Kategorie: Tourismus

  • Wenn die Provence wandert

    Wenn die Provence wandert

    Die Provence riecht im Frühsommer nach wildem Thymian, warmem Stein und Lavendel. Doch noch bevor die ersten Urlauber ihre Kameras zücken, kündigt ein anderes Geräusch die neue Jahreszeit an: das dumpfe Läuten unzähliger Glocken. Dann ziehen Tausende Schafe durch enge Gassen, vorbei an Cafés, alten Brunnen und staunenden Kindern. Die Transhumance verwandelt Orte wie Saint-Rémy-de-Provence […]

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  • Das steinerne Schweigen der Lozère

    Das steinerne Schweigen der Lozère

    Wer zum ersten Mal den causse Méjean erreicht, spürt sofort diese eigentümliche Verlangsamung. Die Straße windet sich hinauf, vorbei an den letzten dichten Wäldern, vorbei an Schluchten, in denen die Tarn und die Jonte wie grüne Bänder durch den Kalkstein schneiden, und plötzlich öffnet sich ein Hochplateau, das wirkt, als hätte jemand die Welt auf ein Minimum reduziert. Himmel. Wind. Stein. Licht.

    Mehr nicht.

    Und doch steckt gerade in dieser scheinbaren Leere eine fast überwältigende Fülle.

    Der causse Méjean liegt im Herzen der Lozère, jener französischen Region, die von Paris aus betrachtet oft wie ein blinder Fleck auf der Landkarte erscheint. Keine mondänen Seebäder. Keine glamourösen Skigebiete. Keine Boulevards voller Luxusgeschäfte. Stattdessen eine Landschaft, die sich jeder schnellen Vereinnahmung entzieht. Wer hierher kommt, sucht keine Zerstreuung. Er sucht Abstand.

    Vielleicht sogar sich selbst.

    Das Plateau gehört zu den Grands Causses des südlichen Zentralmassivs und erhebt sich auf über tausend Meter Höhe. Die Luft besitzt hier eine andere Schärfe. Selbst im Sommer trägt der Wind manchmal eine Kühle in sich, die an frühe Herbstmorgen erinnert. Die wenigen Straßen schneiden wie schmale Linien durch die Weite, vorbei an Trockenmauern, vereinzelten Gehöften und winzigen Dörfern mit romanischen Kirchen, deren Glocken eher nach Jahrhunderten als nach Stunden klingen.

    Es gibt Orte, die laut um Aufmerksamkeit kämpfen.

    Der causse Méjean zählt nicht dazu.

    Seine Kraft liegt im Gegenteil.

    In der Stille.

    Wer am späten Nachmittag auf einer Anhöhe steht und über die scheinbar endlosen Flächen blickt, versteht rasch, weshalb viele Besucher von einer beinahe mystischen Erfahrung sprechen. Das Licht verändert sich hier ständig. Wolkenschatten wandern wie langsame Tiere über den Boden. Das Gras flimmert silbrig im Wind. In der Ferne ziehen einzelne Schafe über die Ebene, so klein, dass sie beinahe wie helle Kiesel wirken.

    Und dann dieses Schweigen.

    Nicht das Schweigen eines geschlossenen Raumes, sondern jenes große, offene Schweigen der Natur, das plötzlich jedes unnötige Wort überflüssig erscheinen lässt.

    Dabei wirkt die Landschaft keineswegs sanft. Der causse Méjean besitzt etwas Herbens, beinahe Sprödes. Der Kalksteinboden fordert Mensch und Tier seit Jahrhunderten heraus. Wasser versickert rasch im porösen Gestein, die Sommer fallen trocken aus, die Winter hart. Wer hier leben wollte, brauchte Geduld, Ausdauer und eine gewisse Sturheit.

    Vielleicht gerade deshalb entstand auf diesem Plateau eine Kultur, die bis heute erstaunlich widerstandsfähig wirkt.

