Kategorie: Sonntag

  • Bei den Meistern des Feuers

    Bei den Meistern des Feuers

    BIOT. Feuer, Atem, Geduld. Viel mehr scheint es im ersten Moment nicht zu brauchen. Am Ende einer langen Glasmacherpfeife glüht eine orangefarbene Masse. Der Glasbläser dreht das Rohr, prüft die Form, tritt wieder an den Ofen. Dann ein Atemzug – und aus dem unförmigen Klumpen wächst langsam eine transparente Kugel.

    So beginnt in Biot seit Jahrzehnten ein kleines Schauspiel.

    Das mittelalterliche Dorf zwischen Antibes und Nizza zählt heute zu den Hochburgen der europäischen Glaskunst. Beim fünften Biot International Glass Festival, kurz BIG, verwandelte sich der Ort vom 18. bis 20. September 2026 erneut in eine internationale Bühne. Rund 200 Glaskünstler und Kunsthandwerker aus fünf Kontinenten kamen zusammen. In den vier örtlichen Glaswerkstätten arbeitete man vor Publikum, tauschte Techniken aus und zeigte, wie lebendig dieses alte Handwerk geblieben ist.

    Das Festival selbst ist vorbei, sein Nachhall jedoch noch spürbar. Bis zum 25. Oktober zeigt die Ausstellung „Glass is Biotiful V“ rund vierzig Werke zeitgenössischer Glaskunst. Mit dabei sind Arbeiten der Ehrengäste Tobias Møhl aus Dänemark und Juliette Leperlier aus Frankreich.

    Und wer dabei nur an Vasen und Weingläser denkt, liegt ziemlich daneben.

    Ein Fehler macht Geschichte

    Die besondere Geschichte des Bioter Glases beginnt ausgerechnet mit etwas, das Glasbläser gewöhnlich vermeiden: Luftblasen.

    1956 experimentierte der Keramikingenieur Éloi Monod in Biot mit der Glasherstellung. Statt eingeschlossene Luft als Makel zu betrachten, machte er sie zum Gestaltungselement. Kleine Blasen verteilten sich bewusst im Material.

    Der „verre bullé“, das berühmte Blasenglas von Biot, war geboren.

    Gemeinsam mit Lucette, der Tochter des Besitzers der damaligen Poterie Provençale, gründete Monod die Verrerie de Biot. Seine zweite Idee erwies sich beinahe als ebenso prägend: Die Werkstatt blieb für Besucher offen.

    Plötzlich ließ sich Kunst beim Entstehen beobachten.

    Aus Monods Umfeld gingen Glaskünstler wie Jean Claude Novaro, Robert Pierini, Raphaël Farinelli sowie Daniel und Marcel Saba hervor. Lehrlinge entwickelten eigene Handschriften, wurden Meister und gaben ihr Wissen weiter.

    Biot besaß damit eine Schule ohne Klassenzimmer – der Unterricht fand am Ofen statt.

    Wo Glas lebendig bleibt

    Noch heute gehört die Glaskunst zum Alltag des Dorfes. Mehr als 80 Künstler und Kunsthandwerker arbeiten hier, darunter etwa zehn aktive Glaskünstler.

    In der traditionsreichen Verrerie de Biot entsteht weiterhin mundgeblasenes Glas. Besucher stehen in der Halle und erleben aus nächster Nähe, wie Karaffen, Gläser oder Leuchter Form annehmen.

    Bei der Verrerie Du Val De Pôme führen Daniel und Christophe Saba ihre eigene Tradition fort. Im Studio Antoine Pierini entwickelte sich das Handwerk stärker in Richtung zeitgenössischer Kunst. Und Sébastien Sappa führt die Linie seines Lehrmeisters Raphaël Farinelli weiter.

    Was verbindet diese Werkstätten?

    Vielleicht vor allem die Nähe zwischen Künstler, Material und Publikum.

    Denn Glasbläserei besitzt etwas ausgesprochen Theatralisches. Vor dem Ofen herrschen Temperaturen von weit über tausend Grad. Das Material duldet keine endlosen Überlegungen. Drehen, ziehen, blasen, formen – jeder Griff sitzt, während die Zeit davonläuft.

