Kategorie: Kommentar

Kommentare unserer Redaktion zu aktuellen Gegebenheiten und wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen.

  • Kommentar: Ein Handschlag, der schmerzt

    Kommentar: Ein Handschlag, der schmerzt

    Es gibt Momente in der Politik, die sich anfühlen wie ein Stich ins Herz der Erinnerung. Der Empfang von Ahmed al-Charaa, ehemals bekannt als Abu Mohammed al-Jolani, durch Emmanuel Macron im Élysée gehört dazu. Ein Akt von historischer Tragweite – nicht, weil er Hoffnung säte, sondern weil er schmerzhafte Fragen aufreißt.

    Wessen Hände berührt Frankreich da? Und was wird dabei stillschweigend mitgewaschen?

    Al-Charaa führte einst eine Gruppierung an, deren Name für viele Syrerinnen und Syrer gleichbedeutend ist mit Angst, Gewalt und Vertreibung. Hayat Tahrir al-Sham – HTS – wurde weltweit als terroristische Organisation eingestuft. Ihr Vorgehen in Städten wie Aleppo hat Spuren hinterlassen, tiefe Wunden, die sich nicht mit einem diplomatischen Lächeln schließen lassen.

    Natürlich: Die Welt der Diplomatie kennt keine makellosen Partner. Jeder Staatsbesuch, jedes Treffen auf Augenhöhe ist durchzogen von Grautönen. Doch es gibt einen Unterschied zwischen Pragmatismus und Prinzipienverrat.

    Macrons Entscheidung wirkt wie ein diplomatischer Drahtseilakt – aber ohne Netz.

    Die Idee dahinter ist wohl, sich in einem Syrien nach dem Krieg neu zu positionieren, Einfluss zu sichern, Stabilität mitzugestalten. Doch um welchen Preis? Frankreich hat sich in der Vergangenheit gern als Hüterin der Menschenrechte inszeniert. Dieser Empfang lässt diese Haltung wie eine wohlklingende, aber längst verstaubte Floskel erscheinen.

    Ein Land, das stolz auf seine Werte ist, darf diese nicht aus politischem Kalkül über Bord werfen – sonst verliert es seine Glaubwürdigkeit.

    Stellen wir uns vor, wie sich die Jesiden fühlen, die Christen, die gemäßigten Muslime, deren Angehörige durch HTS unterdrückt, verfolgt, getötet wurden. Was bedeutet es für sie, wenn der Mann, der all das mitverantwortet hat, nun in Paris Champagner trinkt?

    Das ist kein diplomatischer Neuanfang – das ist ein Faustschlag für die Opfer.

    Ja, vielleicht hat sich al-Charaa gewandelt. Vielleicht verfolgt er nun andere Ziele. Vielleicht ist er tatsächlich ein Baustein für ein neues Syrien. Aber sollte so jemand nicht erst Rechenschaft ablegen, bevor er auf roten Teppichen empfangen wird?

    Vergebung setzt Erinnerung voraus – und Gerechtigkeit.

    Wird diese Vergangenheit wirklich aufgearbeitet? Oder verdrängt man sie einfach, weil sie unbequem ist? Die französische Politik täte gut daran, sich diesen Fragen ehrlich zu stellen. Sonst läuft sie Gefahr, ihre moralische Integrität dem kurzfristigen geopolitischen Vorteil zu opfern.

    Der Besuch von al-Charaa mag eine neue Ära einläuten – aber was für eine? Eine, in der internationale Anerkennung nicht mehr an Taten, sondern nur noch an Macht geknüpft ist?

    Macron selbst sprach einst davon, dass Frankreich „eine Stimme für die Stimmlosen“ sein wolle. Dieser Handschlag – mit einem Mann, der für viele der Inbegriff der Gewalt ist – spricht eine andere Sprache.

    Vielleicht ist genau das das Bitterste an dieser ganzen Geschichte: dass Politik manchmal so tut, als würde sie Brücken bauen, dabei aber Gräben vertieft.

    Von Catherine H.

