Wiederernennung Lecornus ist Ausdruck einer doppelten Strategie: Macron will Stabilität demonstrieren, ohne die Kontrolle über das politische Zentrum zu verlieren. Lecornu gilt als loyal, durchsetzungsfähig, verwaltungserfahren – Eigenschaften, die Macron in der gegenwärtigen Lage höher zu bewerten scheint als parteiübergreifende Anschlussfähigkeit.

    Doch diese Strategie ist riskant. Bereits unmittelbar nach der Bekanntgabe regte sich Widerstand: Die Parti Socialiste kündigte an, eine Misstrauensabstimmung zu unterstützen, sollte die Regierung weiterhin am Einsatz des Artikels 49-3 festhalten – jenem verfassungsrechtlichen Instrument, mit dem Gesetze ohne Parlamentsabstimmung durchgesetzt werden können. Auch die linkspopulistische Partei La France Insoumise und der rechtspopulistische Rassemblement National signalisierten Ablehnung.

    Ein enges Zeitfenster für politische Handlungsfähigkeit

    Im Zentrum der aktuellen politischen Auseinandersetzung steht das Haushaltsgesetz für 2026. Frankreichs Finanzlage ist angespannt: Die EU-Kommission fordert mehr fiskalische Disziplin, die Zinsen für französische Staatsanleihen steigen, das Defizit liegt bei rund 5 % des BIP. Lecornu muss nun binnen weniger Wochen eine parlamentarische Mehrheit für das Budget finden – oder erneut auf Artikel 49-3 zurückgreifen, was die institutionelle Krise verschärfen würde.

    Gleichzeitig droht eine politische Implosion von innen: Sollte eine erneute Misstrauensabstimmung erfolgreich sein, bliebe Macron nur die Auflösung der Nationalversammlung oder die Berufung einer parteilosen Expertenregierung – Szenarien, die er bislang vermeiden wollte.

    Zwischen Systemkrise und politischer Taktik

    Die Entscheidung für Lecornu lässt sich auch als Versuch lesen, Zeit zu gewinnen. Macron steht unter wachsendem Druck: außenpolitisch durch internationale Krisen, innenpolitisch durch eine fragmentierte Nationalversammlung, sozial durch anhaltende Proteste gegen den Haushaltsplan und die Rentenreform. In dieser Lage setzt der Präsident auf das Prinzip der Loyalität statt auf den schwierigen Weg eines parteiübergreifenden Konsenses.

    Frankreich zeigt sich damit erneut als Präsidialdemokratie im Ausnahmezustand. Der Premier ist nicht Ergebnis parlamentarischer Mehrheiten, sondern Ausdruck präsidialer Machtlogik. Doch ob sich diese Strategie gegen die strukturelle Erosion der Regierungsfähigkeit durchsetzen kann, ist fraglich.

    Sébastien Lecornu steht nun vor einer doppelten Herausforderung: Er muss regieren – und zugleich ein Minimum an politischer Glaubwürdigkeit wiederherstellen. Gelingt ihm beides nicht, droht ein neuerlicher Rücktritt. Dann wäre auch Emmanuel Macron gezwungen, seine politische Linie grundlegend zu überdenken.

    Autor: P. Tiko

  • Wie viel Verdienst hat Trump um den Gaza‑„Friedensdeal“ wirklich?

    Wie viel Verdienst hat Trump um den Gaza‑„Friedensdeal“ wirklich?

    Donald Trump feiert sich selbst als Architekt eines historischen Friedens im Nahen Osten. Kurz vor der Verleihung des diesjährigen Friedensnobelpreises stilisieren ihn Unterstützer als mutigen Vermittler zwischen Israel und Hamas – als den Mann, dem es gelungen sei, ein scheinbar Unmögliches möglich zu machen. Doch was ist Substanz, was Inszenierung?


    Eine Vereinbarung mit langer Vorgeschichte

    Der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas, der Anfang Oktober bekanntgegeben wurde, umfasst zentrale Elemente: die Freilassung israelischer Geiseln durch die Hamas, die Freilassung palästinensischer Häftlinge durch Israel, ein vorläufiger Rückzug israelischer Streitkräfte sowie die Zulassung humanitärer Hilfe für den Gazastreifen. Die Vereinbarung hat im In- und Ausland Jubel ausgelöst – auf dem Tel Aviver Hostages Square wurde ausgelassen gefeiert.

    Allerdings: Die Kernelemente des Abkommens liegen seit über einem Jahr auf dem Tisch. Schon im Herbst 2024 hatte Hamas ähnliche Bedingungen akzeptiert. Damals allerdings fehlte es an politischem Willen auf israelischer Seite – Premierminister Benjamin Netanjahu war nicht bereit, auf ein solches Abkommen einzugehen. Und die damalige US-Regierung zögerte, ausreichend Druck auszuüben.


