Schlagwort: Editorial

  • Frankreichs Staatskrise: Verliert Macron die Kontrolle über die politische Agenda?

    Frankreichs Staatskrise: Verliert Macron die Kontrolle über die politische Agenda?

    Frankreich erlebt eine neue Welle sozialer Proteste, die das politische System in seinen Grundfesten erschüttert. Gewalttätige Ausschreitungen, eine überforderte Staatsmacht und wachsende Zweifel an der Handlungsfähigkeit der Regierung verschärfen eine Krise, deren Ursachen weit über die jüngsten Demonstrationen hinausreichen. Sechs Monate vor der Präsidentschaftswahl steht das Land vor einer grundlegenden Frage: Kann die politische Mitte noch regieren, oder ist Frankreich längst in eine Phase chronischer Instabilität eingetreten? Die Bilder brennender öffentlicher Gebäude, geplünderter Geschäfte und gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften sind in Frankreich nicht neu. Doch die Ereignisse vom 17. Oktober 2026 besitzen eine besondere politische Sprengkraft. Sie treffen auf einen Staat, dessen Institutionen zwar weiterhin funktionieren, dessen politische Autorität jedoch zunehmend infrage gestellt wird. Hunderttausende Menschen gingen gegen steigend…

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  • Frankreichs Regierung verliert die Kontrolle – und Macron kämpft um seine Autorität

    Frankreichs Regierung verliert die Kontrolle – und Macron kämpft um seine Autorität

    Die Massenproteste vom 17. Oktober haben Frankreichs Regierung in eine ernste politische Krise gestürzt. Innenminister Laurent Nuñez räumt ein, dass die Sicherheitskräfte in mehreren Grossstädten überfordert waren. Präsident Emmanuel Macron hält dennoch an ihm fest. Doch das eigentliche Problem reicht weit über die Ausschreitungen hinaus: Der Élysée-Palast hat die gesellschaftliche Unzufriedenheit unterschätzt – und muss nun beweisen, dass er noch handlungsfähig ist. Frankreich erlebt wieder einmal jene eigentümliche Verbindung aus gesellschaftlicher Auflehnung, politischer Ratlosigkeit und staatlichem Autoritätsverlust, die seine jüngere Geschichte prägt. Die Demonstrationen vom 17. Oktober haben nicht nur Hunderttausende Menschen auf die Strassen gebracht. Sie haben auch die Schwächen eines Regierungsapparats offengelegt, der zwar mit Unruhen gerechnet hatte, deren tatsächliches Ausmass jedoch nicht angemessen einzuschätzen vermochte. Dass Innenminister Laurent Nuñez am Montagmorgen …

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  • Frankreichs Kampf um den Élysée: Viele wollen Präsident werden – doch wer kann das Land regieren?

    Frankreichs Kampf um den Élysée: Viele wollen Präsident werden – doch wer kann das Land regieren?

    Frankreich steuert auf eine Präsidentschaftswahl zu, die das politische Kräfteverhältnis grundlegend verändern könnte. Rund dreissig Persönlichkeiten bringen sich für die Nachfolge Emmanuel Macrons in Stellung. Hinter dem ungewöhnlichen Bewerberandrang stehen jedoch nicht nur persönliche Ambitionen. Er offenbart die Schwäche der traditionellen Parteien, die Auflösung alter politischer Lager und einen fundamentalen Widerspruch der Fünften Republik: Noch immer konzentriert sich alles auf das Präsidentenamt, obwohl dessen politische Macht längst nicht mehr selbstverständlich ist. Sechs Monate vor der französischen Präsidentschaftswahl 2027 bietet die politische Landschaft ein bemerkenswertes Schauspiel. Rund dreissig Politikerinnen und Politiker werden als mögliche Bewerber für das höchste Staatsamt gehandelt. Manche haben ihre Kandidatur bereits angekündigt, andere bereiten sie vor oder lassen ihre Absichten bewusst offen. Nicht alle werden tatsächlich auf dem Wahlzettel stehen. Doch sch…

