Kategorie: Vermischtes

  • Hammer-Attacken auf Tankstellen: Vandalen schlagen bei Douai zu

    Hammer-Attacken auf Tankstellen: Vandalen schlagen bei Douai zu

    Eine nächtliche Serie von Sachbeschädigungen beschäftigt die Ermittler im Norden Frankreichs. Im Raum Douai sind in der Nacht von Sonntag auf Montag mindestens fünf Tankstellen gezielt angegriffen und teilweise erheblich beschädigt worden. Die Täter gingen offenbar mit Hämmern gegen Zapfsäulen vor. Nun fahndet die Polizei nach den Verantwortlichen.

    Betroffen sind Tankstellen unter anderem in Lallaing, Guesnain, Pecquencourt und Aniche. Damit konzentrieren sich die Vorfälle auf mehrere Gemeinden rund um Douai im Département Nord. Die räumliche und zeitliche Nähe der Angriffe legt den Verdacht nahe, dass die einzelnen Taten miteinander zusammenhängen.

    Besonders deutlich zeigen sich die Folgen in Pecquencourt. Dort sollen rund zehn Zapfsäulen beschädigt worden sein. Mehrere Anlagen ließen sich nach den Angriffen nicht mehr benutzen.

    Für Tankstellenbetreiber bedeutet eine solche Attacke weit mehr als ein paar zerbrochene Bauteile. Moderne Zapfsäulen sind komplexe technische Anlagen, deren Reparatur schnell teuer und zeitaufwendig gerät. Hinzu kommen Einnahmeausfälle, solange einzelne Pumpen oder womöglich größere Teile einer Station außer Betrieb bleiben. Auch Autofahrer bekamen die Auswirkungen zu spüren, weil nach den Taten nicht überall wie gewohnt getankt werden konnte.

    Ein Detail dürfte die Ermittler besonders interessieren: An einer der betroffenen Tankstellen hinterließen die Täter das französische Wort „voleur“, auf Deutsch „Dieb“.

    Diese Botschaft könnte auf ein Protestmotiv hindeuten. Denkbar wäre etwa Unmut über Kraftstoffpreise. Doch genau an diesem Punkt ist Vorsicht geboten: Ein Schriftzug allein liefert noch keinen Beweis für die tatsächlichen Beweggründe der Täter. Ob hinter den Angriffen politischer oder sozialer Protest, persönliche Wut oder ein völlig anderes Motiv steckt, steht bislang nicht fest.

    Die Staatsanwaltschaft von Douai leitete Ermittlungen wegen gemeinschaftlich begangener Sachbeschädigung ein. Für die Ermittler dürfte nun vor allem die Auswertung vorhandener Videoaufnahmen eine zentrale Rolle spielen. Tankstellen verfügen häufig über mehrere Überwachungskameras, die sowohl die Zapfsäulen als auch Zufahrten und Verkaufsbereiche erfassen. Entsprechendes Material könnte Hinweise auf Personen, Fahrzeuge und Fluchtrouten liefern.

    Nach den zuletzt vorliegenden Informationen gab es zunächst keine Festnahmen.

    Parallel dazu beginnen die Betreiber mit der finanziellen Bestandsaufnahme. Mehrere Geschädigte reichten bereits Anzeigen ein, während die genaue Höhe des entstandenen Schadens noch ermittelt wird. Bei einer Serie mit zahlreichen zerstörten oder beschädigten Zapfsäulen dürfte die Rechnung jedenfalls alles andere als klein ausfallen.

    Für die betroffenen Gemeinden bleibt zunächst die Frage, wer hinter der nächtlichen Aktion steckt. Der Schriftzug „Dieb“ liefert zwar einen auffälligen Hinweis, aber noch keine Antwort.

    Bis die Ermittler die Bilder ausgewertet und mögliche Tatverdächtige identifiziert haben, bleibt vor allem das sichtbare Ergebnis einer ungewöhnlichen Nacht: beschädigte Tankstellen, ausgefallene Zapfsäulen und Betreiber, die nun auf den Kosten und dem Ärger sitzen. Oder etwas salopper gesagt: Mit dem Hammer auf eine Zapfsäule einzuschlagen, löst kein Problem – es schafft bloß ein paar neue.

    Daniel Ivers

  • Frankreichs Fischer schlagen Alarm: Der Treibstoffpreis treibt die Branche an ihre Grenzen

    Frankreichs Fischer schlagen Alarm: Der Treibstoffpreis treibt die Branche an ihre Grenzen

    Mit der Blockade eines Erdöldepots in Fos-sur-Mer haben französische Fischer ihren Protest gegen die hohen Treibstoffpreise erheblich verschärft. Seit den frühen Morgenstunden des 15. September blockieren mehrere Dutzend Fischer die Ausfahrt des Terminals nahe Marseille. Rund 50 Tanklastwagen waren nach Angaben der Behörden zeitweise betroffen. Hinter der Aktion steht jedoch mehr als ein Streit über Dieselpreise: Frankreichs Mittelmeerfischerei sieht ihr wirtschaftliches Modell zunehmend gefährdet.

    Protest an einem strategischen Ort

    Die Blockade begann gegen drei Uhr morgens. Größere Zwischenfälle wurden zunächst nicht gemeldet. Die Demonstranten verlangen Gespräche mit Catherine Chabaud, der für Meer und Fischerei zuständigen Ministerin.

    Bereits am Montag hatten Fischer in Sète und Port-Vendres protestiert. Hinter der Mobilisierung stehen regionale Fischereiverbände aus Okzitanien, Provence-Alpes-Côte d’Azur und Korsika sowie Erzeugerorganisationen und Berufsverbände. Damit erhält der Konflikt eine Dimension, die über einzelne Häfen hinausgeht.

    Der Ort der jüngsten Aktion ist bewusst gewählt. Fos-sur-Mer gehört zu den bedeutendsten Energie- und Industriestandorten Frankreichs. Die dortige Société du Pipeline Sud-Européen betreibt 40 Tanks mit einer nominalen Lagerkapazität von 2,26 Millionen Kubikmetern. Über Pipelines ist der Standort unter anderem mit Anlagen in Lyon und Ostfrankreich verbunden.

    Wer hier Tanklastwagen aufhält, erzeugt erheblich mehr Aufmerksamkeit als mit einer Demonstration in einem Fischereihafen.

    Diesel wird zur Existenzfrage

    Auslöser der Proteste ist der Preis für Schiffsdiesel. Die seit dem Frühjahr verschärfte Krise im Nahen Osten hat die internationalen Energiemärkte belastet. Für die Fischerei ist dies besonders problematisch, weil Treibstoff einen erheblichen Anteil der Betriebskosten ausmacht.

    Bereits im Frühjahr überschritt der Preis für Marinediesel zeitweise die Marke von einem Euro je Liter. Im französischen Senat wurde im Juni auf die dramatische Kalkulation der Branche hingewiesen: Ein Preis von etwa 60 Cent gilt für manche Betriebe als wirtschaftlich tragfähig. Bei 80 Cent verschlechtert sich die Rentabilität deutlich; bei einem Euro können einzelne Ausfahrten mehr kosten, als der Verkauf des Fangs einbringt.

    Die Konsequenz ist ungewöhnlich für eine Branche, deren Geschäftsmodell traditionell auf möglichst intensiver Nutzung der verfügbaren Fangtage beruht: Schiffe bleiben im Hafen, weil Auslaufen Verluste produzieren würde.

    Staatliche Hilfen reichen nicht aus

    Paris hat auf die Krise reagiert. Für April erhielten Fischereiunternehmen eine Unterstützung von 20 Cent je Liter, für Mai waren es 35 Cent. Allein für diese beiden Monate stellte die Regierung 13 Millionen Euro bereit. Weitere Hilfen für Juni, Juli und August wurden angekündigt.

    Doch die Subventionen lösen das strukturelle Problem nicht. Die Fischer argumentieren, dass sich steigende Energiepreise mit höheren Wartungs-, Personal- und Finanzierungskosten sowie zunehmenden regulatorischen Anforderungen überlagern. Gerade kleinere Betriebe verfügen kaum über Reserven, um solche Belastungen über längere Zeit auszugleichen.

