Kategorie: Kommentar

Kommentare unserer Redaktion zu aktuellen Gegebenheiten und wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen.

  • Cyber(Un)Sicherheit in Frankreich: Wenn aus Glanz Gefahr wird

    Cyber(Un)Sicherheit in Frankreich: Wenn aus Glanz Gefahr wird

    Frankreich – das Land der Aufklärung, der Philosophie, der Revolutionen. Und doch stolpert es im Jahr 2025 durch ein digitales Minenfeld. Während draußen auf den Boulevards die Republik stolz ihre Trikolore zeigt, bröckelt im Inneren eine andere Säule des Staates: die digitale Sicherheit.

    Man hatte Großes vor. Die Olympischen Spiele in Paris sollten ein Symbol sein. Für Stärke, Weltoffenheit, technische Exzellenz. Aber sie wurden auch zur Bühne für Hackergruppen, Spionageversuche und digitale Sabotage. Was nach Science-Fiction klingt, war bittere Realität: gezielte Angriffe auf Infrastrukturen, Kommunikationssysteme, sogar Krankenhäuser.

    Es war, als hätte jemand der Nation den digitalen Stecker gezogen – oder zumindest fest daran gerüttelt.

    Natürlich gibt es Gegenmaßnahmen. Frankreich hat verstanden, dass die Bedrohung real ist. Budgets wurden erhöht, Expertenteams gebildet, neue Sicherheitsstrategien entworfen. Doch während die Angriffe raffinierter, koordinierter und globaler werden, wirkt der französische Abwehrkampf manchmal wie ein Duell mit verbundenen Augen.

    Manche Behörden agieren schnell – andere träge. Und viele Unternehmen? Sie stecken noch immer in den Kinderschuhen der IT-Sicherheit. Veraltete Systeme, mangelhafte Schulungen, fehlendes Risikobewusstsein. Wer glaubt, Firewalls seien eine Allzweckwaffe, hat den Ernst der Lage nicht begriffen.

    Und genau hier liegt das eigentliche Problem: Cyber(un)sicherheit ist längst kein technisches Nischenthema mehr. Sie betrifft uns alle. Jeden Tag. Unsere Daten, unsere Mobilität, unsere Gesundheit – alles hängt am digitalen Tropf. Fällt er aus, kippt das System. Ein Stromausfall war früher ein Ärgernis – heute ist er potenziell lebensbedrohlich.

    Besonders bitter: Die Angriffe treffen immer häufiger die Schwächsten. Wenn Krankenhäuser lahmgelegt werden, Patientendaten verschwinden, medizinische Geräte stillstehen – dann ist die Grenze vom digitalen Krieg zur realen Katastrophe längst überschritten. Und dann? Wer trägt Verantwortung? Wer schützt?

    Frankreich steht an einem neuralgischen Punkt. Die Gesetzeslage zieht langsam nach, EU-Richtlinien setzen Druck, und das öffentliche Bewusstsein wächst. Doch all das reicht nicht, wenn die Umsetzung weiter so schleppend bleibt. Es fehlt nicht nur an Geld – es fehlt an digitaler Kultur. An Priorität. An Ernsthaftigkeit.

    Frankreich hat in der Geschichte oft bewiesen, dass es aus Krisen lernen kann. Die Frage ist: Braucht es erst einen digitalen GAU, bevor sich wirklich etwas ändert?

    Vielleicht wäre es an der Zeit, Cybersicherheit nicht als lästige IT-Frage zu behandeln – sondern als nationale Aufgabe. Mit der gleichen Entschlossenheit, mit der man einst für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit kämpfte. Denn im Jahr 2025 bedeutet Freiheit auch: sicher sein im Netz.

    Oder anders gefragt: Wie frei sind wir, wenn jederzeit jemand von außen die Kontrolle übernehmen kann?