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  • Frankreichs Schulproteste offenbaren eine gefährliche Krise der Staatsautorität

    Frankreichs Schulproteste offenbaren eine gefährliche Krise der Staatsautorität

    Frankreich erlebt eine Eskalation seiner Schülerproteste. Verletzte Jugendliche, angegriffene Polizisten und eine Polizeigewerkschaft, die rechtliche Schritte gegen den Staat ankündigt, zeigen das Ausmass der Krise. Doch hinter der Konfrontation auf den Strassen steht ein grundlegenderes Problem: Die politische Führung verliert zunehmend die Fähigkeit, staatliche Autorität mit gesellschaftlichem Vertrauen zu verbinden.

    Wenn die Polizei ihrem eigenen Staat misstraut

    Es gehört zu den bemerkenswertesten Entwicklungen der jüngsten französischen Protestwelle, dass sich nun ausgerechnet die Polizei gegen ihre politische Führung wendet. Die Gewerkschaft Alliance Police nationale hat am 14. Oktober angekündigt, wegen mutmasslicher Gefährdung von Menschenleben rechtliche Schritte einzuleiten. Ihr Vorwurf wiegt schwer: Widersprüchliche Anweisungen aus der politischen und polizeilichen Führung setzten die Beamten unnötigen Risiken aus.

    Damit erhält die seit September andauernde Schülerbewegung eine neue Dimension. Es geht längst nicht mehr ausschliesslich um überfüllte Klassenzimmer, fehlende Lehrkräfte oder die umstrittenen Zulassungsverfahren zu den Hochschulen. Inzwischen steht auch die Frage im Raum, ob der französische Staat seine Sicherheitskräfte noch mit der notwendigen Klarheit führt.

    Die Vorwürfe der Gewerkschaft sind bislang nicht bewiesen. Doch bereits ihre öffentliche Erhebung ist politisch bedeutsam. Wenn Polizeibeamte den Eindruck gewinnen, zwischen politischen Rücksichten und operativen Notwendigkeiten aufgerieben zu werden, gerät eine wesentliche Voraussetzung funktionierender Staatsgewalt ins Wanken: das Vertrauen innerhalb der Befehlskette.

    Die Eskalation hat einen hohen Preis

    Nach Angaben von Premierminister Sébastien Lecornu wurden während der Proteste 937 Polizisten und Gendarmen verletzt. Hinzu kommen 248 verletzte Schüler sowie 149 Beschäftigte des Bildungswesens. Diese Regierungszahlen sagen noch nichts über individuelle Verantwortlichkeiten aus. Sie verdeutlichen jedoch, wie weit sich der Konflikt inzwischen von einer gewöhnlichen schulpolitischen Auseinandersetzung entfernt hat.

    Besonders schwer wiegt der Fall eines 15-Jährigen, der bei einem Polizeieinsatz in Lens eine Hand verlor. Innenminister Laurent Nuñez setzte daraufhin den Einsatz von Blend- und Knallgranaten im Zusammenhang mit den Schülerprotesten aus. Zugleich beschäftigen zahlreiche mutmassliche Übergriffe die interne Polizeiaufsicht.

    Ein demokratischer Rechtsstaat muss beide Seiten dieser Bilanz ernst nehmen. Polizisten haben Anspruch auf Schutz, eindeutige Einsatzregeln und politische Rückendeckung bei rechtmässigem Handeln. Demonstrierende Jugendliche wiederum besitzen das Recht, ihren Protest ohne unverhältnismässige Gewaltanwendung zum Ausdruck zu bringen.

    Diese Rechte gegeneinander auszuspielen, wäre ein schwerer Fehler.

    Frankreichs alte Schwäche: Zentralismus ohne Vertrauen

    Die gegenwärtige Krise verweist auf ein strukturelles Problem der Fünften Republik. Frankreich verfügt über einen stark zentralisierten Staatsapparat, dessen politische Führung traditionell auf hierarchische Entscheidungswege und eine ausgeprägte Exekutivmacht setzt.

