Schlagwort: Gesellschaft

  • Roma zwischen Anerkennung und Ausgrenzung: Europas gespaltene Realität

    Roma zwischen Anerkennung und Ausgrenzung: Europas gespaltene Realität

    Wenn der Internationale Tag der Roma begangen wird, geschieht das nicht ohne Bitterkeit. Denn dieser Gedenktag ist mehr als nur ein Zeichen der Anerkennung für eine der ältesten Minderheiten Europas – er ist auch Mahnung. Mahnung daran, wie tief Vorurteile noch immer in der Mitte der Gesellschaft wurzeln, wie träge politische Systeme auf strukturelle Ungleichheit reagieren und wie unterschiedlich die Antworten darauf ausfallen – besonders, wenn man Deutschland und Frankreich vergleicht.

    Die Roma, so heißt es oft, seien „Europäer ohne Land“. Doch das ist mehr als ein romantisches Bild. Es spiegelt auch wider, dass viele Staaten sich schwertun, ihnen einen festen Platz in der Gesellschaft zu gewähren. Während Deutschland zunehmend auf Anerkennung, institutionellen Schutz und Partizipation setzt, bleibt Frankreich bei einem Modell stehen, das vielerorts eher Kontrolle als Integration bedeutet.

    Man könnte sagen, Frankreich klammert sich an ein überkommenes Bild: „les gens du voyage“, die Fahrenden, die man verwalten muss – nicht verstehen. Diese Haltung spiegelt sich in der Praxis wider: Räumungen von Camps, bürokratische Hürden für Aufenthaltsgenehmigungen, permanente Unsicherheit. Nicht wenige französische Roma – ob mit Pass oder nicht – leben im ständigen Risiko, ihre Unterkunft, ihr soziales Umfeld oder ihren Zugang zu medizinischer Versorgung zu verlieren. Und wenn doch mal jemand fragt, heißt es schnell: „Das ist ein Sicherheitsproblem.“

    Deutschland geht einen anderen Weg. Nicht frei von Widersprüchen, nicht ohne Probleme – aber mit einer bemerkenswerten institutionellen Ernsthaftigkeit. Ein Beauftragter gegen Antiziganismus, Staatsverträge mit den Verbänden, offizielle Gedenkorte für die Opfer des Nationalsozialismus – das sind keine bloßen Symbolgesten. Sie zeigen, dass Integration nicht mit Zwang beginnt, sondern mit Respekt. Und mit dem Willen, historische Schuld nicht nur zu bekennen, sondern auch Verantwortung für die Gegenwart daraus zu ziehen.

    Dabei war auch in Deutschland der Weg dorthin steinig. Die Anerkennung der Sinti und Roma als nationale Minderheit kam spät, ihre Repräsentanz in Medien, Politik oder Kultur ist noch heute marginal. Und auch hierzulande lauert Antiziganismus nicht nur am Rand – sondern in Klassenzimmern, auf Ämtern, in alltäglichen Gesprächen. Manchmal gut versteckt hinter einem „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, oft genug aber unverhohlen rassistisch.

    Frankreich hingegen behandelt die Roma nach wie vor als Ausnahmezustand. Ein Problem, das es zu verwalten gilt. Der Unterschied liegt im Grundton: Deutschland versucht, zu integrieren – Frankreich versucht, zu regulieren. Das Ergebnis? Auf der einen Seite entsteht langsam Vertrauen, auf der anderen Frustration. Auf der einen Seite wachsen Bildungsinitiativen und Selbstorganisationen – auf der anderen geraten ganze Familien in einen Kreislauf aus Räumung und Verdrängung. Man fragt sich: Wie lange lässt sich das noch rechtfertigen?

    Dabei liegen die Chancen auf der Hand. Die Roma sind keine homogene Masse, sondern eine europäische Realität – kulturell vielfältig, historisch tief verwurzelt, sozial ambivalent. Man kann in dieser Realität Bedrohung sehen – oder Bereicherung. Wer sich für Letzteres entscheidet, muss aber investieren: in Bildung, in Sprache, in Begegnung. Vor allem aber in Geduld.