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Wenn Respekt fehlt: Was Kylian Mbappé uns über Würde im Fußball lehrt

    Wenn Respekt fehlt: Was Kylian Mbappé uns über Würde im Fußball lehrt

    Es geht nicht nur ums Geld. Natürlich sind 55 Millionen Euro eine irrwitzige Summe – kaum fassbar für uns Normalos. Aber wer glaubt, Kylian Mbappé führe diesen Krieg gegen den PSG nur wegen ein paar Nullen mehr auf dem Konto, verkennt das Wesentliche: Es geht um Würde. Um Respekt. Und darum, was ein Mensch sich gefallen lassen muss – selbst (oder gerade) wenn er im Rampenlicht steht.

    Mbappé ist nicht irgendwer. Er ist Weltmeister, Idol, Vorbild für Millionen. Und doch wurde er behandelt wie ein Problemfall, wie ein ungehorsamer Schüler, den man in die stille Ecke stellt. Das sogenannte „Loft“, in das PSG ihn letzten Sommer verbannte, war mehr als nur ein Ort zum Trainieren – es war eine Machtdemonstration. Und ein Schlag ins Gesicht.

    Man stelle sich vor: Jahrzehntelanger Einsatz, Erfolge, Loyalität – und am Ende dieser Karrierephase wird man kaltgestellt, weil man es wagt, eigene Entscheidungen zu treffen. Weil man nicht spurt. Was für ein fatales Signal, nicht nur an andere Spieler, sondern an alle Menschen, die an Fairness im Beruf glauben.

    Und dann das Geld. Drei Monatsgehälter, Prämien – offen, ungeklärt, obwohl gleich zwei Instanzen bereits zu Gunsten Mbappés entschieden haben. Was ist das für ein Verein, der erst Gerichte braucht, um Verträge zu erfüllen? Der erst den Rechtsweg geht, anstatt Verantwortung zu übernehmen?

    Es ist leicht, sich über Fußballmillionäre zu empören. „Sollen sich mal nicht so haben“, hört man oft. Aber Respekt hat keine Gehaltsgrenze. Wer einem Menschen – egal wie privilegiert – systematisch Rechte vorenthält, ihn isoliert, ihm den Mund verbieten will, der zeigt, dass er Macht mit Wahrheit verwechselt. Und genau darum geht es hier.

    Mbappé wehrt sich. Mit kühler Konsequenz. Nicht aus Trotz, sondern weil er sich selbst ernst nimmt. Das ist mutig. Und es ist notwendig – für ihn, aber auch für all die Namenlosen im Hintergrund, die sich so etwas niemals trauen würden und könnten.

    Der Fußball ist ein Spiel, ja. Aber was wir hier sehen, ist bitterer Ernst.

    Catherine H.

  • Kommentar: Wenn Hoffnung zur Rechenaufgabe wird

    Kommentar: Wenn Hoffnung zur Rechenaufgabe wird

    Da stehen wir also wieder – zwischen den Zahlen.

    0,9 % Wachstum waren es einst. Jetzt sind es 0,7 %. Und plötzlich klingt selbst das schon optimistisch. Frankreich, einst Wirtschaftsmotor und Hoffnungsträger inmitten eines wankenden Europas, muss kleinlaut eingestehen: Der Wind dreht sich – und zwar kräftig.

    Als Bürger spürt man das nicht zuerst auf dem Papier, sondern im Portemonnaie. Wenn Versprechen zur Steuererleichterung einkassiert werden, wenn Investitionen auf Eis gelegt und Sozialausgaben gekürzt werden. Wenn man plötzlich wieder über „Flexibilität bei Steueranpassungen“ spricht – ein Euphemismus, der bei vielen nur eines auslöst: Bauchweh.

    Was mich wütend macht, ist nicht nur der Rückgang an sich. Es ist dieses Gefühl, dass Frankreich – und mit ihm die EU – zur Statistin in einem globalen Wirtschaftsspiel verkommt, dessen Regeln andere schreiben. Der amerikanische Präsident spielt Wirtschaftspoker mit Strafzöllen, als wären es Spielchips, und Europa darf zusehen, wie es seine eigenen Wachstumsprognosen zusammenstreichen muss.