  • Jetzt sind Sie dran, Herr Merz

    Jetzt sind Sie dran, Herr Merz

    Herr Merz, heute ist Ihr Tag. Sie stehen auf dem Höhepunkt einer politischen Karriere, die viele bereits für beendet hielten. Sie haben es geschafft: Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Zehnter in der Geschichte, aber der erste Ihrer Art. Kein Kanzler der Mitte, kein Verwaltungsprofi im Schatten der Großen. Sie sind gekommen, um zu führen – das haben Sie versprochen. Jetzt müssen Sie liefern.

    Ihr Wahlsieg fällt in eine Zeit, in der Europa taumelt. In Paris sitzt ein Präsident, der sich seit Jahren die Zunge fusselig redet, weil er auf ein deutsches „Ja“ wartet: zu einer gemeinsamen Verteidigung, zu einem industriellen Aufbruch, zu einer echten europäischen Souveränität. Emmanuel Macron ist kein einfacher Partner. Aber er ist ein überzeugter Europäer – und er sehnt sich nach einem Gegenüber in Berlin, das nicht nur verwaltet, sondern gestaltet. Bisher hat er vergeblich gewartet.

    Jetzt sind Sie dran, Herr Merz.

    Sie haben gesagt, Europa sei bedroht. Das stimmt. Von außen durch einen Krieg, der nicht enden will. Von innen durch Populisten, die Mauern bauen wollen, wo Brücken gebraucht würden. Und von den Demokratien selbst, wenn sie in Technokratie erstarren und das Vertrauen ihrer Bürger verlieren. Deutschland war lange das ruhende Zentrum Europas. Vielleicht zu lange. Die Welt ist nicht mehr ruhig.

    Frankreich will ein starkes Deutschland – aber nicht ein dominantes. Es will ein Partner sein, kein Bittsteller. Paris wird Ihnen mit Wohlwollen begegnen, aber nicht mit Unterwürfigkeit. Die Vorschläge liegen auf dem Tisch: ein gemeinsames Rüstungsprojekt, ein europäischer Energieplan, eine Reform der EU-Finanzarchitektur. All das braucht deutsches Engagement, keine deutsche Bedenkenträgerei.

    Jetzt sind Sie dran, Herr Merz.

    Sie kommen aus dem Sauerland, aus der Provinz. Und doch sind Sie ein global denkender Mensch. Sie verstehen die Märkte, Sie kennen die Sprache der Wirtschaft – aber auch die der Verantwortung. Deutschland darf nicht länger nur Exportweltmeister sein. Es muss Demokratieweltmeister werden. In einer Zeit, in der Trump wieder ins Weiße Haus zurückgekehrt ist, in der Putin weiter Krieg führt und Peking den Westen testet, kann sich Europa keine deutsche Funkstille mehr leisten.

    Sie haben gesagt, Sie wollen den „Kanzler der Tat“ geben. Gut. Aber Taten brauchen Richtung. Haltung. Und Mut. Das verlangt Paris. Das verlangt Warschau. Und das verlangt vor allem das eigene Land, das müde geworden ist von lähmender Koalitionsarithmetik und einem „Weiter so“ im Krisenmodus.

    Heute haben Sie den Schlüssel zum Kanzleramt erhalten. Jetzt ist es an der Zeit, die Tür zu öffnen – nicht nur zur Macht, sondern zur Zukunft Europas.

    Frankreich schaut auf Sie.

    Europa zählt auf Sie.

    Jetzt sind Sie dran, Herr Merz.

    Von Andreas Brucker

  • Kommentar: Montagswut mit Ansage – Wenn ein Präsident zum Drehbuchautor einer Dystopie wird

    Kommentar: Montagswut mit Ansage – Wenn ein Präsident zum Drehbuchautor einer Dystopie wird

    Manche Montage beginnen mit einem Kaffee und einer vollen Inbox. Dieser hier kam mit Alcatraz, Hollywood-Zöllen und einem diplomatischen Affront gegen Deutschland daher. Man fragt sich: Ist das noch Realität – oder schon ein bizarr schlecht geschriebenes Netflix-Drehbuch?