    Die alten Bauernhäuser aus blondem Stein schmiegen sich tief in die Landschaft. Ihre schweren Dächer aus Lauzeplatten trotzen seit Generationen den Stürmen. Vor vielen Höfen stehen noch uralte Wacholderbüsche, deren knorrige Formen aussehen, als hätte ein Bildhauer sie absichtlich verdreht. Hinter den Mauern hört man das leise Blöken der Schafe.

    Denn ohne die Schafe gäbe es den causse Méjean in seiner heutigen Form vermutlich gar nicht.

    Seit Jahrhunderten prägt die Wanderschäferei das Plateau. Die Tiere halten die Flächen offen, verhindern die Verbuschung und liefern zugleich die Milch für einen der berühmtesten Käse Frankreichs: den Roquefort. Wer morgens an einer Herde vorbeifährt, erlebt manchmal noch jene Szenen, die anderswo längst folkloristische Kulisse geworden sind. Ein Hirte steht im Wind, die Hunde kreisen aufmerksam um die Tiere, irgendwo klappert ein Metalltor.

    Kein Spektakel.

    Einfach Alltag.

    Gerade darin liegt die stille Würde dieser Gegend.

    Der causse Méjean gehört seit 2011 zum UNESCO Welterbe der Causses und Cevennen, ausgezeichnet als einzigartige Kulturlandschaft agro pastoraler Tradition. Doch selbst dieser internationale Titel änderte wenig am Charakter der Region. Der Massentourismus blieb aus. Zum Glück, sagen viele Bewohner.

    Man versteht sofort, warum.

    Denn die Schönheit des Plateaus entfaltet sich nicht in Attraktionen, die man abhaken könnte wie Programmpunkte einer Rundreise. Sie entsteht langsam, beinahe widerwillig. Wer nur kurz vorbeifährt, sieht womöglich bloß Steine und Weite. Erst nach Stunden beginnt die Landschaft ihre Zwischentöne zu zeigen.

    Da ist etwa das Geräusch des Windes, der durch trockene Gräser streicht.

    Oder der Duft von wildem Thymian an heißen Tagen.

    Oder dieses eigenartige Gefühl, gleichzeitig vollkommen allein und doch merkwürdig geborgen zu sein.

    Besonders eindrucksvoll offenbart sich die Wildheit des causse Méjean an seinen Rändern. Dort brechen die Hochflächen abrupt ab und stürzen in die tief eingeschnittenen Schluchten der Tarn und der Jonte hinunter. Die Felsen fallen hunderte Meter steil ab. Kalkwände leuchten weiß in der Sonne. Unten glitzern Flüsse, die aus der Höhe beinahe unbeweglich wirken.

    Und über allem kreisen die Geier.

    Noch vor wenigen Jahrzehnten galt ihre Rückkehr als kaum vorstellbar. Der Gänsegeier war in der Region verschwunden, Opfer von Verfolgung und veränderten landwirtschaftlichen Strukturen. In den achtziger Jahren begann schließlich ein ambitioniertes Wiederansiedlungsprogramm.

    Mit Erfolg.

    Heute ziehen wieder mächtige Schatten über die Schluchten. Wer an den Aussichtspunkten der Jonte steht, erlebt ein Naturschauspiel, das fast archaisch wirkt. Die riesigen Vögel gleiten scheinbar mühelos auf den Aufwinden entlang der Felsen. Kein Flügelschlag. Nur elegantes Schweben.

    Manchmal kommen sie den Besuchern erstaunlich nah.

    Dann sieht man plötzlich jedes Detail: die gewaltige Spannweite, die hellen Federn, den kahlen Kopf, der zugleich fremdartig und majestätisch erscheint.

    Neben dem Gänsegeier leben inzwischen auch Mönchsgeier und Schmutzgeier wieder in der Region. Ornithologen aus ganz Europa reisen deshalb in die Lozère. Doch selbst Menschen, die normalerweise wenig Interesse an Vögeln besitzen, geraten hier ins Staunen.

    Wie könnte man auch unberührt bleiben?

