Schlagwort: Gesellschaft

  • Kommentar: Vermieterführerschein? Nein. Anstand würde reichen – oder?

    Kommentar: Vermieterführerschein? Nein. Anstand würde reichen – oder?

    Ein Führerschein für Vermieter. Allein das Wort klingt nach Satire, nach einem Sketch im Spätprogramm. Und doch ist es bitterer Ernst. In Aubagne braucht man inzwischen eine behördliche Erlaubnis, um Wohnungen zu vermieten. Nicht, weil der Staat plötzlich seinen Spaß am Kontrollieren entdeckt hätte, sondern weil Menschen jahrelang in feuchten, dunklen, schimmelnden Löchern leben mussten, die auf Immobilienanzeigen noch immer großmütig als „charmanter Altbau“ firmieren.

    Man fragt sich unweigerlich: Wie tief muss man sinken, damit so etwas nötig wird?

    Der permis de louer soll sicherstellen, dass Böden nicht einstürzen, Dächer dicht sind und Wände nicht mehr Pilzkulturen als Wohnraum beherbergen. Eine radikale Idee, offenbar. Für manche Eigentümer sogar eine Zumutung. Ein Monat Wartezeit! Ein Techniker, der Fragen stellt! Formulare! Bürokratie! Man hört förmlich das verletzte Stöhnen jener, die jahrelang sehr gut davon lebten, nichts zu tun.

    Dabei geht es nicht um Luxus. Niemand verlangt Fußbodenheizung aus Carrara-Marmor oder Designerküchen. Es geht um Licht. Um trockene Räume. Um Wohnungen, in denen Kinder schlafen können, ohne dass die Eltern nachts die Luftfeuchtigkeit messen. Um das, was früher einmal selbstverständlich war und heute als staatliche Gängelung gilt.

    Besonders rührend ist das Argument vom „verlorenen Mieter“. Der wolle sofort einziehen, heißt es, und warte nicht auf Genehmigungen. Ja, natürlich. Wer verzweifelt eine Wohnung sucht, hat selten Geduld. Genau darauf haben viele Vermieter jahrelang gebaut. Auf Not. Auf Alternativlosigkeit. Auf das Schweigen jener, die froh sind, überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben, selbst wenn es tropft.

    Und nun plötzlich: Kontrolle. Verantwortung. Die Drohung mit empfindlichen Geldstrafen. Bis zu 15.000 Euro. Das empört. Nicht etwa der Schimmel, nicht die Evakuierungen, nicht die einsturzgefährdeten Häuser. Sondern die Rechnung.

    Man könnte das alles als überregulierten Irrsinn abtun. Man kann sich über den „Vermieterführerschein“ lustig machen. Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Vielleicht ist er kein Zeichen staatlicher Übergriffigkeit, sondern ein Armutszeugnis für eine Branche, die ohne Zwang offenbar nicht mehr zwischen Rendite und Verantwortung unterscheidet.

    Denn seien wir ehrlich: Wer eine Wohnung vermietet, übernimmt Verantwortung für Menschen. Punkt. Wer dazu nicht bereit ist, sollte sein Objekt nicht vermieten, sondern verkaufen, verschenken oder leer stehen lassen. Niemand zwingt irgendwen zum Vermieter-Dasein. Es ist kein soziales Pflichtjahr.

    Dass man heute Genehmigungen braucht, um elementare Mindeststandards durchzusetzen, sagt weniger über den Staat als über den Zustand des Anstands. Vielleicht braucht es keinen Führerschein. Vielleicht reicht ein Spiegel. Und ein kurzer Blick hinein.

    Ein Kommentar von Daniel Ivers

  • Ein Jugendlicher, ein Urteil, viele offene Fragen: Wie Frankreich mit radikalisierten Minderjährigen umgeht

    Ein Jugendlicher, ein Urteil, viele offene Fragen: Wie Frankreich mit radikalisierten Minderjährigen umgeht