    Ganz schön heißer Arbeitsplatz.

    Der Zauber eines Atemzugs

    Beim BIG wurde sogar Glas tragbar. Die „Glass Fashion Show“ verband das Material mit Mode und Körperkunst. Die entstandenen Stücke bleiben bis zum 25. Oktober im Musée d’Histoire et de Céramique Biotoises zu sehen.

    Biot zeigt damit, warum Tradition nicht Stillstand bedeuten muss. Einst war das Dorf vor allem für seine großen Tonkrüge bekannt. Erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägt Glas seine Identität.

    Und alles begann mit einer Luftblase, die eigentlich ein Fehler war.

    Wer heute durch Biot schlendert, findet fertige Werke in Galerien und Geschäften. Doch der schönste Moment wartet vor dem Ofen: Ein Mensch hebt die Glasmacherpfeife. Ein Tropfen glüht. Ein Atemzug folgt.

    Plötzlich entsteht eine Form.

    Vielleicht liegt genau darin die Magie von Biot – in diesem kurzen Augenblick, in dem Feuer, Sand und menschliches Können etwas hervorbringen, das länger lebt als sein Schöpfer.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Das Schloss, das ein zweites Schloss verbirgt

    Das Schloss, das ein zweites Schloss verbirgt

    Nur wenige Kilometer von Saumur entfernt präsentiert sich das Château de Brézé zunächst so, wie man sich ein Schloss an der Loire vorstellt. Elegante Türme, helle Fassaden aus Tuffstein, ein herrschaftlicher Innenhof und Weinberge ringsum – eigentlich fehlt nur noch eine Kutsche, die über den Kies rumpelt.

    Doch wer Brézé wirklich entdecken möchte, darf nicht nach oben schauen.

    Er muss hinabsteigen.

    Unter Gärten, Innenhof und Schlossgebäuden liegt eine zweite Welt. Fast vier Kilometer Gänge, Räume, Keller und Kammern ziehen sich durch den weichen Tuffstein. Mehr als ein Kilometer davon steht Besuchern offen. Brézé ist deshalb weit mehr als eines der vielen prächtigen Schlösser im Loiretal.

    Es ist ein Schloss über einem Schloss.

    Eine Festung, die niemand sehen sollte

    Die Geschichte reicht bis weit ins Mittelalter zurück. Bereits 1063 erwähnt eine Urkunde der Abtei Saint Florent eine Burg in Brézé. Mit den eleganten Schlossbauten, die heute über dem Gelände thronen, hatte diese frühe Anlage allerdings wenig gemeinsam.

    Ihr Herz lag unter der Erde.

    Die sogenannte „Roche de Brézé“ befindet sich unter dem heutigen Ehrenhof und reicht stellenweise etwa elf Meter tief in den Felsen. Rund um einen Lichtschacht entstand ein erstaunliches System aus Räumen und Gängen.

    Hier ging es nicht um Schönheit.

    Hier ging es ums Überleben.

    Enge, verwinkelte Passagen erschwerten Angreifern das Vordringen. Schießstände sicherten wichtige Zugänge. Große Silos dienten zur Lagerung von Vorräten für den Fall einer Belagerung.

    Warum hohe Mauern bauen, wenn sich eine Festung einfach im Felsen verstecken lässt?

    Brézé erscheint aus heutiger Sicht beinahe wie ein mittelalterlicher Bunker – nur ohne Beton, Neonlicht und schwere Stahltüren.

    18 Meter hinab

    Im 14. Jahrhundert gelangte das Anwesen an die Familie Maillé Brézé. Gilles de Maillé Brézé erhielt 1448 die Erlaubnis, die Anlage zu befestigen und dort eine Garnison unterzubringen.

    Damals entstanden gewaltige trockene Gräben.