    Trumps Rolle – Durchbruch durch Druck

    Trump hat sich diese Lücke zunutze gemacht. Im Unterschied zu seinen Vorgängern scheute er sich nicht, Benjamin Netanjahu öffentlich und hinter den Kulissen unter Druck zu setzen. Auslöser dafür war offenbar ein israelischer Angriff auf Hamas-Ziele in Doha, der in Washington schlecht aufgenommen wurde. In der Folge soll Trump Netanjahu zu einer öffentlichen Entschuldigung gegenüber Katar bewegt haben – ein diplomatischer Affront, der den Machtanspruch des Weißen Hauses unterstrich.

    Zudem entsandte Trump enge Vertraute wie Jared Kushner und Steve Witkoff in die Hauptstädte der Region. Ihre diplomatischen Bemühungen stützten sich auf Kontakte, die in Trumps erster Amtszeit geknüpft wurden – etwa im Rahmen der Abraham-Abkommen. Es gelang ihnen offenbar, eine gemeinsame Linie zwischen arabischen Staaten, insbesondere Katar und Ägypten, und Israel zu vermitteln.

    Der israelische Premier wurde mit einer geopolitischen Realität konfrontiert, die ihm kaum Ausweichmöglichkeiten ließ. Die diplomatische Isolation, der innenpolitische Druck wegen des Geiseldramas und der wachsende internationale Protest gegen Israels Gaza-Offensive wirkten als Katalysatoren. Trump verstand es, diese Dynamik zu nutzen – nicht zuletzt dank seines transaktionalen Politikstils, der sich weniger um ideologische Bindungen als um konkreten Machterhalt dreht.


    Eine umstrittene Inszenierung

    Unmittelbar nach der Bekanntgabe des Abkommens begannen Unterstützer, Trumps Verdienste öffentlichkeitswirksam zu feiern. In sozialen Netzwerken kursierten künstlich generierte Bilder von Trump mit einer überdimensionierten Nobelpreis-Medaille um den Hals. Politiker aus Israel, Ägypten und anderen Staaten schlossen sich der Forderung nach einer Auszeichnung an.

    Auch Trump selbst äußerte sich doppeldeutig: Einerseits gab er an, kein Interesse an dem Preis zu haben – andererseits betonte er regelmäßig, wie sehr er ihn verdiene. Die Selbstvermarktung folgt einem altbekannten Muster seiner politischen Kommunikation: Provokation, Polarisierung, Personalisierung.

    Diese mediale Kampagne verschleiert jedoch, dass das Abkommen – so wichtig es im Moment erscheinen mag – keine langfristige Lösung bietet. Weder sind die politischen Zukunftsfragen des Gazastreifens geklärt, noch ist die Entwaffnung der Hamas oder eine mögliche Rückkehr der palästinensischen Autonomiebehörde Teil des Pakets. Auch der Abzug israelischer Truppen bleibt vage definiert und hängt von nicht näher benannten Sicherheitsgarantien ab.


    Zwischen Symbolik und Substanz

    Selbst Kritiker Trumps gestehen ihm zu, in diesem Fall eine diplomatische Lücke gefüllt zu haben, die andere nicht zu schließen vermochten. Während frühere Präsidenten wie Clinton oder Biden eine emotionale Verbundenheit mit Israel hegten, die ihre Handlungsspielräume einschränkte, agiert Trump machtpolitisch – ohne Rücksicht auf diplomatische Konventionen. Das verlieh ihm in diesem Kontext eine gewisse Handlungsfreiheit.

    Doch ob daraus ein nachhaltiger Friedensprozess erwächst, bleibt fraglich. Die Skepsis in palästinensischen Kreisen ist groß. Manche befürchten, dass Israel die Kampfhandlungen nach der Geiselfreilassung rasch wieder aufnehmen könnte – mit dem Argument, dass Hamas sich nicht an Vereinbarungen halte. Ohne internationale Garantien, klare Zeitpläne und unabhängige Kontrollmechanismen bleibt der Waffenstillstand prekär.

    Trump hat – das lässt sich festhalten – zur Umsetzung eines lange blockierten Abkommens beigetragen. Ob daraus ein Friedensprozess wird, hängt davon ab, ob er bereit ist, in den kommenden Wochen und Monaten erneut politischen Einsatz zu zeigen. Denn ein Deal ist nur so viel wert wie sein kleingedruckter Teil – und dessen Umsetzung.