    Dieses Modell kann in Krisensituationen Handlungsfähigkeit gewährleisten. Es wird jedoch anfällig, wenn politische Botschaften, ministerielle Vorgaben und praktische Einsatzentscheidungen auseinanderfallen.

    Die französische Geschichte bietet dafür zahlreiche Beispiele. Von den Studentenunruhen des Mai 1968 über die Gelbwestenbewegung bis zu den Protesten gegen die Rentenreform von 2023 zeigte sich wiederholt, wie rasch gesellschaftliche Konflikte zu grundsätzlichen Auseinandersetzungen über die Legitimität staatlicher Autorität werden können.

    Dabei liegt die eigentliche Herausforderung nicht darin, zwischen Härte und Nachgiebigkeit zu wählen. Entscheidend ist vielmehr, ob staatliches Handeln berechenbar, verhältnismässig und politisch nachvollziehbar bleibt.

    Gerade daran bestehen derzeit erhebliche Zweifel.

    Die politische Verantwortung lässt sich nicht delegieren

    Allerdings darf die Ankündigung von Alliance nicht mit einem juristischen Schuldspruch verwechselt werden. Der französische Straftatbestand der Gefährdung anderer Menschen setzt konkrete rechtliche Voraussetzungen voraus. Zudem ist der Staat als solcher von der strafrechtlichen Verantwortlichkeit juristischer Personen ausgenommen.

    Die Initiative besitzt deshalb zunächst vor allem politische Sprengkraft. Sie zwingt die Regierung, ihre Einsatzstrategie zu erklären und mögliche Widersprüche innerhalb der Verwaltung aufzuklären.

    Doch auch die Polizeigewerkschaft muss ihre Behauptungen belegen. Wer der Staatsführung vorwirft, Beamte bewusst Gefahren auszusetzen, trägt eine erhebliche Verantwortung für die eigenen Worte.

    Ebenso wenig darf die Regierung die ursprünglichen Anliegen der Schüler aus dem Blick verlieren. Fehlende Lehrer, ungleiche Bildungschancen und marode Schulgebäude lassen sich nicht mit Polizeieinsätzen beheben.

    Frankreich braucht weder einen schwachen Staat noch einen Staat, der seine Stärke vor allem durch Zwang demonstriert. Es braucht eine politische Führung, die Verantwortung übernimmt, klare Regeln durchsetzt und berechtigte gesellschaftliche Forderungen ernst nimmt.

    Die Autorität einer Demokratie bemisst sich letztlich nicht daran, wie viele Polizisten sie mobilisieren kann. Sie zeigt sich darin, ob sie Konflikte lösen kann, bevor diese auf der Strasse eskalieren.

    Andreas M. Brucker

  • Frankreichs Haushalt 2027: Der Kampf ums Geld wird zur Generalprobe für die Präsidentschaftswahl

    Frankreichs Haushalt 2027: Der Kampf ums Geld wird zur Generalprobe für die Präsidentschaftswahl

    Frankreich steht vor einer finanzpolitischen Zerreissprobe. Die Regierung von Premierminister Sébastien Lecornu will das Staatsdefizit reduzieren und dafür Rentner, Unternehmen und vermögende Haushalte unterschiedlich stark belasten. Doch die geplanten Einschnitte bei den Altersbezügen, der Streit um eine Reichensteuer und die Sorge um die Kaufkraft verschärfen die politischen Gegensätze. Sieben Monate vor der Präsidentschaftswahl 2027 wird die Haushaltsdebatte damit zu einem Machtkampf über die künftige wirtschafts- und sozialpolitische Ausrichtung des Landes. Ein Sparprogramm unter schwierigen Vorzeichen Frankreichs öffentliche Finanzen befinden sich seit Jahren in einer strukturellen Schieflage. Hohe Sozialausgaben, steigende Zinskosten und ein schwaches Wirtschaftswachstum begrenzen den finanziellen Handlungsspielraum des Staates. Die Regierung will das Haushaltsdefizit von voraussichtlich 5,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts im Jahr 2026 auf 5 Prozent im Jahr 2027 senken. Dafür is…