    Es ist eine dieser Nachrichten, die kurz innehalten lassen. Sechzehn Jahre alt. Zwei Jahre Haft ohne Bewährung. Verurteilt wegen der Vorbereitung eines terroristischen Anschlags. Der Ort: Le Mans. Das Urteil: gesprochen vom Tribunal pour enfants de Paris. Und dahinter eine Geschichte, die weit über einen einzelnen Jugendlichen hinausweist. Der Fall betrifft einen Minderjährigen aus der Sarthe, der im November 2025 festgenommen wurde, nachdem Ermittler des Parquet national antiterroriste auf ihn aufmerksam geworden waren. Was sie fanden, war kein fertiger Sprengsatz, kein konkreter Tatort, kein unmittelbar bevorstehender Anschlag. Aber es war genug, um die Justiz zu überzeugen: systematische Radikalisierung, intensive Vorbereitung, ideologische Verfestigung. In der Sprache des Strafrechts: „association de malfaiteurs en vue de la préparation d’un acte de terrorisme“. Das klingt technokratisch, beinahe nüchtern. Tatsächlich verbirgt sich dahinter ein jugendlicher Alltag, der sich zunehme…

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  • Eine Puppe, ein Spektrum und die Frage nach der richtigen Darstellung

    Eine Puppe, ein Spektrum und die Frage nach der richtigen Darstellung

    Es beginnt, wie so oft, mit einer gut gemeinten Idee – und endet in einer hitzigen Debatte. Seit Montag sorgt eine neue Barbie-Puppe für Diskussionen weit über die Spielzeugregale hinaus. Entwickelt vom US-amerikanischen Konzern Mattel, soll sie ein Mädchen mit Autismus darstellen. Ein Symbol für Inklusion, sagen die einen. Ein gefährliches Klischee, entgegnen die anderen. Dazwischen liegt ein gesellschaftlicher Nerv, der empfindlicher kaum sein könnte. Die neue Figur gehört zur Reihe Barbie Fashionistas, einer Kollektion, die längst mehr sein will als nur Mode in Pink. Unterschiedliche Körperformen, sichtbare Behinderungen, Hilfsmittel, medizinische Besonderheiten – all das findet sich dort bereits. Nun also Autismus. Entwickelt wurde die Puppe in Zusammenarbeit mit dem Autistic Self Advocacy Network, einer Organisation, die von autistischen Menschen selbst geführt wird. Das erklärte Ziel: Kinder sollen sich in ihren Spielzeugen wiederfinden können, unabhängig davon, wie sie die Welt …

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  • Der Mann, der das Büro verstand wie kein anderer – Zum Tod von Dilbert-Erfinder Scott Adams

    Der Mann, der das Büro verstand wie kein anderer – Zum Tod von Dilbert-Erfinder Scott Adams

    Der Alltag im Großraumbüro, diese eigentümliche Mischung aus Sinnsuche, Kaffeemaschinenphilosophie und Managementsprech, hatte lange keinen Chronisten. Bis einer kam, der das alles zeichnete, zuspitzte, sezier­te – und damit einen Nerv traf, der weltweit vibrierte. Scott Adams, der Erfinder des Comi…

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  • Schüsse am helllichten Tag – Carcassonne ringt um Antworten

    Schüsse am helllichten Tag – Carcassonne ringt um Antworten

    Ein gewöhnlicher Montagnachmittag, Verkehrslärm, Wintersonne über den Fassaden. Und dann ein Knall. In Carcassonne hat sich am 12. Januar 2026 ein Polizeieinsatz binnen Sekunden in ein Drama verwandelt. Ein 16-Jähriger liegt mit einer Schussverletzung im Brustbereich am Boden, schwer verletzt, sein Leben ist in Gefahr. Die mittelalterliche Stadt, sonst Kulisse für Touristen und Postkartenmotive, steht plötzlich im grellen Licht einer Debatte, die Frankreich seit Jahren begleitet. Kurz nach 15.30 Uhr wollten Polizeikräfte im Zentrum der Stadt ein als gestohlen gemeldetes Fahrzeug stoppen. Ein SUV, besetzt mit vier Minderjährigen. Der Fahrer, ebenfalls 16 Jahre alt, ignorierte die Anhaltezeichen. Mehr noch: Nach ersten Erkenntnissen steuerte er das Fahrzeug mehrfach auf die Beamten zu. Eine Situation, die sich innerhalb von Augenblicken zuspitzte, mit wenig Raum für Abwägung, aber umso mehr für fatale Folgen. Was dann geschah, wird nun akribisch rekonstruiert. Ein Schuss löste sich aus d…

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  • Brandnacht von Crans-Montana: Untersuchungshaft, noch viele offene Fragen und ein Dorf unter Schock

    Brandnacht von Crans-Montana: Untersuchungshaft, noch viele offene Fragen und ein Dorf unter Schock

    Es sind diese Nächte, die sich in das kollektive Gedächtnis eines Ortes brennen. Crans-Montana, sonst Synonym für Wintersonne, mondäne Chalets und sportliche Eleganz, verbindet den Jahreswechsel 2026 mit einem anderen Bild: Flammen im Untergeschoss einer Bar, Sirenen, Rauch, Stille danach. Nun zieht die Justiz die erste harte Linie. Der Miteigentümer der Bar Le Constellation sitzt in Untersuchungshaft.

