Kategorie: Wirtschaft

  • Scannen statt schlucken: Wie Yuka und Open Food Facts unsere Ernährung revolutionieren wollen

    Scannen statt schlucken: Wie Yuka und Open Food Facts unsere Ernährung revolutionieren wollen

    Der Supermarkt ist längst kein Ort bloßer Versorgung mehr. Wer heute durch die Regale wandert, zückt sein Smartphone wie ein Kompass – und scannt, statt einfach zu kaufen. Zwei digitale Helfer haben diesen Wandel wesentlich mitgestaltet: Yuka und Open Food Facts. Was zunächst wie Spielerei wirkt, ist in Wahrheit Teil eines kulturellen Umbruchs. Es geht um nicht weniger als die Rückeroberung der Kontrolle über das, was täglich auf unseren Tellern landet. Wissen, was drinsteckt Open Food Facts war der Anfang. Eine offene, kollaborative Datenbank, in der Millionen von Produkten weltweit erfasst sind – samt Nährwertangaben, Zusatzstoffen, Verarbeitungsgrad, zunehmend auch mit Umweltinformationen. Wer will, kann mitmachen: Daten einpflegen, korrigieren, ergänzen. Was daraus entsteht, ist weit mehr als eine Liste – es ist eine Art Wikipedia unserer Ernährung. Yuka dagegen macht diese Informationen für den Alltag zugänglich. Die App vergibt Noten – von Grün bis Rot – und bewertet Produkte nac…

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  • Alarmstufe rot – Die Vogelgrippe kehrt zurück in die Dordogne

    Alarmstufe rot – Die Vogelgrippe kehrt zurück in die Dordogne

    Zwischen Périgueux und Bergerac, dort wo sich sanfte Hügel mit weiten Feldern abwechseln und die Enten- und Gänsezucht zur regionalen Identität gehört wie der Wein zum Bordelais, herrscht Unruhe. Saint-Mayme-de-Pereyrol – ein kleiner, landwirtschaftlich geprägter Ort – steht plötzlich im Zentrum einer veterinärmedizinischen Krise. Zum vierten Mal binnen drei Wochen ist dort ein Ausbruch der Vogelgrippe registriert worden. Diesmal trifft es einen Betrieb mit 4.900 Enten. Und wieder droht das, was Landwirte am meisten fürchten: die Keulung des gesamten Bestands. Die Behörden reagieren mit routinierter Entschlossenheit. Die Tiere sollen schnellstmöglich getötet, der Hof dekontaminiert und das Areal unter Quarantäne gestellt werden. Für die betroffenen Züchter bedeutet das mehr als wirtschaftlichen Schaden – es ist ein Angriff auf ihre Lebensgrundlage, ihren Alltag, ihre Rolle in einer traditionsreichen Branche. Zwar kündigt die Präfektur der Dordogne eine Entschädigung an, doch was ist Ge…

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  • Staat gegen Stahlgigant – Frankreich debattiert über die Verstaatlichung von ArcelorMittal

    Staat gegen Stahlgigant – Frankreich debattiert über die Verstaatlichung von ArcelorMittal

    Mit der Annahme eines Gesetzesentwurfs zur Nationalisierung von ArcelorMittal setzt die französische Nationalversammlung ein markantes Zeichen: Der Staat will wieder aktiver Industriepolitik betreiben – auch mit schwerem Werkzeug. Doch ob die Rückverstaatlichung einer angeschlagenen Branche mehr als ein symbolischer Akt ist, bleibt offen. Am Abend des 27. November hat die Assemblée nationale mit 127 zu 41 Stimmen in erster Lesung eine Gesetzesinitiative der linken Oppositionspartei La France insoumise (LFI) angenommen, die die französischen Aktivitäten des Stahlkonzerns ArcelorMittal unter staatliche Kontrolle stellen will. Es ist ein Schritt, der in der politischen Landschaft Frankreichs lange Zeit als Tabubruch gegolten hätte – und doch reiht er sich ein in die Rückkehr des Staates als wirtschaftlicher Akteur, wie sie seit der Corona-Pandemie und der Energiekrise wieder verstärkt zu beobachten ist. Die Rückkehr der Industriepolitik Ziel des Gesetzes ist die Überführung der ArcelorMit…

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  • Ein Fahrrad wie aus einem Märchenwald