    Autor: P. Tiko

  • Editorial: Frankreichs gefährliche Illusion – Regieren ohne Mandat

    Editorial: Frankreichs gefährliche Illusion – Regieren ohne Mandat

    Ein politisches Paradox beschäftigt derzeit die französische Innenpolitik: eine absolute Mehrheit in der Nationalversammlung lehnt Neuwahlen ab – doch daraus leiten manche bereits den Anspruch ab, eine Regierung auf dieser Basis bilden zu können. Dieser rhetorische Kurzschluss offenbart nicht nur das Ausmass institutioneller Unsicherheit, sondern auch das strukturelle Dilemma der Fünften Republik: Ein «Nein» zum Wählervotum ersetzt kein politisches Mandat.

    Tatsächlich eint die ablehnende Haltung zur Auflösung des Parlaments ein breites Spektrum von Abgeordneten. Der Grundkonsens ist negativ – man will keinen Wahlgang, keine Unruhe, keine neue Dynamik. Doch was bleibt, ist ein ideologisch zersplittertes Parlament, das sich weder auf einen Regierungsauftrag noch auf ein gemeinsames politisches Projekt verständigen kann.


    Vom Verhindern zum Gestalten – ein weiter Weg

    Der Versuch, aus der Ablehnung der Auflösung eine Legitimation zur Regierungsbildung abzuleiten, ist institutionell fragwürdig und politisch riskant. Eine solche «Mehrheit des Refus» ist per definitionem reaktiv, nicht konzeptionell. Sie kann ein Vakuum füllen, aber keine Reform tragen.

    Frankreichs politische Architektur beruht auf der klaren Trennung zwischen Exekutive und Legislative – verbunden durch die Erwartung, dass eine Regierung zumindest auf eine stabile Mehrheit zählen kann, sei es durch Zustimmung oder durch Duldung. Wer in diesem System Verantwortung übernimmt, benötigt ein Minimum an Kohärenz, Disziplin und Gestaltungswillen. All das fehlt einer Koalition, die einzig durch das Motiv des Vermeidens zusammengehalten wird.


    Institutionelle Instrumente ersetzen keine politische Autorität

    Gewiss, die Verfassung bietet der Exekutive gewisse Mittel zur Notverwaltung. Der berühmte Artikel 49.3 erlaubt es einem Premierminister, Gesetze auch gegen eine widerspenstige Mehrheit durchzusetzen – vorausgesetzt, keine konstruktive Mehrheit findet sich zur Abwahl der Regierung. Doch dieses Verfahren ist ein Zeichen der Schwäche, kein Ausweis von Stabilität. Jeder Gebrauch unterstreicht, dass es an politischer Autorität mangelt.

    Hinzu kommt, dass Frankreich keine gewachsene Koalitionskultur kennt. Die republikanische Ordnung ist auf klare Mehrheitsverhältnisse ausgelegt – nicht auf das mühselige Aushandeln von Kompromissen zwischen moderaten Kräften. Eine breite Regierung der Mitte mag in anderen Demokratien funktionieren. In Paris wirkt sie schnell wie ein technokratisches Notgebilde, das allen verpflichtet ist und niemandem Rechenschaft schuldet.


    Die Versuchung des Stillstands

    In der derzeitigen Lage drängt sich der Eindruck auf, dass viele Abgeordnete das geringste Risiko suchen – und damit das grösste eingehen. Wer das politische System lediglich vor dem Kontrollverlust bewahren will, opfert über kurz oder lang seine Handlungsfähigkeit. Der Verzicht auf Neuwahlen mag kurzfristig rational erscheinen, doch er konserviert ein Kräfteverhältnis, das längst keine konstruktive Basis mehr bietet.

    Gerade in Zeiten ökonomischer Unsicherheit, geopolitischer Spannungen und gesellschaftlicher Polarisierung braucht es mehr als ein Verharren im Provisorium. Es braucht Regierungen, die legitimiert sind – durch ein klares Mandat, ein erkennbares Programm und die Fähigkeit, Mehrheiten zu organisieren. Frankreich verfügt über starke Institutionen. Doch sie nützen wenig, wenn der politische Wille zur Führung fehlt.


    Was bleibt

    Ein Nein zur Auflösung ist kein Ja zur Verantwortung. Eine Mehrheit des Refus ersetzt keine Regierung, sie vertagt nur die Krise. Der Präsident kann versuchen, daraus ein Exekutivprojekt zu formen – doch er würde auf Treibsand bauen. Wer in einem zersplitterten Parlament regieren will, muss Mehrheiten nicht nur zählen, sondern auch zusammenhalten. Andernfalls droht nicht nur die nächste Regierungskrise, sondern ein fataler Vertrauensverlust in die politische Ordnung.