    Denn es gibt sie, die Erfolgsgeschichten. Roma-Studierende an Universitäten, Künstlerinnen, die europaweit ausstellen, Bürgermeister, die Brücken bauen. Geschichten, die viel zu selten erzählt werden, weil sie nicht ins Klischee passen. Weil sie das Bild stören, das man sich gerne bewahrt – von der Roma-Familie, die sich nicht integrieren will. Vielleicht ist genau das die größte Aufgabe: die Komfortzone der Vorurteile zu verlassen.

    Was also tun? Vielleicht braucht es nicht noch mehr Gesetze, sondern mehr Zuhören. Weniger Generalverdacht, mehr individuelle Verantwortung. Und den Mut, auch dort Ressourcen bereitzustellen, wo die politische Rendite gering scheint. Denn wer Integration wirklich will, muss auch bereit sein, unbequem zu werden – für die Mehrheitsgesellschaft.

    Der Internationale Tag der Roma ist ein Tag des Erinnerns, ja. Aber mehr noch sollte er ein Tag des Handelns sein. Nicht nur in Reden, sondern im Alltag. In Schulen, Verwaltungen, auf dem Wohnungsmarkt. In Deutschland wie in Frankreich. Zwei Länder, ein Kontinent – und doch so unterschiedliche Wege. Vielleicht ist genau jetzt der Moment, die Perspektiven einander anzunähern. Nicht mit dem moralischen Zeigefinger, sondern mit dem gemeinsamen Blick auf das, was möglich wäre.

    Catherine H.

  • Frankreich: Liebe im Wandel – Krise oder neue Formen der Intimität?

    Frankreich: Liebe im Wandel – Krise oder neue Formen der Intimität?

    Immer mehr Franzosen leben allein, die sexuelle Aktivität nimmt ab – steckt die Liebe in einer Krise oder verändert sie sich einfach? Armelle Andro, Professorin für Demografie an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne, gibt spannende Einblicke in diesen Wandel.

    Ein gesellschaftlicher Umbruch

    Traditionelle Beziehungsmodelle verlieren an Bedeutung. Früher galt die Ehe als zentraler Lebensbaustein, heute entscheiden sich viele bewusst für ein Leben ohne feste Partnerschaft. „Wir beobachten eine Individualisierung der Lebenswege“, erklärt Andro. Menschen setzen stärker auf Selbstverwirklichung – Partnerschaft ist keine Notwendigkeit mehr, sondern eine Option.

    Gleichzeitig nimmt die sexuelle Aktivität ab. Untersuchungen zeigen, dass insbesondere junge Menschen seltener Sex haben als frühere Generationen. Die Gründe sind vielfältig: Stress, digitale Ablenkung, wirtschaftliche Unsicherheiten oder veränderte Prioritäten in der Selbstwahrnehmung.

    Liebe auf neuen Wegen

    Heißt das, dass Romantik und Leidenschaft aussterben? Nicht unbedingt. Vielmehr erleben wir eine Neudefinition von Intimität. Digitale Kommunikation ersetzt klassische Dating-Formen, virtuelle Beziehungen und emotionale Nähe über Distanz sind keine Seltenheit mehr.

    Hinzu kommt, dass offene Beziehungsmodelle und alternative Partnerschaftsformen zunehmend akzeptiert werden. „Die Vielfalt der Beziehungsformen zeigt, dass Liebe nicht weniger wichtig ist – sie wird nur anders gelebt“, betont Andro.

    Ein Zukunftsblick: Krise oder Evolution?

    Die Zahlen deuten auf eine Veränderung hin, aber nicht zwingend auf einen Niedergang der Liebe. Vielleicht ist das traditionelle Bild von Liebe einfach überholt, und wir befinden uns in einer Phase der Anpassung an neue gesellschaftliche Realitäten.

    Was bedeutet das für die Zukunft? Werden romantische Beziehungen weiter an Bedeutung verlieren oder entwickeln sie sich in ganz neue Richtungen? Eins ist sicher: Die Liebe bleibt ein zentrales Thema – sie findet nur neue Ausdrucksformen.