    Es gibt Momente auf dem causse Méjean, in denen man das Gefühl bekommt, in eine andere Zeit geraten zu sein. Eine Zeit vor Autobahnen, Einkaufszentren und Dauerbenachrichtigungen.

    Das gilt besonders für den chaos de Nîmes le Vieux. Schon der Name klingt wie ein Versprechen aus einem Abenteuerroman. Tatsächlich wirkt diese Felsenlandschaft wie eine vergessene Ruinenstadt. Über Jahrtausende formten Wind, Regen und Frost bizarre Kalksteinformationen, die plötzlich menschliche oder tierische Gestalten anzunehmen scheinen.

    Einige Felsen erinnern an Burgtürme.

    Andere an versteinerte Riesen.

    Wieder andere sehen aus wie gewaltige Pilze.

    Beim Wandern zwischen diesen Steinblöcken verändert sich ständig die Perspektive. Hinter jeder Kurve wartet eine neue Formation. Kinder erfinden hier sofort Geschichten. Erwachsene übrigens auch, selbst wenn sie das niemals zugeben würden.

    An einem windstillen Abend kann der Ort beinahe unwirklich erscheinen. Das goldene Licht der untergehenden Sonne legt sich auf die Felsen, Schwalben schießen durch die Luft, und plötzlich entsteht der Eindruck, als würde die Landschaft atmen.

    Nicht weit davon entfernt öffnet sich ein weiterer Schatz des Plateaus: der Aven Armand.

    Von außen deutet zunächst wenig darauf hin, was sich tief unter der Erde verbirgt. Doch dann führt der Weg hinab in eine gewaltige Höhle, entdeckt Ende des neunzehnten Jahrhunderts vom Höhlenforscher Édouard Alfred Martel.

    Der erste Eindruck bleibt unvergesslich.

    Eine Kathedrale aus Stein.

    Überall wachsen Stalagmiten empor, dicht an dicht wie ein mineralischer Wald. Manche reichen mehrere Meter in die Höhe. Das Licht zeichnet bizarre Schatten auf die Wände, Tropfen fallen irgendwo in der Dunkelheit, und die Temperatur bleibt konstant kühl.

    Fast jeder Besucher verstummt irgendwann.

    Vielleicht, weil diese unterirdische Welt eine Ehrfurcht hervorruft, die sich kaum in Worte fassen lässt.

    Der causse Méjean besitzt überhaupt eine bemerkenswerte Beziehung zur Zeit. Viele Orte Europas wirken heute beschleunigt, überformt, bis ins letzte Detail organisiert. Hier dagegen scheint noch Platz für Zufall zu existieren. Für Langsamkeit. Für leere Stunden.

    Man fährt kilometerweit, ohne einem anderen Auto zu begegnen.

    Man setzt sich auf einen Stein und hört minutenlang nichts außer Wind.

    Man schaut nachts in den Himmel und entdeckt plötzlich die Milchstraße mit einer Klarheit, die in den meisten Städten längst verloren ging.

    Die Dunkelheit gehört zu den großen Reichtümern des Plateaus. Lichtverschmutzung existiert kaum. Wenn die Nacht hereinbricht, verschwindet der Horizont fast vollständig. Über den Ebenen spannt sich ein Sternenzelt, das beinahe einschüchternd wirkt.

    Ein alter Bewohner erzählte einmal lachend, die Sterne seien hier so hell, dass man nachts fast Zeitung lesen könne.

    Ganz unrecht hatte er nicht.

    Wer spätabends vor einer abgelegenen Schäferei steht, erlebt etwas Seltenes: echte Finsternis. Keine Neonreklame. Kein Verkehrsrauschen. Kein flackernder Bildschirm hinter Gardinen.

    Nur Himmel.

    Und diese tiefe Ruhe, die modernen Menschen fast fremd geworden ist.

    Natürlich romantisiert man solche Orte schnell. Auch auf dem causse Méjean verläuft das Leben nicht idyllisch. Viele junge Menschen ziehen fort, Arbeitsplätze fehlen, Schulen kämpfen ums Überleben. Die Winter können einsam sein. Der Wind nervt manchmal tagelang. Und wer hier dauerhaft lebt, weiß, dass Schönheit allein keine Rechnungen bezahlt.