    Die Entscheidung fiel am Montag, dem 12. Januar. Das Zwangsmassnahmengericht des Kantons Wallis ordnete die vorläufige Inhaftierung von Jacques Moretti an, einem der Betreiber der Bar Le Constellation. Drei Monate zunächst. Begründung: Fluchtgefahr. Eine juristische Formel, nüchtern, fast kühl – und doch von enormer Tragweite für einen Mann, dessen Name seit Tagen untrennbar mit der Brandnacht verknüpft ist.

    Die Haft kann aufgehoben werden, so betont das Gericht, etwa gegen die Hinterlegung finanzieller Garantien. Doch vorerst bleibt die Zellentür geschlossen. In der Schweiz ist Untersuchungshaft kein Schuldspruch, sondern ein Instrument der Sicherung. Die Unschuldsvermutung gilt weiter. Juristisch korrekt. Emotional schwer auszuhalten – für alle Beteiligten.

    Der Brand brach in der Nacht zum Neujahr aus, im Untergeschoss des Lokals, dort, wo gefeiert, getanzt, gelacht wurde. Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler sollen funkenstarke Dekorationskerzen mit einer schalldämmenden Deckenverkleidung aus Schaumstoff in Berührung gekommen sein. Ein Material, das im falschen Moment zur tödlichen Falle wird. Sekunden, vielleicht weniger. Dann Hitze, Rauch, Chaos.

    Die Ermittlungen gehen tiefer. Fragen stehen im Raum wie unausgesprochene Anklagen: Waren Feuerlöscher vorhanden? Waren sie zugänglich? Entsprachen die Fluchtwege den Vorschriften? Und vor allem: Hätten Menschenleben gerettet werden können? Solche Fragen bohren sich nicht nur in Aktenordner, sondern auch in die Seelen eines Dorfes, das seine Sicherheit plötzlich infrage stellt.

    Moretti und seine Ehefrau geraten ins Visier der Staatsanwaltschaft. Der Verdacht lautet auf fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Brandstiftung. Schwere Vorwürfe, die im Schweizer Strafrecht einen klaren Rahmen haben. Fahrlässigkeit bedeutet nicht Vorsatz, aber Verantwortung. Verantwortung für Entscheidungen, für Unterlassungen, für das, was man hätte wissen, prüfen oder verhindern müssen.

    Man sieht die Bilder vor sich: Am 9. Januar betritt Moretti gemeinsam mit seiner Frau das Büro des Staatsanwalts in Sitten. Fotoapparate klicken, die Gesichter sind angespannt. Ein Moment zwischen Öffentlichkeit und Intimität, zwischen Rechtsstaat und persönlicher Tragödie. Die Kamera hält fest, was Worte kaum fassen.

    Crans-Montana selbst wirkt seitdem verändert. Wer durch die Straßen geht, hört Gespräche, halblaut, oft abgebrochen. „Hast du das gehört?“ – „Ja, schlimm.“ Mehr braucht es nicht. In den Cafés wird der Espresso schneller kalt als sonst. Manche sagen offen, dass so etwas überall passieren kann. Andere schütteln nur den Kopf. Diese Mischung aus Fassungslosigkeit und leiser Wut kennt man aus anderen Unglücken. Hier ist sie nun angekommen.

    Die Rolle der Justiz ist klar definiert. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis führt die Untersuchung. Am Ende dieser Phase steht eine Entscheidung: Einstellung des Verfahrens oder Anklageerhebung mit möglichem Prozess. Bis dahin sammelt man Gutachten, hört Zeugen, rekonstruiert Abläufe. Ein mühsamer, oft unspektakulärer Weg. Aber der einzige, der trägt.

    Auffällig ist die Begründung der Haft: Fluchtgefahr. Sie deutet darauf hin, dass die Behörden Moretti zutrauen, sich dem Verfahren zu entziehen. Ob wegen internationaler Kontakte, finanzieller Mittel oder persönlicher Umstände – darüber schweigen die Behörden bislang. Sicher ist nur: Untersuchungshaft ist in der Schweiz kein Automatismus. Sie wird angeordnet, wenn mildernde Mittel nicht ausreichen. Das macht die Entscheidung so schwerwiegend.