    Hinzu kommt ein grundsätzlicher Zielkonflikt. Frankreich und die Europäische Union wollen die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern reduzieren. Die bestehende Fischereiflotte ist jedoch weiterhin stark auf Diesel angewiesen. Alternative Antriebe erfordern erhebliche Investitionen und lassen sich bei vielen vorhandenen Schiffen nicht kurzfristig einsetzen.

    Ein Konflikt mit politischem Potenzial

    Damit wird Fos-sur-Mer zum Symbol eines größeren Problems. Kurzfristig verlangen die Fischer Entlastung beim Treibstoff. Langfristig geht es um die Frage, ob traditionelle Fischereibetriebe unter den veränderten wirtschaftlichen und ökologischen Rahmenbedingungen noch ausreichend rentabel arbeiten können.

    Für die Regierung besteht das Dilemma darin, akute Hilfen zu gewähren, ohne eine dauerhafte Subventionsabhängigkeit von fossilem Treibstoff zu schaffen. Gleichzeitig ist die Fischerei wirtschaftlich mit Häfen, Fischauktionen, Verarbeitung und Handel verflochten. Bleiben Schiffe im Hafen, trifft dies deshalb nicht nur deren Eigentümer.

    Entscheidend wird nun sein, ob sich die Proteste ausweiten. Bleibt Fos-sur-Mer eine punktuelle Blockade, dürfte die Wirkung vor allem politisch und symbolisch sein. Schließen sich weitere Häfen oder Fischerverbände an und geraten zusätzliche Energieinfrastrukturen ins Visier, steigt der Druck auf Paris erheblich. Die Forderung nach «konkreten Antworten» könnte dann rasch zu einer neuen wirtschafts- und sozialpolitischen Bewährungsprobe für die französische Regierung werden.

    P.T.

  • Trotz des Großbrandes: Biscarrosse feiert – und zeigt seinen Lebenswillen

    Trotz des Großbrandes: Biscarrosse feiert – und zeigt seinen Lebenswillen

    Weiße T-Shirts, blaue Halstücher, Blasmusik und lange Tafeln vor den Bodegas: Anfang September kehrte auf der Place Georges Dufau in Biscarrosse-Plage jene ausgelassene Stimmung zurück, die seit Jahren das Ende des Sommers begleitet. Vom 4. bis 6. September fanden die traditionellen „Fêtes de la Plage“ statt. Doch 2026 fühlte sich das Fest anders an.

    Nur wenige Wochen zuvor hatte die Region eine Katastrophe erlebt.

    Am 23. Juli geriet gegen 15.45 Uhr an der Départementstraße D652 bei Biscarrosse ein Fahrzeug in Brand. Die Flammen griffen auf die ausgetrocknete Vegetation über. Wind, Hitze und Trockenheit verwandelten das Feuer binnen kurzer Zeit in einen Großbrand, der durch die Pinienwälder raste. Rund 3.600 Hektar Land wurden verwüstet, etwa 30.000 Menschen vorsorglich evakuiert – Einwohner ebenso wie Urlauber auf Campingplätzen und in Ferienanlagen. Erst am 30. Juli galt der Brand als unter Kontrolle.

    Für den beliebten Ferienort an der französischen Atlantikküste traf das Feuer auch wirtschaftlich einen empfindlichen Nerv. Restaurants, Campingplätze, Geschäfte und andere touristische Betriebe verdienen einen erheblichen Teil ihres Jahreseinkommens während der Sommermonate. Nach dem Brand brachen Urlauber ihre Ferien ab, andere stornierten Buchungen.

    Mitten in der Hochsaison herrschte plötzlich Leere.

    Umso größer war die Bedeutung der „Fêtes de la Plage“. Seit ihrer ersten Ausgabe im Jahr 2005 entwickelte sich die Veranstaltung zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Damals gab es gerade einmal vier Bodegas, inzwischen beteiligen sich mehr als ein Dutzend örtliche Vereine.

    Das Programm bietet dabei eine charmante Mischung aus Tradition und sommerlichem Volksfest. Morgens wartet das Tripes-Frühstück, später folgen Vorführungen mit historischen Zweimannsägen, Stelzenläufer, gascognische Tänze, traditionelle Spiele und Pala, eine Variante des baskischen Pelota. Wenn der Abend hereinbricht, übernehmen Bandas, Rockgruppen und DJs das Kommando. In diesem Jahr gehörte sogar eine Drohnenshow dazu.

    Normalerweise verabschiedet Biscarrosse mit dem Fest schlicht den Sommer. Diesmal ging es um mehr.

    Viele Bewohner kennen Menschen, die während des Feuers evakuiert wurden, Schäden erlitten oder wirtschaftlich unter den Folgen des Brandes leiden. Dass wenige Wochen später wieder getanzt, gegessen und musiziert wurde, wirkte deshalb nicht wie Verdrängung. Vielmehr zeigte sich darin jene Form von Gemeinschaft, die nach Katastrophen besonders wertvoll wird: Menschen treffen sich wieder, reden miteinander und holen sich ein Stück Alltag zurück.

    Dabei sorgten unterschiedliche Veranstaltungskalender für Verwirrung. Die eigentlichen „Fêtes de la Plage“ fanden vom 4. bis 6. September statt. Am 13. September gab es jedoch erneut ein großes öffentliches Fest: „Biscarrosse dit Merci“. Mit Messe, Umzug, Konzert, Kinderprogramm und Foodtrucks stand dieser Tag ausdrücklich im Zeichen des Dankes und des Zusammenhalts nach dem Großbrand.

    So bekam das Feiern in Biscarrosse einen ungewöhnlich ernsten Unterton.

    Der französische Satz „Malgré l’incendie, le cœur est toujours à la fête“ bringt die Stimmung ziemlich gut auf den Punkt: Trotz des Brandes schlägt das Herz weiter für das Fest. Oder etwas weniger poetisch gesagt: Biscarrosse lässt sich nicht so leicht unterkriegen.

    Von C. Hatty

  • Dunkerque: Wird Frankreichs Nordseehafen zum neuen Drehkreuz für Kokain?

    Dunkerque: Wird Frankreichs Nordseehafen zum neuen Drehkreuz für Kokain?

    Der Hafen von Dunkerque galt lange vor allem als mächtige Industrie- und Logistikmaschine im Norden Frankreichs. Doch inzwischen taucht der Name immer häufiger in einem ganz anderen Zusammenhang auf: Kokain. Rekordfunde seit 2025 zeigen, dass südamerikanische Drogenkartelle ihre europäischen Routen verändern und Dunkerque dabei eine zunehmend bedeutende Rolle spielt.

    Von einer neuen „Kokainhauptstadt“ Frankreichs zu sprechen, wäre dennoch verfrüht. Häfen wie Le Havre oder Antwerpen bleiben zentrale Umschlagplätze des europäischen Kokainhandels. Doch die Entwicklung in Dunkerque besitzt eine Dynamik, die Ermittler aufmerksam macht.

    Im März 2025 gelang dem französischen Zoll dort ein spektakulärer Schlag. In einem Container entdeckten die Beamten rund zehn Tonnen Kokain – zu diesem Zeitpunkt der größte Kokainfund, den Frankreich je gesehen hatte.

    Nur ein Jahr später fiel bereits der nächste Rekord. Im März 2026 erreichten die französischen Beschlagnahmungen 31,26 Tonnen Kokain, wobei ein bedeutender Teil mit Einsätzen in Dunkerque zusammenhing. Landesweit lagen die sichergestellten Mengen 49 Prozent über dem Niveau von 2024.

    Das Geschäft wächst – und die Routen bewegen sich mit.

    Warum ausgerechnet Dunkerque? Eine Antwort liegt in der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte des Hafens. Der Containerverkehr wächst kräftig, immer mehr große Hochseeschiffe laufen die Anlagen an. Für die legale Wirtschaft bedeutet das Chancen. Für Schmuggler bedeutet es Tarnung. Je größer der Warenstrom, desto schwieriger gestaltet sich die lückenlose Kontrolle jedes einzelnen Containers.

    Hinzu kommt der Druck auf die traditionellen Einfallstore Europas. Antwerpen, Rotterdam und Le Havre stehen seit Jahren im Fokus der Sicherheitsbehörden. Kontrollen wurden verschärft, Ermittlungsstrukturen ausgebaut und verdächtige Lieferketten genauer untersucht.

    Kriminelle Organisationen reagieren darauf ziemlich pragmatisch: Fällt eine Tür zu, sucht man eben die nächste.