    Ein Fahrrad wie aus einem Märchenwald

    Wie ein Holzrad aus Nordfrankreich das grüne Gewissen der Mobilität neu erfindet Zuerst wirkt es wie eine charmante Spinnerei: ein E-Bike aus Holz, das aussieht wie aus einem Designmuseum. Doch was der französische Ingenieur Guillaume Dumont in einem stillen Moment der Pandemie ersonnen hat, entpuppt sich als radikale Idee mit erstaunlich bodenständiger Wirkung. Seine Vision: das nachhaltigste Fahrrad der Welt – gebaut aus einer simplen Birkenholzplatte, gefertigt in Frankreich, zusammengebaut von Menschen mit Behinderung. Ergebnis: zehnmal weniger CO₂-Emissionen als herkömmliche Aluminiumräder aus Fernost. Ein ehrgeiziges Ziel, das ganz leise begonnen hat – im Keller, mitten im Corona-Lockdown. Kein Schweißgerät, dafür jede Menge Holz. „Wir waren eingeschlossen und hatten keine Möglichkeit zu schweißen“, erzählt Dumont. „Aber wir hatten Holz. Und den Traum, ein Fahrrad zu bauen, das wirklich etwas verändert.“ Heute steht er in seinem Werk im Pas-de-Calais und blickt auf Maschinen, die…

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  • 10-Euro-Steuer für Billigimporte: Frankreich zieht die Reißleine bei Mini-Paketen

    10-Euro-Steuer für Billigimporte: Frankreich zieht die Reißleine bei Mini-Paketen

    Was kostet ein T-Shirt aus China? Manchmal weniger als ein belegtes Baguette. Doch damit könnte in Frankreich bald Schluss sein – zumindest, was die Zusatzkosten betrifft. Die Assemblée nationale, Frankreichs parlamentarisches Unterhaus, hat eine Maßnahme in Angriff genommen, die das Shoppingverhalten vieler Französinnen und Franzosen verändern dürfte: eine neue Abgabe auf sogenannte „kleine Pakete“ aus Nicht-EU-Ländern.

    Das Ziel: Die Flut von Billigwaren eindämmen, lokale Händler schützen und ein Signal gegen umweltschädliche Wegwerfware setzen.

    Was steckt hinter der „Mini-Paket“-Steuer?

    Im Zentrum der Diskussion steht ein Segment des Onlinehandels, das bislang steuerlich kaum berührt wurde: Produkte unter 150 Euro, direkt aus Ländern wie China importiert, meist über Plattformen wie Shein, Temu oder AliExpress. Der Trick: Diese Sendungen entgehen häufig der Zollabfertigung und landen nahezu unkontrolliert in französischen Briefkästen.

    Damit soll nun Schluss sein – oder zumindest ein Anfang gemacht werden.

    Geplant ist zunächst eine Abgabe von 2 Euro pro Paket, die ab 2026 gelten könnte. Doch damit geben sich einige Abgeordnete nicht zufrieden: Ein Zusatzantrag fordert stattdessen gleich 10 Euro pro Sendung – ein ordentlicher Aufpreis bei Bestellungen, deren Warenwert oft selbst nur einstellige Beträge beträgt.

    Die Debatte ist eröffnet. Und Frankreich steht bei dieser Entscheidung nicht allein: Auch auf EU-Ebene wird eine Harmonisierung der Besteuerung solcher Importe diskutiert – erste Beschlüsse wurden bereits gefasst.

    Warum überhaupt eine neue Steuer?

    Die Gründe liegen – wie so oft – im Zusammenspiel von Wirtschaft, Umwelt und sozialer Fairness.

    Erstens: Der Onlinehandel mit Billigwaren aus Asien ist in den letzten Jahren regelrecht explodiert. Laut Schätzungen wurden allein 2023 rund 2,3 Milliarden Artikel unter 150 Euro in die EU importiert. Ein beachtlicher Teil davon landet auch in Frankreich. Dabei handelt es sich oft um Mode aus der Ultra-Fast-Fashion-Schiene, Zubehör oder technische Gadgets – günstig, schnell geliefert, aber oft von fragwürdiger Qualität und Herkunft.