    Doch vielleicht liegt gerade darin die besondere Ehrlichkeit dieser Landschaft.

    Der causse Méjean versucht nicht, jemand anderes zu sein.

    Er verkauft keine künstliche Provence Folklore.

    Er inszeniert sich nicht als hippe Outdoor Destination.

    Das Plateau bleibt rau, still und eigensinnig.

    Und genau deshalb berührt es so tief.

    Während viele touristische Regionen längst nach denselben Mustern funktionieren, besitzt die Lozère noch etwas Unberechenbares. Ein Café mag plötzlich geschlossen bleiben, weil der Besitzer auf einer Beerdigung ist. Ein Wanderweg verschwindet kurz hinter einer Schafherde. In kleinen Dörfern sitzen ältere Männer auf Steinbänken und beobachten schweigend die wenigen Vorbeifahrenden.

    Manchmal fühlt sich das an wie eine Reise in ein Frankreich, das andernorts längst verschwunden scheint.

    Nicht museal.

    Sondern lebendig.

    Gerade deshalb zieht der causse Méjean Künstler, Schriftsteller und Fotografen an. Viele sprechen von einer Landschaft, die den Blick reinigt. Tatsächlich verändert die Weite etwas in der Wahrnehmung. Das Auge findet hier kaum Ablenkung und beginnt plötzlich, Details intensiver wahrzunehmen: das Muster einer Trockenmauer, den Schatten eines Vogels, das matte Glänzen des Kalksteins nach einem Sommerregen.

    Vielleicht braucht der Mensch solche Orte dringender, als ihm bewusst ist.

    Orte, die keinen Lärm produzieren.

    Orte, die keine Aufmerksamkeit erzwingen.

    Orte, in denen Stille nicht als Leere erscheint, sondern als kostbarer Zustand.

    Der causse Méjean besitzt keine spektakuläre Eleganz. Seine Schönheit gleicht eher einem alten Gesicht voller Linien und Geschichten. Man entdeckt sie nicht auf den ersten Blick. Doch je länger man bleibt, desto stärker wirkt sie nach.

    Am Ende verlässt man das Plateau oft mit einem seltsamen Gefühl. Nicht euphorisch. Eher still.

    Als hätte die Landschaft etwas zurechtgerückt.

    Vielleicht liegt darin ihre eigentliche Magie.

    Nicht im Dramatischen.

    Sondern im Reduzierten.

    Im Wind über den Ebenen.

    Im Flug der Geier.

    Im Klang der Glocken eines abgelegenen Dorfes.

    Und in jenem kostbaren Eindruck, dass die Welt trotz allem noch Orte kennt, die sich dem hektischen Rhythmus der Gegenwart widersetzen.

    Der causse Méjean wartet nicht auf Besucher.

    Er existiert einfach.

    Seit Jahrhunderten.

    Unbeirrbar.

    Fast störrisch.

    Und gerade deshalb vergisst man ihn nicht.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Apremont-sur-Allier – Frankreichs stille Schönheit am Fluss Allier

    Apremont-sur-Allier – Frankreichs stille Schönheit am Fluss Allier

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  • Die Moyenne Corniche – eine Straße zwischen Himmel und Mittelmeer

    Die Moyenne Corniche – eine Straße zwischen Himmel und Mittelmeer

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  • Attrappen am Straßenrand: Wie falsche Blitzer in der Corrèze echte Wirkung entfalten

    Attrappen am Straßenrand: Wie falsche Blitzer in der Corrèze echte Wirkung entfalten

    uWer derzeit durch die ländlichen Straßen der französischen Corrèze fährt, tritt an manchen Ortseingängen fast automatisch auf die Bremse. Am Fahrbahnrand stehen graue Kästen, Warnschilder kündigen „Radar-Kontrollen“ an — und für einen kurzen Moment wirkt alles wie eine gewöhnliche Geschwindigkeitsüberwachung. Der kleine Unterschied: Diese Anlagen blitzen niemanden.