    Wo bleibt unsere Strategie? Wo ist die Antwort auf diese aggressive Handelspolitik, die nicht nur China, sondern auch uns trifft? Es kann doch nicht sein, dass wir unsere wirtschaftliche Zukunft davon abhängig machen, wie gut oder schlecht die Laune im Weißen Haus gerade ist.

    Dass Frankreich nun 5 Milliarden Euro einfriert, um wenigstens die Defizitziele zu halten, ist eine verständliche Maßnahme – aber auch ein Eingeständnis, dass uns das wirtschaftliche Ruder zunehmend entgleitet. Es wird gekürzt, bevor überhaupt investiert wurde.

    Mir fehlt der Mut zum Vorwärtsdenken. Statt nur zu reagieren, braucht es Ideen, die uns aus dieser Spirale befreien. Klimainvestitionen, Digitalisierung, Bildung – alles Bereiche, in denen wir aufholen könnten, wenn wir wollten.

    Denn wenn Politik nur noch zur Bilanzpflege wird, bleibt irgendwann nichts mehr übrig, woran man glauben kann.

    M.A.B.

  • Wenn Freunde zu Gegnern werden – ein Kommentar zu den US-Zöllen

    Wenn Freunde zu Gegnern werden – ein Kommentar zu den US-Zöllen

    Da steht man jahrzehntelang Seite an Seite, kämpft für Freiheit, Demokratie, Freihandel – und dann das. Die USA, einst Partner, jetzt plötzlich Protektionist in Reinform. 20 Prozent Zölle auf französische Produkte. Ohne Vorwarnung. Ohne Dialog. Einfach so. Das fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Nicht nur für unsere Industrie. Für uns alle.

    Frankreich exportiert nicht einfach nur Stahl, Wein oder Autoteile. Es exportiert Ideen, Qualität, Vertrauen. Und was kommt zurück? Misstrauen. Abschottung. Misstöne statt Marktöffnung. Da fragt man sich unweigerlich: Was ist von dieser transatlantischen Freundschaft eigentlich noch übrig?

    Natürlich – nationale Interessen sind legitim. Aber diese Maßnahme ist mehr als ein wirtschaftlicher Trick. Sie ist eine Botschaft. Und die lautet: „America first, die anderen zuletzt.“ Dabei ist gerade jetzt Zusammenarbeit gefragt. Unsere Welt taumelt von Krise zu Krise, und was tun die Vereinigten Staaten? Sie schieben ihre Partner aufs Abstellgleis – und öffnen damit gefährlichen Alleingängen Tür und Tor.

    Und Frankreich? Frankreich steht da mit erhobenem Kopf, aber auch mit geballter Faust in der Tasche. Denn unsere Industrie kann was. Sie ist kreativ, robust, widerstandsfähig. Doch auch sie hat ihre Grenzen – und die sind erreicht, wenn das Spielfeld einseitig wird.

    Es wäre jetzt einfach, nach Rache zu rufen. Aber das ist nicht unser Stil. Wir setzen auf kluge Gegenmaßnahmen, auf europäische Geschlossenheit – und ja, auch auf Selbstbewusstsein. Denn wer glaubt, Frankreich lasse sich durch ein paar Strafzölle einschüchtern, der hat unsere Geschichte nicht verstanden.

    Die USA mögen einen wirtschaftlichen Druck ausüben – aber sie riskieren etwas viel Wertvolleres: das Vertrauen. Und wenn das erst einmal verloren ist, helfen auch keine Steuererleichterungen mehr.

    Frankreich wird sich behaupten. Nicht mit lauten Parolen, sondern mit Haltung. Und vielleicht – ja, vielleicht – wird man in Washington irgendwann merken, dass Größe nicht im Protektionismus liegt, sondern in Partnerschaft.

    Von Catherine H.

  • Wenn das Klima vor Gericht zieht – und die Politik hinterherhinkt

    Wenn das Klima vor Gericht zieht – und die Politik hinterherhinkt

    Stell dir vor, dein Haus brennt – und die Feuerwehr kommt mit einem Kaffeebecher in der Hand und sagt: „Wir prüfen das erstmal.“ Klingt absurd? Ist es auch. Und trotzdem ist genau das die Realität, wenn es um den Klimawandel geht. Nur dass in diesem Fall nicht ein einzelnes Haus brennt, sondern die Lebensgrundlage ganzer Generationen. Und die Feuerwehr – das ist die Politik.