    Dunkerque bietet dafür günstige Voraussetzungen. Der Hafen liegt strategisch ausgezeichnet. Von Nordfrankreich führen schnelle Verkehrsachsen nach Paris, Belgien, in die Niederlande und nach Deutschland. Auch Großbritannien liegt praktisch vor der Haustür. Eine Ladung, die den Hafen unentdeckt verlässt, lässt sich somit vergleichsweise rasch über mehrere europäische Märkte verteilen.

    Dahinter steckt offenbar keine spontane Improvisation, sondern eine bewusste Strategie. Moderne Kokainnetzwerke setzen längst nicht mehr alles auf eine Karte. Statt große Mengen ausschließlich über wenige bekannte Häfen einzuschleusen, verteilen sie Lieferungen auf unterschiedliche Standorte. Das senkt das Risiko, dass eine einzige erfolgreiche Polizeiaktion das gesamte Geschäft empfindlich trifft.

    Genau dieses Muster zeigte sich zuvor in Le Havre. Sobald dort der Fahndungsdruck stieg, wichen Teile der Warenströme auf andere Häfen aus. Dunkerque gerät nun stärker ins Blickfeld.

    Besonders heikel ist dabei die Korruption.

    Die Erfahrungen aus den großen europäischen Häfen zeigen, dass Drogennetzwerke Sicherheitssysteme nicht unbedingt mit Gewalt überwinden müssen. Viel effektiver ist es, Menschen innerhalb der logistischen Kette zu gewinnen: Hafenarbeiter, Fahrer oder andere Beschäftigte, die wissen, wann ein Container ankommt, wo er steht und wie er das Gelände möglichst unauffällig verlassen könnte.

    In Le Havre brachten Ermittlungen bereits Netzwerke ans Licht, in denen Hafenbeschäftigte bei der heimlichen Bergung von Drogen aus präparierten Containern eine Rolle spielten. Genau eine solche Entwicklung möchten die französischen Behörden in Dunkerque verhindern.

    Denn sobald organisierte Kriminalität dauerhaft in einem Hafen Fuß fasst, geht es längst nicht mehr nur um weiße Pakete zwischen Bananenkisten oder anderen Importwaren. Mit dem Drogengeschäft kommen enorme Geldsummen, Geldwäsche, Bestechung und häufig auch Gewalt. Aus einem Schmuggelproblem entsteht dann ein Sicherheitsproblem für eine ganze Region.

    Trotz der Rekordzahlen bleibt allerdings Vorsicht bei der Interpretation geboten. Große Beschlagnahmungen bedeuten nicht automatisch, dass Dunkerque tatsächlich der größte französische Einfuhrhafen für Kokain ist. Sie zeigen einerseits steigende Warenströme, andererseits aber auch intensivere Kontrollen und größere Ermittlungserfolge.

    Gerade darin liegt das statistische Paradox: Wo besonders gründlich gesucht wird, findet man häufig besonders viel.

    Fest steht dennoch, dass Dunkerque inzwischen zu den strategisch interessanten Eingangstoren für den europäischen Kokainhandel zählt. Die Kartelle besitzen offenbar genügend Flexibilität, ihre Lieferwege dem Druck der Behörden anzupassen. Heute Antwerpen, morgen Le Havre, übermorgen Dunkerque – die Logistik des Verbrechens folgt ihren eigenen Marktgesetzen.

    Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Kokain über Dunkerque nach Europa gelangt. Das ist längst belegt. Entscheidend ist vielmehr, ob Frankreich verhindern kann, dass sich dort jene kriminellen Strukturen dauerhaft verankern, mit denen Antwerpen, Rotterdam oder Le Havre seit Jahren kämpfen.

    Die Rekordfunde von 2025 und 2026 könnten sich rückblickend als außergewöhnliche Einzelereignisse erweisen. Sie könnten aber ebenso der Beginn einer nachhaltigen Verschiebung der europäischen Kokainrouten sein.

    Für Dunkerque steht damit mehr auf dem Spiel als sein Ruf als erfolgreicher Hafen.

    Daniel Ivers

  • Frankreich bricht mit Infantino – der Machtkampf um die FIFA tritt in eine neue Phase

    Frankreich bricht mit Infantino – der Machtkampf um die FIFA tritt in eine neue Phase

    Es ist ein bemerkenswerter Bruch im internationalen Fußball: Die Fédération Française de Football (FFF) entzieht FIFA-Präsident Gianni Infantino ihre Unterstützung für dessen Wiederwahl im März 2027. Noch Ende Juni hatte Frankreich seine Kandidatur mitgetragen. Nun spricht FFF-Präsident Philippe Diallo von einem Vertrauensverlust, mangelnder Transparenz und einer Führung, die den Fußball zunehmend spalte. Der Vorgang reicht weit über die französische Verbandspolitik hinaus. Er zeigt, wie tief der Konflikt über Macht, Geld und Kontrolle innerhalb der FIFA inzwischen geworden ist – und zugleich, warum Infantino trotz des Aufstands wichtiger Verbände weiterhin als Favorit in die Wahl gehen könnte.

    Ein einstimmiger Bruch mit dem FIFA-Präsidenten

    Am 10. September beschloss das Exekutivkomitee des französischen Fußballverbandes einstimmig, Gianni Infantino nicht länger bei seiner Kandidatur für eine weitere Amtszeit zu unterstützen. Für einen der politisch und sportlich bedeutendsten Verbände Europas ist dies ein außergewöhnlicher Schritt.

    Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt. Noch am 29. Juni hatte Diallo Infantino seine Unterstützung zugesagt. Damals hatten nach seinen Angaben bereits mehr als 200 nationale Verbände die Kandidatur des FIFA-Präsidenten unterstützt. Infantino schien praktisch ohne ernsthaften Gegenkandidaten in die Wahl 2027 zu gehen.

    Innerhalb weniger Wochen änderte sich die Lage grundlegend.

    Im Zentrum steht das inzwischen aufgegebene Projekt «FIFA Forward Enterprise». Infantino wollte einen Teil der kommerziellen Rechte der FIFA-Wettbewerbe in eine neue Gesellschaft einbringen und einen Anteil von rund 20 Prozent privaten Investoren öffnen. Betroffen gewesen wären damit letztlich einige der wertvollsten Vermögenswerte des Weltfußballs, darunter kommerzielle Rechte rund um die Weltmeisterschaft.

    Für die FFF war weniger die grundsätzliche Zusammenarbeit mit privatem Kapital entscheidend als das Verfahren. Nach Darstellung Diallos erfuhren die Franzosen von dem Vorhaben aus den Medien. Ein Projekt dieser Größenordnung sei vorbereitet worden, ohne die Mitgliedsverbände angemessen einzubeziehen.

    Damit berührt der Konflikt eine alte Schwachstelle der FIFA: die Frage, wie weit die Macht des Präsidenten reicht und welche Entscheidungen einer breiteren institutionellen Kontrolle bedürfen.

    Milliardenvermögen und die Frage nach dem Zweck

    Diallo stellt zudem eine einfache wirtschaftliche Frage: Weshalb benötigt eine finanziell ausgesprochen starke FIFA überhaupt privates Kapital?

    Nach seinen Angaben brachte die Weltmeisterschaft 2026 Einnahmen von annähernd 16 Milliarden Dollar ein. Zugleich verfüge der Weltverband über Reserven in einer Größenordnung von fünf bis sechs Milliarden Dollar.

    Vor diesem Hintergrund erscheint die geplante Beteiligung privater Investoren erklärungsbedürftig. Sie hätte nicht lediglich zusätzliches Kapital beschafft, sondern möglicherweise langfristige Ansprüche auf Einnahmen aus einigen der wichtigsten Wettbewerbe des Weltfußballs geschaffen.

    Für Frankreich wurde der Fall damit zu einer grundsätzlichen Governance-Frage. Diallo spricht von den Auswüchsen einer «finanziellen Drift». Die Kritik richtet sich nicht allein gegen eine einzelne Transaktion, sondern gegen eine Entscheidungsstruktur, in der wirtschaftlich weitreichende Projekte nach Auffassung der Kritiker zu stark im Umfeld des FIFA-Präsidenten konzentriert werden.

    Das Vorhaben wurde Anfang August aufgegeben. Der politische Schaden blieb.