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  • Schüsse in Aubagne: Die Schule soll alles richten – doch sie kann nicht alles verhindern

    Schüsse in Aubagne: Die Schule soll alles richten – doch sie kann nicht alles verhindern

    Ein Vierzehnjähriger schiesst in einem Collège bei Marseille auf den Schulleiter und eine Lehrerin. Während die Politik über Jugendkrisen, Prävention und Sicherheit diskutiert, gerät eine grundlegende Frage in den Hintergrund: Wie viel Verantwortung kann eine Schule tragen, wenn gesellschaftliche Probleme bis in ihre Klassenzimmer vordringen? Der Fall von Aubagne zeigt die Grenzen staatlicher Fürsorge – und die Gefahr vorschneller Erklärungen. Editorial | 13. Oktober 2026 Ein Gitarrenkoffer gehört zum Schulalltag. Ein Jagdgewehr nicht. Als ein vierzehnjähriger Schüler am Montagvormittag mit einer in einem Gitrrenkoffer versteckten Schusswaffe das Collège Joseph-Lakanal im südfranzösischen Aubagne betrat, verwandelte sich ein gewöhnlicher Unterrichtstag in die Szene einer Gewalttat. Mehrere Schüsse fielen, der Schulleiter und eine Lehrerin wurden verletzt. Dass beide nach ersten Behördenangaben ausser Lebensgefahr sind, ist eine Erleichterung. Dass Schulmitarbeiter den Jugendlichen über…

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  • Glucksmanns Triumph – und die Illusion einer geeinten französischen Linken

    Glucksmanns Triumph – und die Illusion einer geeinten französischen Linken

    Editorial | 12. Oktober 2026 Raphaël Glucksmann hat gewonnen, und zwar mit einer Deutlichkeit, die keinen Raum für Interpretationen lässt. 66,17 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang der sozialdemokratischen Vorwahl sind ein eindrucksvoller Vertrauensbeweis. Doch Frankreichs Linke steht damit vor einem eigentümlichen Paradox: Sie hat einen klaren Präsidentschaftskandidaten, aber noch lange keine gemeinsame politische Strategie. Der Sieg des Europaabgeordneten beendet einen Machtkampf innerhalb der gemässigten Linken. Den weit schwierigeren Kampf um die politische Mitte und eine nationale Mehrheit eröffnet er erst. Der Erfolg Glucksmanns ist zunächst eine Niederlage für das sozialistische Establishment. Olivier Faure, Vorsitzender des Parti socialiste (PS), erhielt lediglich 14,46 Prozent der Stimmen. Die frühere Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal erreichte 7,62 Prozent, während Emmanuel Maurel und Jérôme Guedj jeweils unter sechs Prozent blieben. Das Ergebnis ist eine politisch…

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  • Frankreichs Schüleraufstand: Warum sich die Krise nicht in Paris lösen lässt

    Frankreichs Schüleraufstand: Warum sich die Krise nicht in Paris lösen lässt

    Editorial | 9. Oktober 2026 Frankreichs Regierung steht vor einer Bewährungsprobe, die weit über den Schulalltag hinausreicht. Tausende Schüler protestieren gegen Unterrichtsausfälle, marode Schulgebäude und unsichere Zukunftsperspektiven. Bildungsminister Édouard Geffray reagiert mit einem Notfallp…

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  • Der Aufstand aus dem Algorithmus

    Der Aufstand aus dem Algorithmus

    Frankreich erlebt in diesen Wochen nicht nur eine neue Welle des Schülerprotests. Das Land erlebt die Entstehung einer neuen Form politischer Mobilisierung. Was an einzelnen Gymnasien mit Klagen über fehlende Lehrer, überfüllte Klassen, marode Gebäude und die Zukunftsangst rund um Parcoursup begann, hat sich binnen weniger Tage zu einer landesweiten Bewegung ausgeweitet. Am 1. Oktober waren nach Angaben des Innenministeriums 1027 Schulen von Protestaktionen betroffen, 222 davon blockiert.