    Autor: P. Tiko

  • „C’est la seule chose qu’on n’a pas essayée“ – Frankreichs Präsident und eine linke Regierung

    „C’est la seule chose qu’on n’a pas essayée“ – Frankreichs Präsident und eine linke Regierung

    Frankreich steht vor einem jener Momente, in denen die politische Logik der Fünften Republik an ihre Grenzen stößt. Emmanuel Macron, ein Präsident ohne Mehrheit und ohne sichtbaren Ausweg, steht vor einer Entscheidung, die seine gesamte Amtszeit neu definieren könnte: Soll er eine Premierministerin oder einen Premierminister aus dem Lager der Linken ernennen, um eine drohende Parlamentsauflösung zu vermeiden? Was noch vor Kurzem als abwegige Spekulation galt, gewinnt an Kontur. Es wäre der Versuch, das Unversöhnliche zu versöhnen – und zugleich der Beweis, dass die französische Politik, wie man sie bisher kannte, erschöpft ist.

    Die französische Verfassung gibt dem Präsidenten Machtfülle, aber keine Wunderwaffen. Nach Wochen ergebnisloser Verhandlungen, in denen der letzte Premierminister Sébastien Lecornu vergeblich versuchte, eine tragfähige Mitte-Koalition zu schmieden, scheint Macron an einem Punkt angelangt, an dem er nur noch zwischen zwei Unsicherheiten wählen kann: einem neuen Urnengang, der das Rassemblement national stärken dürfte, oder einer Zusammenarbeit mit Kräften, die ihm politisch diametral gegenüberstehen. Die Sozialisten wittern in dieser Lage ihre große Stunde. Sie fordern ein Kabinett der Linken und Grünen, getragen von einer Mehrheit der Vernunft – ein zartes, aber kalkuliertes Angebot an die Macronisten, die eine erneute Niederlage an der Wahlurne fürchten müssen.

    Dass ein solcher Premierminister überleben könnte, widerspricht auf den ersten Blick jeder politischen Erfahrung der letzten Jahre. Doch die Kräfteverhältnisse im französischen Parlament haben sich verschoben. Die Macron-Fraktion ist innerlich zersplittert, viele ihrer Abgeordneten haben sich vom Élysée entfremdet. Der frühere Hoffnungsträger Gabriel Attal zeigt eine auffallende Bereitschaft, über parteipolitische Linien hinweg zu verhandeln. Selbst in der Präsidentenpartei wächst die Einsicht, dass eine weitere Eskalation nur den Extremparteien nützen würde. Eine linke Regierung könnte so zum Instrument der Stabilisierung werden – nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit.

    In der Linken wiederum ist der Wunsch nach Verantwortung unübersehbar, verbunden mit der klaren Abgrenzung von Jean-Luc Mélenchons linkspopulistischer „France insoumise“. Der Sozialistischen Partei unter Olivier Faure ist es gelungen, das eigene Profil als pragmatisch, institutionstreu und kompromissfähig zu schärfen. Sie weiß, dass ein Premierminister der Linken nur dann Bestand haben kann, wenn er die Mitte nicht provoziert. Der Verzicht auf den autoritären Gebrauch des Artikels 49.3, das Bekenntnis zum parlamentarischen Dialog und die Bereitschaft zu inhaltlichen Zugeständnissen sind Signale, die über das linke Lager hinaus wirken sollen. Faure will nicht die Revolution, sondern die Rückkehr zur Normalität – ein seltenes Programm in der französischen Politik.

    Für Emmanuel Macron wäre eine solche Lösung zugleich Demütigung und Entlastung. Er müsste akzeptieren, dass die Regierungspolitik nicht von ihm selbst bestimmt wird, könnte aber den Anschein einer konstruktiven Handlungsbereitschaft wahren. Eine linke Regierung, die sich auf Kompromisse mit den Macronisten stützt, wäre kein Bruch mit dem System, sondern ein befristeter Waffenstillstand im Dienste der Stabilität. Macron könnte sagen, er habe alles versucht – eine Form politischer Schadensbegrenzung, die seine Gegner kaum angreifen können.

    Der Preis wäre freilich hoch. Die institutionelle Architektur der Fünften Republik ist auf klare Mehrheiten und vertikale Verantwortung gebaut. Eine Regierung, die auf der Duldung ihrer Gegner beruht, wäre strukturell schwach. Schon das erste unpopuläre Gesetz, der erste Haushalt, könnte sie ins Wanken bringen. Der Versuch, das Land über parteipolitische Brüche hinweg zu einen, könnte leicht in einem stillen Krieg der Revanchen enden. Die Vorstellung, dass eine Linke, die sich erst mühsam von Mélenchon emanzipiert hat, inzwischen zur Stabilität beitragen kann, bleibt gewagt.