    Aus dem Streit über Geld wird eine Führungskrise

    Frankreichs Kritik beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf das gescheiterte Investorenprojekt. Diallo wirft Infantino vor, zu einem Faktor der Spaltung geworden zu sein und dem Ansehen sowie der Einheit des Fußballs geschadet zu haben.

    Damit verschiebt sich die Auseinandersetzung.

    Es geht nicht länger nur um die Frage, ob ein bestimmtes Geschäftsmodell sinnvoll war. Zur Debatte steht Infantinos Führungsstil insgesamt. Seine Gegner verlangen stärkere institutionelle Kontrollen, mehr Transparenz und eine stärkere Beteiligung der Verbände an strategischen Entscheidungen.

    Der Konflikt erinnert damit in Teilen an jene Governance-Debatten, welche die FIFA seit der großen Korruptionskrise von 2015 begleiten. Infantino wurde 2016 gerade mit dem Versprechen gewählt, den Weltverband nach der Ära Joseph Blatter institutionell zu erneuern.

    Zehn Jahre später lautet der Vorwurf seiner Gegner ausgerechnet, dass sich erneut zu viel Macht an der Spitze konzentriere.

    Für die FFF besitzt diese Frage besondere Bedeutung. Frankreich gehörte 1904 zu den Gründungsmitgliedern der FIFA und versteht sich nicht nur als sportliche Großmacht, sondern auch als institutioneller Akteur des internationalen Fußballs.

    Europas Widerstand wächst – doch Europa reicht nicht

    Frankreich steht mit seiner Kritik keineswegs allein. Mehrere europäische Verbände haben ihre Unterstützung für Infantino zurückgezogen. Auch innerhalb der UEFA ist die Opposition erheblich.

    Der Widerstand reicht inzwischen sogar über Europa hinaus. Auch aus dem asiatischen Fußballverband AFC und aus der nord- und mittelamerikanischen CONCACAF kam scharfe Kritik an dem gescheiterten Investorenprojekt.

    Damit entsteht auf den ersten Blick eine ungewöhnlich breite Koalition gegen den FIFA-Präsidenten.

    Doch die institutionelle Struktur der FIFA macht aus politischem Widerstand noch keine parlamentarische Mehrheit.

    Bei der Präsidentenwahl besitzt grundsätzlich jeder der 211 Mitgliedsverbände eine Stimme. Deutschland oder Frankreich verfügen damit formal über dasselbe Stimmgewicht wie ein kleiner Inselverband. Europas wirtschaftliche Stärke und die Bedeutung seiner Ligen lassen sich deshalb nicht unmittelbar in Stimmen bei einer FIFA-Wahl übersetzen.

    Genau darin liegt seit Jahrzehnten ein Kern der FIFA-Machtpolitik.

    Infantino hat seine Beziehungen zu den Verbänden Afrikas, Südamerikas, Ozeaniens und zahlreichen kleineren Fußballnationen während seiner Amtszeit systematisch gepflegt. Die Confederation of African Football (CAF) hält bislang ausdrücklich an ihm fest. Auch aus Südamerika verfügt er weiterhin über starken Rückhalt.

    Diese Bündnisse könnten entscheidender sein als der Widerstand der großen europäischen Fußballnationen.

    Die Suche nach einem Gegenkandidaten stockt

    Die Wahl findet am 18. März 2027 beim FIFA-Kongress in Rabat statt. Die Frist für Kandidaturen endet bereits am 18. November 2026. Damit bleibt Infantinos Gegnern nur wenig Zeit.

    Frankreich will zunächst ein alternatives Governance-Modell entwickeln. Die FFF plant dazu Konsultationen mit Fachleuten für internationale Sportverbände. Erst anschließend soll geklärt werden, welche Person ein solches Reformprogramm vertreten könnte.

    Das klingt institutionell sorgfältig, offenbart aber zugleich das zentrale Problem der Opposition: Bislang fehlt ein Kandidat, der gleichzeitig über internationales Gewicht und eine realistische globale Stimmenbasis verfügt.

    Mehrere zeitweise gehandelte Namen scheinen aus dem Rennen zu sein. Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Machtkampf weniger um die Person des Präsidenten als um die institutionelle Begrenzung seiner Kompetenzen drehen könnte.

    Sollte Infantino über eine ausreichend stabile Stimmenmehrheit verfügen, könnten seine Gegner versuchen, Reformen der FIFA-Strukturen durchzusetzen: mehr Kontrolle bei großen kommerziellen Entscheidungen, stärkere Einbindung des FIFA-Councils und der Konföderationen sowie verbindlichere Transparenzregeln.

    Der Konflikt würde sich dann von der Präsidentenwahl auf die Verfassung der FIFA verlagern.

    Frankreich erhöht den politischen Preis

    Für Infantino ist der französische Seitenwechsel dennoch unangenehm. Frankreich hatte ihn noch wenige Monate zuvor unterstützt und gehört zu den Verbänden, deren öffentliches Urteil international wahrgenommen wird.

    Hinzu kommt die Geschwindigkeit des Bruchs. Zwischen Diallos Unterstützung Ende Juni und dem formellen Rückzug im September liegen kaum zweieinhalb Monate. Eine derart schnelle Kehrtwende zeigt, wie stark das Investorenprojekt das Vertrauen innerhalb der Fußballpolitik erschüttert hat.

    Zugleich sollte die Bedeutung des französischen Schrittes nicht überschätzt werden. Symbolische Autorität und Stimmenarithmetik sind bei der FIFA zwei unterschiedliche Dinge.

    Infantino hat bestätigt, erneut anzutreten. Sollte er 2027 gewinnen, könnte er bis 2031 im Amt bleiben. Für seine Gegner wird deshalb entscheidend sein, ob sie aus der gegenwärtigen Empörung eine organisatorische Alternative entwickeln können.

    Frankreichs Kurswechsel macht aus der Unzufriedenheit mit dem FIFA-Präsidenten erstmals einen sichtbaren institutionellen Bruch eines Schwergewichts. Er beweist jedoch noch nicht, dass eine Mehrheit gegen ihn existiert.

    Die kommenden Wochen bis zum 18. November werden deshalb wichtiger sein als die öffentlichen Rücktrittsforderungen. Findet sich ein Kandidat, der über Europa hinaus Verbände hinter sich versammeln kann, könnte aus der Governance-Krise tatsächlich ein offener Machtkampf werden. Bleibt ein solcher Kandidat aus, dürfte Infantino trotz der schwersten politischen Krise seiner bisherigen Amtszeit als Favorit nach Rabat reisen.

    Dann hätte die Revolte gegen ihn möglicherweise ein paradoxes Ergebnis: Der Präsident bliebe – aber die Diskussion darüber, wie viel Macht ein FIFA-Präsident besitzen darf, hätte gerade erst begonnen.

    Quellen: Reuters (6., 10. und 11. September 2026), Le Monde (10. und 11. September 2026), The Guardian (30. Juli, 6. und 10. September 2026), Fédération Internationale de Football Association (FIFA), Fédération Française de Football (FFF)

    Christine Macha

  • Saumur zahlt jungen Hauskäufern 10.000 Euro – eine französische Stadt setzt auf Eigentum gegen den Niedergang

    Saumur zahlt jungen Hauskäufern 10.000 Euro – eine französische Stadt setzt auf Eigentum gegen den Niedergang

    Während steigende Immobilienpreise und Finanzierungskosten vielen jungen Franzosen den Weg ins Wohneigentum erschweren, geht die westfranzösische Stadt Saumur einen ungewöhnlich direkten Weg: Wer dort erstmals eine Wohnung oder ein Haus kauft, kann seit September 2026 von der Kommune 10.000 Euro erhalten. Die Stadt verbindet damit Wohnungspolitik, Demografie und Stadtentwicklung. Hinter der Prämie steht eine grundsätzliche Überlegung, die viele französische Mittelstädte beschäftigt: Wie lassen sich junge Haushalte dauerhaft binden, bestehender Wohnraum wieder nutzen und die schleichende Verlagerung des Lebens an die Peripherie bremsen?

    10.000 Euro für den Schritt ins Eigentum

    Die Regelung ist bemerkenswert einfach. Seit dem 1. September 2026 gewährt Saumur Haushalten, die erstmals Wohneigentum erwerben, eine kommunale Unterstützung von 10.000 Euro. Gefördert werden sowohl Wohnungen als auch Häuser, Neubauten ebenso wie Bestandsimmobilien.