    An manchen Stellen reichen sie fast 18 Meter in die Tiefe. Wer unten steht und zu den Fassaden hinaufblickt, erlebt das Schloss plötzlich aus einer völlig anderen Perspektive. Die eleganten Mauern wirken von hier aus geradezu monumental.

    Dabei folgten die Bauherren einer ziemlich cleveren Idee.

    Die Gräben verbesserten nicht nur die Verteidigung. Der herausgeschlagene Tuffstein lieferte zugleich Baumaterial für die Gebäude darüber.

    Das sichtbare Brézé entstand also teilweise aus dem Gestein des unsichtbaren Brézé.

    Eine kleine Stadt im Felsen

    Doch unter der Erde wurde nicht nur gekämpft und Schutz gesucht.

    Dort wurde gearbeitet, gebacken, gelagert und Wein produziert.

    Besucher entdecken eine große unterirdische Bäckerei mit mehreren Öfen. Dazu kommen eine historische Seidenraupenzucht, Weinpressen, Lagerräume und weitläufige Keller.

    Kurz gesagt: Da unten war ordentlich was los.

    Gerade diese Räume erzählen besonders anschaulich vom Alltag früherer Jahrhunderte. Ein Schloss bestand schließlich nicht nur aus Adeligen, Festessen und kostbaren Möbeln. Lebensmittel mussten gelagert, Tiere versorgt, Trauben verarbeitet und Menschen ernährt werden.

    Der Wein spielt in Brézé bis heute eine besondere Rolle. Bereits im 15. Jahrhundert genossen die Weine des Gutes einen guten Ruf. Heute umfasst der Weinberg mehr als 27 Hektar, auf denen Weine der Appellation Saumur entstehen.

    Zwei Gesichter der Macht

    Während unter der Erde diese verborgene Welt fortbestand, veränderte sich das Schloss darüber immer wieder. Aus der mittelalterlichen Festung entwickelte sich eine Renaissance Residenz. Im 19. Jahrhundert kamen umfangreiche neugotische Umbauten hinzu.

    So entstanden zwei völlig unterschiedliche Welten.

    Oben zeigt sich Macht: Türme, Fassaden, Wohnräume und repräsentative Architektur.

    Unten zeigt sich ihre verletzliche Seite: Vorräte schützen, Angriffe abwehren, Wein lagern und schwierige Zeiten überstehen.

    Welches Schloss erzählt diese beiden Seiten seiner Geschichte schon so deutlich?

    Seit 1998 steht Brézé Besuchern offen. Mehr als 100.000 Menschen kommen inzwischen jedes Jahr hierher. Doch das eigentliche Geheimnis liegt nicht allein in den kilometerlangen Gängen.

    Es liegt in den Schichten der Geschichte.

    Fast tausend Jahre lang hinterließ jede Epoche ihr eigenes Brézé: mittelalterlicher Zufluchtsort, Festung, Renaissance Schloss, neugotische Residenz und Weingut.

    Wer nach dem Rundgang wieder aus den kühlen Galerien auftaucht und in den hellen Ehrenhof tritt, sieht das Schloss mit anderen Augen.

    Denn in Brézé liest man Geschichte nicht nur von links nach rechts.

    Man liest sie von unten nach oben.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Montsoreau – wo die Renaissance die Loire berührt

    Montsoreau – wo die Renaissance die Loire berührt

    Man müsste Montsoreau eigentlich vom Wasser aus entdecken. Erst von der Loire zeigt sich, was diesen Ort so besonders macht: Die helle Fassade scheint unmittelbar aus dem Fluss aufzusteigen. Tatsächlich steht das Château de Montsoreau als einziges Loire Schloss direkt im Flussbett. Wenige Kilometer …

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  • Im Schatten von Cézanne

    Im Schatten von Cézanne

    Am Morgen liegt die Sainte Victoire blass über der Provence. Das Licht wandert über den Kalkstein, irgendwo öffnen Cafés ihre Türen, auf den Straßen von Aix en Provence beginnt ein neuer Tag. Paul Cézanne hätte diese Farben vermutlich lange betrachtet. Vielleicht hätte er seine Staffelei aufgestellt…

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  • Die Schatzsucher vom Montblanc

    Die Schatzsucher vom Montblanc

    Hoch oben im Montblanc Massiv suchen Männer und Frauen nach Schätzen, die Millionen Jahre im Granit verborgen lagen. Sie heißen cristalliers und folgen einer Tradition, die im Tal von Chamonix seit Jahrhunderten gepflegt wird. Ihr großer Traum: ein vollkommener rosa Fluorit oder ein außergewöhnlicher Rauchquarz.