    Donald Trump, der Mann, der Twitter einst in ein Regierungsinstrument verwandelte, holt nun das große Besteck raus. Alcatraz, die legendäre Gefängnisinsel, soll wieder öffnen. Als Symbol für „Law and Order“, als Mahnmal für Härte. Währenddessen erklärt er den globalen Filmmarkt zum Feindbild Nummer eins – und verdoppelt mal eben die Zölle auf alles, was nicht unter der Sonne Kaliforniens gedreht wurde.

    Und als wäre das nicht genug, schießt seine Regierung gegen Deutschland – weil der Verfassungsschutz die AfD klar und deutlich als rechtsextremistisch einstuft. Eine Einmischung in innere Angelegenheiten? Ach was. Für Trump zählt nur die Schlagzeile – und dass sie laut genug ist, um vom Rest der Welt gehört zu werden.

    Was läuft da gerade schief?

    Der Mann, der gerne sogar Papst werden würde, betreibt eine Politik der Symbole. Aber es sind nicht die Symbole einer Zukunft, sondern die Gespenster der Vergangenheit. Ein Hochsicherheitsgefängnis als politisches Signal – in welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Zölle gegen Kultur – ausgerechnet gegen Film, gegen Kreativität, gegen die Stimmen der Welt, die uns zum Lachen, Nachdenken, Weinen bringen?

    Und dann das: Eine Rüge für Deutschland, das sich – endlich – klar gegen rechtsextreme Ideologien positioniert. Als ob die Demokratie in Berlin jemanden um Erlaubnis fragen müsste, wenn es um ihren Selbstschutz geht.

    Montagmorgen also. Der Kopf raucht, das Herz auch. Zwischen den Zeilen dieser Nachrichten liegt ein gefährlicher Subtext: Isolation, Einschüchterung, Rückschritt.

    Die USA, lange Zeit Leuchtturm der Demokratie, taumeln unter Trump in eine gefährliche Richtung. Es ist, als würde jemand die Kulissen eines düsteren Politthrillers aufstellen – und alle zusehen.

    Was bleibt, ist das Gefühl, dass dieser Montag viel mehr war als ein Start in die Woche. Er war eine Warnung. An uns alle.

    Ein Kommentar von Andreas M. Brucker

  • Kommentar: AfD – Ein Albtraum aus der alten Heimat

    Kommentar: AfD – Ein Albtraum aus der alten Heimat

    Ich lebe seit vielen Jahren in Frankreich. Und wenn ich ehrlich bin: Noch nie war ich so froh darüber wie in diesen Tagen.

    In Deutschland hat das Bundesamt für Verfassungsschutz die AfD nun ganz offiziell als rechtsextreme Bewegung eingestuft. Kein Verdacht mehr, kein Herumlavieren – eine klare Ansage. Und als jemand, der sein Herz immer noch halb in Deutschland trägt, macht mich das gleichermaßen wütend und traurig. Denn es bedeutet, dass das, was viele von uns schon lange gespürt haben, jetzt schwarz auf weiß bestätigt wurde: Diese Partei steht nicht mehr nur „am Rand“. Sie ist längst darüber hinaus.

    In Frankreich beobachtet man das mit hochgezogenen Augenbrauen – und ein bisschen hämischem Unterton. Schließlich hat man hier mit dem Rassemblement National selbst genug zu tun. Doch während Marine Le Pen ihren Laden auf bürgerlich trimmt und sich vom ganz offenen Extremismus zumindest rhetorisch distanziert, kokettiert die AfD mit völkischen Parolen, Verschwörungstheorien und der Verachtung für demokratische Institutionen. Der Unterschied? In Deutschland geht es oft nicht nur um Symbolik. Da wird’s ernst.