    Anders als gelegentlich dargestellt, beschränkt sich das neue Programm nicht auf die historische Innenstadt. Es gilt im gesamten Gebiet von Saumur sowie in den zur Stadt gehörenden communes déléguées. Damit handelt es sich weniger um eine reine Innenstadtprämie als um ein Instrument der kommunalen Wohnungs- und Bevölkerungspolitik.

    Die Bedingungen grenzen den Kreis der Begünstigten dennoch deutlich ein. Antragsteller dürfen bei Einreichung höchstens 40 Jahre alt sein und zuvor noch nie Eigentümer einer Wohnimmobilie gewesen sein. Das gekaufte Objekt muss mindestens 40.000 Euro kosten, wobei Makler- und Notargebühren nicht berücksichtigt werden. Vor allem aber muss die Immobilie mindestens fünf Jahre lang als Hauptwohnsitz genutzt werden.

    Damit versucht die Stadt, Mitnahmeeffekte zu begrenzen. Gefördert werden sollen weder Ferienwohnungen noch kurzfristige Immobilieninvestitionen, sondern Menschen, die tatsächlich in Saumur leben wollen.

    Die eigentliche Währung heißt Einwohner

    Die 10.000 Euro sind deshalb weniger als Sozialleistung denn als Standortinvestition zu verstehen. Eine Kommune gewinnt mit einem jungen Haushalt nicht lediglich einen neuen Immobilieneigentümer. Sie gewinnt Einwohner, Konsumenten und potenziell Familien, deren Kinder Schulen besuchen und deren tägliche Ausgaben lokale Geschäfte und Dienstleistungen stützen.

    Für eine französische Mittelstadt ist diese Rechnung von erheblicher Bedeutung. Gerade außerhalb der großen Wachstumsräume um Paris, Lyon, Bordeaux, Toulouse oder Nantes konkurrieren Städte zunehmend um mobile Erwerbstätige und junge Familien.

    Saumur mit seinem historischen Zentrum an der Loire besitzt zwar touristische Attraktivität und ein international bekanntes kulturelles Erbe. Doch touristische Frequenz allein garantiert keine lebendige Stadt. Restaurants, Einzelhandel, Schulen und Dienstleistungen benötigen dauerhaft ansässige Bevölkerung.

    Die Stadt setzt daher auf einen klassischen wirtschaftspolitischen Hebel: Sie senkt die Eintrittskosten. Bei einem Immobilienpreis von beispielsweise 150.000 Euro entsprechen 10.000 Euro immerhin rund 6,7 Prozent des Kaufpreises. Gerade für junge Haushalte, deren Problem häufig weniger die langfristige Kreditrate als das erforderliche Eigenkapital und die Nebenkosten des Erwerbs sind, kann dies entscheidend sein.

    Das größere Problem liegt im alten Wohnungsbestand

    Besonders interessant wird das Modell durch die Verbindung mit der bereits bestehenden Sanierungspolitik für die Innenstadt. Dort verfügt Saumur über ein spezifisches Förderinstrument für Erstkäufer von mehr als 15 Jahre alten Immobilien im Gebiet der Stadterneuerungsoperation OPAH-RU.

    Auch dort können insgesamt bis zu 10.000 Euro zusammenkommen. Die Förderung ist jedoch anders aufgebaut: Eine Grundprämie von 5.000 Euro wird an die Verpflichtung geknüpft, die Immobilie mindestens fünf Jahre als Hauptwohnsitz zu nutzen. Weitere 2.500 Euro können hinzukommen, wenn das Objekt seit mindestens zwei Jahren leer steht. Noch einmal 2.500 Euro sind bei bestimmten förderfähigen Renovierungsarbeiten möglich.

    Diese Konstruktion zeigt deutlicher als die allgemeine Eigentumsprämie, welches Problem französische Mittelstädte zu lösen versuchen. In historischen Zentren stehen teilweise Wohnungen leer, obwohl gleichzeitig außerhalb der Städte neue Wohngebiete entstehen.

    Für Kommunen ist diese Entwicklung doppelt problematisch. Einerseits müssen Straßen, Leitungen, Schulen und andere Infrastruktur an der Peripherie erweitert werden. Andererseits verliert die bereits vorhandene Infrastruktur im Zentrum an Auslastung.

    Leerstand erzeugt zudem einen sich selbst verstärkenden Prozess. Weniger Bewohner bedeuten weniger Kunden. Weniger Kunden erhöhen den Druck auf Geschäfte und Gastronomie. Geschlossene Geschäfte wiederum vermindern die Attraktivität eines Viertels für potenzielle Bewohner.

    Ein französisches Problem mit nationaler Dimension

    Saumur steht mit dieser Herausforderung keineswegs allein. Frankreich versucht seit 2018 mit dem nationalen Programm „Action cœur de ville“, seine Mittelstädte systematisch zu stärken. Das Programm umfasst unter anderem die Sanierung von Wohnraum, wirtschaftliche Entwicklung, Handel, Mobilität und die Aufwertung öffentlicher Räume.

    In der zweiten Phase von 2023 bis 2026 rückten zusätzlich Klimaanpassung und ein sparsamerer Umgang mit Boden in den Vordergrund. Dahinter steht ein Paradigmenwechsel der französischen Raumplanung: Wachstum soll möglichst nicht mehr automatisch bedeuten, weitere Flächen am Stadtrand zu bebauen.

    Die Zahlen zeigen, weshalb diese Politik relevant bleibt. Nach Daten der französischen Agence nationale de la cohésion des territoires liegt der strukturelle Wohnungsleerstand – Immobilien, die seit mindestens zwei Jahren unbewohnt sind – in Saumur bei rund 8,7 Prozent. Das ist deutlich mehr als der für die Region Pays de la Loire ausgewiesene Durchschnitt von 2,6 Prozent und auch mehr als der nationale Vergleichswert von 5,1 Prozent innerhalb der entsprechenden „Action cœur de ville“-Daten.

    Beim Gewerbeleerstand steht Saumur dagegen vergleichsweise besser da: Er wird mit etwa 8,7 Prozent angegeben, während der Durchschnitt der betreffenden Städte in Pays de la Loire bei rund 13 Prozent liegt.

    Das macht die Strategie der Kommune nachvollziehbar. Saumur kämpft nicht gegen einen bereits vollständig verödeten Stadtkern. Die Stadt versucht vielmehr, eine vorhandene wirtschaftliche und städtebauliche Struktur zu stabilisieren, bevor Leerstand und demografischer Wandel eine schwer umkehrbare Dynamik entwickeln.

    Die Rechnung der Kommune

    Eine Prämie von 10.000 Euro pro Haushalt klingt zunächst teuer. Aus kommunalpolitischer Perspektive muss sie jedoch gegen die langfristigen Kosten des Leerstands gerechnet werden.

    Ein leer stehendes Haus verliert nicht nur privaten Wert. Dauerhafter Leerstand kann Nachbarimmobilien beeinträchtigen, Sanierungsbedarf erhöhen und ganze Straßenzüge weniger attraktiv machen. Gleichzeitig verursacht die Erschließung neuer Wohngebiete am Stadtrand öffentliche Kosten.

    Gelingt es dagegen, vorhandenen Wohnraum wieder dauerhaft zu belegen, wird bestehende Infrastruktur besser ausgelastet. Neue Einwohner zahlen lokale Abgaben, kaufen vor Ort ein und erhöhen die Nachfrage nach Dienstleistungen.

    Ob die 10.000-Euro-Prämie tatsächlich zusätzliche Käufer nach Saumur bringt oder überwiegend Menschen unterstützt, die ohnehin dort gekauft hätten, wird allerdings die entscheidende Frage sein. Genau darin liegt das klassische Problem solcher Subventionen: Ein Teil der öffentlichen Mittel kann als Mitnahmeeffekt enden.

    Auch steigende Nachfrage könnte einen Teil der Förderung langfristig in höhere Immobilienpreise übersetzen. Je größer und dauerhafter ein Zuschussprogramm wird, desto wichtiger ist deshalb eine Evaluation der tatsächlichen Wirkung.