    Von C. Hatty

  • Laut WHO wird es 2024 in Europa mehr Menschen in einem Alter über 65 als unter 15 Jahren geben

    Laut WHO wird es 2024 in Europa mehr Menschen in einem Alter über 65 als unter 15 Jahren geben

    Um die Auswirkungen der Bevölkerungsüberalterung abzumildern, ruft die WHO die Behörden dazu auf, Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit älterer Menschen einzuleiten. Schon im Jahr 2024 wird es in Europa mehr Menschen über 65 Jahre als unter 15 Jahre geben, warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Mittwoch, dem 11. Oktober. Weltweit dürfte dieser Umbruch erst um das Jahr 2064 herum stattfinden, so die Prognosen des Instituts Our World in Data. „Dieser Trend bringt neue soziale, wirtschaftliche und gesundheitliche Herausforderungen mit sich“, stellte die europäische Zweigstelle der WHO fest, der 53 Länder angehören. In der gesamten Europäischen Region ist eine höhere Lebenserwartung oft gleichbedeutend mit einer schlechteren Gesundheit im Alter. Um die Auswirkungen der Bevölkerungsalterung abzumildern, fordert die WHO daher die Behörden und Regierungen auf, Maßnahmen zu ergreifen, die „ältere Menschen in die Lage versetzen, ihre körperliche und geistige Gesundheit, ihre Unabhä…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…


     

     

  • Gesellschaft: Die Stimmung der Franzosen macht Sorgen

    Gesellschaft: Die Stimmung der Franzosen macht Sorgen

    Zwischen September und November haben sich die Fälle von Depressionen in Frankreich verdoppelt. Psychologen werden ausgebildet, um einer in Not geratenen Bevölkerung zu helfen. Die Stimmung der Franzosen wird immer schlechter. Wie der Journalist Jean Chamoulaud auf Franceinfo am Sonntag, 22. November, berichtet, haben sich die Fälle von Depressionen in Frankreich zwischen September und November verdoppelt und sind von 10 auf 21% gestiegen. Jeder fünfte Franzose leidet an einer Depression, und dies kann durch Faktoren wie Einsamkeit, Probleme bei der Arbeit oder sogar Terrorismus erklärt werden. Um ihnen zu helfen, werden derzeit 160 Psychologen ausgebildet. Die psychologische Situation erweist sich in Frankreich als alarmierend. Nach Ansicht des Psychotherapeuten Thomas d’Ansembourg sollten sehr früh Maßnahmen ergriffen werden, um eine Verschlechterung der Stimmungslage zu verhindern. „Wir brauchen unbedingt Selbsterkenntnis und emotionale Intelligenz, die mit der gleichen Dringlichkei…

    [wtr-time]

    Der weitere Text ist unseren Abonnenten vorbehalten.


    Warum ein Abo? Weil guter Journalismus seinen Preis hat.

    Information mag frei zugänglich sein – aber Journalismus ist kein Selbstläufer. Recherchen, Interviews, Faktenchecks und Einordnungen erfordern Zeit, Expertise und Verantwortung.

    Wer unabhängige, fundierte Berichterstattung will, muss sie ermöglichen. Werbefinanzierung allein reicht nicht – sonst entscheiden Klickzahlen über Inhalte.

    Ein Abonnement ist kein Eintrittsgeld, sondern ein Bekenntnis: zur Qualität, zur Unabhängigkeit und zu einer informierten Öffentlichkeit.

    Information ist frei. Journalismus kostet. Und genau deshalb lohnt sich ein Abo.


    Abo-Light – das Monatsabonnement zum schlanken Preis

    Alle Artikel für 0,50 € pro Woche. Das Abo wird monatlich mit 2 € abgerechnet und ist monatlich kündbar.

    Monatsabonnement buchen…


    Premium-Abo – das Jahresabonnement mit wertvollen Add-Ons

    Alle Artikel für 0,38 € pro Woche. Das Abo wird jährlich mit 20 € abgerechnet und ist jährlich kündbar.

    Das Premium-Jahres-Abo bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    Jahresabonnement buchen…


    Lebenslang – das Premium-Abo für immer

    Für eine einmalige Zahlung für nur 36 €. Unbegrenzter Zugriff – ein Leben lang.

    Das Premium-Abo-Lebenslang bietet unbegrenzten Zugriff auf unseren individuellen Reiseplaner.

    Und regelmässig wechselnde ausgewählte E-Books zum kostenlosen Download.


    „Abo-Lebenslang“ buchen…