    Natürlich, ich habe noch Familie und Freunde in Deutschland. Und viele von ihnen sind tief verunsichert. Nicht, weil sie der AfD zustimmen würden – im Gegenteil. Sondern weil sie sich fragen, wie es so weit kommen konnte. Wie ein Land, das aus seiner Geschichte gelernt haben sollte, sehenden Auges in die nächste Katastrophe steuert. Haben wir zu lange weggeschaut? Zu viel hingenommen? Zu oft gesagt: „Ach, das wird schon nicht so schlimm“?

    Ganz ehrlich – genau das ist der Punkt.

    Diese Gleichgültigkeit hat uns dahin gebracht, wo wir heute stehen. Und nein, es hilft nichts, sich einzureden, dass „die da oben“ alle gleich sind. Diese Haltung ist nicht nur bequem – sie ist brandgefährlich. Denn sie verschafft genau jenen Auftrieb, die nicht auf Gleichheit, Freiheit und Menschlichkeit setzen, sondern auf Ausgrenzung, Hass und Rückwärtsgewandtheit.

    In meiner französischen Wahlheimat diskutieren die Menschen viel über Identität, Säkularismus und Migration. Auch hitzig, auch kontrovers – aber es gibt eine Linie, die nicht überschritten wird. Wer offen den Nationalsozialismus verharmlost, wird gesellschaftlich geächtet. Wer Minderheiten pauschal diffamiert, hat keine Bühne. In Deutschland hingegen? Da wird Björn Höcke zur Galionsfigur. Ein Mann, der sich kaum Mühe gibt, seine Ideologie zu verschleiern.

    Und genau da liegt das Problem: Die AfD ist nicht „nur“ eine Protestpartei. Sie ist längst ein politisches Projekt mit autoritären Zielen. Sie will nicht reformieren – sie will abschaffen. Und wer glaubt, das beträfe nur „die anderen“, irrt gewaltig. Wenn einmal der Damm bricht, gibt es kein sicheres Ufer mehr.

    Klar, ich bin nicht ausgewandert, weil ich vor der AfD geflohen bin. Aber ich merke, wie sich mein Blick auf Deutschland verändert hat. Früher war da Stolz – auf ein Land, das aus Trümmern eine Demokratie gebaut hat. Heute ist da Sorge – um Freunde, um Familie, um die Gesellschaft, um das, was wir vielleicht gerade verlieren.

    Und manchmal, wenn ich in einer kleinen französischen Bar sitze, bei einem Glas Rotwein, denke ich: Wie konnte es so weit kommen? Wie haben wir so viel Vertrauen verspielt?

    Vielleicht ist jetzt der Punkt gekommen, an dem wir nicht mehr schweigen dürfen. Nicht mehr abwinken. Nicht mehr denken: „Die meinen doch nicht mich.“ Doch, sie meinen uns alle.

    Und wenn wir unsere Stimme nicht erheben, dann werden andere sie für uns erheben – und das wird dann richtig hässlich.

    Von C. Hatty

  • Kommentar: 50 Milliarden für den lieben Frieden? Nein, danke.

    Kommentar: 50 Milliarden für den lieben Frieden? Nein, danke.

    Manchmal ist Diplomatie wie ein schlechter Kompromiss: Beide Seiten verlieren – aber einer zahlt mehr. Und in diesem Fall sind es wir.

    50 Milliarden Euro. So viel will die EU zusätzlich für amerikanische Produkte ausgeben – Soja, Flüssiggas, vielleicht auch noch ein paar Pickups? Nicht etwa, weil wir diese Dinge so dringend bräuchten. Sondern um Donald Trump bei Laune zu halten. Um neue Strafzölle zu vermeiden. Um, wie es heißt, ein „Handelsdefizit auszugleichen“.

    Ganz ehrlich: Das klingt nicht nach souveräner Handelspolitik. Das klingt nach Erpressung – und wir ducken uns weg.

    Ausgleich statt Augenhöhe?

    Natürlich ist es verlockend, einem möglichen transatlantischen Handelskrieg vorzubeugen. Wer erinnert sich nicht an die Zollschlachten früherer Trump-Jahre? Doch was sagt es über uns als europäische Gemeinschaft aus, wenn wir uns mit Scheckbuch und Einkaufszettel aus der Affäre ziehen wollen?