    Berichtet wurde der Fall unter anderem von France Télévisions, deren Journalisten früh Zugang zu Justizkreisen erhielten. Die Berichterstattung bleibt bislang sachlich, fast zurückhaltend. Kein Tribunal der Öffentlichkeit, keine voreiligen Schuldzuweisungen. Das entspricht dem Geist des Rechtsstaats – und tut gut in Zeiten, in denen Empörung oft schneller ist als Erkenntnis.

    Und doch bleibt das Unbehagen. Ein Brand, wahrscheinlich ausgelöst durch dekorative Kerzen, die eigentlich Freude verbreiten sollen. Eine schalldämmende Decke, gedacht für bessere Akustik, die sich als Brandbeschleuniger entpuppt. Sicherheitsauflagen, die auf dem Papier existieren – und in der Praxis womöglich versagen. Da fragt man sich schon: Wie viele solcher Risiken schlummern unbeachtet in Kellern, Clubs, Bars?

    Für die Betroffenen, für die Verletzten, für die Angehörigen der Opfer – ihre Perspektive steht jenseits juristischer Feinheiten. Dort zählt kein Paragraph, sondern der Verlust. Und für die Betreiber ähnlicher Lokale im ganzen Land dürfte der Fall wie ein Warnsignal wirken. Ein Weckruf, der sagt: Prüft noch einmal. Schaut genauer hin. Jetzt.

    Crans-Montana wird wieder feiern. Irgendwann. Aber diese Nacht, dieser Brand, diese Untersuchungshaft – sie bleiben Teil der Geschichte des Ortes. Eine Geschichte, die mahnt, ohne zu moralisieren. Die erinnert, ohne anzuklagen. Und die zeigt, wie schmal der Grat zwischen Ausgelassenheit und Katastrophe sein kann.

    Von Daniel Ivers

  • Ein TikTok-Video gegen den Bankrott – wie eine Dorfbäckerei in der Bretagne zur digitalen Herzenssache wurde

    Ein TikTok-Video gegen den Bankrott – wie eine Dorfbäckerei in der Bretagne zur digitalen Herzenssache wurde

    Es beginnt leise. Keine grellen Schnitte, keine Musik, kein erhobener Zeigefinger. Nur ein paar sachliche Sätze, gesprochen mit jener Müdigkeit, die Menschen befällt, wenn sie zu lange gekämpft haben. Und doch entfaltet dieses Video eine Wucht, die man sonst nur von politischen Kampagnen kennt. In der bretonischen Kleinstadt Janzé steht plötzlich nicht nur eine Bäckerei im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie viel Solidarität im digitalen Zeitalter noch möglich ist. Rachel und Christian Briand backen seit 2017 Brot und Croissants, so wie man es ihnen beigebracht hat: früh aufstehen, Hände in den Teig, der Ofen wartet nicht. Acht Jahre später steht das Paar mit dem Rücken zur Wand. Über 100.000 Euro Schulden, ein laufendes Insolvenzverfahren, drei entlassene Mitarbeitende, kein eigener Lohn mehr. Die Verkaufszahlen sinken seit dem Sommer 2025, die Kosten steigen. Energie, Mehl, Butter – alles teurer. Gleichzeitig lockt der Einzelhandel mit Sonntagsöffnungen und Preisen, bei denen ein Han…

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  • Das kleine Wort mit der großen Wirkung – warum ein „Danke“ die Welt ordnet

    Das kleine Wort mit der großen Wirkung – warum ein „Danke“ die Welt ordnet

    Zum „International Thank-You Day“ am 11. Januar: Es sind oft die unscheinbaren Dinge, die das soziale Gefüge zusammenhalten. Ein Blick, ein Nicken, ein Lächeln. Und eben dieses kleine Wort, das man im Vorübergehen murmelt, manchmal gedankenlos, manchmal herzlich: Danke. Kaum ausgesprochen, schon wieder vergessen. Und doch trägt es mehr Gewicht, als ihm im Alltag zugestanden wird. Das „Danke“ ist kein sprachlicher Zierrat, keine höfliche Staffage. Es ist ein kulturelles Fundament, ein psychologischer Anker, ein leiser Kitt der Gesellschaft.