    Mehrere Gemeinden der Region setzen seit Monaten auf täuschend echte Radar-Attrappen oder sogenannte pädagogische Blitzer. Ziel der Maßnahme: den Verkehr beruhigen, ohne Autofahrer mit Bußgeldern zu überziehen. Gerade in kleinen Dörfern sorgt überhöhte Geschwindigkeit seit Jahren für Ärger. Bewohner klagen über Fahrzeuge, die durch Tempo-30-Zonen rauschen, als gäbe es keine Häuserfassaden, keine Kinder auf Fahrrädern und keine Fußgänger am Straßenrand.

    Ein echter stationärer Blitzer kostet allerdings viel Geld, benötigt Genehmigungen und hängt in Frankreich meist von zentralstaatlichen Entscheidungen ab. Für viele Kommunen auf dem Land bleibt das unerreichbar. Die falschen Blitzer dagegen wirken wie eine pragmatische Zwischenlösung — günstig, schnell installiert und offenbar erstaunlich effektiv.

    Denn der Mensch reagiert empfindlich auf Unsicherheit.

    Schon der Verdacht, kontrolliert zu werden, reicht oft aus, damit Fahrer das Tempo reduzieren. Genau auf diesem psychologischen Effekt baut das Konzept auf. Nach Angaben lokaler Politiker seien die Durchschnittsgeschwindigkeiten auf einigen Straßenabschnitten bereits um mehrere Stundenkilometer gesunken. Klingt erstmal nach wenig. Doch in engen Ortsdurchfahrten entscheiden oft wenige Kilometer pro Stunde darüber, ob ein Unfall glimpflich endet oder zur Katastrophe wird.

    Die Befürworter der Attrappen sprechen deshalb von einer entspannteren Form der Verkehrssicherheit. Nicht Strafe stehe im Mittelpunkt, sondern Prävention. Ein Ansatz, der in Frankreich durchaus politischen Sprengstoff entschärfen könnte.

    Denn kaum ein Thema erhitzt die Gemüter auf dem Land so sehr wie Blitzer.

    Seit Jahren werfen viele Autofahrer dem Staat vor, Radarfallen dienten eher der Auffüllung öffentlicher Kassen als dem Schutz der Bevölkerung. Während der Gelbwesten-Proteste wurden hunderte stationäre Blitzer beschädigt oder sogar angezündet. Die Bilder brennender Radarsäulen gingen damals durchs ganze Land — ein Symbol für die Wut vieler Menschen auf steigende Belastungen und staatliche Kontrolle.

    In der Corrèze dagegen scheint die Akzeptanz deutlich höher auszufallen. Vielleicht gerade deshalb, weil niemand direkt bestraft wird. Die Attrappen erinnern eher an einen mahnenden Zeigefinger als an einen fiskalischen Hammer. Manche Bürgermeister berichten sogar davon, dass Anwohner die Maßnahmen ausdrücklich begrüßen. „Lieber ein falscher Blitzer als ein echtes Problem vor der Haustür“, hört man dort sinngemäß öfter mal.

    Natürlich bleibt die Sache fragil.

    Je mehr Autofahrer erkennen, dass die Anlagen keine echten Sanktionen auslösen, desto stärker droht der Abschreckungseffekt zu verblassen. Die Strategie lebt von einer dauerhaften Restunsicherheit — einem stillen Theater der Vorsicht auf französischen Landstraßen. Und trotzdem zeigt das Experiment eine interessante Wahrheit: Verkehrssicherheit entsteht nicht allein durch Strafen, sondern auch durch Vertrauen, Wahrnehmung und ein gewisses Maß an psychologischem Fingerspitzengefühl.

    Oder, wie man in der Corrèze wohl sagen würde: Hauptsache, die Leute gehen vom Gas.