    Bemerkenswert ist jedoch weniger die Existenz des Protests als dessen Geschwindigkeit. Frankreich kennt Schülerrevolten seit Jahrzehnten. Neu ist die Infrastruktur, auf der sie sich ausbreiten. TikTok, Snapchat, Instagram und Discord sind längst mehr als Kommunikationsmittel einer jungen Generation. Sie werden zu politischen Organisationsräumen. Hinzu kommt nun die generative künstliche Intelligenz. Gemeinsam verändern diese Technologien die Mechanik gesellschaftlicher Mobilisierung – und damit auch die Frage, wer politische Bewegungen eigentlich organisiert.

    Der Algorithmus ersetzt die Zentrale

    Die klassischen Protestbewegungen des 20. Jahrhunderts benötigten Strukturen. Gewerkschaften, Parteien oder Schülerorganisationen beschlossen Aktionen, entwarfen Flugblätter, mobilisierten Mitglieder und bestimmten Termine. Kommunikation folgte der Organisation.

    Bei den französischen Schülerprotesten des Herbstes 2026 lässt sich zunehmend die umgekehrte Reihenfolge beobachten.

    Ein Video eines blockierten Gymnasiums erscheint auf TikTok. Tausende Jugendliche sehen es. Der Algorithmus erkennt die ungewöhnlich hohe Aufmerksamkeit und verbreitet ähnliche Inhalte weiter. Andere Schüler entdecken, dass Schulen in ihrer Umgebung ebenfalls protestieren. Sie teilen Bilder, übernehmen Parolen und organisieren über Snapchat oder Messenger-Gruppen eigene Aktionen.

    Innerhalb weniger Stunden kann aus einem lokalen Ereignis ein nationales Phänomen werden.

    Wie stark dieser Mechanismus wirkt, zeigen Daten über die digitale Verbreitung der Proteste: Am 28. September stieg die Zahl einschlägiger Veröffentlichungen innerhalb von vier Stunden von 76 auf 2394 Beiträge pro Stunde. Einzelne Videos erreichten Hunderttausende Aufrufe. Ein von einem Politiker veröffentlichtes TikTok-Video zur Bewegung kam auf rund 1,5 Millionen Aufrufe.

    Damit entsteht eine eigentümliche Rückkopplung. Jugendliche protestieren, weil sie andere Jugendliche protestieren sehen. Die Bilder dokumentieren nicht lediglich die Bewegung. Sie helfen, sie hervorzubringen.

    Die künstliche Intelligenz als politische Druckerpresse

    Die zweite Neuerung ist noch fundamentaler. Erstmals spielt generative künstliche Intelligenz bei einer grossen französischen Schülerbewegung eine sichtbar relevante Rolle.

    Französische Sicherheitsbehörden registrierten zahlreiche auf TikTok verbreitete Mobilisierungsplakate, die offenbar mit KI-Systemen erzeugt worden waren. Ein grafisches Grundmotiv konnte dabei innerhalb weniger Minuten für verschiedene Städte, Schulen und Termine angepasst werden.

    Was zunächst wie eine technische Nebensächlichkeit erscheint, verändert die Ökonomie politischer Kommunikation.

    Ein Flugblatt zu produzieren bedeutete früher Arbeit. Texte mussten geschrieben, Grafiken gestaltet, Dokumente gedruckt und verteilt werden. Selbst digitale Kampagnen erforderten zumindest gewisse Kenntnisse in Bildbearbeitung und Kommunikation.

    Generative KI senkt diese Eintrittsschwelle dramatisch. Ein Jugendlicher mit einem Smartphone kann heute innerhalb von Minuten Material herstellen, das wie die Kommunikation einer professionellen politischen Organisation aussieht.