    In Frankreich haben Bürger den Staat verklagt, weil er zu wenig gegen die Klimakrise unternimmt. Und ja, das fühlt sich an wie ein Hilfeschrei. Ein Akt der Verzweiflung, aber auch der Hoffnung. Hoffnung darauf, dass vielleicht wenigstens ein Gericht erkennt, was vielen Regierungen offenbar entgangen ist: Dass Nichthandeln auch eine Entscheidung ist – mit fatalen Folgen.

    Was ist nur los mit dieser Trägheit? Warum braucht es immer Druck, Protest, Klagen – bis etwas passiert? Als würde politischer Wille in Litern Erdöl gemessen und jedes Gramm Veränderung schmerzen wie ein offener Bruch. Dabei haben wir längst verstanden, was auf dem Spiel steht: Flüsse, die austrocknen. Wälder, die brennen. Ernten, die ausbleiben. Menschen, die sterben.

    Aber statt entschlossen gegenzusteuern, jonglieren Politiker mit Kompromissen, wägen ab, versprechen, vertagen. Als gäbe es ein Morgen ohne das Heute retten zu müssen. Als könne man mit dem Klima verhandeln wie mit einem Koalitionspartner. Doch das Klima verhandelt nicht. Es reagiert.

    Was mich wütend macht, ist nicht nur die Untätigkeit. Es ist der Zynismus dahinter. Die Tatsache, dass man Bürgern die Verantwortung überlässt, während man selbst lieber den Flächenverbrauch „ausbalanciert“ oder die nächste Wahl im Blick hat. Menschen ziehen vor Gericht, weil sie ihre Umwelt, ihre Gesundheit, ihre Zukunft schützen wollen – und der Staat, der sie eigentlich vertreten soll, schaut zu. Oder schlimmer: Er blockiert.

    Ich frage mich: Wann hat Politik eigentlich verlernt, mutig zu sein? Wann ist das Ringen um die besten Ideen dem ständigen Taktieren gewichen? Natürlich ist Klimapolitik komplex. Aber Trägheit ist keine Strategie – sie ist Feigheit im Frack. Und je länger sie andauert, desto lauter werden die Stimmen derer, die sich alleingelassen fühlen.

    Vielleicht ist genau das die bittere Ironie an diesen Klagen: dass wir Bürger dazu gezwungen sind, unsere Regierungen an ihre Pflicht zu erinnern. Dass wir ihnen sagen müssen, was sie längst wissen sollten. Vielleicht braucht es diese Eskalation, damit endlich Bewegung reinkommt. Damit die Politik aufhört, zu beschwichtigen – und anfängt, zu gestalten.

    Denn ja: Die Uhr tickt. Und während die Klimakrise keine Pause kennt, scheint die Politik in Endlosschleifen zu verharren. Immer dieselben Diskussionen, immer neue Gutachten, immer spätere Maßnahmen. Genug davon. Es ist Zeit, das Heft wieder in die Hand zu nehmen – bevor es endgültig verbrennt.

    M.A.B.

  • Kommentar: Wenn Le Pen sich mit Martin Luther King vergleicht – ein Hohn auf die Geschichte

    Kommentar: Wenn Le Pen sich mit Martin Luther King vergleicht – ein Hohn auf die Geschichte

    Es gibt Momente, da bleibt einem die Spucke weg.

    Marine Le Pen, Aushängeschild der französischen Rechten, hat sich tatsächlich mit Martin Luther King verglichen. Ja, dem Martin Luther King – dem Mann, der in einer zerrissenen Nation für Gleichheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit kämpfte. Der träumte, dass seine Kinder nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt würden. Der für seine Überzeugung Verfolgung, Gewalt und letztlich den Tod in Kauf nahm.