    Eigentum als Instrument der Stadtentwicklung

    Bemerkenswert an Saumurs Ansatz ist weniger die Summe selbst als die politische Logik dahinter. Wohnungspolitik wird nicht isoliert betrachtet. Eigentumsförderung, Leerstandsbekämpfung, Sanierung, Einzelhandel und Flächennutzung werden als Teile desselben Problems verstanden.

    Das entspricht zunehmend der französischen Strategie für die villes moyennes. Jahrzehntelang konzentrierte sich die öffentliche Debatte vor allem auf die Metropolen und ihre angespannten Wohnungsmärkte. In vielen kleineren und mittleren Städten besteht jedoch das umgekehrte Problem: Wohnraum ist vorhanden, aber nicht unbedingt dort, in dem Zustand oder für jene Bevölkerungsgruppen, die für eine langfristige Stabilisierung der Stadt benötigt werden.

    Gerade deshalb können 10.000 Euro eine erstaunlich große Hebelwirkung entwickeln. In Paris wäre eine solche Summe angesichts der Immobilienpreise kaum mehr als ein Zuschuss zu den Erwerbsnebenkosten. In einer Mittelstadt wie Saumur kann sie einen relevanten Anteil der Finanzierung eines jungen Haushalts darstellen.

    Die Stadt geht damit ein kalkuliertes Experiment ein. Sie gibt heute öffentliches Geld aus, um morgen Einwohner, Kaufkraft und genutzten Wohnraum zu gewinnen. Entscheidend wird nicht sein, wie viele Förderanträge eingehen, sondern wie viele zusätzliche Haushalte sich tatsächlich dauerhaft niederlassen, wie viel leer stehender Wohnraum wieder genutzt wird und ob davon Handel und Innenstadt profitieren.

    Sollte diese Rechnung aufgehen, könnte Saumur beispielhaft für eine neue Generation kommunaler Wohnpolitik stehen: Statt immer neue Bauflächen auszuweisen, bezahlt die Stadt einen Teil des Weges zurück in den bestehenden Ort. Die 10.000 Euro wären dann nicht in erster Linie ein Geschenk an junge Käufer, sondern der Preis dafür, eine Stadt dichter, jünger und dauerhaft bewohnt zu halten.

    Quellen: Ville de Saumur, „Une aide de 10 000 € pour les primo-accédants à Saumur“ (September 2026); Ville de Saumur, „Les aides à la rénovation“ (2026); Agence nationale de la cohésion des territoires (ANCT), „Action cœur de ville“ (2026); ANCT, Fiches territoriales Maine-et-Loire und Pays de la Loire, Datenstand August 2026.

    P.T.

  • „Dieses Bild des Grauens bleibt“: Explosion reißt Kinosaal in Vesoul auf

    „Dieses Bild des Grauens bleibt“: Explosion reißt Kinosaal in Vesoul auf

    Es sind Szenen, die eher in einen Actionfilm gehören als in eine ruhige Nacht in der französischen Provinz: In Vesoul im Département Haute-Saône sprengten maskierte Täter in der Nacht zum Mittwoch, 9. September, einen Geldautomaten – und verwandelten dabei einen angrenzenden Kinosaal in ein Trümmerfeld.

    Gegen drei Uhr morgens nahm eine offenbar gut vorbereitete Tätergruppe einen Geldautomaten des Crédit Agricole ins Visier. Der Automat befindet sich unmittelbar am Gebäude des Kinos Majestic. Um an das Bargeld zu gelangen, setzten die Täter auf eine ebenso brachiale wie gefährliche Methode: Sauerstoff und Acetylen wurden in den Automaten geleitet und anschließend zur Explosion gebracht.

    Die Detonation entwickelte eine enorme Wucht.

    Der Geldautomat wurde praktisch vollständig zerstört, doch damit nicht genug. Die Druckwelle durchschlug auch die Wand zum unmittelbar dahinterliegenden Kinosaal 1. Wo Kinobesucher normalerweise im Dunkeln sitzen und auf die Leinwand blicken, klafft nun ein großes Loch. Teile des Saals liegen regelrecht offen.

    Am Morgen danach bot sich den Mitarbeitern ein verstörender Anblick. Betonbrocken, Dämmmaterial und weitere Trümmer lagen auf und zwischen den roten Sesseln. Elektrische Leitungen waren durchtrennt. Selbst schwere technische Ausstattung hielt der Explosion nicht stand: Nach Angaben des Kinobetreibers schleuderte die Druckwelle einen Lautsprecher rund zehn Meter weit durch den Raum.

    Ein ziemlicher Wahnsinn – für eine Beute, die am Ende vergleichsweise bescheiden ausfiel.

    Besondere Sorgen bereitet dem Betreiber inzwischen nicht allein die sichtbare Zerstörung. Der bei der Explosion entstandene feine Staub verteilte sich offenbar auch in Bereichen mit empfindlicher Projektionstechnik. Dort reichen mitunter bereits kleine Verunreinigungen aus, um kostspielige Geräte zu beschädigen. Das tatsächliche Ausmaß der technischen Folgen dürfte sich deshalb erst nach gründlichen Untersuchungen zeigen.

    Für Jean-Claude Tupin, Chef der Majestic-Gruppe, geht der Schaden ohnehin über Beton, Kabel und Kinotechnik hinaus. Der Anblick des verwüsteten Saals hat sich eingebrannt. „Dieses Bild des Grauens bleibt“, beschreibt er seine Eindrücke.

    Besonders bitter erscheint das Verhältnis zwischen Beute und Zerstörung. Die Täter sollen lediglich einige Tausend Euro erbeutet haben. Dem stehen Schäden von rund 800.000 Euro gegenüber. Aus einem Angriff auf einen Geldautomaten wurde damit binnen Sekunden ein finanzielles Desaster für einen Kinobetreiber, der mit der eigentlichen Tat überhaupt nichts zu tun hatte.

    Saal 1 dürfte entsprechend längere Zeit geschlossen bleiben. Die zerstörte Wand muss wiederhergestellt, technische Anlagen müssen geprüft, repariert oder ersetzt werden. Hinzu kommen mögliche Schäden an der Projektionsanlage und Arbeiten zur Beseitigung von Staub und Trümmern.

    Das Majestic ließ sich dennoch nicht vollständig aus dem Takt bringen. Der Kinobetrieb in den übrigen Sälen ging weiter. Dass die Tat ausgerechnet an einem Mittwoch geschah, besitzt dabei eine besondere Pointe: Mittwochs starten in Frankreich traditionell die neuen Kinofilme. Während hinter einer zerstörten Wand Ermittler und Techniker arbeiteten, lief nebenan also weiter das reguläre Programm.

    Die Polizei nahm noch am frühen Morgen die Ermittlungen auf. Maskierung, Vorbereitung und Vorgehensweise könnten darauf hindeuten, dass erfahrene Täter am Werk waren. Angriffe auf Geldautomaten mithilfe explosiver Gasgemische beschäftigen französische Ermittler bereits seit längerem.

    Für das Majestic bleibt vorerst ein bizarrer Schauplatz zurück. Ein Ort, an dem sonst künstliche Explosionen über die Leinwand flimmern, trägt plötzlich die Spuren sehr realer Gewalt.

    Und diesmal endet die Szene nicht mit dem Abspann.

    Andreas M. Brucker

  • Sabotage in der Haute-Savoie: Ein Strommast bringt Fabriken zum Stillstand

    Sabotage in der Haute-Savoie: Ein Strommast bringt Fabriken zum Stillstand

    Ein beschädigter Hochspannungsmast, plötzlich stillstehende Maschinen und Betriebe, die ihre Produktion unterbrechen müssen: In der Haute-Savoie hat die mutmaßliche Sabotage an der Strominfrastruktur gezeigt, wie empfindlich eine hochindustrialisierte Region auf den Ausfall einer einzigen zentralen Verbindung reagiert.

    Der Vorfall traf insbesondere das Arve-Tal, einen der bedeutendsten Industriestandorte im französischen Alpenraum. Zahlreiche Unternehmen dort sind auf Präzisionsmechanik und die Herstellung hoch spezialisierter Bauteile ausgerichtet. Sie beliefern unter anderem die Automobilindustrie, die Luftfahrtbranche und andere Industriezweige, bei denen selbst kleinste Komponenten exakt gefertigt und termingerecht geliefert werden müssen.

    Ohne Strom läuft hier allerdings wenig.