    Die künstliche Intelligenz wird damit zur politischen Druckerpresse des Smartphone-Zeitalters: billig, schnell, skalierbar und weitgehend anonym.

    Entscheidend ist dabei nicht die Ästhetik der Plakate. Entscheidend ist ihre organisatorische Wirkung. Ein professionell wirkender Aufruf suggeriert, dass hinter einer Aktion bereits eine Bewegung steht. Gerade dadurch kann jene Bewegung erst entstehen.

    Die Kommunikation geht der Organisation voraus.

    Wer führt eine Bewegung ohne Führung?

    Diese Entwicklung erklärt auch die politische Kontroverse über die Herkunft der Proteste.

    Die französische Regierung und Teile der Sicherheitsbehörden verweisen auf die Aktivitäten linksradikaler Gruppen und insbesondere auf Akteure im Umfeld von La France insoumise. Tatsächlich haben Politiker und Aktivisten der radikalen Linken den Protest früh unterstützt und öffentlichkeitswirksam begleitet.

    Daraus folgt jedoch nicht, dass sie ihn geschaffen haben.

    Eine von Le Monde ausgewertete Einschätzung des Pariser Polizeinachrichtendienstes stützte sich auf Beobachtungen an rund zwanzig Schulen. Zu diesem Zeitpunkt waren landesweit bereits mehr als tausend Einrichtungen von Mobilisierungen betroffen. Aus einem solchen Ausschnitt lässt sich schwerlich die Entstehung einer nationalen Bewegung rekonstruieren.

    Wahrscheinlicher ist eine komplexere Erklärung. Die Unzufriedenheit vieler Schüler ist real. Fehlende Lehrer, schlechte Infrastruktur und Zukunftsängste bilden einen sozialen Resonanzboden. Digitale Plattformen beschleunigen die Mobilisierung. Politische Organisationen versuchen anschliessend, Einfluss auf die entstehende Bewegung zu gewinnen.

    Das eine schliesst das andere nicht aus.

    Gerade darin liegt die Schwierigkeit dieser neuen Protestform: Zwischen spontaner Mobilisierung, algorithmischer Verstärkung und politischer Instrumentalisierung lassen sich kaum noch klare Grenzen ziehen.

    Wenn der Protest selbst digital wird

    Inzwischen geht die Entwicklung noch einen Schritt weiter.

    Als Schulen wegen Blockaden teilweise auf Fernunterricht auswichen, tauchten Zugangsdaten zu virtuellen Klassenräumen auf TikTok und Discord auf. Nutzer verabredeten sich, in Videokonferenzen einzudringen und den Unterricht zu stören. Eine entsprechende TikTok-Veröffentlichung sammelte innerhalb eines Tages mehr als 3200 Kommentare.

    Der traditionelle Schulstreik erhält damit einen digitalen Zwilling.

    Das Schultor lässt sich blockieren – aber ebenso der virtuelle Klassenraum. Protest wird nicht mehr nur über digitale Plattformen organisiert. Teile der Aktion selbst verlagern sich ins Netz.

    Dabei verschwimmen allerdings politische Aktion, Vandalismus und schlichte Provokation. Bei beobachteten Störungen virtueller Unterrichtsstunden waren teilweise überhaupt keine politischen Forderungen mehr erkennbar. Manche Teilnehmer schienen lediglich am digitalen Chaos interessiert.

    Auch dies gehört zur Logik dezentraler Bewegungen: Je niedriger die Eintrittsschwelle, desto schwieriger wird es, Ziele, Methoden und Teilnehmer zu kontrollieren.

    Die gefährliche Macht spektakulärer Bilder

    Noch problematischer ist die Logik der Plattformen selbst.

    Algorithmen belohnen Aufmerksamkeit. Ein ruhiges Treffen von dreissig Schülern, die über Unterrichtsausfälle diskutieren, besitzt naturgemäss weniger virales Potential als Bilder brennender Barrikaden, Polizeieinsätze oder Auseinandersetzungen vor einer Schule.