    Statt selbstbewusst zu verhandeln, bieten wir an, das Problem mit Konsum zu lösen. „Okay, Donald, wir kaufen dir das Defizit einfach ab.“ Als wäre Politik ein Supermarkt und keine Bühne für Werte, Interessen und gegenseitigen Respekt.

    Und unsere Werte?

    Wir wollen grüne Transformation, Energiesouveränität, faire Agrarpolitik. Aber jetzt sollen wir Milliarden in amerikanisches Fracking-Gas pumpen – während wir uns zu Hause über den CO₂-Ausstoß die Köpfe heißreden? Und Soja aus Monokultur statt regionale Landwirtschaft fördern? Wie passt das bitte zusammen?

    Es ist diese schizophrene Handelspolitik, die viele Bürger von Europa entfremdet. Nach außen große Ziele – intern Reaktion statt Vision.

    Eine Partnerschaft auf Augenhöhe sieht anders aus

    Trump wird diesen Schritt nicht als Geste der Freundschaft sehen. Sondern als Bestätigung seines Weltbilds: Wer am lautesten brüllt, kriegt das größte Stück vom Kuchen. Wir liefern ihm ein Narrativ frei Haus – und verlieren dabei ein Stück unserer Glaubwürdigkeit.

    Statt 50 Milliarden für Beruhigungspillen auszugeben, sollte Europa Stärke zeigen. Nicht im Konfrontationsmodus – aber mit Rückgrat, klaren Regeln und langfristiger Strategie.

    Denn eines ist sicher: Wer sich einmal kaufen lässt, steht beim nächsten Mal wieder auf der Preisliste.

    Von C. Hatty

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  • 1. Mai: Wenn soziale Gerechtigkeit mit dem Klima kippt

    1. Mai: Wenn soziale Gerechtigkeit mit dem Klima kippt

    Ich stehe jedes Jahr am 1. Mai zwischen all den Transparenten, den kämpferischen Stimmen, den Slogans auf Schildern – und frage mich: Was ist mit der Gerechtigkeit im Klimawandel?

    Gibt’s dafür auch ein Banner?

    Denn während wir für faire Löhne, sichere Arbeitsplätze und menschenwürdige Bedingungen kämpfen, rast die Klimakrise wie ein ungebremster Zug auf diejenigen zu, die sich am wenigsten dagegen wehren können. Wer ohnehin schon wenig hat, zahlt den höchsten Preis – mit der Gesundheit, dem Zuhause, dem letzten Ersparten.

    In meiner Nachbarschaft leben viele Menschen, die keine Klimaanlage haben, kein schattiges Eigenheim im Grünen, kein Geld für neue Fenster oder eine Wärmepumpe. Sie leben dicht gedrängt in aufgeheizten Wohnungen, atmen stickige Luft und sind doppelt betroffen – ökonomisch und ökologisch.

    Und dann sehe ich da draußen die Debatte: Klimaschutz als Luxusproblem, als „Verzichtsideologie“. Ich könnte schreien.

    Denn wer hat denn bitteschön verzichtet, als Konzerne jahrzehntelang Öl verbrannt, Wälder plattgemacht und Wasser vergiftet haben? Ganz sicher nicht die, die heute ihre Stromrechnung kaum noch stemmen können.

    Soziale Gerechtigkeit im Klimawandel – das ist kein nice-to-have. Das ist das Rückgrat jeder Lösung, die ihren Namen verdient. Wenn wir die Klimakrise nicht auch als soziale Krise begreifen, verlieren wir beides: den Planeten und den sozialen Frieden.

    Ich will einen 1. Mai, an dem Klimagerechtigkeit auf der Hauptbühne steht.

    Ich will Gewerkschaften, die sagen: „Energiewende ja – aber gerecht!“

    Ich will Politiker:innen, die sich trauen, Superreiche zu besteuern und mit den Einnahmen Busse, Bahn und billigen Strom für alle zu finanzieren.