    Wer in Chamonix nach oben blickt, sieht Schnee, Gletscher und schroffe Gipfel. Bergsteiger erkennen Routen, Skifahrer steile Couloirs. Ein cristallier betrachtet dieselben Felsen mit anderen Augen. Er sucht nach Rissen, Klüften und unscheinbaren Öffnungen im Granit.

    Denn der Montblanc ist auch eine gewaltige Schatzkammer.

    In Hohlräumen des Gesteins, von den Kristallsuchern traditionell „fours“ genannt, entstanden vor Millionen Jahren Mineralien von erstaunlicher Schönheit. Berühmt sind vor allem Rauchquarze sowie rosa bis rote Fluorite. Hinzu kommen Axinite, Siderite und Epidote.

    Schatzsuche ohne Karte

    Die Arbeit der cristalliers liegt irgendwo zwischen Alpinismus, Geologie und Schatzsuche. Sie überqueren Gletscher, klettern an Granitwänden und suchen stundenlang nach Spuren, die auf einen verborgenen Hohlraum hinweisen.

    Und manchmal finden sie schlicht gar nichts.

    Was treibt einen Menschen dazu, trotzdem immer wieder aufzubrechen?

    Vermutlich gerade diese Ungewissheit. Die Kristallsucher lesen den Fels wie andere Menschen ein Buch. Sie beobachten Bruchlinien und Klüfte und nutzen ihre Erfahrung, um jene Stellen aufzuspüren, an denen sich Kristalle gebildet haben könnten.

    Unter den Mineralien besitzt der Fluorit einen beinahe legendären Ruf. Besonders begehrt sind rosa und rote Exemplare, oft gemeinsam mit Rauchquarz. Berühmt wurde etwa die „Fluorite Laurent“ von der Aiguille Verte: roter Fluorit neben dunklem Rauchquarz, eine außergewöhnlich seltene Kombination.

    Eine weitere Spezialität des Massivs ist der Gwindel, ein eigentümlich gedrehter Quarz. Für Sammler sind solche Stücke echte Hingucker.

    Eine alte Tradition

    Die Kristallsuche gehört seit Jahrhunderten zu Chamonix. Gut dokumentiert ist sie spätestens seit dem 17. Jahrhundert. Für die Bewohner des damals armen und abgeschiedenen Tales boten die Mineralien eine Möglichkeit, dem kargen Hochgebirge ein Einkommen abzuringen. Bergkristalle gelangten unter anderem nach Genf und dienten dort als Material für Schmuck und dekorative Gegenstände.

    Lange bevor Alpinisten die Gipfel aus sportlichem Ehrgeiz bestiegen, stiegen Menschen also aus einem ganz anderen Grund hinauf.

    In den 1960er und 1970er Jahren erlebte die Tradition neuen Schwung. Bergführer und Kletterer verbanden das alte Wissen mit moderner Sicherungstechnik. Bis heute wandert manche Erfahrung innerhalb von Familien von einer Generation zur nächsten.

    Kein Freibrief für Schatzjäger

    Einfach mit Hammer und Rucksack losziehen und den Montblanc auseinandernehmen? So läuft die Sache nicht.

    Auf dem Gebiet von Chamonix ist die Mineralsuche an Regeln gebunden. Die Suchenden müssen ihre Tätigkeit vorher bei der Gemeinde erklären und sich einem Ehrenkodex verpflichten. Sprengstoff und mechanische Großgeräte sind tabu. Auch Fahrzeuge zum Abtransport passen nicht zur traditionellen Suche.