    Und doch ist genau diese Wette der Kern des französischen Dilemmas. Das politische Zentrum hat seine Strahlkraft verloren, die Extreme wachsen, und der Präsident, der einst als Verkörperung des Pragmatismus galt, ist zur Geisel seiner eigenen Machtvorstellung geworden. Ein Premierminister aus der Linken wäre kein Sieg der Sozialdemokratie, sondern ein Symptom einer Republik, die ihren inneren Kompass sucht. Es wäre ein Experiment, das nur aus Erschöpfung geboren werden konnte – und vielleicht gerade deshalb eine Chance verdient.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • „Der Tag, an dem alles zerbrach“ – Der Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und seine Folgen

    „Der Tag, an dem alles zerbrach“ – Der Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und seine Folgen

    Am 7. Oktober 2023 begann im Nahen Osten eine neue Phase der Gewalt, deren politische, gesellschaftliche und humanitäre Auswirkungen bis heute zu spüren sind. Der überraschende, koordinierte Angriff der Terrororganisation Hamas auf den Süden Israels markierte nicht nur das schwerste Massaker an Jüdinnen und Juden seit dem Holocaust, sondern löste eine militärische Eskalation aus, die den Gazastreifen in weiten Teilen zerstörte, hunderttausende Menschen entwurzelte, fas 70.000 Menschen tötete und das Vertrauen in bestehende Sicherheitsstrukturen fundamental erschütterte.


    Die Ereignisse des 7. Oktober: Angriff und Ausmaß

    Am Morgen des 7. Oktober, während des jüdischen Feiertags Simchat Tora, überquerten mehrere tausend bewaffnete Kämpfer der Hamas und anderer Gruppen die Grenze zwischen dem Gazastreifen und Israel. An mehr als hundert Orten durchbrachen sie die Sperranlagen und drangen in israelisches Staatsgebiet ein – zu Fuß, mit Motorrädern, Pick-ups und Gleitschirmen. Zeitgleich wurden Raketen auf israelische Städte und Ortschaften abgefeuert.

    Zahlreiche Gemeinden entlang der Grenze, darunter Be’eri, Kfar Aza, Nir Oz und Sderot, wurden Ziel gezielter Angriffe. In diesen Ortschaften kam es zu Massakern an Zivilistinnen und Zivilisten, zu Folter, Plünderung und Geiselnahmen. Die Bilanz des Tages: Über 1.100 Tote auf israelischer Seite, darunter Hunderte Zivilisten, Familien, Kinder, Rentner. Etwa 250 Menschen wurden in den Gazastreifen entführt – Israelis wie auch Ausländer.

    Die Grausamkeit und die gezielte Vorgehensweise der Angreifer – unter anderem die systematische Tötung ganzer Familien – deuten auf eine langfristig vorbereitete Operation hin. Viele Opfer wurden in ihren Häusern hingerichtet und verbrannt. Erste Videos und Fotos, die kurz nach dem Angriff verbreitet wurden, belegen die Brutalität in erschütternder Weise.


    Das Versagen der Sicherheit und der Schock der israelischen Gesellschaft

    Dass eine derartige Operation in diesem Umfang möglich war, offenbarte gravierende Lücken in Israels Sicherheitsapparat. Überwachungssysteme, Alarmketten und Grenzanlagen versagten auf breiter Linie. Geheimdienstliche Warnsignale wurden offenbar entweder falsch interpretiert oder ignoriert. Viele Einheiten der israelischen Armee waren am Morgen des Angriffs nicht einsatzbereit, da ein großer Teil der Soldaten zum Feiertag beurlaubt war.

    Die israelische Öffentlichkeit reagierte mit Entsetzen und Wut. Die Vorstellung, dass Kibbutzim und Dörfer über Stunden von Terroristen kontrolliert wurden, ohne dass Hilfe eintraf, erschütterte das Selbstverständnis einer wehrhaften Nation. Innerhalb weniger Tage mobilisierte die Regierung Hunderttausende Reservisten. Die Kriegsrhetorik wurde zur Staatsraison.


    Der Krieg in Gaza: Zerstörung, Vertreibung, humanitäre Krise

    Die Antwort Israels folgte prompt und mit massiver militärischer Wucht. Ziel war die Zerschlagung der militärischen Infrastruktur der Hamas. Was folgte, war eine der intensivsten Militäroperationen in der Geschichte des Konflikts. Innerhalb weniger Monate wurden weite Teile des Gazastreifens durch Luftangriffe, Artilleriebeschuss und Bodenoffensiven zerstört. Besonders betroffen waren die Städte Gaza, Khan Yunis und Rafah.