    Zweitens: Die derzeitige Steuerpraxis sorgt für ein erhebliches Ungleichgewicht. Während europäische Händler Mehrwertsteuer abführen und unter strengen Auflagen produzieren, gelangen viele Importprodukte nahezu steuerfrei ins Land. Das Ergebnis: Preisverzerrung und ein massiver Wettbewerbsnachteil für den stationären und regionalen Handel.

    Drittens: Die soziale und ökologische Dimension. Billig heißt nicht nur günstig für Konsumenten, sondern häufig auch teuer für Mensch und Umwelt: schlechte Arbeitsbedingungen, hohe Emissionen durch Einzelversand per Luftfracht, Müllberge durch kurzlebige Produkte.

    Kurzum: Die neue Abgabe will einen Preis sichtbar machen, der bislang unsichtbar blieb.

    Zwischen Symbolpolitik und realer Wirkung

    Doch kann eine solche Steuer tatsächlich etwas bewirken – oder bleibt sie bloße Geste?

    Genau hier setzt die Kritik vieler Expert:innen an. Derzeit werden in Frankreich laut einem Bericht lediglich 0,125 Prozent aller Kleinsendungen tatsächlich kontrolliert. Wenn der Zoll gar nicht weiß, was in den Paketen steckt, wie soll dann eine Steuer flächendeckend greifen?

    Noch dazu droht eine Umgehung durch technische Kniffe: Große Plattformen könnten ihre Logistik umstellen und Waren über Zwischenlager in EU-Ländern verschicken – und wären damit aus dem Schneider. Ein echtes Nadelöhr für die Steuerbehörden und ein Risiko für die Glaubwürdigkeit der Maßnahme.

    Dazu kommt: Wenn Frankreich im Alleingang vorprescht, während andere EU-Länder noch zögern, entsteht ein Flickenteppich an Regeln – und das in einem gemeinsamen Binnenmarkt.

    Wer zahlt am Ende?

    Die Maßnahme trifft einen empfindlichen Punkt – vor allem für Menschen mit schmalem Geldbeutel. Viele Kund:innen dieser Plattformen stammen aus Haushalten, die auf günstige Angebote angewiesen sind. Eine zusätzliche Steuer auf jede Bestellung könnte ihre Budgets spürbar belasten. Kritische Stimmen aus dem linken Lager sprechen deshalb von einer „Strafsteuer auf Armut“.

    Gleichzeitig stellt sich eine unbequeme Frage: Wer trägt eigentlich die Verantwortung für den Boom dieser Plattformen? Sind es wirklich nur die Händler – oder auch ein Konsumverhalten, das durch permanente Schnäppchenjagd immer neue Rekorde bricht?

    Die Politik wagt hier einen Spagat: Sie will regulieren, ohne zu verbieten. Steuern, ohne zu bestrafen. Und vor allem: Bewusstsein schaffen, ohne den Zeigefinger zu heben.

    Was bedeutet das konkret?

    Für Verbraucherinnen und Verbraucher in Frankreich könnte das künftig heißen: Wer bei Shein & Co. bestellt, zahlt drauf. Zwei Euro extra pro Paket – vielleicht sogar zehn. Das macht aus einem 5-Euro-Shirt schnell eine 15-Euro-Angelegenheit.

    Für die Plattformen wiederum dürfte sich das Geschäftsmodell verteuern. Möglich, dass sie Alternativen suchen: europäische Lager, gebündelte Lieferungen, höhere Produktpreise. Alles Optionen – mit Nebenwirkungen.

    Und für den französischen Staat? Ein doppelter Gewinn: mehr Einnahmen und ein Statement für faireren Handel. Ob sich das geplante Steueraufkommen von bis zu 500 Millionen Euro jährlich tatsächlich realisieren lässt, hängt aber von der Durchsetzung ab – und davon, ob Europa an einem Strang zieht.

    Ein Weckruf – mehr nicht?

    Der Vorstoß der Nationalversammlung ist mehr als nur eine Fußnote im Steuerrecht. Er ist ein Signal. Ein kleiner Ruck gegen einen gigantischen Trend.

    Aber er wirft auch Fragen auf: Reicht diese Maßnahme aus? Oder braucht es mehr – etwa umfassendere Zollkontrollen, strengere Transparenzpflichten oder bessere Aufklärung für Verbraucher?

    Vielleicht ist es auch einfach an der Zeit, sich zu fragen: Muss wirklich jedes T-Shirt aus der anderen Ecke der Welt kommen?