    Daniel Ivers

  • Cap Ferrat – Zwischen Belle Époque und diskretem Milliardenluxus

    Cap Ferrat – Zwischen Belle Époque und diskretem Milliardenluxus

    Die Halbinsel Saint-Jean-Cap-Ferrat wirkt wie ein Ort außerhalb der Zeit. Zwischen Nizza und Monaco zieht sich ein schmaler Streifen Land ins Mittelmeer, gesäumt von Pinien, Bougainvillea und Villen, deren Mauern mehr verbergen als zeigen. Hier lärmt kein Glamour. Kein blinkendes Spektakel. Luxus flüstert. Manchmal nicht einmal das. Wer zum ersten Mal nach Cap Ferrat fährt, […]

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  • Annemasse zieht die Bremse an – Fahrräder und E-Scooter aus der Fußgängerzone verbannt

    Annemasse zieht die Bremse an – Fahrräder und E-Scooter aus der Fußgängerzone verbannt

    In Annemasse endet vorerst die Idee vom harmonischen Nebeneinander auf engem Raum. Die Stadtverwaltung hat beschlossen, Fahrräder und E-Scooter aus den Fußgängerzonen der Innenstadt weitgehend zu verbannen. Wer künftig tagsüber durch die Einkaufsstraßen rollen möchte, muss absteigen und schieben. Die Regel gilt von Montag bis Samstag, nachts zwischen Mitternacht und acht Uhr bleibt die Durchfahrt erlaubt. Wer sich nicht daran hält, riskiert ein Bußgeld von bis zu 150 Euro.

    Die Entscheidung markiert einen deutlichen Kurswechsel.

    Noch vor wenigen Monaten sprach die Stadt bei der Umgestaltung des Zentrums von einer „beruhigten Innenstadt“, in der sich Fußgänger, Radfahrer und Nutzer von Trottinettes den öffentlichen Raum teilen sollten – gegenseitige Rücksichtnahme inklusive. Jetzt klingt der Ton rauer. Bürgermeister Gabriel Doublet setzt auf Härte, auf sichtbare Ordnung und auf eine Sicherheitsstrategie, die in Annemasse inzwischen überall spürbar ist. Mehr Stadtpolizei, Videoüberwachung, konsequente Ahndung kleiner Verstöße – die berühmte Null-Toleranz-Linie.

    Man kennt solche Entwicklungen aus vielen französischen Städten. Erst entstehen neue Radwege, danach wächst der Konflikt mit Fußgängern, irgendwann folgen Einschränkungen. Ein bisschen wie beim Familienurlaub im Auto: Anfangs wollen alle Musik hören, später streitet man darüber, wer überhaupt noch reden darf.

    Juristisch bewegt sich die Stadt durchaus auf sicherem Boden. Das französische Straßenrecht erlaubt lokalen Behörden, eigene Regeln für Fußgängerbereiche festzulegen. Fahrräder dürfen dort zwar grundsätzlich im Schritttempo fahren, doch Kommunen besitzen Spielraum für strengere Vorgaben. Für elektrische Tretroller gelten ohnehin schon enge Grenzen. Besonders ältere Menschen oder Familien mit Kindern beklagen seit Jahren riskante Situationen auf engen Gehwegen und Plätzen.

    Und ja – wer einmal beinahe von einem lautlosen E-Scooter gestreift wurde, versteht die Nervosität sofort.

    Politisch bleibt die Sache trotzdem heikel. Kritiker werfen der Stadt vor, ausgerechnet jene Verkehrsmittel auszubremsen, die eigentlich Teil der ökologischen Wende sein sollen. Schließlich investierten viele Kommunen jahrelang Millionen in sanfte Mobilität, Fahrradförderung und autofreie Zentren. Nun trifft die neue Regel auch jene Radfahrer, die sich korrekt verhalten. Die Opposition spricht deshalb von einer pauschalen Bestrafung wegen einiger weniger Rücksichtsloser.