    Und nun steht da eine Politikerin, die ihre Karriere auf Ausgrenzung, Angst und kulturelle Spaltung gebaut hat, und zieht eine Linie von sich zu ihm?

    Es ist nicht nur ein rhetorischer Ausrutscher. Es ist ein Frontalangriff auf die historische Wahrheit – und eine Respektlosigkeit sondergleichen. Denn Martin Luther Kings Kampf richtete sich gegen das, wofür Le Pen mit ihrem politischen Wirken seit Jahrzehnten steht: gegen institutionellen Rassismus, gegen die Dämonisierung von Minderheiten, gegen die Vorstellung, dass „der andere“ das Problem sei.

    Wer sich daran erinnert, wie Le Pen Muslime zur „Bedrohung für die französische Zivilisation“ stilisiert hat, wie sie Geflüchteten das Existenzrecht abspricht und Europa in „echte Franzosen“ und „die anderen“ spaltet, der weiß: Dieser Vergleich ist nicht nur falsch – er ist eine Perversion des Erbes von Martin Luther King.

    Es wäre, als würde ein Pyromane sich zum Feuerwehrmann erklären, weil er beim Zündeln einmal niesen musste.

    Natürlich – populistische Politiker*innen lieben große Namen. Sie greifen nach historischen Symbolen wie nach Heiligenscheinen in der Hoffnung, etwas Glanz auf sich abfärben zu lassen. Doch es gibt Grenzen. Und diese hat Le Pen – mal wieder – überschritten.

    Worte haben Gewicht. Geschichte auch. Wer sich mit einem Menschen vergleicht, der für universelle Liebe, Gewaltfreiheit und Versöhnung stand, sollte zumindest eines mitbringen: Demut.

    Davon aber keine Spur. Stattdessen: kalkulierte Provokation im Wahlkampfmodus. Eine Strategie, die auf Aufmerksamkeit zielt – koste es, was es wolle.

    Aber die Wahrheit lässt sich nicht verdrehen wie ein Mikrofon bei einer TV-Debatte. Der Traum von Martin Luther King war ein Traum für alle. Der von Le Pen – das ist ein Albtraum für viele.

    Catherine H.

  • Kommentar: Die leise Stimme des Gewissens in einer Welt, die schreit

    Kommentar: Die leise Stimme des Gewissens in einer Welt, die schreit

    Gestern war der Internationale Tag des Gewissens. Kaum jemand hat es bemerkt. Die Nachrichten waren wie immer voll von Bildern des Leids, von Raketen über Gaza, zerstörten Krankenhäusern in der Ukraine, von Schlauchbooten im Mittelmeer – und dazwischen Donald Trump, der mit grimmiger Miene seine Rückkehr ins Weiße Haus inszeniert, als wäre es eine Realityshow mit dem Titel Make Hate Great Again.

    Was für ein Zynismus: Ein Tag, der an unser menschliches Gewissen appelliert – während weltweit täglich Entscheidungen getroffen werden, die es verraten.

    Trump hat in seinem Wahlkampf angekündigt, im Falle seiner Wiederwahl nicht nur die restriktive Migrationspolitik seiner ersten Amtszeit fortzusetzen, sondern zu radikalisieren. Massendeportationen, Lager für illegale Einwanderer, Streichung jeglicher Schutzprogramme – das ist kein Schreckensszenario mehr, sondern eine offen formulierte und umgesetzte Strategie. Der Präsident der angeblich freien Welt will das Asylrecht de facto abschaffen. Gleichzeitig soll USAID, das amerikanische Entwicklungs- und Hilfsprogramm, drastisch gekürzt oder gleich ganz eingestellt werden. Wer Hilfe braucht, bekommt sie nicht mehr – nicht in Honduras, nicht in Haiti, nicht im Südsudan. America first, humanity last.

    Was ist in einer Welt, die sich so verhält, das Gewissen noch wert?