    Wer sich die Mühe macht, dem Wort nachzuspüren, stößt auf eine lange Geschichte. Das französische „merci“, abgeleitet vom lateinischen merces, meinte einst Lohn, Gnade, Gegenleistung. Schon darin liegt eine Wahrheit verborgen, die bis heute trägt: Dank ist Beziehung. Er anerkennt, dass etwas empfangen wurde, ohne selbstverständlich zu sein. Dass jemand etwas gegeben hat – Zeit, Aufmerksamkeit, Hilfe, Geduld. In einer Welt, die gern vom Individuum spricht und von Selbstoptimierung, erinnert das „Danke“ an eine einfache Tatsache: Niemand lebt aus sich allein heraus.

    Diese Einsicht ist alt, aber keineswegs verstaubt. Im Gegenteil. In den vergangenen Jahren hat sich die Wissenschaft dem Phänomen der Dankbarkeit mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit zugewandt. Nicht aus Sentimentalität, sondern aus Neugier auf ihre Wirkung. Psychologen, Neurowissenschaftler, Mediziner haben untersucht, was geschieht, wenn Menschen Dank empfinden und ausdrücken. Die Ergebnisse überraschen nur auf den ersten Blick. Dankbare Menschen berichten von größerer Lebenszufriedenheit, von mehr innerer Ruhe, von einem stabileren emotionalen Gleichgewicht. Sie grübeln weniger, schlafen besser, begegnen Stress gelassener. Das klingt nach Ratgeberliteratur, hält aber der nüchternen Überprüfung stand.

    Dabei geht es nicht um das routinierte „Danke sehr“ an der Supermarktkasse, das man sagt, ohne den anderen anzusehen. Gemeint ist der bewusste Akt der Anerkennung. Das Innehalten. Der Moment, in dem man sich klar macht, dass etwas nicht selbstverständlich war. Diese Form der Dankbarkeit wirkt wie ein Perspektivwechsel. Sie lenkt den Blick weg vom Mangel, vom Noch-nicht, vom Zu-wenig – hin zu dem, was bereits da ist. Und das verändert mehr, als man glaubt.

    Auch sozial entfaltet das „Danke“ eine stille, aber nachhaltige Kraft. Wer Dank ausspricht, bestätigt den anderen in seinem Handeln. Er signalisiert: Du hast eine Rolle gespielt. Du hast einen Unterschied gemacht. In Beziehungen, gleich ob privat oder beruflich, entsteht daraus Vertrauen. Kooperation wird wahrscheinlicher, Konflikte entschärfen sich. Dankbarkeit ist kein Schmiermittel, sondern ein Resonanzraum. Sie schafft Verbundenheit, ohne Pathos, ohne große Worte.

    Interessant ist, dass dieser Effekt nicht nur auf der Gefühlsebene bleibt. Neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Dankbarkeit bestimmte Regionen im Gehirn aktiviert, die mit Belohnung, Motivation und Emotionsregulation zu tun haben. Mit anderen Worten: Wer regelmäßig Dank empfindet, trainiert sein Gehirn. Gedankenmuster verschieben sich, Aufmerksamkeit richtet sich stärker auf positive Erfahrungen. Optimismus entsteht nicht aus blindem Zweckdenken, sondern aus Übung. Das Gehirn lernt, was es häufig tut.

    Sogar der Körper reagiert. Menschen, die Dankbarkeit kultivieren, weisen niedrigere Stresswerte auf, ihr Herz-Kreislauf-System arbeitet stabiler, das Immunsystem scheint robuster zu sein. Man muss kein Romantiker sein, um darin eine plausible Logik zu erkennen. Weniger Stress, besserer Schlaf, mehr soziale Einbindung – all das wirkt sich auf die Gesundheit aus. Dankbarkeit ist kein Allheilmittel, aber sie gehört zu jenen stillen Faktoren, die das Leben langfristig beeinflussen.

    Vor diesem Hintergrund erscheinen Initiativen wie ein „Tag des Dankes“ oder eine „Merci-Journée“ in einem anderen Licht. Sie sind keine sentimentalen Kalenderideen, sondern symbolische Unterbrechungen. In einer Zeit, die von Tempo, Leistung und Vergleich geprägt ist, setzen sie einen Kontrapunkt. Einen Tag lang innehalten. Wahrnehmen, was sonst untergeht. Die Kollegin, die einspringt. Der Nachbar, der hilft. Die Selbstverständlichkeit, die keine ist.