    Bedeutende Funde besitzen zudem wissenschaftlichen und kulturellen Wert. Soll ein wissenschaftlich interessantes Stück verkauft werden, erhält das zuständige Gremium des Kristallmuseums von Chamonix Gelegenheit, es zu begutachten und gegebenenfalls für die öffentliche Sammlung zu erwerben.

    Millionen Jahre für einen Augenblick

    Im Musée des Cristaux in Chamonix lässt sich bestaunen, wonach die cristalliers suchen: Rauchquarze, rosa Fluorite und zahlreiche andere alpine Mineralien erzählen dort von der geologischen Geschichte des Massivs.

    Doch die Tradition lebt nicht nur hinter Museumsglas.

    Noch immer ziehen Kristallsucher hinauf in die Berge. Während unten Seilbahnen, Hotels und Sportgeschäfte den Rhythmus Chamonix bestimmen, suchen sie oben im Granit nach einer kleinen Öffnung.

    Was mag sich dahinter verbergen?

    Vielleicht nichts. Vielleicht einige Quarze. Oder ein rosa Fluorit, den seit Millionen Jahren kein Mensch gesehen hat.

    Und genau darin liegt der Zauber dieser Suche.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Lag das gallische Paris doch unter Notre-Dame?

    Lag das gallische Paris doch unter Notre-Dame?

    Mitten im Herzen von Paris, nur wenige Schritte von Notre-Dame entfernt, sind Archäologen auf eine mächtige Konstruktion aus Stein und Holz gestoßen. Der Fund könnte eine Frage beantworten, über die Historiker seit Jahrzehnten streiten: Wo genau lag das gallische Lutetia, von dem Julius Caesar berichtete?

    Paris gräbt – und stößt dabei immer wieder auf sich selbst.

    Kaum eine europäische Metropole besitzt einen Untergrund, in dem sich zwei Jahrtausende Stadtgeschichte derart dicht übereinandergeschoben haben. Römische Thermen, mittelalterliche Fundamente, Gräber, Mauern und Straßen liegen unter den heutigen Boulevards. Doch ausgerechnet von der Stadt, die schon vor den Römern existiert haben soll, fehlte bislang etwas Entscheidendes: der archäologische Beweis.

    Das könnte sich nun ändern.

    Bei Ausgrabungen auf dem Gelände des Hôtel-Dieu, unmittelbar neben der Kathedrale Notre-Dame auf der Île de la Cité, legten Archäologen im Sommer 2026 eine rund 20 Meter lange Konstruktion frei. Sie besteht aus Stein und Holz, zeigt Spuren eines heftigen Brandes und erinnert in ihrer Bauweise an Befestigungsanlagen gallischer Siedlungen der späten Eisenzeit.

    Sollte sich die Datierung bestätigen, wäre dies weit mehr als irgendeine alte Mauer unter Paris.

    Dann hätten die Archäologen möglicherweise einen Teil jener Stadtbefestigung gefunden, die das gallische Lutetia schützte – jenes Lutetia, das Julius Caesar im ersten Jahrhundert vor Christus in seinem Bericht über den Gallischen Krieg erwähnte.

    Damit berührt der Fund eine der merkwürdigsten offenen Fragen der Pariser Frühgeschichte.

    Caesars geheimnisvolle Insel

    Caesar beschreibt Lutetia als eine Siedlung der Parisii, eines keltischen Stammes, auf einer Insel der Seine. Seit Generationen lag deshalb eine Vermutung nahe: Diese Insel müsse die heutige Île de la Cité gewesen sein, also genau jener Ort, auf dem später Notre-Dame, der Königspalast und schließlich das historische Zentrum von Paris entstanden.

    Klingt logisch.

    Nur hatte die Archäologie bislang ein Problem damit.

    Bei früheren Ausgrabungen auf der Île de la Cité fanden sich zwar zahlreiche Überreste aus römischer und späterer Zeit. Doch eindeutige Spuren einer größeren befestigten gallischen Siedlung blieben erstaunlich rar. Keine unmissverständliche Stadtmauer, keine mächtigen Befestigungswerke, nichts, was zweifelsfrei zum Lutetia Caesars gepasst hätte.