    Damit entsteht ein struktureller Anreiz zur Dramatisierung.

    Am 1. Oktober sprach das französische Innenministerium bereits von 1949 Festnahmen. Gleichzeitig wurden schwere Ausschreitungen und zahlreiche Verletzte gemeldet. Die ursprünglichen Forderungen nach besseren Lernbedingungen drohten hinter den Bildern der Gewalt zu verschwinden.

    Das bedeutet nicht, dass soziale Netzwerke Gewalt verursachen. Wohl aber verändern sie die Selektionsmechanismen politischer Öffentlichkeit. Sichtbar wird bevorzugt, was emotionalisiert, überrascht oder empört.

    Generative KI verschärft das Problem zusätzlich. Denn künftig wird nicht nur entscheidend sein, welches reale Bild besonders spektakulär ist. Ebenso wichtig wird die Frage, ob ein spektakuläres Bild überhaupt real ist.

    Damit geraten Medien, Behörden und politische Akteure unter einen neuen Zeitdruck: Falschinformationen können Millionen Menschen erreichen, bevor ihre Authentizität überprüft worden ist.

    Frankreichs Schülerproteste sind deshalb mehr als eine weitere Episode in der langen Geschichte gesellschaftlicher Unruhe des Landes. Sie zeigen im Kleinen, wie politische Mobilisierung künftig funktionieren könnte.

    Die Macht verlagert sich von Organisationen zu Netzwerken, von Funktionären zu Influencern und teilweise sogar von Menschen zu algorithmischen Empfehlungssystemen. Bewegungen können entstehen, bevor sie über Sprecher, Programme oder Strukturen verfügen. Niemand muss den Befehl zum Protest geben. Es genügt, wenn Millionen Menschen gleichzeitig sehen, dass andere bereits protestieren.

    Für demokratische Gesellschaften ist das weder ausschliesslich Bedrohung noch Fortschritt. Die neuen Instrumente erleichtern politische Beteiligung und erlauben jungen Menschen, Missstände sichtbar zu machen, die institutionell kaum Gehör finden. Gleichzeitig schwächen sie jene Strukturen, die Bewegungen bislang Verantwortung, Verhandlungspartner und politische Disziplin gaben.

    Das Flugblatt ist deshalb keineswegs verschwunden. Auch das Megafon wird weiterhin gebraucht. Doch neben ihnen steht inzwischen ein sehr viel mächtigeres Instrument: ein Algorithmus, der aus einem Ereignis binnen Stunden eine Bewegung machen kann – und eine künstliche Intelligenz, die dieser Bewegung ein Gesicht gibt, noch bevor sie weiss, wer sie eigentlich ist.

    P.T.

  • Frankreichs Schülerprotest wird zum Test für den Staat

    Frankreichs Schülerprotest wird zum Test für den Staat

    Frankreich hat Erfahrung mit sozialen Bewegungen. Doch gerade deshalb wäre es voreilig, die seit Wochen anhaltenden Proteste der Gymnasiasten entweder zum Vorboten eines neuen Mai 1968 zu erklären oder als vorübergehende Revolte einer unzufriedenen Jugend abzutun. Entscheidend ist inzwischen nicht mehr, wie viele Schulen blockiert werden. Entscheidend ist, ob es den Schülern gelingt, aus einem Konflikt über Klassenzimmer, Lehrermangel und marode Gebäude eine breitere gesellschaftliche Auseinandersetzung zu machen. Am Dienstag, dem 6. Oktober, wird diese Frage erstmals ernsthaft beantwortet werden. Studenten haben sich angeschlossen, Gewerkschaften unterstützen die Mobilisierung, Lehrer beteiligen sich. Damit steht Frankreich an einem jener schwer bestimmbaren Punkte, an denen aus vielen einzelnen Beschwerden eine gemeinsame politische Erzählung entstehen kann. Noch ist es nicht so weit. Aber die Voraussetzungen dafür sind vorhanden. Eine Revolte ohne einzelnes Gesetz Der ungewöhnlichst…

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