    Die Zahl der Todesopfer unter der palästinensischen Bevölkerung stieg rasant. Bis Ende 2024 wurden zehntausende Menschen getötet – darunter ein hoher Anteil an Frauen und Kindern. Hunderttausende verloren ihre Wohnungen. Die medizinische Versorgung kollabierte, viele Krankenhäuser wurden beschädigt oder mussten schließen. Die humanitäre Lage wurde zunehmend katastrophal.

    Die israelische Führung verteidigte die Offensive als Akt der Selbstverteidigung. Zugleich wurde und wird Israel international immer stärker für die hohe Zahl ziviler Opfer kritisiert. Hilfslieferungen gelangen nur schwerlich durch die Grenzübergänge, viele Menschen leiden unter Hunger, Wassermangel, Krankheiten und fehlender Infrastruktur.


    Internationale Reaktionen und politische Verschiebungen

    Die internationale Gemeinschaft reagierte gespalten. Westliche Staaten – allen voran die USA und Deutschland – erklärten zunächst ihre uneingeschränkte Solidarität mit Israel und verurteilten die Angriffe der Hamas als Terror. Gleichzeitig wuchs mit der Dauer des Krieges die Kritik an der israelischen Kriegsführung. Menschenrechtsorganisationen warnten vor Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht. In multilateralen Foren wurden Forderungen nach Waffenruhen und humanitären Korridoren laut.

    Gleichzeitig verschärfte der Krieg die geopolitischen Spannungen in der Region. Der Libanon wurde erneut zur Front, der Iran verschärfte seine Rhetorik gegen Israel, und auch in westlichen Gesellschaften nahm die gesellschaftliche Polarisierung zu. Die Debatte über Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und die Legitimität von Solidarität mit Israel oder Palästina entbrannte in vielen Ländern aufs Neue – oft auf eine Weise, die Differenzierung vermissen lässt.


    Innenpolitische Konsequenzen: Spaltung, Protest und neue Sicherheitsdoktrinen

    In Israel selbst führte der 7. Oktober zu einem politischen Erdbeben. Premierminister Benjamin Netanjahu geriet unter massiven Druck. Die Kritik an der Vorbereitung auf den Angriff, die schlechten Informationen der Geheimdienste und das staatliche Versagen in den ersten Stunden des Angriffs führten zu Demonstrationen, Rücktrittsforderungen und einem tiefen Vertrauensverlust in die Regierung. Die Sicherheitsdoktrin wurde neu bewertet. Der Fokus lag fortan auf maximaler Abschreckung und präventiver Gefahrenabwehr – auch auf Kosten ziviler Freiheiten und internationaler Akzeptanz.

    Parallel dazu entwickelte sich eine gesellschaftliche Spaltung. Während ein Teil der Bevölkerung bis heute eine kompromisslose Linie gegen die Hamas fordert, artikuliert ein anderer Teil das Bedürfnis nach einem politischen Ausweg und langfristiger Friedensstrategie – etwa durch diplomatischen Druck auf Katar, Ägypten oder durch internationale Vermittlung.


    Gaza in Trümmern – und ohne Perspektive?

    Für die Menschen im Gazastreifen ist der Preis der Eskalation kaum in Worte zu fassen. Fast die gesamte Infrastruktur liegt in Schutt und Asche, der Zugang zu lebensnotwendigen Gütern ist stark eingeschränkt. Der Wiederaufbau steht vor immensen Herausforderungen – auch politisch: Wer soll Gaza nach der Zerschlagung der Hamas regieren? Welche Kräfte könnten eine glaubwürdige Ordnung aufbauen, ohne erneut ins Visier der israelischen Sicherheitskräfte zu geraten?

    Zugleich bleibt die Hamas trotz massiver Verluste in Teilen handlungsfähig. Ihre Ideologie, ihre Netzwerke und ihre Verwurzelung in Teilen der Gesellschaft sind nicht durch Bomben zu beseitigen. Die strukturellen Ursachen des Konflikts – Besatzung, Blockade, fehlende politische Perspektiven – bleiben bestehen.


    Zwei Jahre nach dem Überfall vom 7. Oktober 2023 ist die Region weit davon entfernt, zur Ruhe zu kommen. Der Tag gilt als historische Zäsur: nicht nur für Israel, das seine Verwundbarkeit erkannt hat, sondern auch für Palästina, das mit nie dagewesener Gewalt konfrontiert wurde. Der Krieg hat alles verändert – und noch ist keine Lösung in Sicht.