    Gewissen – das ist keine abstrakte Moralinstanz. Es ist diese leise, unbequeme Stimme, die nicht schweigt, wenn wir zu bequem, zu abgestumpft oder zu feige geworden sind. Sie fragt uns nicht, ob wir uns politisch links oder rechts verorten. Sie fragt uns: Was tust du, wenn ein Mensch leidet? Was tust du, wenn jemand klopft, der Hilfe braucht? Und vielleicht: Was lässt du zu, weil es dich nicht direkt betrifft?

    In Kriegszeiten – und ja, wir leben in einer Welt permanenter Kriege – scheint das Gewissen wie ein nostalgisches Relikt. Doch es ist gerade dann nötiger denn je. Denn Kriege beginnen immer mit der Entmenschlichung. Man hört Wörter wie „Invasoren“, „Illegale“, „Kollateralschäden“. Man baut Mauern, zieht Grenzen, streicht Budgets – und wäscht die Hände in politischer Alternativlosigkeit. Aber nein: Das Gewissen kennt keine geopolitische Strategie. Es sagt nur: Das ist falsch.

    Der Internationale Tag des Gewissens ist keine PR-Veranstaltung. Er ist ein stiller, unbequemer Moment. Er fordert uns heraus – nicht nur als Politikerinnen und Wähler, sondern als Menschen. Was sind wir bereit zu sehen? Was sind wir bereit zu tun?

    Wir stehen an einem Kipppunkt. Nicht nur ökologisch, wirtschaftlich oder politisch – sondern moralisch. Wenn wir Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen, weil wir ihre Flucht „illegal“ nennen, wenn wir unsere Augen vor zerbombten Schulen verschließen, weil sie im „falschen“ Teil der Welt stehen, wenn wir Entwicklungshilfe streichen und dann die Folgen fürchten – dann verlieren wir etwas, das schwerer wiegt als jedes Bruttoinlandsprodukt.

    Dann verlieren wir unsere Menschlichkeit.

    Aber das Gewissen – so leise es auch sein mag – bleibt. Es flüstert, manchmal schreit es. Und es ist da. Gestern war sein Tag. Und heute? Heute liegt es an uns, ob wir weiter weghören.

    P.T.

  • Änderung des Rechts auf der Straße? Nein, danke!

    Änderung des Rechts auf der Straße? Nein, danke!

    Es gibt Grundsätze in einer Demokratie, die stehen nicht zur Debatte – selbst wenn die Emotionen überkochen. Gerade deshalb lohnt es sich, einen klaren Blick auf den Fall Marine Le Pen zu werfen. Nicht, um Partei zu ergreifen, sondern um die Frage zu stellen: Dürfen wir unter dem Druck der Straße über rechtsstaatliche Prinzipien verhandeln?

    Ganz sicher nicht.

    Ja, es ist ein valider Punkt, darüber nachzudenken, ob Strafen wie eine politische Unwählbarkeit tatsächlich schon vor dem Abschluss aller Rechtsmittel in Kraft treten sollten. Denn was, wenn sich ein Urteil in zweiter oder dritter Instanz doch als fehlerhaft entpuppt? Dann stünde nicht nur die Person, sondern das ganze Justizsystem beschädigt da – wie ein Haus, dem plötzlich das Fundament fehlt.

    Aber – und das ist entscheidend – ein solch tiefgreifender Eingriff in das französische Straf- und Wahlrecht darf niemals im Schatten eines konkreten Falls entschieden werden. Schon gar nicht, wenn dieser Fall eine so polarisierende Figur wie Marine Le Pen betrifft.

    Denn dann vermischt sich plötzlich das Prinzip mit der Person. Und das ist brandgefährlich.

    Man stelle sich vor: Wir ändern die Spielregeln nicht aus rationaler Überzeugung, sondern weil eine politische Bewegung laut genug schreit. Weil Demonstranten die Plätze der Hauptstadt füllen, weil Parteianhänger Druck machen, weil Parteifunktionäre von einer „Justizverschwörung“ fabulieren. Wollen wir wirklich ein System, das dem Druck der Straße weicht?

    Die Antwort muss lauten: Niemals.