    Eines ist klar: Diese kleine Steuer hat das Potenzial, eine große Debatte auszulösen – über Konsum, Gerechtigkeit und den Preis, den wir alle zahlen.

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Sprudelnder Streit: Warum Perrier trotz Kritik weiter als „natürlich“ verkauft werden darf

    Sprudelnder Streit: Warum Perrier trotz Kritik weiter als „natürlich“ verkauft werden darf

    Perrier – das prickelnde Aushängeschild französischer Lebensart – steht am Pranger. Nicht wegen seines Marketings, sondern wegen des, was in der Flasche steckt: „eau minérale naturelle“, also natürliches Mineralwasser. Doch ist es das überhaupt noch? Ein Gericht hat entschieden: Ja, zumindest vorerst. Die ikonischen grünen Flaschen dürfen weiterhin so etikettiert werden. Aber der Fall ist alles andere als abgeschlossen – er erzählt von Vertrauen, von Industriepraktiken und einem Etikett, das mehr wiegt, als es scheint. Der Funke, der das Fass zum Überlaufen brachte Die Verbraucherschutzorganisation UFC‑Que Choisir hatte genug. Sie zog vor Gericht, mit einem klaren Ziel: die Bezeichnung „eau minérale naturelle“ auf Perrier-Flaschen zu stoppen. Ihre Vorwürfe? Nestlé Waters, Tochter des Lebensmittelgiganten Nestlé S.A. und Betreiber der Quelle in Vergèze (Gard), habe unzulässige Verfahren eingesetzt – darunter Mikrofiltration, Aktivkohlefilter und UV-Desinfektion. Alles Verfahren, die bei…

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  • Digitale Eigenständigkeit als geopolitische Aufgabe – Wie Paris und Berlin Europa technologisch in Stellung bringen wollen

    Digitale Eigenständigkeit als geopolitische Aufgabe – Wie Paris und Berlin Europa technologisch in Stellung bringen wollen

    Die Herausforderung war unübersehbar, die Botschaft unmissverständlich: Beim Gipfel zur digitalen Souveränität in Berlin forderten Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz ein selbstbewussteres, strategisch denkendes Europa im digitalen Zeitalter. In einer Phase globaler Systemkonkurrenz drängen die beiden größten Volkswirtschaften der EU auf eine grundlegende Neujustierung europäischer Technologiepolitik – zwischen Silicon Valley und Shenzhen.

    Europa, so die zentrale Warnung, dürfe den digitalen Raum nicht länger fremden Kräften überlassen. Die Initiative zielt auf mehr als industriepolitische Selbstbehauptung: Sie ist ein geopolitisches Projekt, das Europas Fähigkeit zur strategischen Gestaltung seiner Zukunft auf den Prüfstand stellt.

    Die digitale Abhängigkeit Europas – eine strategische Schwäche

    In seiner Rede auf dem Berliner Gipfel sprach Friedrich Merz Klartext: Europa sei „noch viel zu abhängig von US-Software“, insbesondere in Schlüsselbereichen wie Cloud-Infrastrukturen, Betriebssystemen oder KI-Plattformen. Die technologische Rückständigkeit Europas sei nicht nur eine Frage der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit, sondern zunehmend auch eine sicherheitspolitische Achillesferse.

    Der Begriff der digitalen Souveränität ist dabei mehr als ein Schlagwort: Er bezeichnet die Fähigkeit, digitale Infrastrukturen, Datenräume, Plattformen und Standards nicht nur zu nutzen, sondern eigenständig zu entwickeln und strategisch zu kontrollieren – jenseits der Abhängigkeit von Google, Microsoft, Amazon oder chinesischen Anbietern wie Huawei oder Alibaba.

    Macron sekundierte, betonte aber zugleich den normativen Anspruch eines europäischen Wegs: Innovation müsse im Einklang mit den Rechten und Interessen der Bürger stehen. Fortschritt um jeden Preis sei nicht das Ziel. Vielmehr gehe es um einen technologischen Humanismus, der ökonomische Schlagkraft mit demokratischer Kontrolle verbindet.