    Und ich will, dass jemand fragt: Warum sind die, die am wenigsten verbrauchen, am stärksten betroffen?

    Wir reden so oft vom „Umbau der Gesellschaft“. Aber wohin führt das eigentlich, wenn am Ende wieder die gleichen ganz oben sitzen und die gleichen ganz unten schuften – nur diesmal bei 45 Grad im Schatten?

    Lasst uns diesen 1. Mai zum Wendepunkt machen.

    Nicht irgendwann. Jetzt.

    Von Andreas M. Brucker

  • Kommentar: Tanz der Klänge – Zwischen Walpurgisnacht und Welttag des Jazz

    Kommentar: Tanz der Klänge – Zwischen Walpurgisnacht und Welttag des Jazz

    Was für ein Tag! Heute verschmelzen zwei Welten, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten – und doch auf wundersame Weise zusammenpassen: der Tag des Jazz und die Walpurgisnacht. Der eine feiert die Freiheit des musikalischen Ausdrucks, die Improvisation, das Aufbrechen starrer Strukturen. Die andere – tief verwurzelt in Mythen, Feuer und uralten Ritualen – steht für Wandlung, für das Loslassen, für den Aufbruch in die lichteren Tage.

    Und irgendwie passt beides gerade ziemlich gut.

    Ich sitze hier, die Dämmerung fällt langsam über die Dächer, während aus einem geöffneten Fenster in der Nachbarschaft ein Saxofon leise durch die Luft tastet. Eine Melodie, halb melancholisch, halb rebellisch – wie ein Gruß an die Nacht. Vielleicht probt da jemand für ein Konzert, vielleicht ist es aber auch einfach nur Seele, die sich ausdrückt.

    Denn genau darum geht’s beim Jazz, oder? Um Gefühl, um spontane Begegnungen, um diesen einen Moment, der nie wieder genauso sein wird. Und wie oft vermissen wir genau das im Alltag – dieses Echte, Unvorhersehbare, das uns rausreißt aus der Routine.

    Gleichzeitig ist da draußen irgendwo ein Hügel, eine Lichtung oder ein Garten, wo heute Menschen ein Feuer entzünden. Manche vielleicht ganz traditionell, mit Tanz und Geschichten. Andere eher still, vielleicht mit einem Glas Wein in der Hand und Gedanken, die sich im Schein der Flammen verlieren. Auch das ist Jazz – nur ohne Noten. Eine Improvisation der Sinne.

    Vielleicht sollten wir öfter solche Abende feiern – an denen wir uns erlauben, einfach zu sein. Ohne Ziel. Ohne Plan. Mit Musik im Herzen und ein bisschen Magie im Blick.

    Ich wünsche dir – ganz gleich, ob du heute auf einem Besen fliegst oder auf einem Bass-Solo schwebst – eine Nacht voller Rhythmus, Wärme und leiser Wunder.

    Ein Kommentar von M.A.B.

  • Kommentar: Der Tag, an dem das Licht ausging

    Kommentar: Der Tag, an dem das Licht ausging

    Portugal und Spanien waren gestern Nacht dunkel. Nicht poetisch, nicht romantisch – sondern erschütternd real. Millionen saßen im Nichts. Kein Strom, keine Kommunikation, kein Schutz. Eine Ahnung davon, wie verletzlich unsere Gesellschaft wirklich ist, lag schwer in der Luft.

    Und Frankreich? Ist noch einmal davongekommen. Diesmal.

    Doch wer jetzt noch glaubt, das sei ein fremdes Problem, verkennt die Zeichen. Unsere hochkomplexen Stromnetze sind ein fragiles Wunderwerk. Ihre Verletzlichkeit – ein offenes Geheimnis.

    Ein Brand, ein Cyberangriff, ein technischer Defekt – und unsere moderne Welt steht still. Wir haben in den letzten 24 Stunden gesehen, wie schnell der Alltag kippt, wenn der Strom versiegt. Supermärkte schließen, Züge stehen still, Krankenhäuser geraten unter Druck – und aus Unsicherheit wird Angst.