    Rechtsstaatlichkeit bedeutet auch, sich Zeit zu nehmen. Innehalten. Prüfen. Diskutieren – sachlich, ruhig, juristisch fundiert. Nicht mit Megafonen, sondern mit Verstand. Wer jetzt unter dem Eindruck von Le Pens Urteil eine Reform anstößt, läuft Gefahr, das Recht der politischen Opportunität zu opfern.

    Und dann?

    Dann öffnen wir Türen, die besser verschlossen bleiben. Türen, durch die künftig auch andere marschieren könnten – mit weniger demokratischen Absichten, aber dem gleichen Anspruch, die Gesetze im eigenen Sinne zu beugen.

    Die Frage, ob ein Urteil erst nach Ausschöpfung aller Instanzen Wirkung zeigen soll, ist berechtigt. Sie verdient es, diskutiert zu werden. Aber nicht heute, nicht jetzt, und vor allem nicht wegen einer einzigen Person.

    Denn Recht braucht Abstand. Und Haltung.

    Ein Kommentar von M.A.B.

  • Ein Anruf, der uns alle verändert hat

    Ein Anruf, der uns alle verändert hat

    Ein persönlicher Kommentar zum 3. April 1973

    Ich stelle mir diesen Moment manchmal ganz bildlich vor: Martin Cooper steht da, mitten in New York, hält ein Ding in der Hand, das aussieht wie eine Mischung aus Ziegelstein und Autotelefon – und wählt. Kein FaceTime, kein WLAN, kein WhatsApp-Ton. Nur ein Tastendruck und ein Signal durch die Luft. Und dann sagt er: „Joel, I’m calling you from a mobile phone – a real handheld portable cell phone.“

    Ich bekomme jedes Mal Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke.

    Denn dieser Satz war mehr als Technik. Es war ein Versprechen. Ein Versprechen auf Verbindung, auf Nähe – auf eine neue Welt. Cooper ahnte damals vielleicht nicht mal annähernd, was er da auslöste. Oder doch?

    Ich war nicht dabei. Aber ich lebe mit den Folgen.

    Das Handy, geboren an diesem Tag, ist längst kein Telefon mehr. Es ist Spiegel, Bühne, Fluchtweg, Klammer. Es begleitet mich morgens beim Aufstehen und schläft mit mir ein. Ich streiche mit dem Daumen über den Bildschirm, als wär’s ein Beruhigungstier. Ich streame, chatte, scrolle, kaufe, fühle – oder vergesse zu fühlen.

    So viel Nähe, und doch so viel Distanz. So viel Kommunikation, aber oft so wenig echtes Gespräch. Und trotzdem – ich geb’s ehrlich zu – würde ich es nie wieder hergeben wollen.

    Am 3. April 1973 hat mich niemand gefragt, ob ich bereit bin für diese Welt. Es hat einfach begonnen. Eine kleine Geste auf einem Bürgersteig in Manhattan – und zack: Jahrzehnte später starren wir alle in unsere Displays, als hinge unser Leben davon ab. Vielleicht tut es das auch längst.

    Und doch.

    Trotz aller Kritik, trotz Sucht, Reizüberflutung und digitalem Dauerstress: Ich bin Cooper dankbar. Ehrlich. Denn als mein Vater im Krankenhaus lag und ich zu weit weg war, um seine Hand zu halten – war es ein Videocall, der uns verbunden hat. Als meine beste Freundin in Kapstadt zum ersten Mal ihr Baby zeigte, saß ich in München im Bademantel auf einem Hotel-Sofa und hab Rotz und Wasser geheult. Weil ein kleiner Klotz in meiner Hand mir half, nicht abwesend zu sein.

    Vielleicht war Coopers Anruf an seinen Rivalen das erste Beispiel für einen Triumph-Moment in der Tech-Geschichte – ein bisschen wie: „Schau her, was wir können.“ Und vielleicht war es gleichzeitig der Anfang vom Ende der stillen Minuten in unserem Leben.

    Aber vielleicht – ganz vielleicht – war es auch der Anfang von etwas Großem. Von einem neuen Verständnis von Nähe. Von einer Möglichkeit, Verbindung zu schaffen, wo vorher nur Distanz war.