    Ein alter Traum mit neuer Dringlichkeit

    Die Idee einer europäischen digitalen Eigenständigkeit ist nicht neu – sie reicht zurück zu Macrons „Initiative für Europa“ (2017), in der er schon früh für eine europäische Cloud, eigene Plattformen und gemeinschaftliche KI-Forschung plädierte. Doch während die Debatte lange von nationalen Einzelprojekten geprägt war, scheint der geopolitische Druck der vergangenen Jahre – nicht zuletzt durch die technologischen Ambitionen Chinas und die extraterritorialen Ansprüche der USA – eine neue Dynamik erzeugt zu haben.

    Merz und Macron greifen damit ein wachsendes Unbehagen auf: Spätestens seit dem Ukraine-Krieg und den damit verbundenen Fragen digitaler Resilienz hat sich in Europa die Erkenntnis durchgesetzt, dass strategische Abhängigkeiten auch in der digitalen Sphäre ein sicherheitspolitisches Risiko darstellen.

    Die „digitale Zeitenwende“ – in Anlehnung an das von Olaf Scholz geprägte Konzept zur Verteidigungspolitik – nimmt nun zunehmend Konturen an.

    Die deutsch-französische Achse als Motor?

    Der Schulterschluss zwischen Paris und Berlin soll dabei nicht nur Symbolpolitik sein. Vielmehr soll die deutsch-französische Achse zum Treiber einer kohärenten europäischen Digitalpolitik werden – inklusive konkreter Vorhaben: Der Aufbau gemeinsamer Rechenzentren, die Förderung europäischer KI-Konsortien, ein digitaler Binnenmarkt mit einheitlichen Standards, ein Rahmen für datenschutzkonforme Innovationen.

    Doch es gibt Hürden: Deutschland und Frankreich unterscheiden sich erheblich in ihrer digitalen Infrastruktur, in Regulierungsansätzen und industriepolitischen Traditionen. Während Frankreich stärker zentralistisch mit staatlicher Steuerung agiert, setzt Deutschland stärker auf föderale Ansätze und privatwirtschaftliche Beteiligung. Die Harmonisierung solcher Modelle erfordert politischen Willen und regulatorische Kreativität.

    Zudem droht bei mangelnder Koordination die Gefahr einer Fragmentierung des digitalen Binnenmarkts – ein Widerspruch zum Ziel der Souveränität.

    Risiken strategischer Autonomie

    Der Begriff der „digitalen Souveränität“ bleibt ambivalent. Kritiker befürchten, dass er – falsch verstanden – in Richtung technonationalistischer Abschottung tendieren könnte. Dabei ist europäische Souveränität gerade nicht als nationale Renationalisierung gemeint, sondern als kollektive Handlungsfähigkeit Europas in einer globalisierten, vernetzten Welt.

    Zudem besteht das Risiko, dass große Industrieakteure überproportional von neuen Programmen profitieren, während kleinere Mitgliedstaaten und Start-ups kaum Zugang zu Fördermitteln und politischen Gestaltungsräumen erhalten. Die politische Folge wäre wachsender Unmut in jenen Teilen Europas, die sich einmal mehr vom deutsch-französischen Duo überfahren fühlen.

    Auch das Timing ist kritisch: Während die USA unter dem Eindruck des technologischen Wettbewerbs mit China Milliarden in ihre Halbleiter- und KI-Branchen investieren, hat Europa noch immer kein entsprechendes Maßnahmenpaket von vergleichbarer Schlagkraft verabschiedet.

    Zwischen Anspruch und Umsetzung

    Die rhetorische Stoßrichtung des Berliner Gipfels ist eindeutig: Europa soll nicht Getriebener, sondern Gestalter der digitalen Zukunft sein. Das Fenster für strategisches Handeln steht offen – noch. Doch entscheidend wird sein, ob aus der politischen Rhetorik auch ein operatives Projekt wird, das Investitionen, regulatorische Impulse und grenzüberschreitende Kooperation miteinander verbindet.

    Ein solches Projekt muss inklusiv angelegt sein, sonst droht es an nationalen Egoismen und administrativen Hürden zu scheitern. Es braucht einen europäischen Konsens über Prioritäten, Ziele und Zeitrahmen – und einen institutionellen Rahmen, der nicht nur Visionen formuliert, sondern Fortschritt messbar macht.

    Die Chancen dafür stehen nicht schlecht: Mit Merz und Macron stehen zwei Politiker an der Spitze, die den digitalen Rückstand Europas als strategisches Risiko erkennen – und gleichzeitig über die politische Autorität verfügen, die Debatte auf EU-Ebene zu kanalisieren.