    Autor: P. Tiko

  • Frankreichs politische Selbstblockade

    Frankreichs politische Selbstblockade

    Die 48 Stunden nach Sébastien Lecornus Rücktritt zeigen die institutionelle Erschöpfung der Fünften Republik

    Der Rücktritt von Sébastien Lecornu nach nur 27 Tagen im Amt des französischen Premierministers markiert weit mehr als ein persönliches Scheitern. Innerhalb von zwei Tagen legte sich ein grelles Licht auf die tiefe Funktionsstörung des französischen politischen Systems – ein System, das zwischen institutioneller Erstarrung, parteipolitischer Fragmentierung und einem präsidialen Machtvakuum taumelt.


    Ein Mandat ohne Mehrheit

    Als Emmanuel Macron Anfang September 2025 den jungen, erfahrenen Vertrauten Sébastien Lecornu zum Premierminister ernannte, verband er damit die Hoffnung, dem zerrissenen politischen Zentrum neues Leben einzuhauchen. Doch schon die Ausgangslage war ziemlich aussichtslos. Nach den vorgezogenen Parlamentswahlen von 2024 verfügte kein Lager über eine absolute Mehrheit: Weder das Mitte-Bündnis „Renaissance“ noch die Republikaner, Sozialisten oder die linkspopulistische „La France insoumise“ (LFI) sind regierungsfähig.

    Lecornu, zuvor Verteidigungsminister, versuchte, sich durch eine pragmatische Haltung von seinem Vorgänger François Bayrou abzugrenzen. Er versprach, den berüchtigten Artikel 49.3 – der es der Regierung erlaubt, Gesetze ohne Abstimmung durchzusetzen – nur als letztes Mittel zu nutzen, und suchte stattdessen einen „Dialog mit allen Kräften des Landes“. Doch das politische Klima ist vergiftet. Die Kompromissbereitschaft, auf die das parlamentarische System angewiesen wäre, blieb Illusion.


    Erste Risse am Koalitionsgefüge

    Schon bei der Vorbereitung der Regierungsbildung zeigte sich, dass Lecornus Versuch einer Öffnung zum Scheitern verurteilt war. Mehrere Minister der konservativen Republikaner (LR) drohten mit Rücktritt, nachdem ihre Partei nur unbedeutende Ressorts erhalten sollte. François Bayrou, Chef der Zentrumspartei MoDem und unglücklicher Vorgänger Lecornus, protestierte lautstark gegen die „Marginalisierung“ seines Lagers.

    Diese Konflikte waren keine taktischen Episoden, sondern Ausdruck einer strukturellen Krise. In einem politischen Feld, in dem persönliche Loyalitäten, parteitaktische Kalküle und ideologische Reinheit einander blockieren, war Lecornu von Anfang an eine Übergangsfigur – ohne eigene Mehrheit, ohne Rückhalt in der Assemblée nationale, ohne sichtbaren Plan.


    Zwei Tage zwischen Macht und Ohnmacht

    Am Morgen des 6. Oktober reichte Lecornu seine Demission im Élysée ein. Präsident Macron akzeptierte sie – und betraute ihn zugleich mit einer letzten Mission: 48 Stunden lang sollte er versuchen, doch noch eine „Plattform der Stabilität“ zu schaffen. Der Auftrag war symbolisch, fast theatralisch. Denn schon bald sickerte durch, dass Lecornu nicht bereit war, im Fall eines Erfolgs erneut die Regierung zu führen.

    Diese Episode legte die ganze Tragik der französischen Gegenwartspolitik offen. Lecornu war de facto Premierminister eines Landes ohne Regierung, Unterhändler eines Präsidenten ohne Mehrheit und Mediator eines Systems, das sich selber lähmt. Weder die Sozialisten noch die Republikaner, weder die Grünen noch die Linkspopulisten wollten sich auf ein gemeinsames Programm einlassen. Die Fronten zwischen den Blöcken blieben unversöhnlich.


    Der Stillstand als Systemzustand

    Was sich in diesen zwei Tagen abspielte, war weniger eine Krise als die Offenbarung einer Dauerkrise. Die Fünfte Republik, 1958 auf die Autorität des Präsidenten zugeschnitten, steht im Jahr 2025 vor einem strukturellen Paradox: Das Präsidialsystem verlangt Durchsetzungsfähigkeit, das Parteiensystem produziert Unregierbarkeit.