    Klingt kitschig? Vielleicht. Aber hey – manchmal reicht eben ein einziger Anruf, um die Welt zu verändern.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Der Wahn eines alten Mannes

    Der Wahn eines alten Mannes

    Donald Trump hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er sich selbst für den Mittelpunkt des Universums hält. Doch sein neuester Gedanke – oder besser gesagt: seine jüngste Drohung –, eine dritte Amtszeit anzustreben, übersteigt selbst für seine Maßstäbe das Maß des Erträglichen. Der Mann wäre dann 82 Jahre alt. Und doch spricht er davon, dass „das Volk“ ihn darum bitte, noch einmal zu kandidieren. Es ist der Wahn eines alten Mannes, der nicht loslassen kann – oder will.

    Trump spricht nicht als Elder Statesman, sondern als Egomane im Rentenalter, der an seiner eigenen Machtphantasie klebt wie ein Kind am Spielzeug, das ihm zu entgleiten droht. Der 45. und 47. Präsident der Vereinigten Staaten lebt nicht in der Realität. Er lebt in einer Blase aus Applaus, Selbstüberschätzung und einer toxischen Nostalgie, in der nur zählt, was ihm nützt. Dass die US-Verfassung bislang nur zwei Amtszeiten vorsieht? Für Trump nur ein weiteres Hindernis, das es rhetorisch zu zertrümmern gilt.

    Dieser neu entflammte Traum einer dritten Amtszeit ist mehr als nur Größenwahn. Er ist ein Angriff auf das demokratische Fundament der Vereinigten Staaten. Wer in Trumps Worten nur Provokation sieht, unterschätzt die Wirkungskraft eines Mannes, der bewiesen hat, dass Worte zu Taten werden können – oder zu Gewalt, wie am 6. Januar 2021. Dass seine Anhänger ihn tatsächlich für den Messias halten, ist Teil des Problems. Doch dass ein alter Mann, am 14. Juni 2025, wird er 79 Jahre alt, sich selbst ernsthaft noch für unersetzlich hält, ist tragisch.

    Man muss sich fragen: Was treibt diesen Mann? Ist es wirklich das Land, wie er behauptet? Oder ist es schlicht die Angst vor der Bedeutungslosigkeit, vor der Dunkelheit, in der alle anderen früheren Präsidenten verschwinden? Trump will nicht Geschichte schreiben. Er will Geschichte sein – und zwar in Großbuchstaben. Nicht als einer unter vielen, sondern als der Einzige. Der Unauslöschliche. Der ewig Triumphierende.

    Dabei zeigt sein Vorstoß einmal mehr, wie brüchig die institutionellen Schutzmechanismen der amerikanischen Demokratie geworden sind. Ein Mann, der wiederholt gegen Normen verstoßen hat, der Richter beeinflusst, Wahlen delegitimiert und die Gewaltenteilung untergräbt, kündigt an, das System weiter zu beugen – und ein Teil des Landes applaudiert. Es ist der Moment, in dem man sich fragt, ob die amerikanische Republik nicht längst an einem Kipppunkt steht.

    Trump ist längst nicht mehr nur ein politisches Phänomen. Er ist ein kulturelles Symptom: das Symbol eines kollektiven Rückzugs ins Autoritäre, gespeist von Angst, Wut und dem verzweifelten Wunsch nach Klarheit in einer komplexen Welt. Doch statt Orientierung bietet er nur sich selbst. Und statt Zukunft nur Wiederholung.

    Einen dritten Anlauf Trumps darf es nicht geben – nicht nur aus juristischen, sondern insbesondere aus moralischen Gründen. Irgendwann muss selbst in Amerika die Erkenntnis reifen, dass Größe nicht im Beharren liegt, sondern im Loslassen. Und dass Demokratie von Wechsel lebt, nicht von der Anbetung eines Einzelnen.

    Der Wahn eines alten Mannes ist nicht mehr nur skurril. Er ist gefährlich.

    Von Andreas Brucker