    Das brachte Historiker und Archäologen ins Grübeln.

    War Caesar ungenau? Hatte sich die Topographie der Seine stärker verändert als angenommen? Oder lag das gallische Lutetia womöglich gar nicht dort, wo später das römische und mittelalterliche Paris entstand?

    Eine andere Hypothese gewann deshalb an Gewicht. Im heutigen Nanterre westlich von Paris waren bedeutende gallische Siedlungsspuren entdeckt worden. Manche Forscher hielten es für möglich, dass dort das eigentliche Zentrum der Parisii gelegen hatte.

    Aus einer scheinbar simplen Frage entstand ein archäologischer Krimi: Wo war Paris, bevor Paris Paris wurde?

    Eine Mauer verändert die Debatte

    Genau deshalb sorgt der Fund beim Hôtel-Dieu für so große Aufmerksamkeit.

    Die massive Konstruktion passt nach ersten Einschätzungen zu Befestigungstechniken, wie sie bei gallischen Oppida bekannt sind. Ein Oppidum bezeichnet eine größere befestigte Siedlung der späten keltischen Eisenzeit – gewissermaßen eine frühe Stadt mit Schutzanlagen, Handelsplätzen, Wohnbereichen und politischer Funktion.

    Hinzu kommen deutliche Brandspuren.

    Auch das macht die Sache interessant, denn Caesar berichtet von kriegerischen Ereignissen rund um Lutetia während des gallischen Aufstands gegen Rom. Ob die Brandspuren tatsächlich damit zusammenhängen, lässt sich derzeit allerdings nicht seriös behaupten. Zwischen einer verführerischen historischen Geschichte und einem wissenschaftlich gesicherten Zusammenhang liegt manchmal ein ziemlich tiefer Graben.

    Die Fachleute bleiben deshalb vorsichtig.

    Ende August wurden Spezialisten für eisenzeitliche Befestigungen hinzugezogen. Mitte September beschäftigte sich eine wissenschaftliche Kommission mit dem Fund. Die Hinweise gelten offenbar als außergewöhnlich vielversprechend, doch Datierung, Funktion und Verlauf der Konstruktion müssen genauer untersucht werden.

    Denn eine alte Mauer allein macht noch kein Lutetia.

    Entscheidend dürften nun Holzanalysen, stratigraphische Untersuchungen und die Auswertung weiterer Fundstücke sein. Besonders Holz lässt sich unter günstigen Bedingungen erstaunlich genau datieren. Keramik, Metallobjekte oder organisches Material könnten ebenfalls helfen, die Anlage zeitlich einzuordnen.

    Paris bekommt möglicherweise seine Vorgeschichte zurück

    Bestätigt sich die Vermutung, hätte der Fund eine ungewöhnliche symbolische Bedeutung.

    Die römische Geschichte von Paris ist vergleichsweise gut sichtbar. Im Quartier Latin erinnern die Thermen von Cluny und die Arènes de Lutèce an das antike Lutetia. Das gallische Paris dagegen blieb bislang fast schemenhaft – bekannt aus Texten, Münzfunden und historischen Rekonstruktionen, aber ohne jenes monumentale Bauwerk, auf das man zeigen und sagen könnte: Hier stand die Stadt der Parisii.

    Genau das könnte sich nun ändern.

    Unter einem Krankenhaus neben einer der berühmtesten Kathedralen der Welt läge dann ein Stück jenes Paris, das existierte, bevor Römer, Könige, Revolutionäre und Stadtplaner die Metropole immer wieder neu erfanden.

    Vielleicht ist das die eigentliche Faszination dieses Fundes.

    Nicht die Erkenntnis, dass Paris gallische Wurzeln besitzt – daran bestand kaum ernsthafter Zweifel. Sondern die Möglichkeit, nach mehr als 2000 Jahren endlich einen konkreten Ort mit dem Lutetia Caesars verbinden zu können.

    Paris hätte damit nicht plötzlich eine neue Geschichte.