    Genau dort liegt der Kern des Problems. Städte wollen lebendige Innenstädte ohne Autos, zugleich sollen sich Fußgänger sicher fühlen. Beides gleichzeitig hinzubekommen, gleicht manchmal dem Versuch, auf einem Fahrrad einen Espresso zu transportieren – theoretisch machbar, praktisch ziemlich wacklig.

    Denn Verbote allein lösen selten dauerhaft Konflikte. Wenn Radfahrer keine klaren Alternativrouten finden, weichen sie auf Gehwege oder Nebenstraßen aus. Wenn Kontrollen willkürlich wirken, wächst der Frust. Und wenn Städte zwar das Fahrrad politisch feiern, ihm im Alltag aber ständig Grenzen setzen, entsteht ein widersprüchliches Signal.

    Annemasse steht damit exemplarisch für viele europäische Kommunen. Die Debatte dreht sich längst nicht mehr nur um Verkehr, sondern um die Frage, wem die Stadt eigentlich gehört. Den Flaneuren? Den Pendlern? Den Radfahrern? Oder allen gemeinsam?

    Die Antwort darauf entscheidet am Ende nicht ein Verbotsschild allein, sondern die Art, wie öffentlicher Raum organisiert wird. Ein friedliches Zentrum entsteht nicht durch reine Härte. Sondern durch Regeln, die nachvollziehbar bleiben – und durch Platz für alle.

    Von C. Hatty

  • Burgunds neue Genussrouten – wo Frankreich plötzlich leiser, ehrlicher und verdammt lecker wirkt

    Burgunds neue Genussrouten – wo Frankreich plötzlich leiser, ehrlicher und verdammt lecker wirkt

    Burgund schmeckt nach Wein, langsam geschmortem Rindfleisch und nach langen Abenden unter alten Kastanienbäumen. Viele Reisende denken sofort an große Namen wie Beaune oder Dijon. Doch genau jetzt öffnet die Region eine andere Tür – eine, die tiefer hineinführt in das echte Burgund. Neue gastronomische Reiserouten verbinden kleine Städte, vergessene Industriekultur, Naturidylle und Küchen, in […]

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  • Esterel – Das rote Gebirge am Meer

    Esterel – Das rote Gebirge am Meer

    Wer zum ersten Mal zwischen Mandelieu und Saint Raphaël die kurvige Küstenstraße entlangfährt, erlebt einen dieser seltenen Momente, in denen Landschaft plötzlich wie eine Inszenierung wirkt. Hinter der nächsten Biegung kippt das Bild. Die Felsen glühen rot, fast unwirklich rot. Pinien klammern sich schief an die Hänge, unten flackert das Mittelmeer in Türkis und Kobaltblau. […]

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  • Hoffnung auf Schienen: Der neue RER B soll das tägliche Chaos in Paris entschärfen

    Hoffnung auf Schienen: Der neue RER B soll das tägliche Chaos in Paris entschärfen

    Wer morgens in Paris oder den Vororten unterwegs ist, kennt dieses Gefühl nur zu gut: ein voller Bahnsteig, flackernde Anzeigen, angespannte Gesichter. Und mittendrin der RER B — jene legendäre Linie, die täglich fast eine Million Menschen transportiert und dabei längst mehr ist als nur eine S-Bahn-Verbindung. Der RER B ist Pulsader, Dauerbaustelle und Geduldsprobe zugleich. Nun soll ein neues Kapitel beginnen. Die kommende Generation der Züge, die derzeit für den Einsatz in der Île-de-France vorbereitet wird, verspricht nichts Geringeres als eine kleine Revolution im Nahverkehr der französischen Hauptstadtregion. Schon beim ersten Blick fällt auf: Diese Züge wirken heller, moderner, beinahe futuristisch. Große Fensterflächen lassen Licht in die Wagen strömen, die Innenräume erscheinen offener, großzügiger — fast wie ein Gegenentwurf zu den oft stickigen und überfüllten Garnituren der vergangenen Jahrzehnte. Doch die eigentliche Veränderung steckt unter der Oberfläche. Die Kapazität de…

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