    Ohne Mehrheit im Parlament kann kein Premier Gesetzesvorhaben durchbringen; ohne funktionierende Legislative verliert der Präsident seine Handlungsbasis. Die Folge ist ein institutioneller Stillstand, der in Brüssel und an den Finanzmärkten zunehmend Besorgnis auslöst. Der Financial Times zufolge reagierten Investoren mit wachsendem Misstrauen auf den politischen Schwebezustand: steigende Risikoaufschläge, schwankende Kurse französischer Staatsanleihen, zunehmende Skepsis gegenüber der Haushaltsstabilität.

    Zudem zeichnet sich ab, dass Macron – inzwischen politisch weitgehend isoliert – den letzten verbliebenen Hebel nutzt: die Drohung einer erneuten Auflösung der Nationalversammlung. Doch eine weitere Parlamentswahl könnte die Fragmentierung eher vertiefen als beheben.


    Ermüdung der Institutionen

    Die französische Öffentlichkeit reagiert zunehmend mit Gleichgültigkeit auf die Abfolge von Rücktritten, Krisensitzungen und Neuverhandlungen. Seit 2024 haben sich drei Regierungen im Amt abgelöst, keine davon dauerte länger als einige Monate. Der fortgesetzte Ausnahmezustand des Regierens unterminiert nicht nur das Vertrauen in die Parteien, sondern auch in die demokratische Effizienz des Staates selbst.

    Politikwissenschaftler in Paris sprechen von einer „institutionellen Erschöpfung“: Die Mechanismen der V. Republik – einst Garant für Stabilität – seien in einer Gesellschaft, die nach Dialog und Repräsentation verlangt, zu starr geworden. Der Versuch, das alte Machtmodell durch technokratische Pragmatik zu retten, verstärkt nur den Eindruck, dass Politik sich im Kreis dreht.


    Ein Präsident scheint Schachmatt

    Für Emmanuel Macron ist Lecornus Rücktritt ein schwerer Rückschlag. Der Präsident, dessen zweite Amtszeit ohnehin von schwindender Zustimmung und Autorität geprägt ist, sieht sich ohne verlässliche Mehrheiten, ohne stabile Regierung und ohne politische Reservebank. Jede Personalentscheidung wird zur Frage der Legitimität seines eigenen Systems.

    Macrons Machtbasis beruht noch auf der Rolle des Moderators zwischen Blöcken, doch selbst diese Position verliert an Gewicht. Die extreme Rechte des Rassemblement National (RN) profitiert von der Lähmung des Zentrums, während auf der Linken das Bündnis „Nouveau Front populaire“ zwischen Sozialisten, Grünen und LFI in sich zerfällt. Frankreich steuert damit auf ein institutionelles Niemandsland zu – in dem weder klare Mehrheiten noch dauerhafte Opposition existieren.


    Frankreich erlebt in diesen Tagen die Agonie eines politischen Modells, das seine eigene Modernität überlebt hat. Die Fünfte Republik, geboren aus der Krise von 1958, hat sich über Jahrzehnte durch ihre Stabilität ausgezeichnet. Nun droht sie an genau diesem Prinzip zu scheitern: an der Unfähigkeit, Mehrdeutigkeit und Pluralismus in Regierungsfähigkeit zu übersetzen. Lecornus Rücktritt ist kein Unfall, sondern Symptom einer Republik, die in ihren eigenen Mechanismen gefangen ist – und deren Zukunft ungewisser kaum sein könnte.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Regierung auf Abruf – Sébastien Lecornu zwischen Misstrauen, Manövern und Mehrheitsnot

    Regierung auf Abruf – Sébastien Lecornu zwischen Misstrauen, Manövern und Mehrheitsnot

    Der neue französische Premierminister Sébastien Lecornu ist erst seit wenigen Wochen im Amt – und sein Kabinett erst gestern ernanntes Kabinett steht bereits auf wackligen Füßen. Angesichts massiver Kritik von links und rechts, interner Unruhe in der Koalition und drohender Misstrauensanträge stellt sich die Frage: Handelt es sich um eine Übergangsregierung – oder beginnt hier ein erneuter riskanter politischer Drahtseilakt? Eine Ernennung aus der Defensive Als Sébastien Lecornu am 9. September 2025 zum Premierminister ernannt wurde, kam dies nicht aus einer Position der Stärke. Sein Vorgänger François Bayrou war nach einem Misstrauensvotum gestürzt worden – ein Novum in der Geschichte der Fünften Republik. Lecornu, bislang als loyaler Macronist und Minister für die Überseegebiete und für Verteidigung bekannt, wurde von Präsident Emmanuel Macron als verlässlicher Moderator berufen – nicht als politischer Visionär. Von Anfang an war klar: Das neue Kabinett entsteht nicht aus strategisch…

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