    Aber seine älteste Geschichte bekäme endlich eine Mauer.

    Andreas M. Brucker

  • Präsidenten und Päpste: Frankreichs besondere Beziehung zu Rom

    Präsidenten und Päpste: Frankreichs besondere Beziehung zu Rom

    Frankreich ist laizistisch, stolz auf die Trennung von Kirche und Staat – und doch führt für seine Präsidenten seit Jahrzehnten ein erstaunlich beständiger Weg nach Rom. Vom katholisch geprägten Charles de Gaulle bis zu Emmanuel Macron erzählt die Beziehung zum Papst nicht nur von Religion. Sie erzählt von Diplomatie, Geschichte, Symbolen und einer Republik, die mit ihrem christlichen Erbe bis heute einen ziemlich komplizierten Tanz aufführt. Jeder Präsident tanzt ihn anders. Charles de Gaulle trennte seinen persönlichen katholischen Glauben streng von seinem Amt. Als er 1959 Papst Johannes XXIII. besuchte, begegneten sich weniger zwei Religionsvertreter als zwei Männer mit ausgeprägtem Geschichtsbewusstsein. De Gaulle nahm damals auch seinen traditionellen Titel als Ehrenkanoniker der Lateranbasilika an. 1967 folgte eine Begegnung mit Paul VI. Damit entstand ein Muster, das die Fünfte Republik prägen sollte: Der französische Präsident besucht nicht den geistlichen Oberhirten seiner ka…

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  • Wo der Tiger aufs Meer blickte

    Wo der Tiger aufs Meer blickte

    Der Wind kommt vom Atlantik. Er streicht über die Dünen, fährt durch die Sträucher und trägt jenen salzigen Geruch heran, der sofort verrät: Das Meer liegt gleich hinter dem Garten. Hier, in Saint Vincent sur Jard an der Küste der Vendée, verbrachte Georges Clemenceau seine letzten Jahre.

    Ausgerechnet hier.

    Kein Palast, keine herrschaftliche Villa, nicht einmal ein besonders imposantes Haus erwartete den Mann, der Frankreich durch die letzten Jahre des Ersten Weltkriegs geführt hatte. Stattdessen: ein lang gestrecktes Gebäude mit Ziegeldach, ein Garten im Sand und dahinter nichts als der Horizont.

    Clemenceau gefiel diese Bescheidenheit. Seine „Bicoque“ nannte er das Haus, seine kleine Hütte. Manchmal sprach er vom „horizontalen Schloss“.

    Ein bisschen Spott musste sein.

    Zurück in der Vendée

    Als Clemenceau 1920 nach Saint Vincent sur Jard kam, lag ein politisches Leben hinter ihm, das für mehrere Biografien gereicht hätte.

    1841 in Mouilleron en Pareds in der Vendée geboren, war er Arzt, Journalist, Abgeordneter, Senator und schließlich zweimal französischer Regierungschef. Im November 1917 übernahm er erneut die Führung des Landes. Frankreich war vom Krieg erschöpft, doch Clemenceau setzte auf Durchhalten.

    Sein Temperament brachte ihm den Beinamen „Tiger“ ein.

    Nach dem Waffenstillstand vom November 1918 saß er mit am Verhandlungstisch, als Europas politische Landkarte neu gezeichnet wurde. Zwei Jahre später war seine aktive politische Karriere vorbei.

    Und was macht einer, der eben noch über Krieg und Frieden verhandelte?

    Er pflanzt Blumen.

    Ein Garten gegen den Wind

    Die Idee klingt zunächst wenig erfolgversprechend. Clemenceau wollte unmittelbar hinter den Dünen einen Garten schaffen. Der Boden bestand überwiegend aus Sand, der Wind brachte Salz mit, und die Winter behandelten empfindliche Pflanzen nicht gerade zimperlich.

    Doch wer Clemenceau kannte, dürfte über seine Hartnäckigkeit kaum überrascht gewesen sein.