    Natürlich lässt sich Dankbarkeit nicht verordnen. Ein offizieller Gedenktag ersetzt keine Haltung. Aber er kann erinnern. Und Erinnerung ist der erste Schritt zur Gewohnheit. Wer einmal erlebt hat, wie ein ehrlich gemeintes Dankeschön eine Situation verändert – die Stimmung im Raum, den Blick des Gegenübers –, der weiß, dass es sich lohnt. Manchmal reicht ein Satz. Manchmal sogar nur ein Wort.

    Das mag banal klingen. Ist es aber nicht. Denn in einer Gesellschaft, die zunehmend polarisiert, in der Anerkennung oft durch Aufmerksamkeit ersetzt wird und Aufmerksamkeit durch Lautstärke, wirkt Dankbarkeit fast subversiv. Sie ist leise. Sie drängt sich nicht auf. Sie verlangt nichts. Und gerade deshalb entfaltet sie Wirkung.

    Vielleicht liegt darin ihre eigentliche Stärke. Das „Danke“ zwingt niemanden, überzeugt niemanden, missioniert nicht. Es bietet an. Eine Verbindung. Einen Moment des Gleichgewichts. Wer dankt, ordnet die Welt für einen Augenblick neu. Und merkt dabei nicht selten, dass sich auch im Inneren etwas verschiebt.

    Am Ende ist Dankbarkeit keine Tugend für Festtage, sondern eine Praxis für den Alltag. Sie lebt nicht von großen Gesten, sondern von kleinen, bewussten Akten. Ein Blick. Ein Satz. Ein Danke. Mehr braucht es nicht. Aber weniger wäre zu wenig.

    Von C. Hatty

  • Der letzte Zeitungsausrufer von Paris – und ein Ritterschlag für die Erinnerung

    Der letzte Zeitungsausrufer von Paris – und ein Ritterschlag für die Erinnerung

    Er trägt Weiß. Immer. Wie ein wandelndes Ausrufezeichen bewegt er sich zwischen den Bistrostühlen von Saint-Germain-des-Prés, hebt den Arm, lächelt, ruft. „Le Monde!“ Ein Wort, ein Versprechen, ein Stück Papier gegen die digitale Flut. Ali Akbar, 73 Jahre alt, ist der letzte Zeitungsverkäufer „à la criée“ von Paris. Ende Januar erhält er eine Auszeichnung, die größer wirkt als der Mann selbst und doch genau zu ihm passt: den Rang eines Chevaliers im Ordre national du Mérite, verliehen von Emmanuel Macron. Fünf Jahrzehnte, genauer gesagt dreiundfünfzig Jahre, läuft Ali Akbar nun schon durch die Straßen dieses Viertels, das sich gern selbst beim Altern zusieht. Saint-Germain-des-Prés – ein Name wie ein Duft aus Kaffee, Tabak und alten Büchern. Hier ist Ali keine Randfigur, sondern eine Konstante. Einer, der dazugehört, ohne sich jemals aufzudrängen. Einer, den man nicht abonniert, sondern trifft. „Ça y est! Le Monde!“ ruft er, und wer ihn hört, weiß: Jetzt ist der Nachmittag offiziell er…

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  • Abgemagerte Tiere in einem Keller in der Moselle – ein Fall, der sprachlos macht

    Abgemagerte Tiere in einem Keller in der Moselle – ein Fall, der sprachlos macht

    Es ist einer dieser Funde, die selbst erfahrene Einsatzkräfte kurz innehalten lassen. In der Gemeinde L’Hôpital im Département Moselle stießen Polizei und Tierschützer Anfang Januar auf rund vierzig Tiere, zusammengepfercht in einem dunklen Kellerraum. Hunde, Katzen, Kaninchen und Hühner, ausgehungert, geschwächt, umgeben von ihren eigenen Exkrementen. Kein Platz, kaum Licht, offensichtlich zu wenig Futter. Ein Ort, der eher an ein vergessenes Verlies erinnert als an ein Zuhause. Ausgelöst wurde der Einsatz durch Hinweise aus der Nachbarschaft. Mehrere Anwohner hatten Alarm geschlagen, weil Gerüche, Geräusche und der Zustand der Tiere Fragen aufwarfen. Am Montag rückten schließlich die nationale Polizei und die SPA, die Société Protectrice des Animaux, gemeinsam an. Was sie vorfanden, bestätigte die schlimmsten Befürchtungen. Etwa zehn Hunde, dazu zahlreiche Katzen, Kaninchen und Geflügel, alle in einem Zustand schwerer Mangelernährung. Draußen im Garten dann die nächste Überraschung. …

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