    Wie nachhaltig dieser Impuls ist, wird sich an konkreten Weichenstellungen zeigen: an Förderinstrumenten, an gemeinsamen Standards, an der Bereitschaft, auch unbequeme Entscheidungen gegen etablierte Interessen durchzusetzen.

    Europa steht an einem Scheideweg: Entweder es bleibt Nutzer fremder Technologien – oder es entwickelt sich zum souveränen Akteur der digitalen Moderne. Der Gipfel von Berlin war ein Signal. Nun muss die politische Architektur folgen.

    Autor: P. Tiko

  • Ultra-Fast-Fashion: Der Turbo-Modus der Modeindustrie gerät ins Wanken

    Ultra-Fast-Fashion: Der Turbo-Modus der Modeindustrie gerät ins Wanken

    Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Modebranche an ihre eigenen Grenzen stößt. Die Ultra-Fast-Fashion – noch schneller, noch billiger, noch kurzlebiger als die ohnehin schon umstrittene Fast-Fashion – hat in wenigen Jahren den Markt überrollt. Doch jetzt formiert sich der Widerstand. Nicht nur in Frankreich, sondern weltweit.

    10.000 neue Kleidungsstücke – pro Tag. Das ist keine Übertreibung, sondern die Realität bei Plattformen wie Shein oder Temu. Während traditionelle Modemarken mit wenigen Kollektionen pro Saison arbeiten, speisen Ultra-Fast-Fashion-Anbieter täglich eine Flut an neuen Artikeln ins Netz – algorithmisch getrieben, massenhaft produziert, zum Schleuderpreis verkauft.

    Ein System, das auf Geschwindigkeit, Volumen und Wegwerfmentalität beruht – mit fatalen Folgen.

    Billig, schnell, kaputt

    Oxfam France hat es auf den Punkt gebracht: Ultra-Fast-Fashion ist nicht einfach eine beschleunigte Mode – sie ist ein eigenes Geschäftsmodell, das auf permanente Erneuerung, künstlich erzeugte Trends und gezielte Impulskäufe setzt. Die Qualität? Laut Tests ist bei fünf von sechs Kleidungsstücken nach zehn Wäschen Schluss.

    Die Umweltauswirkungen sind massiv: synthetische Materialien, die nicht recycelbar sind, tonnenweise CO₂ durch lange Transportwege, Mikroplastik in den Meeren. Und das ist nur die ökologische Seite.

    Wer zahlt den Preis?

    Die eigentlichen Kosten trägt nicht der Konsument, sondern die Arbeiterinnen in den Textilfabriken. In vielen Fällen ohne Vertrag, mit Hungerlöhnen und Arbeitszeiten jenseits der 70-Stunden-Woche. Der Druck, in kürzester Zeit riesige Mengen zu produzieren, geht auf ihre Gesundheit – und ihre Rechte.

    Gleichzeitig geraten klassische Modehäuser unter Druck. Französische Hersteller sprechen offen von „unlauterem Wettbewerb“. Auch die Secondhand-Branche leidet: Die Spenden nehmen ab, die Qualität der abgegebenen Kleidung sinkt.

    Frankreich setzt ein Zeichen

    Doch jetzt kommt Bewegung in die Sache. Frankreich geht voran – mit einem Gesetz, das dem Wildwuchs der Ultra-Fast-Fashion Einhalt gebieten soll. Der Senat hat im Juni 2025 einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der drastische Sanktionen für nicht-konforme Ware vorsieht: bis zu 10 Euro pro Kleidungsstück, bei besonders problematischen Produkten sogar 50 Prozent des Verkaufspreises.

    Ein deutliches Signal – nicht nur an Shein & Co., sondern auch an die Konsumenten.

    Der Widerstand wächst

    Neben der Politik engagieren sich auch zahlreiche Organisationen. Zero Waste France etwa organisiert Protestaktionen zur Eröffnung neuer Filialen, verteilt Informationsmaterial und wirbt für bewussten Konsum. Ihr Credo: weniger kaufen, länger tragen, mehr reparieren.

    Statt Wegwerfmode propagieren sie die Idee der „Slow Fashion“ – also Mode, die mit Bedacht und Qualität statt mit Trends und Tempo punktet.