    Er wollte keinen Garten, in dem jedes Blatt strammstand. Keine französische Geometrie, keine Natur auf Kommando. Blumen und Sträucher sollten scheinbar frei wachsen und dabei den Vordergrund für das eigentliche Schauspiel bilden: den Atlantik.

    Clemenceau lebte, wie er selbst sinngemäß schrieb, zwischen Blumen mit dem Meer als Hintergrund.

    Ein schöneres Bühnenbild für einen alten Staatsmann lässt sich schwer erfinden.

    Monet kommt zu Besuch

    Zu den Menschen, die Clemenceau besonders nahestanden, gehörte Claude Monet. Der Maler und der Politiker verbanden Freundschaft, Streitlust und die Liebe zu Gärten.

    Monet besuchte seinen Freund in der Vendée. Man sieht die beiden beinahe vor sich: zwei berühmte alte Herren zwischen Blumen und Dünen, jeder mit seinem eigenen Kopf, während draußen der Atlantik rauscht.

    Worüber sprachen sie?

    Über Kunst vermutlich. Über Politik ganz sicher. Über Pflanzen sowieso.

    Vielleicht bestand gerade darin der Reiz dieser Freundschaft. Der eine malte Licht, Wasser und Seerosen, der andere hatte sein Leben mit Parlamenten, Zeitungen, politischen Gegnern und Kriegen verbracht. Am Ende trafen sie sich im Garten.

    Das Meer vor dem Bett

    Auch im Haus bestimmte der Atlantik den Rhythmus.

    Clemenceau ließ sein Bett erhöhen, damit er vom Schlafzimmer aus über den Garten hinweg zum Meer schauen konnte. In der Nähe stand sein Arbeitstisch. Rund 1.500 Bücher umgaben ihn. Geschichte, Literatur, Philosophie und asiatische Kulturen gehörten zu seinen Leidenschaften.

    Besonders Japan faszinierte ihn. Drucke, Vasen und Kunstgegenstände verliehen der schlichten Unterkunft einen Hauch von Fernost.

    So entstand ein merkwürdiger, wunderbarer Mikrokosmos: draußen die raue Vendée, drinnen Japan, Bücher und Erinnerungen — und vor den Fenstern immer wieder dieses Meer.

    Clemenceau starb 1929 in Paris.

    Sein Haus an der Atlantikküste blieb.

    Heute erzählt es vielleicht mehr über ihn als manches Denkmal. Hier begegnet man nicht zuerst dem „Vater des Sieges“, sondern einem alten Mann, der morgens aufs Meer blickte, Bücher aufschlug, Briefe schrieb und gegen Wind und Salz Blumen pflanzte.

    Das kleine Haus brauchte keine Säulen und keine Marmortreppe.

    Der Atlantik genügte.

    Ein Artikel von M. Legrand

  • Comeback 2032? Macron hält die Tür zum Élysée offen

    Comeback 2032? Macron hält die Tür zum Élysée offen

    Ein Satz, ein Lächeln und plötzlich steht das Jahr 2032 im Raum. Emmanuel Macron hat Spekulationen über seine politische Zukunft neue Nahrung gegeben. In einem Ausschnitt aus einem Interview mit dem amerikanischen Magazin Variety, der am 25. September veröffentlicht wurde, schließt Frankreichs Präsident eine spätere Rückkehr in den Élysée Palast ausdrücklich nicht aus. Allerdings geht es dabei nicht um die Präsidentschaftswahl 2027. Das ist der entscheidende Unterschied. Macrons zweite Amtszeit endet im Mai 2027. Bei der anschließenden Wahl darf er nicht erneut antreten, denn Artikel 6 der französischen Verfassung begrenzt die Amtszeit eines Präsidenten auf höchstens zwei aufeinanderfolgende Mandate. Macron, 2017 erstmals gewählt und 2022 im Amt bestätigt, muss den Präsidentenpalast deshalb verlassen. Doch die Verfassung sagt eben nicht, dass ein Präsident insgesamt nur zweimal amtieren darf. Nach einer Unterbrechung wäre eine erneute Kandidatur grundsätzlich möglich. Für Macron öffnet…

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