    Die größte Gefahr? Unser Verdrängen.

    Wir klammern uns an die Illusion der Unbesiegbarkeit. Reden von Digitalisierung und Elektromobilität, als gäbe es kein Risiko. Wir verlassen uns auf Netze, ohne sie abzusichern. Wir feiern Komfort – und ignorieren die Abhängigkeit, die dahinter lauert.

    Dabei wäre es höchste Zeit, über Dezentralisierung zu sprechen. Über Vorsorge, Notfallpläne, Eigenverantwortung. Über echte Resilienz – nicht bloß schöne Worte auf Wahlplakaten.


    Licht scheint nicht ewig.

    Gestern waren es Portugal und Spanien. Heute könnten wir es sein.

    Wer jetzt nicht handelt, wer nicht investiert, vorbereitet, absichert, wird das Morgen vielleicht im Dunkeln erleben.

    Und dann – dann wird kein Schalter mehr helfen.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Kommentar: Rechtspopulismus und Islamophobie in Frankreich – Wie viel Spaltung hält ein Land aus?

    Kommentar: Rechtspopulismus und Islamophobie in Frankreich – Wie viel Spaltung hält ein Land aus?

    Manchmal frage ich mich: Wann ist der Punkt erreicht, an dem wir kollektiv merken, dass der Kurs, den ein Land einschlägt, in die Irre führt? Frankreich, das Land der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – und doch wird dort Tag für Tag das Gegenteil praktiziert. Besonders dann, wenn es um Muslime geht.

    Denn seien wir ehrlich: Die Allianz zwischen Rechtspopulismus und Islamophobie ist kein Zufall. Sie ist das kalkulierte Produkt politischer Strategie – eine Mischung aus Angst, Ressentiment und Machtgier. Das Erfolgsrezept? „Die da“ für alles verantwortlich machen, was im eigenen Land schiefläuft.

    Klar, Frankreich hat Probleme: soziale Ungleichheit, wirtschaftliche Herausforderungen, ein angeschlagenes Vertrauen in die Politik. Aber anstatt Lösungen zu suchen, schieben Rechtspopulisten wie der Rassemblement National (RN) die Verantwortung auf eine Minderheit, die ohnehin schon am Rand steht. Und sie tun es geschickt – sie verpacken alte Ängste in neue Worte, modernisieren den Rassismus und geben ihm den Anstrich von „Sicherheit“ und „Tradition“.

    Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 29 Prozent mehr antimuslimische Übergriffe in nur einem Jahr – fast jeder zweite Franzose glaubt, dass Kinder von Einwanderern „nicht wirklich französisch“ sind. Das ist nicht nur eine Statistik, das ist ein Alarmsignal. Eine Gesellschaft, die Minderheiten systematisch ausgrenzt, verliert am Ende sich selbst.

    Aber Frankreich ist doch laizistisch, heißt es dann oft. Der Staat sei neutral gegenüber Religionen. Wirklich? Wenn das Tragen religiöser Kleidung verboten wird – gezielt bei Musliminnen, wohlgemerkt –, ist das keine Neutralität. Das ist ein Angriff auf religiöse Freiheit. Man kann das nicht schönreden.

    Und die Medien? Die leisten fleißig Schützenhilfe. Begriffe wie „Islamo-Gauchisme“ – eine angebliche Verbindung von Linken und Islamisten – sind so perfide wie effektiv. Sie stigmatisieren und delegitimieren – sie schüren das Gefühl, dass es da ein „Wir“ und ein „Die“ gibt. Das ist brandgefährlich. Es untergräbt nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt, es treibt ihn mutwillig auseinander.

    Die rechte Rhetorik bedient sich der Islamophobie als Motor. Sie nutzt sie, um Wähler zu mobilisieren, Ängste zu instrumentalisieren und politische Macht zu sichern. Dabei geht es nie wirklich um den Islam – es geht um Kontrolle, um das Feindbild, das den Blick von den wahren Problemen ablenkt. Denn es ist immer leichter, mit dem Finger auf andere zu zeigen, als sich den eigenen Schwächen zu stellen.