    Durch die Beschädigung des Hochspannungsmastes wurde die Versorgung zahlreicher Betriebe unterbrochen. In mehreren Werken standen Maschinen und Fertigungsstraßen zeitweise still. Gerade energieintensive Produktionsprozesse benötigen eine stabile Versorgung; ein abrupter Ausfall lässt sich nicht einfach mit ein paar Verlängerungskabeln überbrücken. Für die Unternehmen bedeutet jede Stunde Stillstand zusätzliche Kosten – und möglicherweise Probleme bei ohnehin eng getakteten Lieferterminen.

    Nach ersten Erkenntnissen der Behörden handelt es sich nicht um einen technischen Defekt oder einen gewöhnlichen Zwischenfall. Vielmehr steht der Verdacht eines vorsätzlichen Sabotageaktes im Raum. Spezialisten untersuchten den beschädigten Mast und suchten nach Hinweisen auf den genauen Ablauf. Gleichzeitig bemühten sich die zuständigen Techniker des Stromnetzes darum, betroffene Gebiete über alternative Leitungen wieder zu versorgen.

    Auch die Justiz beschäftigt sich mit dem Fall. Ermittlungen wegen der vorsätzlichen Beschädigung kritischer Infrastruktur sollen klären, wer hinter der Tat steckt und welches Motiv eine Rolle spielte.

    Für die Haute-Savoie reicht die Bedeutung des Vorfalls weit über einen regionalen Stromausfall hinaus. Das Arve-Tal besitzt in Frankreich eine besondere Stellung als Zentrum der Drehteilefertigung und Präzisionsmechanik. Viele dort ansässige Firmen sitzen an entscheidenden Stellen internationaler Lieferketten.

    Fällt eine zentrale Stromverbindung aus, entsteht deshalb schnell ein Dominoeffekt: Maschinen stehen, Aufträge verzögern sich, Liefertermine geraten unter Druck und Kunden weit außerhalb der Region spüren möglicherweise die Folgen.

    Der beschädigte Mast macht damit eine unbequeme Realität sichtbar. Moderne Industrie lebt von komplexen Produktionsanlagen und weltweiten Lieferketten – doch am Anfang steht etwas erstaunlich Grundsätzliches: eine zuverlässige Stromversorgung.

    Andreas M. Brucker

  • 100-Tonnen-Fels stoppt 20 Zentimeter vor Wohnhaus in den Pyrenäen

    100-Tonnen-Fels stoppt 20 Zentimeter vor Wohnhaus in den Pyrenäen

    Es fehlten gerade einmal 20 Zentimeter – eine Handspanne, die im französischen Pyrenäendorf Louvie-Soubiron über Glück und Katastrophe entschied. Ein gewaltiger Felsblock mit einem geschätzten Gewicht von nahezu 100 Tonnen löste sich vom Berghang, raste talwärts und kam unmittelbar vor einem Wohnhaus zum Stillstand. Die dort lebende Familie entging nur knapp einer Katastrophe.

    Der Vorfall ereignete sich in Louvie-Soubiron im Ossau-Tal des südwestfranzösischen Départements Pyrénées-Atlantiques. Dort gehören steile Hänge und mächtige Felsformationen zur eindrucksvollen Landschaft – doch genau diese Nähe zum Gebirge birgt Risiken.

    Als sich der riesige Gesteinsblock aus dem Berg löste und den Hang hinabstürzte, blieb den Bewohnern kaum Zeit, das Geschehen einzuordnen. Das Krachen und Dröhnen muss enorm gewesen sein. Erst danach zeigte sich, wie unfassbar knapp die Familie davongekommen war: Zwischen Fels und Haus lagen lediglich rund 20 Zentimeter.

    „Ich habe gezittert“, berichtete einer der Bewohner nach dem Ereignis. Viel mehr braucht es wohl nicht, um diesen Moment zu beschreiben. Wäre der Koloss nur geringfügig anders gesprungen oder gerollt, hätte er das Gebäude mit voller Wucht treffen können.

    Ein ziemlicher Schreck – gelinde gesagt.

    Felsstürze und Erdrutsche sind in den Pyrenäen kein unbekanntes Naturphänomen. Starke Regenfälle, Erosion sowie der regelmäßige Wechsel zwischen Frost und Tauwetter setzen dem Gestein zu. Wasser dringt in Spalten ein, gefriert, dehnt sich aus und lockert über längere Zeit ganze Felspartien. Irgendwann reicht mitunter eine vergleichsweise geringe zusätzliche Belastung, damit sich ein Block löst.

    Nach dem Zwischenfall rückten deshalb die Sicherheit des Hanges und mögliche weitere Gefahren in den Mittelpunkt. Fachleute und zuständige Behörden müssen prüfen, wie stabil der betroffene Bereich noch ist und ob weitere Gesteinsmassen abstürzen könnten. Solche Untersuchungen entscheiden darüber, welche Sicherungsmaßnahmen nötig sind und ob gefährdete Bereiche vorübergehend gemieden oder gesperrt bleiben müssen.

    Für Berggemeinden gehört diese Vorsorge zum Alltag. Absolute Sicherheit bietet die Natur dennoch nicht. Gerade Felsstürze besitzen eine unangenehme Eigenschaft: Sie kündigen sich für Menschen vor Ort nicht immer deutlich an.

    In Louvie-Soubiron blieb am Ende vor allem eine gewaltige Portion Glück. Ein rund 100 Tonnen schwerer Fels, ein Wohnhaus – und dazwischen nur 20 Zentimeter Luft.

    Manchmal misst das Glück tatsächlich nur eine Handbreit.

    Daniel Ivers

  • Frankreich vor einem Papstbesuch von historischer Dimension

    Frankreich vor einem Papstbesuch von historischer Dimension

    Frankreich bereitet sich auf einen der grössten religiösen Anlässe der vergangenen Jahrzehnte vor. Vom 25. bis 28. September reist Papst Leo XIV. nach Paris, Lourdes und Metz. Es ist der erste Besuch eines Papstes in der französischen Hauptstadt seit Benedikt XVI. im Jahr 2008. Mehr als eine Million Menschen könnten an den verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen. Doch die Reise ist weit mehr als ein katholisches Grossereignis: Sie berührt das schwierige Verhältnis Frankreichs zur Religion, die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs innerhalb der Kirche und nicht zuletzt die Frage nach Europas politischer und kultureller Identität.

    Vier Tage zwischen Republik und Kirche

    Der Auftakt könnte symbolischer kaum sein. Am 25. September landet Leo XIV. in Paris und wird zunächst von Staatspräsident Emmanuel Macron im Élysée-Palast empfangen. Anschliessend trifft er Vertreter der staatlichen Institutionen, der Zivilgesellschaft und des diplomatischen Korps.

    Dass ein Papst im laizistischen Frankreich mit derartiger Aufmerksamkeit empfangen wird, ist keineswegs selbstverständlich. Seit dem Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat von 1905 gehört die laïcité zu den tragenden Prinzipien der französischen Republik. Der Staat erkennt keine Religion als privilegiert an und finanziert grundsätzlich keinen Kultus.

    Doch Frankreichs Verhältnis zum Katholizismus ist komplizierter, als es dieses Prinzip vermuten lässt. Die Republik ist säkular, ihre Geschichte und ihr kulturelles Erbe sind es nicht. Kathedralen, Klöster, Feiertage und Pilgerorte gehören ebenso zur französischen Identität wie die republikanische Tradition der Trennung von Religion und Politik.

    Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich der Besuch von Leo XIV.

    Nach seinem Treffen mit Macron spricht der Papst am Sitz der UNESCO. Damit erhält die Reise bereits am ersten Tag eine internationale Dimension. Themen wie Bildung, Kultur, Frieden und der Schutz des kulturellen Erbes gehören traditionell zu jenen Feldern, auf denen der Heilige Stuhl seine diplomatische Rolle besonders sichtbar macht.

    Danach folgt eine Fahrt im Papamobil durch Paris. Am späten Nachmittag feiert Leo XIV. mit Bischöfen, Priestern, Diakonen und Ordensleuten die Vesper in Notre-Dame.

    Auch dieser Ort trägt eine aussergewöhnliche Symbolik. Die Kathedrale wurde nach dem verheerenden Brand von 2019 im Dezember 2024 wiedereröffnet. Der Papstbesuch macht Notre-Dame erneut zu einer Bühne, auf der sich französische Geschichte, christliches Erbe und moderne nationale Identität überschneiden.