    Die Hürden auf dem Weg zur Veränderung

    So klar die Forderungen, so komplex die Realität. Denn zwei zentrale Probleme bleiben:

    Erstens: soziale Gerechtigkeit. Für viele Menschen mit kleinem Einkommen ist günstige Kleidung nicht Ausdruck von Konsumlust, sondern schlicht notwendig. Sie zu stigmatisieren, wäre unfair – es braucht also Lösungen, die nachhaltig UND sozial verträglich sind.

    Zweitens: Globalisierung. Solange Plattformen aus dem Ausland über Onlinehandel operieren und billig produzieren lassen, greifen nationale Regelungen nur begrenzt. Es braucht eine internationale Antwort – abgestimmt, durchsetzbar und langfristig.

    Was tun?

    Was also tun als Konsumentin, als Bürger, als Gesellschaft?

    Zunächst: Nicht den perfekten Konsumstil suchen – sondern den besseren. Nicht radikal alles ändern, sondern Schritt für Schritt bewusster entscheiden. Wer Kleidung länger trägt, kauft automatisch weniger. Wer Secondhand kauft oder lokal produziert, unterstützt Alternativen. Und wer sich informiert, bleibt nicht Opfer des Systems, sondern wird Teil der Lösung.

    Denn im Kern geht es hier nicht nur um Mode. Es geht um unser Verhältnis zu Dingen – und zu den Menschen, die sie herstellen. Die Ultra-Fast-Fashion zeigt, wie sehr unser Konsumverhalten außer Kontrolle geraten ist. Aber sie zeigt auch, wie groß das Potenzial für Veränderung ist.

    Eine Frage bleibt am Ende offen: Sind wir bereit, das Tempo rauszunehmen?

    Autor: Andreas M. Brucker

  • Greybull gegen die Republik – Wie ein geplatztes Versprechen zum Präzedenzfall wird

    Greybull gegen die Republik – Wie ein geplatztes Versprechen zum Präzedenzfall wird

    Es war als Hoffnungsgeschichte geplant – nun endet sie vor Gericht: Die französische Regierung geht gegen den britischen Investmentfonds Greybull Capital vor, der das Stahlunternehmen NovAsco (ehemals Ascometal) 2024 übernommen, aber zentrale Zusagen gebrochen haben soll. Der Fall zieht weite Kreise, nicht nur wegen der 700 bedrohten Arbeitsplätze. Sondern weil er symbolisch steht für das Spannungsfeld zwischen industrieller Souveränität, Investorenmacht und staatlicher Verantwortung. Ein Deal mit Ansage – und ohne Einhaltung Greybull Capital versprach im Sommer 2024 Großes: 90 Millionen Euro wollte der Fonds in NovAsco stecken, darunter 15 Millionen aus eigener Tasche. Auch der Staat zeigte sich großzügig, bot an, Unternehmensanteile im Wert von 85 Millionen Euro zu übernehmen. Die Wiederbelebung des angeschlagenen Stahlunternehmens sollte damit auf finanziell solide Beine gestellt werden. Doch ein Jahr später ist von den versprochenen Millionen kaum etwas angekommen. Gerade einmal 1,…

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  • „Choose France“ richtet den Blick nach innen – Ein Strategiewechsel mit Signalwirkung

    „Choose France“ richtet den Blick nach innen – Ein Strategiewechsel mit Signalwirkung

    Am 17. November 2025 hat in Paris eine Premiere stattgefunden, die sich weniger durch die Form als durch ihren Inhalt von früheren Ausgaben abhob: Das bislang als internationales Werbeformat für Frankreichs Standortattraktivität bekannte Gipfeltreffen „Choose France“ wurde erstmals ausschließlich französischen Unternehmen gewidmet. Rund 200 Akteure – von Großkonzernen bis zu Start-ups – versammelten sich in der Maison de la Chimie im 7. Arrondissement der Hauptstadt, um sich mit Regierungsmitgliedern über die künftige Rolle des „Made in France“ auszutauschen. Was nach einem Formatwechsel klingt, ist in Wirklichkeit Teil einer tiefgreifenden wirtschaftspolitischen Neuausrichtung.

    Vom Werbeforum zur industriepolitischen Bühne Seit seiner Gründung im Jahr 2018 diente der Gipfel „Choose France“ vorrangig als Bühne für Investitionsankündigungen aus dem Ausland. In Anwesenheit des Präsidenten und zahlreicher Minister wurden regel…

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