    Was bleibt also? Ein vergiftetes Klima, das misstrauisch macht, das Nachbarn zu Fremden werden lässt. Und mittendrin sitzen jene, die längst nicht mehr die Kraft haben, dagegen anzukämpfen – die Muslime Frankreichs, die seit Jahren den Preis für diesen Kulturkampf zahlen.

    Doch was wäre, wenn wir mal den Mut hätten, diesen Kreislauf zu durchbrechen? Wenn wir nicht auf die Lautesten hören, sondern auf die, die versuchen Brücken zu bauen? Frankreich könnte so viel sein – ein Leuchtturm der Vielfalt, ein Beispiel für gelebte Demokratie.

    Aber dafür müssten wir aufhören, uns von Angst und Populismus leiten zu lassen.

    Wie viel Spaltung hält ein Land aus? Vielleicht sollten wir das fragen, bevor es zu spät ist.

    Ein Kommentar von C. Hatty

  • Kommentar: Hände weg vom 1. Mai!

    Kommentar: Hände weg vom 1. Mai!

    Es gibt Dinge, die sind einfach heilig. Und nein, ich meine damit nicht nur Kirchen oder Kathedralen – ich meine diesen einen Tag im Jahr, an dem das Arbeiten Pause hat. Den 1. Mai. Den Tag der Arbeit, an dem die Maschinen schweigen und die Straßen den Menschen gehören. Ein Tag, der nicht einfach so da ist, sondern hart erkämpft wurde – von Generationen, die für faire Arbeitszeiten und bessere Bedingungen aufgestanden sind. Und jetzt? Jetzt soll dieser Tag scheibchenweise geopfert werden. Für ein Baguette. Für einen Blumenstrauß. Ernsthaft?

    Ich liebe das frische Brot vom Bäcker – und meine Mutter freut sich über einen bunten Strauß zum Feiertag. Aber um welchen Preis? Der Vorschlag, Bäckereien und Blumenläden am 1. Mai öffnen zu lassen, ist kein Akt der Fürsorge für den Alltag der Menschen. Es ist ein stiller Angriff auf das, was der 1. Mai bedeutet: Ein Tag, der allen gehört. Ein Tag, der den Wert der Arbeit anerkennt, indem man sie aussetzt.

    Und ja, ich höre schon die Stimmen: „Es geht doch nur um ein paar Stunden, um ein paar Branchen, um Freiwilligkeit.“ Aber so fängt es immer an, oder? Ein kleiner Kompromiss hier, ein bisschen Flexibilität da – und ehe man sich versieht, steht der nächste Vorstoß ins Haus. „Nur Bäcker und Floristen“ – heute. Morgen dann vielleicht Supermärkte, übermorgen Restaurants. Wo ist die Grenze?

    Was passiert mit den Menschen hinter den Tresen, die vielleicht nein sagen wollen, aber es nicht können? Die, die still zustimmen, weil der Druck da ist, weil das „Freiwillige“ eben doch nicht immer freiwillig ist. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass Wahlfreiheit dort existiert, wo wirtschaftlicher Zwang herrscht.

    Der 1. Mai ist ein Versprechen. Ein Versprechen, dass Arbeit nicht alles ist. Dass es Zeiten gibt, die frei bleiben – für uns, für die Familien, für die Gemeinschaft. Dieser Tag gehört den Menschen, nicht dem Profit.

    Sicher, die Welt ändert sich. Aber nicht jede Veränderung ist ein Fortschritt. Es gibt Werte, die sind nicht verhandelbar. Der 1. Mai ist einer davon.

    Wer also ein Baguette braucht – warum nicht am 30. April kaufen und einfrieren? Blumen halten auch mal einen Tag länger im Wasser. Ein bisschen Planung ist doch machbar, oder?

    Vielleicht sollten wir uns an diesem 1. Mai einfach mal fragen: Ist es das wert?

    Von C. Hatty