    Am Abend werden rund 80 000 Jugendliche zu einer Gebetsvigil im Stade de France in Saint-Denis erwartet.

    Eine Messe für eine halbe Million Menschen

    Der organisatorische Höhepunkt folgt am Samstag. Nach einem Besuch im Sozial- und Integrationszentrum Maison Bakhita und einer Begegnung am Institut Catholique de Paris feiert Leo XIV. um 15 Uhr eine Messe auf der Place de la Concorde.

    Rund 500 000 Menschen werden im Bereich zwischen Concorde und Champs-Élysées erwartet. Die Zahl könnte noch steigen. Anfang September waren für die Veranstaltungen der Papstreise insgesamt bereits mehr als 700 000 Teilnehmer registriert; zeitweise gingen täglich Tausende weitere Anmeldungen ein.

    Damit erreicht der Besuch Dimensionen, wie sie Frankreich sonst eher von politischen Grossereignissen, internationalen Sportveranstaltungen oder nationalen Gedenkfeiern kennt.

    Die logistischen Anforderungen sind entsprechend hoch. Allein die kirchlichen Organisatoren rechnen mit rund 12 000 freiwilligen Helfern. Der französische Staat plant auf dem Höhepunkt des Besuchs ein Sicherheitsdispositiv von etwa 15 000 Polizisten, Gendarmen, Angehörigen mobiler Einheiten und Soldaten der Operation Sentinelle. Rund 14 000 Sicherheitskräfte sollen zeitweise allein in Paris eingesetzt werden.

    Die Regierung hat den Papstbesuch offiziell als «Grossereignis» im Sinne des französischen Sicherheitsrechts eingestuft. Hintergrund sind vor allem die enormen Menschenansammlungen und das damit verbundene Terrorismusrisiko. Eine konkrete terroristische Bedrohung war Anfang September nach Angaben der Behörden allerdings nicht bekannt.

    Auch finanziell ist das Ereignis aussergewöhnlich. Die französische Bischofskonferenz beziffert die Kosten inzwischen auf rund 27 Millionen Euro. Finanziert werden Organisation, Infrastruktur und kirchliche Veranstaltungen vor allem von der Kirche und durch private Spenden; die staatlichen Sicherheitsmassnahmen trägt hingegen die öffentliche Hand. Anfang September waren erst rund 5,5 Millionen Euro an Spenden zusammengekommen.

    Lourdes und die offene Wunde des Missbrauchs

    Am Samstagabend reist Leo XIV. weiter nach Lourdes. Der Wallfahrtsort am Fuss der Pyrenäen gehört zu den bedeutendsten katholischen Pilgerstätten der Welt. Für den Sonntag rechnen die Organisatoren dort mit etwa 150 000 Besuchern.

    Das Programm folgt zunächst der klassischen Symbolik von Lourdes: Gebet an der Grotte von Massabielle, eine grosse Messe auf der Prairie des Heiligtums und am Sonntagabend Rosenkranz und Lichterprozession.

    Doch der vielleicht politisch und kirchlich sensibelste Termin steht nicht im öffentlichen Mittelpunkt des offiziellen Programms. Leo XIV. soll in Lourdes sieben Menschen treffen, die innerhalb der katholischen Kirche Opfer sexueller Gewalt geworden sind.

    Die Begegnung ist für die französische Kirche von besonderer Bedeutung. Seit der Veröffentlichung des Berichts der unabhängigen Untersuchungskommission CIASE im Jahr 2021 steht das Ausmass sexuellen Missbrauchs im französischen Katholizismus im Zentrum einer schmerzhaften Aufarbeitung. Die Kommission kam damals zu dem Ergebnis, dass seit 1950 Hunderttausende Minderjährige Opfer sexueller Gewalt durch Kleriker, Ordensangehörige oder andere mit der Kirche verbundene Personen geworden waren.

    Dass Leo XIV. Betroffene persönlich trifft, ist deshalb nicht bloss eine pastorale Geste. Es berührt unmittelbar die Glaubwürdigkeit einer Institution, die um Vertrauen ringt.

    Ein säkulares Land mit katholischem Gedächtnis

    Die Reise fällt zugleich in eine bemerkenswerte Phase des französischen Katholizismus.

    Langfristig ist der Bedeutungsverlust eindeutig. Nach einer Ifop-Erhebung von 2025 erklärten nur noch 41 Prozent der Franzosen, an Gott zu glauben; 1947 waren es noch 66 Prozent gewesen. Nur 26 Prozent gaben an, zumindest einige Male im Jahr eine Messe zu besuchen. 1961 waren es noch 68 Prozent.

    Gleichzeitig zeigen sich gegenläufige Entwicklungen. Die französische Kirche registriert seit einigen Jahren einen starken Anstieg bei Erwachsenentaufen und Katechumenen. Gerade unter jüngeren Erwachsenen scheint Religion für eine kleine, aber sichtbare Minderheit wieder stärker identitätsstiftend zu werden.

    Von einer «Rückkehr Frankreichs zum Katholizismus» zu sprechen wäre deshalb übertrieben. Eher verändert sich die Struktur des französischen Katholizismus: Aus einer einst gesellschaftlich dominierenden Volkskirche wird zunehmend eine kleinere, bewusst praktizierende Gemeinschaft.

    Der Papstbesuch macht diese Minderheit für einige Tage aussergewöhnlich sichtbar.

    Metz und die europäische Botschaft

    Die letzte Station der Reise führt Leo XIV. am 28. September nach Metz. Die Wahl der lothringischen Stadt ist politisch aufgeladen.

    Im Robert-Schuman-Kongresszentrum nimmt der Papst zunächst an einer interreligiösen Begegnung teil. Anschliessend steht eine Veranstaltung unter dem programmatischen Titel «Zu den Wurzeln Europas für Frieden und Einheit» auf dem Programm.

    Der Bezug auf Robert Schuman ist bewusst gewählt. Der französische Aussenminister und christdemokratische Politiker gehörte gemeinsam mit Konrad Adenauer, Alcide De Gasperi und Jean Monnet zu den prägenden Figuren der europäischen Einigung nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Schuman-Erklärung vom 9. Mai 1950 gilt als einer der politischen Ausgangspunkte der heutigen Europäischen Union.

    Metz liegt zudem in einer Grenzregion, deren Geschichte von den französisch-deutschen Konflikten des 19. und 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Kaum ein Ort eignet sich deshalb besser, um über Versöhnung, Frieden und europäische Zusammenarbeit zu sprechen.

    Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine, der angespannten Beziehungen zu Russland und der wachsenden strategischen Unsicherheit Europas erhält diese Botschaft eine Aktualität, die weit über kirchliche Fragen hinausgeht.

    Am Nachmittag feiert Leo XIV. in der Kathedrale Saint-Étienne seine letzte Messe auf französischem Boden, bevor er nach Rom zurückkehrt.

    Die Reise zeigt damit eine bemerkenswerte Dramaturgie. Paris steht für das Verhältnis zwischen Kirche, Republik und internationaler Diplomatie. Lourdes verkörpert Glauben und Wallfahrt, aber ebenso die Auseinandersetzung mit den Verfehlungen der Kirche. Metz verbindet schliesslich christliches Erbe mit der politischen Idee Europas.

    Gerade darin liegt die Bedeutung des Besuchs. Leo XIV. kommt nicht in ein Land, in dem die katholische Kirche noch die gesellschaftliche Stellung früherer Jahrzehnte besitzt. Er kommt in eine weitgehend säkularisierte Republik, in der religiöse Bindungen schwächer geworden sind, das katholische Erbe aber weiterhin tief in Landschaft, Architektur, Geschichte und kollektiver Erinnerung verankert ist.

    Wenn Hunderttausende Menschen Ende September auf den Champs-Élysées, in Lourdes und in Metz zusammenkommen, wird deshalb nicht nur sichtbar werden, wie viele Katholiken Frankreich noch mobilisieren kann. Der Besuch dürfte zugleich zeigen, welche Rolle Religion in einer europäischen Gesellschaft spielen kann, die politisch säkular geworden ist, ihre religiöse Vergangenheit aber keineswegs vollständig hinter sich gelassen hat.

    P.T.